Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von
Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere
furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der
Hellenstein, das feste Schloß von Heidenheim, gefallen. Teck, damals
noch eine starke, feste Burg, fiel durch die Unvorsichtigkeit der
Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es schloß einen Mann in
seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer
geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als
seine eiserne Hand auf ihnen gelegen Auch diese Mauern wurden
gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand. Auch
Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen;
es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das Unterland.
So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der
Bündischen Gewalt, und der bayerische Herzog brach mit seinem Lager
auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte
entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar
nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen;
aber sie gaben zu bedenken, daß ja er, die Ursache des Krieges, nicht
mehr unter ihnen sei, daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben,
den Prinzen Christoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der
ehernen Stirn Wilhelms von Bayern vor den habgierigen Blicken der
Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese
Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn unterstützt,
also mit gefangen, mit gehangen--auch Stuttgart mußte seine Tore
öffnen.
Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der größte
Teil des Oberlandes hielt noch zum Herzog; und es schien nicht, als
ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses höher
gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen, Urach und
Tübingen beherrscht; solange diese sich hielten, wollten auch die
Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft mit
dem Bund, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge,
worin der tapfere Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich
den Bündischen.
Und so war in der Mitte des April nur noch Tübingen übrig; doch
dieses hatte der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und
die Schätze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren,
kampfgeübten Rittern und zweihundert der tapfersten Landeskinder war
das Schloß anvertraut. Diese Feste war stark, mit Kriegsvorräten
wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger, denn
aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche
hervorgegangen; von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem
angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis
er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die
Bündischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch
den Schönbuch, die Täler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag
ihrer Rosse; auf den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren
Feldschlangen Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der
ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.
Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht
gesehen. Ein tiefer, aber süße Schlummer hielt wie ein mächtiger
Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem
Zustand wohl zumute wie einem Kind, das am Busen seiner Mutter
schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine
Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf
lange zu verschließen. Schöne beruhigende Träume aus besseren Tagen
gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über
sein bleiches Gesicht und tröstete die, welche ihn mit banger
Erwartung pflegten.
Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn
gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten
Tages, nachdem er verwundet worden war.
Die Morgensonne dieses Tags brach sich in farbigen Strahlen an den
runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das größere
Gemach eines dürftigen Bauernhauses. Das Gerät, womit es
ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und
Sinn für Ordnung. Ein großer, eichener Tisch stand in einer Ecke des
Zimmers, auf zwei Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein
geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den
Sonntagsstaat der Bewohner oder schöne, selbstgesponnene Leinwand
enthalten; das dunkle Getäfel trug ringsum ein Brett, worauf blanke
Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen
Reimen bemalt und allerlei musikalische Instrumente eines längst
verflossenen Jahrhunderts, wie Zimbeln, Schalmeien und eine Zither,
aufgestellt waren. Um den großen Kachelofen, der weit vorsprang,
waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehängt, und sie verdeckten
beinahe dem Auge eine große Bettstelle, mit Gardinen von
großgeblümtem Gewebe, die im hintersten Teil der Stube aufgestellt
war.
An diesem Bett saß ein schönes, liebliches Kind, von etwa sechzehn
bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht
gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben
erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen,
mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die
Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch
nicht so sehr, daß dadurch das schöne jugendliche Rot auf der Wange
verdunkelt worden wäre; ein munteres blaues Auge blickte unter den
langen Wimpern hervor. Weiße, faltenreiche Ärmel bedeckten bis an
die Hand den schönen Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten
geschnürt, mit blendend weißen, zierlich genähten Linnen umgeben,
schloß eng um den Leib; ein kurzes schwarzes Röckchen fiel kaum bis
über die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu noch eine
blanke Schürze und schneeweiße Zwickelstrümpfe mit schönen
Kniebändern wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem dürftigen
Gemach, besonders da es Werktag war.
Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer Kunkel,
zuweilen lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen
verstohlenen Blick hinein. Doch schnell, als wäre sie auf bösen
Wegen ertappt worden, schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich
die Falten glatt, als sollte niemand merken, daß sie gelauscht habe.
Die Tür ging auf, und eine runde, ältliche Frau in derselben Tracht
wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine
dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf, und stellte Teller auf
dem Tisch zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bett,
sie staunte sie an, und wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit
gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.
"Was fällt Der aber um Gottes Willa ei', Bärbele?" sagte sie, indem
sie den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat. "Was fällt Der
ei', daß De am Wertich da nuia rautha Rock zum Spinna anziehst? Und
au's nui Miader hot sie an, und, ei daß Di!--au a silberne Kette.
Und en frischa Schurz, und Strümp no so mir nix Dir nix aus em Kasta
reißa? Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, Du dummes Ding; Du?
Woißt Du net, daß mer arme Leut sind? Und daß Du es Kind voma
onglückliche Mann bist?-"
Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie
schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über
ihr Gesicht flog; zeigte, daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe.
"Ei, so lasset Uich doch b'richta", antwortete sie, "was schadet's
denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christliche Wertag anhau? An
der silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo
wieder wäscha!"
"So? Als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza hätt? So sag mer
no, was ist denn in De g'fahra, daß De so strählst und schöa machst?"
"Ah was!" flüsterte das errötende Schwabenkind, "wisset Er denn net,
daß heut der acht Tag ist? Hot et der Ätti g'sait, der Junker werd'
am heutige Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirkung häb? Und
do hanna eba denkt--"
"Ist's um dui Zeit?" entgegnete die Hausfrau freundlicher. "Da host
wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttig und
schlampich, se ist's et guot, und könnt Verdruß gä beim Ätte. Ih
sieh aus wia na Drach. Gang, Bärbele, hol mer mei schwarz Wammes,
mei rauths Miader und en frischa Schurz."
"Aber Muater", gab die Kleine zu bedenken, "Er wendt Uich doch et do
anthau wölla? Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät? Ganget
lieber uffe und theant Uich droba an, i bleib derweil bei em."
"Da hast au reacht, Mädle", murmelte die Alte, ließ selbst das
Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die
Tochter aber öffnete das Fenster der frischen, erquickenden
Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und
Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr
Frühstück; die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in
einem vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der
Morgensonne umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.
In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf
eines schönen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.
Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf
seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend, wie sonst; sein Arm
stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine
Umgebung; dieses Zimmer, dieses Gerät waren ihm fremd, er selbst,
seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um
das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm
wie einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, die
Besinnung endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht.
Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das
ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlaf entgegen trat, war so
freundlich, daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich
siegte die Neugierde, über das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser
zu werden; er machte ein Geräusch, indem er die Gardinen des Bettes
noch weiter zurückschlug.
Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um,
über ein schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue
Augen staunten ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens
nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu
begrüßen. Sie faßte sich und eilte mit kurzen Schrittchen an das
Bett, doch machte sie unterwegs mehrere Male halt, als besinne sie
sich ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch
schicke, daß sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein
anderer Mensch.
Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen jungen Kindes
lächelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen
"Sag mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?" fragte Georg. "Wem
gehört dieses Haus, worin ich, wie mir scheint, aus einem langen
Schlaf erwacht bin?"
"Sind Er wieder ganz bei Uich?" rief das Mädchen, indem sie vor
Freude die Hände zusammenschlug. "Ach, Herr Jeses, wer hett' des
denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an, und et so duselig,
daß oins ällemol angst und bang wora ist."
"Ich war also krank?" forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur
zum Teil verstand. "Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?"
"Ei, wie schwätzet Er doch", kicherte das hübsche Schwabenkind und
nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen
zu verbeißen, "a paar Stund, saget Er. Heut nacht wird's g'rad nei
Tag; daß se Uich brocht hent."
Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu
Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bild kehrte wie
mit einem Schlag seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß er
vom Bund sich losgesagt habe; daß er sich entschlossen habe, nach
Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen
gezogen sei, daß--er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen
wurden "Gefangen?" rief er schmerzlich "Sage, Mädchen, bin ich
gefangen?"
Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke
des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Züge
ernst, beinahe wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen
schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen,
einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermütige Ton seiner
Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben
oder um Hilfe rufen solle, trat sie einen Schritt zurück.
Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die
Bestätigung seiner Frage zu lesen. "Gefangen, vielleicht auf lange,
lange Zeit", dachte er, "vielleicht weit von ihr entfernt, ohne
Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!" Sein Körper war
noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte;
eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.
Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in
Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie
wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen "Er
müesset et greina", sagte sie, "Euer Gnada sind jo jetzt wieder
g'sund, und--Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita", setzte sie
wehmütig lächelnd hinzu.
"Fortreiten?" fragte Georg; "Also bin ich nicht gefangen?"
"G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwar a paarmol sei kenne,
wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich
allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker
koin Menscha seha lau."
"Der Vater?" rief der Jüngling. "Wer ist der gütige Mann? Wo bin
ich denn?"
"Ha, wo werdet Er sei?" antwortete Bärbele. "Bei aus send Er in
Hardt."
"In Hardt?" Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab
ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe,
der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. "Also in
Hardt? Und Dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?"
"Er hot's et gern, wemmer em so ruaft", antwortete das Mädchen, "er
ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer
Hans zua nem sait."
"Und wie kam ich denn hierher?" fragte jener wieder.
"Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?" lächelte das hübsche Kind
und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon
seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einmal vor neun
Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis
sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt,
um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch
vier andere Männer bei ihm, die eine mit einem Mantel verdeckte
Tragbahre in die Stube niedergelassen hätten. Der Vater habe den
Mantel zurückgeschlagen und ihr befohlen, zu leuchten, sie sei aber
heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf
der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell
zu wärmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern
nach für einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht.
Der Vater habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann
auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf
die Arzneien für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle
besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt. Nach dem
zweiten Tränklein aber sei er still geworden, der Vater habe gesagt,
am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich
sei es auch so eingetroffen.
Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens
zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre
zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer
Rede abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer
von Hardt seine Arzneien bereitet hatte.
"Und Dein Vater", fragte er sie, "wo ist er?"
"Was wisset mir, wo er ist!" antwortete sie ausweichend, doch als
besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: "Uich kammes jo
saga, denn Ihr müesset gut Freund sei mit em Vater. Er ist nach
Lichtastoi."
"Nach Lichtenstein?" rief Georg, indem sich seine Wangen höher
färbten. "Und wann kommt er zurück?"
"Ja er sott schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. Wennem no
nix g'scheha ist. D'Leut saget, die bündische Reiter bassenem uff."
Nach Lichtenstein--dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte sich
kräftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und das Versäumnis der neun
Tage einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach
seinem Roß. Und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im
Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm
gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung und
bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren
von Blut und Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit
freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem
geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck
geruht hatten. Lächelnd breitete sie Stück vor Stück vor ihm aus und
schien sein Lob, daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören.
Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker
ganz genesen sei, der Mutter zu verkünden.