Kapitel 15

Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von

Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere

furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der

Hellenstein, das feste Schloß von Heidenheim, gefallen. Teck, damals

noch eine starke, feste Burg, fiel durch die Unvorsichtigkeit der

Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es schloß einen Mann in

seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer

geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als

seine eiserne Hand auf ihnen gelegen Auch diese Mauern wurden

gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand. Auch

Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen;

es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das Unterland.

So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der

Bündischen Gewalt, und der bayerische Herzog brach mit seinem Lager

auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte

entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar

nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen;

aber sie gaben zu bedenken, daß ja er, die Ursache des Krieges, nicht

mehr unter ihnen sei, daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben,

den Prinzen Christoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der

ehernen Stirn Wilhelms von Bayern vor den habgierigen Blicken der

Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese

Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn unterstützt,

also mit gefangen, mit gehangen--auch Stuttgart mußte seine Tore

öffnen.

Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der größte

Teil des Oberlandes hielt noch zum Herzog; und es schien nicht, als

ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses höher

gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen, Urach und

Tübingen beherrscht; solange diese sich hielten, wollten auch die

Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft mit

dem Bund, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge,

worin der tapfere Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich

den Bündischen.

Und so war in der Mitte des April nur noch Tübingen übrig; doch

dieses hatte der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und

die Schätze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren,

kampfgeübten Rittern und zweihundert der tapfersten Landeskinder war

das Schloß anvertraut. Diese Feste war stark, mit Kriegsvorräten

wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger, denn

aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche

hervorgegangen; von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem

angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis

er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die

Bündischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch

den Schönbuch, die Täler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag

ihrer Rosse; auf den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren

Feldschlangen Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der

ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.

Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht

gesehen. Ein tiefer, aber süße Schlummer hielt wie ein mächtiger

Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem

Zustand wohl zumute wie einem Kind, das am Busen seiner Mutter

schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine

Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf

lange zu verschließen. Schöne beruhigende Träume aus besseren Tagen

gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über

sein bleiches Gesicht und tröstete die, welche ihn mit banger

Erwartung pflegten.

Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn

gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten

Tages, nachdem er verwundet worden war.

Die Morgensonne dieses Tags brach sich in farbigen Strahlen an den

runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das größere

Gemach eines dürftigen Bauernhauses. Das Gerät, womit es

ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und

Sinn für Ordnung. Ein großer, eichener Tisch stand in einer Ecke des

Zimmers, auf zwei Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein

geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den

Sonntagsstaat der Bewohner oder schöne, selbstgesponnene Leinwand

enthalten; das dunkle Getäfel trug ringsum ein Brett, worauf blanke

Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen

Reimen bemalt und allerlei musikalische Instrumente eines längst

verflossenen Jahrhunderts, wie Zimbeln, Schalmeien und eine Zither,

aufgestellt waren. Um den großen Kachelofen, der weit vorsprang,

waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehängt, und sie verdeckten

beinahe dem Auge eine große Bettstelle, mit Gardinen von

großgeblümtem Gewebe, die im hintersten Teil der Stube aufgestellt

war.

An diesem Bett saß ein schönes, liebliches Kind, von etwa sechzehn

bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht

gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben

erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen,

mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die

Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch

nicht so sehr, daß dadurch das schöne jugendliche Rot auf der Wange

verdunkelt worden wäre; ein munteres blaues Auge blickte unter den

langen Wimpern hervor. Weiße, faltenreiche Ärmel bedeckten bis an

die Hand den schönen Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten

geschnürt, mit blendend weißen, zierlich genähten Linnen umgeben,

schloß eng um den Leib; ein kurzes schwarzes Röckchen fiel kaum bis

über die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu noch eine

blanke Schürze und schneeweiße Zwickelstrümpfe mit schönen

Kniebändern wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem dürftigen

Gemach, besonders da es Werktag war.

Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer Kunkel,

zuweilen lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen

verstohlenen Blick hinein. Doch schnell, als wäre sie auf bösen

Wegen ertappt worden, schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich

die Falten glatt, als sollte niemand merken, daß sie gelauscht habe.

Die Tür ging auf, und eine runde, ältliche Frau in derselben Tracht

wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine

dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf, und stellte Teller auf

dem Tisch zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bett,

sie staunte sie an, und wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit

gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.

"Was fällt Der aber um Gottes Willa ei', Bärbele?" sagte sie, indem

sie den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat. "Was fällt Der

ei', daß De am Wertich da nuia rautha Rock zum Spinna anziehst? Und

au's nui Miader hot sie an, und, ei daß Di!--au a silberne Kette.

Und en frischa Schurz, und Strümp no so mir nix Dir nix aus em Kasta

reißa? Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, Du dummes Ding; Du?

Woißt Du net, daß mer arme Leut sind? Und daß Du es Kind voma

onglückliche Mann bist?-"

Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie

schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über

ihr Gesicht flog; zeigte, daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe.

"Ei, so lasset Uich doch b'richta", antwortete sie, "was schadet's

denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christliche Wertag anhau? An

der silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo

wieder wäscha!"

"So? Als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza hätt? So sag mer

no, was ist denn in De g'fahra, daß De so strählst und schöa machst?"

"Ah was!" flüsterte das errötende Schwabenkind, "wisset Er denn net,

daß heut der acht Tag ist? Hot et der Ätti g'sait, der Junker werd'

am heutige Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirkung häb? Und

do hanna eba denkt--"

"Ist's um dui Zeit?" entgegnete die Hausfrau freundlicher. "Da host

wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttig und

schlampich, se ist's et guot, und könnt Verdruß gä beim Ätte. Ih

sieh aus wia na Drach. Gang, Bärbele, hol mer mei schwarz Wammes,

mei rauths Miader und en frischa Schurz."

"Aber Muater", gab die Kleine zu bedenken, "Er wendt Uich doch et do

anthau wölla? Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät? Ganget

lieber uffe und theant Uich droba an, i bleib derweil bei em."

"Da hast au reacht, Mädle", murmelte die Alte, ließ selbst das

Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die

Tochter aber öffnete das Fenster der frischen, erquickenden

Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und

Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr

Frühstück; die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in

einem vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der

Morgensonne umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.

In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf

eines schönen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.

Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf

seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend, wie sonst; sein Arm

stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine

Umgebung; dieses Zimmer, dieses Gerät waren ihm fremd, er selbst,

seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um

das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm

wie einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, die

Besinnung endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht.

Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das

ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlaf entgegen trat, war so

freundlich, daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich

siegte die Neugierde, über das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser

zu werden; er machte ein Geräusch, indem er die Gardinen des Bettes

noch weiter zurückschlug.

Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um,

über ein schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue

Augen staunten ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens

nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu

begrüßen. Sie faßte sich und eilte mit kurzen Schrittchen an das

Bett, doch machte sie unterwegs mehrere Male halt, als besinne sie

sich ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch

schicke, daß sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein

anderer Mensch.

Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen jungen Kindes

lächelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen

"Sag mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?" fragte Georg. "Wem

gehört dieses Haus, worin ich, wie mir scheint, aus einem langen

Schlaf erwacht bin?"

"Sind Er wieder ganz bei Uich?" rief das Mädchen, indem sie vor

Freude die Hände zusammenschlug. "Ach, Herr Jeses, wer hett' des

denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an, und et so duselig,

daß oins ällemol angst und bang wora ist."

"Ich war also krank?" forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur

zum Teil verstand. "Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?"

"Ei, wie schwätzet Er doch", kicherte das hübsche Schwabenkind und

nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen

zu verbeißen, "a paar Stund, saget Er. Heut nacht wird's g'rad nei

Tag; daß se Uich brocht hent."

Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu

Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bild kehrte wie

mit einem Schlag seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß er

vom Bund sich losgesagt habe; daß er sich entschlossen habe, nach

Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen

gezogen sei, daß--er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen

wurden "Gefangen?" rief er schmerzlich "Sage, Mädchen, bin ich

gefangen?"

Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke

des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Züge

ernst, beinahe wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen

schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen,

einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermütige Ton seiner

Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben

oder um Hilfe rufen solle, trat sie einen Schritt zurück.

Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die

Bestätigung seiner Frage zu lesen. "Gefangen, vielleicht auf lange,

lange Zeit", dachte er, "vielleicht weit von ihr entfernt, ohne

Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!" Sein Körper war

noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte;

eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.

Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in

Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie

wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen "Er

müesset et greina", sagte sie, "Euer Gnada sind jo jetzt wieder

g'sund, und--Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita", setzte sie

wehmütig lächelnd hinzu.

"Fortreiten?" fragte Georg; "Also bin ich nicht gefangen?"

"G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwar a paarmol sei kenne,

wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich

allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker

koin Menscha seha lau."

"Der Vater?" rief der Jüngling. "Wer ist der gütige Mann? Wo bin

ich denn?"

"Ha, wo werdet Er sei?" antwortete Bärbele. "Bei aus send Er in

Hardt."

"In Hardt?" Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab

ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe,

der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. "Also in

Hardt? Und Dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?"

"Er hot's et gern, wemmer em so ruaft", antwortete das Mädchen, "er

ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer

Hans zua nem sait."

"Und wie kam ich denn hierher?" fragte jener wieder.

"Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?" lächelte das hübsche Kind

und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon

seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einmal vor neun

Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis

sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt,

um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch

vier andere Männer bei ihm, die eine mit einem Mantel verdeckte

Tragbahre in die Stube niedergelassen hätten. Der Vater habe den

Mantel zurückgeschlagen und ihr befohlen, zu leuchten, sie sei aber

heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf

der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell

zu wärmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern

nach für einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht.

Der Vater habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann

auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf

die Arzneien für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle

besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt. Nach dem

zweiten Tränklein aber sei er still geworden, der Vater habe gesagt,

am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich

sei es auch so eingetroffen.

Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens

zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre

zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer

Rede abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer

von Hardt seine Arzneien bereitet hatte.

"Und Dein Vater", fragte er sie, "wo ist er?"

"Was wisset mir, wo er ist!" antwortete sie ausweichend, doch als

besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: "Uich kammes jo

saga, denn Ihr müesset gut Freund sei mit em Vater. Er ist nach

Lichtastoi."

"Nach Lichtenstein?" rief Georg, indem sich seine Wangen höher

färbten. "Und wann kommt er zurück?"

"Ja er sott schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. Wennem no

nix g'scheha ist. D'Leut saget, die bündische Reiter bassenem uff."

Nach Lichtenstein--dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte sich

kräftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und das Versäumnis der neun

Tage einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach

seinem Roß. Und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im

Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm

gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung und

bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren

von Blut und Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit

freundlicher Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem

geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck

geruht hatten. Lächelnd breitete sie Stück vor Stück vor ihm aus und

schien sein Lob, daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören.

Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker

ganz genesen sei, der Mutter zu verkünden.

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