In München der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den
Brandenburger, um die Schulter gefaßt. Ging auf und ab mit ihm. Redete
gütlich auf den Finsteren, Verdrießlichen ein. Der Brandenburger sah,
trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre war, sehr männlich aus. Blonder,
kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in
gebräuntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der
Wittelsbacher, war groß, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser
überragte ihn doch um ein beträchtliches. Durch die gemalten Scheiben
kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder
gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als
schleifte er den Zögernden, sich Sperrenden.
Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es
einfach nicht über sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte
jetzt eine fünfjährige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dänischen
Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschöpf gewesen, etwas dürr, ja.
Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier
Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschäfte betreiben,
Ackerbau, Städtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die
tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise
davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher
Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten,
nein!
Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn.
Sein Widerspruch überraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein
Vergnügen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle hätte sich
auch gesträubt. Aber er wußte, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein
einsichtiger Fürst, der begriff, daß Heirat das wichtigste politische
Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte
Wittelsbach Tirol, so war die Ländermasse geschlossen, so regierte
Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, daß Ludwig
es vorgezogen hätte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben.
Aber dafür war er Fürst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche
Bequemlichkeit nicht gönnen.
Der mürrische Markgraf häufte weiter seine verdrossenen Einwände.
Abgesehen davon, daß ihm diese Margarete und alles um sie tief zu
innerst gegen den Strich gehe, sei es gewiß, daß der Papst die Ehe der
Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lösen werde. Die ganze Christenheit
werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau
eines andern vermähle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben
lang Bann und Interdikt tragen müssen; er könne es seinem Sohn nicht
sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran.
Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in
unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart.
Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht
nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die
plumpe Taille! »Kärnten!« sagte der Kaiser. Das überworfene Maul!
»Tirol!« sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden
Zähne! »Trient! Brixen!« sagte der Kaiser.
Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen
führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die
ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von
Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten
anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch
hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die
Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie
einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten
die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden,
Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich
Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert,
verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer
Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und
bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: »Hab' du den Mantel erst an!
Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.«
Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen
Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch
die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen
klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden
Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften,
Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der
Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch
die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder
Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der
intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder
Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen
Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische
Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen
Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam
und Marsilius von Padua.
Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen
Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung
des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht
nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer
Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade
verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem
Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt
gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese
Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie
zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der
Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er
hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er
bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich
zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die
großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und
Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.
Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von
Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte
also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen
anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht
bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die
Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des
Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei
ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der
Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die
Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem
Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre
Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig
vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.
Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr
interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung.
Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für
die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen
Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen,
Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war
das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall
Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender
Hand zupacken.
Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige,
gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris
doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen
nach Osten. Vor ihnen -- die Straße stieg sacht an -- hob sich hoch der
wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren
sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse
Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine
Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die
Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen
Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten
lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der
Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den
Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf
Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die
waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der
Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein
Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich
vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum
auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten
können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein
Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und
literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen
den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten
beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und
nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern,
die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit,
Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.
Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender,
fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter
sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von
Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr
unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine,
bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen
Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von
Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige
Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot.
Der bunte, laute, klingende Zug stockte. »Gottesgericht!« raunte es;
übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in
Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte
der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat
seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg
und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie
Margaretes erste Ehe lösen sollten.
Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das
Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige
Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war
ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern
vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland,
Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das
schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen,
machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in
der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol!
Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit
heller, lauter Stimme sang. »Er singt Lieder wie König David vor der
Bundeslade!« sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem
Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die
Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den
Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang.
* * * * *
Zwei Tage später vollzog der Kaiser selber die Vermählung des Markgrafen
Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum großen Ärgernis des Landes und
ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die
Neuvermählten mit Kärnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen
Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maßenhausen
das Zepter, Herr von Krauß den Reichsapfel. Margarete strotzte von
Prunk, steif, übersät mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um
sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus.
* * * * *
Im Wiener Schloß saßen Albrecht der Lahme und Johann von Böhmen in
langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den
Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der
Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte
seinen Sohn auch mit Kärnten belehnt, in dem der Habsburger festsaß, das
der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger über die Frechheit,
als über solche Torheit des Wittelsbachers waren die Fürsten erstaunt
und empört.
Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Kärnten gut zu verteidigen.
Der gelähmte Fürst hatte noch einmal, nun auch er, die umständlichen,
ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Kärntner Thronübernahme auf
sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstümlichkeit zu
sichern.
Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Pläne.
Dieses Tirol, die schönste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher
sich gepflückt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur
etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen,
widerstrebenden Bewunderung auf den blinden König, der straff, elegant
und sehr gepflegt vor ihm saß und leicht und behutsam seine blauen,
kühnen Pläne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht
viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund verträglich. Er trat bisher
Ludwig entgegen, wenn er mußte, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne
Haß und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll
von Ekel und Zorn über diesen letzten plumpen, schoflen Streich, über
solche dumm anmaßliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und
Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbürger
brannte auf.
Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der
verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glänzender Fürst und Herr
und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer
und nächste Vertraute seines Karl. Die Vermählung des Brandenburgers hat
dem Kaiser überall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen
Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verkünden läßt, wird solche
Verfluchung nicht als Politik aufgefaßt werden, sondern bei aller
Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfürsten,
Städte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre
Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Unterstützung Avignons sein Sohn
Karl zum Römischen König erwählt wird, kann er, Johann, ihm eine
unüberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen.
Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hörte
besonnen den Ausführungen des andern zu. Dies waren Pläne, die solider
gegründet waren als gewöhnlich die Pläne des Luxemburgers; aber sie
bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht
willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog
das Schwert nur im äußersten Fall.
So saßen sie beisammen, die beiden mächtigen Fürsten, die mehr als die
Hälfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er
konnte ihm nur ein Defensivbündnis abringen.
Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich,
um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber
die Türe nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte
aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie
beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge draußen die
Tür öffnete.
* * * * *
Schlimmes Unglück brach über das Land in den Bergen herein, die Strafe
Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte.
»Die Plagen Ägyptens!« schrien die Anhänger des Papstes durch ganz
Europa. »Die Plagen Ägyptens!« erblaßte das Volk, seufzte, schlug sich
die Brust, fastete.
Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Sünden der Menschen die
Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut.
»Wehe! Der Wassermann ergießt deukalionischen Regen,« zitierte der Abt
Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als hätten sämtliche Flüsse
Europas sich über das Land ergossen, wurden Bäume, Wiesen, Dörfer,
Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn führte Brücken, Türme,
Häuser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr
man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gütern.
Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrünste die
Städte Meran, Innsbruck, Neumarkt.
Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren ließ,
waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in diesem Sommer das Land
verheerten. Sie kamen von Osten.
Nachdem sie Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, die
Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich über dem blühenden
Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag
und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die
Etschufer hinab.
Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder,
betete, streckte die Hände zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern ließ das
Geziefer durch ein förmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen
verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie
hatten Zähne wie leuchtende, edle Steine, so daß die Frauen ihre
Gewänder damit besetzten. Die Schwärme, die die Inngegenden verheerten,
waren zwiefach merkwürdig. Die Führer flogen mit wenigen anderen dem
Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des
Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit
militärischer Disziplin. Sie fraßen Busch und Baum, sie fraßen alles
Grün, sie fraßen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die
Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich
fortzogen.
Die Herzogin Margarete fuhr über den Arlberg. In Sankt Anton stand unter
dem gaffenden Volk ein Mädchen von elf, zwölf Jahren mit seiner Mutter.
Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: »Mutter! Mutter!
Welche ist die gnädige Frau Herzogin? Die Lange, Dürre oder die andere,
die Maultasch?«
Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde
rot, schlug nach dem Kind: »Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!«
Die Leute ringsum lachten, das Kind plärrte, das Wort wurde aufgenommen.
Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die
häßliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hörte davon, trug
den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie
sollte ihr neues Schloß heißen? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es
Schloß Maultasch.
* * * * *
Markgraf Ludwig saß zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von
Teck, über Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte
nüchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische,
etwas ältere Herzog von Teck hörte aufmerksam zu. Er war in Rüstung,
unbeweglich, während der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht
enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden
Papiere.
Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, bräunliche,
verwitterte Haut, etwas spärliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer,
blonder Schnurrbart, war böse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler
Barone immer für tückische, betrügerische Raffer gehalten. Doch daß sie
auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen
würden, daß sie bieder und traulich nicht etwa die Hälfte, sondern neun
Zehntel seiner Einkünfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren
Schlußrechnungen kaum bemühten, das zu verschleiern, das war denn doch
ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet.
Der junge Fürst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte
er sich in Brandenburg bewährt; es war dem Land gut bekommen. Hier in
Tirol fand er überall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein
Ungefähr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif
üppig in Schuß und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt.
Amnestie für ihre Verwaltungssünden war ihnen zugesichert, auch konnten
sie fürderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie
alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache.
Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck ließ den Markgrafen
zu Ende reden. Dann sagte er: »Durchgreifen! Verträge, Amnestie: einen
Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! Laß die andern reklamieren,
protestieren! Wenn sie sehen, es nützt nichts, werden sie rasch kirre.«
Mit einem halben Lächeln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstück
hin: einen Haftbefehl für Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht
unterzeichnet. »Mein Vater täte es bestimmt nicht,« sagte er. »Es kann
verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rückendeckung.«
Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte
knarrend: »Schaff' dir Rückendeckung.«