Kapitel 31

Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so unbegründet gewesen

zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr

großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe für

den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs so

siegreichen Waffen Ulrichs viele bewogen, die Huldigung, die sie

gezwungenerweise dem Bund getan, zu vergessen und sich für

Württemberg zu erklären.

Aber die neue Huldigung, die alle früheren Verträge umstieß, das

Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen

worden sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog keine Popularität

gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald

fühlbar wird. Noch beharrten Urach, Göppingen und Tübingen auf ihren,

dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten

Obervögte zwangen sie mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich

Späth, des Herzogs bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so

viel Mannschaft auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaum hielt,

sondern auch Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog wieder

zugefallen waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände seien

schnell von Nördlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt, um

frische Heere aufzubieten und Ulrich zum zweitenmal auf Leben und Tod

zu bekämpfen.

Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser

Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen mit

Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen und abgehen,

aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man

fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung sein, denn wenn

er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen

Jungfrauen grüßte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und

lachte, da sagten sie:

"Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem armen Konrad." Er hatte

seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet. Zwar war er nicht mehr

wie früher der Sammelplatz der bayerischen, schwäbischen und

fränkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Fürstin, die sonst

einen schönen Kranz blühender Fräulein um sich versammelt hatte, aber

dennoch fehlte es nicht an schönen Frauen und schmucken Edlen, seinen

Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals

der Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten Reihen an den Sälen

und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen Versammlung,

sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes glichen.

Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden.

Fest drängte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig nachholen zu

wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt hatte. Keines

dieser geringsten Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit

der Erbin von Lichtenstein.

Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können, sein Wort

zu halten. Nicht, daß er die Wahl seiner Tochter mißbilligt hätte,

denn er liebte seinen Eidam väterlich; er sah in ihm seine eigene

Jugend wieder aufblühen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung

mit dem Herzog hoch an. Aber wie der Horizont von Ulrichs Glück, so

war auch die Stirn des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte,

daß es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte

es ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von

seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem

Kanzler abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag

der Freude immer hinausgeschoben; aber die schönen Augen seiner

Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte,

Georgs Bitten nötigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der

Herzog ließ es sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er

mochte sich jener Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde wurde, ihm

seine Anhänglichkeit zu bezeigen, wo die zarte Tochter keinen Sturm,

keine Kälte scheute, um ihn am Burgtor zu empfangen und ihn mit

warmen Speisen zu laben. Er mochte sich noch aus der jüngsten

Vergangenheit der Opfer erinnern, die ihm der Bräutigam gebracht

hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er Treue, Aufopferung und

Liebe, die sich ihm so selten bewährt hatten, zu vergelten wisse.

Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gäste im

Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes Haus nächst

der Kollegiatkirche mit neuem Hausgerät versehen und übergab am

Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von Lichtenstein mit

dem Wunsch, sie möchte es, so oft sie in Stuttgart sei, bewohnen.

Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in

ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte.

Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe

zurück; er wunderte sich, wie alles so anders gekommen war, als er

sich gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch

nach der Heimat zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz

zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete.

Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er

mußte aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein

gütiges Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit

einem düstren Schleier verhüllt, und keine Aussicht, keine Hoffnung

mehr war, nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskusse auch

ihm mitzuteilen wußte.

"Er hat uns nicht belogen, dieser Glaube", sprach der junge Mann, von

der Erinnerung bewegt, zu sich, "es lebt eine heilige, ahnungsvolle

Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem

meinigen die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in

die Zukunft und verkündete Glück, es wird sie auch jetzt nicht

täuschen, wenn es ein süßes, ungestörtes Glück in unserer Verbindung

liest."

Ein bescheidenes Pochen an der Tür unterbrach die lange Gedankenreihe,

die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft

hinausziehen wollte. Es war Dietrich von Kraft, der stattlich

geschmückt zu ihm eintrat.

"Wie?" rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm und schlug vor

Verwunderung die Hände zusammen "Wie? In diesem Wams wollt Ihr Euch

doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die

Gänge und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von

Samt und Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schaut

ruhig zum Fenster hinaus, statt Euern Anzug zu besorgen?"

"Dort liegt der ganze Staat", erwiderte Georg lächelnd. "Barett und

Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott

weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieses Flitterwerk

an mich hängen solle. Dies Wams ist mir lieber als jedes schöne neue.

Ich habe es in schweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen."

"Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen,

und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Berta in diesem blauen

Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig wurde. Aber

Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Hätte ich

nur mein lebenlang solche Flitter. Ha, das weiße Gewand, mit Gold

gestickt, und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schöneres

sehen? Wahrlich, Ihr habt mit Umsicht ausgewählt, das mag trefflich

stehen zu Euren braunen Haaren."

"Der Herzog hat mir es zugeschickt", antwortete Georg, indem er sich

ankleidete, "mir wäre alles zu kostbar gewesen."

"Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich

einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zu

viel getan hat. An einem solchen Hof ist es doch was anderes als in

den Städten. Und Herzog von Württemberg klingt auch schöner als

Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht' ich nicht in seiner Haut

stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit

ihm."

"Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr Euch noch, wie

Ihr damals in Ulm so groß tatet mit Eurer Politika und wie Ihr

regieren wolltet in Württemberg? Wie ist es denn jetzt?"

"Ist nicht alles eingetroffen?" erwiderte der Ratsschreiber mit

weiser Miene. "Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, die

Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir für uns gewinnen,

und die Burgen werden wir einnehmen."

"Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen", lachte Georg, "seid ja in

einer Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch,

der Herzog werde nie zurückkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und

ruhig hier."

"Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch

wünschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts genützt, die

großen Herren nehmen alles für sich, an unser einen kam nichts als

etwa die Ehre, für den Bund geköpft zu werden; aber--glaubt mir, es

sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Räte

haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben und

geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen, bei Ulm steht schon

wieder ein neues Heer."

"Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog sich mit

Bayern versöhnen wird."

"Ja will, aber nicht versöhnen wird. Das hat noch manchen Haken.

Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer

Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen? Pfui,

das paßt nicht zusammen, lieber Vetter."

Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. "Das

versteht Ihr nicht", sagte er, "wie gut sich dies zum Hochzeitsgewand

schickt. Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei

Nacht auf ihrem Kämmerlein, als ihr die Kunde kam, daß sie bald

scheiden müsse. Sie hat manche Träne hineingewoben, hat das Gewebe

oft an die Lippen gedrückt, drum wurde es mir eine Zau-berbinde und

meinen Augen ein Trost, wenn ich im Unglück auf die Brust

herniedersah. Sie darf nicht fehlen diese Binde; hat sie die Not mit

mir getragen, so sei sie mir ein heiliger Schmuck am Tag des Glücks."

"Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das

Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, sie läuten schon

das Erste drüben in der Kirche. Sputet euch, laßt das Bräutlein

nicht so lange warten!"

Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach

verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger

Wünsche bestürmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn

Dietrich durch die Galerien. Die Tür ging auf und Marie im Glanz

ihrer Schönheit stand umgeben von vielen Frauen und Fräulein, die,

vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie

errötete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend,

als seien seine Züge heute mit einem neuen Glanz übergossen, sie

schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken

begegnete. Was hätte Georg darum gegeben, die Geliebte an sein Herz

ziehen, den Morgengruß der Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen,

aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem Tag durch eine

weite Kluft, was sich sonst schon längst gefunden hatte. Dem

Bräutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berühren, ehe

sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es übel

aufgenommen, wenn sie den Bräutigam gar zu viel und gar zu lange

ansah. Züchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hände

unter der Brust gefaltet, mußte sie stehen--so wollte es die Sitte.

Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die

Majestät ihrer Stirn und jener gebietende, ernste Blick, der auch den

Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht, jene erhabeneren

Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag doch in diesem verschämten

Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu sein, ein

höherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und

dieser geschlossene Mund das Geständnis der Liebe laut und offen

ausgesprochen hätte. So hatte die Natur Marien an diesem Tag einen

neuen

Zauber verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente

seine Braut verwundert betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im

Gefühl, dieses liebliche Kind sein nennen zu dürfen.

Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der

Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der

Damen, und auch er schien sich zu gestehen, daß Marie die schönste

sei. "Sturmfeder!" sagte er, indem er den Glücklichen auf die Seite

führte, "dies ist der Tag, der Dich für vieles belohnt. Gedenkst Du

noch der Nacht, wo Du mich in der Höhle besuchtest und nicht

erkanntest? Damals brachte Hans, der Pfeifer, einen guten

Trinkspruch aus: 'Dem Fräulein von Lichtenstein! Möge sie blühen für

Euch!' Jetzt ist sie Dein, und was nicht minder schön ist, auch Dein

Trinkspruch ist erfüllt; Wir sind wieder eingezogen in die Burg

Unserer Väter."

"Möge Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen, als ich an

Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade

habe ich diesen schönen Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht

der Vater.-"

"Ehre um Ehre, Du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser Land

wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß auch Wir Dir

beigestanden, um sie zu besitzen--Wir stellen heute Deinen Vater vor,

und als solchem wirst Du Uns schon erlauben, nach der Kirche Deine

schöne Frau auf die Stirn zu küssen."

Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von

Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete; unwillkürlich mußte er

lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, mit welcher die

Geliebte den Mann der Höhle damals zurückgewiesen hatte. "Immerhin,

Herr Herzog, auch auf den Mund! Ihr habt es längst verdient durch

Eure großmütige Fürsprache."

"Wer sind Deine Gesellen, die Dich zum Altar geleiten?" fragte der

Herzog.

"Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein."

"Wie, das feine Männlein, das mein Kanzler köpfen lassen wollte? Da

hast Du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des

Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr: doch ich will Dir raten, mehr

rechts zu halten als links, dann kann es Dir nie fehlen auf Erden,

und wärst Du so eifersüchtig wie ein Türke. Sieh, sieh, da kommt ja

der Rechte. Sieh, wie seine breite, kurze Gestalt sich wunderlich

ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan

hat! Den verschossenen grünen Mantel trug er schon Anno elf auf

Unserer Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan."

"Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen", erwiderte der tapfere

Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte,

"auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen. Ihr werdet mich

entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr

eine Lanze mit mir brechen, so--."

"So willst Du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein paar

Rippen einstoßen!" lachte der Herzog, "das heiße ich einen

Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich Dir, Georg,

Dich lieber links zu halten; der Ulmer wird Dir nicht weh tun."

Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten

Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese

schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen;

dann folgte der glänzende Zug der Fräuleins und Edelfrauen, die sich

zu diesem Fest eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und

Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen

Blumenstrauß und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg

von Hewen und Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und

Edelleute schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von

Sturmfeder, Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dietrich

von Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer

würdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war

der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den

wehenden Federn des Baretts weit über seine Gesellen hervor. Die

Leute betrachteten ihn staunend, die Männer lobten laut seine hohe,

männliche Gestalt, seine edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten

leise und priesen seine schönen Züge.

So ging der Zug aus dem Tor des Schlosses nach der Kirche, die nur

durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen

die schönen Mädchen und die redseligen Frauen, sie musterten die

Anzüge der Fräulein, strengten Blicke an, als die schöne Braut

vorbeiging, und waren voll Lobes für den Bräutigam.

Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige runde

Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich

immerwährend zur Belustigung der Städter umher, die nur der Braut und

dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt sich dabei

eifrig mit ihrer Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite schien aber

wenig auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden Zug der

Fräuleins, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende Braut

gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich die Wangen

des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestüm, und das

pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnürt war,

zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, die

hohe Schönheit der jungen Braut schien sie zu überraschen, ein

wehmütiges Lächeln zuckte um ihren kleinen Mund. "Sie ist's!" rief

sie unwillkürlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem

Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr

hin.

"Jo, dia ist's, Bärbele! Dia ist grausig schö!" flüsterte die runde

Frau und neigte sich tief. "Jetzt wellet mer uf da Junker bassa."

Das Mädchen schien dieses Rates nicht erst zu bedürfen, denn sie

blickte schon längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen mußte.

"Er kommt, er kommt", hörte sie ihre Nachbarn flüstern, "der ist's

in dem weißen Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem

Herzog." Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte

dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand,

als er vorüberging, sie zitterte, eine Träne fiel herab auf das rote

Mieder; jetzt war er vorüber, jetzt hob sie das Köpfchen wieder ein

wenig auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken

schien als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.

Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit Ungestüm zu

den Kirchtüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz

zuvor den Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie

ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schönen

geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und

goldgestickten Miedern, mit ihren feinen langen Röcken, an welchen

man nur um den Hals und Busen das Zeug allzusehr gespart zu haben

schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach solcher Pracht und

Herrlichkeit erweckt hatten.

Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind

hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen und weinte.

Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen begegnet sein könne, sie

faßte ihre Hand, zog sie herab von den Augen sie weinte bitterlich.

"Was hoscht denn, Bärbele", fragte sie unmutig, doch nicht ohne

Teilnahme, "was heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang', 's

ist jo a Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum Du

heulscht?"

"I wois et, Muater!" flüsterte sie, indem sie vergeblich ihre Tränen

zu bezwingen suchte. "Es ist mer so weh im Herz drin, i wois et

worum."

"Laß jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst komme mer z'spot in d'Kirch.

Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst sehe mer nix mai!"

Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen nach der Kirche.

Bärbele folgte, sie bedeckte die Augen mit der weißen Schürze, um

nicht den Stadtleuten zum Gespött zu werden; aber die tiefen Seufzer,

die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen

tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken suche. Die Orgel schwieg,

der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtür anlangten. Die

Einsegnung des schönen Paares mußte jeden Augenblick beginnen. Aber

vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen,

welche die Tür füllten, sie wurde, sooft sie sich in einen freien

Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten zurückgestoßen.

"Komm, Muater!" sprach das Mädchen "Mer wellet hoim; mer sent arme

Leut, uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim."

"Was? D'Kircha sind für älle Leut erschaffa; au für d'Arme. Wia,

Ihr Herra, lent es e bisle do nei. Mer sehet jo gar nix."

"Waz!" sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte

ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu. "Waz? Packt

Euch fort, wir lassen niemand durch; wir sind die allergnädigsten

Landsknechte wir, und nach dem Sanktus, hat der Hauptmann befohlen,

darf keine Seele mehr durch."

"Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl darf rein; komm'

Schatzerl! Du konnst's recht gut sehen; schaut's, jetzt steckt ihr

der Probst den Ring on, jetzt legt er ihne die Händ zusommen--gib

mir en Schmazerl, dann darfst seh'n." Der Staberl von Wien streckte

bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mädchen aus, doch diese

schrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwünschte

die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte

und folgte ihrer Tochter.

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