Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von
Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz
die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses
Gebäude wurde erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgeführt.
Das Schloß der alten Herzoge von Württemberg stand übrigens an
derselben Stelle und war in Plan und Ausführung nicht sehr
verschieden von Christophs Werk, nur daß es zum größten Teil aus Holz
gebaut war. Es war umgeben von breiten und tiefen Gräben, über
welche eine Brücke in die Stadt führte. Ein großer, schöner Vorplatz
diente in früheren Zeiten dem fröhlichen Hof Ulrichs zum Tummelplatz
für ritterliche Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs
eigener gewaltiger Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses
ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern Teilen des Gebäudes
aus. Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und gewölbt
wie eine Kirche, daß die Ritter in dieser "Tyrnitz" bei Regentagen
fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuern Lanzen ungehindert
darin handhaben konnten. Von der Größe dieser fürstlichen Halle
zeugt die Aussage der Chronisten, daß man bei feierlichen
Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische gedeckt habe.
Von da führte eine steinerne Treppe aufwärts, so breit, daß zwei
Ritter nebeneinander hinaufreiten konnten. Dieser großartigen
Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz
des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien die zum Tanz und
Spiel eingerichtet waren.
Georg maß mit staunenden Augen diese verschwenderische Pracht der
Hofburg. Er verglich den Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen
Höfen, diesen Sälen; wie klein und gering kam er ihm vor! Er
erinnerte sich der Sage von der glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von
seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schloß siebentausend
Gäste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste, wo in dem hohen
Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhof einen ganzen Monat
lang Ritterspiele und Gelage gehalten wurden, und wenn der Abend
einbrach, hundert Grafen Ritter und Edelleute mit Hunderten der
schönsten Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten. Er blickte
hinab in den herrlichen Schloßgarten, das Paradies genannt. Seine
Phantasie bevölkerte diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen
Gewimmel des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter,
mit den festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der
einst hier erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese Mauern
und Gärten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie
verglich. Die Gäste der Hochzeit, der glänzende, lustige Hof ist
verschwunden, sprach er zu sich, die fürstliche Gemahlin ist
entflohen, der glänzende Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich
zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst hier schmausten und ein
reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten sind von dem Fürsten
abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen--er
selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brütet Rache an seinen
Feinden und weiß nicht, wie lange er nur in dem Haus seiner Väter
bleiben wird. Ob nicht aufs neue seine Feinde noch mächtiger
heranziehen, ob er nicht noch unglücklicher wird als je zuvor!
Vergeblich strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken, welche der
Widerspruch der Pracht seiner Umgebung mit dem Unglück des Herzogs in
ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes
holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte,
vergeblich malte er sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den
lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer
wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er im
Unglück gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust des
Jünglings gewonnen hatte, sei es, daß ihn die Natur in einzelnen
Augenblicken mit einem unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begabte, er
blieb sinnend und ernst, und es war ihm, als sei der Herzog nichts
weniger als glücklich, als müsse er ihn vor irgendeinem drohenden
Unglück warnen.
"So überaus ernst, junger Herr?" fragte eine heisere Stimme hinter
ihm, und weckte ihn aus seinen Gedanken. "Ich dächte doch, Georg von
Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!"
Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab--auf den
Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch
seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes
Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall,
da der Kanzler durch überladenen Putz seine Mißgestalt noch mehr
herausgehoben hatte.
Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit süßem Lächeln
hinaufsah, und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen
fortfuhr: "Ihr kennt mich vielleicht nicht, wertgeschätzter junger
Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr. Durchlaucht Kanzler.
Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wünschen."
"Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viel Ehre für mich, wenn Ihr Euch
deswegen her bemühtet."
"Ehre, wem Ehre gebührt! Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer
jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist
in aller Not und Fährlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten
Dank und meine sonderliche Verehrung."
"Ihr hättet das wohlfeiler haben können; wenn Ihr mitgezogen wäret
nach Mömpelgard", erwiderte Georg, den die Lobsprüche dieses Mannes
beleidigten. "Treue muß man nie loben, eher Untreue schelten."
Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen
des Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder zur alten
Freundlichkeit. "Jawohl, das mein' ich auch. Was mich betrifft, so
lag ich am Zipperlein hart danieder und konnte also nicht nach
Mömpelgard reisen. Werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das
mir der Himmel verliehen; dem Herrn desto tätiger zur Hand gehen."
Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten. Aber
der Jünglig schwieg und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blick,
den er nicht recht ertragen konnte. "Nun, Euch wird die Freude erst
recht angehen. Der Herzog hält erstaunlich viel von Euch! Natürlich,
Ihr verdient es auch im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen
Liebling gut gewählt. Wollt doch erlauben, daß Ambrosius Volland
Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von
schönen Waffen? Kommt in meine Behausung auf dem Markt, wählt Euch
aus meiner Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schöne
Bücher, habe einen ganzen Kasten voll, wählt Euch aus, was Ihr wollt,
wie es unter Freunden gebräuchlich. Eßt auch zuweilen bei mir zu
Mittag, meine Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir
Haus. Seht ihr nur, hi, hi, hi--seht ihr nur nicht zu tief in die
Augen."
"Seid ohne Sorgen, bin schon versehen."
"So? Ei das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben Man
trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend.
Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von
Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so
miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir
zusammen; so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Versteht
mich schon! Hi, hi, eine Hand wäscht die andere. Darüber läßt sich
noch sprechen. Ihr beehrt mich doch zuweilen mit einem Besuch?"
"Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler."
"Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn in Eurer
Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz, muß aber jetzt zum Herrn. Er
will heute früh Gericht halten über die zwei Gefangenen, die gestern
nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben; der Beltle ist
schon bestellt."
"Der Beltle?" fragte Georg, "wer ist er?"
"Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund."
"Ich bitte Euch! Der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner
neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!"
Der Kanzler lächelte grauenerregend und antwortete: "Was das wieder
Eurem fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt
Ihr nicht. Man muß ein Exempel statuieren. Der eine", fuhr er mit
zarter Stimme fort, "der eine wird geköpft, weil er von Adel ist, der
andere wird gehängt. Behüt Euch Gott, Lieber!"
So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten
die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit
düsteren Blicken nach. Er hatte gehört, daß dieser Mann früher durch
seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Künste, großen
Einfluß auf Ulrich gewonnen hätte. Er hatte den Herzog selbst oft
mit großer Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen
hören. Aber er wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn
er sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in
seinen Augen gelesen zu haben.
Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke
schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte:
"Traut dem Gelben nicht!" Es war der Pfeifer von Hardt, der sich
unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.
"Wie? Bist Du es, Hans?" rief Georg und bot ihm freundlich die Hand.
"Kommst Du ins Schloß, uns zu besuchen? Das ist schön von Dir, bist
mir wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker. Aber was wolltest Du
mit dem Gelben, dem ich nicht trauen solle?"
"Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist ein falscher
Mann. Ich habe auch den Herzog gewarnt, er soll nicht alles tun, was
er ihm rät; aber er wurde zornig, und es mag wahr sein, was er sagte."
"Was sagte er denn? Hast Du ihn heute schon gesprochen?"
"Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach
Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt und erinnerte sich
an die Tage seiner Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade
ausbitten. Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist
eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da sage ich, weil ich nichts
anders wußte, er solle mich meinen Fuchs frei schießen lassen und es
nicht strafen als Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das könne
ich tun, das sei aber keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte
ich ein Herz und antwortete: Nun, so bitt' ich, Ihr mögt dem schlauen
Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen. Denn ich meine, wenn ich
ihn sehe, er meint es falsch."
"So geht es mir gerade auch", rief Georg. "Es ist, als wolle er mir
die Seele ausspionieren mit den grünen Augen, und ich wette, er meint
es falsch. Aber was gab Dir der Herzog zur Antwort?"
"'Das verstehst Du nicht', sagte er und wurde böse. 'In Klüften und
Höhlen magst Du wohl bewandert sein; aber im Regiment kennt der
Kanzler die Schliche besser als Du.' Kann sein, ich habe unrecht, und
es soll mir lieb sein um den Herzog. Nun lebt wohl, Junker, Gott sei
mit Euch! Amen!"
"Und wolltest Du so gehen? Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit
bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch
ein paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht
fehlen!"
"Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines
Ritters? Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und
auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als
ich, und mein Haus verlangt nach mir."
"Nun; so lebe wohl! Grüße mir Dein Weib und Bärbele, Dein schmuckes
Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein. Gott sei mit
Dir."
Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum
Abschied bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen biederen Mann,
einen treuen Diener seines Fürsten, einen mutigen Genossen in
Gefahren und einen heiteren Gesellen im Unglück erkannt. Wohl
schwebte ihm noch manche Frage über das geheimnisvolle Walten dieses
Mannes, über seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den
Lippen; aber er unterdrückte sie, überwältigt von jener
unerklärlichen Macht, von jener natürlichen Größe und Würde, welche
den Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.
"Noch eins!" rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck des
Junkers scheiden wollte. "Wißt Ihr auch, daß Euer ehemaliger
Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?"
"Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hierher kommen? Er ist ja
bündisch."
"Er ist hier, und nicht gerade in anmutigsten Umständen denn er sitzt
gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs,
soll er für den Bund öffentlich gesprochen haben."
"Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? Da muß
ich schnell zum Herzog, er richtet schon über ihn, und der Kanzler
will ihn köpfen lassen. Gehab' Dich wohl!"
Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den
Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum
Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Torhüter
ehrerbietig Platz. Er trat hastig in das Gemach. Der Herzog sah ihn
verwundert und etwas unwillig an; der Kanzler aber hatte das ewige
süße Lächeln wie eine Larve vorgehängt.
"Guten Morgen, Sturmfeder!" rief der Herzog, der in einem grünen,
goldgestickten Kleid, den grünen Jagdhut auf dem Kopf, am Tisch saß.
"Hast Du gut geschlafen in meinem Schloß? Was führt Dich schon so
früh zu Uns? Wir sind beschäftigt."
Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer
umhergeschweift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke
gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar
hing in Verwirrung herab, und ein rosenfarbiges Mäntelein, das er
über ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf
einen rührenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum
Himmel, als wollte er sagen: "Mit mir ist's aus!" Neben ihm standen
noch einige Männer, und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon
gesehen zu haben sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von Peter,
dem tapfern Magdeburger, und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie
standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden auf den Boden
gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.
"Ich sag', Wir haben zu tun", fuhr der Herzog fort. "Was schaust Du
nur immer nach dem rosenfarbigen Menschenkind? Das ist ein
verstockter Sünder. Das Schwert wird schon für ihn gewetzt."
"Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort", entgegnete Georg, "Ich
kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen,
daß er ein friedlicher Mann ist, und gewiß kein Verbrecher, der den
Tod vediente."
"Bei St. Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich geändert. Mein
Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger
Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was
sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?"
"Hi, hi! Ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spaß machen
wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen kleinen Scherz liebt.
Nun der liebe gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den
Juristen spielen Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem
Rosenfarbigen. Majestätsverbrechen! Wird halt doch geköpft, der im
Mäntelein."
"Herr Kanzler", rief der Jüngling, vor Unmut glühend, "der Herr
Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie zum Schalksnarren
hergegeben habe. Diese Rolle mache ich anderen nicht streitig. Und
mit Menschenleben spiele und scherze ich nie! Es ist mein wahrer
Ernst. Ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen
von Kraft, Ratsschreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann
angenommen werden."
"Wie?" sagte Ulrich. "Das ist wohl der zierliche Herr, Dein
Gastfreund, von dem Du mir so oft erzähltest? Tut mir leid um ihn,
aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen
gefangen."
"Freilich!" krächzte Ambrosius, "ein Crimen laesae majestatis."
"Erlaubt Herr! Ich hab die Rechte lang genug studiert, um zu wissen,
daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein
kann. Gestern nacht waren die Bundesräte und der Statthalter noch
hier, folglich war Stuttgart noch in der Gewalt des Bundes, und der
Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat
nicht anders gehandelt als jeder bündische Soldat, der auf Befehl
seines Oberen gegen uns zu Feld zog."
"Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt, junger, sehr
wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert
hatte und eingezogen war, war auch alles, was in den Mauern sich
befand, sein. Folglich, wer eine Verschwörung gegen ihn anzettelte,
ist ein Majestätsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber hat
schrecklich gefährliche Reden an das Volk gehalten."
"Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog,
das kann nicht sein!"
"Georg!" sagte dieser ernst. "Wir haben lange Geduld gehabt, Dich
anzuhören. Es hilft Deinem Freund doch nichts. Hier liegt das
Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhör angestellt,
worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir müssen ein Exempel
statuieren. Wir müssen unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden
der Kanzler hat ganz recht. Darum kann ich keine Gnade geben."
"So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein
paar Worte."
"Ist gegen alle Form Rechtens", fiel der Kanzler ein "Ich muß dagegen
protestieren, Lieber! Dies ist ein Eingriff in mein Amt."
"Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den
armen Sünder tun, er ist doch verloren."
"Dietrich von Kraft", fragte Georg, "wie kommt Ihr hierher?"
Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefaßt hatte,
verdrehte die Augen und seine Zähne schlugen aneinander. Endlich
konnte er herausstoßen: "Bin hierher geschickt worden vom Rat, wurde
Schreiber beim Statthalter."
"Wie kamt Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?"
"Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger sich
aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem
Eid zu verweisen."
"Ihr seht, er kam also auf höheren Befehl dorthin--Wer nahm Euch
gefangen?" fuhr Georg zu fragen fort.
"Der Mann, der neben Euch steht."
"Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch gehört haben,
was er sprach? Was sagte er denn?"
"Ja, was wird er gesagt haben?" antwortete der Bürger. "Er hat keine
sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von
der Bank herunter. Ich weiß noch, er hat gesagt: 'Aber bedenkt, ihr
Leute, was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!' Das war
alles, da nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter.
Aber dort, der Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede."
Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald Georg, bald
den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte,
sein Lächeln beizubehalten. "Das war also die gefährliche Rede, das
Majestätsverbechen? 'Was wird der Bundesrat dazu sagen!' Armer Kraft!
Wegen dieses kraftvollen Sprüchleins verfielst Du beinahe dem
Scharfrichter. Nun, das haben selbst unsere Freunde oft gesagt: 'Was
werden die Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.'
Deswegen soll er nicht bestraft werden. Was sagst Du dazu,
Sturmfeder?"
"Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler", sagte der
Jüngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, "die Sachen
so auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu
raten, die ihn überall--ja ich sage es, die ihn überall als einen
Tyrannen ausschreien müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt
Ihr diesmal schlecht gedient."
Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick
aus den grünen Äuglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stand
auf und sprach: "Laß mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war
er zu streng, Da--nimm Deinen rosenroten Freund mit Dir. Gib ihm zu
trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will.
Und Du, Hund von einem Doktor, der Du zu schlecht zu einem
Hundedoktor bist, für Dich ist ein württembergischer Galgen noch zu
gut. Gehängt wirst Du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht
geben. Langer Peter, nimm diesen Burschen binde ihn rückwärts auf
einen Esel und führe ihn durch die Stadt. Und dann soll man ihn nach
Eßlingen führen--zu den hochweisen Räten, wo er und sein Tier
hingehören. Fort mit ihm!"
Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der Tod gesessen war,
heiterten sich auf. Er holte freier Atem und verbeugte sich tief.
Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über
ihn her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.
Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung und Freude. Er
wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch dieser wandte sich ab und
winkte Georg, den Gerührten zu entfernen.