Kapitel 14

Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte Zerstreuung in

der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen

Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig Schritte höher geführt

hatte.

"Ein herrliches Land, dieses Württemberg!" rief Georg, indem sein

Auge von Hügel zu Hügel schweifte. "Wie kühn, wie erhaben diese

Gipfel und Bergwände, diese Felsen und ihre Burgen! Und wenn ich

mich dorthin wende gegen die Täler des Neckars, wie lieblich jene

sanften Hügel, jene Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren

Täler mit Bächen und Flüssen, dazu ein milder Himmel und ein guter,

kräftiger Schlag von Menschen!"

"Ja", fiel der Bauer ein, "es ist ein schönes Land; doch hier oben

will es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das

wahre Unterland, Herr, da ist es eine Freude, im Sommer oder Herbst

am Neckar hinabzuwandeln; wie da die Felder so schön und reich stehen,

wie der Weinstock so dicht und grün die Berge überzieht, und wie

Nachen und Flöße den Neckar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so

fröhlich an der Arbeit sind und die schönen Mädchen singen wie die

jungen Lerchen!"

"Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar schöner", entgegnete

Georg, "aber auch dieses Tal zu unseren Füßen, auch diese Höhen um

uns her haben eigenen, stillen Reiz. Wie heißen jene Burgen auf den

Hügeln? Und jene fernen Berge?"

Der Bauer überblickte sinnend die Gegend und zeigte auf die hinterste

Bergwand, die, dem Auge kaum noch sichtbar, aus den Nebeln ragte.

"Dort hinten, zwischen Morgen und Mittag, ist der Roßberg, in

gleicher Richtung herwärts, jene vielen Felsenzacken sind die Höhen

von Urach. Dort, mehr gegen Abend, ist Achalm, nicht weit davon,

doch könnt Ihr ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von

Lichtenstein"

"Dort also", sagte Georg still vor sich hin, und sein Auge tauchte

tief in die Nebel des Abends, "dort, wo jenes Wölkchen in der

Abendröte schwebt, dort schlägt ein treues Herz für mich; jetzt auch

steht sie vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht herüber in

diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin. Oh daß die

Abendlüfte Dir meine Grüße brächten und jene rosigen Wolken Dir meine

Nähe verkündeten!"

"Weiter hin, Ihr seht doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck;

unsere Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute, feste

Burg; wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg

war einst die Wohnung berühmter Kaiser, es ist Hohenstaufen."

"Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe

emporsteigt?" fragte der junge Mann, "sieh nur, wie sich die Sonne an

ihren hellen weißen Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft

zu tauchen scheinen, wie ihre Türme in rötlichem Licht erglänzen."

"Das ist Reussen, Herr! Auch eine starke Feste, die dem Bund zu

schaffen machen wird."

Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während dieses

Zwiegesprächs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends

rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten dem Auge die

ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond kam bleich herauf und

überschaute sein nächtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Türme

von Neuffen rötete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei

dieser Felsen ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank;

auch diese Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog

die Nachtluft, geheimnisvolle Grüße flüsternd, dem hellen Mond

entgegen.

"Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und fur flüchtige Reisende

wie wir", sagte der Bauer, indem er des Junkers Pferd aufzäumte, "sei

es noch um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll

uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein bündischer Reiter aufspüren!"

"Glaubst Du, es habe Gefahr?" sagte Georg, indem er seine Hand nach

dem Helm ausstreckte und das dünne Barett abnahm. "Meinst Du, wir

sollten uns besser wappnen?"

"Laßt hängen, Junker", rief der Bauer lachend, "solch eine Sturmhaube

ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr

warm; laßt immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den

Herzog nicht, und sollten sie kommen, wir zwei fürchten ihrer viere

nicht."

Der junge Mann ließ zögernd seinen schönen Helm am Sattelknopf hängen,

er schämte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der,

unberitten, nur durch eine dünne lederne Mütze geschützt und mit

einer einfachen Axt schlecht bewaffnet war. Er schwang sich auf.

Sein Führer ergriff die Zügel des Rosses und schritt voran den Berg

hinab.

"Du meinst also", fragte Georg nach einer Weile, "bis hierher werden

sich die bündischen Reiter nicht wagen?"

"Es ist nicht wohl möglich", antwortete der Pfeifer, "Neuffen ist ein

starkes Schloß und hat gute Besatzung. Sie werden es zwar in kurzer

Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel, wie die Handvoll Reiter

des Truchseß, wagt sich doch nicht in die Nähe einer feindlichen Burg."

"Schau, wie hell und schön der Mond scheint", rief der Jüngling, der,

noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem Berg, die wunderlichen

Schatten der Wälder und Höhen, die hellglänzenden Felsen betrachtete,

"sieh, wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!"

"Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht", entgegnete sein

Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah, "dunkle Nacht wäre

besser für uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Es

kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter."

Sie zogen indes weiter. Der Pfeifer von Hardt unterhielt Georg

unterwegs mit einer Reihe von Geschichten über die Gegend, die sie

durchzogen.

"Horch! Hörtest Du nicht das Wiehern von Rossen", rief Georg

plötzlich, dem es in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz

unheimlich wurde. Der Mond schien noch hell, die Schatten der Eichen

bewegten sich, es rauschte im Gebüsch, und oft wollte es ihm bedünken,

als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben sich hergehen.

Der Pfeifer von Hardt blieb stehen. "Es kam mir vorhin auch so vor,

aber es war der Wind, der in den Eichen ächzt, und der Schuhu rief im

Gebüsch. Wären wir nur das Wiesental noch hinüber, da ist es so

offen und hell wie bei Tag; jenseits fängt wieder der Wald an, da ist

es dann dunkel und hat keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen

und reitet Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her."

"Warum denn jetzt auf einmal Trab?" fragte der junge Mann "Meinst Du,

es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, Du hast sie auch gesehen,

die Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen? Glaubst Du, es

sind Bündische?"

"Nun ja", flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, "mir war es auch

als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, daß wir aus dem

verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab über das Tal

hinüber, weiterhin hat es keine Gefahr."

Georg machte sein Schwert in der Scheide locker und nahm die Zügel

seines Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die

Schlucht hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, daß der junge

Mann jeden Zug seines Gefährten erkennen konnte und deutlich sah, daß

er seine Axt auf die Schulter nahm und ein Messer, das er im Wams

verborgen hatte, herauszog und in den Gürtel steckte.

Sie wollten eben am Ausgang des Hohlwegs in das Tal einbiegen, da

rief eine Stimme im Gebüsch: "Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf,

Gesellen, der dort auf dem Roß muß der Rechte sein!"

"Flieht, Junker, flieht!" rief sein treuer Führer und stellte sich

mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in

demselben Augenblick sah er sich von fünf Männern angefallen, während

sein Gefährte schon mit drei andern im Handgemenge war.

Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen und

zur Seite auszuweichen. Einer packte die Zügel seines Rosses, doch

in demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirn, daß er

ohne Laut niedersank; doch die anderen, wütend gemacht durch den Fall

ihres Genossen, drangen noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu,

sich zu ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fuß aus

mehreren Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.

"Lebendig oder tot", rief einer der Kämpfenden, "wenn der Herr Herzog

nicht anders will, so mag er's haben." Er rief's, und in demselben

Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb über

den Kopf getroffen, nieder. In tödlicher Ermattung schloß er die

Augen, er fühlte sich aufgehoben und weggetragen und hörte nur das

grimmige Lachen seiner Mörder, die über ihren Fang zu triumphieren

schienen.

Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden nieder, ein

Reiter sprengte heran, saß ab und trat zu denen, die ihn getragen

hatten. Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch

einmal zu öffnen. Er sah ein unbekanntes Gesicht, das sich über ihn

beugte. "Was habt Ihr gemacht?" hörte er rufen.

"Dieser ist es nicht, Ihr habt den Falschen getroffen. Macht, daß

Ihr fortkommt, die von Neuffen sind uns auf den Fersen." Matt zum

Tode schloß Georg sein Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und

das Geräusch von Streitenden, doch auch dieses verzog sich; feuchte

Kälte drang aus dem Boden des Wiesentales und machte seine Glieder

erstarren, aber ein süßer Schlummer senkte sich auf den Verwundeten

herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte entschwanden

seine Sinne.

Lichtenstein · 第 18 / 40 题