Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen geführt wurden,
bildete ein großes, längliches Viereck. Die Wände und die zu der
Größe des Saales unverhältnismäßig niedere Decke waren mit einem
Getäfel von braunem Holz ausgelegt, unzählige Fenster mit runden
Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit
brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen Seite hin,
die gegenüberstehende Wand füllten Gemälde berühmter Bürgermeister
und Ratsherren der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung,
die Linke in die Hüfte, die Rechte auf einen reich behängten Tisch
gestützt, ernst und feierlich auf die Gäste ihrer Enkel herabsahen.
Diese drängten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die, in
Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze Weite des Saales
einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die
Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit
den steifen schneeweißen Halskrausen wunderlich ab gegen ihre
bestaubten Gäste, die, in Lederwerk und Eisenblech gehüllt, oft gar
unsanft an die seidenen Mäntelein und samtenen Gewänder streiften.
Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der
einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glänzenden Mittagsmahl
zugesagt hatte; als aber sein Kammerdiener seine Entschuldigung
brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles drängte
so ungestüm zur Tafel, daß nicht einmal die gastfreundliche Ordnung
des Rates, der je zwischen zwei Gäste einen Ulmer setzen wollte,
gehörig beobachtet wurde.
Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als
einen ganz vorzüglichen anpries. "Ich hätte Euch", sagte der alte
Herr, "zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten
und Waldburg setzen können, aber in solcher Gesellschaft kann man den
Hunger nicht mit gehöriger Ruhe stillen Ich hätte Euch ferner zu den
Nürnbergern und Augsburgern führen können, dort unten, wo der
gebratene Pfau steht--weiß Gott, sie haben keinen üblen Platz--,
aber ich weiß, daß Euch die Städter nicht recht behagen, darum habe
ich Euch hierher gesetzt. Schaut Euch hier um, ob dies nicht ein
trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also
braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den
geräucherten Schweins-kopf mit der Zitrone im Maul, links eine
prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen in den Schwanz beißt, und
vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel
keiner mehr zu finden ist."
Georg dankte ihm, daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt habe,
und betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung. Sein Nachbar
rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa fünfundzwanzig bis
dreißig Jahren Das frischgekämmte Haar, duftend von wohlriechenden
Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmem
Zänglein gekräuselt sein mochte, ließen Georg, noch ehe ihn die
Mundart davon überzeugte, in ihm einen Ulmer Herrn erraten Der junge
Herr, als er sah, daß er von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies
sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer großen
silbernen Kanne füllte, auf glückliche Ankunft und gute Nachbarschaft
mit ihm anstieß, und auch die besten Bissen von den unzähligen Rehen,
Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten
umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte.
Doch diesen konnte weder seines Nachbarn zuvorkommende Gefälligkeit
noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen Er war noch zu
sehr beschäftigt mit dem geliebten Bild, das sich ihm beim Einzug
gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt
hätte. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der
Hand hielt, und glaubte, wenn die Bläschen des alten Weines
zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus
dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein
Wunder, daß der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie
sein Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmähe, ihn für
einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das
unverwandt in den Becher sah, der lächelnde Mund des in seinen
Träumen versunkenen Jünglings schienen ihm einen jener echten
Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge den Gehalt des edlen
Trankes lange zu prüfen pflegen.
Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das Mahl so angenehm
als möglich zu machen, gehörig nachzukommen, suchte er auf der
entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen. Er schenkte
sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar,
das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es
kein Würzburger, wie Ihr in Franken ihn gewohnt sein werdet, aber es
ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre
alt."
Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und
antwortete mit einem kurzen "Ja, ja!--", der Nachbar ließ aber den
einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. "Es scheint",
fuhr er fort, "als munde er Euch doch nicht ganz; aber da weiß ich
Rat. Heda! Gebt eine Kanne Uhlbacher hierher!--Versucht einmal
diesen, der wächst zunächst an des Württembergers Schloß; in diesem
müßt Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, großen Sieg!"
Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar
auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen
Nachrichten führen konnte. "Ihr habt", sprach er, "schöne Mädchen
hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu
bemerken."
"Weiß Gott", entgegnete der Ulmer, "man könnte damit pflastern."
"Das wäre vielleicht so übel nicht", fuhr Georg fort, "denn das
Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer
wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre,
schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten."
"Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener. "Wahrhaftig, Ihr
habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben
Basen mütterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die
andere ein Fräulein von Lichtenstein, eine Württembergerin, die auf
Besuch dort ist."
Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen
Verwandten Mariens zusammenführte. Er beschloß, den Zufall zu
benützen, und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem
Nachbar: "Ihr habt ein paar hübsche Mühmchen, Herr von Besserer..."
"Dietrich von Kraft nenne ich mich", fiel jener ein, "Schreiber des
großen Rates."
"Ein Paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besucht sie wohl
recht oft?"
"Jawohl", antwortete der Schreiber des großen Rates, "besonders seit
die Lichtenstein im Haus ist. Zwar will mein Bäschen Berta etwas
eifersüchtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein
Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe
mit Marien um so besser."
Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen,
denn er preßte die Lippen zusammen und seine Wangen färbten sich
dunkler.
"Ja, lacht nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der Geist des
Weines zu Kopf stieg, "wenn Ihr wüßtet, wie sie sich beide um mich
reißen.--Zwar--die Lichtenstein hat eine verdammte Art, freundlich
zu sein; sie tut so vornehm und ernst, daß man nicht recht wagt, in
ihrer Gegenwart Spaß zu machen, noch weniger läßt sie ein wenig mit
sich schäkern wie Berta; aber gerade das kommt mir so wunderhübsch
vor, daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal
fortgeschickt hat. Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor
sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie
sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie
schon kirre werden."
Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als
sonderbare Stimmen ihn unterbrachen Schon vorher hatte er mitten
durch das Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt,
wie sie in schleppendem, einförmigem Ton ein paar kurze Sätze
hersagten, ohne zu verstehen, was es war. Jetzt hörte er dieselben
Stimmen ganz in der Nähe, und bald bemerkte er, welchen Inhalts ihre
eintönigen Sätze waren Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten,
besonders in Reichsstädten, zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau,
wenn sie Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden
und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen
Sprüchlein zum Essen und Trinken zu nötigen.
Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der hohe Rat beschloß,
auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern einen
Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. Die
Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.
Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "nötigend" umgangen, kein
Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung endlich rauh und
heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie
eine Drohung klang. Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr: "Warum
esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken
wandte sich der Gefragte um und sah einen starken, großen Mann mit
rotem Gesicht; aber ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten
konnte, begann an seiner anderen Seite ein kleiner Mann mit einer
hohen dünnen Stimme:
"So esset doch und trinket satt,
Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."
"Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen würde", fiel
der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung,
mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.
"Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen,
die uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben."
"Mit Verlaub", unterbrach ihn Dietrich von Kraft, "der junge Herr ißt
nichts. Er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab'
ich's nicht gleich weg gehabt, daß er gerne zu tief ins Glas guckt?
Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält."
Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam;
er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick
überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt des Schweinskopfes mit
der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem
Rachen des Tieres operiert, und begann mit großem Behagen und geübter
Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch
zu ihm, und eben, als er an einem guten Bissen kaute, hub er an:
"Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser
sah den Nötigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine
Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupt und deutete
auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme
ließ sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundlichst:
"So esset doch und trinket satt,
Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."
So war es nun in den "guten alten Zeiten"! Man konnte sich
wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu
sein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt. Die großen
Schüsseln und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen,
größere Kannen, gefüllt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und
das in Schwaben schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht
lange, so äußerte auch der Wein seine Wirkungen, und so füllte
Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und
zinnernen Becher den Saal.
Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere
Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig
Hutten, Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen und noch andere
ältliche, gesetzte Herren.
Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein,
nachdem er sich genugsam gesättigt hatte, seine Blicke und sprach zu
Georg: "Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wäre es,
wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den
letzten Tagen gewünscht habt?"
Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu
werden, stand freudig auf, um dem alten Freund zu folgen. Wir werden
ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem Gang ängstlicher pochte,
seine Wangen sich höher färbten, seine Schritte, je näher er kam,
ungewisser und zögernder wurden.
Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glänzenden
ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle bestürmt? Wem sank da
nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, während der
Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg galt schon damals
als einer der berühmtesten Feldherren seiner Zeit. Italien,
Frankreich und Deutschland erzählten von seinen Siegen, und die
Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der
Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern
fechtenden Fußvolkes. Zu ihm führte Breitenstein den Jüngling,
"Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er
den hochgewachsenen schönen jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.
"Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein,
"ob Euch nicht einfällt, in welches Haus er gehören mag?"
Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte
Truchseß von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber, Georg war
schüchtern und blöde vor diese Männer getreten; aber sei es, daß die
freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es,
daß er fühlte, wie wichtig der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte
die Scham, den Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein,
und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.
"Jetzt, an diesem Blick erkenne ich Dich", sagte Frondsberg und bot
ihm die Hand "Du bist ein Sturmfeder?"
"Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war
Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer
Seite."
"Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge
immer noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, "an manchem warmen
Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn
allzu früh eingescharrt! Und Du", setzte er hinzu, "Du hast Dich
eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt Dich schon so früh
aus dem Nest und bist kaum flügge?"
"Ich weiß schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer
Stimme, "das Vögelein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um
das alte Nest zu flicken!"
Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine
hohe Glut auf die Wangen des Jünglings. Er hatte sich nie seiner
Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, daß er sich
zum ersten Mal dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da
fiel sein Blick über Truchseß Waldburg hin durch die Scheiben auf
jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu
erblicken, und sein alter Mut kehrte wieder. "Ein jeder Kampf hat
seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm
angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgültig sein."
"Nun, nun!" erwiderte jener. "Wie es mit dem Arm aussieht, werden
wir sehen, im Kopf muß es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus
Spaß gleich Ernst macht."
Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg
aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie Dein Vater, lieber
Junge; nun, Du willst zeitlich zu einer Nessel werden. Und wir
werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Fleck sitzt. Daß Du
dann nicht der letzte bist, darfst Du gewiß sein."
Diese wenigen Worte aus dem Mund eines durch Tapferkeit und
Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes übten so
besänftigende Gewalt über Georg, daß er die Antwort, die ihm auf der
Zunge schwebte, zurückdrängte und sich schweigend von der Tafel in
ein Fenster zurückzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stören,
teils um sich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung,
die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei.
Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu
Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie man tüchtige
Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb
so viel Eifer für die Sache von uns, als er zu uns brachte."
"Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf.
"Was braucht es da? Er soll einen Spaß von seinem Obern ertragen
lernen."
"Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spaß,
sich über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich weiß aber wohl,
Ihr seid seinem Vater noch nie grün gewesen."
"Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch
nicht. Er hat dem Bund noch keinen Eid geleistet; also kann er noch
immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen
Fahnen diente, so möchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln,
er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen ließe!"
Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er nie ertragen konnte,
blickte Truchseß den einen und den andern an, mit so wutvollen
Blicken, daß sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel schlug, um
noch ärgeren Streit zu verhüten "Laßt doch die alten Geschichten!"
rief er. "Überhaupt wäre es gut, die Tafel würde aufgehoben. Es
dunkelt draußen schon stark und der Wein wird zu mächtig. Dietrich
Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht, und die
Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlösser
niederbrennen oder verteilen soll."
"Laßt sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren dürfen ja heute
machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden."
"Nein", antwortete Ludwig Hutten, "wenn einer von so etwas reden darf,
bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch der
Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter
Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern über den Mönch
von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn
gerät. Laßt uns aufbrechen."
Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als
die nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch
allgemein.