keinen Augenblick, daß dieses Interesse nichts sei als sinnlicher
Kitzel. Es war im übrigen nicht weiter verwunderlich, daß die Häßliche
gerade auf ihn, den Häßlichen, verfiel. Er hatte sich beschieden; er war
nüchtern, sachlich. Er hatte sich gesagt, als fünfter Sohn und mit
solchem Gesicht könne man unmöglich vorwärtskommen. Er hatte aber nie
aufgehört, schlau, hart, sprungbereit, scharfäugig auf der Lauer zu
liegen. Jetzt lohnte sich das prächtig. Es war ein Mordsglück, daß die
häßliche Vettel an ihm Feuer fing. Er wird es nutzen.
Vor seinem Burschen ließ er sich gehen, jubelte wüst, unter unflätigen
Lobpreisungen der Maultasch und ihrer Gier. Er schenkte, so geizig er
sonst war, dem Jungen einen Sonderkrug Weines, soff mit ihm. Bei einer
Kerze, einsam mit dem Jungen, soff er die ganze Nacht. Gröhlte sein Lied
von den sieben erstrebenswerten Dingen. Quäkte, aus dieser Maultasch
werde er sich zu bedienen wissen. Streckte sich dann wohlig zum
Schlafen. Ja, dies war das Schönste, was es gab. Er spürte seine vor
Übermüdung schmerzhaften Glieder. Knackte mit den Gelenken. Sperrte das
breite Maul auf. Wälzte sich, gähnte wollüstig. Schlief.
Schlau und vorsichtig ging er, aber nie zu bedenklich, seine Straße. Der
Markgraf, das spürte er, mochte ihn nicht. Er blieb ihm aus dem Weg.
Drängte sich auch sonst nicht vor. War nur immer da und packte im
gegebenen Augenblick, wenn Margarete allein war, mit frecher
Vertraulichkeit zu. So sackte er Schlösser, Herrschaften, Pflegen,
Gerichte ein, wurde schließlich Landeshofmeister. Nie hätte ihm jemand,
er sich selber nicht, einen solchen Aufstieg vorausgesagt. Er steckte,
dreist grinsend und gefräßig, alles ein. Blieb als Landeshofmeister, was
er als kleiner Offizier gewesen war. Hatte vor nichts und niemand
Respekt, glaubte an nichts als an Macht, Geld, Lust.
Margarete hängte nach wie vor alle ihre Träume an den Albino. Sein
scheuseliges Aussehen machte ihn zum Gezeichneten, machte ihn ihr
verwandt. Es mußte, mußte in diesem breiten, fleischigen, widerwärtigen
Kloß eine Seele stecken. Es kam nichts von ihm zu ihr; alle Bindung war
höchstens einmal ein arges, freches, gemeines Grinsen übler
Vertraulichkeit. Sie sah diese Ödnis nicht, oder sie deutete seine Leere
um in bittre Resignation, in gewollte Stummheit, die ihr Zartes, Edles
schamhaft versteckte und verschwieg.
Mit Besorgnis schaute Herr von Schenna zu, wie eigentlich ohne tiefere
Ursache, mehr durch ein Geschehenlassen, Margarete immer weiter von dem
Markgrafen wegglitt und halb gegen ihren Willen zu dem Frauenberger
getrieben wurde. Der war ihm tief zuwider. Es kränkte ihn, störte ihn
zumindest, daß die wählerische Margarete sich neben ihm gerade diesen
Vertrauten auslas. Hatte er denn etwas gemein mit jenem? War es möglich,
daß sie seine feine, kultivierte, empfindsame Skepsis zusammenwarf mit
der rohen, niedrigen Leerheit und Glaubenslosigkeit des Bayern? Es
kratzte seine Eitelkeit, daß Margarete ihm diesen Genossen ihres
Vertrauens gab.
Sonst ging es Herrn von Schenna jetzt sehr gut. Die Seuche war nicht an
ihn herangekommen. Er hatte geerbt, hatte auch sonst die Zeit nach der
Pest genutzt, seine herrlichen Besitzungen auszubauen und abzurunden.
Auf seinen Schlössern lebte er fein und behaglich, zwischen Bildern,
Büchern, Schmuck und Pfauen, lehnte nach wie vor jedes Amt ab, schaute
fröhlich und besinnlich über seine weiten Obstgärten, Äcker, Weinberge,
wurde täglich milder, weiser, ruhte ganz in sich wie eine gepflegte,
reifende Frucht. Der Abt Johannes von Viktring, der jetzt Sekretär des
Herzogs Albrecht war und übrigens nachgerade recht alt und wackelig
wurde, konnte beinahe den ganzen Horaz auf ihn zitieren.
Er hätte, aus seiner Ruhe und Befriedigung heraus, Margarete gern
geholfen. Er versuchte, die Bindung zwischen ihr und dem Markgrafen
wieder fester zu ziehen. Solchen Versuchen war sehr förderlich, daß der
Druck leichter wurde, den der Kirchenbann auf Margaretes Ehe legte.
Herzog Johann nämlich, der Luxemburger, war es längst müde, in Wahrheit
ledig, vor der Kirche aber ein verheirateter Mann zu sein. Seine
Stellung hatte sich durch die kluge Politik seines Bruders, des Königs
Karl, sehr gebessert; er gedachte sie durch eine neue geschickte Heirat
vollends zu festigen. Vorerst aber mußte er zu diesem Zweck legitim und
in aller Form von Margarete geschieden sein. Er bat sie um eine
Zusammenkunft. Er wolle gemeinsam mit ihr eine Formel finden, die,
beiden genehm, weder ihn noch sie demütige. Ihre Interessen seien die
gleichen. Dies lag auf der Hand, und Margarete war bereit, ihn zu
empfangen.
So erschien Herzog Johann als Gast auf Schloß Tirol. Diesmal öffneten
sich die Tore vor ihm. Trommeln, Trompeten, Ehrenbezeigungen. Johanns
langes Gesicht sah immer noch knabenhaft aus. Er blinzelte aus seinen
kleinen, tiefliegenden Augen Margarete ohne jede Verlegenheit an. Fand
einen Ton grimmiger Schalkhaftigkeit, eine gewisse ironische
Kameradschaftlichkeit, die ihr nicht übel gefiel. Sie saßen beieinander,
heckten Gründe aus, drehten sie hin und her, eifrig, kneteten,
schmiedeten. Kamen, befriedigt, überein. Herzog Johann habe Margarete
geehelicht, trotzdem sie mit ihm im vierten Grad verwandt sei, aus
Unkenntnis solcher Verwandtschaft. Wiewohl sie beide sich redlichste
Mühe gegeben, die Ehe zu vollziehen, hätten sie, zweifellos infolge
Verhexung Johanns, dies nicht zustande gebracht. Da nun Johann mit
anderen Frauen die Ehe sehr wohl vollziehen könne und seinen erlauchten
Stamm fortzusetzen wünsche, ersuche er den Papst, die Heirat mit
Margarete für ungültig zu erklären. Der Papst, Freund des Hauses
Luxemburg-Böhmen, werde solchem Ansuchen zweifellos willfahren.
Dies abgesprochen, frühstückte Johann noch mit Margarete. Beide waren
guter Laune. »Sie sind gar nicht älter geworden, kleiner Wolf,« sagte
Margarete.
»Und Sie sind, Gotts Marter! trotz allem ein Staatsweib, Herzogin
Maultasch,« sagte Johann. Sie fühlten sich jeder dem andern sowohl wie
der Situation überlegen; alles hatte sich reinlich gelöst; sie fanden
auf dieser Basis ihre Beziehungen eigentlich ganz angenehm. Trennten
sich wohlgesinnt, mit grimmiger, verständnisvoller Vertraulichkeit.
Durch den Tod jener beiden Kinder Margaretes waren die Erbverhältnisse
des Landes in den Bergen wieder ähnlich geworden wie seinerzeit unter
dem guten König Heinrich. Einziger Erbe des Landes war der Knabe
Meinhard, dessen Gesundheit schwächlich stand und dessen Geschwister
alle in jungen Jahren gestorben waren. Wieder also schauten die
mächtigen deutschen Herrscher nach Tirol, streckten gierige Hände aus.
Die Luxemburger rundeten ihren Besitz am Rhein und an der Moldau, waren
aus dem Kampf um das südliche Land ausgeschieden. Doch Wittelsbach und
Habsburg saßen auf umständlichen, begründeten Ansprüchen, äugten,
lauerten.
Der Habsburger vor allem, der lahme Albrecht, säte einen weiten,
folgerichtigen Plan. Er selber zwar hatte wenig Hoffnung, ihn reifen zu
sehen. Aber der Lahme, durch sein Siechtum bitter und weise geworden,
arbeitete längst nicht mehr für den Erfolg der nächsten Tage, sondern
auf weite Sicht. Für ihn galt es, Tirol zu kriegen, den Weg nach Westen,
die Brücke zu den schwäbischen Besitzungen, oder auf alle
Großmachtsträume zu verzichten.
Er suchte vornächst die Herren der bischöflichen Territorien zu
gewinnen. Trient und Chur hatten mit den Wittelsbachern schlechte
Erfahrungen gemacht; sie waren gern geneigt, dem Habsburger anzuhangen,
der sie hätschelte. Auch sonst hatte Albrecht ein mildes Gesicht und
eine offene Hand für alle Herren, die in Tirol von Einfluß waren. Er
übertrug den Schennas, den Vögten von Matsch, dem Frauenberger Titel,
Würden, Ämter, die keine Mühe und viel Geld brachten.
Dem Markgrafen selbst suchte er auf jede Weise Vertrauen und
Freundschaft abzugewinnen. Er fiel ihm bei dem Angriff des Luxemburgers
nicht in die Flanke, ja, er vermittelte zwischen ihm und diesem. Bald
war es soweit, daß der lahme Albrecht eine seiner Töchter dem Sohne
Ludwigs, dem kleinen, dicken, harmlosen, schwächlichen Meinhard, dem
Erben Tirols, vermählen konnte. Auch zeigte Albrecht, sonst ein sehr
genauer Rechner, dem finanziell immer bedrängten Markgrafen eine stets
offene Hand und brachte ihn dadurch in immer größere Abhängigkeit.
Dann plötzlich, als Ludwig wieder einmal eine erhebliche Summe
benötigte, erklärten die Finanzräte des Österreichers, es sei diesmal
leider unmöglich. Ihre Kassen seien erschöpft; ja, sie müßten ihm sogar
demnächst zu ihrem größten Bedauern früher geliehene Beträge kündigen.
Der Markgraf, tief betroffen, in wütiger Verlegenheit, wollte mit
Blicken, mit Worten auf sie losfahren. Bezwang sich, biß sich die Lippe,
ging wortlos.
Wollte sich persönlich an Albrecht wenden. Rang es seinem Stolz nicht
ab. Bei einer zweiten Zusammenkunft erklärten die habsburgischen
Finanzräte den seinen sehr harmlos, sie hätten einen vortrefflichen,
billigen Ausgleich gefunden. Der Markgraf solle doch als Pfand für die
alte und die neu geforderte Summe Österreich auf einige Jahre die
Verwaltung Oberbayerns übertragen. Durch Einsparungen infolge der
gemeinsamen, verbilligten Verwaltung werde Albrecht sicherlich binnen
kurzem den geschuldeten Betrag aus Oberbayern herauswirtschaften.
Der Markgraf wurde blaß, als seine Räte ihm das österreichische
Anerbieten mitteilten. Überflog sie mit hartem, stechendem, blauem
Blick. Nein, sie lächelten nicht. Sie hatten nüchterne, ernsthafte
Beamtenmienen. Er schluckte, sagte, er werde überlegen, nickte, entließ
sie.
Saß, allein, schwer nieder. Zog den massigen Nacken hoch. Das Ansinnen
war eine Unverschämtheit. Allein Albrecht war klug, ihm befreundet,
hatte gewiß nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Es war also an dem,
daß offenbar auf andere Art kein Geld mehr aufzutreiben war. Die
Einkünfte sollte er abtreten; die Einkünfte waren nicht das Land.
Immerhin, wenn das Haupt der Wittelsbacher einem Habsburger die
Verwaltung seines Stammlandes übertrug, war dies, trotz allen
Sicherungen, eine Einbuße, hart, hart, kaum zu ertragen.
Als er die Angelegenheit in seinem Rat vorbrachte, saß er sachlich,
ruhig, behandelte das Ganze, als wäre es ohne viel Gewicht. Äugte
argwöhnisch, ob seine Herren wagen würden, ihr inneres Grinsen auf ihren
Gesichtern zu zeigen. Ach, lebte sein Freund noch, Konrad von Teck! Bei
dem hätte er solches Mißtrauen nicht nötig gehabt. Alles wäre leichter
zu ertragen gewesen. Keine Sentimentalität! Er sagte in zwei Worten,
worum es ging. Äußerte keine Meinung. Bat um ihre Ansicht.
Als erster sprach der Frauenberger. Er sah natürlich wie alle andern,
daß der österreichische Vorschlag auf eine glatte Erpressung hinauslief.
Es lag ihm nicht das geringste weder an Ludwig noch an Albrecht, weder
an Bayern noch an Tirol noch an Österreich. Der Habsburger war der
Reichere und Klügere; er wird also vermutlich recht behalten. Da er
überdies ihn, den Frauenberger, durch Ehrenämter und riesige Summen
erkauft hat, muß er darauf sehen, daß Ludwig auf den Vorschlag eingeht.
Redet er zu, so wird Ludwig, der ihn ohnedies nicht leiden mag,
argwöhnisch. Umgekehrt bleibt dem Markgrafen, rät man nun zu oder ab,
nichts anderes übrig, als knirschend den demütigenden Vertrag zu
unterschreiben. Er, Konrad von Frauenberg, kann sich also ruhig, ohne
daß der Habsburger es am Ergebnis inne wird, die spaßhafte Geste
leisten, sich als patriotischer Bayer zu gebärden, dem Fürsten von den
erniedrigenden österreichischen Zumutungen abzuraten.
Margarete war stürmisch begeistert von den habsburgischen Vorschlägen.
Man wird Geld in Fülle haben, wird die lastenden Verpflichtungen noch
aus der Zeit des guten Königs Heinrich endlich, endlich abtragen können.
Wie werden, ist dieser Druck erst fort, ihre lieben Städte aufatmen!
Bayern war ihr immer nur ein Anhängsel gewesen. Sie gab es gern preis
für Geld. Sie hatte von Schenna und Mendel Hirsch gelernt, was Geld ist.
Was nutzte es, einen großen Leib zu haben und zu wenig Blut? Jetzt wird
das Land genug Blut haben, jetzt wird es gesund werden. Ihr gutes Land!
Ihre lieben, blühenden Städte!
Finster hörte der Markgraf zu. Nun erwies es sich gut, wie wenig sie ihn
von je verstanden hatte. Er war Bayer, Wittelsbacher, Kaisersohn, an
Weltmacht gewöhnt, gewöhnt, in Ländern zu denken. Sie war Tirolerin; wo
ihre Berge endeten, hörten ihre Gedanken auf. Sie dachte bis an die
Ebene, nicht weiter. Sie war die Tochter des kleinen Grafen von Tirol,
eng, rechenhaft, krämerhaft. Er war der Erstgeborene des Römischen
Kaisers, herrisch, weltweit, nur Gott und sich selber verantwortlich.
Nein, zwischen ihm und ihr stand mehr als nur ihre Häßlichkeit.
Der feine Herr von Schenna sprach. Ludwig mochte ihn gar nicht in diesem
Augenblick. Er war natürlich Margaretes Meinung, er war ja Tiroler, kein
Bayer. Die Finanzen beider Länder aus eigenem großzupäppeln, sei nun
leider unmöglich. Da füge es sich gut, daß man den edlen Renner Bayern
dem befreundeten Habsburger auf kurze Zeit zur Dickfütterung in den
Stall geben könne. Bekomme man so endlich den nötigen Hafer für das gute
Pferd Tirol. Wo bleibe übrigens ein anderer Ausweg?
Ja, wo blieb sonst ein Ausweg? Das war es. Es half nichts, die
Gegengründe noch so hell ins Licht zu stellen. Man mußte das Angebot des
Habsburgers schlucken. Der Markgraf duckte den Kopf auf den dicken,
gefährlichen Nacken. Dankte den Räten, unwirsch, kurz. Sagte, er werde
ihre Meinungen in Erwägung ziehen. Alle wußten, wie er entscheiden wird.
* * * * *
In dicker Verdrossenheit ritt Ludwig von Schloß Tirol ab, mit kleinem
Gefolge, nach Norden, nach München, die letzten nicht mehr wesentlichen
Fragen zu regeln, ehe er das Land der Verwaltung des Habsburgers
überstellte.
Ein trister Oktobertag. Feiner, fader, rieselnder Regen. Was hatte man
vom Leben? Man regierte, man war ein großer Fürst. Aber das meiste, was
man zu tun hatte, die meisten dieser feierlichen Zeremonien,
Kundgebungen, Verschreibungen waren widerwärtig und beschwerten einem
den Sinn. Die Verwaltung des Stammlandes dem Habsburger überlassen, ein
freundlich Gesicht dazu machen, »Vergelt's Gott!« dazu sagen. Er
knirschte. Er sah die riesigen, stumpfen blauen Augen seines Vaters auf
sich. Was hätte der dazu gesagt?
Zuhause, die freuten sich. Der ekelhafte Schenna, der neunmal Kluge, der
an allem seinen Spott hat, mit seinem frechen, faden, milden Lächeln.
Der Frauenberger, der unverschämte Hammel, der von wittelsbachischer
Würde quäkt, von der Bindung zwischen Wittelsbach und Bayern, und dabei
innerlich seine höhnische Freude hat; denn der Giftpilz weiß sehr gut,
er muß doch hineinbeißen. Die Maultasch, die an nichts denkt als an ihr
Tirol, der sein Bayern ein Handelsobjekt ist, das sie gern hinschmeißt,
kriegt sie nur die Gulden und Veroneser Mark. Die Häßliche, die ihn
aller Christenheit zum Gespött macht! Wie sie ihm zuwider ist! Wie sie
dasitzt und gespannt auf das Gequäk des Frauenbergers hört, des Albinos,
des Mißgeschaffenen! Seine Frau! Seine Fürstin! Pfui! Die Maultasch!
Wirklich, in Christi Namen, was denn hatte man vom Leben? Konnte er
nicht, auf dem Weg nach München, ehe er den sauren Trank schluckte, was
tun, was weniger sauer einging? Wenn er etwa in Taufers zukehrte, sich
mit eigenen Augen überzeugte, wie dort die Dinge standen? Es war nicht
viel Zeit verloren; zudem, je länger er jenes hinausschob, so besser.
In Taufers war Agnes keineswegs so überrascht, als er wohl erwartet
hatte. Ja, als der Pförtner ihr meldete, der Markgraf komme mit einigen
Herren, da hatte sie wohl geatmet, die Arme gestreckt, ein sattes
Lächeln um die sehr roten Lippen. Aber sie empfing den Fürsten mit
gelassener Höflichkeit, keineswegs besonders geehrt. Auch das Mahl, das
sie ihm vorsetzen ließ, die übrigen Zurüstungen waren zwar geschmackvoll
und nicht unwürdig, aber weit entfernt von jenem prahlerischen Luxus,
den man ihr nachsagte. Und mit dem sie auch weniger mächtige Herren,
kleine italienische Barone etwa, bewirtet hatte.
Ludwig schaute sie an. Kerzen brannten, ein kleines Feuer im Kamin,
wohlriechende Hölzer. Diener reichten Obst und Konfekt. Eine ziere
Person, bei Gottes Marter und Tod! Kein Wunder, daß man viel über sie
schwatzte. Aber leicht machte sie es einem nicht. Das Gespräch, das sie
führte, war lau, ein bißchen spöttisch; sie ließ einen nicht heran. Der
ernsthafte, ungewandte Markgraf machte ein paar hilflose Versuche, ihr
etwas Galantes zu sagen. Sie schaute ihn ruhig und ohne Verständnis an.
Nein, sie war geradezu spröde.
Um so unerwarteter kam andern Tages ihre gleichmütig vorgebrachte Bitte,
sich dem Markgrafen auf der Reise nach München anschließen zu dürfen.
Sie wolle ihre Schwester besuchen, habe auch sonst im Bayrischen
Geschäfte.
Der Markgraf, zögernd, betreten, schwieg. Diese Bitte kam ihm ungelegen.
Es wird Geschwätz geben. Er war ein ernsthafter, fester Mann, zudem
nicht in den Jahren, derartige Historien zu machen; es paßte ihm
durchaus nicht, daß sich Geschwätz an ihn hängte. Aber er konnte der
Dame -- denn das war sie immerhin --, deren Gastfreundschaft er in
Anspruch genommen hatte, unmöglich die kleine Gefälligkeit abschlagen.
Leicht knurrend, schwerfällig, unwirsch sagte er, er freue sich.
Auf der Reise war sie dann sehr sittsam, zurückhaltend, unauffällig.
Hielt sich die meiste Zeit in ihrer verschlossenen Sänfte. Einsam,
hinter den Vorhängen der Sänfte, kaute sie, schlang sie ihren Triumph.
Die andere, die Feindin, saß auf Schloß Tirol, nannte sich Markgräfin zu
Brandenburg, Herzogin zu Bayern, Gräfin zu Tirol. Hatte ihren soliden,
ehrenfesten Gatten. Hatte ihm Kinder geboren. Sich in ihn, ihn in sich
eingelebt. Aber jetzt zog sie, Agnes von Flavon, mit diesem Markgrafen
herum in dem angeerbten Land der Feindin.
Ludwig erledigte in München hochmütig und unfrei seine verdrießlichen
Geschäfte. Agnes hatte sich bei der Ankunft sogleich mit höflichem,
nicht übertriebenem Dank verabschiedet. Jetzt hätte er seine unmutigen
Abende gern zuweilen durch ihre Gegenwart erhellt. Ein erstes Mal
versagte sie sich, ein zweites Mal kam sie. Er gewöhnte sich an sie. Sie
ging aufs Land zu ihrer Schwester. Er verzögerte seine Rückreise, bis
sie sich anschließen konnte.
Auf dieser Rückreise durch strahlenden Spätherbst verschloß sich Agnes
nicht mehr in der Sänfte. Schimmernd ritt sie auf geschmücktem Pferd an
der Seite des Markgrafen, den Kopf hochmütig geradeaus.
* * * * *
Geld floß ins Land. Die riesigen Summen für die Verpfändung Bayerns. Die
Industrie holte Atem. Die Bergwerke, die Salzwerke. Die Straßen wurden
ausgebaut, der Handelsverkehr erleichtert, geregelt. Die Städte
streckten sich, weiteten sich. Die Bürger stolzierten breit,
gravitätisch. Ihre Häuser wurden höher, füllten sich mit edeln Möbeln,
Kunstwerken, Gerät. Mauern, Türme, Rathaus, Kirchen wuchsen. Geflügel,
Würzwein kam auch am Werktag auf den mit gutem Geschirr gedeckten Tisch
des Bürgers. Prächtiger als die Frau des kleinen Adeligen schritt in
Seide, stolzen Bändern, riesiger Haube, Schleppe, Schmuck die Frau der
Städte.
Seit wann war diese glückliche Veränderung? Seitdem der Markgraf mit der
schönen Agnes von Flavon zusammen war. Agnes von Flavon, die Schöne,
Gesegnete. Sicher war sie es, die den glücklichen Plan gehabt hat,
Bayern abzustoßen, alle Kraft und alles Geld nach Tirol zu leiten. Alle
Gnade Gottes auf unsere schöne Agnes von Flavon! Man sah ja, wie sie
auserlesen war. Sichtbarlich von ihrem himmlisch schönen Antlitz
strahlte aller Segen der lieben Mutter Gottes. Die andere dagegen, die
Maultasch, war gezeichnet. Der Zorn des Himmels war auf ihr. Verflucht
war, was sie tat. Ihre Kinder starben. Seuchen fielen ein, Brand,
Wasser, Geziefer, wo sie die Hand anlegte. Alles, was sie rät, was sie
tut, ist verflucht. Hat sie nicht die Verbindung herbeigeführt mit
Bayern, den Keim alles Verderbens? Hat sie nicht die harten, habgierigen
bayrischen Herren herbeigerufen, die das Land aussogen? Hängt sie nicht
an dem Frauenberger, der scheußlichen Mißgeburt? Hat sie ihn nicht zum
Landeshofmeister gemacht? Ein Glück, daß sich der Fürst von ihr
abgewandt hat. Jetzt endlich hat er erkannt, wo das Rechte lag. Jetzt
ist gute Zeit. Gott segne unsere liebe, schöne Agnes von Flavon!
Agnes sah das Volk an ihrer Straße, wie sie Bäume und Häuser sah,
brauchte seinen Zuruf, wie sie Schmuck brauchte. Lächelte. Schritt durch
die Gaffenden, sie Bewundernden, sah nicht rechts, nicht links, den Kopf
geradeaus, mit schmalen, kühnen, hochmütigen Lippen. Und das Volk
jubelte.
Margarete, sehr weit weg von ihrem Gatten, sehr weit weg von ihrem Sohn
Meinhard, ging herum, schwer, in sich versponnen. Wußte nichts als das
einzige: von Agnes und ihren Siegen. Sah Schenna, sah den Frauenberger.
Sah die Städte aufatmen, sich recken, sich weiten. Ihre Saat, ihr Werk.
Sie war ausgehöhlt, sie war leer und arm. Was einer jeden gegönnt war,
ihr war es versagt. Doch dies wenigstens war getan. Dies wenigstens, es
war ihr Einziges, blieb.
Um so deutlicher sah Schenna. Sah, wie das Volk alles Gute, was die
Häßliche gewirkt, der Schönen zuschrieb. Dies Erkennen wollte er ihr,
dieses schmerzhafte Aufwachen, ersparen. Auch sah er, wie Ludwig immer
mehr in Taufers sich verstrickte. Noch wehrte sich erstaunt und schwer
atmend der dumpfe, hilflose Mann, der solche Wirrnis das erstemal
erlebte. Noch war es Abenteuer, vorübergehend, begrenzt. Aber bald wird
es, in wenigen Wochen vielleicht schon, zu spät sein, bald wird er
willentlich und unlösbar verknüpft sein.
Er wollte ihn zurückhaben zu Margarete. Er wollte das Volk zurückhaben
zu Margarete. Das Volk war dumm, instinktlos. Es war an sich
gleichgültig, was es dachte. Jedes Tier war klüger und hatte mehr
Instinkt. Aber es sollte nicht sein, daß Margarete auch dies Letzte von
sich fortgleiten sah.
Er mußte vor allem dahin wirken, daß endlich diese alberne kirchliche
Verfemung von ihr genommen wurde. Der Makel der kirchlich Ausgestoßenen
scheuchte das Volk von ihr, scheuchte den Gatten von ihr. Denn war auch
ihre Ehe mit Johann in aller Form gelöst, so daß sie der Kirche nicht
mehr als Ehebrecherin galt, so war gleichwohl ihr Zusammenleben mit
Ludwig vom Papste noch keineswegs sanktioniert. Die Kirche betrachtete
ihre Ehe als Konkubinat, ihren Sohn und Kronprinzen Meinhard als
Bastard. Belegte nach wie vor sie und ihren Mann mit dem Bann, ihr Land
mit dem Interdikt. Wohl hatte der Markgraf Gesandte nach Avignon
geschickt, jede Genugtuung angeboten, die der Heilige Vater fordern
konnte; allein der Papst, von Kaiser Karl gehetzt, weigerte sich.
Jetzt war Klemens tot, sein Nachfolger, der sechste Innozenz, stand
stark unter dem Einfluß des Habsburgers. Der lahme Albrecht mußte selber
alles Interesse haben, daß seine Tochter nicht mit einem Bastard,
sondern mit dem von der Kirche anerkannten Erben Tirols vermählt sei.
Schenna arbeitete mit einer an ihm ungewohnten Rastlosigkeit. Fuhr von
Ludwig zu Albrecht, von Albrecht zu Margarete. Von München nach Wien,
von Wien nach Tirol.
Albrecht stellte Bedingungen. Er säte, er säte für die Zukunft. Seine
Tochter wird durch die Vermählung mit Meinhard Anspruch haben auf das
Land in den Bergen. Aber der junge Meinhard war ein Wittelsbacher. Auch
die Wittelsbacher werden, in gewissen Fällen, Ansprüche machen. Es hatte
sich gezeigt, daß das schwierige Land am Schluß immer dem verblieb, dem
das Volk als seinem rechtmäßigen Herrscher anhing. Die Maultasch war
nicht beliebt, aber als der einzige legitime Nachfahr der alten Grafen
von Tirol vom Volk mit religiöser Selbstverständlichkeit als rechtmäßige
Eignerin des Landes angesehen. Sie hatte darüber zu verfügen; wem sie es
übermachte, der hatte das Volk auf seiner Seite. Albrecht verlangte
nichts von Ludwig, dem Wittelsbacher; aber er forderte ein bindendes
Testament von Margarete. Für den Fall, daß sie, ihr Gemahl Ludwig, ihr
Sohn Meinhard ohne Leibeserben abgingen, solle das Land an die Herzöge
von Österreich fallen. Eine Formsache. Eine reine Formsache, betonte er
dem Herrn von Schenna. Dazu noch für einen höchst unwahrscheinlichen und
unerwünschten Fall. Aber er war nun einmal ein Pedant; er verlangte
diese, Margaretes, Unterschrift. Dafür verbürgte er sich, vom Papst für
Ludwig und Margarete Lossprechung von Bann und Interdikt zu erwirken.
Schenna hielt diesen Vorschlag für sehr vorteilhaft. Ihm waren die
heiteren, umgänglichen Österreicher von jeher lieber als die dumpfen,
gewalttätigen Bayern.
* * * * *
Margarete saß über dem Schriftstück, allein; es war später Abend. Also
den Habsburgern soll sie das Land übermachen. Nun ja, sie hat es dem
Luxemburger zugebracht, dann dem Wittelsbacher; warum nicht dem
Habsburger? Der lahme Albrecht war zweifellos der Klügste und Tüchtigste
unter den deutschen Fürsten. Und sein Sohn, der Rudolf, kühn,
entschlossen, gescheit. Tüchtige Leute, die Habsburger. Sie werden
sicher auch Tirol sehr tüchtig regieren. Sie hatten Österreich, Kärnten,
Krain, die schwäbischen Vorlande, Görz, verwalteten Oberbayern. Sie
werden Tirol nicht schlechter verwalten.
Tirol! Ihr Tirol! Gerade erst hat sie es von Bayern losgeeist. Jetzt
dann soll es zu sechs Ländern ein siebentes sein. Ein Verwaltungsobjekt
für fremde Fürsten. Ihr Tirol!
Nicht hitzig. Das alles zielt sehr ins Weite. Vorläufig ist ihr Sohn
noch da. Er ist nicht so gescheit und kühn wie Rudolf, wie Albrechts
Söhne. Er ist, zugegeben, ein etwas belangloser junger Mensch. Aber er
ist ihr Sohn. Der Urenkel des Grafen Meinhard. Was geht eigentlich jene
anderen Tirol an? Und wenn ihr Sohn vollkommen verblödet wäre; er ist
Tirol.
Sachte, sachte. Es will ihm ja niemand an. Für den Fall, daß er ohne
Nachkommen -- Er zielt sehr ins Weite, der kluge Albrecht, der lahme,
bittere. Eigentlich seltsam, daß man gerade von ihr die Unterschrift
will. Ihr Mann, der Markgraf, der Kaisersohn, der Wittelsbacher: aber
der kluge Albrecht will ihre Unterschrift, nicht seine.
Was Ludwig wohl darüber denkt? Tüchtig ist er auch. Er versteht sich gut
mit dem Habsburger. Seltsam, daß man ihn nicht darüber befragt hat. Weiß
der kluge Albrecht schon so genau, wie weit er von ihr weg ist? Früher
hätte er sich mit ihr darüber ausgesprochen. Jetzt ist er fort. In
Bayern. Mit Agnes. Sie schaut vor sich hin, ihr breiter, wüster Mund
verzieht sich, trüb, nicht sehr bitter. Warum soll Ludwig nicht an Agnes
von Flavon sein Pläsier haben? Sie ist sehr schön. Er ist nicht mehr der
Jüngste. Hat sich abgerackert. Jetzt ist er Bayern los. Kann ein wenig
ausschnaufen. Sie ist sehr schön. Warum soll er nicht sein Pläsier
haben?
Sie erhob sich, schwer, ein wenig ächzend. Überlas noch einmal die
Urkunde. Sie war lang und umständlich. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden
Markgräfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern und Gräfin zu Tirol, allen
Christenmenschen ewiglich, die diesen Brief je sehen, lesen oder hören
jetzt und später, Unsern Gruß und die Kenntnis nachgeschriebener Dinge.
Wenn es geschieht, was Gott in seiner Gnade nicht verhänge, daß Wir und
der durchlauchtige Fürst, Unser herzenslieber Gemahl, Markgraf Ludwig
von Brandenburg, abgehen ohne Leibeserben, die wir miteinander gewinnen,
und auch wenn Unser lieber Sohn, Herzog Meinhard, abginge, was Gott
nicht wolle, ohne Leibeserben, daß dann Unsere obgenannten Fürstentümer
und Grafschaften, Länder und Herrschaften mit der Burg zu Tirol und mit
allen andern Burgen, Klausen, Festen, Städten, Märkten, Dörfern, Leuten
und Gerichten soll fallen gänzlich zu rechtem Erb und Vermächtnis den
vorgenannten Unsern lieben Oheimen, den Herzögen von Österreich --«
Sie ließ das Schriftstück zurückgleiten, unbehaglich, daß es sich
knisternd auf dem Tisch zusammenrollte. Sie verließ das Zimmer. Machte
mit ihren schweren, schleppenden Schritten den Rundgang, den sie jede
Nacht vor dem Schlafengehen zu tun gewohnt war. Einsam schleppte sich,
in ihrem prunkvollen Gewand, das sonderbar leblos an ihr niederfiel, die
häßliche Frau durch die Säle, Stuben, Korridore, der ungeschlachte
Schatten der Kerze ihr voraus.
Sie kam an die Spinnstube. Die plumpe Tür öffnete sich ohne viel
Geräusch. Die Mägde waren fertig mit der Arbeit, ein paar Knechte waren
da. Alles drängte sich in einem Knäuel um eine junge, untersetzte Magd,
die breit, verlegen, amüsiert grinsend dastand. Um sie herum Gekreisch,
Stöße von Gelächter. Was? Sie begriff es wirklich nicht? Sie war die
einzige in Tirol, die es nicht kapierte. Nochmals also. Die Pechmarie
war schiech und wüst; wo sie hintrat, verdorrte alles, schrumpfte ein.
Die Goldmarie strahlte himmlisch schön. Was sie anrührte, blühte, Gold
klingelte unter jedem ihrer Schritte. Wer also war die Goldmarie? A--
Ag-- Endlich ging es auf, breit, leuchtend, auf dem Gesicht der Magd.
Agnes von Flavon! Natürlich. Und die Pechmarie? Ah! Großes Staunen. Und
nun schütterte es auch sie in stürmischem Lachen.
Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt.
Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeöffneten Türe
gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Türe zu. Ging. Schleppte sich
über die Korridore. Zurück vor das Dokument.
Breitete die Urkunde vor sich hin. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden
Markgräfin --« Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein,
umständlich, unterschrieb.
* * * * *
Der lahme Albrecht saß in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken.
Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde
Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte
Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte Ölung
empfangen; er wußte, daß er in wenigen Stunden verlöschen werde. Er saß
in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem überheizten Zimmer,
fühlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm
herausrann. Sah im übrigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen
heiteren Bitterkeit.
Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brüder beschicken
solle. Sein festes Gesicht, blond, bräunlich, nicht hohe, eckige Stirn,
Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewußt,
unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu
tun, sein Sterben sollte sie nicht stören.
Er atmete still, die ungelähmte Hand öffnete sich, schloß sich, öffnete
sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut
sein kann. Es war Mühe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er
hatte sich gefördert und seine Länder gefördert. Er war mit sich in
Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden.
Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schön war es und eine Gnade
Gottes, daß er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte.
Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes
habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug.
Seine Söhne gescheite, feste Männer. Er weiß schon, warum er sie nicht
mit seinem Sterben inkommodiert.
Da fährt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der
Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod
auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig,
ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd,
mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschäften, einen
unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und
blöde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich
niemals Römischer Kaiser genannt, hat nie nach der Römischen Krone
gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man
es recht erwägt -- er lächelte ein mildes, listiges Lächeln -- war immer
er der Mächtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter
der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte.
Er fühlte sich jetzt schrecklich müde. Rief -- es verwehte heiser --
nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der
gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn
erreichte. Auch der Kopf sank vornüber.
Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der
mächtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der
uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der dürren, braunen Hand
über das Pergament Margaretes. »Aufgerichtet hab' ich ein Denkmal
dauernder als Erz,« zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann
schlurfte er zu Albrecht hinüber. Sah, daß er tot war. Riß sich
zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest
wie möglich. Setzte mehrmals an, verkündete: »_Defunctus est Albertus de
Habsburg, imperator Romanus._« Der Bischof und der Fürst sahen sich an;
nie hatte der Tote diese Würde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte
wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: »Gestorben ist
Albrecht von Habsburg, Römischer Kaiser.« Dann sank er in sich zusammen,
schlurfte zurück zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte.
* * * * *
Die kleine, der Heiligen Margarete geweihte Kapelle der Münchner Hofburg
ist dick voll von prunkenden Würdenträgern. Draußen ist klarer,
leuchtender, hellbrauner Herbst. Drinnen reiben sich die Rüstungen der
weltlichen Herren, die strotzenden Ornate der geistlichen; aneinander
gepreßt stehen sie. Die Herzöge von Österreich, Rudolf, Leopold,
Friedrich, ihre Kanzler und Marschälle, Johann von Platzheim, Pilgrim
Strein, die bayrischen und tirolischen Herren, die Marschälle,
Burggrafen, Oberjägermeister, Landeshofmeister des Markgrafen, die
Schenna, Frauenberger, Konrad Kummersbrucker, Dipold Häl. Violett und
lachsfarben die Ornate der geistlichen Fürsten. Die Bischöfe von
Salzburg, Regensburg, Würzburg, Augsburg, Dekane, Pröpste, Domherren.
Die Pfarrer zu Tirol, Teisendorf, Pyber. Fahnen, päpstliche, weltliche.
Weihrauch. Draußen, von Militär zurückgehalten, Volk. In allen Fenstern,
auf den besonnten herbstlichen Bäumen, auf allen Mauern, Vorsprüngen
Volk.
Drinnen knieten Ludwig und Margarete vor den päpstlichen Kommissaren,
dem Bischof Paul von Freising und dem Abt Peter von Sankt Lamprecht.
Gestern war ihre Ehe formal geschieden und ihnen aufgegeben worden,
getrennt zu leben. Jetzt verlas der Bischof feierlich das päpstliche
Reinigungsdekret: Nachdem Ludwig von Bayern, Erstgeborener weiland
Ludwigs von Bayern, der sich als Römischer Kaiser führte, alles erfüllt
habe, was der Papst von ihm gefordert, nachdem er persönlich seine
Vergehen gegen die Kirche bekannt, gäben er und der Abt Peter als
päpstliche Kommissare diesem besagten Fürsten und der Fürstin Margarete
Dispens wegen zu naher Verwandtschaft, erlaubten ihnen, die Ehe neu
einzugehen, legitimierten den bereits geborenen Prinzen Meinhard. Lösten
von Ludwig und Margarete allen Makel und Infamie, machten sie fähig,
Privilegien, Lehen, Güter, Rechte zu besitzen. Nähmen sie wieder auf in
den Verband der Kirche. Befreiten ihre Länder vom Interdikt.
Dann öffneten sich überall in Bayern und Tirol die Kirchentüren, die
viele Jahrzehnte durch geschlossen waren. Die Glocken, die so lange
stumm geblieben, schwangen an, tönten. Das Volk, ausgehungert nach
geistlicher Erhebung, strömte in die Kirchen. Männer, Frauen,
herangewachsen, ohne je Gottesdienst und Glockenklang erlebt zu haben,
hörten zum erstenmal eine Messe, trieben staunend und beglückt auf den
frommen Wellen der tönenden, blendenden, pomphaften Anbetung des
dreieinigen Gottes.
»Ich mache kein Geschäft mehr mit den Habsburgern!« rief heftig mit
seiner harten Offizierstimme Herzog Stephan von Niederbayern und warf
den Metallhandschuh klirrend auf den Tisch. Er stand auf, ging hin und
her. Aus dem eckigen Schädel schauten seine mißtrauischen, kalten Augen
bösartig und zürnend auf den Bruder, den Markgrafen, der sitzengeblieben
war, den Kopf müde zum Tisch geneigt, daß der Nacken noch massiger sich
wulstete. Der große Saal in der Münchner Hofburg war trotz allen Heizens
nicht recht warm geworden, draußen flockte ein widerwärtiges Gemengsel
von Schnee und Regen.
»Also nicht,« sagte der Markgraf, und seine Stimme war mühsam und
gedrückt. »Ich lasse Ihnen dann, Herr Bruder, das andere Dokument
ausfertigen, wie wir es besprochen haben.«
Herzog Stephan preßte die Lippen zusammen unter dem strammen, dicken,
schwarzbraunen Schnurrbart. Er trat näher, erklärte seine Heftigkeit.
»Wir sind in den vielen unangenehmen Erbfragen leidlich
auseinandergekommen. Wir haben einander nichts vorgemacht. Haben klar
und sachlich jeder sein Interesse gewahrt, ohne viel Worte und Flausen,
und einer dem andern nicht eingeredet. Es hat jeden von uns sechsen ins
Herz gebrannt, daß wir die Länder so haben zerstücken und zerteilen
müssen und Wittelsbach klein machen. Es war eben sonst kein Ausweg und
Auskommen, und wir haben nicht groß darüber geredet. Aber, Herr Bruder,«
und er hob die Stimme und knarrte anklägerisch, »daß Sie das tirolische
Testament für Habsburg zugelassen haben, Sie, der Chef der
Wittelsbacher, das zwingt mir den Mund auf. Es ist eine rein tirolische
Angelegenheit, ich weiß, und geht mich nichts an; ich hab' mich auch nie
in Ihre Angelegenheiten gemengt. Aber das beißt mich zu arg, es giftet
mir das Blut, ich muß es Ihnen sagen.«
Der Markgraf antwortete nicht. Seine harten, stechenden blauen Augen
schauten stumpf vor sich hin; er sah sehr viel älter aus als der nur um
weniges jüngere Bruder. Wie er, der sonst zufuhr und keine Gegenrede
schuldig blieb, auch fürder geduckt und stumpf schwieg, sagte Herzog
Stephan etwas gesänftigt: »Sie können sagen, daß es Sache Ihrer Frau
war, nicht Ihre; Sie können auch sagen, daß die Lösung von Kirchenbann
und Interdikt eine gute Zahlung ist für das zweifelhafte Stück Papier,
und Sie haben recht. Aber ich hätte es doch nicht zugelassen an Ihrer
Stelle und von den andern Brüdern auch keiner und der Vater auch nicht,
wenn er noch lebte.« Der Markgraf hockte müde, sonderbar verloschen.
Solche Verlorenheit des sonst so harten und heftigen Mannes war dem
Bruder unbehaglich. Er sagte, und es klang fast wie eine Entschuldigung:
»Ich glaub's, es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben und
den Frauenberg zum Landeshofmeister.«
Den Markgrafen, wie er allein war, fiel ein dumpfer, lahmer, hilfloser
Zorn an, wie er ihn nie gespürt. Was war denn das gewesen? Da saß er in
seiner Hofburg und sein jüngerer Bruder stand vor ihm, der Stephan, der
Nichtige, der Mittelmäßige, der Wicht, mit seinem armseligen
Niederbayern, und schimpfte ihn zusammen wie einen Lausbuben. Und er --
ja wie in aller Welt kam denn das? -- er saß und ließ es sich gefallen.
War es so weit mit ihm gekommen? War er so lahm?
Der Stephan hatte recht, das war es. Die Habsburger regierten zusammen,
überließen dem klugen Rudolf die Führung. Er war ihr Haupt, sie waren
ein Ganzes, ihre ganze, große Ländermasse einheitlich gesteuert.
Wittelsbach war zersplittert und zerstückt, in sechs Fetzen zerrissen.
Er hatte es geschehen lassen, er, der Älteste. Und nicht nur das. Er
hatte den Habsburgern Vorschub getan. Mit dem Judenschlag war es
angegangen. Das war der erste Fehler gewesen. Hätte er seine Juden
geschützt wie der lahme Albrecht, niemals wäre sein Beutel so leer und
zerlöchert worden. Niemals hätte er sein Bayern den österreichischen
Finanzräten ausliefern müssen. Jetzt saßen sie dick und zahlreich im
Land, kontrollierten, schalteten nach Belieben. Überall, unter, neben,
über dem wittelsbachischen der rote Löwe Habsburgs. Er fühlte die
riesigen, starren Augen des Vaters auf sich. Er schnaufte. Der Bruder
hatte recht.
Nicht darüber grübeln. Der Fehler war gemacht. Die Juden waren tot; die
am Leben geblieben waren, ließen sich durch keine Versprechungen mehr
zurücklocken. Das Land war kahl und ohne Geld, und der Habsburger
verwaltete es.
Unsinn! Darum ging es ja gar nicht. Niemand hatte ihm das vorgeworfen.
Um das Testament ging es. Um das Testament, das sein Weib gemacht hat,
die Häßliche, die Maultasch. Daran mußte man sich klammern, das war
festzuhalten. Er war froh, vor sich selber alle Schuld ihr zuzuschieben.
Wie hatte der Bruder gesagt? Es ist kein Leichtes, die Maultasch zum
Weib zu haben. Nein, daß dich Gottes Marter schände, es ist kein
Leichtes! Er trieb sich hinein in eine dumpfe Wut gegen das Weib. Sie
war an allem schuld, auch an dem Verwaltungsvertrag mit den Habsburgern.
Da saß sie, die Häßliche, die Maultasch, mit ihrem lächerlichen
Liebhaber, dem Frauenberger, dem Mißgeschaffenen, Quäkenden. Da saßen
sie und machten ihm sein Bayern kaputt. Das Gespött Europas. Oh, er
hatte schon das rechte Gefühl gehabt damals, als sein Vater ihn auf und
ab schleifte und er sich weigerte, das Weib zu heiraten. Er starrte vor
sich hin. Schnaufte, knurrte, stöhnte.
Ging zu Agnes. Die lag auf einem Ruhebett, der Falkenierer stand vor
ihr. Sie hatte den Handschuh an, spielte mit dem neuerworbenen Vogel.
Sie sah sogleich, der Markgraf brannte darauf, mit ihr zu sprechen. Aber
sie ließ ihn warten. Beschäftigte sich mit ihrem Falken, führte ihn vor,
dachte gar nicht daran, den Falkenierer wegzuschicken.
Ludwig drückte heraus, er habe heute wenig übrig für Falkenbeize und
Sport. Oh, der Herr Markgraf sei verstimmt? Habe Ärger gehabt? Das tue
ihr leid. Mit dem Herzog Stephan? Sieh da! Der Herr Herzog sei doch ein
ganz umgänglicher Herr. Er habe vom Testament der Markgräfin gesprochen?
Und von dem bayrisch-habsburgischen Verwaltungsvertrag? Davon nicht?
Doch, auch, freilich nur nebenher.
Wenn sie doch endlich den Kerl mit dem Falken wegschicken wollte! Aber
sie dachte gar nicht daran. Bedeutete es ihr so gar nichts, daß Stephan
das gewagt hatte? Und war es ihr so nebensächlich, daß er sogleich von
seinem Bruder weg zu ihr kam? Der Vogel öffnete die Flügel, schloß sie.
Sie streichelte ihn, gab ihm Hätschelnamen. Ein großer heimlicher
Triumph war in ihr. War es endlich an dem? Brach es endlich los? Stürzte
das Haus der Feindin, das mühsam errichtete, endlich zusammen?
Also von dem bayrisch-habsburgischen Vertrag habe Herzog Stephan
gesprochen? Nun, sie verstehe ja nichts von Politik. Aber, ganz ehrlich,
gewundert habe sie sich immer. Ein so großer, weiser Fürst -- und läßt
die Verwaltung seines Landes einem andern! Ganz beiläufig warf sie es
hin, dem Falken die Haube abziehend, wieder aufsetzend. Stritt sogleich
wieder mit dem Falkenierer, wie lange man jetzt den Vogel hungern lassen
solle. Still jubelte sie: Allen Saft herausquetschen aus Tirol, ihn
fortleiten, nach Bayern, irgendwohin. Verdorren machen das Werk der
Feindin.
Ludwig saß gepreßt in großer Bitternis. Ein Narr war er gewesen. Selbst
die Kinder sahen klarer, worauf es ankam. Niemals hätte er die
Verwaltung Bayerns weggeben dürfen. Und hätte er alle seine Städte und
Einkünfte dem Messer Artese verschreiben müssen. Das Testament
Margaretes, da war nun nichts zu machen. Aber den Verwaltungsvertrag,
der lief ab in wenigen Monaten: er wird ihn kündigen. Komme, was will!
Agnes lag auf dem Ruhebett, kümmerte sich kaum um ihn. Der Falkenierer
war noch immer da. Wäre sie allein gewesen, er hätte sich auf sie
gestürzt, sie geschüttelt: »Höre, lach' nicht über mich! Ich sag' den
Vertrag auf! Ich schmeiß' die habsburgischen Beamten heraus! Lach' nicht
über mich, Luder!« Und er hätte sie gepackt, daß ihr das Lachen und die
Gedanken an den Falken vergangen wären. Aber der Falkenierer stand da
mit seinem dummen, respektvollen Gesicht, und Agnes sah gar nicht auf zu
ihm.
* * * * *
Konrad von Frauenberg verhandelte mit Räten des Bischofs von Brixen. Das
Bistum war ganz in Abhängigkeit des Markgrafen geraten, Konrad gab das
den Herren deutlich zu spüren. Vergnügt saß der quäkende Mann, beschaute
aus kleinen rötlichen Augen die schwitzenden Herren, schikanierte sie
breit, behaglich. Warf ihnen schließlich, den armen Schluckern, mit
verächtlicher, grausamer Jovialität ein paar Brocken hin. Sein Sekretär,
ein unscheinbarer Kleriker, protokollierte still, mit ängstlicher
Gewissenhaftigkeit.
Als die Herren gegangen waren, gab der Frauenberger dem Sekretär Weisung
für etliche Briefe an Amtleute seiner eigenen Besitzungen. Immer wieder
mußte man diesen Herren das gleiche vorkauen. Sie sollen doch -- daß der
dreigeschwänzte Satan sie hole! -- nicht so schlapp sein. Nicht immer
Steuer nachlassen. Nicht immer die Termine für Fronleistungen und Robot
prolongieren. Und diese alberne Gefühlsduselei in der Verhängung von
Strafen. Einen Dieb nur mit Pranger und Gefängnis zu züchtigen, weil er
aus Not handelte. Blödsinn! Jeder handelt aus Not. Dem Schuft wird die
Hand abgehauen wie bisher. Einen Wilderer schonen, weil er Familie hat!
Sein Wild hat auch Familie; hat jener es geschont? Der Kerl wird zu Tod
gehetzt. Das ist guter alter Brauch. Mit der modernen Humanität wird auf
seinen Gütern nicht erst angefangen. Der Frauenberger quäkte, der stille
Sekretär schrieb.
Allein dann, strich sich der häßliche Mensch das farblose Haar zurück,
dehnte sich, legte sich auf Polster, knackte mit den Gliedern, gähnte,
faul und vergnügt. Es war eine wohleingerichtete Welt, und er verstand
sich darauf. Er hat es, Gotts Marter, weit gebracht. Der Markgraf ist
fast immer auf Reisen, bei seiner Agnes, sonstwo. Warum auch nicht?
Warum soll er nicht der Maultasch die schöne Agnes vorziehen? Er, der
Frauenberger, hat freilich viel Arbeit, wenn der Markgraf außer Landes
ist: die Maultasch und Tirol. Viel Arbeit, wüste Arbeit. Aber
profitlich, das ist nicht zu leugnen. Auch könnte es ihm Ludwig nicht
leichter machen, mit ihm auszukommen. So spart ihm der Fürst die Mühe,
sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Er beschaute seine dicken, roten, fleischigen Hände. Er hat seine
Männlichkeit offenbar unterschätzt. Man muß nur selber daran glauben,
dann glauben auch die Weiber daran. Heute wird ihm jede kirr, die er
mag. Er rekelt sich, pfeift, grinst. Steht faul auf. Holt sich Tusche,
Pinsel, Pergament. Zeitvertreib für freie Stunden, wenn man nicht
schläft. Heute hat er Lust, ja. Der Schenna hält ihn für stumpf. Glaubt,
er habe kein Aug' für das, was schön ist. Der Schenna ist kein Esel;
aber wenn er meint, er habe allein den Sinn gepachtet für das, was
schmeckt und rund ist und sich glatt und wohlig anfaßt, dann irrt er
sich, der Geck, der Zierbold! Er legt sich das Pergament zurecht. Ho! Er
weiß sehr genau, worauf es ankommt bei der Schönheit. Er grinst, pfeift
sein Lieblingslied vor sich hin, das von den sieben Freuden des Lebens,
beginnt zu arbeiten. Sein breites Maul zieht sich wohlgefällig
auseinander, er schnalzt, schmatzt, gurgelt, quäkt, rülpst. Strichelt,
pinselt. Bunt, säuberlich. Frauenkleider, Brüste, Gesicht. Vertieft sich
in die Arbeit.
Sieht auf. Margarete steht hinter ihm. Ihr wüstes Antlitz ist sonderbar
lächerlich verzerrt. Sie hat offenbar gesehen; es hat durchaus keinen
Sinn, zu verstecken, zu leugnen. Er schaut sie frech an, verzieht den
breiten Mund, quäkt, nachlässig: »Ein Amulett.«
»Ein Amulett? Das? Das saubere, liebevolle Bild der Person?« Er, naiv,
dreist: Ja, natürlich. Er habe Grenzstreitigkeiten mit ihr, sie wisse
doch. Dazu ihr unheilvoller politischer Einfluß auf den Markgrafen.
Sie schaut ihn finster an mit ihren starken, erfüllten Augen. Er hält
stand, kalt, gleichmütig. Er solle ihr das Bild geben, sagt sie
schließlich.
»Warum nicht?« quäkte er. Es sei ein nicht gerade frommes Amulett. Man
könne seinen Willen, seine Wünsche hineinhexen. Ihre Wünsche für jene
seien vermutlich ebenso unangenehm wie seine eigenen. Er grinst, reicht
ihr mit einer tiefen, übertriebenen Verbeugung das Bild.
Allein, beschaut sie es lange, prüft es. Die Haare sind gold, die Augen
starren, zwei blaue, dumme Flecke, aus der unbeholfenen Malerei.
Margarete zieht mit ihren geschminkten Fingern die Nadel aus ihrem Haar.
Langsam, sorgfältig zielend, stößt sie durch die blauen Flecke. Das
Pergament hält fest, sie bohrt, bohrt stärker, bohrt langsam durch. Das
Pergament knirscht. Dann sind zwei kleine, ausgefranste Löcher an Stelle
der Augen.
* * * * *
Der Markgraf erhob sich, die Besprechung hatte kaum zehn Minuten
gedauert. Es war nur Geschäftliches besprochen worden, Rede und Antwort
waren von eisiger Sachlichkeit gewesen.
»Es bleibt noch die Angelegenheit mit Taufers,« sagte Margarete.
»Auf später,« sagte Ludwig ablehnend.
»Es ist jetzt schon fast ein Jahr, daß die Sache hinausgezögert wird,«
sagte Margarete. »Sie muß endlich erledigt sein.«
»Was also wollen Sie?« sagte feindselig der Markgraf.
Die Sache mit Taufers war so, daß Grenzstreitigkeiten entstanden waren
zwischen Agnes von Taufers und dem Frauenberger. Agnes versteckte sich
hinter dem Bistum Brixen, das sie belehnt hatte, nicht den Frauenberger.
Sachlich war dieser, formal sie im Recht. Der Markgraf brauchte nur zu
wollen, so ließ Brixen seine Einwände fallen, Agnes verlor die Güter.
Die Räte des Bischofs nahmen an, dies sei nicht in der Absicht Ludwigs;
so wagten sie, dem Frauenberger in diesem Punkt zäh zu opponieren.
Margarete, in feindseliger Laune, brachte die Gründe vor, die gegen das
Bistum sprachen. Der Markgraf, ebenso verdrossen und vertrotzt wie sie,
zählte die politischen Motive her, aus denen er jetzt den Bischof nicht
verärgern wollte. Sie maßen sich, finster, entschlossen. Nie hätten sie
sich, wäre es um eigenen Besitz gegangen, mit solcher Erbitterung
widersprochen.
Es war bisher, trotz zunehmender Entfremdung, noch nie zu ernsthaftem
Streit gekommen. Mit keinem Wort je hatte der Markgraf Margaretes
Testament erwähnt, mit keinem Wort ihre Beziehungen zu dem Frauenberger.
Sie hatte den Namen der Agnes in seiner Gegenwart niemals genannt. Jetzt
erhitzten sie sich, bekämpften sie sich, drohend, trotzig, viel
heftiger, als der geringfügigen Sache angemessen war. Sie standen sich
gegenüber, wütend. Das ruhige, männliche Gesicht des Markgrafen
verwilderte, verzerrte sich. Sie erwiderte mit erzwungener Ruhe,
bösartig, stachelig, höhnisch.
Bis er schließlich nicht mehr an sich halten konnte und ihr hinwarf in
hellem, spöttischem Zorn: »Das ist ja alles nur für deinen Affen, den
Frauenberger.«
Sie wurde ganz grau, schnappte, sah ihn haßerfüllt an. Sagte
schließlich, heiser: »Ja, ja, ja! Ich leid' es nicht, daß das Recht
kaputt geht für deine Hur'.«
Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu
schimpfen. Jetzt fiel er unflätig über sie her: »Hexe! Scheußliche!
Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus?
Ist es nicht Schande genug, daß ich ein Weib haben muß, von Gott
gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist
auf Männer aus, so wie du aussiehst? Paßt ja gut zusammen, die Maultasch
und der Aff'!« Er schlug plötzlich um, ging mit dicken Adern und so
verwildertem Gesicht auf sie los, daß sie hinter den Tisch zurückwich.
»Ich duld' es nicht!« schrie er. »Ich schlag' ihn tot! Ich lass' mich
nicht lächerlich machen!«
Unterdes saß der Frauenberger auf Schloß Taufers. Aus seinen rötlichen
Augen blinzelte er Agnes an. »Wir werden uns schon einigen,« quäkte er.
»Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Höfen?
Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen.« Mit seiner roten,
kurzen Hand tätschelte er ihre weiße, lange. Agnes lächelte. Der war ein
Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu.
»Die Welt ist dumm,« quäkte er. »Immer noch dümmer, als man denkt.« Er
saß da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech,
häßlich. »Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernünftigen.« Und
seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter
hinauf.
Er dachte übrigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein
Tipfelchen entgegenzukommen.
* * * * *
Agnes ging herum, ein leises, tänzerisches Lächeln um die Lippen. Sog
ihren Triumph über Margarete, schlürfte ihn, ließ ihn auf der Zunge
zergehen. Knüpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmütig,
unmerklich. Höhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm.
Er war ein sparsamer, nüchterner Herr, durchaus nicht geneigt, zu
verschwenden. Sie verlangte von ihm, nebenher, über die Achsel,
Ausgaben, die er sich sonst durch Jahre überlegt hätte. Machte er den
leisesten Einwand; so bestand sie nicht, ließ sofort ab. Allein sie
hatte eine Art, sich abzuwenden mit einer höhnischen, kaum greifbaren,
tief verächtlichen Verwunderung, die ihn mehr reizte, als Tränen,
Bitten, Beschimpfungen hätten tun können. So stülpte sie allmählich den
festen, sachlichen, rechenhaften Mann von Grund auf um, trieb ihn in
Prunk und Verschwendung, zermürbte, unterwühlte, was Margarete in der
Arbeit von Jahrzehnten geschaffen hatte.
Plötzlich war auch Messer Artese wieder da. Überall war er, an zehn
Orten zugleich, mit drei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen,
unscheinbar, überaus höflich. Ehe man es recht merkte, hatte er von
neuem die Hand auf Zöllen, Salzrechten, Bergwerken. Die eisige
Verachtung Margaretes erwiderte er mit zahllosen Verneigungen. Mit
größter Bereitwilligkeit löste er den Markgrafen aus den Verpfändungen
der Habsburger. Jetzt, wenn er wollte, konnte Ludwig jenes
Verwaltungsabkommen kündigen. Freilich war, was er dem Florentiner
zahlte, dreimal höher als die Forderung der Österreicher. Schattenhaft
dann, wie er kam, war Messer Artese wieder fort.
Erschien auf Schloß Taufers. Wer, wenn er den kleinen, höflichen Mann
sah, hätte gedacht, daß er je so toben könnte, wie er es damals vor
Agnes getan? Sie saßen sich gegenüber, Agnes und er. Sie lächelten sich
zu, mit einem kleinen, wissenden Lächeln. Ei ja, schönes Land, reiches,
gesegnetes Land. Wein, Obst, Brotfrucht. Blühende, geordnete, werktätige
Städte. Er zerrte, sie stieß. Sie traf die Herzogin, die Häßliche, wenn
sie stieß. Ihm war es schon weniger die Freude am Gewinn, die lockte: es
trieb ihn, in dem Werk des Feindes zu stochern, zu wühlen, das Werk des
erlegten, erledigten Juden vollends zu zerfetzen. Sie stieß die
Häßliche, er zerrte an dem toten Feind.
Prall im Fett saß Konrad der Frauenberger, mästete sich, sein nacktes,
breitmäuliges Gesicht glänzte rosig. Er lag auf Polstern in dem
eleganten kleinen Saal von Taufers, Agnes saß ihm gegenüber. Sonne kam
herein, er blinzelte, rekelte sich faul, gähnte, knackte mit den
Gliedern. Agnes bat, forderte, schmeichelte, drohte, er solle sie nach
Trient begleiten. Er sagte, er denke nicht daran. Soll der Markgraf ihr
den Narren machen. Sie kehrte sich ab mit jener leisen, gleitenden,
verwunderten Verächtlichkeit, die beim Markgrafen alles erreichte. Er
lachte schallend, derb vergnügt. Kehrte sich nach der andern Seite. Da
sie beharrlich schwieg, fing er an, zu gähnen. Streckte sich knackend,
schlief friedlich, behaglich ein, lärmvoll schnarchend. Nach einer
Stunde wachte er auf; es ging gegen Abend, sie saß noch immer im
entgegengesetzten Winkel, gekränkt. Er stand faul auf, ging zu ihr,
packte sie, grob, jovial, zog sie neben sich auf die Polster. Sie ließ
es geschehen.
Er behandelte sie nach Laune. Ließ sie wie einen Hund nach einer
Liebkosung zappeln. Tätschelte sie mit Versprechungen, die er lachend
und selbstverständlich brach. Ihn davonjagen? Es ging nicht. Er hätte
gelacht. Und es wäre auch lächerlich gewesen. Wer war noch so häßlich?
So frech? So hart von Griff? So gab es keinen zweiten.
Sie dehnte sich unter seinen groben Liebkosungen, schaute schräg zu ihm
auf. Sah sein sattes, schlaues, fleischiges, grinsendes Gesicht. Wie
häßlich es war! Wie voll Kraft und Gemeinheit es war! Sie war neugierig.
Konnte man ihm nicht bei, daß seine freche, selbstsichere Fratze klein
wurde und voll Angst?
Sie begann den Markgrafen zu hetzen. Ganz unmerklich, mit Scherzworten.
Ihre Saat fand guten, lange vorbereiteten Boden. Sproßte, keimte, wuchs.
Wie hatte Herzog Stephan gesagt? Es ist kein Leichtes, zu diesem Weib
den Frauenberger zum Landeshofmeister zu haben. Er wird ein Ende machen.
Er hat es satt bis dahin. Das Gespött Europas. Er wird ein Ende machen.
In München. In _einem_ Aufwischen. Erst mit der habsburgischen
Schweinerei. Dann mit dem Frauenberger, dem Schandkerl, der Mißgeburt.
* * * * *
»Schau mich genau an,« sagte der Frauenberger zu Margarete und spreizte
sich mit grotesk unterstrichener Wichtigkeit. »Schau mich genau an. Du
wirst vielleicht nicht mehr lange Gelegenheit haben.« Da Margarete
erstaunt hoch blickte, quäkte er weiter: »Ich bin kein schöner Mann, ich
weiß, aber sehr einmalig. Wer Interesse an mir hat, wird guttun, mich
genau anzuschauen, daß er mich in Erinnerung behält. Ich werde nicht
mehr lange zu sehen sein. Es braut sich was zusammen gegen mich. Der
Markgraf schaut auf mich mit Blicken wie Lanzen. Leider stehen wirkliche
Lanzen zur Genüge dahinter. Er hat mich mit zur Begleitung nach München
befohlen. Dort tut er sich leichter. Der Gufidaun, der gute, ehrliche
Junge, der mich nicht leiden kann, und der Kummersbrucker haben den Rand
nicht halten können. Schau mich genau an, Margarete. Wenn ich nicht mehr
da bin, sauf dich voll und träum' von mir! Messen brauchst du keine
lesen zu lassen. Bist eine gute Haut, Herzogin Maultasch,« lachte er und
haute sie auf die Schulter. Er pfiff sein Lied von den sieben Freuden,
blinzelte sie an, ging fort mit gegrätschten Beinen.
Margarete hatte kein Wort erwidert. Jetzt saß sie allein vor dem
massigen Tisch, prunkend in hellgrünem Damast, starr geschminkt. Vor ihr
lagen gehäufte Akten und Dokumente. Der Raum war schwer und düster, in
ihrem Ohr war das gepfiffene Lied des Frauenbergers.
Ja, er hatte wohl recht. Was gab es sonst als die sieben Freuden seines
Liedes?
Sie hatte nicht abgelassen. Sie war zerschlagen und zerstört worden ein
erstes Mal, aber sie hatte nicht abgelassen. Hatte sich aus Dreck und
Nichts ein Neues gebaut, das Land, die Städte, ihre bunten, lärmvollen,
menschenvollen, zweckvollen Städte, ihr Werk. Und jetzt sollte das Blut,
das sie ihnen mühsam zugeführt, abgezapft werden, weggeleitet, nach
Bayern, irgendwohin, für die Hure, planlos verströmt. Der Markgraf hatte
ihr nichts gesagt; aber es war ihr zugesickert aus vielen Mündern.
Gekündigt das Verwaltungsabkommen mit den Habsburgern. Ihre Städte, ihr
Tirol entblößt, leer, ausgesogen, hingeschmissen.
Nicht genug. Das andere. Der Frauenberger. Der Häßliche, Einsame. Der zu
ihr gehörte. Den sie herangeholt hatte. Vielleicht war er schlecht,
niedrig, ein Lump. Aber er gehörte zu ihr. Vor allen Menschen er. Und
den wollte er ihr auch nehmen. Oh, sie hatte nicht vergessen, wie er
geschrien hatte in jener Unterredung: »Ich schlag' ihn tot! Ich lass'
mich nicht lächerlich machen!« Sie hörte seine Stimme, die heiser war
vor Haß, sah seine verwilderten Augen. Ja, der Konrad hatte schon die
rechte Witterung, es roch nach Mord. Ging er nach München, kam er nicht
zurück.
Ihr dürres, altes Fräulein von Rottenburg war im Saal, räusperte sich.
Der welsche Händler war da, der Palermitaner, den sie herbestellt. Sie
war froh an der Ablenkung, ließ ihn kommen. Er stand vor ihr, dick,
olivfarbenes Gesicht, rasche, bräunliche Augen. Er hatte vielerlei.
Bunte Vögel, feine, glänzende Tücher und Gewebe, edle Steine, seltene
Essenzen, fremdartiges Konfekt. Mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen,
unterstützt von seinem Gehilfen, breitete er seine Dinge vor sie hin.
Sie verweilte da, dort. Ließ sich erklären, war nicht bei der Sache,
sprach dann lebhafter als sonst. Was war das? Ein Fläschchen, eine
kleine Vase aus mattfarbenem Halbedelstein, schönformig, fest
verschlossen und versiegelt. Das? Oh, die Frau Herzogin sei eine
Kennerin, die Frau Herzogin habe sichersten Geschmack. Das sei freilich
eine große Kostbarkeit. Aus _einem_ Stück, wie edel in der Form, in der
Rundung! Von einem großen Meister, ei ja. Und sie möge gnädigst die
Bilder beachten, die eingeschnitten seien. Hier der Hohenstaufenkaiser,
der zweite Friedrich, und hier der jüdische König Salomo, und da die
Königin von Saba, und auf der vierten Seite der Sultan Boabdil, ein
starker, grausamer Fürst der Berberei. Auch sei der Inhalt des
Fläschchens eine große Seltenheit: ein feiner Saft, ohne Geruch, ohne
Farbe, ohne Geschmack; wer auch nur einen Tropfen davon genießt, der
überlebt die Stunde nicht, der geht aus wie ein Docht ohne Öl. Ein
kostbares, edles Fläschchen.
Die Herzogin kaufte viel und wahllos durcheinander, ohne Feilschen,
gegen ihre Gewohnheit. Tücher, Gewürz, viel Schmuck, zwei von den bunten
Vögeln, auch das Fläschchen.
Dann setzte sie sich zu Tische. Aß. Aß ganz allein, prächtig geschmückt.
Auch die Tafel war prunkvoll bereitet, mit Schaugerichten, goldenen
Schüsseln und Tellern. Musik im Nebenraum. Diener, Kämmerlinge,
Vorschneider liefen. Sie aß mächtig. Der Frauenberger hatte recht. Dies
war eine der sieben Freuden des Lebens. Um sie herum waren die Dinge
gestapelt, die sie gekauft hatte, Schmuck, Tücher, auch das Fläschchen.
Sie führte mit ihren geschminkten Händen die Speisen zum Mund: Brühe,
Fische, Braten, von dem köstlichen, fremdartigen Konfekt, das sie heute
erstanden. Sie schlang, schüttete Wein hinunter. Dämmerung brach herein,
schwere, riesige Kerzen wurden entzündet. Sie saß allein, plump, starr,
pomphaft. Aß.
* * * * *
Da also lag es. Er hatte nicht gewagt, es ihr selber zu bringen. Er
hatte es durch einen Boten geschickt. Ein kurzes, höfliches Schreiben
lag bei, in dem er um ihre Unterschrift ersuchte.
Sie hatte sogleich Schenna hergebeten. Vor dem ließ sie sich gehen,
verströmte. Wirklich gekündigt der habsburgische Vertrag! Eingerissen
und kaputt der schöne, kunstvolle Kanal, durch den sie ihren Städten
Saft und Gedeih zuführte. Und sie soll noch ihre Unterschrift dazu
geben! Der Boden unter ihren Füßen bröckelnd wie Sand. Das Werk ihres
Lebens fort, entgleitend, wie fließendes Wasser, nicht zu halten. Hin
alles, blöde, sinnlos vertan.
Schenna hörte still zu, sein welkes, langes Gesicht sonderbar kraus
verzerrt; ihr Verströmen, ihr Zusammenbruch ging ihm näher, als er vor
sich selber wahr haben wollte. Arme Frau! Arme Herzogin Maultasch! Wäre
dein Mund einen Finger schmaler, die Sehnen deiner Backen ein weniges
straffer, du lebtest befriedet, glückhaft, und Tirol und das Römische
Reich sähe anders aus. Er raunzte mit sich selber. Alberne
Sentimentalität!
Als er endlich antwortete, hatte er sich wieder ganz im Zaum. Mit seiner
hohen, müden, brüchigen Stimme legte er dar, es sei nichts zu gewinnen,
wenn sie nicht unterzeichne; formal sei ihre Unterschrift ohne Belang,
der Markgraf verlange sie nur aus Prestigegründen. Unterzeichne sie
aber, so könne man nicht umhin, sie zumindest bei der Liquidierung des
Vertrags miteinreden zu lassen.
Wie sie aber schwieg, breit, plump, verloren und verfallen dahockte,
packte es ihn wieder. Er sagte, er wolle helfen, wo er helfen könne. Er
sei Tiroler; es kratzte ihn, daß das lebendige, wache, rege, kultivierte
Tirol den schläfrigen, dumpfen, trägen, gewalttätigen Bayern solle
ausgeliefert werden. Er gab sich einen Ruck, es war ein schwerer
Entschluß, man sollte eigentlich wirklich nicht so weichherzig sein.
Aber dann stand er und sagte, und in seiner Feierlichkeit war schon ein
bißchen Ironie: wenn sie also noch Wert darauf lege, sei er, um das
Mögliche zu retten, bereit, die Hauptmannschaft im Gebirg, das
Burggrafenamt zu übernehmen. Sie drückte seine lange, dürre,
schlaffknochige Hand mit ihrer dicken, geschminkten.
Dann stand der Frauenberger vor ihr, sich zu verabschieden. Klirrend
stand er, aus dem hellen Eisen grinste rosig, glatt, nackt das freche,
weitmäulige Gesicht. Es bleibe ihm nur übrig, unterzutauchen, ins
Dunkle, ins Subalterne, wo der Markgraf ihn nicht finden könne; denn zu
sterben habe er durchaus nicht die Absicht. Er werde also unterwegs im
gegebenen Augenblick verschwinden. Man sei ein Mann, nehme das
Schaukeln, hinauf, hinunter, nicht zu schwer. Sie sei eine gute Haut, er
habe mehr Spaß an ihr gehabt als an so mancher mit einem zierlichen
Puppenmund. Interessanter sei es sicher gewesen. Somit Gott befohlen.
Sie sagte, er habe ihr ein Amulett gegeben mit bösen Wünschen für eine
gewisse Person. Sie wolle sich revanchieren. Sie reichte ihm das
mattfarbene Fläschchen. Der Saft sei geruchlos, geschmacklos; wer davon
koste, sei in der gleichen Stunde in der Hölle, im Paradies. Bevor er
zurücktauche ins Dunkel, in die Niedrigkeit, solle er sich das
überlegen.
Er griff danach, grinste, sie sei ein Teufelsweib. Geruchlos,
geschmacklos; hm, das sei wohl zu überlegen.
Sie, rasch: sie habe nichts gesagt. So habe es ihr der Sizilianer
geschworen. Und da er vermeine, sie sehe ihn nicht wieder, gebe sie ihm
das. Alles stehe bei ihm, sie habe nichts gesagt.
Er, ungeheuer massig in der Rüstung, quäkte aus dem vielen Eisen heraus,
er danke auch vielmals. Wie gesagt, ein Teufelsweib. Er hob beschwerlich
den eisernen Arm, klopfte sie, quäkte: »Unsere Maultasch.« Zog mühsam
ab, eisern, klirrend, froschmäulig grinsend. Pfiff sein Lied.
Von unten klangen die Hörner und Trompeten der Abreitenden. Der Markgraf
hatte sich nicht verabschiedet. Sollte sie ans Fenster? Kein Glied
gehorchte ihr. Sie lehnte am Tisch, fahl, grau, eine geschminkte Tote.
* * * * *
Durch den braungoldenen September trabten der Markgraf und seine Herren.
Eine Weile ritten sie den blassen, weiten Chiemsee entlang. Starke Luft
ging, die Berge in sattem Blaugrau blieben zurück.
Ludwig war bester Laune. Er trug einen leichten, dunkeln Brustpanzer,
den Helm hatte er einem Knaben gegeben, der Wind wehte angenehm um den
kurzhaarigen Schädel. Er fühlte sich sehr jung, seine harten, blauen
Augen blickten frischer als sonst aus dem bräunlichen, männlichen
Gesicht. Es war ein guter Entschluß gewesen, die Österreicher
hinauszuschmeißen. Jetzt ritt er als wirklicher Herr in seinem Land.
Fort mit dem frechen roten Löwen Habsburgs von dem blauen
wittelsbachischen! Er freute sich darauf, seine Beamten einzusetzen,
reinen Tisch zu machen.
Ja, reinen Tisch. Auch die Sache mit dem Frauenberger hat er sich genau
zurechtgelegt. Heute nacht schon wird er ihn packen, es mit ihm
austragen, ritterlich, mit der Waffe. Am Ausgang zweifelte er nicht.
Dann wird er Luft haben, atmen können. Margarete wird er kaum mehr
sehen. Soll sie in ihrem Schloß Tirol sitzen; er wird in München,
Innsbruck, Bozen residieren, gubernieren, wie er es für gut hält. Stimmt
sie zu, schön; stimmt sie nicht zu, auch gut. Agnes wird keinen Grund
mehr finden, ihm die Schulter zu kehren mit jener frechen, leisen
Manier, die ihn so reizt.
Daß er seine Dumpfheit hinter sich gelassen hatte, daß er so genau
wußte, was er vorhatte, kratzte ihn auf, machte ihn freier und lustiger
als seit Jahren. Er scherzte mit Berchtold von Gufidaun, mit seinem
getreuen Kummersbrucker. Ja, er schaute sogar mit einem gewissen
grimmigen Wohlwollen auf den Frauenberger. Der ritt daher, breit,
plärrend, rosig in seiner hellen Rüstung, blinzelte schlau und behaglich
aus seinen rötlichen Augen in die besonnte, vergnügte Welt -- und war
doch schon so gut wie tot. Der Markgraf rief ihn an, ritt neben ihm. Der
Frauenberger erzählte unflätige Witze, machte freche Anspielungen.
Ludwig lachte schallend, ging auf seinen Ton ein, sie führten ein
derbes, grobes Soldatengespräch, unterhielten sich ausgezeichnet.
Dann machte man, sehr früh, Mittag. Man aß im Freien, reichlich, trank,
legte sich eine Weile nieder. Dann trank man nochmals, saß wieder zu
Pferde. Ludwig hatte jetzt auch den Helm auf, er wollte so durchreiten
bis München. Der Frauenberger hielt sich in der Nähe des Markgrafen, der
suchte ihn geradezu. Man ritt los. Man war jetzt in der Ebene, die Berge
verdämmerten rückwärts, die Ebene war weit, einförmig, zuweilen
flimmerte in der Sonne ein kleiner, unansehnlicher Rittersitz, ein Hof,
ein ziemlich armseliges Dorf. Man ritt frisch zu, man wird noch vor
Abend in München sein.
Die Unterhaltung zwischen dem Markgrafen und dem Frauenberger wurde
lahmer, stockte. Er fühlte sich merkwürdig müde, der Atem ging ihm
schwer, die leichte Rüstung drückte ihn. Hatte er zuviel getrunken?
Rechts am Weg tauchte ein Dorf auf, die Häuser waren so sonderbar rund,
schmutzigblaß trotz der hellen Sonne, schichteten sich komisch
übereinander. Jemand sagte: »Der Ort heißt Zorneding.« War das die
Stimme Gufidauns oder des Kummersbruckers?
Plötzlich nestelte er am Helm, am Panzer, fiel vornüber zur Seite vom
Pferd, der halb gelöste Helm schlug herunter. Der Kummersbrucker ritt
zu, ein Knabe, sie fingen ihn auf. Der Helm kollerte vollends in Staub,
das Gesicht war fahl, doch nicht weiter entstellt, der Unterkiefer hing
herab. Der massige Nacken des Leblosen sah gar nicht mehr gefährlich
aus, nur dumm und plump. Sie rieben ihn, beteten. In die dumpfe
Betretenheit der Herren hinein quarrte die helle, breite, gemeine Stimme
des Frauenbergers: »Seltsamer Zufall. Auf freiem Feld in der Nähe von
München. Genau wie sein Vater.« Berchtold von Gufidaun sah ihn auf und
ab, finster, drohend. Der Frauenberger, frech blinzelnd, hielt stand,
quäkte: »Wünschen der Herr etwas?« Gufidaun kehrte sich langsam ab,
schwieg.
In der Margaretenkapelle der Münchner Hofburg wurde der Leichnam
aufgebahrt. Viele Kerzen brannten. Ulrich von Abensberg, Hippolt vom
Stein, fünf andere Barone hielten Totenwacht. Auch der Frauenberger war
darunter. Doch der begann bald zu gähnen, zog sich zurück. Streckte sich
auf sein Bett, pfiff sein Lied, knackte die Glieder, rülpste, schnalzte,
schlief friedsam ein.