Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog Ulrich vor dem
Rothenbühltor in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zug schnell
das Städtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter
gedrungen. Viel Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die
Nachricht verbreitet, daß der Herzog wieder im Land sei. Jetzt erst
zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn
überall wurde die Freude laut, daß das gehässige Regiment des Bundes
ein Ende habe, daß das angestammte Fürstenhaus sich wieder in seine
alten Rechte einsetze.
Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte
die verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in
der Stadt befand, wußte nicht, wessen er sich vom Herzog zu versehen
hatte. Die Übergabe von Tübingen war noch in zu frischem Gedächtnis,
als daß er ganz unbesorgt gewesen wäre. Aber die Erinnerung an den
glänzenden Hof Ulrichs von Württemberg, an die fröhlichen Tage, die
sie dort verlebt hatten; der Vergleich dieser Zeit mit dem
freudenlosen Leben der Bundesräte mochte sie für den Herzog günstig
stimmen, wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht
gerade herbeizuwünschen. Die Bürgerschaft konnte ihre Freude über
diese Nachrichten kaum verbergen; sie verließen ihre Häuser, traten
haufenweise auf den Straßen zusammen und besprachen sich über die
Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften leise, aber weidlich auf
den Bund, ballten grimmig ihre Fäuste in der Tasche und waren überaus
patriotisch gesinnt. Auch tat ihnen der Gedanke wohl, daß von ihrer
Entscheidung für den einen oder den andern Teil so viel abhänge, weil
man im ganzen Land auf die Stuttgarter sehe. Sie waren zwar weit
entfernt, gegen die bündische Besatzung auf ihre eigene Faust einen
Aufruhr zu unternehmen, aber sie sprachen zueinander: "Gevatter, wart
nur, bis es Nacht wird, da wollen wir den Reichsstädtern zeigen, wo
sie her sind, wir Stuttgarter."
Dem bündischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, entging
diese Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu spät sah er ein, wie
töricht man getan habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die
Bundesstände, die noch zu Nördlingen versammelt waren, und begehrte
Hilfe, aber er selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten
zu können, bis ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar
einige Anstalten zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher
der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er sah,
daß er den Bürgern nicht trauen könne, daß ihm der Adel nicht
beistehe, daß die Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore
hinreiche, entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesräten nach
Eßlingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim, daß sie sogar ihre
Familien zurückließen, und niemand in der Stadt ahnte, daß der
Statthalter und die Räte nicht mehr in den Mauern seien; daher waren
die Anhänger des Bundes noch immer getrosten Mutes und glaubten nicht
an die Gerüchte von der schnellen Annäherung des Herzogs.
Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar
hatten sich schon zwei große Vorstädte, die Sankt Leonhards- und die
Turnieracker-Vorstadt, um sie gelagert, welche mit Graben, Mauern und
starken Toren versehen, das Ansehen eigener Städte bekommen hatten.
Aber noch standen die Ring-mauern und Tore der Altstadt, und ihre
Bürger sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstädter. Der
Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen
Gelegenheit die Bürger sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend
vor Mariä Himmelfahrt strömten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo
der Bürger noch mit der Wehr an der Seite auftreten durfte, hatte
sein öffentlich gesprochenes Wort auch mehr zu bedeuten als in
späteren Tagen, wo Tinte, Feder und Papier die Oberhand gewannen.
Und wahrlich, die Bürger von Stuttgart waren bei Nacht und in Waffen
versammelt, ganz andere Leute als morgens. Mancher, der, hätte man
ihn vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete:
"Was geht es mich an, bin ein friedlicher Bürgersmann", erhob jetzt
seine Stimme und schrie: "Wir wollen dem Herzog die Tore öffnen, fort
mit den Bündischen! Wer ist ein guter Württemberger?"
Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin
und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihr in die Lüfte:
Noch schienen sie unschlüssig, vielleicht weil keiner kühn genug war,
sich an die Spitze zu stellen. Aus den hohen Giebelhäusern, die den
Platz einschlossen, schauten viele hundert Köpfe auf den Markt
hernieder.
Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verständlicher;
der Ruf: "Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und die Stadt dem
Herzog auftun", immer deutlicher, da sah man einen langen hageren
Mann auf eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge
überragte. Er focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher,
tat einen weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehör.
Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne
Worte aus seiner Rede:
"Was? Die ehrsamen Bürger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen--
habt Ihr nicht dem Bund geschworen. Wem wollt Ihr die Tore öffnen?
Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja
kein Geld, um Leute zu bezahlen, und da müßt dann Ihr wieder den
Beutel auftun und blechen! Da wird's heißen, Stuttgart zahlt
zehntausend Gulden, weil es von Uns abgefallen ist. Hört Ihr?
Zehntausend Gulden sollt Ihr zahlen!"
"Wer ist denn der lange Kerl?" fragten sich die Männer.--"Er hat
nicht unrecht--werden tüchtig zahlen müssen--Ist er ein Bürger, der
da oben? Wer seid Ihr", rief einer der Kühnsten. "Woher wollt Ihr
wissen, was wir zahlen müssen?"
"Ich bin der berühmte Doktor Calmus", sprach der Redner mit
feierlicher Stimme, "und weiß das ganz genau; und wen wollt Ihr
vertreiben? Den Kaiser, das Reich, den Bund? So viele reiche Herren
wollt Ihr vor den Kopf stoßen? Und warum? Wegen dem Utz, der Euch
das Fell über die Ohren zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an
die harten Jagdfrevel. Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein
Lump, hat alles verspielt in Mömpelgard--"
"Halt Er sein Maul!" schrien die Bürger. "Was geht das Ihn an? Er
ist kein hiesiger Bürger; fort mit dem Kahlmäuser--schlagt ihn tot--
werft ihn als Fisch in den Brunnen--der Herzog soll leben!"
Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme; aber die Bürger
überschrien ihn.
In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus der obern Stadt
herabgerannt. "Der Herzog ist vor dem Rothenbühltor", riefen sie,
"mit Reitern und Fußvolk. Wo ist der Stadthalter? Wo sind die
Bundesräte? Er will in die Stadt schießen, wenn man nicht aufmacht!
--Fort mit den Bündischen!--Wer ist gut württembergisch?"
Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger schienen noch
unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner
Herr, der durch sein schmuckes Äußeres einen Augenblick den Bürgern
imponierte: "Bedenkt, Ihr Männer", rief er mit seiner Stimme, "was
wird der durchlauchte Bundesrat dazu sagen, wenn Ihr--"
"Was scheren wir uns um den Durchlauchten" überschrie man ihn "Fort!
Reißt ihn herab mit dem rosenfarbenen Mäntelein und dem glatten Haar,
das ist ein Ulmer! Fort mit ihm--auf ihn, er ist von Ulm!"
Aber ehe sie noch diesen Entschluß ausführten; trat ein kräftiger
Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer
mit dem rosenfarbenen Mäntelein links von der Bank, und winkte mit
der Mütze in die Luft. "Still! Das ist der Hartmann", flüsterten
die Bürger, "der versteht's, hört, was er spricht!"
"Hört mich", sprach dieser. "Der Stadthalter und die Bundesräte sind
nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich
gelassen, drum greift die beiden da, wir wollen sie als Geiseln
behalten Und jetzt hinauf ans Rothebühltor. Dort steht unser rechter
Herzog, 's ist besser, wir machen selbst auf, als daß er mit Gewalt
eindringt. Wer ein guter Württemberger ist, folgt mir nach!"
Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge. Die
beiden Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen,
gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß sich der Strom der Bürger vom
Marktplatz zum obern Tor, hinaus über den breiten Graben der alten
Stadt in die Turnierackervorstadt, am Bollwerk vorbei zum
Rothenbühltor. Die bündischen Knechte, die das Tor besetzt hielten,
wurden schnell übermannt, das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab
und legte sich über den Stadtgraben.
Dort hatten indessen die Anführer des Fußvolks ihre besten Truppen
aufgestellt, man wußte nicht genau, wie die Bündischen sich bei der
Annäherung des Herzogs benehmen würden. Ulrich selbst hatte die
Posten beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu
überzeugen, daß die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, daß sie
ihnen nicht die Spitze bieten könne, vergeblich stellte er ihm vor,
daß die Bürger ihn zurücksehnen und willig ihre Tore öffnen würden.
Der Herzog schaute finster in die Nacht hinaus, preßte die Lippen
zusammen und knirschte mit den Zähnen.
"Das verstehst du nicht!" murmelte er dem Jüngling zu. "Du kennst
die Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand als Dir
selbst. Sie drehen den Mantel nach jedem Wind!--Aber diesmal will
ich sie lassen. Meinst Du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rücken
angesehen?"
Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglück
war er fest, sogar mild und sanft gewesen; hatte von manchem schönen
Brauch gesprochen, den er einführen wolle, wenn er wieder ins Land
komme, hatte selten Zorn über seine Feinde, beinahe nie Unmut über
die Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es,
daß mit dem Anblick der vaterländischen Gegenden auch das Gefühl der
Kränkung stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, daß es ihm
unangenehm auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten
von sich hören lassen; er war, seit er die Grenzen Württembergs
überschritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein
stolzer Trotz blitzte aus seinen Augen, seine Stirn war finster, und
eine gewisse Strenge und Härte im Urteil fiel seiner Umgebung,
besonders Georg von Sturmfeder, auf, der sich in diese neue Seite von
Ulrichs Charakter nicht gleich zu finden wußte.
Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben
Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen, die er ihnen
gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hörte nur ein
ängstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder
gute noch böse Zeichen deuten konnte.
Der Herzog ritt zu den Landesknechten vor, die erwartungsvoll auf
ihren Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die drei Ritter, welche
sie führten, standen am Graben und hielten durch ihre Anwesenheit die
Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete
Georg ängstlich Ulrichs Züge. Die Ader auf seiner Stirn war
aufgelaufen, eine tiefe Röte lag auf seinen Wangen, und seine Augen
brannten in düsterer Glut.
"Hewen! Laßt Leitern anschleppen", sagte er mit dumpfer Stimme.
"Der Donner und das Wetter! Es ist mein eigen Haus, vor dem ich
stehe, und die Hunde wollen mich nicht einlassen. Ich laß noch
einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich auf, so schmeiß' ich
Feuer in die Stadt, daß ihre Käfige zusammenbrennen."
"Bassa manelka! Waz mich daz freut!" sagte der lange Peter, der in
der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden.
"Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit
den Hellebarden über die Mauer gestochen, daß die Kerl herunter
müssen, mit den Büchsen drein gepfeffert, Canto cacramento!"
"Dat will it meenen!" flüsterte der Magdeburger, "und dann hinunter
in die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert, gebürstet, da will
ik man ooch bei sin."
"Um Gottes willen, Herr Herzog", rief Georg von Sturmfeder, welche
die Reden des Herzogs und die gräuliche Freude der Landesknechte wohl
vernommen hatte. "Wartet nur noch ein kleines Viertelstündchen, es
ist ja Eure eigene Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch."
"Was haben sie sich lange zu beraten?" entgegnete Ulrich unwillig,
"Ihr Herr ist hier außen vor dem Tor und fordert Einlaß. Ich habe
schon zu lange Geduld gehabt. Georg! Breite mein Panier aus im
Mondschein, laß die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letzten
Mal auf! Und wenn ich dreißig zähle nach Deinem letzten Wort, und
sie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so stürmen
wir. Spute Dich, Georg!"
"Oh, Herr! Bedenkt eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie lange habt Ihr
in diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal
aufrichten? Gebt noch Frist."
"Ha!" lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem Stahlhandschuh auf
den Brustharnisch, daß es weithin tönte durch die Nacht. "Ich sehe,
Dich gelüstet nicht sehr, in Stuttgart einzuziehen und Dein Weib zu
verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von
Sturmfeder. Schnell ans Werk! Ich sag', roll mein Panier auf!
Blast, Trompeter, blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, daß sie
merken, ein Württemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und
Reich in sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!"
Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor den Graben
und rollte das Panier von Württemberg auf. Die Strahlen des Mondes
schienen es freundlich zu begrüßen, sie beleuchteten es deutlich und
zeigten seine Felder und Bilder. Auf einer großen Fahne von roter
Seide war Württembergs Wappen eingewoben. Der junge Mann schwenkte
das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter ritten neben
ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die verschlossene
Pforte.
Im Tor öffnete sich ein Fenster, man fragte nach dem Begehr. Georg
von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: "Ulrich von Gottes Gnaden,
Herzog zu Württemberg und Teck, Graf zu Urach und Mömpelgard,
fordert zum zweiten und letzten Mal seine Stadt Stuttgart auf, ihm
willig und sogleich die Tore zu öffnen. Widrigenfalls wird er die
Mauer stürmen und die Stadt als feindlich ansehen."
Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene Geräusch
vieler Tritte und Stimmen in der Stadt; es kam näher und näher und
wurde zum Tumult und Geschrei.
"Gott straf' mein Zeel', zie machen einen Auzfall!" sagte der lange
Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.
"Du könntest recht haben", erwiderte dieser, indem er sich plötzlich
zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. "Schließt dichter an,
streckt die Piken vor und haltet die Lunten bereit. Wir wollen sie
empfangen nach Verdienst."
Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei ersten
Fähnlein stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land legen mußte,
auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen, und die
Schützen hatten die Donnerbüchsen aufgelegt und hielten die Lunten
über dem Zündloch. Tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite,
desto brausender drang der Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke
fiel herab; aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall
herüberdrangen, sondern drei alte graue Männer kamen aus dem Tor; sie
trugen das Wappen der Stadt und die Schlüssel.
Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu, Georg
folgte ihm. Zwei dieser Männer schienen Ratsherren oder
Bürgermeister zu sein. Sie beugten das Knie vor dem Herrn und
überreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen
Dienern und sagte zu den Bürgern: "Ihr habt Uns etwas lange vor der
Tür warten lassen. Wahrhaftig, Wir wären bald über die Mauer
gestiegen und hätten eigenhändig Eure Stadt zu Unserem Empfang
beleuchtet, daß Euch der Rauch die Augen hätte beizen sollen. Der
Teufel! Warum ließt Ihr Uns so lange warten?"
"Oh Herr!" sagte einer der Bürger. "Was die Bürgerschaft betrifft,
die war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben aber etliche
vornehme Herren vom Bund hier, die hielten lange und gefährliche
Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat so lange
verzögert."
"Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, daß Ihr sie habt
entkommen lassen! Mich gelüstet, ein Wort mit ihnen zu sprechen."
"Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserem Herrn
schuldig sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden.
Befehlt Ihr, daß wir sie bringen?"
"Morgen früh ins Schloß! Will sie selbst verhören; schickt auch den
Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen."
"Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!" sprach hinter den beiden
Bürgern eine heisere krächzende Stimme.
"Wer spricht da mir ins Wort?" fragte der Herzog und schaute sich um;
zwischen den beiden Bürgern trat eine sonderbare Gestalt heraus. Es
war ein kleiner Mann, der den Höcker, womit ihn die Natur geziert
hatte, unter einem schwarzen seidenen Mantel schlecht verbarg. Ein
kleines spitzes Hütlein saß auf seinen grauen, schlichten Haaren,
tückische Äuglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen, und
der dünne Bart, der ihm unter der vorspringenden Adlernase hing, gab
ihm das Ansehen eines sehr großen Katers. Eine widerliche
Freundlichkeit lag auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor dem
Herzog das Haupt zum Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder faßte
einen unerklärlichen Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem
Mann gleich beim ersten Anblick.
Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: "Ha! Ambrosius
Volland, Unser Kanzler! Bist Du noch am Leben? Hättest zwar früher
schon kommen können, denn Du wußtest, daß Wir wieder ins Land dringen
--aber sei Uns deswegen dennoch willkommen."
"Allerdurchlauchtigster Herr!" antwortete der Kanzler Ambrosius
Volland, "bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, daß ich
beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeiht daher Euer
-"
"Schon gut, schon gut!" rief der Herzog lachend. "Will Dich schon
vom Zipperlein kurieren. Komm morgen früh ins Schloß. Jetzt aber
gelüstet Uns, Stuttgart wiederzusehen. Heran, mein treuer
Bannerträger!" wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg. "Du
hast treulich Wort gehalten bis an die Tore von Stuttgart. Ich
will's vergelten Bei St. Hubertus, jetzt ist die Braut Dein nach
Recht und Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie
aufpflanzen auf meinem Schloß und jenes bündische Banner in den Staub
treten! Gemmingen und Hewen, Ihr seid heute Nacht noch meine Gäste.
Wir wollen sehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund noch ein
Restchen Wein übriggelassen haben!"
So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die seinem Zug
gefolgt waren, wieder durch die Tore seiner Residenz. Die Bürger
schrien Vivat, und die schönen Mädchen verneigten sich freundlich an
den Fenstern zum großen Ärgernis ihrer Mütter und Liebhaber; denn
alle dachten, diese Grüße gälten dem schönen jungen Ritter, der des
Herzogs Banner trug und, beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg,
der Lindwurmtöter, aussah.