Kapitel 4

Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen hatte, nicht

so entfernt gestanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden gehört

hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg

sich des unberühmten, verwaisten Jünglings angenommen hatte, zugleich

aber konnte er sich nicht verbergen, daß sein erster Schritt in die

kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen, erbitterten Feind

zugezogen hatte. Der Truchseß war zu bekannt im Heer wegen seines

unbeugsamen Stolzes, als daß Georg hätte glauben dürfen, Huttens

vermittelnde und besänftigende Worte hätten jede Erinnerung an diesen

Streit verlöscht, und daß Männer von Gewicht, wie Waldburg, in

solchen Fällen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die

Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fallen wohl bekannt. Ein

leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er

sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den

Schreiber des großen Rates, vor sich.

"Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen",

sprach Dietrich von Kraft, "und es möchte Euch auch jetzt etwas

schwer werden, denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist

überfüllt."

Georg gestand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber,

in einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen.

"Darauf möchte ich doch nicht so sicher bauen", entgegnete jener,

"und gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke einen Winkel,

so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, daß Ihr schlecht genug

bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint,

so steht sie Euch mit Freude offen."

Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, daß Georg

nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe

fürchtete, die gastfreundliche Einladung möchte seinen Wirt gereuen,

wenn die gute Laune zugleich mit den Dünsten des Weines verflogen

sein werde. Jener aber schien über die Bereitwilligkeit seines

Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen

Arm und führte ihn aus dem Saal.

Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar.

Die Tage waren noch kurz, und die Abenddämmerung war während der

Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und

Windlichter angezündet; ihr dunkelroter Schein erhellte den großen

Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern

der gegenüberstehenden Häuser und auf den blanken Helmen und

Brustharnischen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten

scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden

Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in

das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen

Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feind überfallenen

Posten, als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahl glich.

Überrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler

fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die in jugendlichem

Mut ansprengten, kühne Reiterkünste übten und dann singend und

jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden.

Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen

Kampfpreis wußte. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen,

aber der schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke über den

Platz hinzog, verhüllte die Gegenstände wie mit einem Schleier und

ließ sie nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er

sein Auge ab. "So ist auch meine Zukunft", sagte er zu sich, "das

Jetzt ist hell, aber wie dunkel, wie ungewiß das Ziel!"

Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düsteren Sinnen mit der

Frage, wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz,

worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen wäre, so hätte

vielleicht der gute Kraft eine flüchtige, aber brennende Röte, die

bei dieser Frage über Georgs Wangen zog, bemerken können. "Ein

junger Kriegsmann", antwortete er schnell gefaßt, "muß sich so viel

als möglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei

mir. Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten übergeben."

Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen

Mannes gegen sich selbst, gestand aber, daß er, wenn er einmal zu

Feld ziehe, den Dienst nicht so streng lernen werde. Ein Blick auf

sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten Bart

überzeugten Georg, daß sein Begleiter aus voller Seele spreche, und

die zierliche bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten,

widersprach diesem Glauben nicht.

Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte

Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren längst

abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten

beim großen Rat eintrat. Er würde sich vielleicht längst um eine

Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen haben, wenn nicht die Anmut

des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen

jungen Damen der Stadt als eine gute Partie angesehen und honoriert

zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr flüsterte, die

entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushälterin vor

einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritt

abgehalten hätte.

Herr Dietrich hatte ein großes Haus, nicht weit vom Münster, einen

schönen Garten am Michelsberg, sein Hausgerät war im besten Stand,

die großen eichenen Kasten voll des köstlichsten Linnenzeuges, das

die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den langen

Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe im

Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgulden, Herr

Dietrich selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer

geschniegelt und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den Rat,

hatte einen guten Haus- und Ratsverstand; war aus einer alten

Familie: war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und

jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt hätte, in

diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?

Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung

nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des

Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei große Katzen und

die unförmig dicke Amme. Diese vier Geschöpfe starrten den Gast mit

großen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen

ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen ihn

schnurrend, mit gekrümmten Rücken, die Amme schob unmnutig an der

ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei

Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre

Frage bestätigen hörte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiß,

war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock für

den Gast zuzurüsten, da schien ihre Geduld erschöpft; sie ließ einen

wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen und verließ mit

ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach.

Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große Armstühle

an den ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte er mit einem

schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und

einen silbernen Becher mit Wein, und entfernte sich dann, nachdem er

einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dietrich

lud seinen Gast ein, an seiner gewöhnlichen Abendunterhaltung

teilzunehmen. Er öffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.

Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm

erzählte, daß er seit seinem zehnten Jahr alle Abende mit der Amme an

diesem Spiel sich ergötze. Wie öde, wie unheimlich kam ihm das ganze

Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben

und Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille über den weiten

Gängen und Gemächern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom

Ticken des Holzwurmes im schwärzlichen Getäfel und dem eintönigen

Rollen der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas

Anziehendes für ihn gehabt, seine Gedanken waren auch fern davon, und

die tiefe Melancholie der öden Gemächer und der Gedanke, nur wenige

Straßen von ihr entfernt, doch den langersehnten Anblick der

Geliebten entbehren zu müssen, breitete düstere Schatten über seine

Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle

Spiele zu gewinnen, die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes

verlieh entschädigte ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden

Stunden.

Mit dem Schlag der achten Stunde führte Dietrich seinen Gast zum

Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet

hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftschen Hauses nichts vergeben.

Hier öffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner

Beredsamkeit, indem er seinem Gast das Mahl durch Gespräch zu würzen

suchte. Aber umsonst spähte dieser, ob er nicht von seinem schönen

Mühmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er: Kraft zählte unter

den württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den

Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte

dankbare Gefühle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm. Jetzt

erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst

außer den berühmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich

gleichgültig war. So aber hatte auch ihr Vater sich an dem

Sammelplatz des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen,

daß ihm das Glück vergönnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu

fechten, so trug er doch die

Gewißheit in der Brust, ihm beweisen zu können, daß Georg von

Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heer sei.

Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach

und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch für seine Ruhe.

Georg besah sich das Gemach, zog die Gardinen vor und ließ die Bilder

des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen. Geordnet und

freundlich kamen sie anfangs vorüber, dann aber verwirrten sie sich,

in buntem Gedränge führten sie seine Seele in das Reich der Träume,

und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der

Geliebten.

Lichtenstein · 第 8 / 40 题