Margarete, bebend vor Triumph: »Er kriegt sie nicht!«

Der Herzog sah rot. Was? Er hat dem Bankier die Silberrechte versprochen

und soll es nun nicht halten können? Bloß weil die Hexe, die

widerwärtige, scheuselige, die Vettel, nicht mag? »Er kriegt sie! Er

kriegt sie!« und stürzte sich auf sie, schlug sie ins Gesicht, verbiß

sich in sie.

Sie, selig, weil sie ihn so tief traf, jubelte, ihre volle Stimme in

seine japsende: »Er kriegt sie nicht! Nie kriegt er sie! Nie!«

Keuchend, ohnmächtig sich verzehrend, ließ er von ihr ab.

Margarete schickte Eilboten an den Markgrafen Karl. Mißmutig kam der aus

wichtigen Geschäften zurück nach Tirol, als Schiedsrichter. Es war klar,

daß Margarete recht hatte; selbstverständlich konnte man die

Silberbergwerke dem Florentiner nicht preisgeben. Margarete lenkte klug

ein, sparte ihrem Gemahl die offene Niederlage. Aber als sie allein

waren, schalt der ältere Bruder den Herzog, daß dem das Mark in den

Knochen sich empörte vor Wut.

Der nüchterne, sachliche Markgraf konnte nicht umhin, die Staatsklugheit

seiner jungen Schwägerin anzuerkennen. Von Böhmen und Luxemburg aus

verbreitete sich der Ruf ihrer diplomatischen Überlegenheit an den

europäischen Höfen. Wohl verhandelte man offiziell mit dem Herzog

Johann; aber in allen Staatskanzleien wußte man, daß in Wahrheit allein

die häßliche junge Herzogin das Land in den Bergen regierte.

Bald nach dem Tod des Königs Heinrich starb auch sehr plötzlich Frau von

Flavon, Herrin von Taufers und Velturns. Bei einem Spaziergang mit ihrer

jüngsten Tochter, als sie unter Jauchzen und Geschrei Alpenblumen

pflückte, stürzte die hübsche, rundliche Dame zu Tod. Die Töchter

bestatteten sie unter großer Anteilnahme sehr prunkvoll neben den etwas

zweifelhaften Gebeinen, die sie als die Peters von Flavon aus Italien

zurückgebracht hatten. Die drei hübschen Fräulein waren in recht

bedenklicher Lage. Jetzt, nachdem ihr Protektor, der gute König

Heinrich, tot war, erhob der Bischof von Chur seine alten Ansprüche auf

ihre westlichen Besitzungen, der Bischof von Brixen forderte mit vielem

Grund die Schlösser und Gerichte Taufers und Velturns zurück.

Die drei jungen Damen, blond, lieblich und hilflos, verhandelten hin und

her mit den Finanzräten der Bischöfe. Es fanden sich viele, die sich

ihrer annahmen; aber gegen die guten, berechtigten Ansprüche der

mächtigen Bistümer war schwer aufzukommen. Schließlich gelangte die

Sache als an die letzte Instanz an den Hof des Herzogs.

Agnes von Flavon erschien auf Schloß Tirol, tat einen Kniefall vor dem

jungen Herzog. Der stand knabenhaft und sehr wichtig vor der Knienden,

in dem langen, schmalen Gesicht die Lippen ernsthaft zusammengepreßt. Es

streichelte seine Herrschgier, wie das zarte Geschöpf, leicht und schön

und wehend unter dem schwarzen Gewand, so ganz verströmend und ergeben

vor ihm lag, aus tiefen, blauen Augen fromm und bittend zu ihm

aufblickte. So gehörte es sich. So hatte es Gott bestimmt, daß es sei.

Mochte die andere, die Häßliche, gegen ihn anbellen. Die da, die Zarte,

Liebliche, schönste Frau des Landes, lag vor ihm auf Knien, sah fromm,

hingegeben, voll Vertrauen zu ihm auf. Er war sehr gnädig zu ihr.

Agnes machte auch der Herzogin ihre Aufwartung. Margarete widerstand

tapfer der Versuchung, über die Schöne zu triumphieren. War huldvoll.

Kondolierte in warmen Worten zum Tod der Frau von Flavon. Ihr Vater,

König Heinrich, habe ja immer der Familie besonders wohlgewollt, fügte

sie undurchdringlich hinzu. Ja, und es sei sehr traurig, daß die

Rechtslage, soviel sie höre, so ungünstig sei für die Fräulein. Sie

persönlich sei natürlich jederzeit erbötig, aus ihrer Privatschatulle zu

helfen.

Agnes hatte sich vorgenommen, Margarete nicht zu reizen. Aber vor diesem

undurchsichtigen, doppelt empfindlichen Hohn ging sie durch. Was? Ein

Mädchen mit so einem Gesicht und so einem Maul wagte, gegen sie zu

sticheln? Und wenn jene die Kaiserin von Rom wäre und sie selber

leibeigen, hätte sie dagegen aufbegehrt. Sie schaute sie lange und

abschätzig an. Sagte dann, so gar ungünstig scheine es um ihre Sache

doch nicht zu stehen. Der Herr Herzog wenigstens habe sich sehr gnädig

und tröstlich zu ihr geäußert. Etwas kahl schloß Margarete: nun ja, man

werde das Urteil der sachverständigen Herren hören und die Angelegenheit

in gnädige Erwägung ziehen.

Bevor Agnes das Schloß verließ, traf sie noch Chretien de Laferte, der

ihr in gesetzten Worten kondolierte. Agnes hörte ihn ernst an und

erwiderte ihm würdevoll. Er bat, sie auf der Rückreise begleiten zu

dürfen. Sie war auch da geziemend melancholisch, unterbrach aber

gelegentlich ihre Trauerwürde durch ein spitzbübisch kokettes

Scherzwort, den jungen Herrn durch solchen Wechsel tief verwirrend.

Chretiens Stellung am Tiroler Hof war nicht angenehm. Solange der Prinz

Johann noch Knabe war, hatte er als ergebener, dienstwilliger Kamerad,

der die vielen Verstöße des schwierigen kleinen Prinzen gegen höfische

Zucht und Sitte unmerklich besserte und einrenkte, seinen klar

umgrenzten Bezirk gehabt. König Johann war überzeugt, man könne keinen

taktvolleren Adjutanten für seinen ungezogenen Sohn finden als den

hübschen, schlanken, ritterlichen, formvollen und doch so bescheidenen

Jungen. Auch Markgraf Karl hielt ihn für den rechten Erzkämmerling

seines jüngeren Bruders. Prinz Johann selbst aber hatte seinen offenen,

hübschen Kameraden nie recht leiden mögen. Hatte ihn geknufft,

mißhandelt, gedemütigt, mit seinen kleinen Wolfsaugen darauf lauernd, ob

der geduldige Begleiter nicht einmal rebellieren und Anlaß geben werde,

ihn wegzuschicken. Jetzt, seitdem er Herzog war, selbständig und

erwachsener, war die Stellung Chretiens noch viel schwieriger geworden.

Er hielt sich sehr bescheiden im Hintergrund; wagte er nur den leisesten

Rat an den jungen Herzog, so wurde er bösartig und verächtlich

zurückgewiesen.

Chretien war jüngerer Sohn eines edlen französischen Hauses, ohne

Vermögen, darauf angewiesen, bei Hof sein Glück zu machen. Es hatte für

ihn keinen Zweck, seine besten Jahre in Tirol aussichtslos zu versitzen.

In den Feldzügen König Johanns hatte er sich brav und tapfer bewährt.

Eine Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen, hatte sich ihm nicht

geboten. Was sollte er bei diesem jungen, bösartigen Herzog, der ihn

immerzu demütigte, ihm jedenfalls nicht gewogen war? Er trug sich mit

dem Gedanken, an den Hof König Johanns zurückzukehren oder nach

Frankreich zu gehen oder besser noch zum König von Kastilien. In den

Kämpfen mit den Mauren war Geld und Ehre zu erwarten.

Margarete hatte dem jungen Ritter lange Zeit keine besonderen

Gnadenbeweise mehr gegeben. Erst als sie sah, daß kein Weg mehr war von

ihr zu Herzog Johann, begann sie wieder, Chretien zu locken. Übertrug

ihm kleine, vertrauliche, diplomatische Sendungen, fragte ihn

Unverfängliches, das sie aber durch ihre Betonung bedeutsam machte. Er

war zurückhaltend, war voll von Zweifeln, wollte nicht verstehen. Es war

ein großer Glücksfall, bei einer Dame von solchem Rang in Gunst zu

stehen; aber es war ein zweigesichtiges Glück: man konnte unmöglich für

eine so häßliche Frau in die Schranken reiten. Zwar wird niemand wagen,

ihm ins Gesicht zu höhnen wie früher; doch er bäumte hoch, wenn er an

die feixenden Mienen, die zotigen Bemerkungen in seinem Rücken dachte.

Dann wieder hörte er, wie man an allen Höfen voll großer Achtung von

ihrer Umsicht und Gescheitheit sprach. Es schmeichelte ihm, daß eine

Dame von solchem Urteil gerade ihn erwählte. Sie imponierte ihm, er war

ihr dankbar, entzog sich ihr nicht mehr. Er ging auf ihren Ton ein,

seine Augen schleierten sich leise, wenn er sie sah, seine Stimme

bedeckte sich, wenn er zu ihr sprach.

Einmal -- er war nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt -- meldete er

sich bei der Herzogin. Sie war nicht in ihren Zimmern, das dürre

Fräulein von Rottenburg führte ihn in einen abgelegenen Teil des

abendlichen Gartens. Aus einer Baumgruppe her drang Gesang. Das

Hoffräulein legte die Finger an die Lippen, bedeutete ihm,

stillezustehen, zu schweigen. Eine warme, volle Stimme sang ein

einfaches Lied, jubelte in alle Höhen, schluchzte durch alle

Kümmernisse, sehnte sich, dankte, ging durch alle Irrsale. Den jungen

Menschen überkam es wie in der Kirche bei einem hohen Fest. Er nahm die

Mütze ab. »Die Herzogin?« flüsterte er, ungläubig. Da kam sie schon den

Baumgang herunter. Sie sah das große, bewegte Staunen in seinem offenen

Gesicht. Reichte ihm langsam die Hand. Er küßte sie.

* * * * *

Unterdes war die Angelegenheit der Hinterlassenschaft der Frau von

Flavon so weit gefördert worden, daß man die Entscheidung nicht gut

weiter hinauszögern konnte. Juristische wie politische Gründe sprachen

dafür, die erledigten Lehen den um die luxemburgische Sache sehr

verdienten Bischöfen zurückzugeben. Gleichwohl fanden die Räte allerlei

fadenscheinige Gründe, die für die Damen von Flavon sprachen. Es war

nämlich Agnes bei jedem einzelnen gewesen und hatte so lange Trauer,

Jugend, List, Hilflosigkeit spielen lassen, bis sie die Räte

eingewickelt hatte. Johann entschied also herrisch, daß die Güter den

Fräulein verbleiben sollten. Doch Margarete widersetzte sich. Mit so

guten Gründen und so beharrlich, daß dagegen nicht aufzukommen war. Man

einigte sich schließlich auf einen Vergleich. Schloß und Gericht

Velturns sollte den Schwestern verbleiben, die westlichen Besitzungen an

Chur, Taufers an Brixen zurückfallen; doch mit dem Beding, daß der

Bischof von Brixen nur einen von Schloß Tirol vorgeschlagenen Anwärter

damit belehnen dürfte.

Die Schwestern, die schon den weiten Besitz unter sich geteilt hatten,

mußten sich also mit dem einen Velturns begnügen. Sie waren lärmend,

beweglich, eigenwillig, streitsüchtig. Immerzu herrschte giftiges

Geplänkel auf Burg Velturns. Auffallend war, daß die angenehmen Stimmen

der jungen Damen im Streit eine unerhört harte, pfauenhaft scharfe

Tönung bekamen. In der Öffentlichkeit erschienen die Schwestern übrigens

immer traulich vereint, umschlungen, lieblich, blumenhaft lächelnd.

Als Kandidaten für das erledigte Taufers schlug Margarete Chretien de

Laferte vor. Der Herzog geiferte empört dagegen. Was? In diesen fetten

Besitz soll man den Schlucker setzen, den kahlen Mucker, der sich immer

so falsch bescheiden an die Wand drückt und sicher nach einem stechen

wird, sowie er nur die Macht dazu hat? Doch Margarete blieb fest. Der

Herzog von Kärnten und Graf von Tirol könne sich nicht lumpen lassen.

Könne nicht so lange jemandes Dienste annehmen und dann knausern und

filzig sein. Wenn Chretien jetzt ohne Lohn und Dank an einen andern Hof

gehe, so sei sie selber beschimpft durch solchen schmutzigen Geiz. Als

Johann sich weitersträubte, drohte sie, die Entscheidung des Markgrafen

Karl anzurufen, bis er sich knurrend fügte.

Margarete selbst teilte Chretien diese Entscheidung mit. »Der Bischof

von Brixen wird Sie mit Schloß und Gericht Taufers belehnen. Bewähren

Sie sich, Herr von Taufers! Es ist mein Ruhm, wenn Sie Ehre einlegen,

meine Schande, wenn Sie versagen.«

Chretiens mageres, kühnes, gebräuntes Gesicht rötete sich bis unter das

eigenwillige Haar. Langsam ging er ins Knie. Er sah nicht mehr, daß ihr

Mund sich äffisch vorwulstete, daß ihre Haut grau und lappig war. »Frau

Herzogin!« stammelte er. »Allergnädigste, herzliebste Frau Herzogin!«

Und es war mehr als die übliche Formel, wie er ihr dankte: »_Pour toi

mon âme, pour toi ma vie!_«

* * * * *

In der klobigen, altväterlichen Burg des Tiroler Landeshauptmanns

Volkmar von Burgstall saßen sieben, acht von den einflußreichsten

tirolischen Baronen beim Wein. Es kam selten vor, daß der wuchtige,

massige Herr Gäste zu sich bat, und dann in knurriger, barscher Weise,

die wie ein Befehl klang. Die Halle, in der man saß, war dumpf und

niedrig, die Wände überhaupt nicht, der Boden mit wenigen Tüchern

belegt. Glasfenster, das modische Zeug, verschmähte der konservative

Hausherr. Der junge, fröhliche Albert von Andrion, Margaretes

natürlicher Bruder, machte sich lustig über die Bretter, mit denen jetzt

in der kalten Jahreszeit die Lichtöffnungen vernagelt waren. Man saß wie

in einem Keller. Alles war rauchig, rußig vom Kamin, von den Kerzen und

Pechfackeln. Dabei war der Raum nicht zu durchwärmen; die Herren rückten

unbehaglich hin und her; man briet auf der einen Seite, fror auf der

andern. Der nervöse Herr von Schenna hüstelte, schnupperte, bekam

Kopfweh in dieser ungemütlichen, dumpfen, stinkenden Höhle, in der kalt

und widerwärtig der Geruch der Ställe stand. Aber die Speisen, Wildbret

und Fisch, waren mit Liebe und in ungeheuren Massen zubereitet und

gereicht, und der Wein, das war nicht zu leugnen, war ausgezeichnet.

Wie die Herren den Landeshauptmann kannten, hatte er sie nicht der

bloßen Geselligkeit wegen zu sich gebeten. Aber er war karg und rauh von

Wort; es war nicht geraten, ihn zu fragen, bevor er selbst anfing. Man

trank also, redete Gleichgültiges, wartete.

Langsam, in brummigen, unvollendeten Sätzen lenkte Volkmar das Gespräch

auf die Politik. Stieß die Herren unwirsch dahin, wo er sie haben

wollte. Ja, man war unzufrieden mit den Luxemburgern. Der erste, der es

deutlich aussprach, war Heinrich von Rottenburg. Der kleine Herr, breit,

rauhes, rotes Gesicht, schwarzer Stoppelbart, erregte sich, schlug mit

der Faust auf den Tisch, stieß Drohungen aus. Hatte man nicht, weil er

gewisse Abgaben verweigerte, sein Schloß Laimburg zerstört, sein gutes

Schloß bei Kaltern, an dem Vater, Großvater, Ahn gebaut hatten? Der

junge Herzog hatte es gewollt, der kleine, tückische Wolf. Und der

Bischof von Trient hatte den Befehl gegeben, der finstere Böhme, der

immer »Autorität!« sagte, »Gehorsam!« Hätte man ihm Felder gepfändet,

Weinberge, ein Dorf, eine Pflege. Aber, nur um ihn zu ärgern, ein Schloß

zu zerstören, eine gute Burg aus festem Stein, in eigenem, nicht in

Feindesland, das war sinnlos, das war wüstes Heidentum. Auch Frau

Margarete hatte es nicht gebilligt, die kleine Herzogin. Das kam, weil

sie die angestammte Fürstin war und mit dem Land fühlte. Aber die

Fremden, die Böhmen, die Luxemburger, was fühlten denn die? Die wollten

Geld herauspressen aus Tirol, nichts weiter, genau wie es der

Luxemburger mit Böhmen machte. Und er, Heinrich von Rottenburg, ließ es

sich nicht nehmen, daß König Johann damals doch Tirol habe verschachern

wollen gegen Brandenburg, möge er abschwören was immer.

Schweigend hörten die andern diese gefährlichen Reden an. Behutsam

begann dann der vorsichtige, gepflegte Tägen von Villanders. Rein formal

hätten die Luxemburger den Vertrag ja schließlich eingehalten und keine

Fremden in die wichtigsten Verwaltungsämter berufen. Es sei doch nicht

zu bestreiten, daß Herr von Rottenburg Landeshofmeister sei, Herr von

Volkmar Landeshauptmann. Oder? Der gepflegte, bartlose, etwas

altmodische Herr sah die beiden so ernsthaft an, daß sie nicht wußten:

höhnte er oder was eigentlich wollte er?

Der kleine Rottenburg brach los: Ob der gestrenge Herr ihn zum Narren

habe. Solche Würde habe unter dem guten König Heinrich was bedeutet.

Heute habe der dümmste Bauer lange schon geschmeckt, daß es kahle Titel

seien, und wer in Wahrheit regiere! Es sei ja höllisch schlau, wie die

Luxemburger das gedreht hätten; daß sie die weltlichen Ämter arm und

leer machten und die geistlichen stark und in die geistlichen ihre

Kreaturen hineindrückten. Nein, formal hätten sie dem Land keine fremden

Beamten aufgedrängt. Aber wer regiere denn? Der plattnasige Bischof

Nikolaus von Trient, der Böhme, der kein Wort Tirolisch versteht.

Herr Konrad Botsch von Bozen erzählte Einzelheiten, wie die Bozener

Bürger voll seien von tiefem Verdruß, daß die Luxemburger dem Bischof

wieder alle alten, längst abgeschafften Rechte eingeräumt hätten. Und

wie der Bischof die Welschen begünstige vor den Deutschen. Herr Albert

von Andrion ahmte den Bischof nach, seinen unbeherrschten, heftigen

Gang, der plötzlich wieder durch das Streben nach geistlicher Würde und

Gravität gezügelt werde, seine zischende, sprudelnde, slawische

Aussprache. Dem jungen, fröhlichen Herrn war die Stimmung hier in der

Halle zuwider, auch die Politik war ihm zuwider; er wollte einen

unterhaltlicheren Ton in die Gesellschaft bringen. Mit dem Talg der

Kerzen klebte er sich die Nase platt, stieg auf den Tisch, parodierte

eine Predigt des Bischofs in seiner slawischen Mundart. Dröhnendes

Gelächter.

Aber mit dieser Wendung ins Harmlose war der massige, wuchtige Gastgeber

durchaus nicht einverstanden. »Wissen die gestrengen Herren, was der

Pfarrer von Matrei Strafe zahlen muß, weil er dem Markgrafen Karl nicht

mehr Umsatzsteuer zahlt als dem König Heinrich?« Alle waren gespannt.

Ging man die Steuern und Abgaben genau durch, dann hätte man wohl die

meisten Tiroler Edeln der Hinterziehung beschuldigen können.

»Neunhundertvierundachtzig Veroneser Silbermark!« dröhnte Herr von

Burgstall. Man sprang auf, ging durcheinander wütend hin und her. Ei,

wenn die Luxemburger so kamen, da wird bald keiner mehr von den Tiroler

Landherren ein Dach überm Kopf haben. Das Land war reich. Das Land

nährte den Fürsten so gut wie die Ritter. Da brauchte der Fürst kein

Filz zu sein und auf den Pfennig zu schauen. Aber dieser Markgraf Karl

war von Natur geizig, das Gegenteil seines Vaters, der reinste

Schacherer und Jud. Daß dich Gottes Marter schände! So jung und schon

solcher Knauser.

Der ehrliche Berchtold von Gufidaun saß schwitzend, mit hohen,

unbehaglichen Brauen. Die starken, blauen Augen schauten mißbilligend

auf die aufsässigen, widerspenstigen Barone. Solche Reden waren

unziemlich gegen das von Gott eingesetzte Fürstenhaus. Auch der junge

Albert von Andrion wurde bedenklich. Die Luxemburger hatten ihm zwar

übel mitgespielt und gerade die reichen Legate des guten Königs Heinrich

für seine vielen unehelichen Kinder arg beschnitten. Aber der junge,

offene Albert war ein gutmütiger Junge, illoyalen Ideen keineswegs

geneigt und voll Verehrung für seine kleine Schwester, die Herzogin. Nun

war wirklich Aufrührerisches kaum gesprochen worden, Herr von Burgstall

hatte nichts Greifbares gesagt, der kluge Herr von Villanders schon gar

nicht; eigentliche Drohungen, die man nicht dulden durfte, hatte nur der

kleine Rottenburg ausgestoßen, und der war stark unter Wein. Immerhin

schmeckte die ganze Angelegenheit leicht nach Rebellion.

Der feine Schenna merkte die Verstimmung, renkte ein. Worüber man klage,

mit alldem habe die Fürstin selbst nichts zu tun. Margarete sei fernab

von Knauserei und Schikanen. Sei die rechte Enkelin ihres erhabenen

Großvaters Meinhard. Sei klug, sicher, spüre mit dem Land. Das wüßten

auch alle, vom letzten Leibeigenen bis zum Landeshauptmann.

Gewichtig stimmte Volkmar zu, befreit und überzeugt Albert und Berchtold

von Gufidaun.

Der behutsame Tägen von Villanders streckte wieder die Fühler vor. Ja,

man habe schon das rechte Gefühl. Das angestammte Fürstenhaus, auf dem

Boden des Landes, in seiner Luft gewachsen, sei von Gott bestimmt, in

Tirol zu herrschen. Hier schwieg er. Der kleine, heftige, wildumbartete

Rottenburg nahm den Faden auf. Die Luxemburger sollten dort regieren, wo

Gott oder der Teufel sie hingesetzt. In Luxemburg; wenn es die Böhmen

sich gefallen ließen, in Böhmen. Aber daß sie in Tirol säßen und

regierten, das sei durch Menschenwerk so, nicht durch Gottessatzung, und

das sei eben Irrtum gewesen. An ihnen, an den Herren selber, habe es

gelegen, wen man nach König Heinrichs Tod ins Land gelassen habe. Den

Habsburger, den Wittelsbacher, den Luxemburger. Es habe sich

sichtbarlich erwiesen, daß in Tirol nur der regieren könne, den die

Tiroler selber wollten. Gott habe es durch Berge und Täler und Pässe so

gefügt, daß ein Fremder nicht mit Gewalt könne über sie herfallen. Man

sei treu, man halte zu Margarete. Aber dem Luxemburger sei man nicht von

Gott, sondern nur durch Vertrag verpflichtet. Herzog Johann und die

andern Böhmen hätten den Vertrag schlecht gehalten. Er sei zerrissen,

gelte nicht mehr.

Die Herren starrten ihm auf den Mund, schnauften. Das war klar. Das war

Meuterei. Hier war nichts zu deuteln.

Wie man sich das denn denke, fragte tastend Herr von Villanders. Wie man

denn Margarete und die gottgewollte Untertanenpflicht trennen wolle von

den Luxemburgern.

Schenna, vor sich hinblickend, mit halben, unbestimmten Worten, äußerte:

Sehr glücklich sei die Herzogin nicht gerade, soviel er wisse. Einen

Erben habe sie und das Land von dem Herzog Johann nicht zu erwarten,

soviel ihm bekannt sei. An ihr liege es nicht, sei zu vermuten. Wobei er

mit lächelnder Kopfneigung auf den Zeugen der Fruchtbarkeit König

Heinrichs wies, der rot, frisch, lachend und geschmeichelt unter ihnen

saß, auf Albert von Andrion.

Herr von Villanders faßte zusammen: Man habe nichts gesagt, nichts

beschlossen. Man könne sich eine bessere, volkstümlichere Verwaltung des

Landes denken als die der landfremden Luxemburger. Man hänge mit

unbedingter Treue an der von Gott eingesetzten Herzogin Margarete.

Vielleicht sei es opportun, sie um ihre Meinung und ihren Willen zu

befragen. Seines Bedünkens sei Herr Albert von Andrion dazu der rechte

Mann.

Lärmend stimmte man zu. Nur der redliche Berchtold von Gufidaun schwieg,

in Zweifeln hin und her gerissen. Der junge Albert, bedenklich zuerst,

aber stark unter Wein und geschmeichelt von dem Zureden der andern, nahm

an, verpflichtete sich, seiner Schwester die Meinung der Herren zu

unterbreiten, mit ihr Fühlung zu nehmen.

* * * * *

Margarete liebte es jetzt, viel allein zu sein. Oft hatte sie ein

stilles, sattes, ihren Frauen unbegreifliches Lächeln. Auf dem schmalen

Sockel der kargen Liebeserlebnisse ihrer Wirklichkeit baute ihre

Phantasie einen gigantischen Traum. Aus dem kleinen, ungezogenen,

hinterhältigen Jungen, der ihr Gemahl in Wirklichkeit war, machte sie

einen finster gewalttätigen, großen Tyrannen, der sie nicht verstand und

aus der Finsternis seines herrschsüchtigen Gemüts heraus sie quälte. Den

jungen Chretien schmückte sie mit allen Tugenden des Leibes und der

Seele. Er war Erec und Parzival und Tristan und Lanzelot und der

Löwenritter. Alle hellen, strahlenden Taten, die jemals in Geschichte

und Gedicht ein Held getan hat, er hat sie getan oder, wenigstens,

könnte sie tun.

Es war Glück und Gnade, daß der Himmel streng zu ihr gewesen war und ihr

banale Anmut des Gesichts und der Gestalt versagt hatte. Die Frauen

rings um sie, die Frauen des Alltags, hatten ihre Männer, ihre

Geliebten, vergnügten sich mit ihnen in dumpfer, tierischer Lust in

ihren Kammern, hinter Büschen. Ihre Liebe war ganz rein und hoch, das

Schmutzige, Erdhafte war ihr von Anfang an verboten und versperrt. Sie

schwebte gelöst, hell und sehr anders über den kleinlichen, ärmlich

dumpfigen Lüsteleien und widerlich körperhaftem Getriebe der andern. Süß

war es, streng und rein zu sein vor sich und den andern. Süß war es,

nicht verstrickt zu sein in tierische, unsaubere Verschlingung von Haut

und Fleisch.

Sie wurde krankhaft empfindsam gegen Lautheit, Massigkeit,

Körperlichkeit, Schmutz. Es ekelte sie vor fremder Berührung, die

Ausdünstung anderer Menschen machte ihr Pein.

März war, von Italien her kam in warmen, linden Stößen Wind, der

sehnsüchtig ins Blut ging. Oben lagen die Berge dick in Schnee, aber die

unteren Hänge waren voll vom zarten Geflock der Mandel- und

Pfirsichblüten. Sie schaute hinaus von der Loggia des Schennaschen

Schlosses in das wellige, starkfarbige Land. Über ihr schritten bunt und

überschlank Lanzelot und Ginevra, Tristan fuhr übers Meer, Dido stürzte

sich in die Flammen. Sie gehörte nun zu diesen. Die Verse, die ihr so

lange hohl, versperrt, ohne Sinn gewesen waren, hatten sich aufgetan,

sie hatte trinken dürfen aus ihrer dunkeln, wohligen Fülle.

Willkommen, großes, strenges Schicksal! Willkommen, Häßlichkeit!

Willkommen, fürstlicher Reif und Zepter!

Fast dankbar war sie ihrem harten, tyrannischen Gemahl, denn seine Härte

hatte sie ihren Geliebten finden lassen. Süßer Freund! Er kannte sie. Er

wußte, daß diese graue, lappige, körnige Haut, dieser scheußliche Mund,

dieses tote Haar ein Außen war, und daß sie innen zart war und schlank

und voll Reichtum und Lieblichkeit. Sie sah ihn selten, sprach ihn fast

niemals, nie war ein Wort zwischen ihnen gefallen, das nicht jeder hätte

hören dürfen.

Dennoch zweifelte sie keinen kleinsten Augenblick, daß er sie liebe. Sie

hatte seinen hingegeben dunkeln Blick nicht vergessen damals, als sie

gesungen hatte und aus der Vigne zu ihm trat. Und seine Stimme nicht,

und wie er verströmt war, als sie ihm von seiner Belehnung mit der

Herrschaft Taufers gesprochen hatte. Freilich war dies eine andere

Liebe, als die sie so gemeinhin um sich sah mit Küssen und süßlichen

Alltagsworten und Firlefanz. Sie, Margarete, hatte ihn durch jene Augen

von damals, durch seine Verströmtheit, ganz anders, viel tiefer zu eigen

als sonst eine Dame ihren noch so verliebten Galan. Mochten die andern

ihre Männer leiblich besitzen. Das war wohlfeil und wie Essen und

Trinken gemein. Ihr, der Fürstin, stand eine höhere, strengere Liebe an.

Es war wohl auch leicht, so niedrige, wohlfeile Liebe wie der andern

immer neu anzufachen, aufzuwärmen durch den Anblick, durch den Genuß

tierisch dumpfer Lust. Sie mußte immer wieder gegen ihre Gestalt

kämpfen, die Liebe ihres Freundes immer von neuem seinem Widerwillen

gegen ihr häßliches Außen abringen.

Selige Bitterkeit solchen Kampfes! Sie dankte Gott und der Jungfrau für

so herbe, verschlungene, harte, reine, wahrhaft fürstliche Liebe.

Sie ließ nicht ab, Chretien mit immer mehr Schein und Strahlen zu

verklären. Chretien war ohne Ehrgeiz. Sie war ehrgeizig für ihn. Daß

sich seine strahlende Begabung nicht auch den andern offenbarte, war

nur, weil sie ihn in Tirol zurückhielt, weil ihm hier die Gelegenheit

fehlte. Sie, Margarete, war schuld, daß er vor der Welt unscheinbar und

ohne Größe war. Sie war ihm verschuldet, sie schuldete ihm die

Gelegenheit zur Größe.

Chretien hatte mittlerweile die Herrschaft Taufers übernommen. Er besaß

die Dörfer Luttach, Sand, Kematen, das Nevestal, das Reintal. Das alles

war unter dem Regiment der Damen von Flavon ein wenig heruntergekommen.

Er freute sich darauf, es wieder hochzubringen.

Eine große, unbändige Lust füllte ihn an, nach den langen Jahren bei

Hofe sein eigener Herr zu sein. Leer, bunt und widerwärtig lag die Zeit

bei Herzog Johann hinter ihm. Die vielen, zwangvollen Zeremonien, das

ewige Geknufftwerden, das Nichtsprechendürfen, die tiefen Neigungen und

Kniefälle, die frechen Anmerkungen hinterher, das verlogene Gefeilsche

bei den Turnieren, das glänzende und dabei so drangvoll bettelhafte

Leben, ständig in Angst vor dem Gläubiger. Er reckte das magere,

gebräunte Gesicht mit der starken Nase und dem unbekümmerten, langen

Haar in die Luft, in seine Luft. Er ritt herum auf seinen Höfen, die

Bauern schauten wohlgefällig, voll Verehrung auf den schlanken,

sicheren, hurtigen Herrn, die Weiber und Mädchen starrten ihn andächtig

an wie in der Kirche.

Am Tiroler Hof hätte er es nicht länger ausgehalten. Er wäre gern und

mit Überzeugung irgendwohin geritten ins Abenteuerliche. Jetzt, so war

alles anders, und er fühlte sich sehr wohl. Es genügte seiner

Unternehmungslust vollauf, sein Leben heraufzuwirtschaften. Natürlich

wird er auch zu Hofe reiten, Kriegszüge mitmachen, bei Turnieren nicht

fehlen. Aber etwa nach Afrika zu ziehen und Mauren zu erschlagen oder

sich mit Türk' und Sarazen um das Heilige Grab herumzuhauen, danke sehr!

Dazu verspürte er vorläufig durchaus kein Verlangen. Er ritt männlich

und zufrieden auf seinem Boden herum und genoß seine junge Herrschaft.

Eines Tages besuchte ihn die Herzogin. Er war Margarete tief und

untertänig zugetan. Er dachte keinen Augenblick daran, seine flüchtigen

und sehr wirklichen Beziehungen zu der und jener Frau mit den Gefühlen

für sie zu vermengen. Margarete war ihm ein Begriff, in den sich auch

Vorstellungen eindrängten, die er von den Sängern und Spielleuten her

kannte. War ihm eine poetische und lustige Angelegenheit, die in der

Belehnung mit Taufers eine unerwartete, glückhafte, reale Auswirkung

gefunden hatte, die er aber mit seiner übrigen Wirklichkeit nicht in den

losesten Zusammenhang brachte. Er ahnte nicht, was er für Margarete war,

welche Rolle er in ihrem Leben spielte.

Er empfing die Herzogin freudig und mit ergebener Herzlichkeit. Seine

Stimme hatte jene schleierige, vieldeutige Befangenheit, die Margarete

erbeben machte. Was er sagte freilich, war nüchtern und sachlich. Er

sprach ihr von den Veränderungen, die er für seine Güter plante, von

einer mehr rationellen Bodenbewirtschaftung, strafferen Zucht der

Bauern. Sie unterbrach ihn unvermittelt, auf die Gletscher weisend, die

einsam, klar und höhnisch fern in ein helles Blau zackten: »Haben Sie

nie Lust, Chretien, einen von diesen Gletschern zu betreten?«

Chretien sah sie verblüfft und etwas töricht an. Er sagte, und jetzt

klang auch seine Stimme ganz klar und ohne Geheimnis: »Nein. Warum

sollte ich da hinaufsteigen?« Dann sprach er wieder davon, wie angenehm

und ertragreich die unteren Hänge seien.

Einige Tage später kam Agnes von Flavon. Sie war schon mehrmals bei

Chretien auf Schloß Taufers gewesen. Es ergab sich immer wieder eine

Kleinigkeit, die noch zu regeln war; auch Chretien fand nicht ohne

Geschicklichkeit immer neue Fragen, die Auskunft und persönliche

Besprechung erforderten. Agnes war blond, rührend, hilflos und nahm

stets von neuem mit verlorenen Blicken Abschied von dem Schloß und den

Bergen ringsum.

Unterdes heiratete die ältere Schwester Maria von Flavon einen

bayrischen Herrn und überließ den beiden anderen Schwestern Schloß

Velturns. Es mußte aber dem Bayern eine ansehnliche Mitgift ausgezahlt

werden; die Herrschaft Velturns war an sich schon überlastet; Agnes bat

mit großen, treuherzigen Augen Chretien um Rat. Chretien kam nach

Velturns, sah die schlampige, elegante Wirtschaft der Schwestern,

empfahl Einsparungen da und dort, die sehr praktisch waren, aber die

Herrschaft aus einem Fürstensitz zu einem ertragreichen Bauernsitz

machen mußten. Agnes beneidete die Schwester. Die habe es gut, sei aus

der Misere heraus. Freilich sei der Bayer ein grober, tölpischer Bursch,

auch sei es übel, das schöne Tirol mit der faden bayerischen Ebene zu

vertauschen. Aber am Ende werde ihr wohl auch nur Ähnliches

übrigbleiben. Sie richtete ernst und lange das zarte und doch kühne

Gesicht mit den starken blauen Augen auf Chretien, der schlank,

gebräunt, befangen und ein bißchen dumm vor ihr stand.

Das Projekt gegen die Luxemburger war gereift. Volkmar von Burgstall,

Tägen von Villanders, Jakob von Schenna hatten sich unmerklich, nachdem

sie die Sache gesät, mehr und mehr ins Dunkle gedrückt. Vornean stand

jetzt der kleine, heftige Heinrich von Rottenburg und, halb gegen seinen

Willen, der muntere, harmlose Albert von Andrion, Margaretes Bruder.

Margarete selbst wob und zettelte mit leidenschaftlicher, fiebriger

Beflissenheit die Fäden. Endlich sah sie, endlich, hier die Gelegenheit,

Chretien auf den Platz zu stellen, der ihm gebührte, ihm die Möglichkeit

großer Taten zu schaffen, die sie ihm schuldete.

Die andern Herren zögerten, Chretien einzuweihen oder gar ihm eine

wichtige Stelle anzuvertrauen. Er war kein Einheimischer, er war ein

Welscher, Johanns vertrautester Kämmerling. Margarete mußte umständlich

darauf hinweisen, wie gemein der hämische, bösartige Johann ihn immer

behandelt habe, und daß von allen Chretien am meisten unter den giftigen

Launen ihres tyrannischen Gemahls habe leiden müssen.

Chretien selber war ziemlich verwundert, als Margarete ihm von dem

Projekt sprach. Selbstverständlich war er Ritters genug, sofort

mitzutun, wenn es galt, die Dame, die er so tief verehrte und der er so

sehr verpflichtet war, aus der Hand ihrer Bedränger zu befreien. Aber

sehr begeistert schien er nicht gerade. Er war beschäftigt mit der

Arbeit für seine Güter, es wäre ihm lieber gewesen, wäre das

Abenteuer ein wenig später gekommen. Er sah, abgesehen von der

selbstverständlichen, aber im Augenblick lästigen Erfüllung seiner

Ritterpflicht, einen einzigen, etwas mageren Vorteil in der

Angelegenheit. Er festigte dadurch seine Stellung unter dem

einheimischen Adel; der Herr von Taufers-Laferte konnte fortan, hatte er

sich an diesem tirolisch bodenständigen Unternehmen beteiligt, kaum mehr

als landfremd angesehen werden.

Margarete brannte in Erwartung, schürte, hetzte, spähte mit ihren

klugen, raschen Augen alle Möglichkeiten aus. Wußte es einzurichten, daß

neben Albert von Andrion und Heinrich von Rottenburg Chretien als das

eigentliche Haupt der Unternehmung galt.

Auf Schloß Velturns war mittlerweile ein gewisser Herr Giulio aus Padua

eingekehrt, ein unansehnlicher Mensch, langsam, schweigsam, immer

lächelnd, eigentlich ein bißchen idiotisch. Allein sein Oheim hatte das

Kapitanat von Padua inne, er selber war am Comer See reich begütert. Er

schien Agnes hündisch ergeben, und Chretien überfiel jähe Angst, sie

könnte sich entschließen, ihm in die Lombardei zu folgen wie das Jahr

zuvor ihre Schwester dem Bayern. Seine Burg Taufers, seine Dörfer und

Täler schienen ihm auf einmal wertlos und ohne Licht, wenn er das

dachte.

Man konnte mit Agnes nicht wohl reden wie mit anderen Frauen. Man konnte

sie nicht einfach nehmen. Sie war so zart. Sie wäre einem vor Schreck im

Arm vergangen. Ganz behutsam sprach er zu ihr. Wenn es ihr in dem

überlasteten Velturns nicht mehr gefalle, ob sie nicht wolle mit ihm in

Taufers hausen.

Ei, wie konnte sie erstaunt sein! Sie hieß ihre Augen sich schleiern,

ihre Lippen befangen lächeln, ihre Hand scheu und lockend abwehren.

Antwortete halbe Sätze voll von Sträuben und Versprechen.

Er war ein hübscher Junge, unleugbar, sehr anders als die plumpen

Tiroler Herren. Das kühne, magere Gesicht mit der starken Nase, die

kurzen, vollen Lippen. Mit seinem unbekümmerten, langen,

kastanienfarbenen Haar mußte sich gut spielen lassen. Auch war Taufers

ein reicher Besitz. Aber schließlich, ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut,

ihre kostbare Zartheit und Lieblichkeit war, Gotts Donner und Blitz,

zehn solche Herrschaften wert. Wenn sie dachte, wie die Welschen

hingerissen auf ihre Blondheit starrten, wie sie blaß wurden bei ihrem

Anblick, dann war sie überzeugt, sie hätte können in der Lombardei einen

ganz andern Ritter und Herrn finden. Als Gattin eines Visconti in

Mailand, eines Scala in Verona zu herrschen, umrauscht von der

Bewunderung der glänzenden Städte, wäre Triumph gewesen, viel

offenkundiger, als am Tiroler Hof die Gattin des Herrn von

Taufers-Laferte zu sein.

Chretien sah, daß sie zögerte, ihn hinhielt. Er spürte, er müsse sich

größer machen, wichtiger. Er weihte sie ein in den Plan gegen die

Luxemburger.

Agnes hörte zu mit einem merkwürdigen, dummen, sonderbar befriedigten

Lächeln. Sie wußte plötzlich, es war ein viel größerer Triumph, die

Gattin Chretiens zu sein als die des Mastino della Scala oder des

Visconti von Mailand. War es Sieg, der häßlichen Herzogin, der

wüstmäuligen, lapphäutigen, den Mann zu entreißen? Ja, ja! Es war Sieg!

Plötzlich wußte sie, daß sie seit langem auf diesen Sieg gewartet,

diesen Augenblick mit allen Mitteln herbeigekitzelt hatte. Es floß _ein_

Strom von ihr zu der Häßlichen, sie schaukelten auf _einem_ Brett. Jene

war häßlich, gewiß; aber auf ihrem häßlichen Haar saß ein Fürstenreif,

und aus ihrem häßlichen Gesicht schauten ein paar höllisch kluge,

brennend energische Augen. Sie zu besiegen war viel schwerer als eine

andere, Schöne. Der Haß zwischen ihr und jener war ein sehr Lebendiges,

war das wichtigste Stück Leben, ihres sowohl wie jener. Wie hatte jene

gekämpft um den Mann! Hatte sie beraubt und den Raub dem Manne

geschenkt, hatte große Ereignisse künstlich gehäuft, den Mann darauf zu

stellen und zu erhöhen. Sie, Agnes, die arm war und bloß und nichts

besaß als sich selbst, hatte nur gewinkt und der Mann war sogleich

heruntergesprungen von dem riesigen Sockel, den jene so mühsam getürmt,

und ihr zu Füßen. Sie kostete ganz diese Erfüllung, schwoll an, schwamm

in ihr. Nein, sie wird in Tirol bleiben, wird sich messen mit der

Herzogin, die sie haßt, wird ihr mehr noch nehmen als den Mann. Es war

herrlich, oben zu schweben auf der Schaukel, selig und schwebend hoch,

und die andere ganz tief zu sehen und ganz vernichtet.

Chretien ging in den gefährlichen Handel mit den Luxemburgern wie in ein

Turnier. Er war glücklich, Agnes vorher für sich geborgen zu haben. Er

dachte nicht einen Augenblick daran, daß durch seine Verbindung mit ihr

die Herzogin geschmälert werden könnte. Margarete war hier, Agnes dort,

seine Beziehung zu jener, seine Neigung für diese war aus sehr

verschiedenem Stoff. Er rüstete die Hochzeit in aller Eile, denn die

Ereignisse drängten. Agnes war sehr damit einverstanden; es war

kitzelnde Lust für sie, daß Margarete die Befreiung ihrem, ihrem Manne

zu danken haben würde.

Zu Ende der Woche wollte Herzog Johann mit dem Markgrafen Karl und dem

größern Teil der luxemburgisch-böhmischen Truppen das Land auf mehrere

Monate verlassen, um seinem Vater in dem polnischen Krieg Hilfe zu

bringen. Agnes fragte Chretien, wann und wie man die Herzogin von ihrer

Vermählung unterrichten solle. Chretien hatte geplant, Margarete zur

Hochzeit zu bitten. Unter dem unverwandten, tiefblauen, spöttisch

unschuldigen Blick des Fräuleins von Flavon wurde er unsicher, verschob

die Mitteilung an Margarete, die mit allen Gedanken in ihrer Revolution

stecke, erst bis nach vollzogener Vermählung, dann bis zu seiner letzten

Unterredung mit der Herzogin. Als er indes die letzten Einzelheiten der

Unternehmung mit ihr besprach, schien es ihm richtiger, ihr seine Ehe

erst dann zu melden, wenn die luxemburgischen Truppen und Beamten

vertrieben und sie die alleinige Herrin ihres Landes sei. Es war

übrigens, als er sich von ihr verabschiedete, um sie erst nach

geglücktem Staatsstreich wiederzusehen, in seiner Stimme die gleiche

vertrauliche, vieldeutige Schleierung, die sie auf den Scheitelpunkten

ihrer Neigung so beglückt hatte.

Kurz nachdem Chretien gegangen war, stand Herzog Johann in Rüstung vor

Margarete, um nun, auch er, sich zu verabschieden. Markgraf Karl war mit

der Masse der luxemburgischen Garde vorausgezogen. Kühl, verächtlich

hörte Margarete auf Johanns grimmige Sätze. Bissig schloß er: »Jetzt

wird hier ein gescheites Regiment anfangen, wenn Sie ohne mich regieren.

Man sieht ja an Taufers, was dabei herauskommt, wenn man meine Maßnahmen

kreuzt.«

»An Taufers?« konnte sie sich nicht enthalten zu fragen.

»Nun ja, jetzt hat sich die Agnes das Schloß eben auf diese Art

zurückgeholt. Da hätten wir es ihr gleich lassen können.«

Margarete fragte nicht weiter. Sie wußte plötzlich alles. Sie

beherrschte sich, bis der Herzog fort war. Sie fiel nicht um, die Stimme

versagte ihr nicht, ihr Blick hielt seinen kleinen, bösartigen,

lauersamen Wolfsaugen ruhvoll höhnisch stand.

* * * * *

Allein, brach sie furchtbar aus. Wer jemals war so verraten worden?

Geschleiert hatte er die Stimme, beredt gemacht und voll letzter

Ergebenheit den Blick, jede Geste voll Einverständnis. Hatte sie in den

Glauben geschläfert, er sehe durch ihre wüste Haut in die strenge, harte

Schönheit dahinter im Innern. Hatte getan, als verzichte er ihre

Resignation mit, als kämpfe er ihre Kämpfe, ihre leidvollen Siege mit,

ziehe sich mit ihr zurück aus den bequemen Tälern der Alltagslust auf

ihre kalte, einsame, wild strenge Erhöhtheit. Und hatte sie sogleich

preisgegeben an die glatte, leere Larve. Wer weiß, vielleicht saßen sie

jetzt zusammen, Agnes und er, und lachten sie aus!

Schlau hatte er es angestellt, ei ja! Hatte sich seine Gaukelei, die

verzückten Mienen, das ergebene Getue verflucht teuer bezahlen lassen.

Mit solchem Preis, mit der Herrschaft Taufers, hätte man sich sämtliche

Hofzwerge, Sänger, Gaukler, Spielleute des Römischen Reichs erkaufen

können. Und jetzt hatte er es gnädig zugelassen, daß sie ihn dem Projekt

gegen die Luxemburger an die Spitze stellte. Hatte wohl erwartet, er

werde nun Burggraf werden, Landeshauptmann, der eigentliche Regent von

Tirol. Darum wohl auch hatte er ihr bis jetzt nichts mitgeteilt von

seiner Verbindung mit Agnes. War der Streich einmal geglückt, dann hatte

er die Macht in der Hand. Brauchte ihren Zorn nicht mehr zu fürchten.

Konnte im Land schalten, als der Retter von der Fremdherrschaft, auch

gegen ihren Willen.

Wie sie sich lustig machen mußten, er und jene, über die dumme, häßliche

Herzogin, die Gans, die glaubte, sie könne durch Geschenke, durch

Gefühle über ihre Wüstheit hinwegtäuschen! Als wiege dem Mann die

strahlendste Seele einen plumpen Mund auf und hängende Backen. Sie

raste. Sie wütete gegen sich. Mit _einem_ Krach stürzte der ganze

künstliche Bau ein, in den sie sich geflüchtet hatte. Oh, wie verlogen

waren alle diese Phantasien gewesen von ihrer strengen, hohen Sendung,

ihr Willkommgruß an die Häßlichkeit! Lächerlich war sie, lächerlich im

Putz ihrer modischen Kleider und weltumströmenden Gefühle, sie, die Gott

verworfen hatte durch ihre widerwärtige Gestalt und doppelt verhöhnt

durch den Platz, auf den er sie gestellt.

Wie hatte sie herabgeblickt aus ihrer kristallenen Höhe auf Agnes, das

kleine, bunte, dumme Insekt. Und jetzt lag sie im Dreck, wo sie

hingehörte, ekles Geziefer, das sie war, und Agnes lächelte aus dem Blau

auf sie herunter mit ihren feinen, roten, ach, so zierhaft geschwungenen

Lippen.

Haßte sie Agnes? Nein, sie haßte sie nicht. Die war nun, wie sie war.

Wer so schön war, hatte gut herunterlächeln -- warum sollte sie nicht?

-- auf die Häßliche. Aber er, Chretien! Wie er gelogen hatte! Wie er sie

angeschaut hatte aus seinem kühnen, gebräunten, offenen Gesicht,

hündisch ergebene Andacht in den Augen! Wie sich ihm die Stimme gepreßt

hatte aus Bewegtheit und Neigung! Daß einer mit so offenem, treuherzigem

Gesicht so lügen konnte! Daß Gott das zuließ! Daß die Erde nicht aufriß

unter ihm! Der Hund! Der Betrüger! Der schmutzige Lügner!

Sie häufte, in ungehemmter Raserei, alle Flüche und Schimpfworte, die

unflätigsten, die sie kannte, sinnlose, irgendwo aufgeschnappte. Sie

tobte durch das Zimmer, bis sie kraftlos auf den Teppich fiel. Da lag

sie, die plumpen, geschminkten Hände von sich gestreckt, unfähig, sich

zu regen, heiser, das zarte, kupferfarbene Haar gelöst in spröden

Strähnen.

Als sie sich erhob, war sie sehr verändert. Ging an ihre Geschäfte,

eisig starr, rasch, ohne Schwanken, zielklar, mit einer kalten,

besessenen Energie. Diktierte, schrieb selber Briefe, fertigte Kuriere

ab. Neue Briefe, neue Siegel, neue Kuriere. So ging das durch zwei Tage.

Dann versank sie in ebensolche Untätigkeit, wie sie vorher rastlos

gewesen war. Niemand wurde vorgelassen. Sie schleifte sich auf und ab

durch ihre Zimmer. Schaute stundenlang über das Land hin, die dicken,

plumpen Lippen halboffen in einem merkwürdig lüsternen, bösartigen

Lächeln. Wartete. Aß nicht. Sprach nicht. Wartete.

Bevor Markgraf Karl und Herzog Johann die böhmische Grenze erreicht

hatten, erhielten sie einen Eilbrief des Bischofs Nikolaus von Trient,

des der luxemburgischen Sache blind Ergebenen. Er habe von den

verschiedensten Gegenden des Landes anonyme Warnungen erhalten. Es gäre

im Land. An der Spitze der Aufruhrbewegung stünden Chretien von Taufers,

Heinrich von Rottenburg, Albert von Andrion. Er rate den Fürsten

dringend, mit ihren Truppen zurückzukehren.

In Eilmärschen kehrten die Luxemburger um. Fingen Albert von Andrion und

Chretien von Taufers in einem Hinterhalt. Der Aufstand war mißglückt,

ehe er ausgebrochen war. Die revolutionären Feudalherren krochen in ihre

Burgen zurück; keiner hatte von einem Protest gegen das luxemburgische

Regiment etwas gewußt, geschweige denn von bewaffnetem Widerstand. Die

eigentlichen Anstifter, Burgstall, Villanders, Schenna, waren von Anfang

an zu klug gewesen, sich bloßzustellen. Wie Schnee im Sommer

verschwanden die Aufständischen vor den luxemburgischen Truppen.

Heinrich von Rottenburg entkam; gute Freunde, um sich zu halten,

lieferten ihn aus.

Nachdem der Aufstand so rasch und mühelos erstickt war, hielt Markgraf

Karl seinen weiteren Aufenthalt in Tirol für überflüssig. Er empfahl

seinem Bruder und dem Bischof von Trient, die Mitläufer nicht zu

verfolgen, aber die Führer rücksichtslos zu bestrafen. Legte verstärkte

Besatzung nach Schloß Tirol, in die wichtigsten Festungen, zog mit dem

Rest der Truppen seinem Vater zu Hilfe nach Polen.

* * * * *

Auf Schloß Sonnenburg bei Innsbruck saß der Bischof Nikolaus von Trient,

hörte mit finsterer, beflissener Aufmerksamkeit das Protokoll, das der

Sekretär des Herzogs Johann vorlas. Johann selber lehnte am Tisch,

schaute mit kleinem, bösem, triumphierendem Lächeln auf den sitzenden,

finstern Prälaten.

Ja, nun zeigte es sich, daß er recht gehabt hatte. Der Bischof hatte es

für unpolitisch gehalten und, wenn dann doch nichts herauskommen sollte,

für geradezu schädlich. Aber er, Johann, hatte darauf bestanden, hatte

sich kühn hinweggesetzt über so umständliche Bedenken. Was Bruder der

Herzogin! Was Blut vom angestammten Fürstenhaus! Ein Hochverräter war

er, ein meineidiger Rebell. Und er hatte über Albert von Andrion die

Tortur verhängt.

Der blonde, nette, fröhliche Mensch war ihm von je zuwider gewesen. Ei,

er hatte ihn immer angehaßt, mit Margarete gegen ihn gezettelt. Nur

hatte man ihm nichts nachweisen können. Jetzt endlich konnte man ihn,

Gott sei Dank, überführen, unschädlich machen.

Der Herzog selber war dabei gestanden, als man den Gefangenen peinlich

befragte. Den ersten Grad überstand er stumm und trotzig. Man zog ihn,

die Füße mit Bleikugeln beschwert, an den nach rückwärts gebundenen

Händen hoch, ließ nieder, zog wieder hoch. Seine weiße, rosige Haut lief

an, schwitzte. Aber er schwieg. Auch die Daumenschrauben überstand er.

Es knirschte, Blut spritzte, er erbrach sich. Aber seine Heimlichkeit

nicht mit. Erst als man ihn mit glühenden Zangen zwickte und mit

Feuerbränden unter den Achseln kitzelte, bequemte er sich und wurde

gesprächig.

Und nun also hatte man das Protokoll. Ein gutes, kostbares Protokoll.

Der Bischof zwar meinte, der Rottenburger sei ein sprudelnder Narr,

Chretien und Albert dumme Jungen, es müßten bessere Köpfe

dahinterstecken, und an die könne man trotz des Protokolls nicht heran.

Aber jedenfalls hatte man es jetzt schwarz auf weiß, daß die

Revolutionäre Margarete verständigt hatten, daß die Herzogin mit im

Komplott war.

Der finstere Bischof fragte ironisch, ob Johann je daran gezweifelt

habe. Der erwiderte: nein, aber er freue sich, den Beweis in der Hand zu

haben; er werde Margarete das Schriftstück ums Gesicht schlagen. Der

Bischof fragte, ob er glaube, daß dadurch dem Haus Luxemburg großer

Machtzuwachs erreicht sei.

Bevor er nach Schloß Tirol ging, urteilte Johann die Führer der

Verschwörung ab. Albert, verrenkt, siech durch die Folterung, wurde

seiner Lehen für verlustig erklärt; nachdem ihn die Mönche von Wilten

einigermaßen transportfähig gepflegt hätten, sollte er in ewige Haft

nach Böhmen gebracht werden. Den kleinen Heinrich von Rottenburg ließ

Johann in Lumpen vor sich bringen, zerrte den Gebundenen, Geknebelten am

Bart, schlug ihn auf beide Wangen, eröffnete dem unter seinem Knebel

Fauchenden, Augenrollenden, daß nun auch seine beiden anderen Burgen

zerstört, verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht werden würden. Der

Rottenburger selber wurde in einen Kerker nach Luxemburg geschafft,

Chretien nach Schloß Tirol mitgeführt.

Der Herzog fand Margarete durchaus nicht so verzweifelt und zerknirscht,

wie er erwartet hatte. Sie hockte in einer Ecke, in einer seltsamen,

toten Müdigkeit. Johann hatte ein Gefühl wie vor einer Schlange, die

sattgefressen ist und sich nicht regt und keine Hoffnung und keine

Furcht mehr kennt in ihrer gelähmten, apathischen Sattheit. Er klirrte

auf und ab vor ihr, machte sich knabenhaft wichtig in seiner Rüstung,

stieß Drohungen aus, unflätige Beschimpfungen. Sie solle sich nicht

beifallen lassen, zu fliehen, alle Gänge seien bewacht, Gräben, Tore,

Mauern dreifach besetzt. Sie dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, auf

Monate; er werde sich sehr überlegen, wem er Zutritt zu ihr gestatte.

Aber er kam mit all seinen großen, bedrohlichen Worten durchaus nicht

auf seine Rechnung. Sie fielen leer, ungeflügelt zu Boden. Margarete

hörte mit lässiger, stumpfer Neugier zu, man konnte ihr nicht beikommen,

es hätte durchaus keinen Sinn gehabt, sie zu schlagen und anzuspeien,

wie er es sich ausgemalt hatte. Er funkelte sie an mit seinen kleinen

Wolfsaugen; aber er merkte, daß sein Toben und Wüten ziemlich künstlich

blieb und ohne Eindruck. Enttäuscht zog er schließlich ab.

Sie lag lange allein. Wie war sie leer und ausgehöhlt! Es war trüber,

feuchter Tag. Sie fröstelte. Wollte heizen lassen. Schellte. Niemand

kam. Sie schleppte sich zur Tür. Zwei Geharnischte traten ihr entgegen,

streckten ohne Wort die Lanzen vor.

Abend fahlte herein. Ein Mensch glitt in den Raum, stellte eine große,

brennende Kerze auf den Tisch, still, merkwürdig lautlos, ein Verhülltes

daneben und eine Buchrolle, glitt ebenso stumm wieder hinaus.

Margarete fröstelte stärker, blinzelte in die flackernde Kerze.

Schleifte sich schließlich heran an das Licht, wärmte die klammen Hände

an der Kerze. Die Buchrolle waren Kapitel aus der Schrift. Aus dem

Verhüllten stieg ein fauliger, süßlicher Geruch auf. Gezogen fast und

wider Willen zerrte sie an dem Tuch, es öffnete sich. Fäden, braune

Fäden. Nein, das war Menschenhaar. Langes, kastanienbraunes. Eine Stirn

darunter. Dies war ein abgeschlagener Kopf. Vergraust warf es sie

zurück. Chretiens Kopf starrte sie an aus verglasten Augen. Er lag

schräg da, die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn waren

noch verhüllt.

Der Gaumen wurde ihr trocken. Sie atmete wild, in kaltem Schweiß,

drückte sich in den Winkel, röchelnd. Stierte auf den Kopf, den das

Licht flackerig, willkürlich und lächerlich verzerrte. Schloß die Augen.

Rötlich tanzte vor ihr die Nacht.

Es zwang sie, wieder auf den Kopf zu stieren. Gut wäre es, wenn diese

Kerze tot wäre und ihr irrsinniges Geflacker. Man müßte sie auslöschen.

Aber sie konnte nicht auf. Hatte sie denn Angst? Nein, sie hat nicht

Angst. Sie ist die Herzogin. Wenn man sie belauert, durch ein Loch in

der Tür? Sie steht auf; Kopf starr geradeaus, mit seltsam gespreizten

Gliedern stelzt sie zu dem Tisch, schlägt die Kerze aus. Sackt hin.

Liegt eine lange Weile steif. Spürt, wohlig fast, die Kälte und nichts

sonst. Dann fängt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf

zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren,

bräunlichen Wangen schillern giftig, bläulichgelb, und jedes dieser

schmutzigen, schwärzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen

klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von

einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wäre! Es wäre besser gewesen, die

Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf

ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in

einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und

zu.

Er ist häßlich. Das häßlichste Lebendige ist nicht so häßlich wie ein

Totes.

Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, daß er sie hat betrügen wollen. Die

Schöne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf läßt

sich kein Staat machen.

Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmütiger,

freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat

er nur mitgetan, um kein Spaßverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und

bloß und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war.

Aber Chretien war doch anders. Das kühne, magere, bräunliche Gesicht.

Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang

und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehören, nicht der Schönen.

Tag sollte es sein, Tag, daß sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des

Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und daß

die Nacht der Liebe gehöre und verwünschen den Tag, daß er fernbleiben

möge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk' mir meinen

toten Freund, der mir gehört, Tag!

Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht

war, lag sie überschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber.

* * * * *

Nach zwei Monaten strenger Überwachung erhielt sie Erlaubnis, für einige

Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken

Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krüppelhafte Mädchen scheu und

unzugänglich wie immer.

Margarete war vollkommen leer und ausgeschöpft. Sie aß, trank, ging

herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab

Gruß und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war

viel älter und erfahrener als die welke, milde Äbtissin, wußte viel

besser als diese, daß alles eitel war und Haschen nach Wind.

Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern

nie sehr freund gewesen, König Johann galt ihm als Spötter und Freigeist

-- darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen -- und er

freute sich, daß Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in

seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er

häufte Zitate, führte tröstlich Anselmus an: »Schneller vergeht nicht

die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und für

nichts alle irdische Zierde zu achten.« Aber es schien auf Margarete

nicht viel Eindruck zu machen.

Sie saß mit der Äbtissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel,

schaute über den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste träg im

Schilf, stille, fahle Sonne war, weit draußen lag ein Fischer in seinem

plumpen, altertümlichen Kahn. Die Äbtissin schaute sie aufmerksam an,

streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hände. »Junge

Herzogin!« sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. »Junge

Herzogin!«

»Jung?« fragte Margarete zurück, so müde, daß es nicht einmal bitter

klang. »Jung? Sie sind zehnmal jünger als ich, hochwürdige Frau.«

Die Äbtissin sagte: »Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl

steht.« Ferner sagte sie: »Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch

nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben

zurückkehrt.« Auch sagte sie: »Sie sollten mit den Nonnen singen, junge

Herzogin.«

Als Margarete nach Schloß Tirol zurückkehrte, ließ ihr Ludwig der Bayer

von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines

Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Münchner Hofs führten

den glänzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Löwen wehte ihm

voran, Feudalbarone und Behörden standen feierlich an seinem Weg.

Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten

pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgültig, viel zu müde, sich

Gedanken zu machen über die Gründe, die den Kaiser zu so auffallender

Ehrung veranlaßten.

Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Gründe. Er war erst jetzt wieder

peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft

in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Händel

durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient

vereitelt, der ihm kühl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein

Gebiet verbot. Diese Verärgerung des Kaisers hatten die Tiroler

Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich

bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund

gehalten, hatten ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Das mißglückte

Unternehmen hatte sie gelehrt, daß es nötig sei, eine Großmacht als

Rückendeckung zu gewinnen. Was lag näher, als sich an den Feind der

Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in

dem letzten Unternehmen keine glückliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz

klar, was der unmittelbare Grund war, über den jener Aufstand

strauchelte. Aber so viel war gewiß, daß vornehmlich ihre seltsame

Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug

gezettelten Fäden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es

geratener, diesmal über ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im

letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mußte

sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen,

als Erlösung empfinden.

Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte

ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie

man bedaure, daß sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen

Widerstand des Bischofs von Trient, des Böhmen, gescheitert sei. Fragte

unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen würde, seinen Sohn, den

Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermählen. Der

ländersüchtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht,

Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem

Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger

noch im Land säßen, sei das Ganze ein blaues Projekt.

Den tirolischen Herren genügte solche Antwort vollauf. Sie wußten, es

ging nicht an, daß der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere.

Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die

prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wäre Bescheid

genug gewesen. Die Zerstörung der Rottenburgischen Festen, die Folterung

Alberts, des Sohnes des guten Königs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn

von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die

Barone schürten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verständigen.

* * * * *

Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der

Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhänge. So

schreckbar wuchtig also hatte die Häßliche zurückgeschlagen. Sie stand

vergraust, kroch in tierischer Angst für ihr Leben in sich zusammen,

dachte an Flucht.

Als sie sah, daß gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann

langsam aus ihrem Schrecken hoch, äugte um sich. Sah die strengen

Maßnahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, daß

sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war

sie viel zu klug. Es mußte mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes

begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Haß wuchs mit ihrer Angst. Sicher

plante sie einen noch ärgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu

weiden.

Es geschah nichts. Man kümmerte sich nicht um sie. Es war verständlich,

daß man sich von ihr, der Frau des schmählich Hingerichteten, fernhielt.

Aber warum beschlagnahmte man ihre Güter nicht? Sie ertrug nicht die

Stille und Gleichgültigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles

sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschloß, nach Schloß

Tirol zu reisen.

Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf

ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, bläulichgelb;

in verfilzten Strähnen wehte sein langes, unbekümmertes,

kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurück. Dann

schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Sänfte unter dem Kopf des

Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie

hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie mußte sich sammeln für die

Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war

schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen.

Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie.

Johann empfing sie denn auch gereizt, bösartig, höhnisch. Fragte giftig,

ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich

vorzusehen. Mit großen, traurigen, ob solcher Kränkung vorwurfsvollen

Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, daß der großmütige, junge Herzog, der

ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach' habe zu solchem Mißtrauen.

Beteuerte, wie sie von den Plänen ihres hochverräterischen Mannes keine

Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, daß er tot sei; denn wer so

hinterlistig seinen Fürsten verrate, trage gewiß nicht lange Bedenken,

auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie

habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und

in der Nähe des Fürsten bleiben zu können. Johann hörte zu, mißtrauisch

und geschmeichelt. Sie trat näher an ihn, daß er ihr Fleisch atmete. Er

knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kämpfe nicht gegen Weiber,

vorläufig könne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich

geduldig und lauernd duckte, verächtlich, derb und lüstern den Nacken,

kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nächstens nach Taufers

kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe

keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, ließ sie stehen,

ging auf die Jagd.

* * * * *

Mittlerweile war die Verschwörung des Adels reif geworden. Schloß Tirol

sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht länger

umhin, Margarete zu verständigen. Auch mußte man ihre Einwilligung in

eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von

Schenna übernahm es.

Er saß vor ihr, dürr, in lässiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit

seiner welken, brüchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen

alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger

ahnte die Zusammenhänge. Behutsam, beiläufig warf er ihr hin, sie möge

nicht erschrecken, wenn nächster Tage einmal andere Besatzung das Schloß

beziehe, verstärkte Besatzung. Sie möge, auch wenn geschrien, rumort,

mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, für sie

sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer

Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles.

Nein, sie fragte nicht.

Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr

besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schloß war, habe jeder sehen

müssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge

Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgültigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte

dann wieder zurück. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf längere Zeit als

Gast hier einziehen; in diesem Stück sei Herzog Johann dem guten König

Heinrich ähnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher

immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und

die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wänden, in der gleichen

Luft -- unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die

Wahrheit sagen.

Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen;

und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die

Augen schloß, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, tröstete

er, fing an von seinen Plänen. Sie winkte ab, wollte nicht hören.

Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich

tun wolle? Sie flammte. Das Schloß hier zu einer Hurenherberge machen?

Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, daß er endlich,

auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoßen, sie anbohren,

wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden,

gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das

Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete

schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man

im Volk, was an andern Höfen sagen werde, wenn er hier, im Schloß ihres

Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz

halten wolle. Aber daran müsse sie ihn erinnern, daß der Mann seiner

Mätresse die Revolutionäre geführt habe, daß jene mit im Komplott,

vielleicht die Anstifterin gewesen sei, daß es undenkbar sei, jene habe

den schmählichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich

hüten vor ihr! Er lachte hämisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht

kommen. Sie sei eine eifersüchtige Gans. Prahlerisch fügte er hinzu:

Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt hätte?

»_Ich_ habe dich doch gewarnt!« rief sie. »Ich! Ich!«

Ihm, für einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefühl auf: er sah

sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er

fühlte sich gedemütigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich

war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche

Lüge, durch die sie ihn verblüffen wollte.

»In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern

fangen, nicht mich!« sagte er mit gespielter, verächtlicher Trockenheit.

Und, sich weiter hineinsteigernd: »Also das endlich spürt man? Das geht

an die Nieren? Die Schöne soll aus dem Haus? Das stachelt, daß sie da

ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit' ich

mit ihr! Auf die Jagd reit' ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit'

ich mit ihr! Dir zeig' ich es, Kröte! Häßliche! Giftige! Schmutzige!«

Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich

hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer

nicht taub und verworfen war, mußte hören. Er selber hatte entschieden.

Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen

Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer

Barone billigend. Ohne Zögern unterschrieb sie. Schenna eröffnete ihr

ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde

das Schloß von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt

verweigert werden. Sie selber könne ihm das, begehre er bei seiner

Rückkehr Einlaß, mitteilen. Man werde sich hüten, sich ins Unrecht zu

setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede

Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schloß Schenna

lächelnd, werde niemand ihn hindern. Im übrigen, fügte er freundlich und

sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog

gewarnt werde, könne nichts mehr mißglücken. Er nahm den unterzeichneten

Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen,

ungleichmäßigen, schlendernden Schritten.

* * * * *

Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die

Jagd. Das Wetter -- es war Anfang November -- hatte sich klar und blau

angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind.

Der Herzog war verdrießlich; was ihm Margarete über Agnes gesagt hatte,

war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein

Lieblingsfalke, ein schöner, grauweißer, norwegischer Gerfalke,

verscheucht von einem größeren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der

Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie.

So brach er frühzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand

die Zugbrücke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann

verärgert, fluchend. Stieß ins Horn. Der Turmwächter erschien, sagte, er

habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an,

bellte dem Mann unflätige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen

Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln

Stimme, der Prinz von Luxemburg möge nicht weiterschreien, hier sei kein

Platz für ihn, er möge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in

Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil.

Da stand er nun, schäumend und lächerlich, in seinem Jagdanzug vor dem

versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es

regnete. Ein paar seiner böhmischen Leute aus der Burg machten sich

heran, erzählten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl

gutbewaffneter Tiroler das Schloß besetzt, sie hinausgeworfen habe.

Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit

seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrücke. Aus der Burg kam

Gelächter, Spottverse:

»Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind?

Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind?

Es ist bloß der Graf von Tirol.«

Fluchend zog Johann schließlich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach

Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war

todmüde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Fröstelnd,

jämmerlich, nächtigte er im Freien.

Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig,

überwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von

Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern

hatten sich sacht verlaufen.

Es regnete unaufhörlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr

einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, höhne. Jene

Verse brummten, lästige Insekten, um seine Ohren: »Ein Bettler? Ein

Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Auf Nebenpfaden

schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders

verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten

keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen

Leuten bei ihm.

Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich

verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch

es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein

toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Bürger. Er schlug sich

höher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tägen von

Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn möglich,

auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur,

ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben.

Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, ließ

sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die

Ohren: »Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Er machte

sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm.

Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf

abgetriebenem, versagendem Roß, das auf den versumpften Nebenpfaden

nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein

Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhörte! Er verkaufte

den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das

Pferd.

Fiebernd, erschöpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen

von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die

Knechte grölten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch

behauptete, er sei der Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, Enkel der

Römischen Majestät. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren,

von Luxemburg allezeit sehr gefördert, nahm ihn ehrerbietig auf, schloß

ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschöpfte, verstörte

Fürst wieder zu sich. Knirschte, wob bösartige Pläne, sott Gift, spie

Flüche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben.

Die häßliche Herzogin: Roman · 第 3 / 10 题