Wilhelm Hauff

Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen, gehört jenem

Teil des südlichen Deutschlands an, welcher sich zwischen den

Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet. Das erstere

dieser Gebirge schließt, von Nordost nach Süden in verschiedener

Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein,

der Schwarzwald aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinüber

an den Rhein und bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen

dunklen Hintergrund für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft,

die, vom Neckar durchströmt, an seinem Fuße sich ausbreitet und

Württemberg heißt.

Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei

Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten

hervor. Es erregt dies umso größere Bewunderung wenn man die Zeit

bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit,

wo mächtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck,

die Grafen von Zollern, um seine Wiege gelagert waren; wenn man die

inneren und äußeren Stürme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst

seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.

Gab es doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig

aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien, wo sein unglücklicher

Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben

mußte, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Söldner das

Land bewachten und wenig fehlte, daß Württemberg aufhörte zu sein,

jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine

Provinz des Hauses Österreich wurden.

Unter den vielen Sagen, die von ihrem Land und der Geschichte ihrer

Väter im Mund der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem

romantischem Interesse wie die, welche sich an die Kämpfe der eben

erwähnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglücklichen

Fürsten Ulrich knüpft.

Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn entschieden,

denn es ist der Anfang seines langen Unglückes. Doch darf die

Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glückes. War ja doch jene

lange Verbannung ein läuterndes Feuer, woraus er weise und kräftiger

als je hervorging. Es war der Anfang seines Glückes, denn seine

späteren Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen, der die

religiöse Umwälzung, die dieser Fürst in seinem Vaterland

bewerkstelligte, für ein Glück ansieht.

In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des

Armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt worden. Doch

war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog dasselbe

nicht für sich zu gewinnen wußte, seine Amtleute auf ihre eigene

Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den

schwäbischen Bund, eine mächtige Vereinigung von Fürsten, Grafen,

Rittern und freien Städten des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er

wiederholt beleidigt,hauptsächlich auch dadurch, daß er sich weigerte,

ihm beizutreten So sahen also alle seine Grenznachbarn mit

feindlichen Blicken auf sein Tun, als wollten sie nur die Gelegenheit

abwarten, ihn fühlen zu lassen, welch mächtiges Bündnis er verweigert

habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch

nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht stand, den Ritter Götz

von Berlichingen unterstützt zu haben, um sich an dem Kurfürsten von

Mainz zu rächen.

Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war

ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten

lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die

Ermordung eines fränkischen Ritters, der an seinem Hof lebte.

Glaubwürdige Chronisten sagen, das Verhältnis des Johann von Hutten

zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne sah. Daher

griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor,

forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn

nieder. Die Huttischen, hauptsächlich Ulrich von Hutten, erhoben

ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage-

und Rachegeschrei.

Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen Ulrich schon

als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat

jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spät, und sie

und ihre Brüder traten als Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiser

auf. Es wurden Verträge geschlossen und nicht gehalten, es wurden

Friedensvorschläge angeboten und wieder verworfen, die Not um den

Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn

nicht, denn er meinte, recht getan zu haben Der Kaiser starb in

dieser Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen

Milde bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer

Richter, den er in diesen Bedrängnissen so gut hätte brauchen können,

denn das Unglück kam jetzt schnell.

Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als

dem Herzog die Kunde kam, daß Reutlingen, eine Reichsstadt, die in

seinem Gebiet lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese

Städter hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm

verhaßt und sollten jetzt seine Rache fühlen. Schnell zum Zorn

gereizt, wie er war, warf er sich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln

durch das Land tönen, belagerte die Stadt und nahm sie ein Der Herzog

ließ sich von ihr huldigen, und die Reichsstadt war württembergisch.

Aber jetzt erhob sich der schwäbische Bund mit Macht, denn diese

Stadt war ein Glied desselben gewesen So schwer es auch sonst hielt,

diese Fürsten, Grafen und Städte aufzubieten, so zögerten sie doch

hier nicht, sondern hielten zusammen, denn der Haß ist ein fester

Kitt. Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen. Das

Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall.

So war also im Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der

Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht zu

zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen würde. Gelang es dem

Bund, den Herzog aus dem Feld zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so

vieles zu rächen war, durfte er keine Schonung erwarten

Die Blicke Deutschlands hingen bange am Erfolg dieses Kampfes, sie

suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu

erspähen, was die künftigen Tage bringen werden, ob Württemberg

gesiegt, ob der Bund den Wahlplatz behauptet habe. Wir rollen diesen

Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge

nicht zu früh ermüdet sich davon abwenden.

Lichtenstein · 第 4 / 40 题