Ludwig gab den Blick zurück, schellte, befahl: »Die Frau Herzogin.«

Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Männer. Ludwig hatte keine

Heimlichkeit vor dem Freund; so wußte der genau, wie es zwischen ihm und

Margarete stand. Es stand aber so, daß aus Mißtrauen und Abneigung

langsam eine kühle, geschäftsmäßige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit

gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und

verlangte keine Sentimentalität. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht;

seine saubere, straffe, nüchterne Art war die einzige an einem Manne,

die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung

und Verkrustung gewöhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Häßlichkeit,

und es geschah ohne jeden verächtlichen Unterton, wenn er etwa im

Gespräch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche

nannte.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie

anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem,

braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von

Schminke und Puder, auch die Hände geschminkt. Der Markgraf legte ihr

die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lückenlos vor

allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor

sich den dumpfen, dröhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale

Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand

zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den

jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich

selber feig, schwer, tückisch in den kellerigen, widerwärtigen Winkeln

seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und

ohne Ausdruck. »Verhaften Sie ihn!« sagte sie.

Selbst der starre Konrad von Teck sah überrascht auf. »Sie sind eine

tapfere Dame, Frau Herzogin!« sagte er.

»Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete,« sagte der Brandenburger, »werden

sich Ihre Landsleute wohl beruhigen müssen, wenn ich ihn befolge.« Er

bat, auch sie möge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es.

Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen

gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die

Barone, zitternd jeder für sich selbst, schlossen sich zusammen; vom

Süden her wühlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von

Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen

Schritt. Anklage, Vermögenskonfiskation, Verhör, Tortur. Zum Urteil kam

es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land

raunte, übergraust, wollte sich empören, wagte es nicht, duckte sich,

schwieg.

Margarete saß am Putztisch, als sie die Nachricht von dem plötzlichen

Tod Volkmars erhielt. Das Fräulein von Rottenburg, das ihr Haar kämmte,

schnaufte, zitterte, ließ den Kamm fallen. »Mach' doch weiter!« sagte

Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmütig und ohne

Schwanken.

* * * * *

Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte

Land. Jakob von Schenna saß ihr gegenüber. Zu ihren Häupten an den

Wänden schritten die bunten Ritter.

Es tat wohl, die müde, gescheite Stimme Schennas zu hören. Seine hellen,

klugen, reinlichen, phrasenlosen Sätze waren wie ein laues Bad. Der

Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna

hatte die diplomatischen Würden, die goldenen Ehrenketten seinen Brüdern

Petermann und Estlein überlassen, er selber war wohl bereit zu raten;

doch ein Amt nahm er nicht an.

Er sprach vom Markgrafen, wie häufig. »Nein,« sagte er, auf die gemalten

Ritter weisend, »von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht,

denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein könnte, auch nicht an

eine Dame, die ein Riese hütet und die zu befreien wäre. Er überlegt,

wie groß der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die

nächste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu fördern. Die Zwerge

hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurückkehren,

solange er regiert. Auch wird er mit König Johann nie konkurrieren. Es

wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr

zu behaupten, die modischste Rüstung zu haben, möglichst oft in Paris zu

sein. Aber darauf sehen wird er, daß sein Name selten in der

Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, daß die Kaufleute

ihre Transporte in Sicherheit führen können, daß in den Städten feste,

redliche Behörden sitzen.«

Margarete schwieg. Ähnliches hatte Schenna schon oft geäußert. Es fiel

ihr auf, daß früher die gleichen Dinge in seinem Munde ironisch

geklungen hatten, ablehnend, während er jetzt fast mit Anerkennung von

diesen bürgerlichen Eigenschaften des Fürsten sprach.

Herr von Schenna blieb bei seinem Lieblingsthema. Die alte Zeit war

vorbei. Rittertum und Rittersitte war wohlfeil geworden und Attrappe.

Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen

und darauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt,

in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war

vielleicht schöner gewesen früher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war

verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des

kräftigen Einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge

verlangte, Speis' und Trank, forderte man von ihm -- Gotts Marter! --

Bezahlung. Nicht ihm gehörte die Zukunft, sondern dem Bürger, nicht der

Waffe, sondern der Ware, dem Geld. Mochten Herren wie König Johann noch

so herrlich herfahren über die Erde; was sie taten, blieb ohne Bestand.

Bestand hatte das kleine, langsame, sorgfältige, rechenhafte Gewerk der

Städte; sie bauten winzig, sie bauten ängstlich, aber sie bauten Zelle

an Zelle, schichteten Stein um Stein, unablässig.

Margarete war überzeugt von der Richtigkeit solcher Grundsätze. Hatte

sie es nicht an sich selber tief und grauenvoll erlebt? Was war Liebe?

Was waren Abenteuer? Das höhlte einen aus, zerrieb, machte wund und

leer. Gedanken, die sie früher schon gedacht, setzten sich tiefer,

wurden wesenhaft, mischten sich ihr ins Blut. Ihre Häßlichkeit war

Geschenk, der Wegweiser, mit dem Gott ihr den rechten Weg zeigte.

Rittertum, Abenteuer, das war bunter Schaum und Schein. Ihr Amt war, in

die Zukunft zu bauen. Städte, Handel und Handwerk, gute Straßen, Ordnung

und Gesetz. Ihr Amt waren nicht Feste und Fahrten und Liebe; ihr Amt war

nüchterne, ruhvolle Politik.

Sehr kam solchen Grundsätzen das Wesen des Markgrafen entgegen. Sie

erkannte genau, wußte, spürte, wie eng und pedantisch er war. Aber sie

achtete seine Tüchtigkeit und Verlässigkeit, gewöhnte sich daran als an

etwas Freundhaftes, schwer zu Entbehrendes. Die Gatten waren viel

zusammen, aßen zusammen, schliefen zusammen. Arbeiteten zusammen. Gutes

Einverständnis war von ihm zu ihr. Ihre Gedanken schmiegten sich

ineinander. Margarete regte an; aber so unmerklich, daß nicht zu

unterscheiden war: wer war Führer, wer geführt? Oft, im Gespräch mit

Konrad von Teck, sagte der Markgraf anerkennend: »Ja, meine Frau, die

Maultasche.« Bei alledem blieb Margarete im Innersten zugesperrt, ihre

Umkrustung war nicht zu durchbrechen, es blieb bei einer freilich großen

und ehrlichen Höflichkeit.

Im zweiten Jahr ihrer Ehe wurde Margarete schwanger. Ihr Wesen wurde

gelöster dadurch, ihre volle, dunkle Stimme klang wärmer; aber jene

Fremdheit und Starrheit fiel nie ganz von ihr ab. Sie blieb frei von

heftigen, überschwenglichen Begierden, gleichmäßig, ohne stärkeres

Gefühl. Sie sah, daß das Kind, ein Mädchen, weder schön noch häßlich

war. Es hatte die harte, eckige Stirn des Vaters und, Gott sei Dank,

seinen, nicht ihren Mund. Sie betreute das Kind sorglich, mütterlich,

pflichtbewußt, ohne Herzlichkeit.

* * * * *

Der Papst zog den Arm des jungen Markgrafen Karl von Mähren-Luxemburg in

den seinen, führte den Fürsten, eifrig auf ihn einredend, in dem

behaglichen Zimmer auf und ab. Draußen, über der weißen Stadt Avignon,

brannte helle, starke Sonne. Im päpstlichen Palast war es angenehm

dämmerig, nicht zu heiß. Der sechste Klemens, dunkles, starkes, sehr

repräsentatives Gesicht, die Konturen gehoben durch die bläulichen

Schatten des Rasierens, hatte ein zärtliches, pflegliches Gefühl für den

jungen Fürsten, seinen lieben, verständnisvollen, empfänglichen Zögling.

Der hatte ihm die Tiara, er jenem die römische Kaiserkrone vorausgesagt.

Ja, und nun war es an dem. Der Wittelsbacher, der tölpische Bär, hatte

zu gierig nach jeder Beute getappt. An dem letzten, übergroßen Bissen,

an Tirol, sollte er erwürgen und ersticken. Mochten die Kurfürsten, die

Städte des Römischen Reichs sich noch so vorsichtig und unbehaglich

gegen die Kontrolle der Kurie sperren; der üble Geruch, der von den

tirolischen Händeln ausging, stank allen so in die Nase, daß sie an der

Person dieses Usurpators Ludwig von Bayern doch wohl nicht festhalten

konnten. Ja, jetzt kam er angekrochen, der Wittelsbacher. Demütig

winselte er vor dem päpstlichen Stuhl, erkannte das lange Verzeichnis

seiner Verbrechen an, bot Unterschrift und Unterwerfung. Klemens

lächelte, faßte seinen jungen Schüler fester um die Schulter. Der Bayer

kam zu spät. Schon hatte er, Klemens, in feierlichem Konsistorium den

großen Kirchenbann über ihn ausgesprochen, schon das Kurfürstenkollegium

aufgefordert, zur Wahl eines neuen Königs zu schreiten. Wenn morgen sein

lieber Schüler Karl von Luxemburg an den Rhein fährt, nach Rhense, zur

Wahl, kann er die Gewißheit mitnehmen: der Papst hat alles getan, durch

Segen und Verdammung, seine Prophezeiung von der Kaiserkrone wahr zu

machen.

Wenige Tage später gab denn auch die Majorität der Kurfürsten dem

Luxemburger ihre Stimmen. Von den fünf Fürsten, die für ihn stimmten,

war der erste sein Vater, der zweite sein Oheim, der dritte ein

Erzbischof ohne Stift und Land, der vierte und fünfte durch viel Gold

erkauft.

Karl, nachdem ihm der Vorsitzende des Kollegiums, der Erzbischof Balduin

von Trier, das Ergebnis der Wahl verkündet hatte, nahm die Umarmung

seines Vaters, die Glückwünsche der Kurfürsten entgegen. Sandte einen

Eilkurier an den Papst. Dann, allein, breitete der lange, hagere Mann

die Arme, atmete. Erwählter Deutscher König, Römischer Kaiser bald. Er

war nicht wie sein Vater, der Blinde, der Ritter. Er wird nicht glänzen,

alles, wie er es an sich gerafft, verstreuen. Er wird haben, halten,

besitzen. Er war aber auch nicht wie der Bayer, der Langsame,

Pedantische, Bürgerliche. Burg _und_ Stadt, das war es, Militär _und_

Verwaltung. Nicht Territorien allein erraffen, was ist das groß? Sie

beackern, sie durchkneten. Kirche, Kunst, Wissenschaft, Städtebau.

Sammeln, häufen, pflegen. Alles sammeln und pflegen: Länder, Städte,

Titel, Schlösser, Gelehrte, Reliquien, Kunstdinge. War er eitel? War er

habgierig? Nein, dies war wohldurchdachte, wohlerkannte Fürstenpflicht.

Der hagere, sehnige Herr setzte sich an den Schreibtisch. Notierte sich

Richtlinien, entwarf ein Schema, einen Kanon seiner Regierung.

Disponierte wissenschaftlich Tugenden, Erfordernisse, Pläne. Teilte sie

ein: Ziffer eins, zwei, drei. Arbeitete viele Stunden, tief in die Nacht

hinein.

Überlas das Geschriebene. Stak in all dem nicht doch ein bißchen

Eitelkeit? Er war fromm, Eitelkeit war Sünde. Er wird büßen. Er sammelte

leidenschaftlich Reliquien: Dornen aus der Krone Christi, Kleider,

Schädel, Arme von Heiligen. Aus Pavia hat man ihm die Überreste des

heiligen Veit angeboten. Der Heilige war viel zu teuer. Er wird, zur

Buße, diese Reliquien trotz der Übervorteilung erstehen.

* * * * *

Vor Margarete stand ein kleiner, fetter, zappeliger Mensch, war sehr

unterwürfig, sprach gaumig glucksend. Nannte sich Mendel Hirsch. War

Jude. War während der Verfolgungen durch die Brüder Armleder aus dem

Bayrischen nach Regensburg geflohen, dort von der Bürgerschaft geschützt

worden. War aus den hundertundsiebenundzwanzig Gemeinden, in denen

damals die Juden erschlagen worden waren, einer der wenigen Entkommenen.

Jetzt hatte er einen Schutzbrief des Kaisers, vorsichtshalber auch einen

des Gegenkönigs Karl.

Die Herzogin hatte niemals einen lebendigen Juden aus der Nähe gesehen.

Aufmerksam, mißtrauisch, leicht angewidert, beschaute sie den dicken

Mann, der in braunem Rock und spitzem Hut vor ihr herumagierte, rasch

sprudelnd, gurgelnd, possierlich zappelnd. So also schauen die aus, die

Hostien schändeten, unschuldige Kinder gräßlich marterten, das von Gott

verfluchte Geschlecht, das Gott gemordet hat. Sie hat oft von den

fremden, unheimlichen Menschen gehört, erst unlängst, anläßlich der

letzten Judenmetzeleien, mit dem Abt Johannes von Viktring eingehend

darüber gesprochen. Der hatte die Verfolgungen weder gutgeheißen noch

sie mißbilligt. Es erfüllte sich eben an dem geschlagenen Volk die

uralte Verwünschung, die es sich mit eigenen Lippen herabgeflucht: »Sein

Blut über uns und unsere Kinder!« Der Abt zuckte die Achseln, zitierte

einen antiken Klassiker: »Weh Unseligem mir! Viel fürcht' ich, weil viel

ich verbrochen.«

Margarete fand diese Lösung ein bißchen zu einfach. Gewiß, ein Mann, der

so eine Judenverfolgung anfachte, mochte aus Eifer für die Sache Gottes

handeln. Vielleicht. Sicher war, daß er viel daran verdiente. Denn gab

es ein probateres Mittel, den jüdischen Gläubiger loszuwerden, als ihn

totzuschlagen? Warum, wenn es nützlich und gemäß war, sie zu vertilgen,

setzten sich just die weisesten geistlichen und weltlichen Herrscher für

sie ein? Die Gesetze des zweiten Hohenstaufenfriedrich, die Bullen des

vierten Innozenz bewiesen eine sehr andere Auffassung als die ihres

wackeren Abtes. Und der jetzt regierende Klemens -- er war ihr Feind,

aber verflucht gescheit -- warum stellte sich der so breit und schützend

mit Bullen und strengen Gesetzen vor sie hin?

Sie schaute auf den kleinen Mann, der sich vor ihr abarbeitete. Er

erzählte von dem Jämmerlichen, was er durchgemacht. Wie man seine Leute

in ihre Bethäuser zusammengetrieben und verbrannt habe, andere in Säcke

gesteckt, mit Steinen darin, und elendiglich im Rhein ersäuft, wie man

sie verstümmelt, gemartert, erwürgt, Frauen vor den Augen ihrer

angepflockten Männer geschändet, aufgespießte Kinder wie Fahnen aus den

Fenstern brennender Häuser gehängt habe. Er erzählte das hastig, mit

vielen saftigen Einzelzügen, gestikulierend, seine bunten, gurgelnden

Worte überkugelten sich, er lächelte entschuldigend, anklagend,

resignierend, streute spaßige Sätze in seine Erzählung, rief Gott an,

strähnte nervös seinen mißfarbenen Bart, wiegte den Kopf. Die Herzogin

hörte ihm schweigend zu; in einer Ecke hockte Herr von Schenna, in

schlechter Haltung, betrachtete aufmerksam den kleinen, eifrigen,

possierlichen Mann.

Mendel Hirsch bat, sich in Bozen niederlassen zu dürfen. Er war auf dem

Weg nach Livorno zu Glaubensgenossen. Aber jetzt, beim Anblick der

aufblühenden Städte und Märkte Tirols, war ihm beigefallen, hier sei

besserer Boden, neuerer. »Transithandel, gnädigste Frau Herzogin!« sagte

er. »Transithandel! Messen! Märkte! Hier führten die großen Straßen von

der Lombardei nach Deutschland, von den slawischen Ländern in die

romanischen. Warum sollten Trient, Bozen, Riva, Hall, Innsbruck,

Sterzing, Meran schlechter sein als Augsburg, Straßburg?« Schon seien

die Bischöfe von Brixen und Trient geneigt, Juden in Schutz und Privileg

aufzunehmen. Er werde mit gnädiger fürstlicher Erlaubnis den Handel hier

rasch hochbringen. Geld ins Land, viel Geld, großes Geld. Er verfüge

über Kapital in beliebiger Höhe. Bediene kulanter als die Herren in

Venedig und Florenz. Er werde Wein, Öl, Holz exportieren; Seide,

Pelzwerk, Schwerter einführen, spanische Wolle, Juwelen, maurische

Goldarbeit; aus dem slawischen Osten Felle, vor allem auch Sklaven. Die

brauche man hierzulande nicht? Man habe genügend leibeigene Bauern?

Nicht? Also nicht. Aber Glas, das brauche man doch, sizilianisches Glas,

er habe ausgezeichnete Verbindungen. Und gefärbtes Tuch brauche man

auch. Und Zimt, Pfeffer, Gewürz. Er werde schon machen. Man möge ihn nur

machen lassen.

Margarete sagte, sie werde seine Bitte in Erwägung ziehen. Als er fort

war, überlegte sie mit Schenna. Dem gefielen die Projekte des Juden

sehr. Gewiß solle man ihn hereinlassen, ihn zu halten suchen. Das sei

die neue Zeit, das bringe Leben ins Land. Beim Turnier freilich werde

Herr Mendel Hirsch keine gute Figur machen, die Barone, wohl auch die

Bürger, würden die Stirn runzeln. Aber just wegen dieser faulen

Überheblichkeit solle man dem trägen Volk den raschen, beweglichen Mann

in den Pelz setzen.

So kam also der Jude Mendel Hirsch nach Bozen. Er kam mit einem Gewimmel

von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln; auch

drei Säuglinge waren dabei und eine uralte, mummelnde Großmutter. Das

kribbelte mandeläugig, flinkfüßig, vielwortig durch die Straßen Bozens,

beschaute die bunten, stattlichen Häuser, Mauern, Tore, Plätze,

Menschen, schätzte ab, urteilte mit raschen, lauten Worten und Gesten.

Man kann nicht sagen, daß die Bozener Bürger den Juden Mendel Hirsch

gerade begeistert aufgenommen hätten. Es bedurfte vielmehr erst der

strengen Vermahnung des Markgrafen -- der wie sein Vater, der Kaiser,

die Juden als städteförderndes Volk schätzte und begünstigte --, bis sie

ihm überhaupt nur Unterkunft gewährten. Und auch dann behandelten sie

ihn denkbar grob und mißtrauisch, riefen die Kinder von den Straßen, wo

er ging, wischten sich die Ärmel, wenn sie ihn angestreift, riefen ihm

Schimpf- und Spottworte nach, bewarfen ihn hinterrücks mit Kot. Der

kleine, fette, bewegliche Mann tat, als sehe und höre er nichts, putzte

sich ab, wenn man ihn besudelte, lächelte, strähnte sich den verfärbten

Bart. Trieb man es zu arg, wiegte er den Kopf, machte: »Nu, nu!« Er

blieb immer gleich unterwürfig, kam wieder, wenn man ihn davongejagt

hatte. Kaufte sich ein Haus, noch eines, ein drittes. Waren kamen für

ihn, stapelten sich, fremdartige, schöne, in einer Fülle, wie man sie

nie gesehen, nicht zu teuer. Er kaufte, was man ihm anbot, prüfte rasch,

sicher, hatte immer Geld, zahlte bar. Die eingesessenen Kaufleute

machten scheele Gesichter, die übrigen Bürger gewöhnten sich an den

Juden, schimpften wohl noch, aber mehr aus Gewohnheit, ohne Überzeugung.

Wenn Mendel Hirsch besonders schöne neue Waren hatte, Tücher, Pelze,

Juwelen, brachte er sie zuerst der Herzogin und Herrn von Schenna. Beide

unterhielten sich gern mit dem flinken, weltbefahrenen Mann, der Wege,

Waren, Menschen, Zusammenhänge gut kannte und aus sehr anderem,

ungewohntem Gesichtswinkel sah. Er schnitt, kam man ihm in ernsthaftem

Gespräch mit großen Worten, ein bitteres Gesicht; für Ritterlichkeit,

Turnier, Fahnen und dergleichen Dinge hatte er eine gutmütige,

schmunzelnde Verachtung, die Schenna ergriff und erheiterte. Er sagte:

»Wozu immer klirren und recht haben? Ein bißchen Billigkeit, und allen

ist geholfen.« Er wurde nervös und ängstlich vor Lanzen, Spießen,

Rüstungen. Einmal, als er bei der Herzogin angesagt war, kam er nicht,

weil viel Kriegsvolk unterwegs war. »Er ist feig,« sagte Margarete.

»Gewiß,« sagte Herr von Schenna. »Mit einem Schwert tut er höchstens

sich selber weh. Aber er geht allein und ohne Waffen herum unter einem

Volk, das ihn anhaßt, und seine ganze Rüstung ist der Schutzbrief des

Markgrafen.«

Margarete erfuhr, daß er Abend für Abend in seinen krausen, hebräischen

Büchern las, seine Kinder darin unterrichtete. Sie hörte von seinen

seltsamen Gebräuchen, Gebetmantel, Gebetriemen, anderer Kost. Sie fragte

ihn nach Einzelheiten. Er wich höflich und entschieden aus. Dies gefiel

Margarete. Er war häßlich und besonders. Er war umkrustet. Sie war die

Maultasch, er der Jud.

Allmählich kamen mehr Juden ins Land. Nach Innsbruck, Hall, Meran,

Brixen, Trient, Rovereto. Alle mit vielen mandeläugigen Kindern. An die

zwanzig Familien. Geld floß herein, die Städte wurden größer, üppiger,

die Straßen besser, neue, fremde Stoffe, Früchte, Gewürze, Waren drangen

ein. Das Land in den Bergen lebte reicher, behaglicher.

Die Woche über trieben die Juden vom frühen Morgen bis in die tiefe

Nacht hinein ihren Handel. Kein Geschäft war ihnen zu gering, sie

warteten stundenlang, unermüdlich, für jeden. Sie nahmen alle

Demütigungen hin, bückten sich, wehrten sich nicht, trat man nach ihnen,

spie man sie an. Aber am Freitagabend schlossen sie sich ein in ihren

Häusern, waren ihren Sabbat über für niemand, auch für den größten Herrn

nicht und für den wichtigsten Handel nicht zu sprechen. Das Volk stand

vor ihren versperrten Türen, drohend: »Da treiben sie ihre Hexerei und

verfluchte Hantierung. Zauberwerk, ruchlose, gottverdammte Kunst.« Doch

die Juden ließen sich die Drohungen nicht kümmern, hielten Türen und

Fenster gut zu.

Mendel Hirsch pflegte an solchen Tagen viele festliche Lichter

anzuzünden, den braunen Rock und den spitzen Hut mit schönen Kleidern

aus alten Stoffen und prächtigen Mützen zu vertauschen, auch seine Frau,

seine Töchter und Schwiegertöchter zogen sich prächtig an. Dann sang er

mit seiner häßlichen, gaumigen Stimme Psalmen und Gebete, und seine

Kinder sangen mit. Er ging und saß in seiner Wohnung herum, aß gut,

trank gut, freute sich seiner Kinder und seines Reichtums. Las einen

Abschnitt aus der Schrift vor, begleitete ihn mit kunstvollen

Auslegungen, bezog ihn auf Ereignisse des Tages. Das Haus strahlte

geschmückt, duftete von kostbaren Essenzen. Er legte den Kindern die

Hand aufs Haupt, segnete sie, daß sie werden möchten wie Manasse und

Ephraim. Er ging behäbig herum in seinem Haus, strähnte sich den Bart,

wiegte sich, sagte: »Am Sabbat sind alle Kinder Israels Fürstenkinder.«

Der Markgraf sagte zu Margarete: »Es war gut, daß man die Juden ins Land

gesetzt hat. Sie bringen Geld herein, Bewegung, treiben an. Aber es hat

schon seinen guten Grund, daß das Volk sie nicht riechen mag. Da lebt so

was wie dieser Jud Mendel Hirsch. Hat keine Kirche, keine Spur Religion.

Ist ärger als ein Heide und das liebe Vieh.«

Herr von Teck mit seiner knarrenden Stimme sagte: »Das widerwärtigste

ist, daß so ein Mensch nicht den leisesten Sinn hat für Würde. Wie sich

das bückt! Wie das hündisch kriecht! Gewanz! Lausepack!«

Margarete schwieg. »Er ist der Jud,« dachte sie, »ich bin die

Maultasch.«

Der blinde König Johann saß in der kahlen, niedrigen Bauernstube, sein

Friseur kämmte ihm Haar und Bart. Der gestrige Tag war drückend heiß

gewesen, aber jetzt kam, von Nordwest her, ein frischer Wind. Es war

halb vier Uhr morgens, die Sonne war noch nicht da, der Himmel hell. Um

den König waren zwei seiner Offiziere, fertig in Rüstung, sein

Erzkämmerling und Adjutant, zwei Pagen. Der Luxemburger legte trotz

seiner sechzig Jahre und seiner Blindheit größtes Gewicht auf

einwandfreie Wappnung und Kleidung. Der Kämmerling und die Pagen rieben

seine weiße, körnige Haut mit Essenzen, legten ihm umständlich Hemd,

Unterkleid, die silberne Rüstung an.

Der König hatte nur wenige Stunden geschlafen, aber er war frisch und in

strahlender Laune. Vor ihnen war ein großes Gehölz, dahinter standen die

Engländer. Heute also, endlich, wird man sich schlagen. Es wird kein

Geplänkel, es wird eine heiße, große Schlacht sein. Es geht für den

Engländer um alles.

Wie der elegante, blinde Mann jetzt dasteht, gewaschen, gerüstet, den

Sommermorgen schnuppernd, hat er alle die leisen, melancholischen

Anwandlungen vergessen, die sonst manchmal in letzter Zeit aus seinem

zerronnenen und zerdunsteten Leben in seine Nacht steigen. Wie ein Tier,

das nach langem winterlichem Stall den Frühling wittert, sog er gierig

den Geruch der Schlacht, der rings in der Luft war.

Trat vor das Haus, frühstückte, scherzte mit seinen Herren. Kleiner,

reiner Wind ging. Nun wird gleich die erste Sonne kommen.

Sein Vater war Römischer Kaiser gewesen, mächtig über alle Christenheit.

Er, Johann, kämpfte jetzt in französischem Sold; es hat eigentlich gar

keinen Sinn gehabt, daß er sich in den großen Zwist zwischen England und

Frankreich gemengt, er hat es aus bloßer Freude am Kampf getan. Zudem

hat er das Geld verschleudert, das er von Frankreich für die

Truppenwerbung erhalten, und muß jetzt ziemlich kläglich Ausflüchte

suchen. Genau gesehen, hat sich ihm nichts, gar nichts gefügt. Wenn

auch! Das geht ihn jetzt nichts an. Jetzt wird er kämpfen. Er ist sehr

vergnügt.

Man reichte ihm weiße Scheiben Brotes, Butter, Honig, einen Trank Met.

Bienen summten um ihn. Er tätschelte die weichen Haare der Pagen.

Er hat das Geld für die Söldner vertan. Er lächelte. Nun ja, wenn heute

sein Sohn Karl Deutscher König ist, so hat jener Sold sein gut Teil dazu

beigetragen. Karl darf es nicht wissen. Er ahnt es wahrscheinlich, aber

wissen darf er es nicht. Er ist so korrekt. Gleichviel, gleichviel. Er

liebt Frankreich, er hat Frankreich viele gute Dienste getan, er wird

auch heute, er spürt es, das vertane Geld reichlich hereinbringen. Er

schüttelte sich, reckte sich, fragte, ob die Sonne schon da sei.

Man stieg zu Pferde, brach auf. Es ging durch ein großes Gehölz,

dahinter stand auf dem weiten, staubigen Feld der Feind. Man hatte die

Visiere noch nicht heruntergelassen; Vögel sangen, Zweige streichelten

das Gesicht, man roch das Laub. Es war schön, zu leben, es war schön, im

Morgen durch den Wald zu reiten, und dahinter stand der Feind.

Ah, jetzt verstummten die Vögel. Klirren, Schreien, Dröhnen, stampfende,

trappelnde Pferde, helle Trompeten, Staub, viel Staub. Man war am Ende

des Waldes. Der König hielt mit seinen Herren. »Wie steht die Schlacht?«

fragte er mit der Erregung des leidenschaftlichen Spielers. Seine Herren

mußten ihm alle Wechsel des Kampfes schildern. Er kommandierte, warf

Truppen hierhin, dorthin. Aber die Strategie des Blinden blieb

notgedrungen theoretisch, die Offiziere korrigierten, ohne viel Worte zu

machen, seine Befehle nach Belieben oder führten sie überhaupt nicht

aus. Staub lag dicht auf dem Feld, legte sich grau, dick auf Halme,

Gräser, Ähren, auf die Pferde, die Rüstungen. Die Schlacht hatte sich in

zahllose, verbissene Gruppenkämpfe aufgelöst. Da hielt es den alten

Herrn nicht mehr. Spürte er, daß seine Befehle leerer Schall waren,

demütig entgegengenommen, unbeachtet weggeworfen wurden? Er reckte sich

plötzlich hoch auf, sein braunes, gutes Pferd stieg, wieherte, er warf

einen hellen, fröhlichen Schrei in das Gewieher, brach los. Seine

Offiziere suchten ihn zu halten, die Pagen drängten brennend, hitzig

vor. So kam er trotz allen Hemmungen ins dickste Getümmel, sein Schmuck,

seine wertvolle Rüstung reizten Gegner. Er wurde umzingelt,

herausgehauen, nochmals umzingelt. Vor allem zwei schottische Ritter,

jüngere Söhne, Habenichtse, hatten es auf seinen Schmuck und den

prachtvollen Brustpanzer abgesehen. Der blinde alte Herr sprach, schrie,

lachte, stach um sich. Er war von seinen Offizieren getrennt, die Pagen

hatten sich bei ihm gehalten. Er sprach, scherzend, grimmig, anfeuernd,

zynisch, zu dem einen, dem blonden, feinen Jehan, seinem Liebling. Der

war schon zusammengehauen, tot, aber der blinde König wußte es nicht.

Endlich warf sein verwundetes Pferd ihn ab, begrub ihn. Man drang ein

auf ihn, riß ihm Helm und Visier herunter, schlug ihm den Schädel ein.

Da lag er still und jämmerlich im Staub, der rastloseste Mann und Fürst

der Zeit, sein eleganter Bart war übel zerrauft und mit Blut verklebt,

die schäbigen Ritter zerrten ihm den silbernen Panzer von der Brust, der

Ring wollte nicht los von der steifen, im Staub verkrampften Hand, so

hackten sie den ganzen Finger ab. Dann zog sich der Kampf weg, und die

Franzosen, für die der Blinde ohne Sinn und ohne Zweck gekämpft hatte,

wurden zersprengt und besiegt.

Der tote König lag allein. Krähen und Raben kreisten.

* * * * *

Karl von Luxemburg, der Deutsche König, hatte sich, verwundet, aus jener

Schlacht gerettet. Der König von England, der immer gern und stolz

betonte, wie ritterlich seine Kriegführung sei, hatte ihm die Leiche des

Vaters mit ehrenvollem Geleite übersandt. Nun stand Karl vor den

scheußlich verstümmelten Resten. Er hatte den Vater nie geliebt. Der

alte Verschwender, der in so launischem Zickzack über die Erde gefahren

war, der so toll und übermütig mit seinen Kronen gespielt hatte, statt

sie zu wahren und zu festigen, hatte sein Erbe schwer gefährdet.

Immerhin, es waren Rechte, Titel, Länder auf allen Seiten erworben. Er

wird sich nicht verzetteln, er wird nicht überflüssig prahlerisch alles

zu halten suchen; er wird zusammenstücken, runden. Nur auf die Sache

sehen, nicht auf äußeren Glanz.

Da lag nun dieser König Johann, sein Vater. Er war ein Ritter gewesen,

der erste Ritter der Christenheit; er hatte groß geglänzt, nun lag er

da, ein Haufe scheußlich verstümmelten, verwesenden Fleisches. Er hatte

gelebt für nichts, er war gestorben für nichts. Er hatte über Kirche,

Priester, Heilige gelacht und die Welt nicht unter seine Sohle

gezwungen, hatte weder den Himmel erworben, noch die Erde. »Schlaf' in

Frieden, Vater! Ich werde anders sein wie du.«

König Karl ließ das Herz ausnehmen, die Fleischteile in siedendem Wasser

von den Knochen lösen. Überführte die Gebeine in das heimatliche

Luxemburg, ließ sie feierlich neben tiefverehrten Reliquien beisetzen.

Dann ließ er -- Aachen hatte seine Tore gesperrt -- sich in Bonn als

Deutscher König krönen, in Prag als Böhmischer. Kaiser Ludwig hielt

jetzt, nach der Niederlage der Franzosen, die richtige Zeit für

gekommen, an den Gegenkönig eine schwungvolle Protestnote zu richten. Er

forderte ihn in großen Worten auf, von seinem Gebaren abzustehen und

sich ihm, dem Stärkeren, zu unterwerfen. Karl antwortete im gleichen

Stil, seine Stärke bestehe nicht in Kriegsheeren, sondern in dem großen

Alliierten: Gott.

Fürs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte

mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte für sich Legitimität,

Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Länder

grenzten aneinander; beide aber waren sie wägend und bedacht und

verhüteten, daß hier Krieg losbrach. Der findige, anschlägige Karl

glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders

herausgefunden zu haben: in Tirol.

Hier hatten die Bischöfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig

verhaßt war, unablässig gewühlt und gezettelt. Die Feudalbarone,

knirschend gegen die Brutalität und die Rechenhaftigkeit der

Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurückzurufen. Auch

die großen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della

Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit

tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders vereinigte

geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war

Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begünstigte ihn, hielt ihn für

zu gefährlich und zu einflußreich, mit ihm anzubinden. Allein der

elegante Herr hatte feine Witterung; er spürte sehr gut, wie

unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse

seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen

schwäbischen und bayrischen Herren übertrug.

Er sandte Botschaft an König Karl. Kuriere, immer dringendere. Die

Truppen der Bischöfe stünden zu seiner Verfügung, die lombardischen

Söldner, die Kontingente der Barone. Karl entschloß sich. Die

Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kämpfte hoch im

Norden, in Preußen. Möge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol

jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn.

Es kam über Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters.

Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als

Kaufleute reisend mit lombardischen Pässen. Reiste im schärfsten Frost,

auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches

Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich,

Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der

Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. »_Gloria in

excelsis_,« sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof

Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des

Bischofs Nikolaus, der italienischen Städte, des Bischofs von Chur, des

Patriarchen von Aquileja, zahlreicher südtirolischer Barone, seines

Bruders Johann, des rachgierigen. Mächtig brach er auf, nahm Bozen, nahm

Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schloß Tirol.

Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad

von Teck waren fern in Preußen, der Landeshauptmann Tägen von Villanders

ließ sich nicht auffinden. Die Unterführer zögerten, verwiesen, fragte

man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wälzten alle Entscheidung

stets wieder auf Margarete zurück. Immer dichter und enger schloß sich

der Kreis der Belagerer.

Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine,

tückische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn

nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und

allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus

ihrer Vernichtung die Trümmer leidlich wiederzusammengestückt, hatte

sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaßen

wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Großes, Schönes,

Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stück Leben, Flickwerk

hier, hier Ersatz, dort Lücke und Verzicht. Aber es war wohlerworben,

war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzäunter, gesicherter Besitz.

Und nun kamen jene Erbärmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr

entreißen! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertückischen Karl zeigen

und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf.

Sie wußte, es kam darauf an, die ersten Tage auszuhalten. Sie hatte

nicht viele, aber zuverlässige Truppen. Organisierte selber den

Widerstand. Sie war nicht feig, trug -- alle sahen das -- keinen

Augenblick Bedenken, sich zu exponieren. Ihr Wille, ihre hinreißende,

umsichtige Energie ging über auf die Besatzung. Die ersten Stürme wurden

sachlich und ohne große Opfer abgeschlagen; unter den Truppen des

Schlosses herrschte eine gewisse grimmige Scherzhaftigkeit; die

Markgräfin wurde vertraulich verehrt und bewundert. »Unsere Maultasch!«

sagten die Soldaten.

Ein Bayer war unter ihren Offizieren, ein junger, häßlicher Mensch, ein

Albino, Konrad von Frauenberg. Die andern mieden ihn wegen seines

abstoßenden, frechen, mürrischen Geweses. Margarete fiel er gerade

dadurch auf. Sie übertrug ihm das Kommando der Verteidigung, verstand

sich gut mit ihm. Fand ihn kurz und energisch von Wort und Sitte, wo die

andern nichts sahen als mürrische Anmaßung. Er wiederum rühmte mit

dreister, karger, quäkender Anerkennung ihre Tatkraft, ihre Anordnungen.

Die Belagerer wurden von Tag zu Tag verdrossener. Es war klar: das Land

konnte nur im Flug genommen werden oder gar nicht. Jetzt lag man da, vor

unerwartetem Hemmnis, belagerte eine Frau, die häßliche, verachtete

Herzogin, die Maultasch, kam nicht vorwärts. Unflätig schimpfte, fluchte

Johann. Herr von Schenna hatte das Gerücht verbreitet, die Luxemburger

wollten Tirol nur, um es an die Visconti zu verschachern, an die

Mailänder; sie hätten bereits heimlichen Vertrag gemacht. Die

tirolischen Hilfstruppen faßten Mißtrauen, murrten auf, hielten keine

Zucht mehr, verliefen sich. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders

zog sich von den Luxemburgern zurück, wurde unauffindbar auch für sie.

Schon stand der Markgraf, in Eilmärschen von Norden kommend, in Bayern,

wo der Kaiser ihn mit vielen Regimentern verstärkte. Als er in Innsbruck

eintraf, war plötzlich Herr von Villanders in seinem Lager, sagte, ja,

er habe mit dem Gedanken gespielt, zu König Karl überzugehen, habe sich

aber jetzt reuig eines Besseren besonnen, ehe noch ein entscheidender

Schritt geschehen. Bat um Verzeihung, führte dem Markgrafen, dem hart

und steif blickenden Konrad von Teck, seine Truppen zu.

* * * * *

Karl schluckte an dem unvorhergesehenen Hemmnis, preßte die Lippen,

würgte. Es war unbegreiflich, daß seine wohlgerüstete Armee vor diesen

Mauern scheitern sollte. Woher nahm die Frau, diese im Grunde doch

lächerliche Maultasch, die Kraft? Er war tief beunruhigt, betete,

erforschte sein Gewissen. In Trient hatte man ihm einen Finger des

heiligen Nikolaus vorgezeigt. Er hatte die kostbare Reliquie erwerben

wollen -- eine Hand des Heiligen besaß er bereits --, aber man gab den

Finger nicht her. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, zog kurz

entschlossen sein Messer heraus, schnitt ein Glied des Fingers ab, nahm

es mit sich. Vielleicht hatte das den Heiligen verdrossen, vielleicht

hielt der das Glück von seinen Fahnen ab und wog es der Feindin zu. Karl

schickte mit einem weitschweifigen Entschuldigungsschreiben den Knochen

zurück.

Allein, es half nicht mehr, seine Reue kam zu spät. Der Markgraf war

nahe. Nahm man den Kampf erst an, so war große Gefahr, daß der Rückweg

nach Italien abgeschnitten würde. Karl hob sich weg von Schloß Tirol.

Trat den Rückzug nach Süden an, in verbissener Wut. Es kläffte Johann,

es schäumten die italienischen Barone. Karls Straße war Raub, Brand,

Verwüstung. In Asche Meran, in Asche Bozen, überall im Etschland die

Äcker verwüstet, die Reben abgeschnitten, die Häuser zerstört.

Klirrend unterdes ritt der Markgraf in Schloß Tirol ein. Umarmte

Margarete stürmisch, ehrlich. Nie hatte man ihn so herzlich gesehen. Sie

hatte, sie allein, Tirol gerettet. »Unsere Maultasch!« sagte der

Markgraf zu Konrad von Teck, ihr die Schulter klopfend. »Unsere

Maultasch!«

* * * * *

Konrad von Teck nützte die Gelegenheit, den einheimischen Adel bis zur

völligen Machtlosigkeit zu demütigen. Margarete spürte die ganze,

überlegte Grausamkeit seiner Maßnahmen. Doch sie ließ ihn gewähren,

hatte nie Einwände. Seitdem sie Tirol für die Wittelsbacher gerettet,

fühlte sie sich ihrem Gatten herzlich und von innen her verbunden. Sie

fühlte sich eins mit dem Land, ihr eigenes, leibliches Wohlbefinden

verlangte, daß das Land nach wittelsbachischen Grundsätzen verwaltet

werde: der Adel geduckt, Städte und Bürger gehoben. Langsam richtete sie

sich auf, zusammen mit dem Land, befreit von dem Druck der Barone.

Sie saß auf ihrem Schloß Maultasch. Sie bohrte sich, wühlte sich in das

Land hinein. Sie hatte nun drei Kinder, zwei Mädchen und den Knaben

Meinhard. Sie besorgte sie treulich; aber sie hatte nichts mit ihnen

gemein. Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte,

Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die

Flüsse ihre Adern.

Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte

sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine

Stimme. »Grüß' Gott, Frau Herzogin!« Sie fuhr auf, sah ein winziges,

kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklüfte stehen, sich mit

raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen,

verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge,

die nur kamen, wenn sie sich sicher fühlten, die nur dem wirklichen

Fürsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die

Herrin des Landes in den Bergen.

König Karl verließ bald, nachdem er die Belagerung von Schloß Tirol

aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber

sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rückzug vor allem

noch die Grafen von Görz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch

verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Fürsten und Herren

viele tirolische Städte und Gerichte, die er nicht besaß, so dem

Wittelsbacher immer neue Feinde aufwühlend.

Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er für die Mißerfolge in Tirol

bald reichlich entschädigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um

das Reich. Ganz plötzlich, auf einer Bärenhatz, in der Nähe seiner

Hauptstadt München, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein

Schlaganfall warf den vollblütigen Mann vom Pferd, eine alte Bäuerin

drückte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mönche führten

die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und

heilig zu bestatten.

Da stand nun Karl von Böhmen, und sein Feind, der die weiten Länder

unter sich hatte und dem die Städte anhingen, war tot. Die Heiligen

hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich

scheitelte, als unbestrittener Deutscher König ohne Nebenbuhler.

Er war des Streites mit den Wittelsbachern müde, sie des Streites mit

ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein

Bruder Johann auf Tirol und Kärnten, belehnte den Markgrafen mit diesen

Ländern, versprach, die Kurie mit ihm auszusöhnen. Die Wittelsbacher

dagegen erkannten ihn als Deutschen König an, leisteten ihm Huldigung,

lieferten ihm die Reichskleinode aus.

Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besaß

so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die

ihm gehörte. Er hatte sich und seine Würde nackt und bloß gefühlt,

solange er sie nicht besaß und sich mit nachgemachtem Zeug begnügen

mußte. Jetzt führte er die süßen, werten Dinge in feierlichem Zug nach

Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein

Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem

aber das altertümliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold,

die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Großen durch einen Engel

gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag ließ der König

die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewölbe. Da

lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Märtyrer, unter Juwelen,

unter kostbaren Büchern und Bildern, unter Akten und Verträgen, unter

heiligen Spießen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz.

Der hagere König stand davor, lächelte mit schmalen Lippen, streichelte

mit der mageren, knochigen, bräunlichen Hand die Zinken der Krone, die

merkwürdigen Kanten des unregelmäßigen, keineswegs runden Reichsapfels,

das stumpfe, rostige Schwert des großen Karl, des Ersten seines Namens.

* * * * *

Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Güter. Auch

ihre jüngere Schwester hatte sich mittlerweile vermählt, mit einem Herrn

von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof

von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof

hin und her pendelte, im übrigen außerordentlich reiche Pflegen und

Privilegien besaß. Agnes reiste viel, lebte häufig bei ihrer älteren

Schwester in Bayern, bei ihrer jüngeren in Italien. Man hatte sie nach

der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen,

die zwischen ihr und der markgräflichen Verwaltung strittig sein

konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu

Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht öfter, als es der Anstand

erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen.

Sie war jetzt von erregender, bewußter, fast beängstigender Schönheit.

In Italien legte man ihr Städte und Fürstentümer zu Füßen, schlug sich

tot für sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge,

klatschten sich die Schenkel, erklärten: ah, da lege man sich nieder,

begingen Dummheiten für sie. Sie schritt liebenswürdig mit kleinem,

vieldeutigem Lächeln durch die Huldigungen, Kämpfe, Selbstmorde.

Erschien sie selten am tirolischen Hof, so zeigte sie, wo immer sie war,

das brennendste Interesse für die tirolischen Dinge. Gierig hörte sie,

mit halbgeöffneten Lippen, von Margaretes Tätigkeit. Ihre Maßnahmen

gegen den Adel, für die Städte, für die Juden, ihre Verteidigung gegen

die Luxemburger, jeden kleinsten Zug aus Margaretes Leben ließ sie sich

berichten, wieder und wieder erzählen. Niemals indes griff sie mit einem

Wort oder gar mit einer Tat ein. Forderte man ein Urteil von ihr, so bog

sie aus, sagte Belangloses, lächelte.

Sehr gern zeigte sie sich dem Volk. Sie war hochmütig, sie erwiderte

keinen Gruß. Niemals stiftete sie Geld für die wohltätigen Anstalten der

Dörfer und Städte; auch die Bauern ihrer Güter wurden schlecht

behandelt. Dennoch sah das Volk sie gern. Man stand an ihrer Straße,

wenn sie kam, bewunderte sie, schrie hoch, liebte sie.

Häufig erhielt sie den Besuch des Messer Artese aus Florenz. Agnes lebte

sehr verschwenderisch, sie brauchte immer von neuem die Hilfe des

unscheinbaren, oft sich neigenden Florentiner Bankiers, der Pfandrecht

bereits auf alle Güter hatte. Messer Artese erzählte ihr viel vom

Tiroler Hof. Er war gar nicht gut auf den Markgrafen und die Maultasche

zu sprechen. Wohl war Ludwig immer in finanziellen Nöten; denn seine

Kriege verschlangen gewaltige Summen. Aber er lieh sich von seinen

bayrischen und schwäbischen Herren, vermied ängstlich die Hilfe des

guten, dienstbereiten Messer Artese; ja, er löste sogar mit Opfern die

Pfänder aus, die dieser noch in Händen hatte. Auch die gewalttätige Art,

mit der des Markgrafen Statthalter Konrad von Teck Geld und Gut an sich

zu bringen pflegte, diese Konfiskationen und Hinrichtungen gingen dem

stillen, höflichen Florentiner sehr wider den Strich. Geld verdienen,

gewiß; Geld, wenn es nicht gestohlen ist, kommt von Gott. Säumige

Schuldner nicht schonen, verfallene Pfänder eintreiben,

selbstverständlich. Aber alles mit Manier, höflich, in guten Formen.

Gefängnis, Kopf ab -- pfui, das tut man nicht, das schickt sich nicht.

Am meisten aber war Messer Artese erbittert über die Bevorzugung des

Juden Mendel Hirsch. Was? Ihm, dem stillen, bescheidenen, gebildeten

lateinischen Herrn und guten Christen zog man den stinkenden,

zappelnden, gurgelnden, frechen, aufdringlichen Juden vor, den

widerwärtigen Höllenbraten? War es nicht genug, daß dieses

pestilenzialische, gottverfluchte Volk, das unsern lieben Herrn und

Heiland gemartert und gekreuzigt hat, die deutschen und die

italienischen Städte verseuchte? Mußte ihnen die unselige Maultasch auch

noch das Land in den Bergen hinwerfen, daß sie hineinkrochen wie Würmer,

alles anfraßen, nicht mehr wegzubringen waren? Da saßen sie nun, das

ekle Geziefer, waren überall zur Stelle, drängten jedermann ungerufen

ihr Geld auf und erdreisteten sich, das elende, erbärmliche Gesindel,

niedrigere Zinsen zu verlangen als er, der hochangesehene, ehrsame, bei

allen Fürsten und Herren wohlgelittene Florentiner Bürger! Das Gesicht

des sonst so sanften, gesitteten, beherrschten Mannes verzog sich zu

einer Fratze maßlosen Wütens.

Agnes hörte ihm still zu. Sie hörte alles, schrieb es in ihr Gedächtnis,

bewahrte es wohl auf, war außerordentlich liebenswürdig zu Messer

Artese. Der fing sich wieder ein, entschuldigte sich viele Male, glitt

ins Dunkle.

* * * * *

Nach dem Abkommen mit König Karl bestritt niemand mehr Margarete und dem

Markgrafen den sicheren Besitz von Tirol. Durch den Tod seines Vaters,

des Kaisers, war Ludwig in mannigfache, schwierige Erbstreitigkeiten mit

seinen Brüdern gekommen. Schließlich einigte er sich dahin, daß er aus

diesem Erbe Oberbayern tatsächlich, von der Markgrafschaft Brandenburg

aber nur den Titel und die Kurwürde behielt. Der Sorge um Brandenburg

ledig, regierte er in seinem gesicherten Tirol; seine Macht reichte von

Görz bis ins Burgundische, von der Lombardei bis an die Donau. Er nannte

sich Markgraf zu Brandenburg und zu Lausitz, des Heiligen Römischen

Reichs Oberster Kämmerer, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und in

Kärnten, Graf zu Tirol und zu Görz, Vogt der Gotteshäuser Agley, Trient

und Brixen.

Margarete war zu ihm von herzlichem, fast mütterlichem Einverständnis.

Es war ihr Gewißheit geworden, Gott hatte ihr alle fraulichen Reize

genommen, daß sie all ihre Fraulichkeit in ihre Regentschaft senken

müsse. Solche Erkenntnis hatte sie befriedet. Sie lag ganz in Ruhe wie

windstilles Wasser. In ihren Entscheidungen war eine große, gerade

Selbstverständlichkeit. Die Frau und die Regentin war eines. Was sie

riet, was sie tat, war nie erklügelt, umwegig. Es war von einer geraden,

gewachsenen, warmen Mütterlichkeit, die oft nicht dem Buchstaben, der

Regel entsprach, aber stets ihren inneren, wohltätigen Sinn hatte.

Es war ein schwieriges, steiniges Regiment, das sie zu führen hatte.

Immer wieder Krieg: mit dem Luxemburger, den Bischöfen, den

lombardischen Städten, den aufsässigen Baronen. Immer wieder das

sorglich Aufgebaute niedergerissen, verheert. Dazu Erdbeben,

Überschwemmungen, Feuersbrünste, Seuchen, die Heuschreckenplage. Die

Finanzen durch die ständigen militärischen Ausgaben übel zerrüttet. Es

war nicht leicht, unter diesen Widernissen das Land blühen zu machen.

Aber ihre starke, Vertrauen atmende und gebende Fraulichkeit strömte ein

in das Land, hielt es hoch, gab ihm immer neuen Schuß und Saft. Sie

schuf Ausgleich, befreite Städte, die durch Krieg und Brand gelitten

hatten, von den Abgaben, zwang trotz ihrem Murren die störrischen

Barone, wenigstens einen Teil ihrer Steuern zu zahlen. Dies alles

geschah mit einer gewissen natürlichen Gesetzmäßigkeit, ohne Geschrei

und Gewalt.

Hatte sie schwierigere Finanzfragen zu regeln, so zog sie den Juden

Mendel Hirsch zu Rate. Flink erschien er in seinem braunen Rock, dick,

zappelnd, betulich, hörte Margarete zu, wiegte den Kopf, lächelte,

sagte, das sei ganz einfach, gurgelte in vielen umwegigen Worten eine

überraschende Lösung. Der kleine, umgetriebene, über die Erde gehetzte

Mann war der Herzogin sehr dankbar für ihr Wohlwollen, das ihm eine

einigermaßen sichere Ruhestätte und ein Dach über dem Kopf gönnte. Er

liebte sie, er spürte sich ein in sie, er strengte alle seine Findigkeit

an für sie.

Denn es war schwer, sich in der ökonomischen Wirrnis der tirolischen

Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkür der einheimischen

Feudalherren gedämmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet.

Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die großen Gelder, die er

brauchte, von seinen schwäbischen und bayerischen Herren zu entleihen.

Die ließen sich als Entgelt skrupellos Verpfändungen und Verschreibungen

geben, rafften immer mehr an sich, so daß schließlich nichts gewonnen

war. Im Gegenteil: hatten früher wenigstens Einheimische das Land

ausgesogen, so mästeten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie

saßen in allen wichtigen Landesämtern, der habgierige, gewalttätige

Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von

Dürrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Münchner, Jakob Freimann,

Grimoald Drexler und andere Bürger, die Bergwerke im Gericht Landeck.

Auch sonst die wichtigsten Zölle und Gefälle waren an Bayern, Schwaben,

Österreicher verpachtet. Der Markgraf ließ sich hier nichts einreden. Er

vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin

gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im

Hintergrund hielt, in die Verträge mit diesen Herren Klauseln

einzuflechten, die den Fürsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkür

auslieferten.

Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenüber stets

sehr zurückhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem

Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schloß Tirol gegen die

Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weißblonden, Häßlichen, Gedrungenen,

Rotäugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so häßlich, so unbeliebt,

so einsam. Sie spürte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach

vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der quäkende,

unwirsche Mann kam rasch vorwärts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja,

sie setzte es durch, daß er die Landeshofmeisterstelle erhielt.

Auch ein anderes erreichte sie: den Erlaß einer Landesordnung. Tarife

wurden festgesetzt, Willkür und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter

eingeschränkt, die Zentralgewalt gestärkt, Bürger, Handel, Handwerk

gefördert. Aufblühten da die bunten, farbigen Städte, dehnten sich,

wurden breit, üppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das

Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der

Städte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco,

Ala, Rattenberg, Kitzbühel, Lienz. Von den großen Börsen und Märkten,

von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straßen und Geschäft über alle

Welt. Was Mendel Hirsch gesät hatte, ging reich und blühend auf.

Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lärmvollen Städte; die schönen,

lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was

Männer! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strömen, blühen, sich

zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle

Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein.

Mußte das Land das nicht spüren, so viel Liebe zurückgeben, sie in sich

hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Häuser der Städte schauten mit

lebendigen, verständnisvollen Augen auf sie, die Straßen klangen anders,

vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung löste sich,

sie gab sich hin, verströmte im andern, war befriedet, glücklich.

* * * * *

Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemächlich im lauen

Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die

Herzogin in prunkender Zeremonie dem Großen Rat einen Kleinen

beigegeben, die Rechte der Bürgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies

war ein Geschenk von großem Wert, für die Herzogin verbunden mit Opfern

an Geld und Einfluß. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt,

hatte hoch gerufen, respektvoll »Unsere Maultasch!« gesagt.

Die Herren mußten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten

Zug. Sie grüßten sehr höflich. Agnes von Flavon saß in der Sänfte. Volk

drängte zu: »Wie schön sie ist! Ein Engel vom Himmel!« Man schrie hoch,

es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen,

begeistert.

Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von

Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem

männlich kühnen, bräunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht

sehr schnell im Überlegen.

An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine

Seiltänzergesellschaft einem Häuflein Volkes ihre Kunststücke. Ein

feuerfarbener Gaukler präsentierte einen großen Affen. Der hockte

melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann

produzierte sich ein Mädchen, tanzte, jonglierte mit Bällen. Dann kam

wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm

goldenen Flitter auf den Schädel gesetzt. Er saß da, langarmig, plump,

sehr häßlich, traurig, böse, fletschte gelbe Zähne in dem mächtig

vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es

los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend,

Zwerchfell und alle Eingeweide schütternd, endlos, atemlos: »Die

Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!«

Die Herren ritten weiter. Berchtold stieß tief verdrossen die Luft durch

die Zähne. Ein Winzermädchen kam ihnen entgegen, bloßfüßig, braun,

hübsch. Sie grüßte lächelnd, demütig. Berchtold sah sie nicht an,

Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang

nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er

weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange,

gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas säuerlicher Überlegenheit.

In Ala, während die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem

Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der

Ältere der Brüder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief

blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhöhlen, in den Weichen, an den

Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigroß. Er röchelte, kam

nicht mehr zu Bewußtsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner,

vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurück. Nun war sie

also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen.

Daß in Verona schon viere, fünfe umgefallen seien, war keine Lüge

gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt

gnade uns allen Gott!

Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Küsten

der See, drang dann ins Binnenland. Sie tötete in wenigen Tagen, oft in

Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In

Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermönche

und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Große, dreiruderige

Schiffe trieben führerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze

Bemannung war gestorben. Gräßlich wütete die Seuche in Avignon. Die

Kardinäle fielen um, der Eiter der zerdrückten Beulen besudelte ihre

prunkenden Gewänder. Der Papst schloß sich in sein innerstes Gemach,

ließ niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein großes Feuer, in dem

Würzkräuter verbrannten und die Luft reinigendes Räucherwerk. In Prag in

dem Schatzgewölbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositäten, Reliquien

hockte Karl, der Deutsche König, fastete, betete.

Schaurig in die Täler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des

Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster

Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und

der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Täler, in denen von sechs Leuten

nur je einer die Seuche überdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider

und Gerät die Krankheit übertrugen, floh jeder feindselig und voll

Mißtrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die

Eltern. Die Menschen verröchelten ohne Sakrament, in den Städten standen

viele Häuser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein;

Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die Ärzte

brachten vielerlei vor, vermochten aber schließlich keinen andern Grund

anzugeben, als daß es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die

Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geißelten sich, Frauen taten

sich zu Schwesterbünden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwärmer

und Propheten. Andere fraßen sich toll und voll, trieben jede Völlerei,

Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrünstigen abgezehrten Geißelbrüdern

begegneten Züge besoffener, bunter Fastnachtsnarren.

Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die

beiden Mädchen starben. Sie lagen scheußlich gedunsen, mit riesigen,

schwarzen Geschwüren. Margarete dachte: »Nun sind sie häßlich wie ich.«

Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grämen, lange darüber zu sinnieren.

Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern

Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt;

immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen

Regierungen in der allgemeinen Auflösung möglich war. Wie dann die Pest

abflaute, straffte sie sogleich die Zügel, paßte die Gesamtverwaltung

des Landes den neuen, durch die Entvölkerung viel weiteren und loseren

Verhältnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen

erledigten Güter vor, wußte übrigens bei dieser Gelegenheit auf

wohlfeile, doch nicht unanständige Art viel Boden und Besitz in ihre

Hand zu bringen.

Messer Artese war sehr geschäftig, es war gute Zeit für ihn. Überall in

der Welt waren Häuser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an

Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wußten. Er erwarb, raffte.

Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten,

Vorkaufsrechte des Hofs, der Behörden, zähe Klauseln. In Schloß Taufers,

vor Agnes, ließ er sich gehen, brach aus, schäumte. Der Jude war, der

schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten

christlichen Finanzmann, am Geschäft. Der hatte, nur um ihm den Knüppel

zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen

Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt.

Agnes ließ den Florentiner sich austoben, hörte still zu, sah ihn mit

ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer

gleichmütigen und erregenden Stimme zu erzählen. Sie war am Rhein

gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Städten die Juden gefangen und

verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in

die Brunnen geworfen. Sie wußte es genau. In Zofingen hatte man Gift

gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf

eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin

verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange

in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten,

waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von Österreich

freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schützten ihre Juden.

Agnes sagte langsam, gleichmütig, immer ihre Augen auf den Florentiner:

»Die Herrschaften werden wohl ihre guten Gründe haben.«

Messer Artese hörte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge

zurück nach seinem Florenz.

Von Italien dann kroch es herauf in die Täler Tirols, schleimig, immer

weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewißheit: die Juden machen die

Pest. Die Pest hört nicht auf, solang man die Juden im Land läßt. Es

ballte sich zusammen. Hetze, Anschläge.

Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschäfte. Es gab viele

Geschäfte, große Geschäfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine

Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder

liefen mandeläugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Großmutter

lebte auf, fragte mühsam, lallend: »Wie gehen die Geschäfte?« Sie gingen

ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es

gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Verträge zu

machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder

den ersten großen Markt halten können. Die gnädige Frau Herzogin -- Gott

schütze sie! -- brauchte Mendel an allen Ecken und Enden.

Unterdes zog es heran, gefährlich, fletschend, sinnlos, immer schwärzer.

Die Juden kannten das. So war es vor zwölf Jahren gewesen bei den großen

Metzeleien der Brüder Armleder. Jetzt kam es von Südwesten her.

Vergebens stellte der Papst, der weise, gütige, weltkundige Klemens,

sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, daß die

Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also

sollten sie sie fördern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war

ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie

verdarben. Gemordet und geplündert die Juden in Burgund, am Rhein, in

Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwölf, in zwanzig, in hundert,

in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten,

beteten. Den Behörden hier große Geschenke zu machen, tat nicht not. Daß

die Herzogin sie nach Vermögen schützen werde, war gewiß. Auch daß der

Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Städte und

Handel Fördernde, der immer seine Hand über sie gehalten. Aber es hatte

sich gezeigt, daß gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein

Kaiser, kein Papst und kein Büttel half. Man konnte nur warten, beten,

seine Geschäfte betreiben.

Und dann, plötzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva,

Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersäuft, in

Rovereto mußten sie unter großem Gaudium und Gelärm von einem Felsen zu

Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es

mehr aufs Plündern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefädelt.

Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Großmutter, eine

Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben.

Der Markgraf hatte seine Juden in München nicht schützen können; in Hall

und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewalttätigen

Pöbel. Er war für Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten

nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute

ab. Die Mörder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwäbischen

Herren trieben nun an Stelle der Getöteten ihre Forderungen für den

Markgrafen ein und sehr viel härter, als die Juden es hätten tun können.

Schließlich mischte sich auch König Karl ein. Er wollte wie von allen

Behörden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen

seinen Teil an dem Nachlaß der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen

begann.

Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hörte, fuhr in finsterer,

erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem

Fackelschein das viehisch zerstörte Haus, die kleinen, liebevoll mit

allem Möglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwüstet, besudelt. Sah die

Leichen der Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter, der vielen

wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelförmigen Augen, gräßlich

verheert und verstümmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare

Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr

still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und

Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht

schien es, als lächle er demütig, wichtig, betulich, milde, gescheit.

Margarete glaubte, jetzt müsse er gleich den Kopf schütteln, gurgeln,

das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar

nicht so böse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von

Begriff; man müsse ihnen bloß gut zureden. Aber er sagte nichts, er

zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut

gemeint, mit sich gewiß am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und

er war gescheit gewesen und sehr tüchtig und hätte dem Land, ihren

lieben Städten großen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen,

plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter,

zufahrender Frage einen der Umstehenden. »Er hat doch die Pest gemacht!«

sagte der, scheu, blöde, ein wenig trotzig.

Leise, in einem Winkel, quäkte das gerettete kleine Kind, die Frau,

sonderbar aufgeputzt, suchte es mit häßlicher, gebrochener Stimme in

Schlaf zu singen, die Großmutter mummelte. Margarete trat näher, hob die

Hand, das Kind zu streicheln. Sie fühlte sich müde, elend. Sie sah im

Fackellicht ihre Hand; sie war groß, unförmig, die Haut fahl, gelblich;

sie hatte vergessen, sie zu schminken.

* * * * *

In München, in einem der weiten Räume der neuen Residenz, die sein Vater

angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem kühl

blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon.

Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veräußern zu

dürfen. Als Käufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund

lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er

hatte über ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abfälliges gehört;

sein mageres, bräunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart

blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten

mißtrauisch.

Agnes spürte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich

durchaus nicht gekränkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an

mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lächelte mit den schmalen, kühnen,

sehr roten Lippen aus weißem Gesicht, war damenhaft, munter, gefällig,

nicht übertrieben liebenswürdig. Langsam, vorsichtig, geübt lockerte sie

ihn auf, ganz leicht sich über seine Bärbeißigkeit belustigend.

Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde

verlangten von jeder Frau, daß sie Tag und Nacht im Haushalt stecke,

hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige.

Ein feines Stück Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt

jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie

höflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie für ein zweites Mal

zu sich.

Sah ihr lange nach. Seufzte. Dachte an Margarete. Die war jetzt wieder

schwanger. Ja, schön war sie nicht. Wenn man die andere danebenhielt und

dann an sie dachte -- ein Grausen konnte einem ankommen. Klug war sie,

unsere Maultasch. Die Leute hatten Respekt vor ihr. Aber sie mochten sie

nicht. Wenn die andere kam, schrien sie Hoch.

Jetzt waren die beiden Mädchen gestorben. Im Volk sagten sie: Die Strafe

Gottes. Er war schuld, natürlich! Weil der Papst lieber Tirol im Besitz

seines verhätschelten Karl gesehen hätte, war seine Ehe

Sakramentsschändung, waren seine Kinder Bastarde. Die Glocken läuteten

nicht, und an Feuer, Überschwemmung, Heuschrecken, Seuche war er schuld.

Die Narren die! Die pergamentnen Esel! Die Stumpfsinnigen! War es ein so

großes Vergnügen, der Mann der Maultasch zu sein? Lange hatte er keinen

Blick mehr dafür gehabt, wie sie ausschaute. Heute fiel es ihn an. Das

Gespött Europas war er mit einer so wüsten Frau. Da war man ein großer

Fürst und Herr, der mächtigste Mann in Deutschland. Städte blühten auf

und fruchtbares Gelände, wo man streichelte; fielen in Schutt, trat man

zornig auf. Man hat es sich nicht leicht gemacht. Hat gearbeitet, Tag

und Nacht, nach bestem Gewissen. Keine Furcht gekannt außer der Gottes.

Hat seine Pflicht getan, hart und schwer, all die Tage. Was hatte man

nun davon? Das Gespött Europas.

Drunten stieg Agnes in ihre Sänfte. Volk stand herum, barhaupt,

bewundernd. Wäre die an Stelle der Maultasch, sie würden nicht sagen:

Strafe Gottes, auch nicht bei Heuschrecken und Pestilenz.

Sah sie nicht herauf? Rasch wandte er, ein ertappter Schuljunge, sich

ab.

* * * * *

Margarete genas wenige Wochen später eines toten Kindes. Der Markgraf

verfinsterte sich, wurde kälter zu ihr. Nein, seine Ehe war nicht

gesegnet. Nun war alle seine Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt,

Meinhard, einen harmlosen, fetten Burschen, unbegabt, gutmütig,

schwächlich, der gar nicht dem Großvater Ludwig, vielmehr dem

mütterlichen Großvater, dem guten König Heinrich, nachzuarten schien.

Margarete ging schon nach einer Woche wieder an ihre Geschäfte. Sie

arbeitete mit der gleichen Emsigkeit und Gewissenhaftigkeit wie früher.

Doch die Lust war weg, die Städte waren nicht mehr ihr Geliebter. Der

kleine, betuliche Jude, der so geschickt Leben zugeleitet hatte von

überallher, war erschlagen, die Kinder, die sie geboren, waren tot.

Wohin sie trat, ging alles entzwei. Nichts fügte sich, nichts blühte.

Der Markgraf? Ein pflichtbewußter, kahler Herr. Ihr Sohn? Ein

dicklicher, dümmlicher Alltagsjunge. Was blieb ihr?

Um diese Zeit kam Konrad von Frauenberg ihr immer näher. Der häßliche

Mann mit den roten Augen und dem weißblonden Haar war der fünfte von den

sechs Söhnen des Trautsam von Frauenberg, eines nicht sehr ansehnlichen

bayrischen Ritters, der sich aber in einer frühen Schlacht um den Kaiser

Ludwig verdient gemacht hatte. So kam der junge Konrad als Knabe

Kämmerling an den bayrischen Hof, dann im Gefolge des Markgrafen nach

Tirol, wo er als niederer Offizier lange Zeit im Hintergrund blieb.

Seine Häßlichkeit und seine rohe, mürrische, bittere Art sonderten ihn

ab; er hatte keine Aussicht, je was Besseres als ein untergeordneter

Soldat zu werden, bis seine dreiste, kühne Vordringlichkeit bei der

Belagerung des Schlosses Tirol ihn ins Licht hob.

Alles, was in Margarete noch an Phantasie war, an Sehnsucht nach Farbe,

Buntheit, Abenteuer, alle Reste von dem, was Herr von Schenna die

frühere Zeit nannte, hängte sie an den harten, häßlichen Frauenberger.

Der Albino mit dem breiten Froschmaul, der knarrenden Stimme, den

kurzen, groben Händen kam ihr wie eine Art verwunschener Prinz vor. Es

war wie bei ihr; sicherlich war in dem plumpen Außen ein feines, zartes

Innen. Man mußte ja rauh und grob werden, stak man in solcher Haut. Der

Arme, Einsame, Unverstandene! Sie war besonders freundhaft zu ihm und

mütterlich.

Der Frauenberger hatte sich in seiner harten, herumgestoßenen Jugend

kalte, harte Verschlagenheit angeeignet. Er wußte um seine Häßlichkeit;

er hielt es für ganz in der Ordnung, daß alle ihn stießen. Er hätte,

wäre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts

auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen,

Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht

Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne

Sinn. Es gab Geschickte und Tölpel, im übrigen Glück oder Unglück. Er

hielt es mit jenem Lied, das sachlich und überzeugt sieben Dinge als

erstrebens- und besingenswert preist. Fressen ist das erste, saufen das

zweite, sich entleeren des Gefressenen das dritte, des Gesoffenen das

vierte, bei einer Frau liegen ist das fünfte, baden das sechste, aber

das siebente und schönste ist schlafen.

Die häßliche Herzogin: Roman · 第 5 / 10 题