Kapitel 17

Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach

Haus zurück, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht

mehr länger zügeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein

Pferd. Die runde Frau hatte nach einigen harten Kämpfen ihrem

Töchterlein erlaubt, daß sie den Junker geleiten dürfe. Sie wußte

zwar, daß ein so unerhörtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in

den Spinnstuben von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht

ganz gerne. Wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem

jungen Ritter gelegen sein müsse, weil er ihn in sein Haus

aufgenommen und wie einen Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch,

diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu dürfen; doch

machte sie die Bedingung, daß Bärbele vorausgehen und ihn eine

Viertelstunde hinwärts an einem Markstein erwarten müsse.

Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm

zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte

in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges

Geschenk für die damalige Zeit, und eine bedeutende Summe für die

Reisekasse Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll

übrigens nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun,

daß die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat oder daß

sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er möchte den

Junker durch die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur so viel ist

gewiß, daß die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit

einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller

Weiber in der Gegend, und daß ihre Tochter Bärbele eine schönes

Mieder von feinem Tuch mit Goldborden auf der nächsten Kirchweih trug,

das man früher nie an ihr gesehen. Auch soll sie jedes Mal errötet

sein, wenn die Mädchen das neue Mieder befühlten und lobten.

Georg fand seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein sitzend.

Sie sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben

ihm her. Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübscher vor als

gestern. Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot

bedeckt, und ihre Augen glänzten freundlich. Ihre Tracht eignete

sich ganz gut zu einem weiten Marsch, denn das kurze Röckchen

hinderte den Fuß nicht, flink auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen

an den Arm gehängt, als wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie

trug aber weder Gemüse noch Früchte darin, was sie wohl sonst in die

Stadt zu bringen pflegte, sondern ein Regentuch, mit dem sie sich

gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen hatte.

Sie wählte meistens Nebenwege und führte den Reiter höchstens zwei-

bis dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie

halt. Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung

von einer kleinen halben Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied

sich hier, und ein Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An diesem

Scheidepunkt blieb das Mädchen stehen und sagte: "Was Er dort sehet,

ist Pfulliga, von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtastoi

zeiga."

"Wie? Du willst mich schon verlassen?" fragte Georg, der sich an die

munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewöhnt hatte, daß ihn

der Abschied überraschte. "Warum gehst Du nicht wenigstens mit mir

bis Pfullingen? Dort kannst Du in der Herberge etwas essen und

trinken; Du willst doch nicht geradezu nach Haus laufen?"

Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch konnte

sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht

verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe ihres schönen Gastes

teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wußte. "Do mueß i

von Uich geh, gnädiger Herr", sagte sie, "so gerne au no weiters

mitging, aber d'Mueter will's so; dort in dem Dörfle am Berg hanne a

Bas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt.

Jetzt b'hüet Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und älle seine

Heilige nemmet Uich in Schutz. Grüßet mer de Vater und au", setzte

sie lächelnd hinzu, indem sie schnell eine Träne abschüttelte,

"grüßet mer sell Frähla, die Er so gern hent."

"Dank Dir, Bärbele", entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum

Abschied vom Pferd hinab. "Ich kann Dir Deine treue Pflege nicht

vergelten. Aber wenn Du nach Haus kommst, so schau in den

geschnitzten Schrank, dort wirst Du etwas finden, das vielleicht zu

einem neuen Mieder oder zu einem Röckchen für den Sonntag reicht.

Nun, und wenn Du es dann zum ersten Mal anhast und Dein Schatz Dich

darin küßt, so denke an Georg von Sturmfeder!"

Der junge Mann gab seinem Pferd die Sporen und trabte über die grüne

Ebene hin dem Städtchen zu. Bald war er am Tor der kleinen Stadt

angelangt. Er fühlte sich ermüdet und durstig und fragte daher auf

der Straße nach einer guten Herberge. Man wies ihn nach einem

kleinen düsteren Haus, wo ein Spieß über der Tür und ein Schild, mit

einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr luden. Ein kleiner

barfüßiger Junge führte sein Pferd in den Stall, ihn selbst aber

empfing in der Tür eine junge, freundliche Frau und führte ihn zur

Trinkstube.

Es war dies ein weites finsteres Zimmer, an dessen Wänden sich

schwere eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure Menge von

Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getäfel

herabblinkte, bewies, daß die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein

müsse. In der Tat saßen auch, obgleich es erst Mittag war, schon

viele Gäste beim Wein. Sie schauten den stattlichen jungen Ritter

prüfend an, als er an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein

sechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein

geführt wurde; doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den

vornehmen Gast nicht lange stören, sondern schwatzten weiter über

Krieg und Frieden, über Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame

Spießbürger in so unruhigen Zeiten, wie Anno 1519, zu tun pflegten.

Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit

lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging,

und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher

vorsetzte, zog sich ihr etwas großer Mund zu holdseliger

Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten

und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle;

einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das

laternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige

Trinkstube; Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und

trinkend die Gäste mustern. Ob-gleich er nicht viel in Herbergen und

Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht

dadurch, daß er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt in

Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen

jetzigen Beobachtungen unterstützte.

Die Gesellschaft, die um einen der großen eichenen Tische saß,

bestand aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden sich auf

den ersten Anblick nicht sehr voneinander, große Bärte, kurze Haare,

runde Mützen, dunkle Wämser gehörten dem einen so gut wie dem andern

an. Doch sonderte ein schärferer Blick bald vorzüglich drei von den

übrigen. Der eine--er saß Georg am nächsten, war ein kleiner,

fetter, freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger als

das der anderen, er hatte es sorgfältiger gekämmt; auch schien sein

dunkler Bart besser gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem

schwarzem Tuch und ein Filzhut mit spitzigem Kopf und breiter Krempe,

die hinter ihm an einem Nagel hingen, bezeichneten einen Mann von

einigem Gewicht, vielleicht gar einen Ratsherrn. Er mochte auch eine

bessere Sorte trinken als die übrigen, denn er schlürfte bedächtig,

und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, daß er

leer sei, tat er dies mit einem gewissen Anstand und vernehmlicher

als die übrigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, überaus

fein und listig aus, als wisse er noch manches, ohne es gerade hier

preisgeben zu wollen. Auch hatte er das Vorrecht, das Kellnermädchen

in die Wangen zu kneifen oder ihren runden Arm zu "tätscheln", wenn

sie ihm die gefüllte Kanne brachte.

Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches saß,

stach nicht minder gegen seine Umgebung ab als der Fette; alles war

an ihm länglich und hager. Sein Gesicht, von der Stirn bis zu dem

langen, zugespitzten Kinn, maß wohl eine gute Mannesspanne; seine

Finger, mit welchen er auf dem Tisch den Takt eines Liedes spielte,

das er leise vor sich hin pfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als

sich Georg einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem großen

Erstaunen, daß der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem

ganzen Tisch hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas

Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, was die Bürger

vorbrachten, widersprach, ausdrückte; er sah aus wie einer, der viel

mit vornehmen Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen

hat, aber doch nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte

nicht aus dem Städtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem

Pferd gefragt. Nach Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt,

wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menschen künstlich

umzubringen.

Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen

und zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, Listiges in

seinem Wesen, das ihn von der gutmütigen, behaglichen Ruhe der

Spießbürger merklich unterschied. Er hatte über dem einen Auge ein

großes Pflaster, das andere aber blickte kühn und offen um sich. Ein

großer Reisestock mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein

lederbesetzer Rücken, worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste

tragen mochte, ließen schließen, daß er entweder ein Bote sei oder,

wahrscheinlicher noch, einer jener herumziehenden Krämer, die auf

Märkten und Kirchweihen, nebst wundersamen Nachrichten aus fernen

Landen, für die Weiber wirksame Mittel gegen behextes Vieh und für

die Mädchen schöne bunte Bänder und Tücher bringen.

Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das nur hin und

wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit

den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen Bürgern unterbrochen wurde.

Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die Georgs Interesse

sehr in Anspruch nahm. Sie sprachen über die Unternehmungen des

Bundes im württembergischen Unterland. Der Krämer mit dem ledernen

Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl, worin sich Götz von Berlichingen

eingeschlossen, von den Bündischen erstürmt und jener tapfere Mann

gefangen worden sei.

Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt und einen

guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere ließ aber

den Lederrücken nicht aussprechen; er schlug den Takt mit den langen

Fingern etwas vernehmlicher und sagte mit hohler Stimme: "Das ist

erstunken und erlogen, Freund! Seht, das ist gar nicht möglich, denn

der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das muß

ich wissen, und überdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in

mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er

sich denn fangen lassen."

"Mit Verlaub", unterbrach ihn der fette Herr, "dem ist nicht so,

sondern Götz ist in der Tat gefangen und sitzt in Heilbronn. Aber

nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schloß in Möckmühl ist nicht

erstürmt worden, sondern die Bündischen hatten ihm und den Seinigen

freien Abzug versprochen, wie er aber aus dem Tor kam, wurde er

überfallen, seine Knechte getötet und er gefangen. Seht, das ist

nicht recht, und da hat der Bund schändlich gehandelt."

"Da muß ich doch bitten, Herr" sprach der Lange. "Daß man nicht so

von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau,

wie z.B. Herr Truchseß von Waldburg mein geneigter Herr und Freund

ist."

Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber das, was

ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Bürger

brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel

des Staunens aus und lüfteten ehrerbietig ihre Mützen.

"Nun, wenn Ihr beim Bund so bekannt seid", sagte der Zerlumpte mit

etwas trotziger Miene, "so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben

können, wie es um Tübingen aussieht und was weiter zu erwarten ist."

"Es pfeift aus dem letzten Loch", antwortete der Gefragte, "ich war

vor kurzer Zeit dort und sah die vortrefflichen und schrecklichen

Anstalten zur Belagerung."

"Ei--so--wie", flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen,

als erwarteten sie wichtige Kunde.

Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück,

steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um

einige Zoll länger aus und sprach: "Ja, ja, Ihr Leute, dort sieht es

arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in großem Schaden,

denn die Obstbäume sind alle abgehauen, man schießt mit aller Macht

auf Stadt und Schloß, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloß

liegen vierzig Ritter, aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr

lange halten!"

"Was? Ein paar Mäuerlein?" rief der fette Herr und setzte seine

Kanne klirrend auf den Tisch. "Wer je das Schloß von Tübingen

gesehen hat, kann nicht von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht

auf den Seiten, wo es an den Berg stößt, zwei tiefe Graben, daß die

Bündler mit keiner Leiter hinaufkönnen, und Mauern zwölf Schuh dick,

und Türme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen

lassen."

"Umgeschossen, umgeschossen" rief der lange Mann mit so greulich

hohler Stimme, daß die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen

krachen zu hören glaubten, "den neuen Turm, den der Ulrich neulich

aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen; wie wenn er nie

dagestanden wäre."

"Aber damit ist noch nicht alles hin", antwortete der Zerlumpte.

"Die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß und haben schon manchen

auf dem Wörth am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben

sie den Hut vom Kopf geschossen, daß er heute noch Ohrensummen hat."

"Da seid Ihr falsch berichtet", sprach der Hagere nachlässig,

"Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel;

es sind Griechen, ich weiß nicht vom Ganges oder Epiros, man heißt

sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der läßt

keinen Hund aus dem Loch ausfallen."

"Der hat halt auch ins Gras beißen müssen", entgegnete der zerlumpte

Mann mit einem höhnischen Seitenblick. "Die Hunde, wie Ihr sie nennt,

sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand,

und haben ihn gebissen und gefangen, und--"

"Gefangen? Den Samares?" rief der Lange, aus seiner vornehmen Ruhe

aufgeschreckt. "Freund, das habt Ihr falsch gehört!"

"Nein", antwortete jener sehr ruhig, "ich habe die Glocken läuten

hören, als man ihn in Sankt Jörgenkirche begraben hat."

Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, um zu

erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache. Er

ließ seine buschigen Augenbrauen herab, daß von seinen Augen nichts

mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dünnen Knebelbart, schlug

mit der Hand auf den Tisch und sagte: "Und wenn sie ihn auch in zehn

Stücke zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! Das

Schloß muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute

Nacht Württemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und meine

gnädigen Herren und Gönner sind Meister."

"Wer steht Euch dafür, daß er nicht wiederkommt? Und dann?" sagte

der kluge, fette Herr und klappte den Deckel zu.

"Was? Wiederkommen!" schrie jener. "Der Bettelmann! Wer sagt das,

daß er wiederkommt? Wer wagt es? He?"

"Was geht es uns an?" murmelten die Gäste unmutig. "Wir sind

friedliche Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur

die Steuern anders werden.--Wenn man in der Herberge ist, wird doch

auch noch ein Wort erlaubt sein." So sprachen sie, und der Hagere

schien zufrieden, daß ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er

sah einen um den anderen mit stechendem Blick an, zog dann sein

Gesicht in freundlichere Falten und sagte: "Es war nur zur Erinnerung,

daß wir den Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein' Seel', mir ist

er wie Gift und Operment, darum gefällt mir auch das Paternoster so

gut, das einer auf ihn gemacht hat, ich will es einmal singen." Die

Bürger sahen finster vor sich hin und schienen nicht sehr begierig

auf den Spottgesang, der ihrem unglücklichen Herzog galt. Jener aber

befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk und sang mit heiserer,

unangenehmer Stimme:

"Vater Unser,

Reutlingen ist unser;

Der Du bist in dem Himmel,

Eßlingen wölln wir bald gewinnen;

Geheiligt werde Dein Nam',

Heilbronn und Weil wölln wir auch han;

Zu uns komme Dein Reich"

Der Ulmer Bund sieht uns keinem gleich;

Dein Will' geschehe,

Die Münz' hat gereit ein ander Gepräge;

Gib uns unser täglich Brot,

Wir haben Geschütz für alle Not;

Vergib uns unsere Schuld,

Wir haben des Königs von Frankreich Huld;

Als wir vergeben unsern Schuldigern,

Wir wölln dem Bund das Maul zusperr'n!

Laß uns nicht geführt werden,

Wir wölln bald Kaiser werden,

In keine Versuchung, sondern erlös uns

von allem Übel. Amen.

So behalten wir des Kaisers Namen."

Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel, der

weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander

heimlich anstießen und über die jämmerlichen Töne des Sängers die

Achsel zuckten. Er aber schaute stolz im Kreis umher, als wolle er

in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen.

"Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen", sagte der Zerlumpte, "so

fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch ein neues Lied und

will es mit Eurem Verlaub singen."

Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten

ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen

halb zuschloß, aber doch hin und wieder auf den langen Mann hinüber

schielte, als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:

"Oh weh, wo bleibet Deine Kraft,

Württemberg, Du arme Landschaft;

Ich klag Dich billig hart und sehr,

Denn der Bader von Ulm, der ist Dein Herr.

Der zu Nürnberg die Wetschger macht,

Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,

Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,

Von Ravensburg die Krämer all.

Von Rottweil die neuen Schweizerknaben

Wollten der Gans auch ein Feder haben,

Und der Schneider von Memming ist in der Sach'

Und auch der Kürschner von Biberach."

Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten

über den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und

lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere

Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des

Zerlumpten beneidete oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte.

Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des

Liedes mit und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.--Der

Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:

"Den Saymer von Kempten ich Euch meld'

Und Holzhauer von dem Herdtfeldt.

Und andere, die ich nicht nennen will,

Der Haufen ist groß und wird gar zuviel.

Und auch der ist in dem Strauß,

Der richt' alles mit Ungeld aus,

Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,

Des reichen Barchetwebers Kind."

"Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr, Ihr Lumpenhund!" fuhr der

lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte. "Ich weiß wohl, wen

Ihr mit dem Barchetweber meint, meinen gnädigen Gönner, den Herrn von

Fugger. Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?" Er

begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit

schrecklicher Gebärde.

Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern; er

stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: "Den

Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiß wohl,

wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so

will ich Euch Eure Rührlöffelarme vom Leib schlagen."

Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in so gemeine

Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen

Schrittes aus der Trinkstube.

Lichtenstein · 第 21 / 40 题