Kapitel 3

Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen geführt wurden,

bildete ein großes, längliches Viereck. Die Wände und die zu der

Größe des Saales unverhältnismäßig niedere Decke waren mit einem

Getäfel von braunem Holz ausgelegt, unzählige Fenster mit runden

Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit

brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen Seite hin,

die gegenüberstehende Wand füllten Gemälde berühmter Bürgermeister

und Ratsherren der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung,

die Linke in die Hüfte, die Rechte auf einen reich behängten Tisch

gestützt, ernst und feierlich auf die Gäste ihrer Enkel herabsahen.

Diese drängten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die, in

Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze Weite des Saales

einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die

Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit

den steifen schneeweißen Halskrausen wunderlich ab gegen ihre

bestaubten Gäste, die, in Lederwerk und Eisenblech gehüllt, oft gar

unsanft an die seidenen Mäntelein und samtenen Gewänder streiften.

Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der

einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glänzenden Mittagsmahl

zugesagt hatte; als aber sein Kammerdiener seine Entschuldigung

brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles drängte

so ungestüm zur Tafel, daß nicht einmal die gastfreundliche Ordnung

des Rates, der je zwischen zwei Gäste einen Ulmer setzen wollte,

gehörig beobachtet wurde.

Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als

einen ganz vorzüglichen anpries. "Ich hätte Euch", sagte der alte

Herr, "zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten

und Waldburg setzen können, aber in solcher Gesellschaft kann man den

Hunger nicht mit gehöriger Ruhe stillen Ich hätte Euch ferner zu den

Nürnbergern und Augsburgern führen können, dort unten, wo der

gebratene Pfau steht--weiß Gott, sie haben keinen üblen Platz--,

aber ich weiß, daß Euch die Städter nicht recht behagen, darum habe

ich Euch hierher gesetzt. Schaut Euch hier um, ob dies nicht ein

trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also

braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den

geräucherten Schweins-kopf mit der Zitrone im Maul, links eine

prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen in den Schwanz beißt, und

vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel

keiner mehr zu finden ist."

Georg dankte ihm, daß er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt habe,

und betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung. Sein Nachbar

rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa fünfundzwanzig bis

dreißig Jahren Das frischgekämmte Haar, duftend von wohlriechenden

Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmem

Zänglein gekräuselt sein mochte, ließen Georg, noch ehe ihn die

Mundart davon überzeugte, in ihm einen Ulmer Herrn erraten Der junge

Herr, als er sah, daß er von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies

sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer großen

silbernen Kanne füllte, auf glückliche Ankunft und gute Nachbarschaft

mit ihm anstieß, und auch die besten Bissen von den unzähligen Rehen,

Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten

umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte.

Doch diesen konnte weder seines Nachbarn zuvorkommende Gefälligkeit

noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen Er war noch zu

sehr beschäftigt mit dem geliebten Bild, das sich ihm beim Einzug

gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt

hätte. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der

Hand hielt, und glaubte, wenn die Bläschen des alten Weines

zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus

dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein

Wunder, daß der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie

sein Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmähe, ihn für

einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das

unverwandt in den Becher sah, der lächelnde Mund des in seinen

Träumen versunkenen Jünglings schienen ihm einen jener echten

Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge den Gehalt des edlen

Trankes lange zu prüfen pflegen.

Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das Mahl so angenehm

als möglich zu machen, gehörig nachzukommen, suchte er auf der

entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen. Er schenkte

sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar,

das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es

kein Würzburger, wie Ihr in Franken ihn gewohnt sein werdet, aber es

ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre

alt."

Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und

antwortete mit einem kurzen "Ja, ja!--", der Nachbar ließ aber den

einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. "Es scheint",

fuhr er fort, "als munde er Euch doch nicht ganz; aber da weiß ich

Rat. Heda! Gebt eine Kanne Uhlbacher hierher!--Versucht einmal

diesen, der wächst zunächst an des Württembergers Schloß; in diesem

müßt Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, großen Sieg!"

Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar

auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen

Nachrichten führen konnte. "Ihr habt", sprach er, "schöne Mädchen

hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu

bemerken."

"Weiß Gott", entgegnete der Ulmer, "man könnte damit pflastern."

"Das wäre vielleicht so übel nicht", fuhr Georg fort, "denn das

Pflaster Eurer Straßen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer

wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre,

schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten."

"Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener. "Wahrhaftig, Ihr

habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben

Basen mütterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die

andere ein Fräulein von Lichtenstein, eine Württembergerin, die auf

Besuch dort ist."

Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen

Verwandten Mariens zusammenführte. Er beschloß, den Zufall zu

benützen, und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem

Nachbar: "Ihr habt ein paar hübsche Mühmchen, Herr von Besserer..."

"Dietrich von Kraft nenne ich mich", fiel jener ein, "Schreiber des

großen Rates."

"Ein Paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besucht sie wohl

recht oft?"

"Jawohl", antwortete der Schreiber des großen Rates, "besonders seit

die Lichtenstein im Haus ist. Zwar will mein Bäschen Berta etwas

eifersüchtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein

Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe

mit Marien um so besser."

Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen,

denn er preßte die Lippen zusammen und seine Wangen färbten sich

dunkler.

"Ja, lacht nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der Geist des

Weines zu Kopf stieg, "wenn Ihr wüßtet, wie sie sich beide um mich

reißen.--Zwar--die Lichtenstein hat eine verdammte Art, freundlich

zu sein; sie tut so vornehm und ernst, daß man nicht recht wagt, in

ihrer Gegenwart Spaß zu machen, noch weniger läßt sie ein wenig mit

sich schäkern wie Berta; aber gerade das kommt mir so wunderhübsch

vor, daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal

fortgeschickt hat. Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor

sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie

sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie

schon kirre werden."

Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als

sonderbare Stimmen ihn unterbrachen Schon vorher hatte er mitten

durch das Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt,

wie sie in schleppendem, einförmigem Ton ein paar kurze Sätze

hersagten, ohne zu verstehen, was es war. Jetzt hörte er dieselben

Stimmen ganz in der Nähe, und bald bemerkte er, welchen Inhalts ihre

eintönigen Sätze waren Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten,

besonders in Reichsstädten, zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau,

wenn sie Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden

und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen

Sprüchlein zum Essen und Trinken zu nötigen.

Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der hohe Rat beschloß,

auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern einen

Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. Die

Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.

Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "nötigend" umgangen, kein

Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung endlich rauh und

heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie

eine Drohung klang. Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr: "Warum

esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken

wandte sich der Gefragte um und sah einen starken, großen Mann mit

rotem Gesicht; aber ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten

konnte, begann an seiner anderen Seite ein kleiner Mann mit einer

hohen dünnen Stimme:

"So esset doch und trinket satt,

Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."

"Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen würde", fiel

der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung,

mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.

"Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen,

die uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben."

"Mit Verlaub", unterbrach ihn Dietrich von Kraft, "der junge Herr ißt

nichts. Er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab'

ich's nicht gleich weg gehabt, daß er gerne zu tief ins Glas guckt?

Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält."

Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam;

er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick

überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt des Schweinskopfes mit

der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem

Rachen des Tieres operiert, und begann mit großem Behagen und geübter

Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch

zu ihm, und eben, als er an einem guten Bissen kaute, hub er an:

"Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser

sah den Nötigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine

Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupt und deutete

auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme

ließ sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundlichst:

"So esset doch und trinket satt,

Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."

So war es nun in den "guten alten Zeiten"! Man konnte sich

wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu

sein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt. Die großen

Schüsseln und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen,

größere Kannen, gefüllt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und

das in Schwaben schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht

lange, so äußerte auch der Wein seine Wirkungen, und so füllte

Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und

zinnernen Becher den Saal.

Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere

Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig

Hutten, Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen und noch andere

ältliche, gesetzte Herren.

Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein,

nachdem er sich genugsam gesättigt hatte, seine Blicke und sprach zu

Georg: "Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wäre es,

wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den

letzten Tagen gewünscht habt?"

Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu

werden, stand freudig auf, um dem alten Freund zu folgen. Wir werden

ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem Gang ängstlicher pochte,

seine Wangen sich höher färbten, seine Schritte, je näher er kam,

ungewisser und zögernder wurden.

Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glänzenden

ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle bestürmt? Wem sank da

nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, während der

Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg galt schon damals

als einer der berühmtesten Feldherren seiner Zeit. Italien,

Frankreich und Deutschland erzählten von seinen Siegen, und die

Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der

Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern

fechtenden Fußvolkes. Zu ihm führte Breitenstein den Jüngling,

"Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er

den hochgewachsenen schönen jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.

"Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein,

"ob Euch nicht einfällt, in welches Haus er gehören mag?"

Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte

Truchseß von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber, Georg war

schüchtern und blöde vor diese Männer getreten; aber sei es, daß die

freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es,

daß er fühlte, wie wichtig der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte

die Scham, den Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein,

und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.

"Jetzt, an diesem Blick erkenne ich Dich", sagte Frondsberg und bot

ihm die Hand "Du bist ein Sturmfeder?"

"Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war

Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer

Seite."

"Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge

immer noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, "an manchem warmen

Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn

allzu früh eingescharrt! Und Du", setzte er hinzu, "Du hast Dich

eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt Dich schon so früh

aus dem Nest und bist kaum flügge?"

"Ich weiß schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer

Stimme, "das Vögelein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um

das alte Nest zu flicken!"

Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine

hohe Glut auf die Wangen des Jünglings. Er hatte sich nie seiner

Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, daß er sich

zum ersten Mal dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da

fiel sein Blick über Truchseß Waldburg hin durch die Scheiben auf

jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu

erblicken, und sein alter Mut kehrte wieder. "Ein jeder Kampf hat

seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm

angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgültig sein."

"Nun, nun!" erwiderte jener. "Wie es mit dem Arm aussieht, werden

wir sehen, im Kopf muß es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus

Spaß gleich Ernst macht."

Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg

aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie Dein Vater, lieber

Junge; nun, Du willst zeitlich zu einer Nessel werden. Und wir

werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Fleck sitzt. Daß Du

dann nicht der letzte bist, darfst Du gewiß sein."

Diese wenigen Worte aus dem Mund eines durch Tapferkeit und

Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes übten so

besänftigende Gewalt über Georg, daß er die Antwort, die ihm auf der

Zunge schwebte, zurückdrängte und sich schweigend von der Tafel in

ein Fenster zurückzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stören,

teils um sich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung,

die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei.

Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu

Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie man tüchtige

Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb

so viel Eifer für die Sache von uns, als er zu uns brachte."

"Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf.

"Was braucht es da? Er soll einen Spaß von seinem Obern ertragen

lernen."

"Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spaß,

sich über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich weiß aber wohl,

Ihr seid seinem Vater noch nie grün gewesen."

"Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch

nicht. Er hat dem Bund noch keinen Eid geleistet; also kann er noch

immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen

Fahnen diente, so möchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln,

er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen ließe!"

Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er nie ertragen konnte,

blickte Truchseß den einen und den andern an, mit so wutvollen

Blicken, daß sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel schlug, um

noch ärgeren Streit zu verhüten "Laßt doch die alten Geschichten!"

rief er. "Überhaupt wäre es gut, die Tafel würde aufgehoben. Es

dunkelt draußen schon stark und der Wein wird zu mächtig. Dietrich

Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht, und die

Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlösser

niederbrennen oder verteilen soll."

"Laßt sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren dürfen ja heute

machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden."

"Nein", antwortete Ludwig Hutten, "wenn einer von so etwas reden darf,

bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch der

Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter

Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern über den Mönch

von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn

gerät. Laßt uns aufbrechen."

Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als

die nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch

allgemein.

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