Das hieß die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er
jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den
Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von
Tirol. Ei ja, wenn man noch so häßlich war, was alles aus einem werden
konnte mit einem bißchen Vernunft, Sachlichkeit, Glück.
In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem
Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewalttätig in seine kurzen,
roten Hände. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner
Grafschaft zeigen. »Also Flucht?« machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer
dachte an Flucht? Nur war es nicht nötig, zuviel Wesens aus dieser Reise
zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne
große Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte
die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach
Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach
der umgekehrten Seite, nach Süden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll
seine Berge wiedersehen.
* * * * *
»Mein Sohn kommt, Schenna!« sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen
waren lebendig erfüllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er
werde Meinhard bringen.
»Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin!« sagte der lange Herr, beugte sich
vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. »Ich hatte
nicht mehr gehofft, daß Sie sich so würden freuen können.«
Margarete hörte nicht. »Ich weiß,« sagte sie, »er ist unbegabt. Es gibt
landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er
ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen.
Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.«
Ja, Margarete hatte die zerlöcherte, heruntergelassene Fahne ihrer
Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich
in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Händen
streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dümmlichen Jungen.
* * * * *
Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der
Frauenberger in raschem Trab gegen Süden. Es regnete, die schlechte
Straße führte oft durch dicken Wald, löste sich streckenweise ganz in
Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den
rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken.
Die Herren trugen keine Rüstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern,
von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch
aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nächtige
Siedlung trabte, schlug ein Hund an.
In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drängte der
Frauenberger weiter. Aber Meinhard fühlte sich müde und elend, mehr
durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des
Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend,
durch die wilde Riß nach Tirol vorzustoßen. Man verzog also, dem Wunsche
Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries.
In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf
Strohsäcken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wärmte
nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die
Fensteröffnung. Der Frauenberger schnarchte lärmend; im Winkel nagte
eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Müdigkeit, aber er
konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er
fühlte sich eng und unglücklich, er wußte plötzlich nicht, was er in
Tirol sollte; er wäre am liebsten nach München zurückgekehrt. Er
fürchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und
häßlich und gewalttätig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da,
ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger
war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren
Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand,
schaute einer Fliege zu, die über das Gesicht des Frauenbergers kroch;
den schien sie nicht zu genieren. Schließlich, leise, rief er: »Herr von
Frauenberg!«
Der war sofort wach, quäkte mit seiner schleierlosen Stimme: »Was
gibt's?«
»Nichts,« sagte reuevoll der Junge. »Nur, es ist so ungemütlich. Ich
kann nicht schlafen.«
»Dann reiten wir weiter,« entschied der Frauenberger und war schon auf
den Beinen.
»Nein, nein,« bat Meinhard. »Es ist nur, ich möchte ein bißchen mit
Ihnen reden. Hernach werde ich gewiß ruhiger sein.«
»Dummer Bub!« knurrte der Frauenberger.
»Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern?« fragte
Meinhard.
Der Frauenberger blinzelte. »Zuerst wohl Tirol, dann Bayern,« sagte er.
»Und dann ist er gestorben?« fragte der junge Herzog.
»Ja,« antwortete der Frauenberger, »dann ist er gestorben.«
Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war
sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die
Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung.
Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es
mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im
Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge,
lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem
Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt
hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche
pfeifend in einen Winkel warf. »Jetzt aber aufs Pferd!« quäkte er.
Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die
elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden,
weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern
grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser,
durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die
Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur
mit Mühe weiterzubringen waren.
Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den
immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich
laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag
schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos,
selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen,
grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.
Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher
gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter,
grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem
Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich
im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war
da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.
Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe
Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei
Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen
könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich
nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend.
Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine
dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier
Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die
er morgen übersteigen mußte.
* * * * *
Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der
Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er
imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust,
ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten
hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in
Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren.
Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man
mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an,
den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu
hindern.
Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im
Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden,
bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der
Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte,
und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige
Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen
lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler
anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs
Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der
Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den
Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen
Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den
schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder
Freundsberg zu versuchen.
Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental.
Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft
verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte.
Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann,
überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein
Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und
still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter
Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und
unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man
durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still
und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten,
fahlfarbenen Bäume.
Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden
Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht
essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen
konnte. Nie wird er da hinauf- und hinüberkommen; man stand eingesperrt
in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende
der Welt.
Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg
sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus,
den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege
gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie
Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf
dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder
Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer,
unüberwindlicher starrte ihm die Felswand.
Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften
gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend,
aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen,
horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte
seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl
Alarm geschlagen. »Menschen oder weidendes Vieh,« sagte er gleichmütig.
Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.
Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine
Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von
dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte,
brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge
Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.
Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man
ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem
Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard
jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger.
Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen.
»Na, junger Herzog«? quäkte er. »Müde?« Meinhard sank erschöpft in den
Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte
scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon
abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher
zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen
doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch
ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche
allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der
Vorwand entzogen.
Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch
Meinhard zu trinken. »Wir müssen weiter, junger Herzog,« sagte er. Gab
ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.
»Ich kann nicht,« klagte Meinhard, als er mühsam stand. »Ich mag auch
nicht,« fügte er störrisch hinzu.
»So«? feixte der Frauenberger. »Na, dann nicht, Bub,« sagte er. Er
quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang
Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er
schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren,
dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor
Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren
Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig
der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig
grinsend, sagte: »Na komm, junger Herzog!«, löste langsam mit seinen
roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von
dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: »Adieu,
Bub!«, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief,
blieb liegen.
Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück,
deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg
zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie
warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren
Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog
Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand
er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den
rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf
die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten
Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den
zerschrundeten Toten.
Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte,
heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße,
unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in
stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken,
eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen
Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die
Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine
Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin.
Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete
hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht
übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen,
Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.
Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte
vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.
Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das
Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre
Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude
Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard.
Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her,
darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an.
Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres
Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden
wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie
so häßlich war.
Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald
nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten
Souverän zu geleiten.
Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in
feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an
den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken
läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger
barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter,
Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk,
während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame,
schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es
war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der
zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen.
Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte
keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.
Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob
sich von dem schwarzen Gewand die weiße Schminke. So schritt sie über
die Höfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der
Bahre, massig, in Rüstung, wuchtete der Frauenberger.
* * * * *
In München war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von
Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglücksfall, man
zweifelte höchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder
im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser Überzeugung Laut zu
geben. Nur der sensationslüsterne Florentiner Giovanni Villani, der
Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer
Feststellungen in München aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren
Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen
Herzogs als Tatsache. Er zählte sorglich disponiert und sich steigernd
alle Gründe her, die zu solcher Tat führen konnten und mußten, er
schrieb darüber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und
las es jedem vor, der es irgend hören wollte.
Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestürzung. An
eine Lösung von so schlichter, zynischer Brutalität hatte niemand
gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und
Friedrich einander an. Er hätte den Frauenberger wegschicken müssen,
hätte München nicht verlassen dürfen, solange jener da war, sagte sie.
Er sagte, sie hätte Meinhard besser müssen überwachen lassen; kaum sei
man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drüber, auf niemanden
sei Verlaß. Herzog Stephan stand ziemlich unglücklich zwischen ihnen. Er
hatte es ja gewußt, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war
ihm nicht vergönnt, Wittelsbach wieder groß zu machen in der
Christenheit. Als sie sich müde gestritten hatten, kamen sie überein,
vorläufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten;
die Grenzen zu entblößen und nach Tirol vorzustoßen, fühlten sie sich
militärisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen,
dort vorfühlen.
Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schloß Tirol ein. Am gleichen
Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond
saß sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellweiß
geschminkt, die Hände, den unförmigen Hals schwer von leuchtenden
Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr
liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniöser Stimme,
daß sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem
Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie süß und
unbefangen an, dies sei eine selbstverständliche Pflicht gewesen nach
dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem
Toten besonders nahegestanden. Sie könne der Herzogin nicht schildern,
wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung
erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weißen, breiten, mächtigen,
geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den
Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zögernd, denn sie sah Tote nicht
gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer
schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend
aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wölkte der Weihrauch, silberne
Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mächtige
Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Fürst, gräßlich
zerschrundet und entstellt stierte aus der Rüstung sein friedfertiges,
dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewürz
stieg ein übler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte,
verfärbte sich. Margarete führte sie zurück.
Als die beiden Damen wieder am Kamin saßen, sagte Margarete leichthin:
»Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Gräfin
Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in München.«
Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend,
wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, äugte, wartete ab.
Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten,
konversationellen Ton, fuhr fort: »Sie haben Chretien de Laferte
geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Städte von Bayern
abhängig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem
Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines
Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bißchen
kühn, daß Sie zu mir nach Tirol gekommen sind?« Sie sagte das alles ganz
obenhin, sie lächelte mit ihrem wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund,
ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter
Liebenswürdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen
war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes.
Die saß da, starr, blaß. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« stammelte
sie.
»Es ist nett von Ihnen,« fuhr Margarete fort, »daß Sie von selbst
gekommen sind. Ich hätte Sie sonst einladen müssen; glauben Sie mir, ich
hätte Sie auf solche Art eingeladen, daß Sie gekommen wären.«
»Ich verstehe Sie durchaus nicht,« sagte, mit fahlen Lippen, Agnes.
»Ja,« brach Margarete plötzlich ab und stand auf, »Sie bleiben also mein
Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die
Vorbereitungen sind umständlich.«
»Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,«
sagte Agnes; sie war klein und ängstlich geworden, ihre Stimme
flatterte.
»Nichts da, nichts da!« sagte eifrig die Herzogin. »Sie bleiben. Waren
Sie und die Ihren nicht schon oft Gäste in Tirol?«
»Denken Sie nicht ans Fortgehen,« schloß sie, während sie Agnes zur Tür
geleitete. »Die Reise würde sehr ungemütlich werden.« Ein Diener brachte
die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor,
präsentierten die Lanzen, während sie die Schwelle überschritt.
* * * * *
Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt,
ein plumper Tanz.
Wie schade, daß jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wäre
gut und reizvoll gewesen, sie erst mühsam herzulocken, den Teig zu
kneten, ehe man den Kuchen aß. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schön
und dumm.
Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen
stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand
in das Weiche, Kalte, ballte es, ließ fallen, ballte von neuem.
Sie ganz klein machen, sie zerstören, sie in Staub zerpressen,
zernichten, zerdrücken, daß nichts mehr von ihr bleibt als ein
lächerliches Stück Verwesung. Sich anfüllen mit ihrer Angst, ihrer Not,
ihrem Elend, bis dann ihre Schönheit daliegt, stinkend wie drüben in der
Kapelle ihr Sohn.
Als nach einer Weile das dürre Fräulein von Rottenburg kam, hörte sie,
was sie seit Jahren nicht gehört hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer
dunkeln, warmen, erfüllten Stimme sang sie. Im Schnee saß sie und sang,
voll, hallend, aus ihrer wüsten Kehle.
* * * * *
Sie berief zunächst Schenna zu sich. Führte aus: Der Sturz, an dem
Meinhard sich zu Tode gestürzt, sei fraglos verschuldet durch die Gräfin
von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu
vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu
bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hänge
nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen
sie vorzugehen sei gefährlich. Man könne sie an Besitz, Macht, Einfluß
kürzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit.
Margarete, gereizt und nervös, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie
unpopulär sie sei. Schlimmer könne es nicht werden. Sie riskiere also
nichts.
»Doch!« erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere
sie. Offene, nur den Wittelsbacher fördernde Revolution riskiere sie.
Sie brach aus, verströmte: Unter keinen Umständen dulde sie länger die
Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig,
allen ruhigeren Erwägungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief
unbehaglich mit seinen langen, ungleichmäßigen Schritten hin und her.
Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht
verdrießlich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen
Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht möge sie gegen
Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil.
Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflußreichen Feudalherren.
Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren für
Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung
abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine
Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es
angemessen, daß Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle.
Alle verlangten, alle forderten. Es preßte Margarete das Herz ab,
knirschte ihr die Zähne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwürfig,
loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du
nicht, so kriegst du nicht.
Die Barone verständigten sich untereinander, glichen ihre Ansprüche aus.
Der Frauenberger überbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen.
Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun
Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold
von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der
Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen; Heinrich von
Kaltern-Rottenburg, Diepold Häl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die
auch als Richter in dem Prozeß der Gräfin von Flavon fungieren würden,
sollten die oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde des Landes bilden.
Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine
Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu
entziehen, mit keinem auswärtigen Fürsten zu verhandeln, Bündnis,
Vertrag zu schließen. Auch solle sie keinen Minister absetzen dürfen;
schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die
Fürstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen.
Margarete saß über dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so
stark, daß die Schminke abbröckelte. Dies unterschreiben hieß: die
Städte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeißen, daß sie
ihre gierigen Zähne hineinschlügen, jeder sich ein Stück herausreiße.
Dies unterschreiben hieß: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe
kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die
Väter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt.
In ihren Gedanken war plötzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie
einmal gesehen in den Felsen von Schloß Maultasch. Es neigte sich viele
Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf.
Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Städte!
Hinunter, Nacken! Duck' dich der Arroganz der Vasallen! Es muß sein. Es
muß ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wäre sinnlos, jetzt die
Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie würde weiter
am Werk Margaretes nagen, es aushöhlen, verderben. Die Schöne war der
Wurm des Landes, alles Übel kam von ihrer frechen, geilen Schönheit. Sie
muß hin sein, sie muß getilgt sein, sie muß aus dem Licht, sie muß weg
von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da
ist.
Wenn sie sich aufriß vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden
gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur
der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt
war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand
entzwei, was sie mit Nöten, Demütigungen, Preisgaben geschaffen, von
deren Qual und böser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande
war. War das gerecht? War es gerecht, daß das Leere, Dumme, Schlechte,
Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt,
sie überdeckte, keinen Raum ließ für das Erfüllte, schmerzhaft Wissende?
Das konnte Gott nicht wollen. Das mußte ausgekämpft sein. In einem
wohlig schmerzhaften Krampf spürte sie, wie sie selber mit der Schönen
verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein
Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen
Einsatz, keinen Kompromiß. Es mußte ausgetragen sein.
Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem
Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den
Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: »Lumpen!
Erpresser!«
Der Frauenberger erwiderte gleichmütig, jovial: »Ja, Herzogin Maultasch,
billig sind wir nicht.«
Dann unterschrieb sie.
* * * * *
Agnes, als sie allein war, saß in großer Schwäche erschöpft nieder. Was
denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich
lächelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf
gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbuße und ein Schlag für die
Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag für sie selber.
Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem kühnen,
unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff
sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen
konnte, ihren Triumph zu krönen.
Ganz allein und verloren saß sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt,
sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefühl kroch sie an, das sie all
ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnürte sie. Sie war
immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand
gehabt, hatte immer Männer hin und her geworfen nach ihrem Gutdünken.
Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie
wollte. Angst und Kälte überdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren
nicht mehr kühn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rücken
erschlaffte, ihre weißen Hände runzelten sich, ihr glattes Gesicht
zerknitterte in kleine, steife, spröde Fältchen.
So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schürte das Feuer
neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, aß, wurde
warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein
zu sehen, gedemütigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen,
ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land für sie? Weil
sie häßlich ist, will sie, daß sie sich feig erweise. Sie denkt nicht
daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten
lässig und kühn wie immer. Sie aß mit Appetit, verlangte zum zweitenmal,
scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange.
Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergnügt, Bonbons
lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte
sich über die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich,
so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er
tätschelte sie. Er blinzelte, meinte väterlich, er habe es ihr doch
rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es
werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch
komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange
der Spaß noch dauern solle. Der Albino quäkte, man werde sie wohl vor
ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man möge das recht bald tun,
es sei so langweilig auf Schloß Tirol. Auch möge man ihr die Zofe
schicken und ihre Schneiderin, daß sie vor Gericht in einem
entsprechenden Kostüm erscheinen könne. Er sagte, sie brauche nur zu
befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte.
Die Herzogin ließ es sich angelegen sein, das hohe und heimliche
Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten.
Drei Gemächer ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die
Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saßen schweigsam,
dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft.
Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das für einen Empfang, eine
kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie
war überzeugt, daß die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, daß
der umständliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei,
sie ängstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schöne,
sich klein erweise vor der Häßlichen. Nein, sie war durchaus nicht
gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun.
Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollführer fungierte, verlas die
Anklage. Die Gräfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen,
auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schädlichem Sinn
einzuwirken. Als der junge Fürst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich
ihrem Einfluß zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen
und wohlmeinenden Untertanen ihre Pläne zu vereiteln drohte, habe sie
sich mit Gewalt seiner zu bemächtigen versucht; über welchem Versuch der
Herzog zu Tod gekommen sei.
Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmögende Herren einfache
und klare Tatbestände so schlimm mißdeuten könnten. Ja, sie sei mit dem
jungen Fürsten in gutem, herzlichem Einverständnis gewesen, wie auch
sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewürdigt habe.
Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen
Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin,
dem Fürsten und seinen Ländern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach
Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige
Ankunft in München melden ließ, reitende Boten nachgeschickt mit einem
Brief, daß unter solchen Umständen seine Rückkehr nach München ratsam
sei. Leider hätten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies
alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine große Sünderin, schloß sie
lächelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer
demütigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung
gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen
dürfte.
Sie gab diese Erklärung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten,
schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll saß sie in ihrem
schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern.
Margarete sagte, sie habe, in München, die Gräfin von Flavon
aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Gräfin
habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie
mißverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die
Reiter der Gräfin hätten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt,
den Herzog mit Gewalt nach München zurückzuführen. Alle schauten auf den
Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mußte. Er sah
unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklärte, die Aussage der Reiter, wenn
sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger
grinste.
Die Herzogin saß da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene
Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein
Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat
sie den Mund auf, sprach. Mit gleichförmiger Stimme sagte sie alles
heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie für das Land in den
Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis
zur Isar, überall sei diese Gräfin von Flavon gewesen und habe gehindert
und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht.
Sie sprach von den Städten und von ihren Maßnahmen und wie diese Gräfin
von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren
Finanzverordnungen und wie diese Gräfin von Flavon den welschen Bankier,
den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben.
Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Gräfin von Flavon
dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den
Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut.
Langsam aus ihrem wüsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche
Worte. Sie fielen gleichmäßig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie,
unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, daß sie farblos
dasaß und erbärmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die
Herzogin zu Ende war, man hörte die Scheiter im Kamin knistern, die
Herren hockten da, trist und grau und gebeugt.
Agnes sagte, sie habe nie Einfluß gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man
sie gefragt habe, und da nur zögernd, sie habe nie jemandem einen Rat
aufgedrängt. Sie merkte, daß ihre Worte zu Boden fielen und keinen
überzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht,
stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie
eine Sünde begangen habe, dann nur die, daß sie auf der Welt sei. So
habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslösche, könne sie
nicht hindern, daß man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde.
Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol
hörte zu kritzeln auf. Mit seinen müden, grauen Augen schaute Schenna
sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von
Tübingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmütige Berchtold
von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rötlichen Augen blinzelte
der Frauenberger. Diese ihre Worte, das spürte Agnes, waren nicht zu
Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt,
hochgehoben mit beiden Händen, den Männern hingehalten, stolz, vor der
Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie genoß ihre Wirkung, atmete,
genoß.
Da sah sie, daß auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der
Schönen tauchten tief in die braunen der Häßlichen. Und Agnes sah, daß
Margarete lächelte. Ja, ein kleines Lächeln zerschnitt das grellweiß
geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht gekünstelt, es war
echt. Da wußte Agnes, daß jene vorgesorgt hatte, daß ihr Triumph im
vorhinein vergiftet, daß sie verloren war. Sie begann plötzlich zu
zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mußte sich
setzen.
* * * * *
In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, überraschend die
Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei,
leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch
werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise,
tiefe Lächeln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder
jenes peinliche, fröstelnde Gefühl gekrochen, das sie früher nie gekannt
hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, riß sie sich sogleich zusammen,
erhob sich höflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen.
Margarete sagte: »Sie haben angedeutet, Gräfin, daß zwischen mir und
Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Fürstin gegen die
Untertanin, die sich auflehnt und das Land schädigt. Begreifen Sie doch,
daß ich gar nichts anderes sein kann als die Fürstin; denn das
beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes.« Sie
sagte das leicht, selbstverständlich, überzeugend, mit großer Hoheit.
Agnes hörte aufmerksam, höflich zu. Sie verstand nicht, was die andere
meinte. Sie verstand nur: »Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich
aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach muß ihre
Position sein! Sie spürt, daß sie die Unterlegene ist. Sie will mich
übertölpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch
verspricht, nein sagen.«
Margarete sah, daß die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von
einer neuen Seite. Müde, ein bißchen ungeduldig, doch versöhnlich sagte
sie: »Sie haben Erfolge gehabt, Gräfin. Ich gönne sie Ihnen. Freuen Sie
sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen
Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewähr haben, daß Sie Tirol nicht
weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre
Unterschrift, daß Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwören Sie
auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Tätigkeit zu
enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen
zurück an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.«
Da war sie, die Schlinge. Agnes höhnte innerlich: »Nie wird sie es
wagen, mich zu töten. Und für so dumm hält sie mich, daß sie sich ihre
Feigheit von mir bezahlen lassen will.«
Sie sagte: »Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Daß ich
auf der Welt war, daß ich da war, das war wirklich meine ganze
politische Tätigkeit. Sie können mich schwören lassen, was Sie wollen.
Sie können es nicht verhindern, und ich kann es nicht, daß ein Mann,
wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der
Ihren.« Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen
glitten über sie, beredt, abschätzig, höhnisch. Verhöhnten den wüsten,
äffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhängenden Backen, das in
vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie
spähten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spöttisch die
spröde, warzige, bröckelnde Haut.
Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mühe ihre
maßlose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht
echt: »Lassen Sie es meine Sorge sein, Gräfin, zu beurteilen, ob es
nötig ist, Sie auszulöschen. Ich glaube, Sie überschätzen sich. Mir
genügt es, wenn Sie die verlangte Erklärung unterzeichnen.«
Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie spürte es
selbst. Und hoch, triumphierend, genießend spürte es Agnes. Sie war
jetzt ganz gewiß, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen.
Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Daß sie eine Närrin wäre!
»Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,«
sagte sie, den konventionellen Ton süßen, spitzbübischen Bedauerns ganz
auskostend.
Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das
Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht muß sie, von der Erde weg
muß sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete,
schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes,
getroffenes, häßliches, trauriges Tier. Leicht, höflich geleitete sie
Agnes.
* * * * *
Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen.
Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu
intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen
Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert
seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit,
Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land
drang.
Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes
glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich
heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine
Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und
Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche
werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden.
Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie,
sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der
Bestattung Meinhards.
Sie sagte still: »Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen
sein, Schenna.«
Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein
Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer
schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf.
Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als
Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es
Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen,
das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht
den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf
zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was
also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach.
Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief.
Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein
Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile
beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die
Maultasch. Ja, log er -- Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt --,
er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn
leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig
zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den
Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er
machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps,
den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg
rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den
Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage
nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.
Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft.
Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer
tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie
erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln?
Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig.
Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den
Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den
Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt.
Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des
Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von
Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung,
soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.
* * * * *
Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hörte, spürte eine dumpfe,
lähmende Leere. Sie war angefüllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt
wich das alles aus ihr, zurück blieb eine leere Hülle.
Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Hätte sie sich
nicht eigentlich frei fühlen müssen, leicht, schwebend, beglückt, nun
die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr
gefährdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose
Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen.
Feierlich zum Tod geführt hätte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich,
ein kleines, lächerliches, verworfenes Stück Mensch bin ich, und du bist
die Fürstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwählte. Ihr Tod war
nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man
sie höhnisch und frech um Haß, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die
Verhaßte vor der Nase weggeflüchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen
konnte. Jämmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war
davon, emporgeflogen, leicht, lächelnd, unbesiegt.
Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht?
Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Väter und ihr
eigenes, schmählich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der
wölfischen Barone. Und jene davon, höhnisch, lächelnd.
Mit unflätigen Schimpfworten übergoß sie den Frauenberger. Der feiste
Mann stand breit, gelassen, unberührt. An seinem nackten, rosigen
Gesicht prallten die Flüche ab wie Wasserspritzer.
Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zügelnd, die sonst so beherrschte
Stimme heiser, ungleichmäßig, aussetzend, verlangte sie, sofort müsse
Prozeß und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden.
Geschehe das nicht, werde man diesen plötzlichen Tod ihr zur Last legen.
Einhellig, mit allen Kräften widersetzten sich die Minister. Die meisten
glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem
dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich empört über die
frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der
verhaßten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefällige
Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der
Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise
gerechtfertigt; es zeigte sich klar, daß man sich gegen diese maßlose
und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im
übrigen waren sie sehr erleichtert durch die jähe Lösung des Konflikts
und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen.
Quäkend, unverhohlen, schneidend klar faßte der Frauenberger ihre
Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die
Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die
Verderberin tot, aus dem Weg geräumt. Mehr habe doch die Fürstin nicht
gewollt, nicht wollen können. Es sei unchristlich, über den Tod hinaus
zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall
losbreche. Der von Matsch führte aus: Ja, natürlich erlaube sich das
Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen
Informationen da und dort infolge des Todes der Gräfin zu
Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter
der Fürstin stünden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht
fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde
sie öffentlich stäupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen.
Infamiere man aber die Tote, dann werde die Empörung so allgemein sein,
daß er für nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem
Ringen zu der Überzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig,
brachte in mühsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot.
Teurer als mit dem Leben könne vor irdischen Richtern niemand seine
Schuld bezahlen. Das Gedächtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer
so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich
verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei.
Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen dürren Fingern
nervös den Tisch, schwieg.
Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten
erklärte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige
schuldig, sie bestehe darauf.
Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie
zeigten die Zähne, erklärten, niemals würden sie die erforderliche
Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von
Meuterei, Empörung. Die Minister erwiderten, sie nähmen diesen Vorwurf
ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse
des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor
die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewiß.
Margarete mußte sich fügen.
Sie wütete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die
Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu müssen!
Wie schamlos hatten sie sie übertölpelt! Sie um das Land geprellt und
sich dann mit übler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner,
Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden.
Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhänger der Agnes, und der
Habsburger war zu klug, um sich durch Maßnahmen gegen die Tote von
vornherein unpopulär zu machen.
Sie wagte einen äußersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie
setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, daß sie
zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der
toten Agnes, mußte der Bestattung des Landesfürsten fernbleiben.
Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr
und der Toten.
Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert saß sie auf Schloß Tirol,
wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wußte
sie so gut wie alle, daß Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, daß
der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr
erreichbar.
Die Herren des Kabinetts verständigten sich, wer an der Bestattung des
jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen
überein, jedem einzelnen Entschluß und Verantwortung für sich zu
überlassen. Die meisten beschlossen, zur Gräfin von Flavon zu gehen.
Hatten sie nicht die Hände rein von diesem Blut? Warum sollten sie es
nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von
Tübingen, der redliche, schwerfällige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu
bleiben.
Jakob von Schenna saß spät abends noch wach. Aber er las nicht in dem
Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem
steifen, ungleichmäßigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein
und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm
gleichgültig. Die Meinungen und Wallungen des Pöbels kümmerten ihn
nicht, und er hatte für seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in
Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von
je erregt; er rührte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten
und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte
sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen
lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht.
Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhänge.
Margarete, die Fürstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen,
es war ein Segen für Tirol, daß sie weg war. Aber hatte Margarete die
Fürstin den Schlag geführt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben
müssen, weil sie das Land schädigte, oder weil sie schön war? Er wagte
nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewiß: Agnes war die schönste Frau
gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er
vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden?
Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht
recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wüsten Mund
hingenommen, ihre Hängebacken, ihre ganze, arme Häßlichkeit. Ihren Haß
gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefühl stellte
sich gegen sie. Man mußte Zeugnis ablegen für die Schönheit. Er wird
nach Taufers gehen.
* * * * *
Vom Pustertal her über Bruneck goß es sich in das Tal von Taufers.
Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen
Schnee mühselig stapfte es heran, bald war eine Straße getreten. Unter
dem freien, bestirnten Himmel nächtigte es in der scharfen, klaren
Kälte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue
Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mühsal und Gefahr des
Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwünschungen
der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die
wüste Teufelin die sanfte, süße Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt
in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wächsern, eine bunte,
schöne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr
verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Bürger, aber
alle andächtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender
Empörung gegen die Herzogin.
Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard,
letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren
geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten.
Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde
Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die
letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da?
Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht?
Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg
Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.
Auch Schenna.
Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang
durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den
Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde
gewechselt werden.
Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle.
Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung
scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal,
das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht.
Auch Schenna.
Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie
rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was
alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer
glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der
Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche,
berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt
sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt.
Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte
sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht.
Auch Schenna.
Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt.
Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war
tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.
Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank
der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft.
Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die
Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer
standen steif, unbehaglich, fröstelnd.
In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An
riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die
scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem
Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und
Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In
der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses
Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in
überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten
Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die
Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt
von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden,
gebratenen Fleisches und flutenden Weines.
Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif
saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an
der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der
Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen
den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu
Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer
Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei
Stunden lang.
* * * * *
Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu
tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus,
den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf.
Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien,
Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden
gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch
dieses Kabinett der Maultasch.
Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die
Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und
Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die
Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von
Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem
Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders
zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal
am Eingang ins Schnalser Tal.
Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen
schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre
Naivität, die Hände rein.
Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte
sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und
sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege
Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz
trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb
Cavalese.
Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im
Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und
verschenkt.
* * * * *
Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf
Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten
sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen
Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären
folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei
Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau
wieder eine menschliche Siedlung erreichten.
Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein
Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte.
Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier
eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen
Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk
meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod
entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf,
so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen.
Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich
um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der
Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem
Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach
Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in
den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der
Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über
den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers
unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen
Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam
nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der
Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.
Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein
Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen
Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein;
sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in
Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze
zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das
Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll
Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten,
verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten,
sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben
konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse
abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom
Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von
seinem persönlichen Auftreten.
Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums.
Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl,
verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf
vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes
Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt,
daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und
Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben.
Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und
widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu,
einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und
Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige
Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In
Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche
Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher
Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger
nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute
gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen
Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er
sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht
bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich,
vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne
damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch
auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und
unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen
Hausprivilegien anzuzweifeln.
Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die
schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er
in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.
Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien
durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen,
lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige,
entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem
starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf,
hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.
Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte.
Der Frauenberger sagte sich: »Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es
wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß
vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht
mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein
Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab' auch so genug
beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß
schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier?
Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird.
Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.«
Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den
Gelenken, schlief.
* * * * *
Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die
Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch
mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten
Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von
Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer
Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so,
daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust
ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu
nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine
feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren
würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im
Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob
Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus
Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des
Landes abtreten wolle.
Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite,
wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf
dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.
Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete,
setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken.
Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig
gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen
Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es
werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie
persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und
herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.
Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor
sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem
Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben
und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen.
Margarete sagte mit rostiger Stimme: »Es bedarf weiter keiner
Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie
folgerichtig Ihre Gedanken sind.«
Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die
geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ
fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer
Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das
Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.
Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen
Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor
ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf
ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren
Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.
* * * * *
Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der
Herzogin. Margarete erklärte darin, infolge besonderer Umstände und der
Schwäche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land
so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst
nach Gebühr zu schützen. Nach dem Rat ihrer Minister und der
Repräsentanten des Volkes überantworte sie daher ihre würdigen und edeln
Grafschaften zu Tirol und zu Görz, die Lande und Gegenden an der Etsch
und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen,
Klausen, Städten, Tälern, Gebirgen, Märkten, Dörfern, Weilern, Lehen,
Höfen, Vogteien, Gerichten, Münzen, Mauten, Zehenten, Zöllen, Zinsen,
Steuern, Gefällen, Gehölzen, Gefilden, Wäldern, Huben, Weingärten,
Äckern, Seen, fließenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr
ganzes väterliches Erbe ihren lieben Vettern und nächsten Anverwandten,
den Herzogen von Österreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, daß
alle ihre Prälaten, Äbte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen,
Pfleger, Vögte und alle Behörden in Tirol und allerwärts in ihren
Ländern, dazu die ganze Bevölkerung huldige und schwöre für jetzt und
alle Zukunft den Herzogen von Österreich als ihren rechten Fürsten und
Herren.
Vornächst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und
des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fünften Meran, am
neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren
hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie
versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den
Wittelsbachern, mühten sich, den Norden gegen Habsburg zu
revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt
entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in
Lebensgefahr. Aber die Bürger von Hall hielten den Söldlingen der Barone
Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies
sich, daß die Städte entschlossen waren, ihn unter allen Umständen gegen
die Willkürherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten
unterstützten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage
später der Österreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo
Celsi, berichten: »Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir
in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater
her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und
anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straßen und Übergänge von
Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhöchsten, in
Unserer Hand.«
Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umständlichen,
verwickelten Geschäfte der Übergabe. Aber sie empfing nur die
notwendigsten Besucher, sprach kein Wort über das Amtliche hinaus.
Unauffällig dann, mit ihrem dürren Fräulein von Rottenburg und zwei
Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, daß
sie so klanglos und ohne Repräsentation davonzog. Er ordnete an, daß der
scheidenden Fürstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den
Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild
der Städte die geistlichen und weltlichen Behörden. Allein die Sänfte
der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhängen
erkannte man sie, die starr, reglos in der Roßbahre vorüberschwankte.
Scheu und neugierig spähte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank,
abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mörderin, die Männersüchtige,
Unersättliche, die Häßliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam,
schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und
klirrten unheimlich auf ihren Schlössern die zurückgelassenen Waffen?
Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr
Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren
nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid,
holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schöne, fette Gras nicht
fressen auf den Almen über Schloß Maultasch.
Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hörte sie, in der Sänfte vor sich
hinbrütend, eine kleine, spitze Stimme: »Leben Sie wohl, Frau Herzogin.«
Sie schrak auf, fragte das dürre Fräulein von Rottenburg: »Wer ist da?«
Das Fräulein hatte nichts gehört. Margarete spähte durch die Vorhänge.
Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande
der Straße, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin,
sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mützen, neigten sich
ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern
wurden ihr schlaff, die dicke, häßliche Frau sank schwer in sich
zusammen.
Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine
Ehrenkompanie aufgestellt, präsentierte die Lanzen. Sich senkende
Fahnen, Musik. Die Vorhänge blieben heruntergelassen, die Sänfte
schwankte über die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie außer Sicht war,
holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gemäß die schönen, schweren Banner
der Gräfin von Tirol herunter, gemächlich, gähnend, pfeifend, zogen an
ihrer Statt die neuen, nüchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten
Löwen Habsburgs.
* * * * *
Langsam ruderte die kräftige Magd das schwere, ungefüge Boot von der
kleinen Fraueninsel weg über den Chiemsee. Es war Mittag, sehr heiß, das
Wasser lag blaß, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der
Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte,
waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der
Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gerücht aufgebracht,
Margarete, Herzogin von Bayern, Markgräfin von Brandenburg, Gräfin von
Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse
sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im
Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt
lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt
würdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten
Einkünfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem
Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einkünfte der Feste Straßberg,
des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von
sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin hätte es mit
der jedes deutschen Fürsten aufnehmen können. Allein weder die
höflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate
des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken
können.
»Sie ist jeder Bewegung abgestorben,« klagte der Bischof auf lateinisch.
»Es kümmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von
dem Einbruch des Wittelsbachers erzählt, von der brutalen Einäscherung
und Plünderung des Inntals. Sie hört zu, als spräche man vom Wetter.«
Der See lag ganz still, weißlich flirrend, gleichmäßig tauchten die
Ruder. Der Uralte schwieg. »Dabei häufen sich ihre Einkünfte,« hub
wieder der Kanzler an. »Sie werden ihr pünktlich überwiesen, kein
Pfennig wird angetastet. Das Gold türmt sich in ihren Schlössern. Sie
muß unausdenkbar reich sein. Beim Herkules!« schloß er ärgerlich, »jener
Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter
Pasquillant.«
Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung
des Konkurrenten. »Recht spricht deine Eminenz,« sagte er mühsam,
zahnlos. »Wer hätte je gezweifelt, daß jener ein armseliger, niedriger
Schwätzer ist?«
Am Ufer der kleinen Insel, vernachlässigt, grellweiß geschminkt, unter
Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, saß die Herzogin, schaute dem
Boot nach. Es war ganz still, Mücken flirrten, ein Wasservogel schrie
verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der
heißen, unbewegten Luft. Das Boot rückte sehr langsam von der Stelle,
bog um die Spitze der vorgelagerten, größeren Insel, war nicht mehr
sichtbar.
Aus dem niedern, gelblichgrauen, besonnten Fischerhaus kam ihr dürres
Fräulein, holte die Herzogin zum Essen. Margarete stand auf, reckte sich
träg, ging mit ihrem schweren, schleifenden Schritt dem Haus zu. Der
Mund wulstete sich äffisch vor, die Backen hingen schlaff, riesig,
unförmig herab, die Schminke konnte die Warzen nicht verdecken. Das
dürre Fräulein, still, demütig, öffnete die ungefüge, niedere Tür vor
ihr. Wolkig drang der Geruch gebratener Fische heraus. Margarete
schnupperte ihn behaglich ein, ging ins Haus.