Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen, war
ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach
der Küche, und zwar aus zweierlei Gründen: Einmal, weil jetzt dem
Gast ein kräftiges Hafermus gekocht werden mußte, und dann--von der
Küche ging ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die
Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.
Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die
Schulter durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr Herz pochte seit
siebzehn Jahren zum ersten Mal recht ungestüm:
Denn so hübsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war
zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, wenn er
mit starren Augen, ohne Bewußtsein, beinahe ohne Leben da lag. Seine
bleichen, noch im Kampf mit dem Tod so schönen Züge hatten sie oft
angezogen, wie ein rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer
Betenden anzieht. Aber jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz
anderes. Die Augen waren wieder gefüllt von schönem, mutigem Feuer;
es wollte dem Bärbele auf den Zehen bedünken, als habe sie, so alt
sie geworden, noch gar keine solchen gesehen. Das Haar lag nicht
mehr in unordentlichen Strängen um die schöne Stirn. Es fiel
geordnet und reich auf den Nacken hinab.
Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch
wie die Kirschen an Petri und Paul. Und wie ihn das seidengestickte
Wams gut kleidete, und der breite weiße Halskragen, den er über das
Kleid heraus gelegt hatte! Aber das konnte das Mädchen nicht
ergründen, warum er wohl immer wieder auf eine aus weiß und blauer
Seide geflochtene Schärpe nieder sah. So fest, so eifrig, als wären
geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei.
Ja, es kam ihr sogar vor, als drücke er die Feldbinde an das Herz,
als führe er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man
Reliquien zu verehren pflegt.
Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein
beendet. "'s ist a Herr wie na Prinz", sagte sie, indem sie das
Hafermus umrührte. "Was er a Wammes a hat! Dia Herra z'Stuagert
kennet's et schöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der
Hand hot? Er guckt a so schier ausenander! Es ist, ka sei, a bisle
Bluat na komme, daß ens verzirnt."
"Noi, sell isch et", entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das
Zimmer übersehen konnte. "Aber wisset Er, Muater, wia mers fürkommt?
Er macht so gar fuirige Auga druf na. Sell ist gewiß ebbes von seim
Schatz."
Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige
Vermutung ihres Kindes ein wenig zu lächeln, doch schnell nahm sie
ihre mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: "A, was
woist Du von Schätz! So na Kind wie Du muaß gar a nix so denka.
Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang mir sell Häfele her. Der
Herr wir a fürnehmes Fressa g'wohnt sei, i muaß am a bisle viel
Schmalz in de Brei dauh."
Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte, daß sie
ihrer Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte diese
offenbar unrecht.
Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte
nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieser war bald
hereingebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann,
aber nicht so arm, daß er nicht für feierliche Gelegenheiten ein
Fäßchen im Keller liegen hatte. Das Mädchen trug den Wein und das
Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel
mit Hafermus in beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die
Stube.
Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knixen der
Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf
dem Schloß zu Neuffen gedient und wußte, was Lebensart war. Daher
blieb sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle
stehen, bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten.
Die Tochter aber stand errötend hinter der runden Frau, und ihr
verschämtes Gesicht wurde nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die
Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehörige
Anzahl Knixe, doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein,
denn sie hatte ja schon ein halbes Stündchen mit ihm geplaudert.
Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischem Linnen, setzte dem
Junker das Hafermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der
Bank unter dem Kruzifix. Dann steckte sie einen zierlich
geschnitzten, hölzernen Löffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin
stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, daß das Frühstück delikat
bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich
auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in
bescheidener Entfernung, und nicht, ohne das Salzfaß zwischen sich
und ihren vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in
den guten alten Zeiten.
Georg hatte, während sie das Frühmal verzehrten, Muße genug, die
beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß die Hausehre des
Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen
weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen
ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffeln hatte sie wohl nicht) gebracht
hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne,
und ein so schöner Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht
in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es
nicht von einem Bild schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft
so unendlich groß gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen
den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers
von Hardt befestigt hatten. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke
mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unschuldigen Zügen, und wäre die
runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr
wohl die Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes
aufstieg, wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des
jungen Mannes begegnete.
"Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen." Dieser richtige
Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg
lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: Er mußte gewiß sein, wann der
Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde, weil er nur seine
Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu
ihr zu eilen. Und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo
das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Über das Erstere
konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen
früher schon gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen
abwesend, habe aber versprochen, am fünften Abend wieder hier zu sein,
und sie erwarteten ihn daher stündlich Die runde Frau vergoß Tränen,
indem sie dem Junker klagte, daß ihr Mann, seitdem dieser Krieg
begonnen, kaum einige Stunden zu Hause gewesen sei. Er sei von
trüberen Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berüchtigt. Jetzt
murmeln die Leute auch wieder allerlei über ihn, und gewiß bringe er
seine Frau und sein Kind durch sein gefährliches Leben noch in
Unglück und Jammer.
Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen. Es
gelang ihm wenigstens so weit, daß sie ihm seine Fragen nach dem
Bundesheer beantwortete.
"Ach, Herr", sagte sie, "des ist a Graus und a Jomer. 'S ist grad,
wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet, und mit seine
g'schpenstige Hund übers Lager wegzieht. 'S ganz Unterland hent se
schau, und jetzt goht's mit em hella Haufe ge Tibenga."
"So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?" fragte Georg
verwundert. "Hellenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind
sie alle schon eingenommen?"
"Älles hent se. A Mann vo Schorndorf hot's g'sait, daß se de
Hellastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von Teck und Aurich
kan e Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund
davo." Sie erzählte nun: Am dritten April sei das Heer vor Teck
gezogen. Sie hätten einen Teil des Fußvolkes vor das eine Tor
gesetzt und sich mit der Besatzung über die Übergabe besprochen. Da
seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und
indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im
Schloß Urach aber seien vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen.
Die habe die Bürgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der
Feind anrückte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin
die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von
einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden niedergestoßen
worden. Die Stadt habe sich dem Bund ergeben. "Es ist koi Wunder",
schloß die runde Frau ihre Erzählung, "älle Burga und Schlösser nehme
se ei. Denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se
Kugla draus schießet, graißer als mei Kopf, daß älle Maura zema
brecha und älle Tirn einfalla müaßet."
Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise von Hardt nach
Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde als jener Ritt über
die Alp, denn er mußte gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen
durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen vom Heer
verlassen. Die Belagerung von Tübingen mußte notwendig viel
Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine
eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen
hatte, besetzt halten würden.
Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine
Kopfwunde war geheilt. Sie war nicht tief gewesen, denn die Federn
seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hieb, der nach ihm
geführt worden war, seine Schärfe genommen. Doch war der Schlag noch
immer kräftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins
zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren
geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht
war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und
dem Wundfieber zuschrieb. Doch auch diese schwand von Stunde zu
Stunde, denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne
verjagten gar bald solche schlimmen Gäste.
Er mußte auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des Mädchens
bewundern. Die runde Frau mochte schmälen wie sie wollte, mochte sie
noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie
ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da
sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die
Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben
hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als
nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch
lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bett
des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein.
Es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem
Geräusch im Zimmer aufgeweckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem
Vater angelegentlich sprechen; seine Züge entgingen ihr nicht,
obgleich er sich in eine große Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen
Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle
Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war und bei dessen
Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu
erkennen.
Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei dem Vater zu
tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr
wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer ließ, weil er sie für
fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzählte von einem Fräulein, die
über eine gewisse Nachricht untröstlich sei. Sie habe den fremden
Mann gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht
einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe,
ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu
kommen. Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der
Vater hatte darauf das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen
Zustand des Kranken geschildert und versprochen, daß er, sobald sich
der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um dem Fräulein
diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken
ein Löckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch
geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater
geführt, aus der Stube gegangen, und kurz nachher hörte sie ihn bei
Nacht und Nebel wieder wegreiten.
Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage
bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des
Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber jetzt aufs neue,
aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte.
Sie wußte, daß der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn
die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein
mußte es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um
sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar
selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.
Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte,
wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und
wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie
gewiß recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist
nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige
Schwabenkind weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht
von ihm gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein
Wörtchen von ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und
seit er wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen;
darum hatte er wohl die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so bewegt
angeschaut und ans Herz und den Mund gedrückt? Sie nahm sich vor,
ihm zu erzählen, was in jener Nacht vorgegangen sei, vielleicht ist
es ihm doch ein Trost, dachte sie.
Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbele
nach und nach ernster geworden war, wie sie über etwas nachzusinnen
schien, ja er glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben.
"Was hast Du, Mädchen", sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer
verlassen hatte, "warum wirst Du auf einmal so still und ernst und
netzest ja sogar Deine Fäden mit Tränen?"
"Send denn Ihr so lustig, Junker? fragte Bärbele und sah ihm recht
fest ins Auge, "i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auge grollt,
was selle Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gewiß vo Eurem
Schätzle, und jetzt tuets Uich loid, daß Er et bei er send."
Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann
errötete tief über ihre Frage. "Du hast vielleicht recht", sagte er
lächelnd, "doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie
bald wiedersehen."
"Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!" entgegnete
Bärbele mit einem schelmischen Seitenblick.
Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe
etwas gesagt haben? "In Lichtenstein?" fragte er sie. "Was weißt Du
von mir und Lichtenstein?"
"Ach, i mags dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se wieder a mol a
Freud hot; mer hot mer gsait, se häb rechtschaffa g'jommert, wie Er
so krank gwä send."
"Gejammert, sagst Du?" rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat.
"So wußte sie um meine Krankheit? Oh sprich, was weißt Du von
Marie? Kennst Du sie? Was sagte der Vater von ihr?"
"Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer gsait, und i wißt au net,
daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wär.
Aber Er müeßet mers et übel nemme, Junker, dasse a bissele ghorcht
han, gucket, des Ding ist so ganga." Sie erzählte dem Junker, wie sie
hinter das Geheimnis gekommen sei und daß der Vater, wahrscheinlich,
um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.
Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis
jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit
der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mußte er
erfahren, daß sie mehrere bange Tage in Ungewißheit geschwebt habe:
in der schrecklichen Ungewißheit, ob er nicht hier noch entdeckt
werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen würde; er
kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer
denken! Wahrlich, sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht
zu beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte.
Wieviel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der
Abschied von ihm geworden: und kaum hatte ihr Herz wieder freier
geatmet in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen werde,
kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr
die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde. Und dieses vor den
Blicken des Vaters verschließen zu müssen, diesen großen Schmerz
allein tragen müssen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei
welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt
fühlte er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu
eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so kluge
Mann gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe.
Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: "I sieh wohl, Er möchtet
gern fort; wenn no der Vater do wär, denn alloi fendet Er da Weg nach
Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und
do kennet Er leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege
und mach, daß er bald kommt."
"Du wolltest ihm entgegengehen?" sagte Georg, gerührt von der
Gutmütigkeit des Mädchens. "Weißt Du denn, ob er schon in der Nähe
ist? Vielleicht ist er noch Stunden entfernt, und in einer Stunde
wird es Nacht!"
"Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ greifa müeßt, und
müeßt i laufa bis Lichtastoi, i wetts gern dauh, Er kommet jo no
bälder zu--". Errötend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie
auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so
schämte sie sich doch, jenes zarte Verhältnis, das ihr heute so klar
wie noch nie zuvor einleuchtete, zu berühren.
"Und willst Du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre es ja
töricht von mir, zurückzubleiben und erst Deinen Vater zu erwarten.
Ich sattle geschwind mein Roß und reite neben Dir her, und Du zeigst
mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann."
Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem
langen Zopfband "Aber es wird jo scho en era Stund Nacht", flüsterte
sie kaum hörbar.
"Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei in
Lichtenstein", antwortete Georg, "Du wolltest Dich ja vorhin selbst
bei Nacht und Nebel auf den Weg machen."
"Ja i wohl", entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, "aber Uich ist's
gwiß et gsund, wo ner erst krank gwä send, so in der kühla Nacht en
Weg von sechs Stund zmacha."
"Das kann ich nicht beachten", rief Georg, "und die Wunde ist ja
geheilt, ich bin gesund wie zuvor; nein, rüste Dich immer, gutes Kind,
wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln." Er nahm
den Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehängt war; und
schritt zur Tür.
"Herr! Euer Gnaden!" rief ihm das Mädchen ängstlich nach. "Lasset's
lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so selbander in der Nacht
fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tät mer
gwiß ebbes ahänga, wenne--wartet lieber bis morga früh, so wille
Uich meinetwega führa bis Pfullinga."
Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und hing schweigend
den Zaum wieder an die Wand. Er beschloß, diesen Abend und die
folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten, käme er nicht, so
wollte er mit dem frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung
seiner schönen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.