Kapitel 22

Als die beiden Männer in dem weiten Saal von Lichtenstein allein

waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute ihn an, als

messe er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude

drang aus seinen Augen, und die Melancholie seiner Stirn war

verschwunden, er war heiter, fröhlich sogar, wie der Vater, der einen

Sohn empfängt, der von langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich

eine Träne aus seinem glänzenden Auge, aber es war eine Träne der

Freude, denn er zog den überraschten Jüngling an sein Herz.

"Ich pflege nicht weich zu sein", sprach er nach dieser feierlichen

Umarmung zu Georg, "aber solche Augenblicke überwinden die Natur,

denn sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen

trauen? Trügen die Züge dieses Briefes nicht? Ist dieses Siegel

echt und darf ich ihm glauben? Doch--was zweifle ich! Hat nicht

die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirn gedrückt? Sind die

Züge nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes

geschrieben? Nein, Ihr könnt nicht täuschen--die Sache meines

unglücklichen Herrn hat einen Freund gefunden?"

"Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meint, so habt Ihr recht

gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnete

mir längst den Herrn von Lichtenstein als einen treuen Freund des

Herzogs, und ich wäre vielleicht auch ohne den Rat jenes

unglücklichen Mannes, der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu

besuchen."

"Setzt Euch zu mir, junger Freund", sagte der Alte, dessen Augen

immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen, "setzt Euch

hier und hört, was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die

Leute ihre Farbe ändern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, daß

man die Überzeugung eines jeden ehren müsse, und daß ein Mann, wenn

er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen

sei, weil er anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe

mit so uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder,

wenn man dem Glück den Rücken kehrt, um sich an das Unglück

anzuschließen, da hat die Änderung großen Wert, denn sie trägt das

Gepräge einer edlen Tat an der Stirn."

Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der Lichtensteiner

seine uneigennützigen Absichten pries. War es denn nicht auch die

schöne Tochter, die ihn zu der Fahne des Vaters führte? Und mußte er

nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn über kurz oder lang

dieses Motiv seines Übertrittes ans Licht kam? "Ihr seid zu gütig",

antwortete er, "die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer

verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert,

daß mein Übertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten

Gefühl des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen

irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht, daß

Ihr mich für zu gut hieltet, es würde mir um so weher tun, wenn Ihr

nachher ungünstiger von mir urteiltet."

"Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr," entgegnete

der Herr des Schlosses und drückte seinem Gast die Hand. "Doch traue

ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch

will ich kühn behaupten, daß, wenn Euch auch noch eine andere Absicht

leitet, als das Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine

schlechte sein kann. Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und

wer feig ist, wagt es nicht, den Truchseß, den Herzog von Bayern und

den schwäbischen Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten, wie

ihr aufgetreten seid."

"Was wißt Ihr von mir?" rief Georg mit freudigem Erstaunen. "Habt

Ihr denn je von mir gehört vor diesem Augenblick?"

Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete, unterbrach

die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildpret und volle Becher vor

Georg hin und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink

seines Herrn entfernte ihn aufs neue. "Verschmäht diesen Morgenimbiß

nicht", sagte er zu dem jungen Mann, "den ersten Becher sollte zwar

die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die

meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an

ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, um

am hohen Fest eine Predigt zu hören und die Messe. Nun, Ihr fragt

mich, ob ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr seid ja jetzt unser,

daher darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war

zur Zeit, als Ihr in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter

abzuholen, die sich dort aufhielt, hauptsächlich aber, um manches zu

erfahren, was für den Herzog zu wissen wichtig war; Gold öffnet alle

Pforten", setzte er lächelnd hinzu, "auch die des hohen Rates, und so

hörte ich täglich, was die Bundesobersten beschlossen. Als der Krieg

erklärt wurde, war ich genötigt, abzureisen, ich hielt aber treue

Männer in jener Stadt, die mir auch das Geheimste berichteten, was

vorging."

"War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt", fragte Georg, "den ich

bei dem Geächteten traf?"

"Und der Euch über die Alb führte? Jawohl! Diese brachten immer

Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, daß man beschloß, einen Späher

hinter den Rücken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von

Tübingen, um dem Bund sogleich Nachricht von unseren Schritten zu

erteilen. Ich erfuhr auch, daß die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun

muß ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich

gleichgültig, nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, daß Ihr noch

solch ein junges Blut wäret, denn sobald Ihr über die Alb kämet als

Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen

oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond

hinscheint. Um so überraschender war mir und vielen Männern die

Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und wie tapfer Ihr vor jenen

Herren gesprochen. Auch daß Ihr absagtet und auf vierzehn Tage

Urfehde schwören mußtet, erfuhr ich Und wie freut es mich, daß Ihr

nun gar unser Freund geworden seid!"

Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge strahlte vor Freude;

brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die

Verhältnisse zwischen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer

Wunsch, dessen Erfüllung oft so weit in die Ferne hinausgerückt

schien, war in Erfüllung gegangen; er hatte unbewußt Mariens Vater

für sich gewonnen "Ja, ich habe ihnen abgesagt", antwortete Georg,

"weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund

geworden; doch wäre es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer

Sache bekannt; aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten

Mann saß, als ich bedachte, wie man mit den Edlen und selbst mit dem

Herrn des Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so mächtig an

meiner Brust anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar,

hierher müsse ich stehen, hier müsse ich streiten. Und glaubt Ihr,

es werde bald etwas zu tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch

herübergeritten, um die Hände in den Schoß zu legen!"

"Das konnte ich mir denken", sagte der Ritter lächelnd, "vor vierzig

Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es ließ mich nicht lange

auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wißt Ihr; man kann sagen,

eher schlimm als gut. Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen

Strich von Urach herauf. Auf eines kommt alles an, hält Tübingen

fest, so siegen wir."

"Die Ehre von vierzig Rittern birgt dafür", rief Georg mit Unmut,

"das Schloß ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen, Besatzung ist

hinlänglich da, und vierzig Männer von Adel werden sich so leicht

nicht ergeben. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Haben sie

nicht des Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses? Sie

müssen sich halten."

"Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen

an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tübingen

einen festen Punkt, von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es

sind große Kriegsvorräte, es ist ein großer Teil des Adels dort;

solange sie zu seiner Partie halten, ist Württemberg nur dem Boden

nach gewonnen, dem Geist nach ist es noch des Herzogs; aber ich

fürchte, ich fürchte!"

"Wie? Unmöglich können sich die Vierzig ergeben!"

"Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt", erwiderte der Alte, "Ihr

wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann

straucheln machen können. Und es ist mancher in der Burg, dem der

Herzog zuviel getraut hat. Er merkt auch wohl, daß es nicht ganz

lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von

Schweinsberg an sie mit einem bewegten Schreiben, das Schloß nicht zu

übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen,

weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn verhänge."

"Der arme Herr!" rief Georg bewegt. "Aber ich kann nicht glauben,

daß der Landesadel so schändlich freveln könnte; sie werden ihn

einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird

Ausfälle machen, er wird sie schlagen, die Belagerer, trotz Bayern

und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschließen, wir werden

fechtend durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen."

"Marx Stumpf ist noch nicht zurück", sagte der Ritter von

Lichtenstein mit besorgter Miene, "auch haben sie seit gestern das

Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß hier auf dem

Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grab."

"Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht, sie

werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, daß es durch

Eure Felsen hallt."

"Was da!" entgegnete jener. "Wegen des Festes? Seinem Herzog treu

zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wäre den Heiligen im

Himmel vielleicht lieber, sie hörten den Donner der Feldschlangen von

Tübingens Wällen, als daß sie die Ritter müßig sähen. Müßiggang ist

aller Laster Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt,

der wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer."

"Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt,

sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil die Besatzung seit

einigen Tagen zu wanken scheint? Da kann also Ulrich nicht bis

Mömpelgard entflohen sein, wie die Leute sagen. Da ist er vielleicht

in der Nähe? Oh daß ich ihn sehen könnte, daß ich mich mit ihm nach

Tübingen schleichen könnte!"

Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten.

"Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist", sagte er, "Ihr werdet ihm

angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut,

so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort

drauf.--Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein zu

gedulden Mich ruft ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird.

Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schaut Euch um in meinem

Haus, ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein

solches Vergnügen zum Karfreitag paßte."

Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ

das Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schloß dem Wald

zureiten.

Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug

ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen

Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Er erging

sich dann in dem großen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern

eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den

Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte.

Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele

vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen,

die am blauen Gewölbe des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg,

die er seit mehr als einem Jahr im Wachen geträumt, in Träumen klar

gesehen hatte. Dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft

erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes,

in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden ist.

Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist,

der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war,

freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem schmalen Raum am

Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem

Topf auf dem Tisch standen, hatte sie vielleicht heute schon

gepflückt. Er ging hin, die Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu

begrüßen.

Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden

Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor

der Tür zu vernehmen. Er sah sich um--sie war es, es war Marie, die

staunend und regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Tür

stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine

Lippen erst schienen sie zu überzeugen, daß es nicht der Geist des

Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wieviel hatten sie sich zu

fragen, bei weitem mehr, als sie nur antworten konnten! Es gab

Augenblicke, wo sie, wie aus einem Traum erwacht, sich ansahen, sich

überzeugen mußten, ob sie denn wirklich sich wieder hätten.

"Wieviel habe ich um Dich gelitten", sagte Marie, und ihre Wangen

straften sie nicht Lügen, "wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus

Ulm scheiden mußte. Zwar hattest Du mir gelobt, vom Bund abzulassen,

aber hatte ich denn Hoffnung, Dich so bald wiederzusehen?--Und dann,

wie mir Hans die Nachricht brachte, daß Du mit ihm nach Lichtenstein

kommen wolltest, aber überfallen, verwundet worden seiest. Das Herz

wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu Dir, konnte

Dich nicht pflegen!"

Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht

zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens zarter

Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte,

oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie

er dem Bund abgesagt, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der

Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.

Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder

in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als sie mit Verwunderung

fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein

aufgebrochen sei, wußte er sich nicht zu raten. Die schönen, klaren

Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, daß

er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.

"Ich will es nur gestehen", sagte er mit niedergeschlagenen Augen,

"die Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte mir etwas von

Dir, was ich nicht mit Gleichmut hören konnte."

"Die Wirtin? Von mir?" rief Mane lächelnd. "Nun, was war denn dies,

daß es Dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?"

"Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der geächtete

Ritter hat mich schon längst überzeugt, daß ich völlig unrecht hatte."

"Nein, nein", entgegnete sie bittend, "so entgehst Du mir nicht. Was

wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe nur gleich--"

"Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, Du habest einen

Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die

Burg."

Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit zu lachen,

kämpften in ihren schönen Zügen. "Nun, ich hoffe", sagte sie, "Du

hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über

eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, Du

könntest unser Schloß noch erreichen und hier übernachten?"

"Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Sieh, ich war noch halb

krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber Deine Amme, die

alte Frau Rosel, wurde angeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie

hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um

meine Liebe betrogen sei, da--oh sieh nicht weg, Marie, werde mir

nicht böse! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf,

um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben."

"Das konntest Du glauben?" rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren

Augen "Daß Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie

ist ein altes Weib, klatscht gerne. Daß die Frau Wirtin solche

Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiß nichts

Besseres zu tun. Aber Du, Du, Georg, konntest nur einen Augenblick

so arge Lügen glauben, Du wolltest Dich über-zeugen daß--" Von neuem

strömten ihre Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre

Stimme.

Georg zürnte selbst, daß er so töricht hatte sein können, aber er

fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten

begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. "Verzeihe

mir nur diesmal", bat er. "Sieh, wenn ich Dich nicht so liebgehabt

hätte, ich hätte gewiß nicht geglaubt. Aber wenn Du wüßtest, was

Eifersucht ist!"

"Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein", sagte Marie

unmutig, "Aber schon in Ulm hast Du etwas der Art gesagt, und schon

damals hat es mich recht tief betrübt. Aber Du kennst mich gar nicht,

wenn Du mich recht gekannt hättest, wenn Du mich geliebt hättest,

wie ich Dich, wärest Du nicht auf solche Gedanken gekommen."

"Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden", rief Georg und faßte

ihre Hand, "Wie kannst Du mir vorwerfen, daß ich Dich nicht liebe,

wie Du mich? Hätte es denn nicht möglich sein können, daß ein

Würdigerer als ich erschienen, daß der arme Georg durch irgendeinen

bösen Zauberer aus Deinem Herzen verdrängt worden wäre? Es ist ja

doch alles möglich auf der Erde!"

"Möglich?" unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit

Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte,

schien sie allein zu beseelen. "Möglich? Wenn Ihr nur einen

Augenblick so Arges von mir für möglich halten konntet, ich

wiederhole es, Herr von Sturmfeder! So habt Ihr mich nie geliebt.

Ein Mann muß sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er

muß fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch

glauben."

"Diesen Vorwurf habe ich von Dir am wenigsten verdient", sagte der

junge Mann, indem er unmutig aufsprang, "Wohl bin ich ein Rohr, das

vom Wind hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum

verachten--"

"Es könnte sein", flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es sein Ohr

nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.

"Auch Du willst mich also darum verachten, und doch bist Du es, was

mich hin und her bewegt! Ich habe Dich auf bündischer Seite gesucht,

ich war selig, als ich Dich dort fand. Du batest mich, davon

abzulassen, ich ging, Ich tat noch mehr. Ich kam zu Euch herüber, es

kostete mich beinahe das Leben, und doch ließ ich mich nicht

abschrecken. Ich ergriff Württembergs Partei; ich kam zu Deinem

Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, daß ich sein

Freund geworden--aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom

Wind hin und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich--zum

letzten Mal--von Dir bewegen lassen. Ich will fort, weil Du meine

Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!"

Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein

Barett und wandte sich zur Türe.

"Georg!" rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe, indem sie

aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des

Unmuts war verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und

nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge. "Um Gottes willen, Georg!

Ich meinte es nicht so böse. Bleibe bei mir, ich will alles

vergessen, ich schäme mich, daß ich so unwillig werden konnte."

Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen,

er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln

gewonnen zu werden, denn sein Entschluß stand fest, das Schloß zu

verlassen "Nein!" rief er, "Du sollst das Rohr nicht mehr

zurückwenden. Aber Deinem Vater kannst du sagen, wie Du seinen Gast

aus seinem Haus vertrieben hast." Die runden Fensterscheiben

zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriß

seine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr, schritt er fort, er riß

die Tür auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine

Erscheinung fesselte.

Lichtenstein · 第 26 / 40 题