Drittes Buch

In Landshut in seiner Hofburg hatte Herzog Stephan eben Weisung gegeben,

wer von seinen Herren ihn nach München begleiten solle. Er wollte seinen

ältesten Bruder begrüßen, den Markgrafen, der den glückhaften Entschluß

gefaßt hatte, die Habsburger aus seinem Land hinauszujagen. Herzog

Stephan freute sich stolz, daß recht eigentlich er diesen Entschluß

angestoßen hatte. Er reckte den Kopf mit dem kurzen, dicken, nußbraunen

Schnurrbart; sicher hatten seine kräftigen Worte jüngst Ludwig den

Rücken gesteift. Und jetzt wird er nach München gehen und zusehen, ob er

nicht einen engeren Zusammenschluß der Wittelsbacher erwirken kann.

Warum soll es -- Pest und geschwänzter Satan! --, wenn Ludwig und er

festen Willens sind, nicht glücken, Wittelsbach unter _ein_ Dach zu

bringen, so wie die Habsburger zusammengeschweißt sind? Sicherlich

streiten die sich wie Hähne, wenn sie ohne Zeugen untereinander Rats

pflegen: aber repräsentieren sie nach außen, dann stehen sie wie _ein_

Mann, und es geht eitel Honig von einem zum andern. Es war gut, daß

Ludwig sich endlich aufgerafft hat. Er wird jetzt nicht locker lassen,

bis das zerfetzte Wittelsbach wieder zusammengeflickt ist.

Man brachte die Rüstung, begann, ihn für die Reise zu wappnen. Da kam

ein Kurier aus München, meldete den Tod des Markgrafen. Herzog Stephan

stand starr, den Mund halb auf, die Finger merkwürdig gespreizt. Dann

mit einem heftigen, knarrenden Kommando schickte er seine Leute weg,

lief, der halb angekleidete Mann, hin und her, machte jähe, herrische

Gesten, sein Gesicht arbeitete, furchte sich drohend, glättete sich, der

kurze, dicke Schnurrbart stieg mit der zuckenden Lippe.

Er sah Möglichkeiten, die mannigfachsten, schillernd. Hier winkten sie,

dort. Der junge Meinhard war ein Knabe, schwach, dümmlich, gutmütig;

hing zudem schwärmerisch an seinem, Stephans, Sohn, dem Friedrich.

Ja, in Stephans Händen lag jetzt das Schicksal Wittelsbachs. Beide

Bayern vereinigen. Die Widerstrebenden, die Brüder, den Holländer,

Brandenburger, die Pfälzer zusammenzwingen. Sie mußten doch sehen, sie

mußten sich doch fügen. Wer waren sie denn, diese Ludwig, Albrecht,

Wilhelm, Ruprecht? Nichts waren sie; aber Wittelsbach war viel, war

alles. Es wird gute Kraft von ihm ausgehen, sein Glaube, sein ehrlicher,

frommer, reiner Wille wird in sie überströmen, sie werden sich

überzeugen lassen.

Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die künstlich straffe,

soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem

wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann,

das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Bürde war zu

schwer für ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war

ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen müssen:

wie sollte er, der Schwächere, das zerstückte, verstümmelte, zu Ende

bringen?

Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte

Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm

gesprochen. Die Brüder hatten sich alle sechs nie enger aneinander

geschlossen, jeder schaute dem andern mißtrauisch auf die Finger, daß

der kein zu großes Stück des Erbes packe. Aber Ludwig war ein

anständiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte

die Maultasche geheiratet, dem Haus ein großes Opfer gebracht. Nun war

er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblaßte um die

Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus.

Er erinnerte sich, wie er jene päpstliche Bulle gehört hatte, die den

Bannfluch über den Vater verkündete: »Seine Söhne treffe dieser Fluch:

Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und

der Vernichtung anheimfallen.« Er war ein kleiner Junge gewesen damals,

er hatte unter den großen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes

verstanden, aber sie hatten ihn überschauert und nicht mehr losgelassen.

Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Länder

zerfallen. Die Brüder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten,

in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die

Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brüdern. Sie

waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden,

blutigen Seeschlacht an der Mündung der Maas geschlagen, sie war zu

ihrem Schwager geflohen, dem König von England. Sie war eine hochmütige

Dame gewesen, schwermütig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich

zusammennehmen müssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart.

Nun war sie gestorben, müde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm,

der lichteste, begabteste, liebenswürdigste der Brüder, war in Tobsucht

und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem

fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging,

wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfüllung. Er

starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Möglichkeit und

die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Südmark zu

halten. Er sah auf seine Hände; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie

soll er mit diesen Händen --?

Unsinn. Er hat zu viel schweren Würzwein zum Frühstück genommen, das ist

alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trüb. Waren seine

Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und

leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhängig

machen können. Er straffte sich, fest über der gepreßten Lippe stand der

kurze, dicke, nußbraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten

und groß machen in der Welt.

Er ließ sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anlaß, nach

München zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er

befahl seinen Sohn Friedrich zu sich.

Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehört. Er barst

beinahe von Plänen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit

schwärmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mächtiger als

sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles

Haar tief ansetzend über der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn,

hatte von frühester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung

geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er

gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte

er sich gebäumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust

und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Roß

Wittelsbach zu zähmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefühl

dafür, er wird es zwingen.

So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor

seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer,

zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er

selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit,

seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn

der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden

Ausbrüchen zwischen ihnen.

Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend,

Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung

nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben.

Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in

wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich

überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen:

was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete

seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von

ihm abdrängen, ihn dort ausschalten.

Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den

Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde

seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch

nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch

ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der

Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von

Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige

Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte

drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich,

wischte hinaus. Warf sich -- niemand wagte ihn zu halten -- auf ein

Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München.

Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren,

froh über diese Lösung, lachten mit. »Ein Teufelsjunge, der Friedrich!«

sagte der Herzog. »Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!«

wiederholten seine Herren.

Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn

kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach

kleinkriegen?

Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz

Friedrich vorangejagt war.

* * * * *

Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck,

Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig,

umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so

daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären

mußte: Der Markgraf ist tot.

Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen

an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte.

Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was

er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr

anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner

Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für

das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und

energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz

Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war.

Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn

gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger,

forderte Mühe, Nachdenken.

Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu

führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in

geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte

und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das

Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es.

Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen

Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als

vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis

hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies

langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu

erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich

widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte,

er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer

gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben.

Nur _einer_ ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht

imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann

sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit

dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer

gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht.

Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend,

väterlich: »Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den

Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.« Er nahm mit seiner

fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen,

blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit

einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging,

pfiff sein Liedchen.

Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang

sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war

erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte

mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke

Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus,

riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen

blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich

glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz

auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des

Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er

gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel,

hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht,

beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits

auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen

Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte

gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen

verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man

ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe

nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in

München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum

andern, ging.

Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und

bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger

dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus

nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen

Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die

Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige

Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen

Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt

stand -- dies galt ihm für ausgemacht -- auf dem christlichen Ritter,

auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die

selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten

waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren

Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter

ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten.

Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der

Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.

Der junge Meinhard hörte schwärmerisch den überschwänglichen

Ausführungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlägen.

Meinhard solle diese Grundsätze in seinen Ländern verwirklichen. Noch

gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Bürgergeschmeiß

zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert hätten. Meinhard solle

mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd- und

Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten früherer

Rittergesellschaften wie der Artusrunde und ähnlicher hochadeliger

Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen,

es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem

auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und

Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung führen.

Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem

Regieren; jetzt war er befreit und glücklich, daß sich das so angenehm

anließ, daß man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger

Kavaliere und Kameraden, unter Führung des genialen, herzlichen,

freundhaften Friedrich.

Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund

aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber,

Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Höhenrain, Freiberg, Pinzenau, der

Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain.

Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, daß man ein

Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus

der Tasche genommen; es saß auf dem Tisch, äugte aus dickem Kopf auf die

Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen

arbeiteten, daß ihnen die Schädel rauchten.

Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut

wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor

Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu,

störrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle

Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf

Rat Friedrichs, er wolle zunächst warten, bis sein Vater unter der Erde

sei. Herzog Stephan wußte sehr wohl, daß Friedrich hinter diesem

Widerstand stak. Wütete, freute sich.

Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf

von Österreich. Mit ungeheurem Gepräng wurde der Markgraf bestattet.

Wieder sah Agnes von Flavon, daß Schwarz sie am besten kleidete. Von dem

Katafalk des Toten weg, von der Markgräfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen

bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, Österreichs weg gingen alle Augen

immer wieder zu ihr.

An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von

Niederbayern, Herzog Rudolf von Österreich, wollten Regelungen,

Verträge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmütige, leicht lenkbare

Junge, unter dem Einfluß Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der

Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft

gegründet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von

Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfünfzig ober- und

niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten,

erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgültiges

zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom

Artusbund, zu befragen. Verblüfft standen Stephan, Margarete, Rudolf.

Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte?

Mißtrauisch beschnüffelte einer den andern. Nur Stephan witterte

sogleich das Rechte. »Der Teufelsjunge!« wütete er, vergnügt.

Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der älteren Schwester der Agnes

von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwärmte.

Agnes sah wohlgefällig auf den jungen, schlanken, trotzigen,

ungebärdigen Prinzen. Sie übernahm das Patronat des Artusbunds. War

zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug.

Sie sagte zu Friedrich: »Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem

Herzen mitmachen.« Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich

die Fahne vor ihr senkte: »_Pour toi mon âme, pour toi ma vie._« Sie

ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswürdige Worte, für

jeden einzelnen persönlich zugeschnitten. Ihre länglichen, blauen Augen

waren oft und einverständnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich,

ihre schmalen, kühnen Lippen lächelten dem Abensberger zu, mit den

langen, weißen Händen streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards.

Alle waren begeistert und beglückt.

»Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten,« sagte der Frauenberger

zu Margarete, »wie der Markgraf starb?«

Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wüsten Falten, von

dem äffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie

voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken

konnte.

»Ja,« sagte der Frauenberger und feixte, »der Markgraf war vergnügt wie

selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt

mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr

entstellt. Es ist sonderbar, daß ihn in der Nähe Münchens der Schlag

rührte. Ganz wie den Papa.«

Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfüllten Augen blickten starr

und leer. »Na, na, Herzogin Maultasch,« quäkte Konrad, »wir werden es

mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bißchen scheu, aber ein guter

Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der

dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Kuß hab' ich wohl

verdient,« grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr näher

kam, zuckte sie zurück, überschauert. »Na, dann nicht,« sagte er

gemütlich.

Mit Herzog Rudolf von Österreich war auch der uralte Abt Johannes von

Viktring nach München gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden,

ausgehöhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen,

mummelte gelegentlich Unverständliches vor sich hin. Er streichelte

Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie:

»Mein gutes Mädchen.«

Später ließ sie ihn zu sich bitten. Erzählte ihm von dem mattfarbenen

Fläschchen, ihr Gespräch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war

keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft,

erloschen, sie wußte nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgültig;

wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet,

zitierte er einen antiken Klassiker: »Viel Furchtbares ist in der Welt,

doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.«

Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spöttisch. Er sagte

behaglich: »Sie sind schlechter Laune, Gräfin? Mein Gesicht gefällt

Ihnen nicht mehr?« Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste,

quäkte: »Bist doch eine Gans, Agnes. Hältst dich an die Jungen, die

Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans,

Agnes.« Er tätschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog,

lachte er gemütlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, gähnte

lärmvoll.

* * * * *

Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm

sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich

überreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glühte

der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hörte

auf die Erklärungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewöhnlich

gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen

die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Küßte feierlich

fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drückte dem Bischof, der

gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lächeln gestattete, voll

heftigen, erregten Dankes die Hände.

Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt,

den klaren Blick für Realitäten, Möglichkeiten. Er wußte, daß Habsburg

noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwürde zu

tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des

kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach

und Luxemburg hatten es spüren müssen. Es gab nur eines: vorläufig auf

diesen äußeren höchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so

festigen, daß die Kaiserkrone schließlich wie von selbst Habsburg als

dem Stärksten zufallen mußte. Dies war die Politik, die Albrecht mit so

großem Erfolg vorgelebt hatte.

Rudolf sah klar und nüchtern, daß es für ihn einen andern Weg nicht gab.

Eisern zwang er sich, dieses Maß zu halten. Aber er besaß nicht den

ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewußtsein der realen

Macht sein Genüge hatte. Ihn brannte es, daß ein anderer da war, der vor

ihm saß, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Römischer

Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmäuser, der hagere,

hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besaß Land wie

jener, hatte wie jener Universitäten gegründet, Kathedralen, Paläste,

die Universität Wien, den großen Dom. Jener hatte rechtzeitig die

glückliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wäre es

Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses äußere Zeichen zu verzetteln.

Aber alle Vernunftgründe hinderten nicht, daß es Rudolf kratzte, nagte,

brannte, schnitt, den andern über sich zu wissen.

Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber

der kluge Bischof erriet sie, erwog, wälzte in sich, wie er dem Fieber

seines Herrn die kühlende Salbe schaffen könnte.

Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von

Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt.

Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu

arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer

genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er

nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines

Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid

schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen

Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt

als letzte Wahrheit wie das Evangelium.

Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: »Was

der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur

Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden

anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt

auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um

seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in

Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?«

Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog

Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: _Defunctus est Albertus de

Habsburg, imperator Romanus._ Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in

Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag

und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der

Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.

Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei

seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren

sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente.

Unbegreiflich.

Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit

mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang

waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel

zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser.

Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie

waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem

Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten,

daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen

Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es

mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem,

oberstem und treuestem Fürsten.

Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst,

feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob

Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er

sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese

Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.

Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung

dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser,

sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen

Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren

war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese

Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.

In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die

Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich,

kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden,

schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es

auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist

Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es

geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind

Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das

Gutachten des Welschen zu verwerten.

Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu.

Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler

solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der

Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm

trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar

nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber

nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten.

Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und

wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des

Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu.

Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der

Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß.

* * * * *

Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden

Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die

Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt

werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die

Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man

wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen,

Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die

wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.

Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so

unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert

worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede

erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft,

Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und

Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben

Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf

der Welt.

Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr

Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele

Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische,

sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere,

hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten.

Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung,

gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich

verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst,

sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand

spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das

beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken,

lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke,

alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes,

kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug

sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus

Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger.

Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die

Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte

erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr

anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden.

Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um

nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster

von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der

Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses

faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man

rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine

Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte.

Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz

weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der

weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen

Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt

die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen

flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des

Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.

An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige,

gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze

Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in

Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der

mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine

Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der

Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens

übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln

mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den

Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers

geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte

Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis

an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes,

gelblichweißes Knabengesicht.

Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die

Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten

und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in

mächtigem, stein- und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich.

Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte

natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie

gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren

zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in

grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es

schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die

er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das

gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling

eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit.

Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem

Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast

immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen

Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen,

zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen.

Schwärzlichblau, ehern lag der See.

Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche

zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die

zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden.

Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches

Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die

schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und

dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas

ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des

Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen,

einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst

war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn

er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen

wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige,

starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er

mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn

panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren

sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes,

altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben

zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe,

palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten

Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine

Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war.

Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre

geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne

auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen.

»Wie seltsam!« dachte sie. »Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht.

Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt

geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.« Sie

dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über

Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der

Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht

bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die

stillen, trägen, seligen Ufer des Sees.

In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um

sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge

den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich

sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib

auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die

Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin

gesprochen hatten.

Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag,

Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See

plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem

warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank,

schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn

trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich

daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist

das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so

bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still

verdunsten wie das besonnte Wasser.

* * * * *

Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich

mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich

Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder,

Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann

ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.

Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze

des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie

waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum,

randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben,

einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer

Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft,

ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich

diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen

gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen,

übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer

Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich.

Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere

Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die

Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste

herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten.

Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde

anfielen: »Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?« und wenn der

Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie

brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur

festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien.

Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife

quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel.

Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere

plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend,

unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch,

daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem

Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos,

erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht

zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten

Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe,

schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste,

kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den

sieben Freuden.

Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in

dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt

dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen

veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei

alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem

schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen

Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß

er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache

sei, viel angenehmer als er erwartet habe.

Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem

Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und

dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges,

trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug', ein gebleichtes Haar, spürte,

wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie

brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als

Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung,

sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des

Prinzen Friedrich wohlig überspülen.

Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine

politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah

nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den

Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er

die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute

ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel,

auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins,

wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron

auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des

Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die

Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren

außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle,

Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für

die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der

Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen

suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde

überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz,

später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die

Unsicherheit der Straßen.

Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an

den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit

drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der

Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er

war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht

zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan

schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft

Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz

Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.

Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in

München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von

Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben

forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für

den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz

Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete

keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach

gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen

Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein,

Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe

dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen

ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser.

Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger

Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten,

Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte

Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das

geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des

Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den

durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden

Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.

Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte

Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und

führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, »Das Buch

gewisser Geschichten,« das er nun endgültig abgeschlossen hatte.

Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so

vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen

begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch

geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er

geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser

Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich

angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über

Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch

verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen

Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es

sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken

Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle

Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk

als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den

großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem

wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: »Ich aber

überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten,

und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens

selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.« Er

mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand

auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten

Satz: »Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen

werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren

Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle

Ewigkeit. Amen.«

Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer

und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin

Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete

gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte

sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis.

Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder

Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers

rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate

sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts

bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte

Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen

Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln

beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon

weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das

Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des

menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit

des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.

Margarete dachte: »Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr.

Mein Programm liegt hinter mir.« Aber mählich, wie die dunkle,

gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen

Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden,

großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut

gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die

folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten

Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue,

unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange

getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art

zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen

begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen.

Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden,

abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der

kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume,

das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere,

dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in

dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde,

zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen

Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte

sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen.

Den ganzen andern Tag las sie in dem »Buch gewisser Geschichten«. Der

Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte

mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte

sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu

sprechen.

Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben,

strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein

gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück

sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte

plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ

sie lächelnd fahren.

In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung.

Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man

konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit

dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter,

freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten

wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu

sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren,

braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam

und verständnisvoll an, neigte sich höflich.

* * * * *

Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die

frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung.

Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der

Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier

und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen,

der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. »Die Maultasch macht uns kaputt,«

hieß es. »Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist,

erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von

ihr.«

Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten

Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München

kamen. Das Volk atmete auf: »Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon

eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere

Retterin.«

In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An

den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der

Löwenritter. »Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!« sagte Herr von Schenna.

Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer

Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.

»Warum haben Sie mich nicht früher geweckt?« sagte Margarete.

»Sie mußten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,«

sagte Schenna.

Der Frauenberger quäkte: »Wie schade, daß Sie schon Schluß gemacht

haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hübscher Junge, gelblichweiß,

südlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle

Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Hätten Sie die Münchner

Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wären schon

von allein an ihrer Tollheit erstickt.«

Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach München,

sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu

beschauen. Mit Mißtrauen, Zurückhaltung, starrer Höflichkeit wurde sie

in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare

Auskunft von ihm haben wollte, drückte herum, blöde lächelnd, sagte, er

regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von

Weiberregiment, warf sich schließlich in die Brust, ein paar Worte des

Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundsätzen deklamierend, die

an Stelle des jämmerlichen, krämerhaften, modernen Pöbelregimes gesetzt

werden müßten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen.

Der erklärte ihr schlank, kühl, höflich, hochmütig, seines Wissens sei

Herzog Meinhard mündig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen

wolle. Ihr mütterlicher Rat werde stets gehört werden. Weiter kam sie

nicht.

Überall stieß sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen,

Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung

des Landes.

Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte.

Schlank, schlicht saß sie vor der häßlichen, plumpen, geschminkten,

prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lächelten höflich in

selbstverständlichem Triumph in die erfüllten, dringlichen, drohenden

der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des

verbrennenden Sandelholzes füllte den großen, dunkeln Raum.

»Sie leben jetzt immer in Bayern, Gräfin Agnes?« fragte Margarete.

»Durchaus nicht, Frau Herzogin,« erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe

Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. »Ich

beabsichtige schon in den nächsten Wochen nach Taufers zu gehen. Nötig

freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tüchtige Beamte; auch hat

Herr von Frauenberg die Liebenswürdigkeit, sich der Verwaltung meiner

Güter anzunehmen.«

Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein

wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie saß leicht und

elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die

Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen,

besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg saß sie, daß kaum

mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war.

»Sie beschäftigen sich neuerdings viel mit Politik?« fragte Margarete.

»Nein, gnädige Frau,« sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf

der Lauer. »Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um

meine Meinung. Ich halte dann nicht zurück; warum auch sollte ich? Aber

es ist die Meinung einer törichten Frau und will nicht mehr sein.« Sie

sprach außerordentlich verbindlich.

»Ich halte Ihre Meinung nicht immer für die rechte, Gräfin Agnes,« sagte

Margarete. »Ja, ganz ehrlich, ich bin überzeugt, daß sie dem Lande

zuweilen schädlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen,« sagte sie

heiter, fast scherzend. »Wie wäre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern

beschränkten?«

Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen

Munterkeit wie Margarete. »Sie sind mein Souverain, gnädige Frau. Aber

ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung

über eine tirolische Angelegenheit durchaus hören will? So freudig ich

jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Fürst meine gewiß

törichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet

Sie doch gewiß nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist

weggeblasen.«

Die beiden Damen schauten sich an, beide lächelten. Der Sieg um die

Lippen, in den Augen der Schönen war vielleicht um eine Spur satter

geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Veränderungen

der Münchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von

Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe über ihre

spröde, harte, gefärbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lässig

über ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode

nicht befreunden.

* * * * *

Kaiser Karl residierte in großem Prunk in Nürnberg. Hielt Galatafel,

Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Künstler, Gelehrte.

Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gespräche. Ruhte fern

seiner Hauptstadt von den Geschäften aus. Nahm teil an den großen

Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Römischen Majestät

rüstete.

Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfärben,

die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft,

schlau, sehr wach blickten über der etwas platten Nase die raschen

Augen, der lange, knochige Körper war schnell, sicher.

Der Kaiser war sehr vergnügt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in

der Macht saß. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine

abwägende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer,

gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglückte Vater

hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach

Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den

Gebeinen verkündet: »Ich, Karl der Vierte, Römischer Kaiser, habe einen

Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten

Märtyrer! Betet für Wenzel, meinen Sohn!«

Heiter jetzt saß er in Nürnberg, freute sich seiner Dichter und

Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem

vielerfahrenen, weltläufigen Theologen, leicht und frei über menschliche

und göttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen

Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz,

Turnier.

Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch.

Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte,

seitdem Karl sie in Schloß Tirol belagert, zu ihm nur kühle, sehr

förmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler

seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fünfzehn

Wunderzeichen vor dem Jüngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig über

die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre,

nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen

Land und Leute in Kummer und Elend gestürzt. Er schilderte, wie sie beim

Turnier in der Loge saß, neben der schönen Prinzessin Hohenlohe, die

plumpe Frau, bewarzt wie eine Kröte, dick wie ein Bierbrauer.

Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen

und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als

er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute

Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber

doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem

haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein

Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn,

dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum

in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre

Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte.

Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol

ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus

der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich

nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns

vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?

Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung

still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem

Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die

Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu

kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der

Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm

grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er

versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich

jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige

Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine

Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag

zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem

wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich

umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren

Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen.

Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer

übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete

früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit

seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu

unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten

Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die

Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht,

schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk

staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte.

Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon

war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und

der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.

* * * * *

Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin

hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf

Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.

Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer

halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund

angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger,

drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die

Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu

wollen.

Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig

stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er

gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos

mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften

Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges

Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine

Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß

Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie

gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm

das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort,

sein Haar zu streicheln.

Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die

Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit

Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit

zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter

hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten.

Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines

Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das

Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und

Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten

sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn

gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser

wahrnehme und handhabe.

Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner

Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den

Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen

Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und

gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt.

Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte

sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt.

Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger

wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die

trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen.

Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten

Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog

Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem

Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann

schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht

unterwerfen, niemals, niemals, niemals!

Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur

sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der

Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau,

Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines

aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des

Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen.

Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer

wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den

Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der

Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren

enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager

der Gegner.

Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten

Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch saß er, während die andern

zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine

Reisen einer Flucht. Im ganzen Süden besaßen die Artusritter keine

Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrängt, wo

ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erließen sie hochfahrende

Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach

Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichstätt, der ihnen

ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern,

belagerten schließlich Meinhard mit den letzten seiner Anhänger in

Schloß Feuchtwangen im Altmühltal. Der Bischof von Eichstätt suchte sich

mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging

eifrig darauf ein; er hatte viel Spaß an der Kostümierung und keine

Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von

Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt

ausgeliefert.

Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter

wurden gefangen.

In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz

Friedrich gegenüber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der

Herzog in Rüstung, schäumend. Städte und Dörfer kaputt, Menschen hin,

Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er

unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand

schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im

Verband, grau das Gesicht. »Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor

allem Volk, dich unterwerfen!« kommandierte der Vater. Der Junge lachte

nur, höhnisch. »Ich lass' dich verfaulen in meinem stinkigsten

Gefängnis!« tobte der Herzog.

Agnes glitt von einem zum andern. »Der Verband muß erneuert werden,«

sagte sie besorgt, nestelte daran herum.

»Diese Ärzte!« schimpfte der Herzog. »Lauter Pfuscher!« Er lief selbst

nach Arzt und Verbandzeug. »Der Teufelsjunge!« fluchte er.

Langsam, hart feilschend, während Agnes vermittelte, kamen sie überein.

Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Höhe der Bestrafung,

gab es erbitterten Kampf, Ausbrüche, Schäumen, Toben. Zweimal wies

Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fügten sie

sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde München als ständige Residenz

zugewiesen; Prinz Friedrich führte weiter sein Siegel, doch bedurften

seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines

rheinpfälzischen Rates. Zwischen München und Landshut-Ingolstadt

vermittelte Agnes.

Herzog Meinhard lächelte sanft und dankbar. War froh, daß er nach den

wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier.

Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich

von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tübingen,

Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold

von Gufidaun, Konrad von Frauenberg.

Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einfluß in Oberbayern an sich

gerissen, zu tun?

Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden,

daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert

wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in

München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum

nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung

erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet.

Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er

wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich

auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment

war verbürgt.

Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer

Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken,

der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf

Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern

vor sich hin.

Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie

erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog

wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese

Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der

Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt

habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard

nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen,

verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes

oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er

hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach

Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er

von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg

wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger

als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben

förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf

ein großes, autonomes Tirol beschränken.

Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als

Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den

Tirolern.

Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu

entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog

hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht

betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen

verlangte.

Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen

einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen

und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit

kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei

Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der

am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die

Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen

und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer.

Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an

zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie

berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden

Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie

hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich

mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge

standen rotbraun und violett, ganz oben weiß.

Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen

Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von

Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg,

Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von

den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen.

Das Schreiben lautete so: »Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu

wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind,

Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen

hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen

hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger

Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und

unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt,

geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von

den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem

Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut

als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht

Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu

vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern

Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.«

Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit

stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz.

Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war

gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen.

Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter

Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument

bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der

Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus.

Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte

Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es

lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es

quiekten die Kämmerlinge.

»Diese Tiroler!« sagte man, atemlos von der Erschütterung.

»Ja, unsere Tiroler!« sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett,

und blinzelte aus den rötlichen Augen.

»Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr

Herzog?« fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein

Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben

und hielt sich viel in der Nähe Meinhards.

Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes

mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein

unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte

doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende

Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern,

respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht

unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer,

mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche

Herzog um den Albino herum.

Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich

vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren

geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben

so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß

jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der

Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten

Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte

ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar

Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges

Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte

schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts

zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die

Tiere das Gras abrauften.

Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn

heran. »Wie es mich freut,« sagte er und schaute aus seinen blanken,

runden Augen zu ihm auf, »daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm

finden.«

»Nicht dumm!« quäkte eifrig der Frauenberger. »Jedes Wort sitzt an der

rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind

die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und

jederzeit unterschreib' ich ihn wieder, mit beiden Händen!«

Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann.

»Ich bin so müd und gehetzt,« klagte er. »Der Friedrich schaut mich auch

nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab' ich gedacht, regieren

ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an

mir.«

Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter,

quäkte: »Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!«

Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr

entgleiten, schmiegte sich in sie.

»Sie haben Freunde, junger Herzog,« quäkte der Frauenberger, blinzelte

bieder, feixte behäbig.

Den Tag darauf sagte er: »Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger

Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mißfällt, warum folgen

Sie ihm nicht?« Sie ritten spazieren, es war früh am Morgen, unten

rauschte grün und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein

großes Floß unter Lärm und Geräusch der Schiffer steuerte vorsichtig.

Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick,

betreten auf seinem Falben.

»Das geht doch nicht,« sagte er. »Das kann ich doch nicht.«

»Warum können Sie nicht?« beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht

an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. »Wer ist hier der Herr,«

sagte er, »Herzog Stephan oder Sie?«

»Ja,« sagte Meinhard, »wer ist hier der Herr?« Aber es klang gar nicht

trotzig, sondern trüb grüblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino

war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwängte, er hatte Scheu

vor dem Frauenberger, hätte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich

gebeten, ihn wegzuschicken.

Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu

verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang

sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es väterlich,

wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Fürsten sehr

ein, er streichelte seinen Siebenschläfer Peter, war vergnügt. Der

Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die

Seite, gähnte, schlief mit mächtigem Geräusch. Ja, schlafen war das

Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete

Meinhard den unbekümmerten, fleischigen, schnarchenden Mann.

Agnes sagte zu ihm: »Sie sind sehr lange in München, Herr von

Frauenberg. Sie haben doch so wichtige Ämter in Tirol. Vermißt man Sie

dort nicht?«

Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rötlichen Augen, daß

sie schwerer atmete, quäkte: »Ich bin natürlich nur Ihrethalb hier,

Gräfin Agnes.«

Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drückender Sommer,

die Luft im Raum war dumpf und furchtbar heiß. Sie streichelte seine

prall fette, rosige Haut. »Nun,« lächelte sie, »hab' ich den falschen

Teil erwählt? Ich hab' mich gut gesichert, scheint mir.«

Die häßliche Herzogin: Roman · 第 7 / 10 题