Kapitel 27

Dem Platz, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst,

versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen

Pferd von zwei Landsknechten geführt wurde. Der Ritter hatte das

Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern

und die kräftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von

Stahl verhüllt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die

wohlbekannten Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief,

die Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem

Pfeifer von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten hatte. Und er

täuschte sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst

und berichtete, daß der "Edle von Sturmfeder" mit den Anführern der

gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe.

Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: "Zag' ihm, er ist

willkommen, Peter Hunzinger, der Oberst, Ztaberl von Wien, Konrad,

der Magdeburger, Balthasar Löffler und der tapfere Muckerle,

wohlbestallte Hauptleute, erwarten ihn zum Gespräch.--Gott straf'

mein Zeel', er hat einen schönen Harnisch und einen Helm wie der

König Franz, aber zein Gaul dürfte besser zein, Mordblei! Er ist an

allen Vieren steif!"

"Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer 'stonden ist in

Mömpelgard beim Herzog."

Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten sie sich

ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht

allzufern. Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen und sich

ihnen zu nahen. Er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf

und zeigte ein schönes, freundliches Gesicht. "Steht dort nicht Hans

der Spielmann?" rief er mit lauter Stimme. "Erlaubt, daß er ein

wenig zu mir trete."

Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich

vom Pferd.

"Willkommen in Württemberg, edler Herr!" rief der Mann von Hardt,

indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. "Bringt

Ihr gute Botschaft? Ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit

dem Herzog."

"Komm! Tritt hier ein wenig auf die Seite", sagte Georg von

Sturmfeder mit freudiger Hast. "Wie steht es auf Lichtenstein?

Denkt sie an mich? Hast Du einen Brief, ein paar Zeilen? Oh, gib

schnell! Was läßt sie mir sagen, guter Hans?"

Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden Jünglings.

"Einen Brief hab' ich nicht, keine Zeile. Sie ist gesund, und der

alte Herr auch; das ist alles, was ich weiß."

"Wie!" unterbrach ihn Georg. "Keinen Gruß? Keine Botschaft? So hat

sie Dich gewiß nicht ziehen lassen?"

"Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein: 'Sag ihm, er

soll sich sputen, daß er einzieht in Stuttgart.' Sie wurde gerade so

rot wie Ihr jetzt, da sie dies sprach."

Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein Auge glänzte,

und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den Sinn dieser Worte

verstanden habe. "Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will",

sagte er. "Aber wie lebten sie diesen langen Sommer? Nur dreimal

kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst Du oft auf Lichtenstein, Hans?

War sie traurig? Was sprach sie?"

"Lieber Herr", antwortete der Mann von Hardt, "geduldet Euch noch auf

dem Marsch will ich Euch ein Langes und Breites erzählen, für jetzt

nur soviel: sobald der Alte hört, daß Ihr auf Stuttgart zieht, will

er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zuführen. Denn er

zweifelt nicht, daß Ihr die Stadt überwältigt. Habt Ihr Heimsheim?"

"Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore, ehe sie

sich's versahen. Die Besatzung war zwar etwas stärker als wir, aber

mutlos und unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen,

da glaubten sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und

ergaben sich. So weit wären wir nun in Württemberg, aber wie ist der

Weg weiterhin?"

"Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom

Ritter von Lichtenstein daß die gewaltigen Herren aus dem Land sind,

wißt Ihr--"

"Sie halten einen Bundestag in Nördlingen, ist's nicht so? Freilich

wissen wir's, denn auf diese Nachricht brach der Herzog aus Baden auf."

"Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.

Die Besatzungen sind überall unbesorgt, an den Herzog denkt kein

Bündler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen

Herrn wir bekommen werden: den Österreicher, den Bayer, den Prinzen

Christophel, oder ob uns der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg

und Bopfingen, regieren werde."

"Welche Augen sie machen werden", rief Georg lächelnd, "wenn der

Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten! Sie werden ihre

Büchsen auf die Schulter nehmen und 's Regieren sein lassen."

"Und die Württemberger? Wie denken sie jetzt vom Herzog? Glaubst Du,

er wird viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hilfe ziehen?"

"Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft weiß ich's

nicht, und der alte Herr zuckte die Achseln, wenn ich ihn fragte, und

murmelte ein paar Flüche. Ich fürchte, es steht hier nicht alles,

wie es soll. Aber Bürger und Bauern, die sind für den Herzog. Es

sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern.

So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war

ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: 'Hie gut Württemberg

alleweg', und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen

haben: 'Herzog Ulrich soll leben!'"

"'Vom Himmel gefallen', sagst Du?"

"So sagt man. Die Bauern hatten große Freude dran, aber die

bündischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und

wollten ihnen abpressen, woher der Stein des Anstoßes komme. Und als

man bei hoher Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die

Männer und sagten, jetzt träumen wir von ihm. Alles wünscht ihn

zurück, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn

drücken, als von Fremden die Haut abziehen lassen."

"Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen Stunden hier sein.

Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen.

Ist die Hauptstadt unser, so fällt uns auch das Land zu. Und wie ist

es mit den Landsknechten dort? Wollen sie mitziehen?"

"Fast hätte ich die vergessen", sagte Hans, "sie werden ungeduldig

werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Geht doch recht klug

mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute

schelten. Aber haben wir die Fünfe gewonnen, so sind zwölf Fähnlein

des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, müßt Ihr

gar höflich sein."

"Welcher ist der lange Peter?"

"Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen

Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der

Höchste unter ihnen."

"Ich will mit ihm reden, wie Du sagst", antwortete der junge Mann und

ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der

beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht, und der kleine Muckerle

schoß stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs. Als dieser

aber mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat,

wurden sie schüchtern und verlegen, und als er sie endlich mit

höflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfern

Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache

gewonnen.

"Wohlerfahrner Oberst", sprach er, "tapfere Hauptleute der

versammelten Landsknechte, der Herzog von Württemberg hat sich den

Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist

willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu

bringen--"

"Gott straf' mein Zeel', er hat recht; tätz auch zo mochen--"

"Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst der

Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht

sich zu ihnen, daß sie ihm mit gleichem Mut jetzt beistehen werden,

und verspricht ihnen mit seinem fürstlichen Wort, die Bedingungen zu

halten, die sie ihm angeboten haben."

"Ein frommer Herr", murmelten sie untereinander mit beifälligem

Nicken, "ein Goldgulden des Monats--und Mordblei--täglich vier Maß

Wein für die Hauptleut'!"

Der Oberst stand auf, entblößte sein kahles Haupt zum Gruß und sprach,

von manchem Räuspern der Verlegenheit unterbrochen: "Wir danken Euch,

hochedler Herr, wollen's tun, wollen mitziehen--wir wollen dem

schwäbischen Bund heimgeben, was er unz getan, zo wollen wir. Die

allerbesten und tapfersten, wie auch fürtrefflichsten Leute haben zie

fortgeschickt, als brauchten sie keine Landsknechte mehr. Da steht

zum Beispiel der Hauptmann Löffler. Wenn'z einen tapferern

Landsknecht gibt in der Christenheit, zo laß ich mir die Haut vom

Leib schälen und laß mich braten wie eine Zau. Da steht der Staberl

von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond.--

Da ist dann der Magdeburger, wie der ficht keiner in der Türkei--und

der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der

beste Schütz mit der Donnerbüchs und trifft auf vierzig Gäng' ins

Schwarze.--Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt, aber Bassa

manelka in Spanien und Holland hab' ich gedient und Canto cacramento

in Italien und Deutschland, Mordblei! In jedem Heer kennt man den

langen Peter. Gott straf' mein Zeel', wenn ich und die andern hinter

den schwäbischen Hund, wollt' zagen Bund, kommen, diavolo maledetto!

Da werden zieh daz Hazenpanier ergreifen und mit den Absätzen hinter

sich hauen!"

Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine

Musterung über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall

der ungeheuern Trommeln tönte durchs Tal und weckte die Schläfer aus

ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und sein

strenger Ordnungssinn über ihnen zu schweben, denn in wenigen

Augenblicken hatten sie sich zu drei großen Kreisen gebildet, die je

aus vier Fähnlein bestanden. Die Landsknechte waren nach ihrem

Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein

wenig Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen

gewöhnlich enge Wämse von Leder oder auch Lederwesten mit Ärmeln von

grobem Tuch Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am

Knie zugebunden, durch ihre eigene Schwere noch etwas tiefer

herunterhingen. Die vollen Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen

Farben, und die Füße waren mit groben Bundschuhen von ungefärbtem

Leder bekleidet. Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete

oder für eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf, und

die bärtigen Gesichter dieser Männer, die oft zwanzig Jahre unter

allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen kühnen,

martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung bestand in einem langen

Dolch und einer Hellebarde; ein Teil war auch mit Donnerbüchsen

bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte.

So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß geschlossen, wie

ein festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der

Anblick dieser kampfgeübten Männer, die wohl zu wissen schienen, daß

sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer

zahlreichen Schar von Feinden furchtbar seien.

Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer

früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten Sie traten daher mit

dem jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weittönende

Baß des langen Peters befahl: "Gebt acht Ihr Leut! Kehrt Euch um!"

Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun

die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs

von Württemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte,

daß sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von

Württemberg so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn

gedient hatten. Die Hauptleute ließen jetzt auch einige Übungen

machen, und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte

und glaubte fest, man werde es in der Kriegskunst auf Erden

schwerlich noch viel weiterbringen.

Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man unten im Tal,

von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man

das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu

vernehmen.

"Das ist der Herzog", rief Georg, "führt mein Pferd vor; ich will ihm

entgegenreiten."

Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute und

ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und

Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rüstung aufs Pferd

gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, solange sie

ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den

Büschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen

näher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um

die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen

Anhöhe, und man konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von

Hardt schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und

senkte sich die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos

nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar.

"Welcher ist der Herzog?" fragte dieser. "Ist's der auf dem

Mohrenschimmel?"

"Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von

Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, der Junker von

Sturmfeder darf es tragen!"

"Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig und darf

die Fahne tragen! In Frankreich darf daz nur der Connetabel tun, der

erste Mann nach dem König Franz. Dort heißt man'z Ohrenflamme und

ist aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulrich?"

"Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf

dem Helm? Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er

reitet einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns--seht,

das ist der Herzog."

Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. Sie bestand

meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine

Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt,

an der Grenze seines Landes sich ihm angeschlossen hatten. Sie waren

alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug

Württembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als

dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf dreihundert Schritt nahe

war; erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: "Gebt acht, Ihr

Leut'. Wenn Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom

Scheitel reiße, so schreit: 'Vivat Ulricus!', schwenkt die Fähnlein

in der Luft, und Ihr Trommler, rasselt auf Euren Fellen, daß Euch das

Donnerwetter! Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung,

Bassa manelka! Haut drauf und wenn der Schlegel bricht--zo begrüßen

die tapfren Landsknecht einen Fürsten."

Diese kurze Anrede tat ihre Wirkung, die kriegerische Schar murmelte

das Lob des Herzogs, sie schüttelten ihre Hellebarden, stampften ihre

Büchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler faßten ihre Schlegel

krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der

Bannerträger von Württemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Roß,

erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit kühnen, gebietenden

Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte, da entblößte der

lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln rasselten wie zum

Sturm einer Feste, die Fähnlein neigten sich zum Gruß, und die

Landsknechte riefen ein tausendstimmiges 'Vivat Ulricus!'.

Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte

nicht auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine ganze Seele schien

nur in seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der

Herzog hielt den Rappen an, blickte um sich und es war tiefe Stille

unter den vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder,

hielt ihm den Bügel zum Absteigen und sprach "Hie gut Württemberg

alleweg!"

"Ha! Bist Du es, Hans, mein Geselle im Unglück, der mir den ersten

Gruß von Württemberg bringt? Meine Edlen habe ich hier erwartet, daß

sie mich begrüßen bei meinem ersten Schritt auf württembergischem

Grund, meinen Kanzler und meine Räte. Wo sind die Hunde? Die Stände

meiner Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in

der Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu halten, als

der Bauer?"

Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn

so sprechen hörten. Sie wußten nicht, war es Ernst oder bitterer

Scherz über sein Unglück. Sein Mund schien zu lächeln, aber sein

Auge blitzte mutig, und seine Stimme klang ernst und befehlend. Sie

sahen einander wegen dieser düsteren Laune zweifelnd an, aber der

Pfeifer von Hardt erwiderte seinem Herrn:

"Diesmal ist's nur der Bauer, der Euch auf Württembergs Boden hilft,

aber verachtet nicht ein treues Herz und eine feste Hand! Die andern

werden schon auch kommen, wenn sie hören, daß der Herr Herzog wieder

im Land ist."

"Meinst Du", sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich vom Pferd

schwang, "sie werden auch kommen? Bis jetzt haben Wir wenig Kunde

davon. Aber ich will anklopfen an ihren Türen, daß sie merken sollen,

es ist der alte Herr, der in sein Haus will!"

"Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?" fuhr er fort,

indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete. "Sie sind nicht

übel bewaffnet und sehen männlich aus. Wieviel sind es?"

"Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht", antwortete der Oberst Peter, der

noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen

den ungarischen Bart zwirbelte. "Lauter geübte Leut'. Gott straf'

mein Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht hab', der König in

Frankreich hat sie nicht besser."

"Wer bist denn Du?" fragte ihn der Herzog, der die große, dicke Figur

mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.

"Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz; man nennt mich

den langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter--"

"Was, Oberst! Diese Narrheit muß aufhören. Ihr mögt mir wohl ein

tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich

selbst will Euer Oberst sein, und zu Hauptleuten werde ich einige

meiner Ritter machen."

"Bassa manelk--tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber erlaubt,

Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort, daz ist gegen unsern Pakt mit

dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz Wein tagtäglich. Da steht

zum Beispiel der Staberl aus Wien, z'gibt keinen Tapfereren unter dem

Mond--"

"Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldgülden und den Wein soll

mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig

bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben. Habt Ihr Pulver und

Kugeln?"

"Das will ich meenen!" sagte der Magdeburger. "Wir haben noch von

Eurer Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, was wir in Tübingen

mitgenommen. Wir haben Munition auf achtzig Schuß für den Mann."

"Gut. Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, Ihr teilt Euch in

die Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr da, die Ihr Euch

Hauptleute nennt, könnt bei den einzelnen Fähnlein bleiben und den

beiden Herren an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen, seid so gut

und nehmt den Oberbefehl über das Fußvolk. Jetzt geraden Weges auf

Leonberg. Freu Dich, mein treuer Bannerträger", sagte Ulrich als er

sich aufs Pferd schwang, "so Gott will, ziehen wir morgen in

Stuttgart ein."

Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog weiter. Der lange

Peter stand noch immer unverrückt auf dem Platz, den Hut mit der

stolzen Hahnenfeder in der Hand, und schaute den Reitern nach.

"Das ist einmal ein Fürst!" sprach er zu den Hauptleuten, die neben

ihm standen "Waz der für eine gewaltige Stimme hat und wie er

gräulich mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird.

Hu, ich meinte, er wollt' mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er

mich fragte: Wer bist denn Du?"

"Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser über mein Leib

schütten tät. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so

g'waltig wie der da!"

"Also Hauptleut' sind wer g'wesen", sprach der Hauptmann Muckerle,

"die Herrlichkeit hat nit lang dauert."

"Narr! Daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein Sprichwort,

die andern haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben;

Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat alles ein

besseren Schick, wenn'z die Herren anführen. Den Goldgülden und die

vier Maaz haben wir ja doch und daz bleibt die Hauptsache."

"Dat meen' ich ooch! Und dat haben wer dem langen Peter zu verdanken

Er soll leben!"

"Dank' schön, aber daz zag ich der Herr wird dem Bund aufzünden,

Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die

Städter allein auz dem Land! Und zeine Räte und Kanzler und die

Landschaft! Habt Ihr gehört, wie gräulich er über die geflucht hat?

Ich möcht' in keinez Haut stecken."

Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch dieser tapferen

Krieger. Diese Töne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der

lange Peter war in seinen vielen Feldzügen so sehr an den Wechsel von

Glück und Unglück von Hoheit und Niedrigkeit gewöhnt worden, daß er

über den Sturz seines Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm er die

Hahnenfeder von dem großen Hut, legte die rote Schärpe und den langen

Hieber, die Zeichen seiner Würde, ab und ergriff eine Hellebarde.

"Gott straf mein Zeel', ez ist schwer für einen Kerl wie ich zwölf

Fähnlein zu regieren", sagte er, als er sich wieder als guter

Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. "Aber bei Sankt

Petrus, dem trefflichen Landsknecht--er muß jetzt auch Oberst zein

in den himmlischen Heerscharen Kyrie Eleyzon! Der Mensch muß allez

probieren auf Erden." Die Landsknechte schüttelten ihm die Hand und

bestätigten es. Es tat seinem tapfren Herzen wohl, zu hören, er habe

sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre Anführer,

saßen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die Landsknechte

richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch und Ludwig von

Gemmingen ließ die Trommeln zum Aufbruch rühren.

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