Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben
haben, galt den Häuptern und Obersten des schwäbischen Bundes, der an
diesem Tag, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt
hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage
der Dinge. Herzog Ulrich von Württemberg hatte durch die
Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzu heftigen
Ausbrüche seines Zornes und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit
welcher er, der einzelne, so vielen verbündeten Fürsten und Herren
die Stirne bot, zuletzt noch durch die plötzliche Einnahme der
Reichsstadt Reutlingen den bittersten Haß des Bundes auf sich gezogen.
Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu erwarten, daß
man, so weit gegangen, friedliche Vorschläge tun werde.
Hinzu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden leiteten. Der
Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu
verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu
rächen, unglücklichen Dietrich von Spät und seine Gesellen, um ihre
Schmach in Württembergs Unglück abzuwaschen die Städte und Städtchen,
um Reutlingen wieder gut bündisch zu machen, sie alle hatten ihre
Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lüstern nach
gewisser Beute eingestellt.
Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem Einzug die
Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes "artigen Reiters", der
Bertas Neugierde in so hohem Grad erweckt, dessen unerwartete
Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefärbt hatte. Wußte er
doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den
Waffen nicht fremd, doch nicht zunächst für das Waffenwerk bestimmt
war. Aus einem armen, aber angesehenen Stamm Frankens entsprossen,
war er, früh verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden.
Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen
Schmuck des Adels zu schätzen. Daher wählte sein Oheim für ihn diese
Laufbahn. Die Sage erzählt nicht, ob er auf der hohen Schule in
Tübingen die damals in ihrem ersten Erblühen war, in den
Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis auf uns, daß
er einem Fräulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener
Musenstadt lebte, wärmere Teilnahme schenkte als den Lehrstühlen der
berühmtesten Doktoren. Man erzählt sich auch, daß das Fräulein mit
ernstem, beinahe männlichem Geist alle Künste, womit andere ihr Herz
bestürmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle
jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern und die Jünger der
alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die
heutigen. Es sollen aber weder nächtliche Liebesklagen noch
fürchterliche Schlachten und Kämpfe um ihren Besitz die Jungfrau
erweicht haben. Nur einem gelang es, dieses Herz für sich zu
gewinnen, und dieser eine war Georg. Sie haben zwar, wie es stille
Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste
Strahl des Verständnisses aufging, und wir sind weit entfernt, uns in
dieses süße Geheimnis der ersten Liebe eindrängen zu wollen, oder gar
Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht belegen können. Doch
können wir mit Grund annehmen, daß sie schon bis zu jenem Grad der
Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von äußeren Verhältnissen,
gleichsam als Trost für das Scheiden, ewige Treue schwört. Denn als
die Muhme in Tübingen das Zeitliche gesegnet und Herr von
Lichtenstein sein Töchterlein zu sich holen ließ, um sie nach Ulm, wo
ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu
schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, daß so heiße Tränen und
die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der
Sänfte zurücksah, nicht den bergigen Straßen denen sie Valet sagen
mußte, allein gelte.
Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein
Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch nicht
gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwünscht. Seit Mariens
Abreise waren ihm die Lehrstühle der gelehrten Doktoren, die finstere
Hügelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhaßt geworden
Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen
entgegenströmte, als er an einem schönen Morgen des Februar aus den
Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die Sehnen seiner
Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln
seiner Faust kräftiger in den Zügel faßten, so erhob sich auch seine
Seele zu frischem heiterem Mut.
So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den
Schönbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem
Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts sein nennen, als das Roß,
daß er eben ritt, und die Burg seiner Väter, von welcher der
Volkswitz sang:
Ein Haus auf drei Stützen,
Wer vorn hereinkommt,
Kann hinten nicht sitzen.
Aber er wußte, daß dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum
Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Römers:
_Fortes fortuna juvat_ hatte ihn noch nie belogen.
Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen Laufbahn bald
in Erfüllung zu gehen.
Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte,
aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel
an einem Krieg.
Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiß. Der schwäbische Bund,
wenn er auch erfahrenere Feldherren und geübtere Soldaten zählte,
hatte doch durch Uneinigkeit sich in allen Kriegen selbst geschadet.
Ulrich auf seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere,
kampfgeübte Männer geworben, aus seinem eigenen Land konnte er, wenn
auch minder geübte, doch zahlreiche und tüchtige Truppen ziehen, und
so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.
Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht müßig bleiben zu
dürfen. Ein Krieg war ihm erwünscht. Es war eine Laufbahn, die ihn
seinem Ziel, um Marie würdig freien zu können, bald nahebringen
konnte.
Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen noch zu der anderen Partei.
Vom Herzog sprach man im Land schlecht, des Bundes Absichten
schienen nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der
Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen,
achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein Gütchen
grenzten, auf einmal dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es
ihn zum Bund zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, daß der
alte Lichtenstein sich mit seiner Tochter in Ulm befinde. Auf jener
Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bund
seine Dienste an.
Die fränkische Ritterschaft, unter Anführung Ludwigs von Hutten, zog
sich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig
von Bayern und den übrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte
sich das Heer gesammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je näher
sie dem Gebiet ihres Feindes kamen.
Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußersten Stadt seines Landes
gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal
zuvor im großen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann
hoffte man in kurzer Zeit die Württemberger zur entscheidenden
Schlacht zu nötigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man so
weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg
der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die Grüße
des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug, als
das Geläute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau
herübertönte.
Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an seine erste
Waffenprobe, Aber wer je in ähnlicher Lage sich befand, wird ihn
nicht tadeln, daß auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen
und ihn Kampf und Sieg vergessen ließen. Als zuerst, noch in weiter
Ferne, das kolossale Münster aus dem Nebel auftauchte, als nachher
der verhüllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren
dunklen Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortürmen sich vor seinen
Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die
Brust zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn 'Schließen jene
Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog
treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf
der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf
er sich jenem gegenüberstellen, ohne sein ganzes Glück zu vernichten?
Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie möglicherweise
noch in jenen Mauern sein? Und wenn alles gut wäre, wenn unter der
festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt,
auch Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt,
die sie geschworen?'
Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewißheit Raum;
denn wenn sich auch alles Unglück gegen ihn verschwor, Mariens Treue,
er wußte es, war unwandelbar. Mutig drückte er die Schärpe, die sie
ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an
den Zug anschloß, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen
anstimmten, da kehrte seine alte Freude wieder, stolzer hob er sich
im Sattel, kühner rückte er das Barett in die Stirn, und als der Zug
in die festlich geschmückten Straßen einbog, musterte sein scharfes
Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu erspähen.
Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche
Gewühl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter
Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell drückte er seinem
Pferd die Sporen in die Seiten, daß es sich hoch aufbäumte und das
Pflaster von seinem Hufschlag ertönte. Aber als sie sich zu ihm
herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Erröten
dem Glücklichen sagte, daß er erkannt und noch immer geliebt sei, da
war es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte
er dem Zug vor das Rathaus, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte
ihn seine Sehnsucht alle Rücksichten vergessen lassen und ihn
unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen.
Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er
sich von kräftiger Hand am Arm angefaßt fühlte.
"Was treibt Ihr, Junker?" rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme
ins Ohr. "Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? Ich glaube,
Ihr schwindelt; wäre auch kein Wunder, denn das Frühstück war gar zu
mager. Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer führen gute
Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen."
Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige
Minuten geschwebt hatte, auf dem Rathausplatz in Ulm etwas unsanft
war, so wußte er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem
nächsten Grenznachbarn in Franken, Dank, daß er ihn aus seinen
Träumen aufgeschüttelt und von einem übereilten Schritt
zurückgehalten hatte.
Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm
den übrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritt
an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt vorgesetzt
hatte, wieder erholen wollten.