Kapitel 29

Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von

Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz

die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses

Gebäude wurde erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgeführt.

Das Schloß der alten Herzoge von Württemberg stand übrigens an

derselben Stelle und war in Plan und Ausführung nicht sehr

verschieden von Christophs Werk, nur daß es zum größten Teil aus Holz

gebaut war. Es war umgeben von breiten und tiefen Gräben, über

welche eine Brücke in die Stadt führte. Ein großer, schöner Vorplatz

diente in früheren Zeiten dem fröhlichen Hof Ulrichs zum Tummelplatz

für ritterliche Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs

eigener gewaltiger Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses

ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern Teilen des Gebäudes

aus. Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und gewölbt

wie eine Kirche, daß die Ritter in dieser "Tyrnitz" bei Regentagen

fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuern Lanzen ungehindert

darin handhaben konnten. Von der Größe dieser fürstlichen Halle

zeugt die Aussage der Chronisten, daß man bei feierlichen

Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische gedeckt habe.

Von da führte eine steinerne Treppe aufwärts, so breit, daß zwei

Ritter nebeneinander hinaufreiten konnten. Dieser großartigen

Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz

des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien die zum Tanz und

Spiel eingerichtet waren.

Georg maß mit staunenden Augen diese verschwenderische Pracht der

Hofburg. Er verglich den Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen

Höfen, diesen Sälen; wie klein und gering kam er ihm vor! Er

erinnerte sich der Sage von der glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von

seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schloß siebentausend

Gäste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste, wo in dem hohen

Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhof einen ganzen Monat

lang Ritterspiele und Gelage gehalten wurden, und wenn der Abend

einbrach, hundert Grafen Ritter und Edelleute mit Hunderten der

schönsten Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten. Er blickte

hinab in den herrlichen Schloßgarten, das Paradies genannt. Seine

Phantasie bevölkerte diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen

Gewimmel des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter,

mit den festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der

einst hier erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese Mauern

und Gärten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie

verglich. Die Gäste der Hochzeit, der glänzende, lustige Hof ist

verschwunden, sprach er zu sich, die fürstliche Gemahlin ist

entflohen, der glänzende Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich

zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst hier schmausten und ein

reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten sind von dem Fürsten

abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen--er

selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brütet Rache an seinen

Feinden und weiß nicht, wie lange er nur in dem Haus seiner Väter

bleiben wird. Ob nicht aufs neue seine Feinde noch mächtiger

heranziehen, ob er nicht noch unglücklicher wird als je zuvor!

Vergeblich strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken, welche der

Widerspruch der Pracht seiner Umgebung mit dem Unglück des Herzogs in

ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes

holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte,

vergeblich malte er sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den

lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer

wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er im

Unglück gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust des

Jünglings gewonnen hatte, sei es, daß ihn die Natur in einzelnen

Augenblicken mit einem unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begabte, er

blieb sinnend und ernst, und es war ihm, als sei der Herzog nichts

weniger als glücklich, als müsse er ihn vor irgendeinem drohenden

Unglück warnen.

"So überaus ernst, junger Herr?" fragte eine heisere Stimme hinter

ihm, und weckte ihn aus seinen Gedanken. "Ich dächte doch, Georg von

Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!"

Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab--auf den

Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch

seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes

Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall,

da der Kanzler durch überladenen Putz seine Mißgestalt noch mehr

herausgehoben hatte.

Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit süßem Lächeln

hinaufsah, und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen

fortfuhr: "Ihr kennt mich vielleicht nicht, wertgeschätzter junger

Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr. Durchlaucht Kanzler.

Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wünschen."

"Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viel Ehre für mich, wenn Ihr Euch

deswegen her bemühtet."

"Ehre, wem Ehre gebührt! Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer

jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist

in aller Not und Fährlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten

Dank und meine sonderliche Verehrung."

"Ihr hättet das wohlfeiler haben können; wenn Ihr mitgezogen wäret

nach Mömpelgard", erwiderte Georg, den die Lobsprüche dieses Mannes

beleidigten. "Treue muß man nie loben, eher Untreue schelten."

Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen

des Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder zur alten

Freundlichkeit. "Jawohl, das mein' ich auch. Was mich betrifft, so

lag ich am Zipperlein hart danieder und konnte also nicht nach

Mömpelgard reisen. Werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das

mir der Himmel verliehen; dem Herrn desto tätiger zur Hand gehen."

Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten. Aber

der Jünglig schwieg und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blick,

den er nicht recht ertragen konnte. "Nun, Euch wird die Freude erst

recht angehen. Der Herzog hält erstaunlich viel von Euch! Natürlich,

Ihr verdient es auch im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen

Liebling gut gewählt. Wollt doch erlauben, daß Ambrosius Volland

Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von

schönen Waffen? Kommt in meine Behausung auf dem Markt, wählt Euch

aus meiner Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schöne

Bücher, habe einen ganzen Kasten voll, wählt Euch aus, was Ihr wollt,

wie es unter Freunden gebräuchlich. Eßt auch zuweilen bei mir zu

Mittag, meine Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir

Haus. Seht ihr nur, hi, hi, hi--seht ihr nur nicht zu tief in die

Augen."

"Seid ohne Sorgen, bin schon versehen."

"So? Ei das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben Man

trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend.

Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von

Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so

miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir

zusammen; so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Versteht

mich schon! Hi, hi, eine Hand wäscht die andere. Darüber läßt sich

noch sprechen. Ihr beehrt mich doch zuweilen mit einem Besuch?"

"Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler."

"Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn in Eurer

Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz, muß aber jetzt zum Herrn. Er

will heute früh Gericht halten über die zwei Gefangenen, die gestern

nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben; der Beltle ist

schon bestellt."

"Der Beltle?" fragte Georg, "wer ist er?"

"Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund."

"Ich bitte Euch! Der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner

neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!"

Der Kanzler lächelte grauenerregend und antwortete: "Was das wieder

Eurem fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt

Ihr nicht. Man muß ein Exempel statuieren. Der eine", fuhr er mit

zarter Stimme fort, "der eine wird geköpft, weil er von Adel ist, der

andere wird gehängt. Behüt Euch Gott, Lieber!"

So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten

die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit

düsteren Blicken nach. Er hatte gehört, daß dieser Mann früher durch

seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Künste, großen

Einfluß auf Ulrich gewonnen hätte. Er hatte den Herzog selbst oft

mit großer Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen

hören. Aber er wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn

er sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in

seinen Augen gelesen zu haben.

Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke

schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte:

"Traut dem Gelben nicht!" Es war der Pfeifer von Hardt, der sich

unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.

"Wie? Bist Du es, Hans?" rief Georg und bot ihm freundlich die Hand.

"Kommst Du ins Schloß, uns zu besuchen? Das ist schön von Dir, bist

mir wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker. Aber was wolltest Du

mit dem Gelben, dem ich nicht trauen solle?"

"Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist ein falscher

Mann. Ich habe auch den Herzog gewarnt, er soll nicht alles tun, was

er ihm rät; aber er wurde zornig, und es mag wahr sein, was er sagte."

"Was sagte er denn? Hast Du ihn heute schon gesprochen?"

"Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach

Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt und erinnerte sich

an die Tage seiner Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade

ausbitten. Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist

eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da sage ich, weil ich nichts

anders wußte, er solle mich meinen Fuchs frei schießen lassen und es

nicht strafen als Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das könne

ich tun, das sei aber keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte

ich ein Herz und antwortete: Nun, so bitt' ich, Ihr mögt dem schlauen

Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen. Denn ich meine, wenn ich

ihn sehe, er meint es falsch."

"So geht es mir gerade auch", rief Georg. "Es ist, als wolle er mir

die Seele ausspionieren mit den grünen Augen, und ich wette, er meint

es falsch. Aber was gab Dir der Herzog zur Antwort?"

"'Das verstehst Du nicht', sagte er und wurde böse. 'In Klüften und

Höhlen magst Du wohl bewandert sein; aber im Regiment kennt der

Kanzler die Schliche besser als Du.' Kann sein, ich habe unrecht, und

es soll mir lieb sein um den Herzog. Nun lebt wohl, Junker, Gott sei

mit Euch! Amen!"

"Und wolltest Du so gehen? Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit

bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch

ein paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht

fehlen!"

"Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines

Ritters? Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und

auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als

ich, und mein Haus verlangt nach mir."

"Nun; so lebe wohl! Grüße mir Dein Weib und Bärbele, Dein schmuckes

Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein. Gott sei mit

Dir."

Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum

Abschied bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen biederen Mann,

einen treuen Diener seines Fürsten, einen mutigen Genossen in

Gefahren und einen heiteren Gesellen im Unglück erkannt. Wohl

schwebte ihm noch manche Frage über das geheimnisvolle Walten dieses

Mannes, über seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den

Lippen; aber er unterdrückte sie, überwältigt von jener

unerklärlichen Macht, von jener natürlichen Größe und Würde, welche

den Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.

"Noch eins!" rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck des

Junkers scheiden wollte. "Wißt Ihr auch, daß Euer ehemaliger

Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?"

"Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hierher kommen? Er ist ja

bündisch."

"Er ist hier, und nicht gerade in anmutigsten Umständen denn er sitzt

gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs,

soll er für den Bund öffentlich gesprochen haben."

"Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? Da muß

ich schnell zum Herzog, er richtet schon über ihn, und der Kanzler

will ihn köpfen lassen. Gehab' Dich wohl!"

Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den

Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum

Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Torhüter

ehrerbietig Platz. Er trat hastig in das Gemach. Der Herzog sah ihn

verwundert und etwas unwillig an; der Kanzler aber hatte das ewige

süße Lächeln wie eine Larve vorgehängt.

"Guten Morgen, Sturmfeder!" rief der Herzog, der in einem grünen,

goldgestickten Kleid, den grünen Jagdhut auf dem Kopf, am Tisch saß.

"Hast Du gut geschlafen in meinem Schloß? Was führt Dich schon so

früh zu Uns? Wir sind beschäftigt."

Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer

umhergeschweift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke

gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar

hing in Verwirrung herab, und ein rosenfarbiges Mäntelein, das er

über ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf

einen rührenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum

Himmel, als wollte er sagen: "Mit mir ist's aus!" Neben ihm standen

noch einige Männer, und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon

gesehen zu haben sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von Peter,

dem tapfern Magdeburger, und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie

standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden auf den Boden

gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.

"Ich sag', Wir haben zu tun", fuhr der Herzog fort. "Was schaust Du

nur immer nach dem rosenfarbigen Menschenkind? Das ist ein

verstockter Sünder. Das Schwert wird schon für ihn gewetzt."

"Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort", entgegnete Georg, "Ich

kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen,

daß er ein friedlicher Mann ist, und gewiß kein Verbrecher, der den

Tod vediente."

"Bei St. Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich geändert. Mein

Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger

Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was

sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?"

"Hi, hi! Ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spaß machen

wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen kleinen Scherz liebt.

Nun der liebe gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den

Juristen spielen Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem

Rosenfarbigen. Majestätsverbrechen! Wird halt doch geköpft, der im

Mäntelein."

"Herr Kanzler", rief der Jüngling, vor Unmut glühend, "der Herr

Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie zum Schalksnarren

hergegeben habe. Diese Rolle mache ich anderen nicht streitig. Und

mit Menschenleben spiele und scherze ich nie! Es ist mein wahrer

Ernst. Ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen

von Kraft, Ratsschreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann

angenommen werden."

"Wie?" sagte Ulrich. "Das ist wohl der zierliche Herr, Dein

Gastfreund, von dem Du mir so oft erzähltest? Tut mir leid um ihn,

aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen

gefangen."

"Freilich!" krächzte Ambrosius, "ein Crimen laesae majestatis."

"Erlaubt Herr! Ich hab die Rechte lang genug studiert, um zu wissen,

daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein

kann. Gestern nacht waren die Bundesräte und der Statthalter noch

hier, folglich war Stuttgart noch in der Gewalt des Bundes, und der

Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat

nicht anders gehandelt als jeder bündische Soldat, der auf Befehl

seines Oberen gegen uns zu Feld zog."

"Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt, junger, sehr

wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert

hatte und eingezogen war, war auch alles, was in den Mauern sich

befand, sein. Folglich, wer eine Verschwörung gegen ihn anzettelte,

ist ein Majestätsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber hat

schrecklich gefährliche Reden an das Volk gehalten."

"Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog,

das kann nicht sein!"

"Georg!" sagte dieser ernst. "Wir haben lange Geduld gehabt, Dich

anzuhören. Es hilft Deinem Freund doch nichts. Hier liegt das

Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhör angestellt,

worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir müssen ein Exempel

statuieren. Wir müssen unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden

der Kanzler hat ganz recht. Darum kann ich keine Gnade geben."

"So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein

paar Worte."

"Ist gegen alle Form Rechtens", fiel der Kanzler ein "Ich muß dagegen

protestieren, Lieber! Dies ist ein Eingriff in mein Amt."

"Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den

armen Sünder tun, er ist doch verloren."

"Dietrich von Kraft", fragte Georg, "wie kommt Ihr hierher?"

Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefaßt hatte,

verdrehte die Augen und seine Zähne schlugen aneinander. Endlich

konnte er herausstoßen: "Bin hierher geschickt worden vom Rat, wurde

Schreiber beim Statthalter."

"Wie kamt Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?"

"Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger sich

aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem

Eid zu verweisen."

"Ihr seht, er kam also auf höheren Befehl dorthin--Wer nahm Euch

gefangen?" fuhr Georg zu fragen fort.

"Der Mann, der neben Euch steht."

"Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch gehört haben,

was er sprach? Was sagte er denn?"

"Ja, was wird er gesagt haben?" antwortete der Bürger. "Er hat keine

sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von

der Bank herunter. Ich weiß noch, er hat gesagt: 'Aber bedenkt, ihr

Leute, was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!' Das war

alles, da nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter.

Aber dort, der Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede."

Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald Georg, bald

den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte,

sein Lächeln beizubehalten. "Das war also die gefährliche Rede, das

Majestätsverbechen? 'Was wird der Bundesrat dazu sagen!' Armer Kraft!

Wegen dieses kraftvollen Sprüchleins verfielst Du beinahe dem

Scharfrichter. Nun, das haben selbst unsere Freunde oft gesagt: 'Was

werden die Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.'

Deswegen soll er nicht bestraft werden. Was sagst Du dazu,

Sturmfeder?"

"Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler", sagte der

Jüngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, "die Sachen

so auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu

raten, die ihn überall--ja ich sage es, die ihn überall als einen

Tyrannen ausschreien müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt

Ihr diesmal schlecht gedient."

Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick

aus den grünen Äuglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stand

auf und sprach: "Laß mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war

er zu streng, Da--nimm Deinen rosenroten Freund mit Dir. Gib ihm zu

trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will.

Und Du, Hund von einem Doktor, der Du zu schlecht zu einem

Hundedoktor bist, für Dich ist ein württembergischer Galgen noch zu

gut. Gehängt wirst Du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht

geben. Langer Peter, nimm diesen Burschen binde ihn rückwärts auf

einen Esel und führe ihn durch die Stadt. Und dann soll man ihn nach

Eßlingen führen--zu den hochweisen Räten, wo er und sein Tier

hingehören. Fort mit ihm!"

Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der Tod gesessen war,

heiterten sich auf. Er holte freier Atem und verbeugte sich tief.

Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über

ihn her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.

Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung und Freude. Er

wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch dieser wandte sich ab und

winkte Georg, den Gerührten zu entfernen.

Lichtenstein · 第 33 / 40 题