Kapitel 19

Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blut, daß ihn die

Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der

Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte; er war überdies in einem

Alter, wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewöhnt hat,

den Menschen a priori zu mißtrauen wo aber ein solcher Fall umso

überraschender ist, umso gefährlicher wirkt, eben weil das arglose

Herz ihn nie gedacht hat.

Georg war auf der Stufe der düsteren, stillen Wut und der Rache

angekommen; über diese Empfindung brütend, saß er unempfindlich gegen

die Kälte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer

wiederkehrender Gedanke war, den nächtlichen Freund "zu stellen, und

ein Wort mit ihm zu sprechen".

Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Wald, als er sah, daß sich

Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten; erwartungsvoll

pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des

Schwertes umfaßt. Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des

Tores sichtbar, Hunde schlugen an; Georg sprang auf und warf den

Mantel zurück. Er hörte, wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches

"gute Nacht" sprach. Die Zugbrücke rauschte nieder und legte sich

über den Abgrund, der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor

ging auf, und ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, den

dunklen Mantel fest umgezogen, schritt über die Brücke und gerade an

den Ort zu, wo Georg Wache hielt.

Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem dröhnenden:

"Zieh, Verräter, und wehr Dich Deines Lebens!", auf ihn einstürzte;

der Mann im Mantel trat zurück und zog; im Augenblick begegneten sich

die blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander.

"Lebendig sollst Du mich nicht haben", rief der andere; "wenigstens

will ich mein Leben teuer genug bezahlen!" Zugleich sah ihn Georg

tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen und gewichtigen

Hieben merkte er, daß er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge

habe. Georg war kein ungeübter Fechter, und er hatte manch ernsten

Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er seinen Mann gefunden.

Er fühlte, daß er sich bald auf die eigene Verteidigung beschränken

müsse, und wollte eben zu einem letzten, gewaltigen Stoß ausfallen,

als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein

Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der Hand gewunden; zwei

mächtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn

regungslos, und eine furchtbare Stimme schrie:

"Stoßt zu, Herr! Ein solcher Meuchelmörder verdient nicht, daß er

noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe!"

"Das kannst Du verrichten, Hans", sprach der im Mantel, "ich stoße

keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber

mach es kurz."

"Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!" sagte

Georg mit fester Stimme. "Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was

liegt an meinem Leben?"

"Was habe ich?" fragte jener und trat näher.

"Was Teufel ist das für eine Stimme?" sprach der Mann, der ihn noch

immer umschlungen hielt, "Die sollte ich kennen!" Er drehte den

jungen Mann in seinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen,

zog er die Hände von ihm ab! "Jesus, Maria und Joseph! Da hätten

wir bald etwas Schönes gemacht! Aber welcher Unstern führt Euch auch

gerade hierher, Junker? Was denken auch meine Leute, daß sie Euch

fortlassen, ohne daß ich dabei bin!"

Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg so anredete und ihm die Hand

zum Gruß bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundliche

Zeichen einem Mann zu erwidern der noch soeben das Handwerk des

Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im

Mantel, bald den Pfeifer an. "Meinst Du", sagte er zu diesem, "ich

hätte mich von Deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen,

daß ich Deine Verräterei hier nicht sehe? Erbärmlicher Betrüger!

Und Ihr", wandte er sich zu dem anderen, "wenn Ihr ein Mann von Ehre

seid, so steht mir, und fallt nicht zu zweit über einen her; wenn Ihr

wißt, daß ich Georg von Sturmfeder bin, so mögen Euch meine früheren

Ansprüche auf das Fräulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu

messen, bin ich hierher gekommen. Darum befehlt diesem Schurken, daß

er mir mein Schwert wiedergebe, und laßt uns ehrlich fechten, wie es

zwei Männern geziemt."

"Ihr seid Georg von Sturmfeder?" sprach jener mit freundlicher Stimme

und trat näher zu ihm. "Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum

hier. Glaubt mir, ich bin Euch sehr gewogen und hätte Euch längst

gerne gesehen. Nehmt das Ehrenwort eines Mannes, daß mich nicht die

Absichten in jenes Schloß führen, die Ihr mir unterlegt, und seid

mein Freund!"

Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor,

doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm

zwar gesagt, daß er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte

und mußte er seinen Worten trauen; aber sein Gemüt war noch so

verwirrt von allem, was er gehört und gesehen, daß er ungewiß war, ob

er den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen

bittersten Feind angesehen hatten empfangen sollte oder nicht.

"Wer ist es, der mir die Hand bietet?" fragte er. "Ich habe Euch

meinen Namen genannt und könnte wohl billigerweise dasselbe von Euch

verlangen."

Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob das Barett

zurück; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde, und Georg

begegnete einem glänzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit

trug. "Fragt nicht nach Namen", sprach er, indem ein Zug von Wehmut

um seinen Mund blitzte, "ich bin ein Mann und dies mag Euch genug

sein; wohl führte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich

mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen

Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hüfthorns

lauschten viele hundert Knechte; er ist verklungen. Aber eines ist

mir geblieben", setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem

er die Hand des jungen Mannes fester drückte, "ich bin ein Mann und

trage ein Schwert: Si fractus illabatur orbis, Impavitum ferient

ruinae."

Er drückte das Barett wieder in die Stirn zog seinen Mantel hoch

herauf und ging vorüber in den Wald.

Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt. Der

Anblick dieses Mannes--es war ihm unbegreiflich--hatte alle

Gedanken der Rache in seinem Herzen ausgelöscht. Dieser gebietende

Blick, dieser gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere,

gewaltige Wesen dieses Mannes erfüllten seine Seele mit Staunen, mit

Achtung, mit Beschämung. Er hatte geschworen, mit Marien in keiner

Berührung zu stehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapferen

Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel

geführt hatte; er hatte es bekräftigt mit einem jener Blicke, deren

Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine

Bergeslast wälzte sich von seiner Brust, denn er glaubte, er mußte

glauben.

"Wer ist dieser Mann?" fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben

ihm stand.

"Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat, und auch ich weiß ihn nicht

zu nennen."

"Du wüßtest nicht, wer er ist?" entgegnete Georg, "und doch hast Du

ihm beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du willst mich belügen!"

"Gewiß nicht, Junker", antwortete der Pfeifer, "es ist, Gott weiß es,

wahr, daß jener Mann derzeit keinen Namen hat; wenn Ihr übrigens

durchaus erfahren wollt, was er ist, so wißt, er ist ein Geächteter,

den der Bund aus seinem Schloß vertrieb; einst aber war er ein

mächtiger Ritter im Schwabenland."

"Der Arme! Darum also ging er so verhüllt? Und mich hielt er wohl

für einen Meuchelmörder! Ja, ich erinnere mich, daß er sagte, er

wolle sein Leben teuer genug verkaufen."

"Nehmt mir nicht übel, werter Herr", sagte der Bauer, "auch ich hielt

Euch für einen, der dem Geächteten auf das Leben lauern wollte, darum

kam ich ihm zu Hilfe, und hätte ich nicht Eure Stimme noch gehört,

wer weiß, ob Ihr noch lange geatmet hättet. Wie kommt Ihr aber auch

um Mitternacht hierher, und welches

Unheil führt Euch gerade dem geächteten Mann in den Wurf! Wahrlich,

Ihr dürft von Glück sagen, daß er Euch nicht in zwei Stücke gehauen;

es leben wenige, die vor seinem Schwert standgehalten hätten. Ich

vermute, die Liebe hat Euch da einen argen Streich gespielt!"

Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten ihm im

Hirsch in Pfulligen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er

sich auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so

höchst wahrscheinlich gelautet habe.

"Dacht' ich's doch, daß es so was sein müsse", antwortete der Pfeifer.

"Die Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt, und ich weiß nicht,

was ich in jungen Jahren in ähnlichem Fall getan hätte. Daran ist

aber wieder niemand schuld als meine alte Rosel, die alte Schwätzerin,

was hat sie nötig, der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich

behalten kann, zu beichten?"

"Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache sein", entgegnete Georg,

in welchem das alte Mißtrauen hin und wieder aufblitzte. "So ganz

ohne Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!"

"Wahr? Etwas Wahres müsse daran sein? Allerdings ist alles wahr

nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte

Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt der Mann vor das Schloß, die

Zugbrücke fällt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Fräulein

empfängt ihn und führt ihn in die Herrenstube--"

"Nun? Siehst Du?" rief Georg ungeduldig. "Wenn dies alles wahr ist,

wie kann dann jener Mann schwören, daß er mit dem Fräulein--"

"Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?" antwortete der

Pfeifer. "Allerdings kann er das schwören; denn es ist nur ein

Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel, freilich

nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter von Lichtenstein in der

Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich entfernt, wenn sie ihre

heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem

geächteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen

und getrunken und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat,

verläßt er das Schloß, wie er es betreten."

"Oh ich Tor! Daß ich dies alles nicht früher ahnte. Wie nahe lag

die Wahrheit und wie weit ließ ich mich irreleiten!--Aber sprich",

fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort, "auffallend ist es mir doch,

daß dieser geächtete Mann alle Nacht ins Schloß kommt; in welch

unwirtlicher Gegend wohnt er denn wo er keine warme Kost, keinen

Becher Wein und keinen warmen Ofen findet?--Höre, wenn Du mich

dennoch belögest!"

Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen Ausdruck auf

dem jungen Mann "Ein Junker wie Ihr", antwortete er, "weiß freilich

wenig, wie weh Verbannung tut; Ihr wißt es nicht, was es heißt, sich

vor den Augen seiner Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie schaurig

sich's in feuchten Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr

kennt die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk

dem gewährt, der bei den Eulen speist und beim Uhu in der Miete ist:

aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der Morgen bricht noch nicht an,

und in der Nacht könnt Ihr nicht nach Lichtenstein; ich will Euch

dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht

mehr fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht."

Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr

aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von

Hardt angenommen hätte, besonders auch, da er darin den besten Beweis

für die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein

Führer ergriff die Zügel des Rosses und führte es einen engen Waldweg

bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern

des Lichtensteins zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer

weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm

zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu unterbrechen. Er hing

seinen Gedanken nach über den Mann zu dessen geheimnisvoller Wohnung

er geführt wurde. Unablässig beschäftigte ihn die Frage, wer dieser

Geächtete sein könnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum,

daß mehrere Anhänger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen

gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge

zu Pfullingen während seines teilnahmslosen Hinbrütens, von einem

Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem

die Bündischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke

dieses Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich

Georg die zwar nicht überaus große, aber kräftige Gestalt, die

gebietende Miene, das heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins

Gedächtnis zurückrief, wurde es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der

Geächtete kein anderer als der treueste Anhänger Ulrichs von

Württemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg, sei.

So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre

nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längst wieder

in seine Rechte eingesetzt war, und seinem Hüfthorn wieder Hunderte

folgten, rechnete er es unter seine schönsten Waffentaten, dem

tapferen, gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu

sein.

Die Wanderer waren während dieses Selbstgesprächs des jungen Mannes

auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das

Pferd seitwärts an und winkte Georg zu folgen. Die Waldwiese brach

in eine schroffe, mit dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort

schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen

ein schmaler Fußpfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht

ohne Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm an einigen

Stellen kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuß

hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber

umsonst suchte der junge Mann nach der Stätte des geächteten Ritters.

Der Pfeifer ging nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen

hohl sein mußte, denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus

hervor; er schlug Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die

Fackeln an.

Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, daß sie vor einem großen

Portal standen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte, und

dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Geächtete,

wie sich der Pfeifer ausdrückte, beim Uhu zur Miete war. Der Mann

von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere

zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr.

Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das dunkle

Tor.

Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem

Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin

und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen

eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er

hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen

Urgroßvater in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen

gehört, das von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort

war ein Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt

worden, in einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf,

was der Knabe je über der Erde gesehen hatte. Diese Sage, die sich

der kindlichen Einbildungskraft tief eingedrückt, lebte auf und

verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden Jünglings. Alle

Augenblicke stand er still, von neuem überrascht, hielt die Fackel

hoch und staunte und bewunderte, denn in hohen, majestätisch

gewölbten Bogen zog sich der Höhlengang hin, und flimmerte und

blitzte, wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch größere

Überraschung stand ihm bevor, als sich sein Führer links wandte und

ihn in eine weite Grotte führte, die wie der festlich geschmückte

Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war.

Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses

Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm

die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen und

beleuchtete so einen großen Teil der Grotte.

Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für hinlänglich

gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. "Das ist

die Nebelhöhle", sprach er, "man kennt sie wenig im Land, und nur den

Jägern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele

hereinzugehen, weil man allerlei böse Geschichten von diesen Kammern

der Gespenster weiß. Einem, der die Höhle nicht genau kennt, möchte

ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlünde und

unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch

gibt es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind,

die jetzt leben."

"Und der geächtete Ritter?" fragte Georg.

"Nehmt die Fackel und folgt mir", antwortete jener, und schritt voran

in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen,

als Georg die tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er

machte seinen Führer darauf aufmerksam.

"Das ist Gesang", entgegnete er, "der tönt in diesen Gewölben gar

lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer singen, so lautet es,

als sänge ein ganzer Chor Mönche die Hora." Immer vernehmlicher tönte

der Gesang, je näher sie kamen, desto deutlicher wurden die Biegungen

einer angenehmen Melodie Sie bogen um eine Felsenecke und von oben

herab ertönte ganz nah die Stimme des Singenden, brach sich an den

zackigen Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend

mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln

eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle,

geheimnisvolle Tiefe ergoß.

"Hier ist der Ort", sprach der Führer, "dort oben in der Felswand ist

die Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr sein Lied? Wir wollen

warten und lauschen, bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt,

unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war."

Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel

der Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete sang:

"Vom Turme, wo ich oft gesehen

Hernieder auf ein schönes Land,

Vom Turme fremde Fahnen wehen,

Wo meiner Ahnen Banner stand.

Der Väter Hallen sind gebrochen,

Gefallen ist des Enkels Los,

Er birgt, besiegt und ungerochen,

Sich in der Erde tiefem Schoß.

Und wo einst in des Glückes Tagen

Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild,

Da meine Feinde gräßlich jagen,

Sie hetzen gar ein edles Wild.

Ich bin das Wild, auf das sie pirschen,

Die Bluthund' wetzen schon den Zahn,

Sie dürsten nach dem Schweiß des Hirschen,

Und sein Geweih steht ihnen an.

Die Mörder han' in Berg und Heide

Auf mich die Armbrust aufgespannt,

Drum in des Bettlers rauhem Kleide

Durchschleich' ich nachts mein eigen Land;

Wo ich als Herr sonst eingeritten

Und meinen hohen Gruß entbot.

Da klopf' ich schüchtern an die Hütten

Und bettle um ein Stückchen Brot.

Ihr warft mich aus den eignen Toren,

Doch einmal klopf' ich wieder an,

Drum Mut! Noch ist nicht all verloren,

Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.

Ich wanke nicht; ich will es tragen;

Und ob mein Herz darüber bricht,

So sollen meine Feinde sagen,

Er war ein Mann und wankte nicht."

Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden

Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er im Gesang nicht

viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Mann von Hardt war während des

Liedes eine große Träne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg

war es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste

Fassung wiederzuerhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere

Stirn und ein ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die

zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen

hinan, der zu der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war.

Georg dachte sich, daß er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und

bald sah er ihn mit einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte

die Hälfte des Felsens wieder herab und ließ sich die Fackeln geben,

die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite steckte; dann warf

er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand erklimmen, was

ihm ohne diese Hilfe schwerlich gelungen wäre. Er war oben und

wenige Schritte noch, so stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.

Lichtenstein · 第 23 / 40 题