Kapitel 13

Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluß gefaßt hatte, seinem

geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von

Reutlingen, wo Mariens Bergschloß, der Lichtenstein, lag. Der eine

war die offene Heerstraße, welche von Ulm nach Tübingen führt. Sie

führt durch das schöne Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den

Fuß der Alb kommt, von da quer über dieses Gebirge, vorbei an der

Feste Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser Weg

war sonst für Reisende, die Pferde, Sänften oder Wagen mit sich

führten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem

Pfeifer von Hardt über das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu

wählen. Die Bundestruppen hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre

Posten dehnten sich über die ganze Straße bis gegen Urach hin und

verfuhren gegen jeden, der nicht zum Heer gehörte oder sich zu ihnen

bekannte, mit großer Strenge und Erbitterung. Georg hatte seine

Gründe, diese Straße nicht zu wählen, und sein Führer war zu sehr auf

seine eigene Sicherheit bedacht, als daß er dem jungen Mann von

diesem Entschluß abgeraten hätte.

Der andere Weg, eigentlich ein Fußpfad, und nur den Bewohnern des

Landes genau bekannt, berührte auf einer Strecke von beinahe zwölf

Stunden nur einige einzeln stehende Höfe, zog sich durch dichte

Wälder und Gebirgsschluchten und hatte, wenn er auch hie und da, um

die Landstraßen zu vermeiden, einen Bogen machte, und für Pferde

ermüdend und oft beinahe unzugänglich war, doch den großen Vorteil

der Sicherheit.

Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit

Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bündischen zu

stoßen. Sie zogen rasch fürbaß, der Bauer war immer an Georgs Seite.

Wenn die Stellen schwierig wurden, führte er sorgsam sein Pferd, und

bewies überhaupt so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Reiter und

Roß, daß in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Mann

immer mehr an Gewicht verloren, und er nur einen treuen Diener in ihm

sah.

Georg unterhielt sich gerne mit ihm. Er urteilte über manche Dinge,

die sonst außerhalb des Kreises des Landmannes liegen klug und

scharfsinnig, und mit einem so schlagenden Witz, daß er dem sonst

ernsten, jungen Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trübe stimmte,

unwillkürlich ein Lächeln abnötigte. Von jeder Burg, die in der

Ferne aus den Wäldern auftauchte, wußte er eine Sage zu erzählen, und

die Klarheit und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, daß er

bei manchem Hochzeitsschmaus, bei manchem Kirchweihtanz, neben seinem

Amt als Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben müsse.

Nur so oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode

kommen wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem

Aufruhr des armen Konrad gespielt hatte, brach er düster ab, oder

wußte mit mehr Geläufigkeit, als man dem schlichten Mann zugetraut

hätte, das Gespräch auf andere Gegenstände zu bringen.

So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte immer voraus,

wann wieder ein Gehöft kam, wo sie Erfrischung für sich und gutes

Futter für das Pferd finden würden Überall war er bekannt, überall

wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit

Staunen aufgenommen; er flüsterte dann gewöhnlich ein

Viertelstündchen mit dem Hausvater, während die Hausfrau dem jungen

Ritter emsig und freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem

Apfelwein aufwartete, und die "Büebla" und "Mädla" den hohen

schlanken Gast, seine schönen Kleider, seine glänzende Schärpe, die

wallenden Federn seines Barettes bewunderten. War dann das kleine

Mahl verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Kräfte gesammelt, so

begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Tür, und der

junge Reiter konnte zu seiner Beschämung niemals die Gastfreundschaft

der guten Leute belohnen. Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer

von Hardt weigerten sie sich standhaft, seine kleinen Gaben

anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste ihm sein Begleiter nicht; denn

seine Antwort: "Wenn die Leute nach Hardt kommen, kehren sie auch

wieder bei mir ein.", schien nur eine ausweichende Antwort zu sein.

Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Höfe zu,

wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer

Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurechtmachte, als sie ihm

zu Ehren ein Paar Tauben geopfert und einen dick geschmälzten

Haferbrei aufgetragen hatte.

Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur

kam es Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr Vorsicht als

gestern zu Werk gehe. Denn er ließ, wenn sie sich einem Hof nahten,

den Reiter wohl fünfhundert Schritte davor haltmachen, nahte sich

behutsam den Gebäuden, und erst, nachdem er alles sorgfältig

ausgespäht hatte, winkte er dem Junker zu folgen. Georg befragte ihn

umsonst, ob es in dieser Gegend gefährlicher sei, ob die

Bundestruppen schon in der Nähe seien? Er sagte nichts Bestimmtes

darüber.

Gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg sich mehr

gegen das ebene Land herabzog, schien die Reise gefährlicher zu

werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von jetzt an gar

nicht mehr den Wohnungen nähern zu wollen, sondern hatte sich in

einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter für das Pferd und

hinlängliche Lebensmittel für sie beide enthielt. Auch glaubte Georg

zu bemerken, daß sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie

früher, sondern sehr stark zur Rechten ablenkten.

Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare Quelle und

frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt. Georg stieg ab,

und sein Führer zog aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem

er das Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Füßen des Ritters

und begann mit großem Appetit zuzugreifen.

Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit

aufmerksamem Auge die Gegend. Es war eine schönes, breites Tal, in

welches sie hinabsahen. Ein kleines Flüßchen eilte schnell hindurch;

die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleißig angebaut,

eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hügel am anderen Ende des

Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der Gebirgsrücken, über

welchen sie gezogen waren.

"Es scheint, wir haben die Alb verlassen", sagte der junge Mann,

indem er sich zu seinem Gefährten wandte. "Dieses Tal, jene Hügel

sehen bei weitem freundlicher aus als der Felsenboden und die öden

Weideplätze, die wir durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder

und wärmer als oben, wo uns die Winde oft so hart anfaßten."

"Ihr habt recht geraten, Junker", sagte Hans, indem er die Reste

ihrer Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte. "Diese Täler gehören

zum Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr seht, strömt in den Neckar."

"Wie kommt es aber, daß wir so weit vom Weg ablenken?" fragte Georg.

"Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als hätten wir die alte

Richtung verlassen, aber Du wolltest nie darauf hören Dieser Weg muß,

soviel ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts

führen."

"Nun, ich will es Euch jetzt sagen", antwortete der Bauer, "ich

wollte Euch auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt aber sind

wir, so Gott will in Sicherheit. Denn im schlimmsten Fall sind wir

keine vier Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben

sollen."

"In Sicherheit?" unterbrach ihn Georg verwundert. "Wer soll uns

etwas anhaben?"

"Ei, die Bündischen", erwiderte der Spielmann. "Sie streifen auf der

Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns.

Mir für meinen Teil wäre es nicht lieb gewesen, in ihre Hände zu

fallen; denn sie sind mir, wie Ihr wohl wißt, gar nicht grün. Und

auch Euch wäre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn

Truchseß geführt zu werden."

"Gott soll mich bewahren!" rief der Junker. "Vor den Truchseß?

Lieber lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie

denn aber hier? Es ist ja hier in der Nähe keine Feste von

Württemberg, und Du sagtest mir ja doch, sie könnten ungehindert

durchs Land ziehen; wonach streifen sie denn?"

"Seht, Junker! Es gibt überall schlechte Leute. Was ein rechter

Württemberger ist, der läßt sich eher die Haut abziehen, als daß er

den Herzog verrät, nach welchem die Bündler jetzt ein Treibjagen

halten. Aber der Truchseß soll unter der Hand einen ganzen Haufen

Gold dem versprochen haben, der ihn fängt. Er hat seine Reiter

ausgeschickt, diese streifen jetzt überall, und die Leute sagen, es

gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen und

den Spürhunden alle Schluchten und Schlupfwinkel zeigen."

"Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Land

geflohen, oder, wie andere sagen, in Tübingen auf seinem festen

Schloß, wo ihn vierzig Ritter beschützen."

"Ja, die vierzig Edlen sind dort", antwortete der Bauer mit schlauer

Miene. "Auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph, ist dort, das hat

seine Richtigkeit. Ob aber der Herzog selbst dort ist, weiß niemand

recht. Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schließt er sich nur

zur höchsten Not in eine Feste ein; er ist ein kühner, unruhiger Herr,

und es ist ihm wohler in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr

hat."

"Den Herzog also suchen sie? Also müßte er hier in der Nähe sein?"

"Wo er ist, weiß ich nicht", erwiderte der Pfeifer von Hardt, "und

ich wollte wetten, dies weiß niemand als Gott; aber wo er sein wird,

weiß ich", setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl

von Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche, "wo er sein wird,

wenn die Not am höchsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden

werden, wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in

der Not gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch ein

strenger Herr, so ist er doch ein Württemberger, und eine schwere

Hand ist uns lieber als die gleißenden Worte des Bayern und des

Österreichers."

"Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn sie auf ihn

stoßen? Hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich gemacht?

Du hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, und ich glaube ihn

beinahe vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glänzendes Auge.

Aber wie ist seine Gestalt?"

"Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr", entgegnete jener, "er

ist nicht so groß wie Ihr, aber in vielem Euch ähnlich an Gestalt;

besonders wenn Ihr zu Pferd saßet und ich hinter Euch ging, da

gemahnte es mich oft, und ich dachte: So, gerade so sah der Herzog

aus in den Tagen seiner Herrlichkeit."

Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen, die Worte des

Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah

jetzt erst ein, wie töricht er gehandelt, in diesem Kriegsstrudel

sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen. Es wäre ihm

höchst unangenehm gewesen, in diesem Augenblick gefangen zu werden,

zwar konnte er nach seinem Eid reisen, wohin er wollte, wenn er nur

in den nächsten vierzehn Tagen keinen tätlichen Anteil am Kampf gegen

den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch

auf ihn werfen müßte, in dieser Gegend, so weit vom Weg nach seiner

Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft eines

Mannes, der den Bundesobersten sehr verdächtig, sogar gefährlich

geschienen hatte. Umzukehren war keine Möglichkeit, denn es ließ

sich beinahe mit Gewißheit annehmen, daß die Bundestruppen bereits

die ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das Sicherste schien,

sich zu beeilen, über die äußersten Posten des Heeres hinauszukommen;

man hatte dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie

Bahn.

Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese Gefahren

hinaus tragen sollte, hing die Ohren; die große Eile und die

ermüdenden, steinigen Fußpfade hatten seine Kraft geschwächt; zu

seinem großen Verdruß bemerkte Georg sogar, daß es auf dem linken

Vorderfuß nicht gerne auftrat, was nach einem achtstündigen Weg über

scharfe, eckige Felsen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte

die Verlegenheit des Junkers; er untersuchte das Tier und riet, es

noch einige Stunden stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er

sei der Gegend so kundig, daß sie eine große Strecke in der Nacht

zurücklegen könnten.

Lichtenstein · 第 17 / 40 题