Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen, gehört jenem
Teil des südlichen Deutschlands an, welcher sich zwischen den
Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet. Das erstere
dieser Gebirge schließt, von Nordost nach Süden in verschiedener
Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein,
der Schwarzwald aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinüber
an den Rhein und bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen
dunklen Hintergrund für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft,
die, vom Neckar durchströmt, an seinem Fuße sich ausbreitet und
Württemberg heißt.
Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei
Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten
hervor. Es erregt dies umso größere Bewunderung wenn man die Zeit
bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit,
wo mächtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck,
die Grafen von Zollern, um seine Wiege gelagert waren; wenn man die
inneren und äußeren Stürme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst
seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.
Gab es doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig
aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien, wo sein unglücklicher
Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben
mußte, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Söldner das
Land bewachten und wenig fehlte, daß Württemberg aufhörte zu sein,
jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine
Provinz des Hauses Österreich wurden.
Unter den vielen Sagen, die von ihrem Land und der Geschichte ihrer
Väter im Mund der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem
romantischem Interesse wie die, welche sich an die Kämpfe der eben
erwähnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglücklichen
Fürsten Ulrich knüpft.
Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn entschieden,
denn es ist der Anfang seines langen Unglückes. Doch darf die
Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glückes. War ja doch jene
lange Verbannung ein läuterndes Feuer, woraus er weise und kräftiger
als je hervorging. Es war der Anfang seines Glückes, denn seine
späteren Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen, der die
religiöse Umwälzung, die dieser Fürst in seinem Vaterland
bewerkstelligte, für ein Glück ansieht.
In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des
Armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt worden. Doch
war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog dasselbe
nicht für sich zu gewinnen wußte, seine Amtleute auf ihre eigene
Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den
schwäbischen Bund, eine mächtige Vereinigung von Fürsten, Grafen,
Rittern und freien Städten des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er
wiederholt beleidigt,hauptsächlich auch dadurch, daß er sich weigerte,
ihm beizutreten So sahen also alle seine Grenznachbarn mit
feindlichen Blicken auf sein Tun, als wollten sie nur die Gelegenheit
abwarten, ihn fühlen zu lassen, welch mächtiges Bündnis er verweigert
habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch
nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht stand, den Ritter Götz
von Berlichingen unterstützt zu haben, um sich an dem Kurfürsten von
Mainz zu rächen.
Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war
ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten
lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die
Ermordung eines fränkischen Ritters, der an seinem Hof lebte.
Glaubwürdige Chronisten sagen, das Verhältnis des Johann von Hutten
zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne sah. Daher
griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor,
forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn
nieder. Die Huttischen, hauptsächlich Ulrich von Hutten, erhoben
ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage-
und Rachegeschrei.
Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen Ulrich schon
als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat
jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spät, und sie
und ihre Brüder traten als Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiser
auf. Es wurden Verträge geschlossen und nicht gehalten, es wurden
Friedensvorschläge angeboten und wieder verworfen, die Not um den
Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn
nicht, denn er meinte, recht getan zu haben Der Kaiser starb in
dieser Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen
Milde bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer
Richter, den er in diesen Bedrängnissen so gut hätte brauchen können,
denn das Unglück kam jetzt schnell.
Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als
dem Herzog die Kunde kam, daß Reutlingen, eine Reichsstadt, die in
seinem Gebiet lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese
Städter hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm
verhaßt und sollten jetzt seine Rache fühlen. Schnell zum Zorn
gereizt, wie er war, warf er sich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln
durch das Land tönen, belagerte die Stadt und nahm sie ein Der Herzog
ließ sich von ihr huldigen, und die Reichsstadt war württembergisch.
Aber jetzt erhob sich der schwäbische Bund mit Macht, denn diese
Stadt war ein Glied desselben gewesen So schwer es auch sonst hielt,
diese Fürsten, Grafen und Städte aufzubieten, so zögerten sie doch
hier nicht, sondern hielten zusammen, denn der Haß ist ein fester
Kitt. Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen. Das
Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall.
So war also im Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der
Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht zu
zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen würde. Gelang es dem
Bund, den Herzog aus dem Feld zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so
vieles zu rächen war, durfte er keine Schonung erwarten
Die Blicke Deutschlands hingen bange am Erfolg dieses Kampfes, sie
suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu
erspähen, was die künftigen Tage bringen werden, ob Württemberg
gesiegt, ob der Bund den Wahlplatz behauptet habe. Wir rollen diesen
Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge
nicht zu früh ermüdet sich davon abwenden.