Karfreitag und Ostern waren vorübergegangen, und Georg von Sturmfeder
befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses Schlosses
hatte ihn eingeladen bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine
andere Wendung nehmen würde oder Gelegenheit da wäre, der Sache des
Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken wie gerne
der junge Mann diese Einladung annahm. Unter einem Dach mit der
Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein von
ihrem Vater geliebt--er hatte in seinen kühnsten Träumen kein
ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke trübte den Himmel der
Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen auf der Stirn des Vaters
lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem
Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen
Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen ohne daß der
Ritter seinem Gast eröffnete, was sie gebracht hätten. Einige Male
glaubte Georg in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt über
die Brücke schleichen zu sehen; er hoffte von diesem vielleicht etwas
erfahren zu können, er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er
bis an die Brücke kam, war jede Spur von ihm verschwunden.
Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen Mangel an
Zutrauen, wie er es bei sich und seinen Äußerungen gegen Marie nannte.
"Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten,
obgleich ihre Partei nicht viel Lockendes hat; der Mann in der Höhle
und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und
Vertrauen aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich nicht
erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der Herzog
operiert, um sein Land wieder zu erobern? Bin ich nur zum
Dreinschlagen gut? Verschmäht man mich im Rat?"
Marie suchte ihn zu trösten Es gelang oft ihren schönen Augen ihren
freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen aber
dennoch kehrten sie in manchem Augenblick wieder, und die sorgenvolle
Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er
beigetreten war.
Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen
nicht länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, für
unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plänen stehe,
ob man nicht auch seiner endlich einmal bedürfe? Aber der Ritter
von Lichtenstein drückte ihm freundlich die Hand und sagte: "Ich sehe
schon lange, wackerer Junge, wie es Dir das Herz beinahe abdrücken
will, daß Du nicht teilnehmen kannst an unseren Mühen und Sorgen;
aber gedulde Dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, so
wird sich manches entscheiden. Was soll ich Dich mit ungewissen
Nachrichten, mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer
Jugendsinn ist nicht gemacht, bedächtig in ein Gewebe von Bosheit zu
schauen und die künstlich geschlungenen Fäden wieder loszumachen.
Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst Du ein
willkommener Genosse sein bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst Du
zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch
bald muß es sich entscheiden."
Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne, und doch war
er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er
den Namen des Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der
nächsten Nacht ins Schloß gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast
seinen Namen nennen dürfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: "Noch
ist's nicht an der Zeit!"
Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam.
Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann
in der Höhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als
recht oft in dessen Nähe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit
einem Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gast
zuzubringen. Er war zu stolz, sich aufzudrängen er wartete von Nacht
zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen;
es geschah nicht. Er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen
zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich
deswegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmäßig um
acht Uhr geführt wurde, lag gegen das Tal hinaus, gerade
entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke über den Abgrund führte.
Von hier war es also nicht möglich, ihn kommen zu sehen. Das große
Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer
lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch
nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den
Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke hinaus, sie
waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie hinüber,
aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.
Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn
er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies
nicht möglich, weil dort so viele Leute wohnten, daß er leicht
entdeckt werden konnte. Doch als er den Torweg und die Ställe
musterte, die unter dem Schloß in den Felsen gehauen waren, bemerkte
er an der Zugbrücke eine Nische, die von den Torflügeln bedeckt wurde,
welche man nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschloß. Dies
war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren
schien, um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links von der
Nische schloß sich die Zugbrücke an das Tor, rechts war die Treppe,
die hinauf führte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen mußte, der ins
Schloß kam. Dorthin beschloß er, in der kommenden Nacht sich zu
schleichen.
Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins
Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten
ihm freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er
entließ den Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich
angekleidet auf das Bett. Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den
die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Wald herübertrug. Oft
schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener
unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur
mit ermatteten Kräften gegen die Bande des Schlummers sträubt, aber
immer wieder rang er sich los, wenn seine Gedanken klar genug waren,
um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis zurückzuführen.
Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und tot, Georg
raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hüllte sich
in seinen Mantel und öffnete behutsam die Tür seiner Kammer. Er
hielt den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten. Die
Angeln seiner Tür knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand
diese verräterischen Töne gehört habe. Es blieb alles still. Der
Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich
glücklich, daß ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweiten Mal
verraten werde. Er schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal
hielt er an, um zu lauschen, ob alles still sei. Er hörte nichts als
das Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke, Er
stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht tönt alles lauter, und
Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tag nicht beachtet
hätte. Wenn Georgs Fuß auf ein Sandkörnchen trat, so rauschte es auf
der gewölbten Wendeltreppe, daß er erschrak und glaubte, man müsse es
im ganzen Haus gehört haben. Er kam am ersten Stock vorüber. Er
lauschte, er hörte niemand, aber auf dem Herd in der Küche flatterte
ein luftiges Feuer. Jetzt war er unten Auf den Weg von seiner Kammer
bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblick zurücklegte, hatte er
eine Viertelstunde verwandt.
Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu
sich her, daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Tür
war groß genug, daß er durch sie alles beobachten konnte. Noch war
alles still im Schloß. Nur flüchtige Tritte glaubte er über sich zu
vernehmen, es war wohl Marie, die geschäftig hin und her ging.
Nach einer tödlich langen Viertelstunde schlug es im Dorf elf Uhr.
Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches, Georg schärfte sein Ohr,
um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben
den Hund anschlagen, zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme:
"Lichtenstein!"
"Wer da?" fragte man aus der Burg.
"Der Mann ist da!" antwortete jene Stimme, die Georg von seinem
Besuch in der Höhle so wohl bekannt war.
Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den
Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten
Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem er noch damit beschäftigt
war, stürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab. Er
winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart
hinauf, als wolle er ihm behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn
herabzulassen Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und
leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschließen nicht
zurechtzukommen schien.
"Spute dich, Balthasar!" flüsterte sie. "Er wartet schon eine gute
Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind."
"Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein", antwortete er,
"dann sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke fällt. Ich habe
auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Öl geschmiert, daß sie
nicht mehr knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf
aufwecken."
Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich langsam nach
außen und legte sich über den Abgrund. Der Mann aus der Höhle, in
seinen groben Mantel eingehüllt, schritt herüber. Georg hatte sich
das Bild dieses Mannes tief ins Herz geprägt, und doch überraschten
ihn aufs neue seine auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge,
seine freie Stirn, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.
Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange
Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke
Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen
waren und nun um den zierlichen Hals herabströmten, die blendende
Stirn, das sinnige, blaue Auge, dem die langen dunklen Wimpern und
die schöngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz
gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles,
überstrahlt von dem Licht, das sie in der Hand hielt, bewirkte, daß
Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben, als in
diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kräftigen
Formen des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen
noch mehr hervorhob.
Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten
Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurück
und Georg vernahm folgendes Gespräch:
"Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf zurück? Ich lese
Unglück in Euern Mienen!"
"Nein, Herr, er ist noch nicht zurück", sagte Marie, "der Vater
erwartet ihn aber noch diese Nacht."
"Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis er kommt, und
sollte es Tag darüber werden--Hu! eine kalte Nacht, Fräulein", sagte
der Geächtete, "meine Uhus und Käuzlein in der Nebelhöhle muß es auch
gewaltig frieren, denn sie schrien und jammerten in kläglichen Tönen,
als ich heraufstieg."
"Ja, es ist kalt", antwortete sie, "um keinen Preis möchte ich mit
Euch hinabsteigen Und wie schauerlich muß es sein, wenn die Käuzlein
schreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke!"
"Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit", erwiderte
jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht des Mädchens am Kinn
ein wenig in die Höhe hob. "Nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die
Hölle? Was das für eine Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist
ganz wund. Gar zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen."
"Ach Herr!" flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Röte
über die zarten Wangen goß. "Wie mögt Ihr nur so sprechen. Wißt Ihr,
daß ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn
Ihr so von mir und dem Junker denkt?"
"Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen", sagte der
Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen, "ich habe ja in meiner
Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber
was gebt ihr mir, wenn ich für den Junker ein gutes Wort einlege beim
Vater, daß er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was
ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt
er ihn unbesehen."
Marie schlug die Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken an.
"Gnädigster Herr", antwortete sie, "ich will es Euch nicht verwehren,
wenn Ihr für Georg ein gutes Wort sprecht. Übrigens ist ihm der
Vater schon sehr gewogen."
"Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles hat seinen
Preis. Nun, was wird mir dafür?"
Marie schlug die Augen nieder. "Ein schöner Dank", sagte sie "aber
kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns warten."
Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt
sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, es wurde ihm bald heiß,
bald kalt, er faßte den Torflügel und wäre nahe daran gewesen, diese
Fürsprache um einen fixen Preis zu verbitten.
"Warum so eilig?" hörte er den Mann der Höhle sagen. "Nun, sei es um
ein Küßchen so will ich loben und preisen, daß Dein Vater sogleich
den Pfaffen holen läßt, um das heilige Sakrament der Ehe an Euch zu
vollziehen."
Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den
Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen. Das
Fräulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blick an.
"Das kann unmöglich Eurer Gnaden Ernst sein", sagte sie, "sonst
hättet Ihr mich zum letzten Mal gesehen."
"Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser Trotz steht",
sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, "Ihr ginget
den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. Übrigens habt Ihr
recht, wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man
keine solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf
Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Fürsprecher machen. Und an
Eurem Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten,
dann wollen wir sehen, wer recht behält."
"Das könnt Ihr!" sagte Marie, indem sie ihm lächelnd ihre Hand entzog
und mit dem Licht voranging. "Aber macht Euch immer auf eine
abschlägige Antwort gefaßt, denn über diesen Punkt spaßt er nicht
gerne."
"Ja, er ist verdammt eifersüchtig", entgegnete der Ritter im
Weiterschreiten. "Ich könnte Euch davon eine Geschichte erzählen,
die mir selbst mit ihm begegnet ist. Aber ich habe versprochen, zu
schweigen."--Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden
undeutlicher. Georg schöpfte wieder freien Atem. Er lauschte und
harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und
Gängen hörte. Dann verließ er seinen Platz und schlich sich nach
seiner Kammer zurück. Die letzten Worte Mariens und des Geächteten
lagen noch in seinen Ohren. Er schämte sich seiner Eifersucht, die
ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkürlich hingerissen hatte, wenn
er bedachte, in welch unwürdigem Verdacht er die Geliebte gehabt und
wie rein sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei. Er verbarg
sein errötendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spät entführte
ihn der Schlummer diesen quälenden Gedanken.
Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um
sieben Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück versammelte, kam ihm
Marie mit verweinten Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite
und flüsterte ihm zu: "Tritt leise ein, Georg! Der Ritter aus der
Höhle ist im Zimmer. Er ist vor einer Stunde ein wenig
eingeschlummert. Wir wollen ihm diese Ruhe gönnen!"
"Der Geächtete!" fragte Georg staunend, "wie kann er es wagen, noch
bei Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?"
"Nein!" antwortete Marie, indem von neuem Tränen in ihren Wimpern
hingen "Nein! Es muß in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen
anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten,
beschworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf
gehört. Hier will er ihn erwarten."
"Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?" warf
Georg ein. "Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus."
"Ach, Du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal
etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab. Und
nur zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht
sehr zureden wegzugehen; er hätte glauben können, wir tun es nur
wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, daß er sich gleich mit
dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt."
Sie waren während dieser Rede an die Tür der Herrenstube gekommen,
Marie schloß so leise als möglich auf und trat mit Georg ein.
Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach im oberen
Stock nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht
nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch
welche sich die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke
und Wände umzog ein Getäfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen
Hölzern kunstreich ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner
schmückten die Wand, welche kein Fenster hatte, und Tische und
Gerätschaften zeigten daß der Ritter von Lichtenstein ein Freund
alter Sitten und Zeiten sei, und seinen Hausrat, wie er ihn vom
Großvater empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor
einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers saß der Herr des
Schlosses. Er hatte sein Kinn und den langen Bart auf die Hand
gestützt und schaute finster und regungslos in einen Becher, der vor
ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch, der Becher
vor dem alten Herrn machten, daß man ungewiß war, ob er die Nacht
beim Becher zugebracht habe, oder ob er so früh am Tag sich durch
einen guten Trunk Kräfte sammeln wolle.
Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten
war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, in dem ein kaum
bemerkbares Lächeln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und
einen Stuhl zu seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen
Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut,
die allem, was sie tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte.
Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.
Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu:
"Ich fürchte, es steht schlimm!"
"Habt Ihr Nachricht?" fragte Georg ebenso heimlich.
"Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend hätten die Tübinger
mit dem Bund gehandelt."
"Gott im Himmel!" rief Georg unwillkürlich aus.
"Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu früh erfahren",
entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen
Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims
gestützt, er schlummerte. Sein grauer Mantel war über die Schulter
herabgefallen und ließ ein abgetragenes unscheinbares Lederkoller
sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein krauses Haar
fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des gerollten
Bartes quollen unter der Hand, in die er den Kopf gestützt hatte,
hervor.
Zu seinen Füßen lag sein großer Hund. Er hatte seinen Kopf auf den
Fuß seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem
Haupt des Geächteten.
"Er schläft", sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in den Augen
"Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit
einem wohltätigen Schleier. Er atmet leicht. Oh daß es beruhigende
Träume wären, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig,
wer sollte ihm nicht wünschen, daß er sie im Traum vergißt!"
"Es ist ein hartes Schicksal!" erwiderte Georg, indem er wehmütig auf
den Schlafenden blickte. "Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in
die Wüste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in
der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei
Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart!
Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach
seinen Gütern gelüstete."
"Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben", sprach der
Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst. "Ich habe ihn beobachtet
seit den Tagen seiner Kindheit, bis zu dieser Stunde; ich kann ihm
das Zeugnis geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen
waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn
nicht, zuweilen ließ er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreißen
aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und
wahrlich, er hat es grausam gebüßt!" Er hielt inne, als hätte er
schon mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg über
den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte versank in
Stillschweigen und tiefes Sinnen.
Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg
trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen. Unter dem
Felsen von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich
ein liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Höhen, durchschnitten
von einem eilenden Waldbach. Drei Dörfer liegen freundlich in der
Tiefe.
Georg betrachtete bewundernd. Er strengte sein Auge mehr und mehr an,
er suchte in die Weite zu dringen, und jedes Schloß, jedes Dorf in
der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm. Sie
teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frühen Kindheit
dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck,
sie wußte ihm jede Turmspitze zu nennen. "Wo ist eine Stelle in
deutschen Landen", sprach Georg, in diesen Anblick versunken, "die
sich mit dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen
erstiegen, von wo das Auge noch weiterdringt, aber diese lieblichen
Gefilde zeigen sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von Obst, und
dort unten, wo die Hügel bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich
habe noch keinen Fürsten beneidet, aber hier stehen zu können,
hinauszublicken von dieser Höhe und sagen zu können, diese Gefilde
sind mein!"
Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und Georg aus ihren
Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen
stand im Fenster der Geächtete und blickte mit trunkenen, glänzenden
Blicken über das Land hin, und Georg war ungewiß, ob jene Worte oder
das Andenken an sein Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten.
Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu
dem Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da
sei? "Der von Schweinsberg ist noch nicht zurück", antwortete dieser.
Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und schaute in
die Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. "Seid getrosten Mutes,
Herr", sagte sie, "schaut nicht mit so finstern Blicken auf das Land.
Trinkt von diesem Wein, er ist gut Württembergisch und wächst dort
unten an jenen blauen Bergen."
"Wie kann man traurig bleiben", antwortete er, indem er sich wehmütig
lächelnd zu Georg wandte, "wenn über Württemberg die Sonne so schön
aufgeht und aus den Augen einer Württembergerin ein so milder blauer
Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler,
wenn uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt euren
Becher und laßt uns darauf trinken. Solange wir Land besitzen in den
Herzen, ist nichts verloren: Hie gut Württemberg allezeit."
"Hie gut Württemberg allezeit", erwiderte Georg und stieß an. Der
Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit
wichtiger Miene hereintrat. "Es sind zwei Krämer vor der Burg",
meldete er, "und begehren Einlaß."
"Sie sind's, sie sind's", riefen in einem Augenblick der Geächtete
und Lichtenstein. "Führ sie herauf."
Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte dieser
Meldung, Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit
seinen feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete seine
Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte und Blässe, die
auf seinen ausdrucksvollen Zügen wechselte, zeigten, wie die
Erwartung dessen, was er hören werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr
brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie näherten
sich dem Gemach. Der gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch
halten mußte, seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der
Tür, als wolle er in den Mienen des Kommenden sogleich Glück oder
Unglück lesen--jetzt ging die Tür auf.