Kapitel 2

Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben

haben, galt den Häuptern und Obersten des schwäbischen Bundes, der an

diesem Tag, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt

hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage

der Dinge. Herzog Ulrich von Württemberg hatte durch die

Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzu heftigen

Ausbrüche seines Zornes und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit

welcher er, der einzelne, so vielen verbündeten Fürsten und Herren

die Stirne bot, zuletzt noch durch die plötzliche Einnahme der

Reichsstadt Reutlingen den bittersten Haß des Bundes auf sich gezogen.

Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu erwarten, daß

man, so weit gegangen, friedliche Vorschläge tun werde.

Hinzu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden leiteten. Der

Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu

verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu

rächen, unglücklichen Dietrich von Spät und seine Gesellen, um ihre

Schmach in Württembergs Unglück abzuwaschen die Städte und Städtchen,

um Reutlingen wieder gut bündisch zu machen, sie alle hatten ihre

Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lüstern nach

gewisser Beute eingestellt.

Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem Einzug die

Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes "artigen Reiters", der

Bertas Neugierde in so hohem Grad erweckt, dessen unerwartete

Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefärbt hatte. Wußte er

doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den

Waffen nicht fremd, doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt

war. Aus einem armen, aber angesehenen Stamm Frankens entsprossen,

war er, früh verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden.

Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen

Schmuck des Adels zu schätzen. Daher wählte sein Oheim für ihn diese

Laufbahn. Die Sage erzählt nicht, ob er auf der hohen Schule in

Tübingen die damals in ihrem ersten Erblühen war, in den

Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis auf uns, daß

er einem Fräulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener

Musenstadt lebte, wärmere Teilnahme schenkte als den Lehrstühlen der

berühmtesten Doktoren. Man erzählt sich auch, daß das Fräulein mit

ernstem, beinahe männlichem Geist alle Künste, womit andere ihr Herz

bestürmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle

jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern und die Jünger der

alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die

heutigen. Es sollen aber weder nächtliche Liebesklagen noch

fürchterliche Schlachten und Kämpfe um ihren Besitz die Jungfrau

erweicht haben. Nur einem gelang es, dieses Herz für sich zu

gewinnen, und dieser eine war Georg. Sie haben zwar, wie es stille

Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste

Strahl des Verständnisses aufging, und wir sind weit entfernt, uns in

dieses süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen zu wollen, oder gar

Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht belegen können. Doch

können wir mit Grund annehmen, daß sie schon bis zu jenem Grad der

Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von äußeren Verhältnissen,

gleichsam als Trost für das Scheiden, ewige Treue schwört. Denn als

die Muhme in Tübingen das Zeitliche gesegnet und Herr von

Lichtenstein sein Töchterlein zu sich holen ließ, um sie nach Ulm, wo

ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu

schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, daß so heiße Tränen und

die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der

Sänfte zurücksah, nicht den bergigen Straßen denen sie Valet sagen

mußte, allein gelte.

Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein

Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch nicht

gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwünscht. Seit Mariens

Abreise waren ihm die Lehrstühle der gelehrten Doktoren, die finstere

Hügelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden

Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen

entgegenströmte, als er an einem schönen Morgen des Februar aus den

Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die Sehnen seiner

Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln

seiner Faust kräftiger in den Zügel faßten, so erhob sich auch seine

Seele zu frischem heiterem Mut.

So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den

Schönbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem

Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts sein nennen, als das Roß,

daß er eben ritt, und die Burg seiner Väter, von welcher der

Volkswitz sang:

Ein Haus auf drei Stützen,

Wer vorn hereinkommt,

Kann hinten nicht sitzen.

Aber er wußte, daß dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum

Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Römers:

_Fortes fortuna juvat_ hatte ihn noch nie belogen.

Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen Laufbahn bald

in Erfüllung zu gehen.

Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte,

aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel

an einem Krieg.

Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß. Der schwäbische Bund,

wenn er auch erfahrenere Feldherren und geübtere Soldaten zählte,

hatte doch durch Uneinigkeit sich in allen Kriegen selbst geschadet.

Ulrich auf seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere,

kampfgeübte Männer geworben, aus seinem eigenen Land konnte er, wenn

auch minder geübte, doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen, und

so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.

Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht müßig bleiben zu

dürfen. Ein Krieg war ihm erwünscht. Es war eine Laufbahn, die ihn

seinem Ziel, um Marie würdig freien zu können, bald nahebringen

konnte.

Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen noch zu der anderen Partei.

Vom Herzog sprach man im Land schlecht, des Bundes Absichten

schienen nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der

Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen,

achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein Gütchen

grenzten, auf einmal dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es

ihn zum Bund zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, daß der

alte Lichtenstein sich mit seiner Tochter in Ulm befinde. Auf jener

Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bund

seine Dienste an.

Die fränkische Ritterschaft, unter Anführung Ludwigs von Hutten, zog

sich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig

von Bayern und den übrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte

sich das Heer gesammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je näher

sie dem Gebiet ihres Feindes kamen.

Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußersten Stadt seines Landes

gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal

zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann

hoffte man in kurzer Zeit die Württemberger zur entscheidenden

Schlacht zu nötigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man so

weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg

der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die Grüße

des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug, als

das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau

herübertönte.

Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an seine erste

Waffenprobe, Aber wer je in ähnlicher Lage sich befand, wird ihn

nicht tadeln, daß auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen

und ihn Kampf und Sieg vergessen ließen. Als zuerst, noch in weiter

Ferne, das kolossale Münster aus dem Nebel auftauchte, als nachher

der verhüllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren

dunklen Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen

Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die

Brust zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn 'Schließen jene

Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog

treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf

der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf

er sich jenem gegenüberstellen, ohne sein ganzes Glück zu vernichten?

Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie möglicherweise

noch in jenen Mauern sein? Und wenn alles gut wäre, wenn unter der

festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt,

auch Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt,

die sie geschworen?'

Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit Raum;

denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn verschwor, Mariens Treue,

er wußte es, war unwandelbar. Mutig drückte er die Schärpe, die sie

ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an

den Zug anschloß, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen

anstimmten, da kehrte seine alte Freude wieder, stolzer hob er sich

im Sattel, kühner rückte er das Barett in die Stirn, und als der Zug

in die festlich geschmückten Straßen einbog, musterte sein scharfes

Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu erspähen.

Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche

Gewühl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter

Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell drückte er seinem

Pferd die Sporen in die Seiten, daß es sich hoch aufbäumte und das

Pflaster von seinem Hufschlag ertönte. Aber als sie sich zu ihm

herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Erröten

dem Glücklichen sagte, daß er erkannt und noch immer geliebt sei, da

war es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte

er dem Zug vor das Rathaus, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte

ihn seine Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen und ihn

unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen.

Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er

sich von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte.

"Was treibt Ihr, Junker?" rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme

ins Ohr. "Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? Ich glaube,

Ihr schwindelt; wäre auch kein Wunder, denn das Frühstück war gar zu

mager. Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer führen gute

Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen."

Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige

Minuten geschwebt hatte, auf dem Rathausplatz in Ulm etwas unsanft

war, so wußte er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem

nächsten Grenznachbarn in Franken, Dank, daß er ihn aus seinen

Träumen aufgeschüttelt und von einem übereilten Schritt

zurückgehalten hatte.

Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm

den übrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritt

an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt vorgesetzt

hatte, wieder erholen wollten.

Lichtenstein · 第 6 / 40 题