Zweites Buch

In München der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den

Brandenburger, um die Schulter gefaßt. Ging auf und ab mit ihm. Redete

gütlich auf den Finsteren, Verdrießlichen ein. Der Brandenburger sah,

trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre war, sehr männlich aus. Blonder,

kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in

gebräuntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der

Wittelsbacher, war groß, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser

überragte ihn doch um ein beträchtliches. Durch die gemalten Scheiben

kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder

gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als

schleifte er den Zögernden, sich Sperrenden.

Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es

einfach nicht über sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte

jetzt eine fünfjährige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dänischen

Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschöpf gewesen, etwas dürr, ja.

Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier

Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschäfte betreiben,

Ackerbau, Städtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die

tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise

davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher

Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten,

nein!

Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn.

Sein Widerspruch überraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein

Vergnügen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle hätte sich

auch gesträubt. Aber er wußte, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein

einsichtiger Fürst, der begriff, daß Heirat das wichtigste politische

Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte

Wittelsbach Tirol, so war die Ländermasse geschlossen, so regierte

Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, daß Ludwig

es vorgezogen hätte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben.

Aber dafür war er Fürst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche

Bequemlichkeit nicht gönnen.

Der mürrische Markgraf häufte weiter seine verdrossenen Einwände.

Abgesehen davon, daß ihm diese Margarete und alles um sie tief zu

innerst gegen den Strich gehe, sei es gewiß, daß der Papst die Ehe der

Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lösen werde. Die ganze Christenheit

werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau

eines andern vermähle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben

lang Bann und Interdikt tragen müssen; er könne es seinem Sohn nicht

sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran.

Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in

unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart.

Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht

nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die

plumpe Taille! »Kärnten!« sagte der Kaiser. Das überworfene Maul!

»Tirol!« sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden

Zähne! »Trient! Brixen!« sagte der Kaiser.

Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen

führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die

ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von

Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten

anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch

hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die

Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie

einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten

die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden,

Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich

Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert,

verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer

Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und

bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: »Hab' du den Mantel erst an!

Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.«

Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen

Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch

die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen

klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden

Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften,

Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der

Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch

die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder

Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der

intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder

Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen

Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische

Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen

Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam

und Marsilius von Padua.

Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen

Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung

des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht

nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer

Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade

verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem

Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt

gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese

Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie

zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der

Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er

hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er

bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich

zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die

großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und

Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.

Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von

Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte

also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen

anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht

bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die

Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des

Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei

ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der

Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die

Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem

Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre

Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig

vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.

Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr

interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung.

Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für

die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen

Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen,

Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war

das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall

Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender

Hand zupacken.

Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige,

gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris

doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen

nach Osten. Vor ihnen -- die Straße stieg sacht an -- hob sich hoch der

wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren

sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse

Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine

Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die

Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen

Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten

lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der

Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den

Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf

Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die

waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der

Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein

Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich

vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum

auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten

können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein

Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und

literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen

den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten

beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und

nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern,

die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit,

Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.

Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender,

fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter

sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von

Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr

unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine,

bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen

Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von

Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige

Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot.

Der bunte, laute, klingende Zug stockte. »Gottesgericht!« raunte es;

übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in

Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte

der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat

seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg

und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie

Margaretes erste Ehe lösen sollten.

Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das

Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige

Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war

ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern

vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland,

Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das

schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen,

machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in

der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol!

Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit

heller, lauter Stimme sang. »Er singt Lieder wie König David vor der

Bundeslade!« sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem

Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die

Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den

Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang.

* * * * *

Zwei Tage später vollzog der Kaiser selber die Vermählung des Markgrafen

Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum großen Ärgernis des Landes und

ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die

Neuvermählten mit Kärnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen

Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maßenhausen

das Zepter, Herr von Krauß den Reichsapfel. Margarete strotzte von

Prunk, steif, übersät mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um

sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus.

* * * * *

Im Wiener Schloß saßen Albrecht der Lahme und Johann von Böhmen in

langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den

Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der

Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte

seinen Sohn auch mit Kärnten belehnt, in dem der Habsburger festsaß, das

der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger über die Frechheit,

als über solche Torheit des Wittelsbachers waren die Fürsten erstaunt

und empört.

Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Kärnten gut zu verteidigen.

Der gelähmte Fürst hatte noch einmal, nun auch er, die umständlichen,

ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Kärntner Thronübernahme auf

sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstümlichkeit zu

sichern.

Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Pläne.

Dieses Tirol, die schönste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher

sich gepflückt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur

etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen,

widerstrebenden Bewunderung auf den blinden König, der straff, elegant

und sehr gepflegt vor ihm saß und leicht und behutsam seine blauen,

kühnen Pläne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht

viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund verträglich. Er trat bisher

Ludwig entgegen, wenn er mußte, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne

Haß und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll

von Ekel und Zorn über diesen letzten plumpen, schoflen Streich, über

solche dumm anmaßliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und

Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbürger

brannte auf.

Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der

verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glänzender Fürst und Herr

und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer

und nächste Vertraute seines Karl. Die Vermählung des Brandenburgers hat

dem Kaiser überall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen

Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verkünden läßt, wird solche

Verfluchung nicht als Politik aufgefaßt werden, sondern bei aller

Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfürsten,

Städte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre

Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Unterstützung Avignons sein Sohn

Karl zum Römischen König erwählt wird, kann er, Johann, ihm eine

unüberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen.

Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hörte

besonnen den Ausführungen des andern zu. Dies waren Pläne, die solider

gegründet waren als gewöhnlich die Pläne des Luxemburgers; aber sie

bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht

willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog

das Schwert nur im äußersten Fall.

So saßen sie beisammen, die beiden mächtigen Fürsten, die mehr als die

Hälfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er

konnte ihm nur ein Defensivbündnis abringen.

Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich,

um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber

die Türe nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte

aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie

beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge draußen die

Tür öffnete.

* * * * *

Schlimmes Unglück brach über das Land in den Bergen herein, die Strafe

Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte.

»Die Plagen Ägyptens!« schrien die Anhänger des Papstes durch ganz

Europa. »Die Plagen Ägyptens!« erblaßte das Volk, seufzte, schlug sich

die Brust, fastete.

Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Sünden der Menschen die

Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut.

»Wehe! Der Wassermann ergießt deukalionischen Regen,« zitierte der Abt

Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als hätten sämtliche Flüsse

Europas sich über das Land ergossen, wurden Bäume, Wiesen, Dörfer,

Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn führte Brücken, Türme,

Häuser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr

man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gütern.

Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrünste die

Städte Meran, Innsbruck, Neumarkt.

Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren ließ,

waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in diesem Sommer das Land

verheerten. Sie kamen von Osten.

Nachdem sie Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, die

Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich über dem blühenden

Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag

und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die

Etschufer hinab.

Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder,

betete, streckte die Hände zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern ließ das

Geziefer durch ein förmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen

verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie

hatten Zähne wie leuchtende, edle Steine, so daß die Frauen ihre

Gewänder damit besetzten. Die Schwärme, die die Inngegenden verheerten,

waren zwiefach merkwürdig. Die Führer flogen mit wenigen anderen dem

Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des

Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit

militärischer Disziplin. Sie fraßen Busch und Baum, sie fraßen alles

Grün, sie fraßen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die

Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich

fortzogen.

Die Herzogin Margarete fuhr über den Arlberg. In Sankt Anton stand unter

dem gaffenden Volk ein Mädchen von elf, zwölf Jahren mit seiner Mutter.

Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: »Mutter! Mutter!

Welche ist die gnädige Frau Herzogin? Die Lange, Dürre oder die andere,

die Maultasch?«

Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde

rot, schlug nach dem Kind: »Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!«

Die Leute ringsum lachten, das Kind plärrte, das Wort wurde aufgenommen.

Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die

häßliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hörte davon, trug

den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie

sollte ihr neues Schloß heißen? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es

Schloß Maultasch.

* * * * *

Markgraf Ludwig saß zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von

Teck, über Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte

nüchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische,

etwas ältere Herzog von Teck hörte aufmerksam zu. Er war in Rüstung,

unbeweglich, während der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht

enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden

Papiere.

Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, bräunliche,

verwitterte Haut, etwas spärliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer,

blonder Schnurrbart, war böse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler

Barone immer für tückische, betrügerische Raffer gehalten. Doch daß sie

auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen

würden, daß sie bieder und traulich nicht etwa die Hälfte, sondern neun

Zehntel seiner Einkünfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren

Schlußrechnungen kaum bemühten, das zu verschleiern, das war denn doch

ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet.

Der junge Fürst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte

er sich in Brandenburg bewährt; es war dem Land gut bekommen. Hier in

Tirol fand er überall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein

Ungefähr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif

üppig in Schuß und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt.

Amnestie für ihre Verwaltungssünden war ihnen zugesichert, auch konnten

sie fürderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie

alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache.

Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck ließ den Markgrafen

zu Ende reden. Dann sagte er: »Durchgreifen! Verträge, Amnestie: einen

Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! Laß die andern reklamieren,

protestieren! Wenn sie sehen, es nützt nichts, werden sie rasch kirre.«

Mit einem halben Lächeln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstück

hin: einen Haftbefehl für Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht

unterzeichnet. »Mein Vater täte es bestimmt nicht,« sagte er. »Es kann

verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rückendeckung.«

Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte

knarrend: »Schaff' dir Rückendeckung.«

Die häßliche Herzogin: Roman · 第 4 / 10 题