Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die
Gegenstände umher besinnen, als er vom Pfeifer von Hardt aus dem
Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber kehrten die Bilder der
vergangenen Nacht in seine Seele zurück, und er erwiderte freudig den
Handschlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte. "So gerne
ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde", sprach
dieser, "so möchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein
aufzubrechen, wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollt. In
meiner Höhle kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir
machen niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten
könnte."
Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für seine
Beherbergung. "Wahrlich", sagte er, "ich habe selten eine
fröhlichere Nacht beim Becher verlebt als in dieser Höhle. Es hat
etwas Reizendes, so tief unter den Füßen der Menschen zu atmen und
mit Freunden sich zu besprechen Ich gebe nicht den herrlichsten Saal
des schönsten Schlosses um diese Felsenwände!"
"Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist", entgegnete der
Bewohner der Höhle, "aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang
einsam in diesen Kellern über sein Unglück zu brüten, wenn das Herz
sich hinaussehnt in den grünen Wald, unter den blauen Himmel, wenn
das Auge, müde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen möchte in
die reizende Landschaft, hinüberschweifen möchte über lachende Täler
zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem
eintönigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den
Wänden rieseln und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen, sich
hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu hören, zu lauschen, wie das
Wild in den Büschen rauscht!"
"Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß schrecklich
sein!"
"Und dennoch", fuhr jener fort und richtete sich höher auf, indem ein
stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, "und dennoch preise ich mich
glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben.
Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tiefer hinabsteigen, wo die
Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hände meiner Feinde
zu fallen und ihr Gespött werden; und wenn sie dahin mir nachkämen,
die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen
Nägeln weiter hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte
hinabsteigen, tiefer und immer tiefer, bis zum Mittelpunkt der Erde.
Und kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern, die
mich verlassen haben, und wollte den Teufel rufen, daß er die Pforten
der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die Verfolgung dieses
übermütigen Gesindels." Der Mann war in diesem Augenblick so
furchtbar, daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte. Seine
Gestalt schien größer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine
Wangen glühten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen
Feind, den sie vernichten sollten, seine Stimme dröhnte hohl und
stark, und das Echo der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tönen
seine Verwünschungen nach. Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu
stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefühle eines Mannes
nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus
seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein
angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. "Es liegt ein Trost in
dieser Besinnung", sagte er zu dem Geächteten, "und Ihr werdet Euer
Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht scharf ins Auge
faßt. Ich bewundere Euch um Eure Seelenstärke, Herr Ritter; aber
eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir eine Frage ab, die
vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in
der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht wagen
dürfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?"
Es mußte etwas Lächerliches in dieser Fragen liegen, das Georg nicht
finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zügen des
Ritters gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich
hin, dann aber brach er in lautes Gelächter aus, in welches, wie auf
ein gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte.
Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine
verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch
mehr zu reizen. Endlich faßte sich der Geachtete, "Verzeiht, werter
Gast, daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte und mir nicht
lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lächerlich
fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn
denn?"
"Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß er wegen
des Herzogs vertrieben wurde und daß die Bündischen auf ihn lauern,
und paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?"
Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das möchte ich
Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommt
wie mir, denn dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken
zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner dicker Kerl, einen
Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen.
Übrigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von den wenigen,
die ihren Herrn im Unglück nicht verließen."
"So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?" entgegnete Georg traurig
"und ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?"
"Junger Mann!" sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den
gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde. "Ihr habt
einen Freund gefunden durch Euer tapfereres, ehrenvolles Wesen, durch
Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem
unglücklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu
haben, fragt nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses
trauliche Verhältnis zerstören, das mir so angenehm ist. Lebt wohl,
denkt an den geächteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe
zwei Tage vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören." Es
wollte Georg dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines
unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener
huldreich entläßt, so groß war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm
auf der Stirn thronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge
drang.
Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet und
stand wartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte
einen Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm zu gehen. Er
ging und wußte nicht, wie ihm geschah, noch nie war ihm ein Mensch so
freundlich nahe, und doch zugleich so unendlich hoch über ihm
gestanden, noch nie hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß
ein Mann, entkleidet von jenem irdischen Glanz, der das Leben
schmückt, selbst in ärmlicher Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und
Größe von sich strahlen könne, die das Auge blendet, und das Gefühl
des eigenen Ichs so plötzlich überrascht und hinabdrückt.
Ein heller, freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der
Höhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in
der kühlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gängen und
Grotten der Höhle umzieht und wovon sie vielleicht den Namen
Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend auf die Brust. Sie fanden das
Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter
und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstücke, die am Sattel
befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten,
wie Georg befürchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein
grobes Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen
mochte, über den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine
Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht, während der Bauer diesem
einige Händevoll Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter
den Berg hinan Sie waren erst wenige Schritte vorgerückt, als der
Klang einer Glocke aus dem Tal herauftönte und die feierliche Stille
des Morgens unterbrach; eine andere antwortete, drei bis vier
stimmten ein, bis die melodischen Töne von wenigstens zwölf Glocken
von den Höhen umher und aus den Tälern aufstiegen. Überrascht
hielt der junge Mann sein Pferd an.
"Was ist das?" rief er. "Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir
heute ein Fest im Kalender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine
Krankheit so aus aller Zeit heraus gekommen, daß ich den Sonntag nur
daran erkenne, daß die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen
anhaben."
"Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen", antwortete Hans
der Spielmann, "ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen
müssen, wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte, als Mess' und
Predigt; aber heute ist es ein anderes Ding", setzte er ernster hinzu
und schlug ein Kreuz, "heut ist Karfreitag. Gelobt sei Jesus
Christus!"
"In Ewigkeit!" erwiderte der Jüngling. "Es ist das erste Mal in
meinem Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich soll, und
dieser Tag erinnert mich an manche schöne Stunde meiner Kindheit.
Damals lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und
ein ganz kleines Schwesterlein. Wir beide freuten uns immer, wenn
der Karfreitag kam; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages,
aber wir rechneten dann, daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo
uns die Mutter schöne Sachen bescherte. Requiescant in pace!" setzte
er ernster hinzu, indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu
verbergen. "Sie sind drüben alle drei und feiern dort ihren heiligen
Freitag."
"Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen", sagte der
Pfeifer nach einigem Stillschweigen, "aber mein Beichtiger mag es mir
schon vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker!
Denen, die schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen
vorwärts und nicht rückwärts sehen. So würde ich an Eurer Stelle
daran denken, wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren
könnt und wie sie sich freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht
auf der Brautfahrt, und wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine
gute, sanfte Mutter werden."
Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser
sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte. "Höre, guter Freund",
entgegnete er, "Dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch möchte
ich keinem andern raten, meine Ohren durch solche sündige Gedanken zu
entweihen."
"Nichts für ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das Fräulein
damit beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber seht Ihr
nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine
Viertelstunde, und wir sind oben."
"So viel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schloß auf
einen einzelnen, jähen Felsen hinausgestellt? Bei Gott, ein kühner
Gedanke, da konnte wohl niemand hinüberkommen, wer nicht mit den
Geiern im Bund war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt könnte
man mit Stückschüssen sehr zusetzen."
"Meint Ihr? Nun, es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle,
die auch ein Wörtchen antworten würden. Wenn Ihr recht gesehen habt,
so müßt Ihr bemerkt haben, daß der Felsen ringsum durch ein breites
Tal von den Bergen umher gesondert ist, dorther könnte man nicht viel
Schaden tun; die einzige Seite, die näher am Berg liegt, ist die, wo
die Zugbrücke herübergeht. Pflanzt einmal dort Geschütz auf und seht
zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schießt, ehe Ihr
nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollt Ihr Geschütz
herauf-führen in diesen Schluchten und Bergen, ohne daß Euch wenige
entschlossene Männer mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?"
"Da habt Ihr recht", antwortete Georg "ich möchte wissen, wer den
Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloß zu bauen."
"Das will ich Euch sagen", erwiderte der Spielmann, der mit allen
Sagen seines Landes vertraut war, "es lebte einmal vor vielen Jahren
eine Frau, die mußte viel Verfolgung dulden und wußte sich nicht mehr
zu raten. Da kam sie an diesen Felsen und sah, wie ein großer Geier
mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle
Nachstellung sicher war. Da beschloß sie, den Geier zu verdrängen.
Sie ließ das Schloß dorthin bauen, und als alles fertig war, ließ sie
die Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach:
"Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind." Und es konnte ihr
keiner mehr etwas anhaben. Aber seht, da sind wir schon. Lebt wohl,
vielleicht daß ich Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige
jetzt ins Land hinab und bringe dann dem Herrn in der Höhle
Kundschaft, wie es dort unten aussieht. Vergeßt nicht, an der Brücke
Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden, und hütet Euch, das
Siegel selbst zu brechen."
"Sei ohne Sorgen! Ich danke Dir für Dein Geleit, und grüße meinen
werten Gastfreund in der Höhle." Georg sprach es, trieb sein Pferd an,
und in wenigen Augenblicken war er vor der äußeren Verschanzung von
Lichtenstein angelangt.
Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und rief
einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu
übergeben. Georg hatte indes Zeit genug, das Schloß und seine
Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim
ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemütsstimmung, die ihn
nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte, die kühne Bauart dieser
Burg aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom
hellen Tag beleuchtet anschaute. Wie ein kolassaler Münsterturm
steigt aus einem tiefen Alptal ein schöner Felsen, frei und kühn,
empor. Weit ab liegt alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von
der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine
Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von
seinen festen Steinmassen abgespült. Selbst an der Seite von Südwest,
wo er dem übrigen Gebirge sich nähert, klafft eine tiefe Spalte,
hinlänglich weit, um auch den kühnsten Sprung einer Gemse unmöglich
zu machen, doch nicht so breit, daß nicht die erfinderische Kunst des
Menschen durch eine Brücke die getrennten Teile vereinigen konnte.
Wie das Nest eines Vogels, auf den höchsten Wipfel einer Eiche oder
auf die kühnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing das Schlößchen auf
dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr großen Raum haben, denn außer
einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die vielen
Schießscharten im untern Teil des Gebäudes und mehrere weite
Öffnungen, aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten,
zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine
nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen
Fenster des obern Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so
zeigten doch die ungeheuern Grundmauern und Strebepfeiler, die mit
dem Festen verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe
dieselbe braungelbe Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten,
angenommen hatten, daß es auf festem Grund wurzelte, und weder vor
der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde.
Eine schöne Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar,
und eine noch herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartturms
und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.
Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er wartend an der
äußern Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts über der Kluft auf
dem Land den Zugang zu der Brücke deckte. Jetzt tönten Schritte über
die Brücke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien
selbst, seinen Gast zu empfangen. Es war jener ernste, ältliche Mann,
den Georg in Ulm mehrere Male gesehen, dessen Bild er nicht
vergessen hatte; denn die düsteren feurigen Augen, die bleichen, aber
edlen Züge, seine große Ähnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich
tief in die Seele des Jünglings geprägt.
"Ihr seid willkommen in Lichtenstein!" sagte der alte Herr, indem er
seinem Gast die Hand bot und eine gütige Freundlichkeit den
gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte. "Was steht Ihr
müßig da Ihr Schlingel!" wandte er sich nach dieser ersten Begrüßung
zu seinen Dienern "Soll etwa der Junker sein Roß mit hinaufführen in
die Stube? Schnell, hinein mit in den Stall; das Rüstzeug tragt auf
die Kammer am Saal!--Verzeiht, werter Herr, daß man Euch solange
unbedient stehen ließ, aber in diese Burschen ist kein Verstand zu
bringen. Wollt Ihr mir folgen?"
Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei
diesem Gang voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen röteten sich
vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die
Gefühle zurückdachte, die ihn zuerst vor diese Burg geführt hatten.
Sein Auge suchte an den Fenstern umher, ob er nicht die Geliebte
erspähe, sein Ohr schärfte, vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn
auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst suchten
seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes
Ohr jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu
wollen.
Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief,
stark gebaut, und mit Fallgattern, Öffnungen für siedend Öl und
Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen,
womit man in den guten alten Zeiten den stürmenden Feind, wenn er
sich der Brücke bemeistert haben sollte, abhiellt. Doch die
ungeheuren Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um
das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein,
sondern auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie
gezogen, und selbst der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen
Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen
eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang führte in die
oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische
Verteidigungen nicht vergessen, denn auf dem Vorplatz, der zu den
Zimmern führte, wo in andern Wohnungen häusliche Gerätschaften
aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken und Kisten mit
Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des alten Ritters ruhte mit einem
gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren Hausrat, und in
der Tat konnten diese Geschütze damals für ein Zeichen von
Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann
war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stücken zu
versehen.
Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein
überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von
Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.
Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch
Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saal entfernten.