Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich am zwölften
ein recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt Ulm aufgegangen.
Die engen, kalten Straßen mit ihren hohen, dunklen Giebelhäusern
hatte der schöne Morgen heller als sonst beleuchtet und ihnen einen
Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen
Ansehen der Stadt gar trefflich paßte. Die große Herdbruckergasse--
sie führt vom Donautor an das Rathaus--stand an diesem Morgen
gedrängt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den
beiden Seiten der Häuser hinzogen, nur einen engen Raum in der Mitte
der Gasse übriglassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung
lief durch die Reihen und brach nur in ein kurzes Gelächter aus, wenn
etwa die alten, strengen Stadtwächter eine hübsche Dirne, die sich zu
vorlaut in den freigelassenen Raum gedrängt hatte, etwas unsanft mit
dem Ende ihrer langen Hellebarde zurückdrängten, oder wenn ein Schalk
sich den Spaß machte: "Sie kommen! Sie kommen!" rief, alles lange
Hälse machte und schaute, bis es sich zeigte, daß man sich wieder
getäuscht habe.
Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergasse auf
den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort hatten sich die Zünfte
aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren Altmeistern an der Spitze,
die Weber, die Zimmerer, die Brauer mit ihren Fahnen und
Gewerbezeichen, sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet
zahlreich dort versammelt.
Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen, festlichen
Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häusern der
Straße selbst. Bis an die Giebeldächer waren alle Fenster voll
geputzter Frauen und Mädchen, um welche sich die grünen Tannen- und
Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tücher, mit welchen die Seiten
geschmückt waren, wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen.
Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster am Hause des Herrn
Hans von Besserer. Dort standen zwei Mädchen, so verschieden an
Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter
Schönheit, daß, wer sie von der Straße betrachtete, eine Weile
zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben möchte.
Beide schienen nicht über achtzehn Jahre alt zu sein. Die eine,
größere, war zart gebaut, reiches, braunes Haar zog sich um eine
freie Stirn, die gewölbten Bogen ihrer dunklen Brauen, das ruhige,
blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen--
sie gaben ein Bild, das unter unseren heutigen Damen für sehr
anziehend gelten würde, das aber in jenen Zeiten, wo noch höheren
Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine
gebietende Würde neben der anderen Schönen sich geltend machen konnte.
Diese, kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin, war
eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, welche wohl wissen,
daß sie gefallen. Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der
Ulmer Damen in viele Löckchen und Zöpfchen geschlungen und zum Teil
unter ein weißes Häubchen voll kleiner, künstlicher Fältchen gesteckt.
Das runde frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung, noch
rastloser glitten die lebhaften Augen über die Menge hin, und der
lächelnde Mund, der alle Augenblicke die schönen Zähne sehen ließ,
zeigte deutlich, daß es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen
und Gestalten nicht an Gegenständen fehle, die ihrer fröhlichen Laune
zur Zielscheibe dienen mußten.
Hinter den beiden Mädchen stand ein großer, bejahrter Mann; seine
tiefen, strengen Züge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer
dünner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer
Anzug, der wunderlich gegen die reichen, bunten Farben um ihn her
abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum
ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit,
hervorgelockt durch die glücklichen Einfälle der Blondine, wie ein
Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so
verschieden in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter
und Jahre, zog hin und wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden
auf sich. Manches Auge hing an den schönen Mädchen, und sie
beschäftigten eine Weile durch ihre überraschende Erscheinung jene
müßige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, daß das
Schauspiel dessen sie harrte, sich noch immer nicht zeigen wollte.
Es ging schon stark gegen Mittag. Die Menge wogte immer ungeduldiger,
preßte sich stärker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder
der andere aus den Reihen der ehrsamen Zünfte auf den Boden gelagert,
da tönten drei Schüsse von der Schanze auf dem Lug-ins-Land herüber,
die Glocken des Münsters begannen tiefe, volle Akkorde über die Stadt
hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen
geordnet.
"Sie kommen, Marie, sie kommen!" rief die Blonde im Erkerfenster und
schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter
zum Fenster hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete
die Ecke der vorerwähnten Straße, von dem Erker konnte man hinab
beinahe bis an das Donautor, und hinüber bis in die Fenster des
Rathauses sehen, die Mädchen hatten also ihren Standpunkt trefflich
gewählt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genießen.
Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den
hohen Klängen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein
bewegte sich ein langer, glänzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker
und Trompeter, die berittene Schar der Ulmer Patriziersöhne war eine
allzu tägliche Erscheinung, als daß das Auge lange darauf verweilt
hätte. Als aber das schwarz und weiße Banner der Stadt, mit dem
Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Größen und Farben, zum
Tor hereinschwankten, da dachten die Zuschauer, daß jetzt der rechte
Augenblick gekommen sei.
Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre Blicke, als
man die Menge am unteren Teil der Straße ehrerbietig die Mützen
abnehmen sah.
Auf einem großen, starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen
kräftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem
Kontrast stand mit der tiefgefurchten Stirn und dem schon ins Graue
spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen
Federn, einen Brustharnisch über ein eng anschließendes, rotes Wams,
Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeschlitzt, die wohl neu recht
hübsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine
einförmige, dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite, schwere
Reiterstiefel schlossen sich unter den Knien an. Seine einzige Waffe,
ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griff ohne Korb,
vollendete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren früh ergrauten
Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange, goldene
Kette von dicken Ringen, fünfmal um den Hals gelegt, an welcher ein
Ehrenpfennig auf die Brust herabhing.
"Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der so jung und
alt aussieht?" rief die Blonde, indem sie das Köpfchen ein wenig nach
dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zurückbeugte.
"Das kann ich dir sagen, Berta", antwortete dieser bedächtig. "Es
ist Georg von Frondsberg, oberster Feldhauptmann des bündischen
Fußvolks, ein wackerer Mann, wenn er einer besseren Sache diente!"
"Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Württemberger", entgegnete
ihm die Kleine, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte, "Ihr wißt,
daß die Ulmer Mädchen gut bündisch sind!"
Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: "Jener
dort auf dem Schimmel ist Truchseß Waldburg, der Feldleutnant, dem
auch etwas von unserem Württemberg wohl anstände. Dort hinter ihm
kommen die Bundesobersten. Weiß Gott, sie sehen aus wie Wölfe, die
nach Beute gehen."
"Pfui! Verwitterte Gestalten!" bemerkte Berta. "Ob es wohl auch der
Mühe wert war, Bäschen Marie, daß wir uns so putzten? Aber siehe da,
wer ist der junge, schwarze Reiter auf dem Braunen? Sieh nur das
bleiche Gesicht und die feurigen, schwarzen Augen! Auf seinem Schild
steht: 'Ich hab's gewagt'."
"Das ist der Ritter Ulrich von Hutten", erwiderte der Alte, "dem Gott
seine Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder, das
ist ein gelehrter, frommer Herr. Er ist zwar des Herzogs bitterster
Feind, aber ich sage so. Denn was wahr ist, muß wahr bleiben!"
"Und siehe, da sind Sickingens Farben, wahrhaftig, da ist er selbst.
Schaut hin, Mädchen, das ist Franz von Sickingen Sie sagen, er führe
tausend Reiter ins Feld. Der ist's mit dem blanken Harnisch und der
roten Feder."
"Aber sagt mir, Oheim", fragte Berta weiter, "welches ist denn Götz
von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzählt. Er ist
ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen. Reitet er nicht
mit den Städten?"
"Götz und die Städter nenne nie in einem Atem", sprach der Alte mit
Ernst. "Er hält zu Württemberg."
Ein großer Teil des Zuges war während dieses Gespräches am Fenster
vorübergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie
gleichgültig und teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaute. Es war
zwar sonst des Mädchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch träumerisch
auszusehen, aber heute, bei einem so glänzenden Aufzug, so ganz ohne
Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein großes Unrecht. Sie wollte sie
eben zur Rede stellen, als ein Geräusch von der Straße her ihre
Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mächtiges Roß bäumte sich in der
Mitte der Straße unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht
durch die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener
Kopf verdeckte den Reiter, so daß nur die wehenden Federn des Baretts
sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das
Pferd herunterriß und zum Stehen brachte, ließ einen jungen mutigen
Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung
über das Gesicht herabgefallen. Als er es zurückschlug, traf sein
Blick das Erkerfenster.
"Nun, dies ist doch einmal ein hübscher Herr", flüsterte die Blonde
ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie, von dem
schönen Reiter gehört zu werden, "und wie er artig und höflich ist!
Sieh nur, er hat uns gegrüßt, ohne uns zu kennen."
Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel
Aufmerksamkeit zu schenken. Ein glühendes Rot zog über die zarten
Wangen. Ja, wer die ernste Jungfrau gesehen hätte, wie sie so kalt
auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie geahnt, daß so viel holde
Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge
wohnen könnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch
ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruß des jungen Ritters erwiderte.
Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige, aber wahre Bemerkung
über den Anblick des schönen Mannes völlig entgangen. "Nur schnell,
Oheim!" rief sie und zog den alten Herrn am Mantel. "Wer ist dieser
in der hellblauen Binde mit Silber? Nun?"
"Liebes Kind!" antwortete der Oheim. "Den habe ich in meinem Leben
nicht gesehen Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst,
sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und
Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unseren Töpfen laben
wollen."
"Mit Euch ist doch nichts anzufangen", sagte die Kleine und wandte
sich unmutig ab. "Die alten und gelehrten Herren kennt Ihr alle auf
hundert Schritte und weiter. Wenn man aber einmal nach einem
hübschen, höflichen Junker fragt, wißt Ihr nichts. Du bist auch so,
Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession
an Fronleichnam wäre; ich wette, Du hast das Schönste von allem nicht
gesehen und hattest noch den alten Frondsberg im Kopf, als ganz
andere Leute vorbeiritten!"
Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Bertas vor dem Rathaus
aufgestellt; die bündische Reiterei, die noch vorüberzog, hatte wenig
Interesse mehr für die beiden Mädchen. Als daher die Herren
abgesessen und zum Imbiß ins Rathaus gezogen waren, als die Zünfte
ihre Glieder auflösten und das Volk sich zu verlaufen begann, zogen
auch sie sich vom Fenster zurück.
Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb
befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor dem alten, ernsten
Oheim etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verließ,
wandte sie sich an ihre Base, die noch immer träumend am Fenster
stand:
"Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum
geben, wenn ich wüßte, wie er heißt. Daß Du aber auch gar keine
Augen hast, Marie! Ich stieß Dich doch an, als er grüßte. Siehe,
hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das
ganze Gesicht ein wenig bräunlich, aber hübsch, sehr hübsch. Ein
Bärtchen über dem Mund, nein! ich sage Dir--wie Du jetzt nur wieder
gleich rot werden kannst!" fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort. "Als
ob zwei Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund
eines jungen Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei uns.
Aber freilich, bei Deiner seligen Frau Muhme in Tübingen und bei
Deinem ernsten Vater in Lichtenstein kamen solche Sachen nicht zur
Sprache, und ich sehe schon, Bäschen Marie träumt wieder, und ich muß
mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig
schwatzen will."
Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht etwas
schelmisch gefunden hätten. Berta aber nahm den großen Schlüsselbund
vom Haken an der Tür, sang sich ein Liedchen und ging, um noch
einiges zum Mittagessen zu rüsten. Denn wenn man ihr auch etwas zu
große Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute
Haushälterin, als daß sie über der flüchtigen Erscheinung des
höflichen Reiters das Gemüse und den Nachtisch vergessen hätte.
Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Base allein bei ihren Gedanken. Und
auch wir stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen Bilder der
Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einem Mal aus dem
tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit
gedenkt, wo ein flüchtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand, ihre
Tage erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt, wo sie im stillen
Kämmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schärpe flocht,
deren freudige Farben sie heute aus ihren niedergeschlagenen Augen
sich fragt, ob Bäschen Berta den süßen Mund des Geliebten richtig
beschrieben habe?