Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen als der
des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bund gehuldigt und meinte,
es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder
deutlich, daß es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei,
was sie zusammenführte. Sie wollten bezahlt sein, sie wollten
Entschädigung haben für ihre Mühe. Die einen wollten, man solle
Württemberg unter sie teilen, die andern, man solle es an Österreich
verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, aber
unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz
des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Ansprüche
machen konnte. Das Land selbst war in Spaltung und Parteien. Es
sollte die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen
wollte. Die Ritterschaft hielt es für eine erwünschte Gelegenheit,
sich ganz vom Land loszusagen und sich für unabhängig zu erklären.
Die Bürger und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet
und zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen.
Die Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles
in Hader und Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, daß ihr
angeborener Fürst so schnöde behandelt worden war. Manchen kam jetzt,
da der Herzog fern vom Lande seiner Väter in Verbannung hauste, Reue
und Sehnsucht an. Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen. Es
war nicht besser, wohl aber schlimmer geworden. Aber sie lebten
unter zu hartem Zwang, als daß sie ihre Schmerzen hätten offenbaren
können.
Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes
nicht; sie mußte, wie sich in alten Berichten findet, "manche
seltsame und böse Rede" hören. Sie suchte durch geschärfte Strenge
sich Anhänglichkeit zu erwerben; sie streute Lügen über den Herzog
aus. Man gebot den Priestern, gegen ihn zu predigen; wer von ihm
Gutes rede, sollte gefangen werden, wer ihn heimlich unterstütze,
sollte der Augen beraubt, sogar enthauptet werden.
Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf
geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg stehe. Er saß
in seiner Grafschaft Mömpelgard und harrte dort mit den Männern, die
ihm ins Unglück gefolgt waren, auf eine günstige Gelegenheit, in sein
Land zu kommen. Er schrieb an viele Fürsten, er beschwor sie, ihm zu
Hilfe zu kommen. Aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an. Er
schrieb an die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten, sie
halfen nicht. Das einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in
seiner Kapitulation eine Klausel anzuhängen, die Württemberg und den
Herzog betraf--er hat sie nicht geachtet. Als sich der Herzog von
aller Welt so verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte
alles daran, sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern. Es waren
einige Umstände, die für ihn sehr günstig schienen Der Bund hatte
nämlich, als er Kunde bekam, daß sich niemand des Vertriebenen
annehmen wolle, seine Völker entlassen. Die meisten Städte und
Burgen behielten nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in
Stuttgart waren nur wenige Fähnlein Knechte gelassen worden.
Durch diese Maßregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben,
den man geringschätzte, der aber viel zur Änderung der Dinge beitrug
--es waren dies die Landsknechte. Diese Menschen, aus allen Enden
und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewöhnlich dem ihre
Hilfe an, der sie am besten zahlte; für was und gegen wen sie
kämpften, war ihnen gleichgültig. Um sie zu halten, mußte man ihnen
vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen führten
sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie den
Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste
gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heer, durch tägliche Übungen
und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum hielt. Er hatte sie
in regelmäßige Rotten und Fähnlein eingeteilt, er hatte ihnen
bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet und in
Reih und Glied zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, daß sie aus einer
guten Schule kamen; denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie
nicht, wie früher, zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen,
sondern rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf,
erwählten aus ihrer Mitte Hauptleute, und selbst einen Obersten in
der Person des langen Peters. Sie waren schwierig auf den Bund,
nährten sich von Raub und Brandschatzen im Land, und führten Krieg
auf eigene Rechnung. Die Anarchie war in Württemberg so groß, daß
ihnen niemand die Spitze bot. Der Bund hatte sich von Streitkräften
entblößt und war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten
beschäftigt, als daß er das arme Land von dieser Bande befreit hätte.
Die Ritterschaft war uneinig, sie saßen auf den Schlössern und sahen
ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der Städte war zu gering, um
ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger und Bauern sahen sogar
diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzugroß waren,
denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den Bund, dem niemand
hold war. Ja es ging sogar die Sage, diese Kriegsmänner seien nicht
abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu verhelfen.
Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute
in einem Wiesental gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunächst
gelegen war. Die riesigen schwarzen Tannen und Föhren, die das Tal
auf drei Seiten einschlossen, gehörten noch dem Schwarzwald an, und
das Flüßchen, das durch das Tal eilte, war die Würm. Halb
überschattet vom Wald, halb in den Weidenbüschen des Tales versteckt,
lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In
der Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt,
deren blitzende Lanzen oder rotglühende Lunten schon von weitem
Furcht einjagten. In der Mitte des Tales, im Schatten einer Eiche,
saßen fünf Männer um einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch
gebrauchten, um ein Spiel auf ihm zu spielen, das heute noch den
Namen Landsknecht führt. Diese Männer zeichneten sich vor ihren
übrigen Genossen durch breite rote Binden aus, die sie über die
Schulter und Brust herabhängen hatten, sonst aber hatte ihre
Bekleidung auch das zerrissene und morsche Aussehen, wie das der
übrigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben auf, andere große
Filzhüte, mit eisernen Bändern beschlagen, dazu Lederkoller, welche
von Regen, Staub und Biwaks alle möglichen Schattierungen erhalten
hatten.
Bei näherem Hinsehen erkannte man übrigens noch zwei Dinge, durch
welche sie sich von ihren Kameraden unterschieden Sie führten nämlich
keine Donnerbüchsen oder Spieße, wie sie die Landsknechte gewöhnlich
trugen, sondern Raufdegen von ungemeiner Länge und Breite. Auch
hatten sie, wie es damals die Edelleute und Anführer trugen, auf
ihren Hüten und Sturmhauben bunte, wallende Federbüsche aus
Hahnenschwänzen, um sich ein ritterliches Ansehen zu geben.
Die fünf Männer schienen große Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen,
vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an die Eiche lehnte.
Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf,
dessen Rand sich wie ein bedeutender Mühlstein um den Kopf zog. Der
Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit
dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmückt, aus welchem zwei
ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mußte weit in
der Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch,
italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch,
er hatte ihn nämlich mit Pech so zusammengedreht, daß er wie zwei
eiserne Stacheln auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft
hinausstarrte.
"Canto cacramento!" rief dieser große Mann mit einem dröhnenden Baß,
"der kleine Wenzel ist mein Drauf! Ich stech' ihn mit dem
Eichelkönig."
"Mein ist er, mit Verlaub", rief sein Nebenmann, "und der König dazu.
Da liegt die Eichelsau!"
"Mort de ma Vich, zagt der Franzoz; Hauptmann Löffler, Ihr wollt
Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schämt Euch, schämt Euch; daz ist
ein Rebeller, der das tut. Gott straf mein' Zeel, Ihr wollt mich vom
Regiment absetzen?" Der große Mann funkelte zu diesen Worten gräßlich
mit den Augen, schob seinen großen Hut auf das Ohr, daß seine
überhängenden Augenbrauen und eine mächtige rote Narbe auf der Stirn
sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben.
"Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung", antwortete
der andere Spieler. "Ihr könnt uns Hauptleuten befehlen, ein
Städtchen zu blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist
jeder Landsknecht so gut wie wir."
"Ihr zeid ein Meuterer, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf'
mein Zeel', und wäre es nicht gegen meine Würde, ich wollt Euch in
Kochstücke mazakrieren; aber spielt weiter."
"Da liegt ein Dauß"--"Drauf der Quater"--"Den stech' ich mit dem
Zinken"--"Schellen--Wenzel, wer sticht den'?--"Ich", sprach der
Große, "da liegt der Schellenkönig, Mordblei, der Stich ist mein."
"Wie bringst Du den Schellenkönig rauf?" rief ein kleines, dürres
Männchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen Äuglein und
heiserer Stimme. "Hab' ich nicht gesehen, als Du ausgabst, daß er
unten lag? Er hat betrogen der lange Peter hat schändlich betrogen".
"Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! Ich rat Euch, haltet Euer
Maul", sagte der Oberst. "Bassa manelka, ich versteh keinen Spaß.
Die Mauz soll den Löwen nicht erzürnen."
"Und ich sag's noch einmal; wo hättest Du sonst den König her? Vor
dem Papst und dem König von Frankreich will ich's beweisen; Du
falscher Spieler!"
"Muckerle", erwiderte der Oberst und zog kaltblütig seinen Degen aus
der Scheide, "bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich
schlage Dich tot, zo wie daz Spiel auz ist."
Die übrigen drei Männer wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer
Ruhe aufgeschreckt. Sie erklärten sich für den kleinen Hauptmann und
gaben nicht undeutlich zu verstehen daß man dem Obersten wohl
dergleichen zutrauen könne. Dieser aber vermaß sich hoch und teuer,
er habe nicht betrogen. "Wenn der heilige Petruz, mein gnädiger Herr
Patron den ich auf dem Hut trage, sprechen könnte, der würde mir, zo
wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen, daß ich nicht
betrogen!"
"Er hat nicht betrogen", sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu
kommen schien. Die Männer erschraken und schlugen Kreuze wie vor
einem bösen Spuk, selbst der tapfere Oberst erbleichte und ließ die
Karten fallen aber hinter dem Baum trat ein Bauersmann hervor, der
mit einem Dolch bewaffnet war und eine Zither an einem ledernen
Riemen auf der Schulter hängen hatte. Er sah die Männer mit
unerschrockenen Blicken an und sagte: "Es ist, wie ich sagte, dieser
Herr da hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben Schellen-
und Eichelkönig, Fünfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die
Hand."
"Ha! Du bist ein wackerer Kerl", rief der Oberst vergnügt, "zo wahr
ich ein ehrlicher Landsknecht--will zagen Oberst bin--ez ist all'
wahr, waz Du gezagt hast."
"Was ist denn das?" rief der kleine Hauptmann Muckerle, mit giftigen
Blicken. "Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen ohne daß
unsere Wachen ihn meldeten? Das ist ein Spion, man muß ihn hängen."
"Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz ist kein Spioner, komm', zez
Dich zu mir. Bist ein Spielmann, daz Du die Cittara umhängst, wie
ein Spanier, wenn er zu seinem Schätzerl geht?"
"Ja Herr, ich bin ein armer Spielmann. Eure Wachen haben mich nicht
angehalten als ich aus dem Wald kam. Ich sah Euch spielen und wagte
es, den Herren zuzusehen."
Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so höflich mit
sich sprechen zu hören, daher faßten sie Zuneigung zu dem Spielmann
und luden ihn sehr herablassend ein sich zu ihnen zu setzen, denn sie
hatten in fremden Kriegsdiensten gelernt, daß große Könige und
Feldherren sehr vertraulich mit den Meistern des Gesanges umgehen.
Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem
kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene:
"Muckerle, daz soll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht
alles vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht
weiterspielen, Ihr Herren! Ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie
wäre ez, wenn wir uns aufspielen ließen?"
Die Männer willigten ein und warfen die Karten zusammen; der
Spielmann stimmte seine Zither und fragte, was er singen solle.
"Sing ein Lied vom Spiel!" rief Einer. "Weil wir gerade dran sind."
Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:
"Von dem Zinken, Quater und Aß
Kommt mancher in des Teufels Gaß,
Von Quater, Zinken und von Dreien
Muß mancher Waffengo schreien,
Von Aß, Seß und Dauß
Hat mancher gar ein ödes Haus,
Von Quater, Drei und Zinken
Muß mancher lauter Wasser trinken,
Von Zinken, Drei und Quater
Weinen oft Mutter, Kind und Vater,
von Zinken, Quater und Seß
Muß Jungfrau, Metz und Agnes
Oft gar lang' unberaten bleiben,
Will er die Läng' das Spiel betreiben."
Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem
Spielmann zum Dank die Flasche. "Gott segne es Euch", sagte dieser,
indem er die Flasche zurückgab. "Viel Glück zu Eurem Zug; Ihr seid
wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und zieht wieder zu Feld;
darf man fragen, gegen wen?"
Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberst aber antwortete
ihm: "Ganz unrecht habt Ihr nicht. Wir haben früher dem Bund gedient,
jetzt aber dienen wir niemand als uns selbst, und wer Leute braucht,
wie wir sind."
"Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der
Herzog wolle wieder ins Land?"
"Aller Hund Krummen komme auf die Schweizer", rief der Oberst, "wie
übel sind sie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all seine Hoffnung
auf sie gesetzt, und diavolo maledetto, wie haben sie ihn im Stich
gelassen bei Blaubeuren!"
"Sie haben ihn schändlich verlassen", sagte der Hauptmann Muckerle
mit heiserer Stimme, "aber doch so man's beim Licht besieht, so
g'schieht ihm wohl halb Recht, denn er sollt sie wohl kennt haben; es
leit doch am Tag; daß sie kein dick's Brittlein bohren. Der Tüfel
hol sie all'!"
"Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können", entgegnete
der Spielmann, "freilich, wenn er solche Herren gehabt hätte, wie Ihr
und Eure tapferen Fähnlein, da wäre der Bund noch bei Ulm."
"Du hast da ein wahrez Wort gesprochen guter Gezell! Landsknecht'
hätte er sollen haben und keine Schwyzer. Und hält er zich jetzt
wieder zu ihnen, zo weiß ich, waz ich von ihm halte. Landsknecht
hätt' er zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr,
Magdeburger?"
"Dat well ich man och meenen", antwortete der Magdeburger.
"Landsknechte oder keener können den Heertog wieder eup den Stuhl
setzen."
"Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten", sagte der Spielmann
und lüftete ehrerbietig die Mütze, "freilich, Euch Herren sollt' er
haben. Aber der Bund wird Euch so gut belohnt haben, daß Ihr dem
armen Herzog nicht zu Hilfe ziehen mögt."
"Gelohnt, socht er?" rief der fünfte Hauptmann und lachte. "Jo, wenn
er's Geld von Blech schlagen könnt, der schwäbisch Hund! Bei denen
gilt's Sprüchwort:
'Dien' wohl und ford're keinen Sold,
so werden Dir die Herren hold.'
"Ich soch, schlecht hot er uns bezahlt. Und wenn Seine Durchlaucht,
der Herr Herzog, mi hoben will, ich steh 'nem z'Dienst wie jedem."
"Staberl, du hast recht", sagte der Oberst, und wichste den
ungarischen Bart. "Mordblei, die Katz ist gern wo man sie strählt.
Wenn der Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' mein Zeel',
unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen."
"Nun, das werdet Ihr bald sehen können", entgegnete der Bauer, listig
lächelnd, "habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?"
Der Oberst Peter wurde feuerrot bis in die Stirn "Mordelement! Wer
bist denn Du, Menschenkind, daz Du mein Geheimnuz weißt? Wer hat Dir
gezagt, daz ich zum Herzog schickte?"
"Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter? Was hobt Er denn für G'heimnis
mitenonder, daß wir's nit wissen dürften. Soch es nur gleich!"
"Nun, ich hab' gedacht, ich müsse wieder einmal für Euch alle denken,
wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm
Namen einen schönen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz
brauchen könnt'? Dez Monats für den Mann einen halben Dicktaler, uns
Obersten und Hauptleut' aber ein Goldgülden und täglich vier Maaz
alten Wein"
"Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! Eenen Goldgülden
monatlich? Ich bin dabei, und es wird keener wat dagegen haben.
Hast Du Antwort von dem Heertog?"
"Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! Wie kamst Du zu meinem
Geheimnuz, Bauer? Ich hau' Dir ein Ohr ab, Gott straf' mein Zeel',
so tu' ich, wie mein Patron, er heilige Petrus, war auch ein
Landsknecht, dem Malchus, der war von den jüdischen Schwyzern, ein
Hellebardierer. Zag' schnell, oder ich hau'."
"Langer Peter!" rief der kleine Hauptmann Muckerle mit ängstlicher
Stimme, "lass' um Gotteswillen den gehen, der ist fest und kann hexen.
Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in Ulm fangen sollten und in
Herrn von Krafts, des Ratschreibers, Stall kamen, wo er sich aufhielt,
denn er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer
kleiner, bis er ein Spatz wurde und über uns naus flog."
"Was?" schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann weg;
"Der ist's? Wo dann der Magistrat ausrufen ließ, man zolle alle
Spatzen totschießen, weil sich ein württembergischer Spioner in einen
verwandelt habe?"
"Der ist's", flüsterte Muckerle. "Es ist der Pfeifer von Hardt, ich
hab' ihn gleich erkannt."
Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch
nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so
wunderbare Dinge erzählte, halb ängstlich, halb neugierig an. Er
selbst hatte ein zu wohlgeübtes Ohr, als daß er nicht verstanden
hätte, was diese Leute unter sich flüsterten; aber er tat, als
bemerkte er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschäftigte sich
ruhig mit seiner Zither. Endlich faßte sich der lange Peter,
wohlbestallter Oberst dieses Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart
einige Male, zog dann den ungeheuren Hut vom Kopf und sprach:
"Verzeiht doch, lieber Gezelle, wertgeschätzter Pfeifer, das wir so
ohne alle Umstände mit Euch verfahren zind: Konnten wir denn wissen,
wen wir da neben uns haben? Zeit vielmal gegrüßt, hab' schon oft,
Gott straf mein' Zeel', gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen
Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag als Spatz
ausgeflogen."
"Ist schon gut", unterbrach ihn der Spielmann unmutig, "laßt die
alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die
Nachricht zu, ich soll Euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen,
und wenn Ihr noch geneigt wäret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne
zahlen, was Ihr ihm vorgeschlagen"
"Canto cacramento! Daz ist ein frommer Herr! Ein Goldgülden des
Monats und täglich vier Maaz Wein? Er soll leben!"
"Und wann wird er kommen?" fragte der Hauptmann Löffler. "Wo werden
wir zu ihm stoßen?"
"Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Gestern ist er auf
Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach: Wenn er sie
überwältigt hat, rückt er heute noch weiter."
"Schaut! Reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie
ein Ritter!" Die Männer sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales.
Dort sah man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein
Pferd wurde hie und da sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf
und klamm die Eiche hinauf. Von diesem hohen Standpunkt konnte er
das Tal besser übersehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er
seine Züge hätte unterscheiden können, aber er glaubte seine
Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in
dieser Stunde erwartete.
"Was siehst Du?" riefen die Hauptleute. "Ist es einer, der zufällig
durchs Tal reitet, oder glaubst Du, er kommt vom Herzog?"
"Richtig, weiß und blau ist die Schärpe", sprach der Pfeifer, "das
ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd. Ei du Goldjunge,
willkommen in Württemberg! Jetzt sieht er Eure Wachen, jetzt reitet
er auf sie zu, schau, wie die Burschen ihre Lanzen vorstrecken und
die Beine ausspreizen."
"Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch. Darf
keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er Rede steht."
"Halt! Jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten
hierher; er kommt!" Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglühendem
Gesicht vom Baum herab
"Diavolo maledetto! Bassam terendete! Zie werden ihn doch nicht
allein reiten lassen? Ez wird doch einer zein Roß am Zügel führen
nach Kriegsbrauch! Wie? Ist ez ein Ritter, der kommt?"
"Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich", antwortete der Pfeifer,
"und der Herzog ist ihm sehr gewogen." Bei dieser Nachricht standen
die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten,
Hauptleute zu heißen, so wußten sie doch, daß sie eigentlich nur
Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig
seien Der Oberst aber setzte sich gravitätisch am Fuß der Eiche
nieder, strich den Bart, daß er hell glänzte, setzte den großen Hut
mit der Hahnenfeder zurecht, stützte sich auf seinen großen Hieber
und erwartete so den Ritter.