Kapitel 20

Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied

sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern durch seine

Trockenheit. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe,

die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht

auf die Breite und den größten Teil der Länge dieser Grotte.

Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfell, neben ihm stand

sein Schwert und ein Hüfthorn; ein alter Hut und der graue Mantel,

mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein Wams

von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem Tuch; ein

unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und seine

feinen, edlen Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr

vierunddreißig Jahre alt sein, und sein Gesicht war noch immer hübsch

und angenehm zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von

Gefahren und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart

ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen Bemerkungen

drängten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte still stand.

"Willkommen in meinem Palast, Georg von Sturmfeder!" rief der

Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfell aufrichtete, dem

Jüngling die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen

Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. "Seid herzlich willkommen.

Es war kein übler Einfall Unseres Spiel-manns, Euch in diese

Unterwelt herabzuführen und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu

bringen. Hans! Du treue Seele, Du warst bisher Unser Majordomus,

Truchseß und Kanzler, Wir ernennen Dich jetzt zu Unserem

Kellermeister und Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener Säule muß

ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet.

Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das

Wir jetzt führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn

Unserem ehrenwerten Gast."

Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann Er hatte nach dem

Schicksal, das ihn betroffen nach seinen unwirtlichen Umgebungen,

zuletzt noch nach dem Klagegesang, den er gehört hatte, einen Mann

erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst,

vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde. Und er fand

ihn heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf

der Jagd ein Sturm überfallen und genötigt, eine kleine Weile in

dieser Höhle Schutz gegen das Wetter zu suchen.

"Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast", sagte der Ritter, als

Georg bald ihn, bald seine Umgebung mit verwunderten Blicken maß.

"Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas vorjammern werde?

Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem

Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, daß man heitere Miene

zum bösen Spiel mache. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie

Fürsten selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten

Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber? Wölben

die Decken sich nicht wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt?

Werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen

und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein

Obermundschenk, mit dem Wein. Sprich, mein Getreuer! Ist das all

Unser Getränke, was in diesem Becher ist?"

"Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung", sprach der Pfeifer,

der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, "aber

auch ein Restchen Wein das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im

Krug und--nun, wir haben ja heute einen Gast und können schon etwas

draufgehen lassen--ich will es nur gestehen ich habe heute nacht

einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem

anderen."

"Das hast Du wohl gemacht", rief der geächtete Ritter, und ein Strahl

der Freude drang aus seinem glänzenden Auge. "Glaubt nicht, Herr

Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist ein

edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen Becher

rundgehen zu lassen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werter

Kellermeister, Wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glückes. Ich

bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!"

Georg dankte und trank. "Ich sollte die Ehre erwidern", sagte er,

"und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe

es Euch! Mögt Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter

einziehen, möge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen--

es lebe!" Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen

und wollte eben den Becher ansetzen als das Geräusch vieler Stimmen,

vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich

"Es lebe! lebe!" riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder.

"Was ist das?" sagte er. "Sind wir nicht allein?"

"Es sind meine Vasallen, die Geister", antwortete der Ritter lächelnd,

"oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Ruf

beistimmte. Ich habe oft", setzte er ernster hinzu, "in den Zeiten

des Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören,

doch hat es mich nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein

einziger Gast es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es

beantworteten Fülle den Becher. Hans, und trinke, und weißt Du einen

guten Spruch, so gib ihn preis."

Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte Georg mit

freundlichen Blicken an: "Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht

Schönes dazu: 'Das Fräulein von Lichtenstein!'"

"Hallo, Sa! Sa! Trinkt, Junker, trinkt!" rief der Geächtete und

lachte, daß die Höhle dröhnte. "Aus bis auf den Boden, aus! Sie

soll blühen und leben für Euch! Das hast Du gut gemacht, Hans! Sieh

nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen

blitzen, als küsse er schon ihren Mund.--Dürft Euch nicht schämen!

Auch ich habe geliebt und gefreit und weiß, wie einem fröhlichen

Herzen von vierundzwanzig Jahren zumute ist!"

"Armer Mann!" sagte Georg, "Ihr habt geliebt und gefreit und mußtet

vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen?" Er

fühlte sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen er sah

sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei

dies ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und

den Jüngling gereuten auch seine Worte, denn die Züge des

unglücklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden

Blick auf Georg, indem er sagte:

"Der Frost im September hat schon oft verdorben, was im Mai gar

herrlich blühte, und man fragt nicht, wie es geschehen sei. Meine

Kinder habe ich in den Händen rauher, aber guter Ammen gelassen, sie

werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt."

Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle

er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis wischen fuhr er mit der

Hand über die Stirn, und wirklich glätteten sich die Falten, die sich

dort zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder

heiterer um sich her und sprach:

"Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe,

Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren

Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der

Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit

gewann, zu entfliehen."

"Das soll mir lieb sein", antwortete Georg. "Ich möchte fast glauben,

man hat mich für den Herzog selbst gehalten denn diesem paßten sie

damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben,

wenn er dadurch gerettet wurde."

"Ei, das ist doch viel. Wißt Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch

geführt wurde, ebensogut tödlich werden konnte?"

"Wer zu Feld zieht", entgegnete Georg, "der muß seine Rechnung mit

der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner, in

einer Feldschlacht vor dem Feind bleiben, wenn die Freunde jubeln und

die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu

erweisen--Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte

sein müssen, um die Streiche dieser Meuchelmörder vom Herzog

abzulenken."

Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand.

"Ihr scheint großen Anteil am Herzog zu nehmen", sagte er, indem er

seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, "das hätte ich kaum

gedacht; man sagte mir, Ihr wäret bündisch."

"Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs", antwortete Georg,

"aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der

Herzog hat manches getan, was nicht recht ist. Zum Beispiel die

huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er

unterlassen können. Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen

sein, und Ihr müßt selbst gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom

Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf--"

Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser

schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann,

fortzufahren "Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch

wurde, so, und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heer. Aber

eine große Fürsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch

vielleicht bekannt, daß ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun

bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es,

weil ich von Natur mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt

sehen kann, oder auch, weil ich die Absichten der Bündischen besser

durchschaute ich sah, daß dem Herzog zuviel geschehe; denn der Bund

hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen,

und sogar von seinem Fürstenstuhl, zu vertreiben und ihn ins Elend zu

jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er hätte ja

vielleicht noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das

Blut seiner Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte

den Leuten Geld abpressen können und die Schweizer damit halten, aber

er war größer als sein Unglück. Seht--das hat mich zu seinem Freund

gemacht."

Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen,

seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an

und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. "Wahrlich", sagte er,

"es lebt eine heilige, reine Stimme in Dir, junger Freund! Ich kenne

den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie Du sagtest, er

ist größer als sein Unglück, und--besser als der Ruf von ihm sagt.

Aber er hat wenige gefunden, die ihm die Probe gehalten haben! Ach,

daß er nur Hundert gehabt hätte, wie Du bist, und es hätte kein

Fetzen der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne

geweht. Daß Du sein Freund werden könntest! Doch es sei fern von

mir, Dich einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, es ist genug,

daß Deine Klinge und ein Arm wie der Deinige nicht mehr seinen

Feinden gehört. Mögen Deine Tage heiterer sein als die seinigen,

möge der Himmel Dir Deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen

belohnen!"

Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, der manche

verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. War es die

Anerkennung seines persönlichen Wertes, die ihm aus dem Mund eines

Tapferen so ermunternd klang, war es die Ähnlichkeit des Schicksales

dieses Unglücklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglück

seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht für das siegende

Unrecht, sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten

Unglück war, sich zu erklären--Georg fühlte sich unwiderstehlich zu

diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen;

begeistert faßte er seine Hand und rief: "Es spreche mir keiner von

Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglück anzuschließen!

Mögen andere dieses schöne Land dort oben teilen und in den Gütern

dieses unglücklichen Fürsten schwelgen--ich fühle Mut in mir, mit

ihm zu tragen, was er trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine

Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein der sich an seine

Seite stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es

auch komme, Ulrichs Freund für immer!"

Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den

Handschlag zurückgab. "Du wagst viel, aber Du bist viel, wenn Du

Ulrichs Freund bist. Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und

Dieben, aber hier unten ist noch gut Württemberg, Hier vor mir sitzt

der Ritter und der Bürger, vergeßt einen Augenblick, daß ich ein

armer Ritter und ein unglücklicher, geächteter Mann bin, und denkt,

ich sei Fürst des Landes, wie ich der Herr der Höhle bin. Ha! Noch

gibt es ein Württemberg, wo diese drei zusammenhalten, und sei es

auch tief im Schoß der Erde. Fülle den Becher, Hans, und lege Deine

rauhe Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!"

Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. "Trinkt, edle

Herren, trinkt", sagte er, "Ihr könnt Euch in keinem edleren Wein

Bescheid tun, als in diesem Uhlbacher."

Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ ihn wieder

füllen und reichte ihn Georg. "Wie ist mir doch?" sagte dieser.

"Blühte nicht dieser Wein um Württembergs Stammschloß? Ich glaube,

man nennt so den Wein, der auf jenen Höhen wächst?"

"Es ist so", antwortete der Geächtete, "Rothenberg heißt der Berg, an

dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem Gipfel steht das Schloß,

das Württembergs Ahnen gebaut haben--Oh, ihr schönen Täler des

Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von

euch auf immer!" Er rief es mit einer Stimme, die aus einem

gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die

Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn

dieses Mannes seine kummervolle Seele verhüllt hatte.

Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus

dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben

hatte. "Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen,

fröhlicher, als Ihr sie verlassen habt."

"Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat", rief Georg,

"wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er einzieht in die Burg

seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen

widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung

wieder entgegenziehen. Verscheucht die trüben Gedanken: trinkt,

vergeßt nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid

in diesem Württemberger Wein--der Herzog und seine Treuen!"

Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf

den düsteren Zügen des Ritters auf. "Ja!" rief er, "Treue ist das

Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kühler Trank

dem einsamen Wanderer in der Wüste. Vergeßt meine Schwäche, Junker.

Verzeiht sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt.

Aber wenn Ihr je vom Gipfel des roten Berges hinabgesehen hättet auf

das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch grüne Ufer zieht, wie

manneshohe Halme in den Feldern wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich

hinaufziehen, bepflanzt mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige

Forsten die Gipfel der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den

freundlichen roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen

hervorschaut, wie gute fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne

Weiber auf diesen Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem

Garten anbauen--hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit

meinen Augen, und säßet jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht,

vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Schoß der Erde! Oh,

der Gedanke ist schrecklich und oft zu mächtig für ein Männerherz!"

Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und

seine schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt

werden, daher suchte er schnell dem Gespräch eine andere Wendung zu

geben: "Ihr wart also oft um den Herzog, Herr Ritter? Oh sagt mir,

ich bin ja jetzt sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie

sieht er aus? Nicht wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele

Launen?"

"Nichts davon", antwortete der Geächtete, "Ihr werdet ihn sehen und

lernt ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange

haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen. Von Euren eigenen

sagt Ihr gar nichts? Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise,

nichts von dem schönen Fräulein von Lichtenstein?--Ihr schweigt und

schlagt die Augen nieder? Glaubt nicht, daß es Neugierde sei, warum

ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein zu

können."

"Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist", antwortete

Georg, "ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, kein Geheimnis mehr

nötig. Es scheint auch, Ihr wüßtet längst, daß ich Marien liebe,

vielleicht auch, daß sie mir hold ist?"

"Oh ja", entgegnete der Ritter lächelnd, "wenn ich anders die Zeichen

der Liebe verstehe und richtig deuten kann. Denn sie schlug, wenn

von Euch die Rede war, die Augen nieder und errötete bis an die Stirn;

auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gäben

alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an."

"Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen

will ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich

vom Bund lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon

halbwegs von Franken hierher, da dachte ich, ich könnte das Fräulein

noch einmal zuvor sehen. Der Mann hier führte mich über die Alb.

Ihr wißt, was meine Reise um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen

herauf ist, will ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich

komme dem alten Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet

verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe."

"Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs

kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch könnte es sein,

daß er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mißtrauisch und

grämlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wißt, wie ich mit ihm stehe,

denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus

meiner Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost

für die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm

besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen für

ihn und manchen andern, nehmt diesen Ring und tragt ihn zum Andenken

an diese Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache

Württembergs verkünden." Er zog bei diesen Worten einen breiten

Goldreif vom Finger. Ein roter Stein war in der Mitte gefaßt, und in

den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die

darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen

Württembergs. Um den Ring standen erhaben eingeprägte Buchstaben,

deren Sinn er nicht verstand. Sie hießen Uhzwut.

"Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?" fragte er. "Ist es etwa ein

Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?"

"Nein, mein junger Freund", antwortete der geächtete Ritter. "Diesen

Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr

wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte

dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog

zu Württemberg und Teck!"

"Er wird mir ewig teuer sein", erwiderte Georg, "als ein Andenken an

den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, und als schöne

Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle."

"Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommt", fuhr der Ritter

fort, "so gebt dem nächsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch

schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu

bringen, und Ihr werdet gewiß empfangen werden, als wäret Ihr des

Herzogs eigener Sohn. Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen

Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht. Etwa

ein herzlicher Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder

ein süßer Kuß auf ihren roten Mund. Doch, um gehörig vor ihr zu

erscheinen, habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen möchten nach einer

durchwachten Nacht etwas trübe sein. Daher folgt meinem Beispiel,

streckt Euch auf die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als

Kopfkissen unter. Und Du, würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und

Mundschenk, Hans, getreuer Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin

noch einen Becher zum Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum weichen

Pfühl, diese Felsengrotte zum Schlafgemach werde und ihn der Gott der

Träume mit seinen lieblichen Bildern besuche!"

Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich,

wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam

Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute

seine Schlummerkörner über ihn, und er hörte nur noch halb im Traum,

wie der geächtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer

Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes

unglückliche Land, in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen

Schutz und seine Hilfe herabzusenden.

Lichtenstein · 第 24 / 40 题