Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt
einander an, es war ihnen, als hätten sie ein schweres Gewitter
aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wolle,
ja, als wäre ein erschrecklicher, tötender Blitz auf sie
herabgefahren, und siehe da, es war nur ein "kalter Schlag". Dem
Mann mit dem Lederrücken dankten sie, daß er den ungezogenen
übermütigen Gast so schnell entfernt habe, und fragten, was er wohl
von dem hageren Fremden wisse?
"Den kenne ich wohl", antwortete dieser, "das ist unseres Herrgotts
Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die
Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mädchen
von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, daß sie
blind werden. Er heißt eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein
Gelehrter sein will, heißt er sich Doktor Calmus. Er nistet sich bei
allen großen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel
geheißen hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund."
"Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen", bemerkte der schlaue
Herr, "denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft."
"Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging aber so:
Der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdhund, der hatte sich im
Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte
der Hund; er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier
heilen könnte, und zufällig war der Kahlmäuser da und bot sich mit
wichtigem Gesicht dazu an. Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage
gut zu essen und eine Maß Wein; das schmeckte ihm nun so gut, daß er
über ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines
Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet
habe. Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr
hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und
da fand es sich, daß sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm
der Herzog den Kahlmäuser, so lang er war, trug ihn an die lange
Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und
warf ihn hinunter, daß er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit
ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere
sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und
Frau Sabina und habe nur deswegen den Hund übernommen, weil er
dadurch ins Schloß kam."
"So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?" sagte einer der Bürger.
"Das hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm das Fell recht
gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen
Krieg schuld mit seiner Liebelei, und der dürre Kahlmäuser hat ihm
dazu geholfen?"
"De mortuis nil nisi bene; man muß die Toten schonen, sagen die
Lateiner", entgegnete der fette Herr, "der arme Teufel hat es mit dem
Leben teuer genug bezahlt."
"Aber es ist ihm recht geschehen", rief jener Bürger mit großer Hitze,
"an des Herzogs Stelle hätt' ich's gerade auch so gemacht, ein jeder
Mann muß sein Hausrecht wahren."
"Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?" fragte der fette
Herr mit überaus schlauem Lächeln. "Da habt Ihr die beste
Gelegenheit, ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch
finden, wohin Ihr seinen Leichnam hängen könnt."
Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen belehrte den Gast
im Erker, daß jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem
eigenen Haus nicht so ganz strenge Justiz üben müsse. Er errötete
und murmelte einige unverständliche Worte in seinen Becher hinein.
Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich
seiner an: "Ja, wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte
den Hutten auf der Stelle hängen können, ohne daß er erst mit ihm
focht; er ist ja Freischöff vom westfälischen Stuhl, vom heimlichen
Gericht, und darf einen solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun.
Und er hatte die besten Beweise gleich bei der Hand."
Das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster herab, und Georg
glaubte zu bemerken, daß sie über ihn ihre Glossen machten. Auch die
freundliche Wirtin schien neugierig zu wissen, wen sie in ihrem
Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet
hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den runden
Tisch ausgebreitet hatte. Dann nahm sie selbst an der
entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr
bescheiden, über das Woher? Und Wohin?
Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck
seiner Reise genaue Auskunft zu geben Das Gespräch der Gäste an der
langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es hier nicht minder gefährlich
sei, zu gar keiner Partei zu gehören, als sich für irgendeine
bestimmt zu erklären; er sagte daher, er komme aus Franken und werde
noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und
schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu
bescheiden, als daß sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte
bezeichnen lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich
nach Marien zu erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin
zum goldenen Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres
Kleides beschreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und
nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.
Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als einer
Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der
Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann
holte bei diesem Namen tiefer Atem und schob die Schüssel weit weg,
um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen
"Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben
schöne Felder und Wälder, und keine Rute Landes verpfändet. Da ließe
sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar
nicht viel darauf hält und ihn immer streichelt, wenn er mit den
Leuten spricht. Er ist ein strenger, ernster Mann. Was er einmal
haben will, das muß geschehen, und sollte es biegen oder brechen. Er
ist auch einer von denen, die es so lange mit dem Herzog hielten.
Die Bündischen werden es ihm übel entgelten lassen."
"Wie ist denn seine..., ich meine, Ihr sagtet, er habe eine Tochter,
der Lichtenstein?"
"Nein", antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres
Gesicht in grämliche Falten zog, "von der habe ich gewiß nicht
gesprochen, daß ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte
Mann, und es wäre ihm besser, er führe kinderlos in die Grube, als
daß er aus Jammer über sein einziges Kind abfährt."
Georg traute seinen Ohren nicht. Was konnte die Wirtin gerade von
Marien so Arges denken, daß sie den Vater glücklich pries, wenn er
dieses Kind nicht hätte? "Was ist es denn mit diesem Fräulein?"
fragte er, indem er sich vergebens abmühte, recht scherzhaft
auszusehen: "Ihr macht mich neugierig, Frau Wirtin. Oder ist es ein
Geheimnis, das Ihr nicht sagen dürft?"
Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen
Seiten, ob niemand lausche. Aber die Bürger waren ruhig in ihrem
Gespräch begriffen und achteten nicht auf sie, und sonst war niemand
in der Nähe, der sie hören konnte. "Ihr seid ein Fremder", hub sie
nach diesen Forschungen an, "Ihr reist weiter und habt nichts mit
dieser Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was ich
nicht jedem vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf dem
Lichtenstein ist ein--ein--ja bei uns Bürgersleuten würde man sagen,
sie ist ein schlechtes Ding, eine lose Dirne--"
"Frau Wirtin!" rief Georg.
"So schreit doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen
sich ja um. Meint Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewiß weiß?
Denkt Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr läßt sie ihren Liebsten in die
Burg. Ist das nicht schrecklich genug für ein sittsames Fräulein?"
"Bedenkt, was Ihr sprecht! Ihren Liebsten?"
"Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten. Es ist eine Schande
und ein Spott! Es ist ein ziemlich großer Mann, der kommt in einen
grauen Mantel gehüllt ans Tor. Sie hat es zu machen gewußt, daß zu
dieser Zeit alle Knechte vom Tor entfernt sind, und nur der alte
Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen
half, um den Weg ist. Da kommt sie nun allemal, wenn es drüben in
Holzelfingen elf Uhr schlägt, selbst herunter in den Hof, die Nacht
mag so kalt sein, als sie will, und bringt den Schlüssel zur
Zugbrücke, den sie zuvor ihrem alten Vater vom Bett stiehlt. Dann
schließt der alte Sünder, der Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder,
und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins."
"Und dann?" fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust,
kein Blut mehr in den Wangen hatte. "Und dann?"
"Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt. Soviel ist gewiß, daß
der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muß, denn er hat
in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei,
drei Nößel Wein dazu getrunken. Was weiter geschieht, weiß ich nicht.
Ich will nichts vermuten, nichts sagen, aber das weiß ich", setzte
sie mit einem christlichen Blick gen Himmel hinzu, "beten werden sie
nicht."
Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, daß er nur einen
Augenblick gezweifelt habe, daß diese Erzählung eine Lüge, von
irgendeinem müßigen Kopf ersonnen sei. Oder wenn auch etwas Wahres
daran wäre, so konnte es doch nichts sein, das Marien zur Unehre
gereicht hätte. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor.
"So? Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?" sprach sie.
"Dem ist nicht so. Sehet, ich weiß das gewiß, denn die alte Rosel,
die Amme des Fräuleins--"
"Die alte Rosel hat es gesagt?" rief Georg unwillkürlich. Ihm war ja
diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt.
Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so
zweifelhaft. Denn er wußte, daß sie eine fromme Frau und dem
Fräulein sehr zugetan war.
"Ihr kennt die alte Rosel?" fragte die Wirtin, erstaunt über den
Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.
"Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, daß ich heute zum ersten
Mal in diese Gegend komme. Nur der Name Rosel fiel mir auf."
"Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heißt Rosina bei uns, und so
nennt man die alte Amme in Lichtenstein. Nun seht, diese hält viel
auf mich und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein süßes
Weinmüschen, was sie für ihr Leben gerne ißt, und zum Dank vertraut
sie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch, was ich Euch sagte.
Der Vater weiß gar nichts von diesen nächtlichen Besuchen; denn er
geht schon um acht Uhr zu Bett. Die Amme schickte das Fräulein jedes
Mal um acht Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der
guten Rosel auf. Sie stellte sich, als gehe sie zu Bett, und siehe
da, was geschieht? Kaum ist alles ruhig im Schloß, so macht das
Fräulein, das sonst keinen Span anrührt, eigenhändig ein Feuer auf
dem Herd, kocht und bratet, was sie kann und weiß, holt Wein aus dem
Keller, holt Brot aus dem Schrank und deckt in der Herrenstube den
Tisch. Dann schaut sie zum Fenster hinaus in die kalte schwarze
Nacht, und richtig, wenn es drüben elf Uhr schlägt, rasselt die
Zugbrücke nieder, der nächtliche Geselle wird eingelassen und geht
mit dem Fräulein in die Herrenstube. Sie hat auch schon gehorcht,
die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen Türen sind gar
dick. Dann lugt sie auch einmal durch's Schlüsselloch, sah aber
nichts als den Kopf des Fremden."
"Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?"
"Alt? Wo denkt Ihr hin! Die sieht mir auch danach aus, daß sie es
mit einem Alten hätte! Jung ist er und schön, wie mir die Rosel sagt.
Er hat einen dunklen Bart um Mund und Kinn, schönes gerolltes Haar
auf dem Kopf und sah recht freundlich und liebreich aus."
"Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke!" murmelte Georg
und strich mit der Hand über sein Kinn, das noch ziemlich glatt war.
"Frau, besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehört von der
Frau Rose!? Hat sie dies alles so gesagt? Macht Ihr nicht noch mehr
dazu?"
"Gott bewahre mich, daß ich über jemand lästere! Da kennt Ihr mich
schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch
mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr geflüstert, was eine ehrliche
Frau einem schönen jungen Herrn nicht wieder sagen kann. Und denkt
Euch, wie recht schlecht das Fräulein ist, sie hat noch einen anderen
Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!"
"Noch einen?" fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung schien ihm
mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.
"Ja, noch einen. Es soll ein gar schöner, lieber Herr sein, sagte
mir die Rosel. Sie war mit dem Fräulein einige Zeit in Tübingen, und
da war ein Herr von--von--ich glaube Sturmfittich heißt er--der
war auf der hohen Schule. Und da lernten sich die beiden Leutchen
kennen, und die Amme schwört, es sei nie ein schmuckeres Paar
erfunden worden im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz
schrecklich liebgehabt, das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um
ihn, als sie von Tübingen ging. Nun ist sie dem armen Jungen untreu
geworden, das falsche Herz, und die Amme heult, wenn sie nur an den
schönen, treuen Herrn denkt. Er soll noch viel, viel schöner gewesen
sein als der, den sie jetzt hat."
"Frau Wirtin, wie oft laßt Ihr mich denn klopfen, bis ich einen
vollen Becher bekomme", rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf;
denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung alles übrige
vergessen.
"Gleich, gleich!" antwortete sie und flog an den Schenktisch hin, den
durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen. Und von da
ging es zum Keller, und Boden und Küche nahmen sie in Anspruch, so
daß der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam über das, was er
gehört hatte, nachzusinnen.
Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er da und schaute unverrückt in
die Tiefe seines silbernen Bechers. So saß er am Nachmittag, so saß
er am Abend. Die Nacht war schon lange eingebrochen, und er saß noch
immer so hinter dem runden Tisch im Erker, tot für die Welt umher,
nur hin und wieder verriet ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und
Empfindung in ihm sei. Die Wirtin wußte nicht, was sie aus ihm
machen sollte. Sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt,
hatte versucht, mit ihm zu sprechen aber er hatte ihr gedankenlos mit
starren Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet. Es war
ihr ganz Angst dabei geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger
Mann angestarrt, als er das Zeitliche segnete und ihr den goldenen
Hirsch hinterließ.
Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem
Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder
sei er verliebt bis über die Ohren, oder man habe es ihm angetan.
Sie belegte ihre Behauptung mit einer schrecklichen Geschichte von
einem jungen Ritter, den sie gesehen und der aus lauter Liebe am
ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.
Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung. Er glaubte, dem jungen Mann
sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt oft im Krieg vorkomme,
und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr
aber blinzelte einige Male nach dem stummen Gast im Erker hinauf und
fragte dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewächs und
Jahrgang der Ritter trinke?
"Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was
der goldene Hirsch hat."
"Da haben wir es!" rief der kluge Mann "Ich kenn' den Heppacher
Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen und der ist ihm
zu Kopf gestiegen. Laßt ihn sitzen, laßt ihn immer sitzen, seinen
schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlägt, hat er
ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser."
Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin
aber lobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn und fand seine
Vermutung am wahrscheinlichsten.
Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste hatten schon
alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum
Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte.
Er sprang auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und blieb endlich
vor der Hausfrau stehen. Er sah düster und verstört aus, und die
wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so
freundlichen offenen Zügen tiefe Spuren des Grams eingedrückt.
Die Wirtin dauerte sein Anblick. Sie wollte ihm, eingedenk des
klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen und ihm dann
ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien für diese
Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu haben.
"Wann sagt Ihr", hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, "wann geht
der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurück?"
"Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten
Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke."
"Laßt mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht, der mich nach
Lichtenstein geleite."
"Jetzt in der Nacht?" rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung die
Hände zusammen. "Jetzt wollt Ihr ausreiten? Ei geht doch Ihr treibt
Spaß mit mir."
"Nein, gute Frau, es ist mein Ernst. Aber sputet Euch ein wenig, ich
habe Eile."
"Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt", entgegnete jene, "und
jetzt wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus.
Zwar die frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken. Aber
weiß Gott, Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr könnt mir
herunterfallen oder allerlei Unglück anrichten, und dann hieße es, wo
hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, daß sie die Leute
so laufen läßt."
Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er war wieder in
sein düsteres Sinnen zurückgesunken. Als sie aufhörte zu sprechen,
schrak er auf und wunderte sich, daß sie seinen Befehl noch nicht
befolgt habe.
Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu
besorgen. Da dachte sie, daß sie doch keine Gewalt habe, ihn
zurückzuhalten und daß es geratener sein möchte, ihn ziehen zu lassen.
"Laßt dem Herrn seinen Braunen herausführen", rief sie, "und der
Andres soll sich rüsten, heute nacht noch ein Stück Wegs zu gehen!--
Er hat recht, daß er jemand mitnehmen will", sprach sie für sich
weiter, "der kann ihn doch im Notfall halten. Zwar sagt man, sie
haben ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle
keiner so leicht vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt wie der
Schwengel in der großen Glocke, aber besser ist besser.--Was Ihr
schuldig seid, Herr Ritter? Nun, Ihr habt gehabt eine Maß Alten,
macht zwölf Kreuzer, und das Essen--nun, es ist nicht der Rede wert,
was Ihr gegessen habt. Ihr habt ja mein Huhn kaum angesehen. Nun,
wenn Ihr für den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen wollt,
so wird Euch eine arme Witfrau schön danken."
Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß der guten, alten Zeit
berichtigt war, entließ die Wirtin zum goldenen Hirsch ihren Gast.
Sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er
herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber
dennoch konnte sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der
Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, daß sie nicht leicht einen
schöneren Mann gesehen habe, und sie schärfte daher ihrem Knecht, der
sie begleitete, um so sorgfältiger ein, recht genau auf ihn acht zu
haben, weil es bei diesem Herrn "doch nicht ganz richtig im Kopf sei".
Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen Reiter,
wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort.--"Nach Lichtenstein",
schlug er einen Weg rechts ein, der zum Gebirge führte. Der junge
Mann ritt schweigend durch die Nacht hin. Er sah nicht rechts, er
sah nicht links, er sah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in
die Weite, seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie
damals, als ihn die Mörder am Weg niedergeschlagen hatten. Seine
Gedanken standen still, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu
lieben und zu wünschen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler
gewesen, als ihm auf dem kühlen Teppich des Wiesentales die Besinnung
schwand. Er war ja entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie,
und die erstarrenden Lippen hatten noch einmal einen süßen Namen
ausgesprochen.
Aber jetzt war die Leuchte verlöscht, die seinen Pfad durchs Leben
erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im
Dunkeln hinzugehen und dann in lichteren Höhen als auf dem
Lichtenstein seine Ruhe zu finden. Und unwillkürlich zuckte seine
Rechte hie und da ans Schwert, als wolle er sich versichern, daß ihm
dieser Gefährte wenigstens treu geblieben sei, als sei dies der
gewichtige Schlüssel, der die Pforte sprengen sollte, die aus dem
Dunkel zum Licht führt.
Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen. Steiler wurden die
Pfade, und das Roß strebte mühsam unter der Last des Reiters und
seiner Rüstung bergan, doch der Reiter bemerkte es nicht. Die
Nachtluft wehte kühler und spielte mit den langen Haaren des
Jünglings, er fühlte es nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete
seinen Pfad, beleuchtete kühne Felsenmassen und die hohen gewaltigen
Eichen, unter welchen er hinzog, er sah es nicht. Unbemerkt von ihm
rauschte der Strom der Zeit an ihnen vorüber, Stunde um Stunde
verging, ohne daß ihm der Weg lang dünkte.
Es war Mitternacht, als sie auf der höchsten Höhe ankamen. Sie
traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von
der übrigen Erde, lag auf einem einzelnen, senkrecht aus der
nächtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein.
Seine weißen Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten im Mondlicht.
Es war, als schlummere das Schlößchen abgeschieden von der Welt, im
tiefen Frieden der Einsamkeit.
Der Ritter warf einen düsteren Blick dorthin und sprang ab. Er band
das Pferd an einen Baum und setzte sich auf einen bemoosten Stein,
gegenüber von der Burg. Der Knecht stand wartend, was sich weiter
begeben werde, und fragte mehrere Male vergeblich, ob er seines
Dienstes jetzt entlassen sei?
"Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?" fragte endlich der
stumme Mann auf dem Stein
"Zwei Stunden, Herr!" war die Antwort des Knechtes.
Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleit und winkte
ihm zu gehen. Er zögerte, als scheue er sich, den jungen Mann in
diesem unglücklichen Zustand zu verlassen. Als aber jener ungeduldig
seinen Wink wiederholte, entfernte er sich still. Nur einmal noch
sah er sich um, ehe er in den Wald eintrat. Der schweigende Gast saß
noch immer, die Stirn in die Hand gestützt, im Schatten einer Eiche,
auf dem bemoosten Stein.