Als Georg die Türe öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten
Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war
dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an
in einer Familie bleiben, sich einbürgern, in die Familie verwachsen
und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden Sie hatte ihre
Nützlichkeit besonders nach dem Tod der Frau von Lichtenstein erprobt,
wo sie Marie mit großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von
einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von
diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert.
Sie hatte aber wie ein kluger Feldherr sich den Rücken gesichert, sie
hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt
war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle
zusammen wie sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit, und weil
es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch diesen Kunstgriff
und durch ihre lange Dienstzeit die Zügel der häuslichen Regierung an
sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab
zu verstehen, daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze
Gnade nur darin bestand, daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen
auszankte.
Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten
Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend
ihr ganzes Vertrauen besessen. Noch in Tübingen war sie wenigstens
halb ins Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich
so tätigen Anteil an allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt
hätte: "Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste", oder--
"uns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen."
Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein
bemerkte, daß Frau Rosel zu gern schwatze, sie war ihr auf der Spur,
daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war
daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im
Augenblick, warum dies geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach
Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen
Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt
hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da wurde die
Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim
Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe.
Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte.
Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde
lebte, suchte einige Male Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen
und so das alte Verhältnis wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war
zu voll, die Amme ihr zu verdächtig als daß sie etwas gesagt hätte.
Als daher der geächtete Ritter nächtlicher Weile ins Schloß kam, als
das Fräulein so geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau
Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins
Geheimnis gezogen wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau
Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken,
daß er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als
Vertraute ihres Fräuleins, wußte er ja doch nicht, wie dieses
Verhältnis indessen so anders sich gestaltet habe.
Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die
Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde
ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution
dafür erhalten, und war mit soviel leichterem Herzen und Gewissen auf
den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie vorher schwer und unter der
Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen
Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um
ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr
Kämmerlein hinaufstieg um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen,
hörte sie ihr Fräulein und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander
sprechen; es wollte ihr sogar bedünken, ihr Fräulein weine.
"Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?" dachte
sie. Die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr
Auge und Ohr ans Schlüsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen
Worten den Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.
Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie nicht mehr
Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer
gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie
wußte zu helfen in solchen mißlichen Fällen, sie ließ Georg nicht an
sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hände
des jungen Mannes und überströmte ihn mit einem Schwall von Worten.
"Ei, du meine Güte! Hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den
Junker von Sturmfeder noch schauen würden! Und ich mein', Ihr seid
noch schöner worden und größer, seit ich Euch nimmer sah! Hätt' ich
das gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Tür', denke, ei! Wer
spricht jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr ist's nicht. Von
den Knechten ist's auch keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt
ist's der Junker Georg, der da drin spricht!"
Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von
ihr loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich nicht gezieme, vor
ihr zu zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er, keinen
Augenblick mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der
knöchernen Faust der Alten, aber indem er sie frei fühlte, hatte sie
auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels
höhnisches Lächeln zu achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei
dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu
bannen schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine
neue Verlegenheit. Er fühlte seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß
es Marie nicht so bös mit ihm gemeint habe.--Wie sollte er aber
jetzt mit Ehren zurückkehren? Wie sollte er so ganz ungekränkt
scheinen? Wäre er mit Marien allein gewesen, so war es vielleicht
noch eher möglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau
Rosel umzukehren, sich durch einen Händedruck, durch einen Blick
erweichen lassen und gefangengeben? Er schämte sich vor diesem Weib,
weil er sich vor sich selbst schämte.
Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram
ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene
Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen
war. Sie faßte die Hand des Junkers fester: "Ihr werdet uns doch
nicht schon wieder verlassen wollen; nachdem Ihr kaum ein Stündchen
auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen,
läßt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte
des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht
begrüßt?"
Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß Georg sprach:
"Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir
zusammen leerten."
"Nun?" fuhr die Alte fort. "Da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm
Abschied genommen haben?"
"Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten."
"Ei, wer wird denn gehen wollen?" sagte sie und drängte ihn sanft in
das Zimmer zurück "Das war mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja
Wunder meinen, was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer
bei Tag kommt", setzte sie mit einem stechenden Blick auf das
Fräulein hinzu, "wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und
darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der Nacht."
Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und unwillkürlich
mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die
strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf.
"Ja, ja, wie ich sagte", fuhr Frau Rosel fort, "braucht Euch nicht
wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht besser
gewesen, Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort heißt es:
'Sieh für Dich, irren ist mißlich; und wer will haben Ruh, bleib' bei
seiner Kuh!' Aber ich will nichts gesagt haben."
"Nun ja", sagte Marie, "Du siehst, er bleibt da. Was willst Du nur
mit Deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst, sie passen nicht
immer."
"So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist.
'Aber Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener Tat'. Ich weiß
schon, 'Undank ist der Welt Lohn', ich kann ja schweigen. 'Wer will
haben gute Ruh, der seh' und hör' und schweig' dazu.'"
"Nun, so schweig' immerhin", entgegnete das Fräulein, etwas gereizt.
"Übrigens wirst Du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu
merken läßt, daß Du Herrn von Sturmfeder schon kennst. Es wäre
möglich, er könnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein
gekommen."
Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es tat ihr wohl,
daß man sie brauchte, daß man Stillschweigen von ihr erbitten mußte.
Auf der andern Seite war sie noch unwillig darüber, daß das Fräulein
seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie
murmelte daher nur einige unverständliche Worte vor sich hin, indem
sie die Stühle wieder an die Wände stellte, die Becher vom Tisch nahm
und die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit
der Tisch eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg der
sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und
der Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet
ließ. Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater noch
nichts um ihre Liebe wußte, er fürchtete, jener möchte es als
einziges Motiv seines Übertritts zu Württemberg ansehen, er möchte
ihn darum weniger günstig beurteilen, als er bisher getan. Dies
erwägend, näherte sich Georg der alten Frau Rosel. Er klopfte ihr
traulich auf die Schultern, und ihre Züge hellten sich zusehends auf.
"Man muß gestehen", sagte er freundlich, "Frau Rosalie hat eine
schöne Haube; aber dies Band paßt doch wahrlich nicht dazu, es ist
alt und verschossen."
"Ei was!" sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte sich wohl
auf eine freundlichere Rede gefaßt gemacht. "Was kümmert Euch meine
Haube, 'Ein jeder fege vor seiner Tür'. 'Sieh auf Dich und auf die
Deinen, danach schilt mich und die Meinen'. Ich bin ein armes Weib
und kann nicht Staat machen wie eine Reichsgräfin. 'Wenn alle Leute
wären gleich, und wären alle sämtlich reich, und wären all' zu Tisch
gesessen, wer wollt' auftragen Trinken und Essen?'"
"Nun, so habe ich's nicht gemeint", sagte Georg besänftigend, indem
er eine Silbermünze aus seinem Beutel zog. "Aber mir zu Gefallen
ändert Frau Rosalie schon ihr Band. Und daß meine Forderung nicht
gar zu unbillig klinge, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmähen!"
Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne
durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am
Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers,
ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das
verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des
Herzogs und dem Wappen von Teck--wie konnte sie so vielen Reizen
widerstehen? "Ihr seid doch der alte freundliche Junker!" sagte sie,
indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne
Tasche an ihrer Seite gleiten ließ und den Saum von Georgs Mantel zum
Mund führte. "Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand
ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt,
richtig rief es hinter mir: 'Guten Morgen, Frau Rosalie, und wie geht
es dem Fräulein?' Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt:
wenigstens zwei Drittel von dem Rock, den ich hier trag', verdank'
ich Eurer Gnade!"
"Laßt das, gute Frau", unterbrach sie Georg. "Und was den Herrn
betrifft, so wirst Du--"
"Was meint Ihr!" erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrückte.
"Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da könnt Ihr Euch
drauf verlassen. 'Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was
mich nicht brennt, das blase ich nicht!'"
Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten
Stock hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten.
Die Liebenden aber hatten sich nach ihrem Abzug bald wieder gefunden.
Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen,
und als sie mit den süßesten Tönen der Liebe ihn fragte, ob er ihr
wieder gut sei, da vermochte er ihr nicht nein zusagen, und der
Friede war, was selten der Fall ist, in kürzerer Zeit wieder
geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.
Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung und es
gehörte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein
Vertrauen in das Wort des Geächteten dazu, um nicht von neuem außer
Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den Ritter
getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errötete sie, sie
richtete sich stolzer auf und drückte die Hand des Geliebten, sie
gestand ihm, daß er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener
Mann sei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie
hinabstiegen in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten, wie
er tief unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und erhaben
geschienen; da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte hinauf
zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige Geschick
dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie
gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich seinen Freund genannt,
wie er sich zu Württembergs Sache, zu der Sache der Unterdrückten und
Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte
Mariens Auge von wunderbarem Glanz; sie sah Georg lange an, er
glaubte eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die
nicht die Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein
hervorbrachte.
"Georg!" sagte sie, "es werden viele sein, die Dich einst um diese
Nacht beneiden werden. Du darfst es Dir auch zur Ehre rechnen, denn
glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen geführt."
"Du kennst ihn", erwiderte Georg. "Du weißt um sein Geheimnis? Oh
sag mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen
Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hätte wie
dieser. Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schloß, aus dem er
vertrieben ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben
als 'der Mann', aber sein Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller
Blick verbürgten mir, daß er einst einen berühmten Namen in der Welt
gehabt haben müsse."
"Er hatte einen Namen", antwortete Marie, "einen, der sich mit den
besten messen konnte. Aber wenn er Dir ihn nicht selbst gesagt hat,
so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre gegen mein Wort, das ich
darauf gegeben. Herr Georg muß sich also schon noch gedulden",
setzte sie lächelnd hinzu, "so hart es ihn auch ankommt, denn er ist
ein neugieriger Herr."
"Mir kannst Du es ja doch sagen", unterbrach sie Georg, "sind wir
nicht eins? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne daß es der ander
Teil wissen muß? Schnell! Antworte, wer ist der Mann in der Höhle?"
"Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wäre, so müßtest
Du es auch wissen und könntest es mit Recht verlangen aber so--ich
weiß zwar, daß es bei Dir so sicher wäre als bei mir, aber ich darf
nicht."
Sie sprach noch, als die Tür aufsprang und eine Dogge von ungeheurer
Größe hereinstürzte. Georg fuhr unwillkürlich auf denn einen Hund
von solcher Größe und Stärke hatte er nie gesehen Der Hund stellte
sich ihm gegenüber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an zu
murren. Es tönte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie
ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne, die
er vorwies, zeigten ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht
reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und
besänftigt zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen schönen
Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald
nach dem Junker spähten.
"Er hat Menschenverstand!" sagte sie lächelnd. "Er kommt, um mich zu
warnen, daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll."
"Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er den Kopf so
stolz aus dem goldenen Halsband hervorträgt, als gehöre er einem
Kaiser oder König!"
"Er gehört ihm, dem Vertriebenen", erwiderte Marie, "und wenn ich auf
dem Sprung war, den Namen seines Herrn zu nennen kam er, mich zu
warnen."
"Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich. Wahrlich,
ein Arm wie der seine, unterstützt von einem solchen Tier, darf sechs
Mörder nicht fürchten."
"Das Tier ist wachsam", antwortete sie, "aber wild. Wenn er es in
der Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren Schutz. Wie
aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle käme? Sie ist so
groß, daß man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge würde
ihn verraten. Sie würde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte
hörte, und sein Aufenthalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen,
als er wegging hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge
für ihn. Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die
Freude solltest Du sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß dann sein
Herr bald ins Schloß kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und
die Schritte des Mannes auf dem Hof tönen, da ist er nicht mehr zu
halten; er würde sechsfache Ketten zerreißen, um bei ihm zu sein."
"Ein schönes Bild der Treue! Doch ein schöneres noch ist der Mann;
dem dieser Hund gehört. Hing er doch ebenso treu an seinem Herrn und
ließ sich verbannen und ins Elend jagen; es ist töricht von mir",
setzte Georg hinzu, "ich weiß, Neugierde steht einem Mann nicht an,
aber wissen möchte ich, wer er ist."
"So gedulde Dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will
ich ihn fragen, ob Du es wissen darfst, ich zweifle nicht, er wird es
erlauben."
"Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß ich a ihn
denken; wenn Du mir es nicht sagst, so muß ich mich an den Hund
wenden, vielleicht ist er gütiger als Du."
"Versuche es immer", rief Marie lächelnd, "wenn er sprechen kann, so
soll er es nur gestehen."
"Hör einmal, du ungeheurer Geselle" wandte sich Georg in dem Hund,
der ihn aufmerksam ansah, "sage mir, wie heißt dein Herr?"
Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen auf und
brüllte in schrecklichen Tönen "U-u-u!"
Marie errötete. "Laß doch die Possen", sagte sie und rief den Hund
zu sich, "wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher
Gesellschaft ist!"
Georg schien nicht darauf zu hören. "U hat er gesagt, der gute Hund?
Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten! Es ist nicht das
erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein Herr?"
Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit
noch gräulicheren Tönen als vorher sein "U-u-u!" zu heulen an. Aufs
neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig den Hund schweigen; er
legte sich ruhig zu ihren Füßen.
"Da haben wir's", rief Georg lachend, "der Herr heißt U! Und fing
das sonderbare Wort auf dem Ring den mir der Ritter gab, nicht auch
mit U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht Uffenheim? Oder
Uxküll? Oder Ulm? Oder vielleicht gar--"
"Unsinn! Der Hund hat gar keinen anderen Laut als U; wie magst du
Dir nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der
Vater den Berg herauf; willst Du, daß es ihm verborgen bleibe, so
nimm Dich zusammen und verrate Dich nicht. Ich gehe jetzt, denn es
ist nicht gut, wenn er uns beisammen antrifft."
Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah
sich von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der
Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede
zärtliche Annäherung unmöglich machte.