Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit
schnellem Blick die Eintretenden, in dem einen erkannte er sogleich
den Pfeifer von Hardt, der andere war--jener Krämer, den er in der
Herberge von Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf einen Pack,
den er auf dem Rücken getragen ab, riß das Pflaster weg, womit er ein
Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf,
und stand nun als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen
kräftigen Zügen vor ihnen.
"Marx Stumpf!" rief der Geächtete mit dumpfer Stimme. "Wozu diese
finstere Stirne? Du bringst Uns gute Botschaft, nicht wahr; sie
wollen Uns das Pförtchen öffnen sie wollen mit Uns aushalten bis auf
den letzten Mann?"
Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn
"Macht Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!" sagte er. "Die Botschaft
ist nicht gut, die ich bringe."
"Wie", entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen
flog und die Ader auf seiner Stirn sich zu heben begann "Wie, Du
sagst sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich, sieh Dich
wohl vor; daß Du nichts Übereiltes sagst; es ist der Adel des Landes,
von dem Du sprichst."
"Und dennoch sage ich es", antwortete Schweinsberg, indem er einen
Schritt weiter vortrat, "im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich
es sagen, sie sind Verräter."
"Du lügst!" schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme.
"Verräter, sagst Du? Du lügst. Wie wagst Du es, vierzig Ritter
ihrer Ehre zu berauben? Ha! Gestehe, Du lügst."
"Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der
seinen Herrn verläßt. Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen,
Ihr habt Euer Land verloren Herr Herzog, Tübingen ist über!"
Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er
bedeckte sein Gesicht mit den Händen Seine Brust hob und senkte sich,
als suche sie vergeblich nach Atem.
Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm, vor allem
Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel
erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es
selbst, es war Ulrich von Württemberg! In einem schnellen Flug zog
es an seiner Seele vorüber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen,
wie er ihn tief in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm
gesprochen wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und
angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst schon
von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte
nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen
Hundes, der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich
winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich,
sie faßten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb
unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden,
sie nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte
ihre schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie
faßte sich endlich ein Herz und flüsterte; "Herr Herzog! Hier ist
noch gut Württemberg alleweg!"
Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust, aber seine
Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt
nahte auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck
dieses Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm,
als er ihn zum ersten Male gesehen gezeigt hatte; jedes Wort, das er
damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm
zu sprechen. "Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen! Si fractus
illabator orbis, impavitum ferient ruinae!"
Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg. Sei
es dieser Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengröße, Trotz und
wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen
den Namen des "Unerschrockenen" erwarb--er zeigte sich von diesem
Augenblick an seines Namens würdig.
"Das war das rechte Wort, mein junger Freund", sprach er zur
Bewunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hände sinken ließ,
sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte, kriegerische Feuer aus
seinen Augen loderte, "das war das rechte Wort. Ich danke Dir; daß
Du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von
Schweinsberg, und berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir
zuvor einen Becher, Marie!"
"Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ", hob der Ritter an;
"Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu
benehmen hätte. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob
man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen
Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht gesehen,
und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten
hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem
Rücken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke."
Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen; munterer,
als man bei so großem Unglück hätte denken sollen fragte er: "Nun
Georg, Du hast ihn gesehen; sah er so recht aus, wie ein schäbiger,
filziger Krämer? Wie?"
"Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt", antwortete der junge
Mann lächelnd.
"Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen. Dort
war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer. Augsburger,
Nürnberger, Ulmer, alle möglichen Städter, und jubilierten mit den
Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe wieder von ihren Wappen
genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen
Spottlieder über Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer
fürchteten. Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz
pochte mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal
vor meine Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von Tübingen
vom Berg herüberragten."
Der Herzog preßte die Lippen zusammen wandte sich ab und sah hinaus
ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend
auf seinen Herrn doch jener winkte ihm, fortzufahren.
"Ich stieg hinab ins Tal und wanderte weiter nach Tübingen. Die
Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt, und nur
wenige Truppen standen mehr im Lager, das sie über dem Ammertal auf
dem Berg geschlagen hatten. Ich beschloß, mich in die Stadt zu
schleichen und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloß stehe, ehe denn
ich auf dem geheimen Weg zur Besatzung ginge. Ihr kennt die Herberge
in der obern Stadt, nicht weit von der St.-Georgen-Kirche; dort trat
ich ein und setzte mich zum Wein. Die bündischen Ritter, so erfuhr
ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste
Platz zu meinem Zweck."
"Ihr wagtet viel", unterbrach ihn Herr von Lichtenstein, "wie leicht
konnten Leute da sein; die Euch abkaufen wollten; und da wäre der
Krämer bald entdeckt gewesen!"
"Ihr vergeßt, daß es Freitag war", entgegnete jener; "ich hatte also
guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und anzupreisen nach
Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden;
habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam
verkauft! Weiß Gott, ich hätte lieber mit ihm gestritten, daß er es
gleich hätte brauchen können.--Es war noch das Hochamt in der Kirche;
daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die
Ritter im Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht
hätten. Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht
hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich
setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten
geziemt in Gegenwart so großer Herren."
"Wen sahst Du dort?" fragte der Herzog.
"Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, das sie
führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen,
Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchseß von Waldburg
ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er
wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im
Lanzenstechen zu Nürnberg von der Mähre warf."
"Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?" unterbrach
ihn Georg.
"Breitenstein? Daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl jener; der
den Hammelschlegel auf einen Sitz verzehrte. Jetzt fingen sie an;
von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen
hin und her; oft flüsterten sie auch untereinander; doch ich habe
gute Ohren und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchseß nämlich
erzählte, daß er einen Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit
einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehrere
Male geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht, als er
weiter fortfuhr und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort
erhalten habe."
Des Georgs Stirn verfinsterte sich. "Ludwig von Stadion!" rief er
schmerzlich. "Ich hätte Häuser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb,
ich tat ihm alles, was ich ihm an den Augen ansehen konnte--er hat
mich zuerst verraten?"
"Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf andere der
Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien; sich zu ergeben;
Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten"
"Um den hab' ich's nicht verdient", sagte Ulrich, "ich war ihm gram,
weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinn tat.
Wie man sich irren kann in den Menschen! Hätte man mich gefragt, wer
mich verraten würde und wer dagegen spreche, ich hätte hier den
Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!"
"Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht vielleicht
Entsatz bringen, oder, wenn dies nicht möglich, auf geheimen Wegen in
die Burg sich begeben wollten. Die Bündischen sprachen mancherlei
hierüber. Sie waren aber darin einig, daß man die Besatzung zu einem
Vergleich bringen müsse, ehe Ihr heranrücktet, oder gar ins Schloß
kämet. Denn dann, meinten sie, könnten sie noch lange belagern
müssen. Wie ich nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten,
durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu
entdecken; denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen
haben, und dann war ich verraten. Ich beschloß, den Tag noch zu
warten; hörte ich bis Samstag früh nichts Schlimmeres über die
Besatzung, so wollte ich ins Schloß dringen und Ew. Durchlaucht
Schreiben übergeben. Ich streifte im Lager und in der Stadt umher,
und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der Nähe der
Obersten zu halten; so kam der Nachmittag."
"Das war noch Freitag, an dem Fest?" fragte Lichtenstein
"Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von
Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte am
Schloß und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht
weit davon und sah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete:
'Nein; denn es wäre wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe,
daß Ihr im Feld baut.' Georg von Frondsberg rief: 'So es geschehen,
ist es ohne meinen Befehl geschehen; wer bist Du?' Da antwortete der
im Schloß: 'Ich bin Ludwig von Stadion.' Darauf lächelte der
Bündische und strich sich den Bart. 'Ist's also, wie Du sagst', rief
er, 'so will ich's wenden', ritt zu ein paar Schanzkörben und warf
sie um. Dann rief er dem Stadion zu, mit einigen Rittern
herabzukommen, um miteinander einen Trunk zu tun."
"Und sie kamen?" rief der Herzog, "Die Ehrvergessenen kamen?"
"Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein Platz, dort
sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach,
hinüber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmücken die
Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch bringen und Bänke, und die
Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von
Hohen-Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben; und Ludwig von
Stadion mit noch sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten
Eure silbernen Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und
Euren alten Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und
setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein."
"Der Teufel gesegne es ihnen allen!" unterbrach ihn der Ritter von
Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus. Der Herzog aber
lächelte schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink fortzufahren.
"So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote
Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht fern, und keine ihrer
verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen nahm der
Truchseß den Stadion bei der Hand: 'Herr Bruder', sagte er, 'in Eurem
Keller ist ein guter Wein; laßt uns bald ein, daß wir ihn trinken.'
Jener aber lachte darüber, schüttelte ihm die Hand und sagte: 'Kommt
Zeit, kommt Rat.' Wie ich nun sah, daß die Sachen so stehen; beschloß
ich mit Gott, mein Leben dranzusetzen und in die Burg zu den
Verrätern zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der
kleinere unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und
drang bis in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen
und einen Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch
die Finsternis kommen hörte, und fragte mich nach der Losung. Ich
sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort eures tapfern Ahnherrn,
Eberhards im Bart: 'Atempto'; der Kerl machte große Augen, zog aber
das Gatter auf und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen
Schrittes weiter vor und kam im Keller heraus. Ich schöpfte einige
Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben in dem
engen Gang."
"Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird Dir schwer",
sagte Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß seines Fürsten
und sprach dann mit frischer Stimme weiter:
"Im Keller hörte ich viele Stimmen, und es war mir; als zankte man
sich. Ich ging den Stimmen nach und sah eine ganze Schar der
Besatzung vor dem großen Faß sitzen und trinken. Es waren einige von
Stadions Partei, und Hewen und mehrere der Seinigen. Sie hatten
Lampen aufgestellt und große Humpen vor sich, es sah schauderlich aus,
fast wie das Fehmgericht. Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein
Faß und hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit
rührenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er
sagte, wie sie ja gar nicht nötig hätten sich zu ergeben, wie sie auf
lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer
sammeln würden, Tübingen zu entsetzen, wie doch eher die Belagerer in
Not kämen als sie."
"Ha! Wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?"
"Sie lachten und tranken. 'Da hat es gute Weile, bis der ein Heer
sammelt! Wo das Geld hernehmen und nicht stehlen?' fragte einer.
Hewen aber fuhr fort und sagte: Wenn es auch nicht so bald möglich
sei, so müßten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann; wie sie
Euch zugeschworen, sonst handelten sie als Verräter an ihrem Herrn.
Da lachten sie wieder und tranken und sagten: 'Wer will auftreten und
uns Verräter nennen?' Da rief ich hinter meinem Faß hervor: 'Ich, Ihr
Buben; Ihr seid Verräter am Herzog und am Land!' Alle waren
erschrocken, der Stadion ließ seinen Becher fallen, ich aber trat
hervor, nahm meine Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin
und zog Euern Brief aus dem Wams. 'Hier ist ein Brief von Eurem
Herzog', sagte ich, 'er will, Ihr sollt Euch nicht übergeben sondern
zu ihm halten; er selbst will kommen und mit Euch siegen oder in
diesen Mauern sterben'."
"Oh, Tübingen!" sagte der Herzog mit Seufzen, "wie töricht war ich,
daß ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um dich;
was sage ich, zwei Finger? Die Rechte ließe ich mir abhauen; könnte
ich dich damit erkaufen! Und mit der Linken wollte ich dem Bund den
Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?"
"Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu
wissen, was sie tun sollten. Hewen aber ermahnte sie nochmals. Da
sagte Ludwig von Stadion, ich käme schon zu spät. Achtundzwanzig der
Ritterschaft wollten sich der Fehde mit dem Bund begeben und den
Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit
Heeresmacht ins Land, so wollten sie getreulich zu ihm stehen, aber
aufs Ungewisse wollten sie den Krieg nicht fortführen; denn ihre
Burgen und Güter würden so lange beschädigt und gebrandschatzt, bis
sie nicht mehr gegen den Bund dienten. Ich verlange nun; sie sollten
mich hinaufführen in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht
Männer da seien, das Schloß zu halten, ich zählte auf, wen ich noch
für treu hielte, die Nippenburg, die Gültlingen die Ow, die beiden
Berlichingen; die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling,
Reischach, Wölwart, Kaltental, der von Hewen aber schüttelte den Kopf
und sagte, ich hätte mich in manchem geirrt."
"Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast Du sie
nicht gesehen?"
"Oh ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken Euern Wein.
Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst
Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten; die
zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der
Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der
Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schloßhof und im
Rittersaal zum Kampf, und es bleibe ihnen als den Geringeren; nichts
übrig, als zu sterben. So gerne sie nun auch für Euch den letzten
Blutstropfen aufwänden, so wollten sie doch lieber in der
Feldschlacht gegen den Feind fallen als von ihren Landsleuten und
Waffenbrüdern totgeschlagen werden. Da blieb mir nichts übrig, als
sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures
zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß bei der Übergabe
erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achseln,
ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte
fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod, wenn der
Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf demselben Weg
aus der Burg, wie ich gekommen war."
"Herrgott im Himmel! Hätte ich dies für möglich gehalten!" rief
Lichtenstein "Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste
Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch
in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen und wie sie ihr
Fürstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: 'Treu und ehrlich wie
ein Württemberger', ist zum Hohn geworden!"
"Wohl konnte man einst sagen, 'treu wie ein Württemberger'", sprach
Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen Bart. "Als mein Ahnherr
Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfürsten, Grafen und
Herren zu Tisch saß, da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug
ihrer Länder. Der eine rühmte seinen Wein; der andere sprach von
seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen
in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. 'Von Euren
Schätzen weiß ich nichts aufzuweisen', sagte er, 'doch gehe ich
abends durch den dunkelsten Wald und komm' ich nachts durch die Berge
und bin müd und matt, so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand,
ich grüße ihn und leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.'
Des wunderten sich alle und staunten und riefen. 'Graf Eberhard hat
recht', und ließen treue Württemberger leben. Geht jetzt der Herzog
durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich
meine Treuen in die Burgen kaum wende ich den Rücken; so handeln sie
mit dem Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen;--doch fahre fort,
gib mir den Kelch bis auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne
Furcht den Grund zu sehen"
"Nun; daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis
ich wegen der Übergabe Gewißheit bekäme. Gestern, am Ostermontag,
sind sie zusammengekommen; sie haben die Pakte schriftlich aufgesetzt
und nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen; um fünf
Uhr abends haben sie das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung
förmlich entsetzt. Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und
Amt Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner
Obervormundschaft, und in das übrige, heißt es, werden sich die
Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich
habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist
mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber, so wahr mir Gott gnädig
sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so groß wie in jener
Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren
aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs Geweihe und den
Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah."
So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner
Erzählung völlig heraufgekommen auch an den äußersten Bergen war der
Nebel gefallen, und was um die fernen Höhlen von Asperg zog, war ein
Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die
Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Licht
durchschimmern ließ.
Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg
seine letzte Hoffnung gefallen war; verschloß der Herzog einen großen
Schmerz in der tapferen Brust.
Ein Gefühl der Reue war es, das drückend auf der Brust Ulrichs von
Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig für
ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewühl eines
prächtigen Hofes und betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde
verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück
allein, was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten
Landes.
Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu
seinen Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge.
Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf
seiner Stirn, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe
Rührung, ein stiller, großer Schmerz, was seinen Mienen einen
Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.
"Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?" fragte er.
"Wie Räuber", antwortete dieser, "sie verwüsten ohne Not die
Weinberge, sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am
Nachtfeuer; Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten
nieder, was die Pferde nicht fressen. Sie mißhandeln die Weiher und
pressen den Männern das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk
allerorten, und laßt erst den Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus
den zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten
Bergen keine Weinbeere wächst, wenn sie erst noch die ungeheure
Kriegssteuer, die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen müssen--da
wird das Elend erst recht angehen."
"Die Buben", rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte aus seinen
Augen, "sie rühmten sich mit großen Worten, sie kämen, um Württemberg
von seinem Tyrannen zu befreien; es zu entheben aller Not. Und sie
hausen im Land wie im Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott
eine fröhliche Urständ gebe und seine Heiligen gnädig sein wollen
meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des
Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen mit
schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut
verzapfen. Ich will rächen, was sie an mir und meinem Land getan so
mir der Herr helfe."
"Amen!" sprach der Ritter von Lichtenstein. "Aber ehe Ihr
hereinkommt, müßt Ihr auf gute Art aus dem Land hinaus. Es ist keine
Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollt."
Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: "Ihr habt recht,
ich will nach Mömpelgard. Von dort aus will ich sehen, ob ich so
viel Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu
wagen. Komm her, du getreuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der
Verbannung, Du weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den
Eid vergessen."
"Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt", sagte
Schweinsberg und trat näher zum Herzog, "Ich will mit Euch ziehen
nach Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmäht."
Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer.
"Nehmt mich mit Euch, Herr!" sagte er. "Meine Knochen taugen
freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im
Rat."
Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten. Über die
Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes Rot, sein Auge
leuchtete vom Mut der Begeisterung.
"Herr Herzog!" sagte er. "Ich habe Euch meinen Beistand angetragen
in jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr waret, Ihr habt ihn
nicht verschmäht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber könnt
Ihr ein Herz brauchen, das recht treu für Euch schlägt, ein Auge, das
für Euch wacht, wenn Ihr schlaft, und einen Arm, der die Feinde von
Euch abwehrt, so nehmt mich auf und laßt mich mit Euch ziehen."
Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Mann ohne Namen gezogen hatten,
loderten in dem Jüngling auf, sein Unglück und die erhabene Art, wie
er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten,
erhöhten diese Flammen zur Begeisterung und zogen ihn zu den Füßen
des Herzogs ohne Land.
Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen
jungen Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand,
hob ihn auf von den Knien und küßte ihn auf die Stirn.
"Wo solche Herzen für Uns schlagen", sagte er, "da haben Wir noch
feste Burgen und Wälle, und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist
mir lieb und wert, Georg von Sturmfeder, Du wirst mich begleiten mit
Freuden nehme ich Deine treuen Dienste an. Marx Stumpf von
Schweinsberg, Dich brauche ich zu wichtigerem Geschäft, als meinen
Leib zu decken. Ich werde Dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der
Schweiz. Eure Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht
annehmen. Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt treu an mir
gehandelt, Ihr habt mir allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's
vergelten. Wenn ich mit Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll
Eure Stimme die erste sein in meinem Rat."
Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig in der Ferne
stand. "Komm her, Du getreuer Mann!" rief er ihm zu und reichte ihm
seine Rechte. "Du hast Dich einst schwer an Uns verschuldet, aber Du
hast treu abgebüßt, was Du gefehlt."
"Ein Leben ist nicht so schnell vergolten", sagte der Bauer, indem er
düster zu Boden blickte, "noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will
sie zahlen."
"Geh heim in Deine Hütte, so ist mein Wille. Treibe Deine Geschäfte
wie zuvor, vielleicht kannst Du uns treue Männer sammeln, wenn wir
wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein! Wie kann ich Eure
Dienste lohnen? Seit vielen Nächten habt Ihr den Schlaf geflohen um
mir die Tür zu öffnen und mich vor Verrat zu sichern! Errötet nicht
so, als hättet Ihr eine große Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit,
zu handeln, Alter Herr", wandte er sich zu Mariens Vater. "Ich
erscheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht
verschmähen, den ich Euch zuführe."
"Wie soll ich Eure Rede verstehen, gnädigster Herr?" sagte der Ritter,
indem er verwundert auf seine Tochter sah.
Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem. "Dieser
liebt Eure Tochter, und das Fräulein ist ihm nicht abhold, wie wäre
es, alter Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus ihnen machtet? Zieht nicht
die Stirn so finster zusammen, es ist ein ebenbürtiger Herr, ein
tapferer Kämpe, dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein
treuer Geselle in der Not."
Marie schlug die Augen nieder; auf ihren Wangen wechselte hohe Röte
mit Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah
sehr ernst auf den jungen Mann "Georg", sagte er, "ich habe Freude an
Euch gehabt seit der ersten Stunde, daß ich Euch sah. Sie möchte
übrigens nicht so groß gewesen sein; hätte ich gewußt, was Euch in
mein Haus führte."
Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede:
"Ihr vergeßt, daß ich es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief und
Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnt Ihr Euch
so lange? Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn; ich will ihn
belohnen mit Gütern, daß Ihr stolz sein sollt auf einen solchen
Schwiegersohn,"
"Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog", sagte der junge Mann
gereizt, als der Alte noch immer unschlüssig schien. "Es soll nicht
von mir heißen, ich habe mir ein Weib erbettelt und mich ihrem Vater
aufdrängen wollen. Dazu ist mein Name zu gut." Er wollte im Unmut
das Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber faßte seine
Hand: "Trotzkopf!" rief er, "wer wird denn gleich so aufbrausen? Da,
nimm sie, sie sei Dein, aber--denke nicht daran, sie heimzuführen,
solange ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei
dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn
Du treulich aushältst: Am Tag, wo Ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo
Württemberg seine Fahnen wieder aufgepflanzt und seine Farben von den
Zinnen wehen, will ich Dir mein Töchterlein bringen und Du sollst mir
ein lieber Sohn sein!"
"Und an jenem Tag", sprach der Herzog, "wird das Bräutchen noch viel
schöner erröten, wenn die Glocken vom Turme tönen und die Hochzeit in
die Kirche zieht! Dann werde ich zum Bräutigam treten und zum Lohn
fordern, was mir gebührt. Da, guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es
ist zu vermuten, daß es nicht der erste ist, herze sie noch einmal,
und dann gehörst Du mir bis an den fröhlichen Tag, wo wir in
Stuttgart einziehen. Laßt uns trinken, Ihr Herren auf die Gesundheit
des Brautpaars!"
Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf und kämpfte mit den
Tränen die noch immer aus den schönen Augen perlten. Sie goß die
Becher voll und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren
Blicken, mit so lieblicher Anmut, daß er Georg glücklich pries und
sich gestehen mußte, manch anderer möchte um solchen Preis selbst
sein Leben wagen.
Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, daß ihnen der Herzog
einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulrich
von Württemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schöne Land,
von dem er scheiden mußte, einen Augenblick wollte sich eine Träne in
seinem Auge bilden, er wandte sich kräftig ab. "Ich habe hinter mich
geworfen", sagte er, "was mir einst teuer war; ich werde es
wiedersehen in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze
ich noch Länder. Beklagt mich nicht, sondern seid getrosten Mutes,
wo der Herzog ist und seine Treuen: _Hie gut Württemberg alleweg!_"