Kapitel 16

Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen, war

ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach

der Küche, und zwar aus zweierlei Gründen: Einmal, weil jetzt dem

Gast ein kräftiges Hafermus gekocht werden mußte, und dann--von der

Küche ging ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die

Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.

Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die

Schulter durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr Herz pochte seit

siebzehn Jahren zum ersten Mal recht ungestüm:

Denn so hübsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war

zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, wenn er

mit starren Augen, ohne Bewußtsein, beinahe ohne Leben da lag. Seine

bleichen, noch im Kampf mit dem Tod so schönen Züge hatten sie oft

angezogen, wie ein rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer

Betenden anzieht. Aber jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz

anderes. Die Augen waren wieder gefüllt von schönem, mutigem Feuer;

es wollte dem Bärbele auf den Zehen bedünken, als habe sie, so alt

sie geworden, noch gar keine solchen gesehen. Das Haar lag nicht

mehr in unordentlichen Strängen um die schöne Stirn. Es fiel

geordnet und reich auf den Nacken hinab.

Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch

wie die Kirschen an Petri und Paul. Und wie ihn das seidengestickte

Wams gut kleidete, und der breite weiße Halskragen, den er über das

Kleid heraus gelegt hatte! Aber das konnte das Mädchen nicht

ergründen, warum er wohl immer wieder auf eine aus weiß und blauer

Seide geflochtene Schärpe nieder sah. So fest, so eifrig, als wären

geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei.

Ja, es kam ihr sogar vor, als drücke er die Feldbinde an das Herz,

als führe er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man

Reliquien zu verehren pflegt.

Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein

beendet. "'s ist a Herr wie na Prinz", sagte sie, indem sie das

Hafermus umrührte. "Was er a Wammes a hat! Dia Herra z'Stuagert

kennet's et schöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der

Hand hot? Er guckt a so schier ausenander! Es ist, ka sei, a bisle

Bluat na komme, daß ens verzirnt."

"Noi, sell isch et", entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das

Zimmer übersehen konnte. "Aber wisset Er, Muater, wia mers fürkommt?

Er macht so gar fuirige Auga druf na. Sell ist gewiß ebbes von seim

Schatz."

Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige

Vermutung ihres Kindes ein wenig zu lächeln, doch schnell nahm sie

ihre mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: "A, was

woist Du von Schätz! So na Kind wie Du muaß gar a nix so denka.

Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang mir sell Häfele her. Der

Herr wir a fürnehmes Fressa g'wohnt sei, i muaß am a bisle viel

Schmalz in de Brei dauh."

Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte, daß sie

ihrer Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte diese

offenbar unrecht.

Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte

nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieser war bald

hereingebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann,

aber nicht so arm, daß er nicht für feierliche Gelegenheiten ein

Fäßchen im Keller liegen hatte. Das Mädchen trug den Wein und das

Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel

mit Hafermus in beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die

Stube.

Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knixen der

Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf

dem Schloß zu Neuffen gedient und wußte, was Lebensart war. Daher

blieb sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle

stehen, bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten.

Die Tochter aber stand errötend hinter der runden Frau, und ihr

verschämtes Gesicht wurde nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die

Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehörige

Anzahl Knixe, doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein,

denn sie hatte ja schon ein halbes Stündchen mit ihm geplaudert.

Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischem Linnen, setzte dem

Junker das Hafermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der

Bank unter dem Kruzifix. Dann steckte sie einen zierlich

geschnitzten, hölzernen Löffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin

stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, daß das Frühstück delikat

bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich

auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in

bescheidener Entfernung, und nicht, ohne das Salzfaß zwischen sich

und ihren vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in

den guten alten Zeiten.

Georg hatte, während sie das Frühmal verzehrten, Muße genug, die

beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß die Hausehre des

Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen

weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen

ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffeln hatte sie wohl nicht) gebracht

hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne,

und ein so schöner Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht

in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es

nicht von einem Bild schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft

so unendlich groß gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen

den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers

von Hardt befestigt hatten. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke

mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unschuldigen Zügen, und wäre die

runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr

wohl die Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes

aufstieg, wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des

jungen Mannes begegnete.

"Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen." Dieser richtige

Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg

lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: Er mußte gewiß sein, wann der

Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde, weil er nur seine

Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu

ihr zu eilen. Und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo

das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Über das Erstere

konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen

früher schon gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen

abwesend, habe aber versprochen, am fünften Abend wieder hier zu sein,

und sie erwarteten ihn daher stündlich Die runde Frau vergoß Tränen,

indem sie dem Junker klagte, daß ihr Mann, seitdem dieser Krieg

begonnen, kaum einige Stunden zu Hause gewesen sei. Er sei von

trüberen Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berüchtigt. Jetzt

murmeln die Leute auch wieder allerlei über ihn, und gewiß bringe er

seine Frau und sein Kind durch sein gefährliches Leben noch in

Unglück und Jammer.

Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen. Es

gelang ihm wenigstens so weit, daß sie ihm seine Fragen nach dem

Bundesheer beantwortete.

"Ach, Herr", sagte sie, "des ist a Graus und a Jomer. 'S ist grad,

wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet, und mit seine

g'schpenstige Hund übers Lager wegzieht. 'S ganz Unterland hent se

schau, und jetzt goht's mit em hella Haufe ge Tibenga."

"So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?" fragte Georg

verwundert. "Hellenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind

sie alle schon eingenommen?"

"Älles hent se. A Mann vo Schorndorf hot's g'sait, daß se de

Hellastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von Teck und Aurich

kan e Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund

davo." Sie erzählte nun: Am dritten April sei das Heer vor Teck

gezogen. Sie hätten einen Teil des Fußvolkes vor das eine Tor

gesetzt und sich mit der Besatzung über die Übergabe besprochen. Da

seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und

indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im

Schloß Urach aber seien vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen.

Die habe die Bürgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der

Feind anrückte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin

die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von

einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden niedergestoßen

worden. Die Stadt habe sich dem Bund ergeben. "Es ist koi Wunder",

schloß die runde Frau ihre Erzählung, "älle Burga und Schlösser nehme

se ei. Denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se

Kugla draus schießet, graißer als mei Kopf, daß älle Maura zema

brecha und älle Tirn einfalla müaßet."

Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise von Hardt nach

Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde als jener Ritt über

die Alp, denn er mußte gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen

durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen vom Heer

verlassen. Die Belagerung von Tübingen mußte notwendig viel

Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine

eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen

hatte, besetzt halten würden.

Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine

Kopfwunde war geheilt. Sie war nicht tief gewesen, denn die Federn

seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hieb, der nach ihm

geführt worden war, seine Schärfe genommen. Doch war der Schlag noch

immer kräftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins

zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren

geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht

war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und

dem Wundfieber zuschrieb. Doch auch diese schwand von Stunde zu

Stunde, denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne

verjagten gar bald solche schlimmen Gäste.

Er mußte auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des Mädchens

bewundern. Die runde Frau mochte schmälen wie sie wollte, mochte sie

noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie

ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da

sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die

Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben

hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als

nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch

lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bett

des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein.

Es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem

Geräusch im Zimmer aufgeweckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem

Vater angelegentlich sprechen; seine Züge entgingen ihr nicht,

obgleich er sich in eine große Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen

Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle

Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war und bei dessen

Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu

erkennen.

Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei dem Vater zu

tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr

wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer ließ, weil er sie für

fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzählte von einem Fräulein, die

über eine gewisse Nachricht untröstlich sei. Sie habe den fremden

Mann gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht

einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe,

ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu

kommen. Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der

Vater hatte darauf das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen

Zustand des Kranken geschildert und versprochen, daß er, sobald sich

der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um dem Fräulein

diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken

ein Löckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch

geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater

geführt, aus der Stube gegangen, und kurz nachher hörte sie ihn bei

Nacht und Nebel wieder wegreiten.

Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage

bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des

Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber jetzt aufs neue,

aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte.

Sie wußte, daß der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn

die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein

mußte es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um

sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar

selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.

Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte,

wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und

wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie

gewiß recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist

nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige

Schwabenkind weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht

von ihm gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein

Wörtchen von ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und

seit er wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen;

darum hatte er wohl die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so bewegt

angeschaut und ans Herz und den Mund gedrückt? Sie nahm sich vor,

ihm zu erzählen, was in jener Nacht vorgegangen sei, vielleicht ist

es ihm doch ein Trost, dachte sie.

Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbele

nach und nach ernster geworden war, wie sie über etwas nachzusinnen

schien, ja er glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben.

"Was hast Du, Mädchen", sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer

verlassen hatte, "warum wirst Du auf einmal so still und ernst und

netzest ja sogar Deine Fäden mit Tränen?"

"Send denn Ihr so lustig, Junker? fragte Bärbele und sah ihm recht

fest ins Auge, "i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auge grollt,

was selle Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gewiß vo Eurem

Schätzle, und jetzt tuets Uich loid, daß Er et bei er send."

Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann

errötete tief über ihre Frage. "Du hast vielleicht recht", sagte er

lächelnd, "doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie

bald wiedersehen."

"Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!" entgegnete

Bärbele mit einem schelmischen Seitenblick.

Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe

etwas gesagt haben? "In Lichtenstein?" fragte er sie. "Was weißt Du

von mir und Lichtenstein?"

"Ach, i mags dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se wieder a mol a

Freud hot; mer hot mer gsait, se häb rechtschaffa g'jommert, wie Er

so krank gwä send."

"Gejammert, sagst Du?" rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat.

"So wußte sie um meine Krankheit? Oh sprich, was weißt Du von

Marie? Kennst Du sie? Was sagte der Vater von ihr?"

"Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer gsait, und i wißt au net,

daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wär.

Aber Er müeßet mers et übel nemme, Junker, dasse a bissele ghorcht

han, gucket, des Ding ist so ganga." Sie erzählte dem Junker, wie sie

hinter das Geheimnis gekommen sei und daß der Vater, wahrscheinlich,

um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.

Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis

jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit

der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mußte er

erfahren, daß sie mehrere bange Tage in Ungewißheit geschwebt habe:

in der schrecklichen Ungewißheit, ob er nicht hier noch entdeckt

werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen würde; er

kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer

denken! Wahrlich, sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht

zu beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte.

Wieviel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der

Abschied von ihm geworden: und kaum hatte ihr Herz wieder freier

geatmet in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen werde,

kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr

die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde. Und dieses vor den

Blicken des Vaters verschließen zu müssen, diesen großen Schmerz

allein tragen müssen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei

welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt

fühlte er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu

eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so kluge

Mann gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe.

Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: "I sieh wohl, Er möchtet

gern fort; wenn no der Vater do wär, denn alloi fendet Er da Weg nach

Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und

do kennet Er leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege

und mach, daß er bald kommt."

"Du wolltest ihm entgegengehen?" sagte Georg, gerührt von der

Gutmütigkeit des Mädchens. "Weißt Du denn, ob er schon in der Nähe

ist? Vielleicht ist er noch Stunden entfernt, und in einer Stunde

wird es Nacht!"

"Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ greifa müeßt, und

müeßt i laufa bis Lichtastoi, i wetts gern dauh, Er kommet jo no

bälder zu--". Errötend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie

auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so

schämte sie sich doch, jenes zarte Verhältnis, das ihr heute so klar

wie noch nie zuvor einleuchtete, zu berühren.

"Und willst Du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre es ja

töricht von mir, zurückzubleiben und erst Deinen Vater zu erwarten.

Ich sattle geschwind mein Roß und reite neben Dir her, und Du zeigst

mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann."

Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem

langen Zopfband "Aber es wird jo scho en era Stund Nacht", flüsterte

sie kaum hörbar.

"Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei in

Lichtenstein", antwortete Georg, "Du wolltest Dich ja vorhin selbst

bei Nacht und Nebel auf den Weg machen."

"Ja i wohl", entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, "aber Uich ist's

gwiß et gsund, wo ner erst krank gwä send, so in der kühla Nacht en

Weg von sechs Stund zmacha."

"Das kann ich nicht beachten", rief Georg, "und die Wunde ist ja

geheilt, ich bin gesund wie zuvor; nein, rüste Dich immer, gutes Kind,

wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln." Er nahm

den Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehängt war; und

schritt zur Tür.

"Herr! Euer Gnaden!" rief ihm das Mädchen ängstlich nach. "Lasset's

lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so selbander in der Nacht

fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tät mer

gwiß ebbes ahänga, wenne--wartet lieber bis morga früh, so wille

Uich meinetwega führa bis Pfullinga."

Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und hing schweigend

den Zaum wieder an die Wand. Er beschloß, diesen Abend und die

folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten, käme er nicht, so

wollte er mit dem frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung

seiner schönen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.

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