Zwischen der Stadt Innsbruck und dem Kloster Wilten auf weitem, freiem
Blachfeld hoben sich Gezelte, Fahnenstangen; Tribünen waren
aufgerichtet, eine Art Rennbahn abgesteckt für Turniere und andere
sportliche Spiele des Adels. Für viele tausend Menschen war Raum
geschaffen, Bequemlichkeit, Vorbereitung zur Kurzweil. Schon das zweite
Jahr bedeckten diese Zelte die Felder von Wilten, wartend auf die große,
prächtige Hochzeit, die Heinrich, Herzog von Kärnten, Graf von Tirol,
König von Böhmen, ausrichten wollte. Die Klosterbrüder sorgten dafür,
daß der Wind die Zelte nicht schädige, daß die Arena für die sportlichen
Spiele nicht zuwachse, daß die Tribünen nicht zusammenmorschten. Aber
das Fest zögerte sich hinaus, der zweite Hochzeitsplan schien sich
ebenso zerschlagen zu haben wie der erste. Die Bürger von Innsbruck, die
Mönche von Wilten schmunzelten, die Berge schauten gleichmütig herunter.
Die Frauen der Innsbrucker spazierten zwischen den feinen, bunten
Leinwänden, die Kinder spielten Haschen über die Tribünen hin,
Liebespaare benutzten die Zelte zu willkommenem Versteck.
Der alternde König Heinrich -- ganz Europa ließ ihm gutmütig und ohne
Spott den Königstitel, trotzdem er sein Königreich Böhmen längst
verloren hatte und nur mehr die Grafschaft Tirol und das Herzogtum
Kärnten besaß --, ritt mißmutig zwischen den Zelten. Er hatte in der
Abtei Wilten ein kleines Frühstück genommen, gebackene Forellen in
Ingwer gesotten, Hühner in Mandelmilch, zum Nachtisch Gratias und
Konfekt. Aber sie verstanden sich in Wilten nicht auf wirklich erlesene
Küche: die Nuancen fehlten. Der Abt war ein wackerer, beflissener,
gescheiter Herr und ein guter, verwendbarer Diplomat, aber von den
Nuancen der Küche verstand er nichts. Ihm jedenfalls, dem König, hatte
es nicht geschmeckt, und während sonst nach dem Essen seine Laune sich
zu heben pflegte, war sie jetzt noch trüber als zuvor. Er ritt das
kleine Stück Weges nach Innsbruck ohne Rüstung. Die knappe, modische
Kleidung beengte ihn; es war nicht zu leugnen, er wurde jetzt von Monat
zu Monat fetter. Aber er war ein weltmännischer, ritterlicher Herr; er
saß prächtig auf seinem edlen, geschmückten Pferd und ließ sich von den
unmäßig langen, weiten Ärmeln nicht behindern.
Leichter Wind ging, flockte den Schnee auf, bauschte die Zeltwände, ließ
sie flattern, klatschen. Das kleine Gefolge war zurückgeblieben, der
König ritt allein, langsam, lässig. Beschaute verdrießlich die
weitläufigen, festlichen Anstalten. Seine glattrasierten Backen hingen
schlaff, träg und fett, der Mund baute sich vor, groß, häßlich, mit
gewulsteter, mächtiger Unterlippe. Seine hellen, wässerigen Augen gingen
verärgert über die Stadt aus Leinen, über die Tribünen, die Schranken
der Arena. Er war gewiß ein gutmütiger, verträglicher Herr. Aber
schließlich hatte auch seine Langmut Grenzen. Nun hatte Johann, der
Luxemburger, ihn zum zweitenmal zum Narren gehabt: ihm zum zweitenmal
die Braut zugesagt, alles feierlich abgesprochen -- ihn zum zweitenmal
sitzen lassen.
Er schnaubte, sein Atem blies durch die kleine, platte Nase, stand in
starken Dunstwolken in der kalten, nebligen Schneeluft. Eigentlich war
er Johann, dem Luxemburger, trotz allem nicht böse; es fiel ihm
überhaupt schwer, jemandem böse zu sein. Johann hatte ihn schmählich aus
Böhmen hinausgejagt, so daß von seinem Königtum nur der leere Titel
blieb; aber er hatte sich von dem liebenswürdigen, eleganten Mann
mühelos wieder versöhnen lassen, als der ihm finanzielle Entschädigung
und die Hand seiner schönen, jungen Schwester Maria bot. Auch als der
Luxemburger sein Versprechen nicht halten und seine Schwester nicht zu
der Heirat überreden konnte, hatte er weiter kein großes Gewese gemacht
und sich bereit erklärt, mit der andern Braut vorliebzunehmen, die der
Luxemburger ihm vorschlug, mit Johanns Kusine Beatrix von Brabant. Doch
daß jetzt auch die ausblieb, das war zuviel. Der Bartholomäustag, an dem
sie hatte eintreffen sollen, war längst vorbei; Johanns liebe Muhme von
Brabant war nicht gekommen, die schönen Zelte auf den Wiltener Feldern
warteten vergebens. Der Luxemburger wird gewiß wieder eine zierlich
gedrechselte Ausrede wissen. Allein diesmal wird sich König Heinrich
nicht so glatt beschwichtigen lassen. Auch die Langmut eines
vielgeprüften christlichen Königs hat ihr Maß und Ziel.
Er wippte ärgerlich mit der kostbar verzierten Reitgerte. Er erinnerte
sich sehr deutlich, wie er zuletzt mit Johann zusammengewesen war, im
Mai, und alles abgesprochen hatte. Der Luxemburger, das mußte man
zugeben, war in fabelhaft eleganter Aufmachung erschienen. Er trug,
ebenso wie alle Herren seines Gefolges, die neueste Tracht, die eben in
Katalonien und Burgund aufgekommen war, und die man in Deutschland noch
nie gesehen hatte: ungeheuer enge, knappe Kleider -- man brauchte zwei
Diener, um sie über die Glieder zu zerren -- aus vielfarbigem Stoff, mit
Schachbrettflicken besetzt, weite Ärmel, fast bis zu den Knien
herabhängend. Er selber, König Heinrich, legte größtes Gewicht auf
modisches Auftreten; doch der Luxemburger -- es war nicht zu bestreiten
-- war ihm über. Alle die böhmisch-luxemburgischen Herren -- wie sie es
nur in der kurzen Zeit hatten fertigbringen können! -- hatten auch
bereits die neue Haartracht getragen: Vollbart und langes Haar an Stelle
des glattrasierten Gesichts und des kurzen Haarschnitts, wie es seit
seinem frühesten Erinnern, ja wohl seit der Stauferzeit, Kavaliersitte
gewesen war. Es hatte ihn wirklich überrascht und ihm imponiert, wie
sicher und selbstverständlich der Luxemburger über Nacht in die neue
Mode hineingewachsen war. Er hatte denn auch voll heimlicher Bewunderung
mit Johann nur über Fragen der Mode gesprochen, dazu über Frauen,
Pferde, Sport, und die Politik und die zu erledigenden geschäftlichen
Fragen der Hochzeit seinen Räten überlassen. Seine Herren, der
behutsame, ergebene Abt von Wilten, der vielbelesene, beredte Abt
Johannes von Viktring, sein stattlicher Burggraf Volkmar, seine lieben,
klugen Herren von Villanders, von Schenna verstanden diese peinlichen,
langweiligen Gelddinge ja wirklich viel besser als er selber, in ihren
treuen und gewandten Händen lag die Abfassung des Vorvertrags viel
sicherer. Er hatte sich darum auch auf das Gesellschaftliche beschränkt,
und wenn König Johann die Vorzüge der Pariser und Burgunder Damen pries,
mit denen er zu abenteuern liebte, so hatte er dem die festen Reize der
Tirolerinnen entgegengehalten, die er sehr, aber sehr genau und aus
immer neuer Anschauung kannte. Schließlich hatte ihm dann sein lieber
Sekretär, der Abt Johannes von Viktring, den fertigen Vorvertrag
vorgelegt, hatte einen lateinischen Vers zitiert: »Und so wäre denn
dieses zum schönen Ende beschlossen,« hatte versichert, jetzt sei alles
gut und erledigt, er werde bestimmt zu Bartelemi die Braut und
dreißigtausend Mark Veroneser Silbers bekommen. Und da war er nun und
ritt herum auf seinem Festplatz. Die Zelte waren da, die Fahnenstangen,
der Turnierplatz -- aber keine Braut und kein Geld.
Am Wege des Königs stand ein kleiner Knabe. Er hatte das Pferd nicht
kommen hören; er hockte eifrig und angestrengt im Winkel eines Zeltes,
hatte den Rock hochgehoben, verrichtete seine Notdurft. Der König
ergrimmte über solche Besudelung seines Hochzeitsplatzes, schlug nach
dem Knaben. Gleich aber, wie der losheulte, hatte er Mitleid, bereute,
warf ihm eine Münze zu.
Nein, es ging wirklich so nicht länger. Wie da die Zelte standen und
warteten, das war seiner Majestät unwürdig. Er wird Schluß machen mit
dem Luxemburger und seinen windigen Projekten. In Innsbruck trifft er
den Österreicher, den Herzog, den lahmen Albrecht. Mit dem wird er
Kontrakt schließen, sich von dem Österreicher die Braut verschreiben.
Ist er auf Luxemburg angewiesen? Gotts Marter! Was ihm Luxemburg nicht
schaffen kann oder will, das wird ihm Habsburg schaffen.
Er war nicht geneigt, Verdruß lang in sich zu halten. Sowie er seinen
Entschluß gefaßt hatte, ließ er den Ärger in die freie, kalte, fröhliche
Gottesluft hinaus. Er sah mit ganz anderen, lustigen Augen auf den
festlichen Aufbau ringsum. Lacht ihr nur! Der wird jetzt bald seinen
guten Sinn haben. Er richtete sich höher, pfiff ein kleines, keckes
Lied, spornte sein Pferd, daß seine Herren sich beeilten, ihm
nachzukommen.
* * * * *
Die fünf Herren des engsten Gefolges hatten, die weitläufige Zeltstadt
durchreitend, halbe, andeutende, lächelnde Sätze über die verzögerte
Hochzeit des Königs getauscht. Sie waren alle fünf weit begabter als ihr
Herr, sie quetschten ihn, vor allem der brutale Burggraf Volkmar, nach
Kräften aus, preßten ihm immer neue Belehnungen, Herrschaften,
Steuerverpachtungen ab. Aber bei alledem hingen sie in ihrer Art an dem
gutmütigen, sanguinischen, bequemen Fürsten. Er war ein freigebiger
Herr, fromm, ein guter Kumpan, geneigt zu Festen und Sport, den Frauen
zugetan; er liebte modische Kleider, jegliches Behagen, er hatte auch
Phantasie, war für jedes Unternehmen leicht zu haben; nur pflegte er
rasch zu erlahmen, hielt nicht durch. In einer Zeit, in der alle Politik
so ganz von der Persönlichkeit des Fürsten abhing, hatte ein solcher
Herr nicht gerade die besten Aussichten, und seit dem böhmischen
Abenteuer war er für die große europäische Politik auf alle Zeit
erledigt. So wenig er das ahnte, so genau wußten das die Herren. Sie
wußten: mit ihm wurde Politik gemacht -- nicht er machte sie.
Aus diesem Wissen heraus überschauten sie auch die Heiratspläne
Heinrichs, und die wartenden Zelte hatten für sie einen sehr anderen,
ironischeren Sinn als für den guten König.
Am Hebel der Geschicke des Römischen Reichs saßen drei Fürsten. Der
rasche, glänzende, schillernde Johann von Luxemburg-Böhmen, der schwere,
schwankende Ludwig von Wittelsbach, der zähe, weitsichtige Albrecht von
Habsburg, den seine Lähmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden
Brüder gemacht hatte. Die drei Fürsten waren gleich an Macht, streckten
die Hand nach der Herrschaft über das Reich und die Christenheit, saßen
gespannt, belauerten sich. Äugten nach dem Land in den Bergen, nach
Kärnten und Tirol, wo Heinrich saß, der alternde Witwer ohne männlichen
Erben. Hier war eine Möglichkeit, die einzige, Macht und Besitz
entscheidend zu mehren. Das Land in den Bergen, das reiche, schöne,
fruchtbare berühmte Land, dehnte sich von den burgundischen Grenzen bis
zur Adria, von der Bayerischen Hochebene in die Lombardei. War die
Brücke von den österreichischen Besitzungen der Habsburger zu ihren
schwäbischen, von Deutschland nach Italien, der Schlüssel zum Imperium.
Seinen Herrn, den gutmütigen, alternden Lebemann zu gewinnen, zu
beerben, schien jedem der drei Fürsten erreichbar. Sie stellten seine
Sehnsucht, zu seinen vielen unehelichen Söhnen und seinen beiden
ehelichen Töchtern einen echten männlichen Erben zu haben, in ihre
Rechnung, lockten ihn mit seinen Heiratsplänen.
Die fünf Herren, die drei Ritter in ihren Rüstungen, die beiden Äbte in
Reisekleidern von sehr weltlichem Schnitt, lächelten, wenn sie daran
dachten, wie König Heinrich diese Zusammenhänge nicht sehen, wie er sie
vor sich selber verstecken wollte. Er tat, als mühten sich der
Luxemburger, der Wittelsbacher, der Habsburger nur aus fürstlicher Lieb'
und Treue, aus Freundschaft, ihm die rechte Braut zu finden.
Am unbedenklichsten war dabei Johann vorgegangen, der Luxemburger. Erst
hatte er Heinrich seine junge, schöne Schwester Maria angetragen und
zwanzigtausend Mark Veroneser Silbers, als Gegengabe die Vermählung
einer der Töchter Heinrichs mit einem der kleinen luxemburgischen
Prinzen verlangend. Er hatte den alten, lüsternen Witwer mit Bildern
Marias gereizt, ohne die zarte, feine, strahlende Prinzessin auch nur
mit einem leisen Wort um ihre Zustimmung gefragt zu haben. Es war
unschwer zu verstehen, daß die junge, liebliche Luxemburgerin, die
Kaiserstochter, sich mit allen Mitteln gegen die Heirat mit dem alten,
schlaffen Lebemann sträubte. Sie hatte ein Gelübde ewiger
Jungfräulichkeit getan, aber dies Gelübde -- die Herren feixten, als sie
in schleierigen Worten davon sprachen -- hatte sie nicht gehindert,
wenige Monate später sich dem König von Frankreich zu vermählen.
Wahrscheinlich hatte Johann, von vornherein wissend, daß er seine
Schwester niemals zu der Heirat mit dem Kärntner vermögen werde, den
alten König, der sich kindisch auf einen wohlgestalten Prinzen aus
dieser Ehe freute, nur hinhalten wollen. Gewiß war, daß er das
zweitemal, im Fall der Beatrix von Brabant, ein leichtfertiges Spiel mit
dem alten Fürsten trieb. Durch das Versprechen einer noch weit reicheren
Mitgift hatte er Heinrich einen Vertrag abgelistet, demzufolge Heinrichs
kleine Tochter Margarete einen von Johanns kleinen Söhnen heiraten und,
falls Heinrich ohne männliche Nachkommen mit Tod abginge, seine Länder
erben sollte. Damit hatte er die Handhabe, sowie der alte Fürst ohne
Sohn starb, seine Hand auf Kärnten, Görz, Tirol zu legen. Nun hatte er
zwar durch sorgfältige Prüfung der mannigfachen Liebesabenteuer
Heinrichs festgestellt, daß der rasch abgeblühte König in den letzten
vier, fünf Jahren von keiner seiner Geliebten mehr ein Kind bekommen
hatte. Immerhin, hier konnte kein Arzt und kein noch so erfahrener
Lebemann mit Sicherheit voraussagen; je länger der Luxemburger die
Heirat des Königs hinauszog, desto mehr schwand dessen Aussicht auf
männliche Nachkommen, desto größer wurde die eigene Hoffnung, durch
seinen kleinen Sohn das Land in den Bergen und damit das römische
Imperium in die Hand zu kriegen.
Sehr genau sahen die Herren diese Verknüpfungen, sehr genau wußten sie,
daß hier der letzte Grund war, aus dem die festlichen Zelte so leer und
betrübt dastanden. Wenn des Luxemburgers liebe Muhme von Brabant,
Tochter des Sire von Louvain und Gaesbecke, Nichte des verstorbenen
Kaisers, des siebenten Heinrich, zögerte, wenn sie vorgab, sie sei die
einzige Stütze ihrer Eltern, sie wolle ihr schönes Flandern nicht mit
dem fremden, beängstigenden Bergland vertauschen -- ei, sehr dringlich
hatte ihr das der Luxemburger wohl nicht auszureden versucht.
Die Herren standen dem ganzen Heiratsplan, der recht eigentlich der Kern
aller alpenländischen Politik war, im Grund unbehaglich und zwiespältig
gegenüber. Der Burggraf Volkmar zwar, wuchtig und brutal in seiner
gewaltigen Rüstung, sagte mit seiner harten, knarrenden Stimme, ob
Luxemburg, ob Habsburg, es sei gut, wenn der König endlich die Braut im
Bett habe; die Majestät und mit ihr sie selber, seine Räte und Herren,
machten sich lächerlich von Sizilien bis in die fernste Nordmark mit
diesem endlos verhinderten Beilager. Allein das klang ein wenig krampfig
und unecht, und sowohl der schlaue, wortkarge Tägen von Villanders wie
Jakob von Schenna, der feine, hagere Herr, der jüngste der Räte, zu
dessen müdem Skeptikergesicht die Rüstung schlecht stand, machten
zweifelnde Mienen. Der König Heinrich verstand so angenehm wenig von
Finanzen; er überließ die Verwaltung ganz seinen Räten, und wenn die bei
Rechnungsablage klagten, was für Mühe sie gehabt und wie sehr sie
daraufgezahlt hätten, so bedankte er sich mit vielen freundlichen Worten
und hielt trotz seiner immer leeren Kassen nicht zurück mit Belehnung,
Privilegien, Steuerpachten. Man wurde auf schöne, leichte, behagliche
Art fett bei ihm, rundete, mästete Gut und Truhe. Wenn sich jetzt -- die
Herren seufzten -- ein Fremder in diesen bequemen Pfuhl hineinlegt, wird
man es, trifft man noch so viel Vorkehrungen, auf keinen Fall mehr so
leicht haben.
Wirklich vergnügt waren die beiden Prälaten, der schlaue, kleine, magere
Abt von Wilten und der betuliche, redselige, behagliche Johannes von
Viktring. »Lehrreich ist es und schön, das Treiben der Großen zu sehen,«
zitierte dieser einen antiken Klassiker, und beide hatten sie ihre
große, stille, sportliche Freude an der Diplomatie des Luxemburgers. Sie
waren nicht unbescheiden; ob Heinrich, ob der Luxemburger, ob der
Habsburger, sie werden von jedem herauszubekommen wissen, was sie für
ihre freundlichen, sauberen, fetten Abteien brauchten. So warteten sie
mit fast unparteiischer Neugier, wie der Kampf zwischen Albrecht von
Österreich und Johann von Böhmen ausgehen werde, und beschauten mit
Wohlwollen die dicke, fromme, gutmütige, lebenslustige Schachfigur, die
König Heinrich in dem hohen Spiel der drei mächtigsten Deutschen
darstellte.
Die Herren holten den König ein, der straffer auf seinem Pferd saß,
sahen, wie er sich aufgehellt hatte, errieten seinen Entschluß, sich von
dem Habsburger unter allen Umständen die Braut verschreiben zu lassen.
Nun ja, so oder so, einmal mußte die Angelegenheit zum Streich kommen.
Gut, man wird sich also auf den Habsburger einstellen.
Doch als nach wenigen Monaten die Zelte von Wilten sich endlich wirklich
mit den Festgästen bevölkerten, war freilich eine andere Beatrix die
Braut, jene, die Albrecht von Österreich vorgeschlagen hatte, Beatrix
von Savoyen; allein Johann von Luxemburg hatte sich eingeschoben, Johann
von Luxemburg hatte die Hochzeit vermittelt, den Vorvertrag
unterzeichnet und garantiert, Johann von Luxemburg zahlte die Mitgift
oder versprach wenigstens, sie zu zahlen, und sein kleiner Sohn Johann
war der Bräutigam Margaretes von Kärnten und Erbe des Landes in den
Bergen.
Die zwölfjährige Margarete, Prinzessin von Kärnten und Tirol, reiste von
ihrem Stammschloß bei Meran nach Innsbruck zur Hochzeit mit dem
zehnjährigen Prinzen Johann von Böhmen. Ihr Vater, König Heinrich, hatte
ihr vorgeschlagen, sie solle die nahe Straße über den Jaufenpaß nehmen.
Aber sie zog den riesigen Umweg über Bozen und Brixen vor, denn sie
wollte sich weiden an den Huldigungen der menschenvollen Siedlungen an
dieser Straße.
Sie reiste mit großem Gefolg. Die Herren ritten langsam, die
schöngeschmückten, kostbaren Planwagen der Damen knarrten holpernd die
bergigen Straßen hinauf, hinab, stießen erbärmlich. Viele Damen zogen
Maultiere vor, trotzdem sich das eigentlich nicht schickte, oder sie
ließen sich auch für eine kurze Strecke von den Herren aufs Pferd
nehmen.
Die kleine Prinzessin saß in einer prunkvollen Roßsänfte mit ihrer
Hofmeisterin, einer Frau von Lodrone, und ihrem Kammerfräulein Hildegard
von Rottenburg, einem dürren, unansehnlichen, ungeheuer dienstwilligen
Geschöpf. Die beiden Damen seufzten und lamentierten immerzu über den
Staub der schlechten Straße, den Gestank der Pferde, das endlose
Geschaukel; aber die Prinzessin ertrug die Strapazen ohne leiseste
Klage.
Still und ernsthaft saß sie, aufgeputzt, pomphaft. Die Taille war so
eng, daß sie sie schnürte; die Ärmel aus schwerem, grünem Atlas hingen
übertrieben modisch zum Boden; ein Eilkurier hatte ihr aus Flandern
eines der neuartigen, kostbaren Haarnetze bringen müssen, wie sie eben
dort aufgekommen waren. Eine schwere Halskette prahlte über dem
Ausschnitt, große Ringe an den Fingern. So saß sie, ernsthaft,
schwitzend, überladen, prunkvoll zwischen den verdrießlichen, ewig
jammernden Frauen.
Sie sah älter aus als ihre zwölf Jahre. Über einem dicklichen Körper mit
kurzen Gliedmaßen saß ein großer, unförmiger Kopf. Wohl war die Stirne
klar und rein, und die Augen schauten klug, rasch, urteilend, spürend;
aber unter einer kleinen, breiten, platten Nase sprang der Mund äffisch
vor mit ungeheuren Kiefern, wulstiger Unterlippe. Das kupferfarbene Haar
war hart, spröde, stumpf, ohne Glanz, die Haut kalkig grau, bläßlich,
unrein, lappig.
So fuhr das Kind von Kärnten durchs Land unter einem strahlenden
Septemberhimmel. Wo sie hinkam, grüßten Zinken und Trompeten, Glocken
läuteten, Fahnen wehten. In Brixen holten Bischof und Kapitel
feierlich die Tochter und Erbin ihres Schirmvogts ein. Die
großen Feudalaristokraten empfingen sie an den Grenzen ihrer
Lehensherrschaften. Am Weichbild der Städte erwarteten sie mit
festlichem Gruß die Behörden.
In klarer, kluger, lateinischer Rede, herrisch und sehr erwachsen
erwiderte Margarete die unterwürfigen Worte der Huldigenden. Ehrfürchtig
starrte das Volk sie an, grüßte sie wie das Sanktissimum, hob die Kinder
hoch, daß sie ihre künftige Fürstin sähen.
War sie vorbei, schaute man sich an, feixte. »Das überworfene Maul! Wie
eine Äffin!« höhnten Frauen, die unansehnlich waren und dürftig von
Gestalt. Schöne hatten Mitleid. »Die Arme! Wie sie häßlich ist!«
So zog das Kind durch das Land, kalkig, blaß, dicklich, ernsthaft,
schwer von Pomp wie ein Götzenbild.
* * * * *
In dem großen Empfangszelt der leinenen Stadt vor Wilten prunkten die
kostbaren Gobelins und Teppiche, rauschten feierlich die Banner, standen
gravitätisch die Wappen von Luxemburg, Kärnten, Krain, Görz, Tirol. Der
zehnjährige Prinz Johann erwartete die Braut, die ihm vermählt werden
sollte. Mager, knochig, sehr groß für seine Jahre, stand der Prinz, der
dünne, lange Kopf leidlich hübsch, doch versteckten sich tief in den
Höhlen bösartige, kleine Augen. Unbehaglich rieb er sich in seinen
engen, modischen Kleidern, die schmale Brust peinlich zerstoßen in einer
rein dekorativen Halbrüstung, die er bei diesem Anlaß zum erstenmal
trug. So drückte er sich, schwitzend, sonderbar unsicher, zwischen den
fünfzehn böhmischen und luxemburgischen Herren herum, die ihm das
Geleite gegeben.
Trompeten, sich senkende Fahnen. Die Prinzessin kam. Der Erzbischof von
Olmütz trat vor, begrüßte sie im Namen des Prinzen mit tönenden, geübten
Worten. Dann standen sich die beiden Kinder gegenüber, der geschmückte
Knabe in seiner Zierrüstung und das prunkschwere Mädchen. Prüfend
beschauten sie sich. Unbehaglich blinzelte, scheu und trotzig aus
kleinen, bösartigen Augen Johann nach seiner häßlichen Braut; kühl, fast
verächtlich sah Margarete auf den langen, stakigen, unsicheren Knaben.
Dann, zögernd, zeremoniös, reichten sie sich die Hände.
Die Väter kamen. Bewundernd sah Margarete den riesigen, strahlenden
König Johann. Welch ein Mann! Und der Luxemburger, der ein sehr geübter
Politiker war, überwand sich. Zuckte nicht zurück. Hoch hob er in seinen
starken Armen das häßliche, dickliche, prunkende Kind, das seinem Sohn
Kärnten, Krain, Tirol, Görz zubrachte, und vor aller Augen küßte er die
Zitternde, ihm dringlich in die Augen Starrende, glückselig
Erschlaffende auf den breiten, äffisch vorgebauten Mund. Der alternde
König Heinrich stand froh und gerührt, die hellen Augen noch wässeriger
als sonst. Mit seiner fleischigen, immer etwas zitternden Lebemannshand
schüttelte er die kalt schwitzende, kraftlose, knochige seines kleinen
Schwiegersohns, redete zu ihm wie zu einem Erwachsenen.
Und es klangen die Hörner, dröhnten die Pauken, das Festmahl begann. In
Scharlach und Gold glänzte das Zelt, in dem die Kinder Galatafel
hielten. Drei strotzende Tische bogen sich unter den Schaugerichten. Die
Bistümer Trient und Brixen hatten ihr kostbares Tischzeug geliehen, die
Städte Bozen, Meran, Sterzing, Innsbruck, Hall ihr Prunkgeschirr. Schwer
zu Häupten des Brautpaars prahlten die Standarten mit den ungefügen
Wappentieren. Hoch auf ihren wuchtigen, geschmückten Streitrossen trugen
die ersten Herren Böhmens, Kärntens, Tirols die Speisen herbei für die
fürstlichen Kinder, unter Vortritt der Musik. Ritter reichten Wasser,
Handtücher nach jedem Gang, schenkten Wein, schnitten Speisen vor.
Ernsthaft unter Scharlach und Gold mit alten Gesichtern thronten die
Kinder.
Der gute König Heinrich schwamm in Glück. Er ging hinüber zu seiner
neuen Gemahlin, der jungen, schüchternen, bleichsüchtigen, immer
fröstelnden Beatrix von Savoyen, die am Tisch der fürstlichen Damen
präsidierte, tätschelte ihre Hand, trank ihr zu. Schlenderte wieder
zurück zu dem Luxemburger, dem ersten Ritter, dem galantesten Weltmann
der Christenheit. Es tat wohl, sich Seite an Seite mit diesem zu fühlen,
eins mit ihm. Der war anders als der ernsthafte, fade Bayer, der Kaiser
Ludwig, der immer nur von Politik sprach und von Militär. Der gehörte zu
ihm, war von seiner Art. Er, Heinrich, lebte und liebte herum auf seinen
Schlössern Zenoberg, Gries, Trient, auf den Burgen seiner Edelleute, und
ihre Damen waren geehrt und erfreut, wenn sie ihrem Fürsten ihre
Ergebenheit zeigen konnten. Auch auf Reisen ging er keinem Erlebnis aus
dem Weg, sah es gern, wenn etwa der Magistrat einer Stadt ihn feierlich
einlud, das Frauenhaus zu besuchen. Doch dieser Johann war ihm --
Sakrament und neungeschwänzter Teufel! -- noch über. Es gab keine Stadt
von der spanischen Grenze bis tief ins Ungarische, von Sizilien bis ins
Schwedische, wo der nicht sein Wesen getrieben hätte. Durch die Straßen,
nachts, strich er, verkleidet, lüstern wie ein Kater, scharmutzierte mit
den Bürgersfrauen, prügelte sich herum mit gekränkten Liebhabern. Ganz
Europa war voll von seinen merkwürdigen, frechen, süßen, glänzenden
Abenteuern. Selig, schon sehr stark unter Wein, rückte Heinrich ganz
nahe an den Luxemburger; er war ihm ehrlich zugetan, ganz ohne Neid.
Gewiß, er war etwas älter, ein wenig reifer; aber alles in allem
erblickte er in diesem Johann nur sein eigenes Widerspiel, so etwas wie
einen gleichgearteten jüngeren Bruder. In fröhlicher Ahnungslosigkeit
glaubte er, die Welt müsse in ihm selber das gleiche sehen wie er in
jenem.
Er trank stark, gluckste, stieß mit schwimmenden Augen, in kichernder
Kollegialität, den Luxemburger in die Seite, lallte ihm flüsternd
anstößige Geheimnisse zu. Der kluge, glänzende Johann ging freundlich
auf die greisenhaft geschwätzige Vertraulichkeit des Kärntners ein, ließ
durch keine leiseste Geste merken, daß er ihn für einen alten Trottel
hielt. Die beiden Könige steckten die Köpfe zusammen, legten sich die
Arme um die Schultern, wisperten Lebemännisches, pruschten heraus.
Auch die übrigen Herren belebten sich, röteten sich. Die Böhmen, die
Luxemburger, die Tiroler verstanden einander nur schwer oder überhaupt
nicht. Das war Anlaß mancherlei Spaßes. Immer wieder vor allem hörte man
das dröhnende Gelächter der beiden natürlichen Brüder des Königs,
Heinrichs von Eschenloh und Albrechts von Camian.
Das Kind Margarete schaute mit großen, klugen Augen zu ihren lustigen
Oheimen hinüber. Ihre Damen, die Frau von Lodrone, das Fräulein von
Rottenburg, baten verschämt, die Herren möchten ihre gefährlichen
Historien vor den Kindern nicht so laut erzählen. Die beiden welkenden
Hofdamen hatten von dem süßen Wein getrunken, sie hatten fleckige
Backen, lächelten säuerlich, angeregt, gelockt.
An der Tafel der Damen saß auch die jüngere Schwester Margaretes, die
kränkliche, verkrüppelte Adelheid. Das menschenscheue Kind wäre viel
lieber im Kloster geblieben bei den Nonnen von Frauenchiemsee. Doch
Margarete hatte darauf bestanden, daß die Schwester bei ihrer Hochzeit
erscheine. Da saß sie denn in dem festlichen Lärm zwischen den
dröhnenden Rittern unter den Bannern und Schaugerichten, die Enkelin der
kraftvollen Eroberer des Landes, fahl, verwachsen, leidend, den
Hofzwergen sehr ähnlich, die vor ihr herumzappelten, krampfige, grobe
Späße machten. Die sanfte Beatrix von Savoyen, ihre Stiefmutter,
lächelte ihr zu, streichelte ihre Hand.
Der kleine Prinz Johann, der Bräutigam, saß finster, steif, beengt auf
seinem Ehrenplatz. Die Kinder hatten noch fast nichts miteinander
gesprochen. Zuweilen, mit einem schrägen Blick, streifte er seine Braut,
die ganz sicher und ohne Scheu dasaß. Um sich über seine Verlegenheit
hinwegzuhelfen, aß er viel und hastig durcheinander, trank auch von dem
gewürzten Wein. Schließlich befiel ihn Übelkeit; er machte zunächst ein
grimmiges Gesicht, verbiß es, aber zuletzt konnte er es nicht mehr. Der
Erzbischof von Olmütz mußte ihn hinausführen. Man lächelte ringsum,
wohlwollend, freute sich, machte gutmütige Scherze. Margarete schaute
kühl, verächtlich geradeaus.
Als er zurückkam, hatte er die Rüstung abgelegt, fühlte sich leichter.
Düsteren, trotzigen Gesichts machte er sich über die Pistazien, Feigen,
Lebkuchen, Latwerge, Bonbons her. Diese Reise, das häßliche, stolze
Mädchen, seine Braut, das Fest, sein Vater, der alte, dicke Mann, der
jetzt sein Schwiegervater war -- alles war ihm tief zuwider. Er hätte in
dem schmutzigen böhmischen Dorf sein mögen, das zum Schloß seiner Mutter
gehörte, hätte sich herumraufen mögen mit den Bauernkindern, den
Wenzeslaus, Bogislaw, Prokop. Er war lang, kräftig und feig. Er pflegte
seine Spielkameraden rücksichtslos zu hauen, zu beißen. Wehrten sie
sich, so nahm er es zunächst hin. Drohten sie aber, ihn zu überwältigen,
so kehrte er plötzlich den Königssohn heraus, schäumte, verklagte, ließ
hart bestrafen. Er war bei seiner Mutter erzogen, der böhmischen
Elisabeth, die dem Luxemburger das Königreich zugebracht hatte. Sie war
eine hysterische Dame, grell verliebt in ihren strahlenden Gemahl, wild
eifersüchtig auf seine zahllosen Frauen. Vor allem haßte sie glühend die
Witwe des verstorbenen Königs Rudolf, die Gräzer Königin, deren
anstößige Beziehungen zu Johann das Land in Bürgerkrieg stürzten und
verelendeten. In solchen jäh wechselnden Gefühlen, ihrem Gatten bald
ekstatisch anhangend, bald ihn wild hassend und verfluchend, erzog sie
auch den kleinen Johann. Er konnte sich mit seinem Vater kaum
verständigen; der sprach kein Böhmisch, er kein Französisch; sie mußten
Deutsch miteinander reden, das sie beide nur schlecht beherrschten. Auch
sah der Knabe den Vater nur selten, wenn der für eine kurze Zeit
rauschender Feste in sein Königreich zurückbrauste, das er nicht leiden
mochte, dem er nur Geld ausquetschte, dem er sein Luxemburg, seine
schönen rheinischen Besitzungen weit vorzog. Die Mutter zwang ihn dann,
dem Vater je nach ihrer Laune Haß oder Liebe vorzuheucheln. So wurde das
Kind sehr früh hinterhältig, verdrückt, trotzig, scheu.
Das helle, bergige Land Tirol, in dem alles so klar und scharf im Licht
stand, war ihm unangenehm. Er sehnte sich zurück in sein wolkiges,
dunstiges Böhmen. Er blinzelte, er fühlte sich satt. Der Wein regte ihn
auf, er wollte jetzt etwas tun, befehlen, quälen.
Sein Kämmerling stand hinter ihm, goß ihm aus goldenem Krug Wasser über
die Hände. Johann herrschte ihn an, er solle besser achthaben, er gieße
ihm das Wasser über die Ärmel. Der Kämmerling rötete sich, zuckte mit
den kurzen Lippen, wollte erwidern, bezwang sich, schwieg.
Margarete wandte den Kopf, ließ ihre klugen, raschen Augen über den
Kämmerling gehen. Der Knabe war drei, vier Jahre älter als Johann,
schlank, kühnes, mageres, gebräuntes Gesicht mit starker Nase und
kurzen, vollen Lippen; langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar.
»Wie heißt Ihr Knabe Kämmerling, Liebden?« sagte sie mit ihrer warmen,
klaren Stimme.
Johann sah schräg zu ihr herüber, mißtrauisch. »Chretien de Laferte,«
erwiderte er mürrisch.
Chretien war ihm seit etwa einem Jahr vom Hof seines Vaters beigegeben
worden als älterer Spielgefährte und Kamerad, der ihm höfische Dienste
leisten und vornehmlich französische und burgundische Sitte beibringen
sollte.
»Geben Sie mir von dem Konfekt, Chretien!« sagte langsam, gleichmütig
Margarete und sah ihn an.
Chretien, beflissen, reichte ihr die Schale mit Süßigkeiten. Sie brach
mit großer Selbstverständlichkeit ein Stück in drei Teile, behielt den
einen, reichte Johann den zweiten, den dritten dem befangenen Chretien.
Am Tisch der Herren beobachtete man den Vorgang, scherzte über die
kindliche Nachahmung erwachsener Galanterie. Allmählich wurden die
Scherze bösartiger. Man spöttelte über die ungewöhnliche Häßlichkeit der
Braut. »Armer Junge!« sagte einer der Böhmen. »Der muß sich seine Länder
sauer verdienen.« -- »Da erobere ich lieber mit dem Schwert als so,«
sagte ein anderer. -- »Bis so ein Maul einem schmackhaft wird,« sagte
ein dritter, »muß es dick geschmiert sein.« Die tirolischen Barone
hielten sich zuerst zurück; aber schließlich, halb widerwillig, stimmten
auch sie ein. Das Kind Margarete schaute herüber. Sie konnte unmöglich
gehört haben; doch ihre großen, ernsthaften Augen schienen so wissend,
daß die Herren fast betreten abbrachen.
Jakob von Schenna saß unter ihnen, der jüngste unter den Räten und
Vertrauten König Heinrichs. Er war oft zu Gast auf den Schlössern des
Königs. Das Kind Margarete sah ihn häufig. Er war der einzige, den sie
mochte, dem sie vertraute. Er sprach nicht zu ihr mit jener törichten
Herablassung, mit jener krampfigen Kindlichkeit, die sonst wohl
Erwachsene annahmen, wenn sie mit ihr sprachen, und die sie bitter
verdroß. Er nahm sie und behandelte sie wie eine Große.
Er sah, wie sie prunkvoll feierlich dasaß, er sah den kleinen, rohen,
bösen böhmischen Prinzen, von dem kein Weg zu ihr führte, er sah, wie
sie mit dem Kämmerling Chretien anzuknüpfen versuchte. Er hörte die
schlimmen, verständnislosen Witzeleien über ihren armen Körper. Da stand
er auf, schlenderte hinüber, stand vor ihr in seiner schlechten,
nachlässigen Haltung, schaute sie höflich an aus seinen grauen,
wohlwollenden, sehr alten Augen, machte gelassene, ernsthafte
Konversation mit ihr. Wie ihr Herr Schwiegervater, die böhmische
Majestät, glänzend aussehe, und wie man ihm die vielen Strapazen so gar
nicht anmerke. Und daß der geplante Aufenthalt des Königs in Südtirol
ihr selber, Margarete, wohl auch viele Mühe machen werde; denn der König
werde wohl alle ihre Schlösser mit Gefolge und Mannschaft belegen. Und
wieviel Geld ein allenfallsiger lombardischer Feldzug kosten werde. Der
kleine Johann schielte herüber, verblüfft, wie gescheit Margarete
redete.
Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Margarete führte noch ein
kleines, formvolles Abschiedsgespräch mit ihrem Gemahl, bevor sie sich
zurückzog. Sie fragte ihn nach den Eindrücken, die er von Tirol, von dem
Hof ihres Vaters habe; ob er sich auf das bevorstehende Turnier freue;
wünschte ihm, er möge sich bald heimisch fühlen. Ungeschickt, blöde
erwiderte der Knabe, Widerwillen und eine gewisse trotzige Stumpfheit
auf seinem nicht unschönen Gesicht. Als sie ging, stand der Kämmerling
Chretien an ihrem Wege, riß die Zeltvorhänge auf vor ihr. Sie dankte
gemessen, kühl, fremd, fürstlich.
Dann ließ sie sich in ihr Zelt tragen; sie war nun doch herzlich müde.
Ihre Frauen kleideten sie aus, viel schwatzend, kichernd, einzelne
Teilnehmer, einzelne Begebenheiten des Festmahls breitkauend. Sie lag
bereits in ihrem Bett, die Frauen schwatzten noch immer. Endlich gingen
sie. Sie streckte sich, die Glieder erlöst aus dem schweren, engen
Prunk. Nun wird sie aber gut schlafen. Sie hat es sich verdient. Sie war
mit sich zufrieden. Sie hat sich gut gehalten, durchaus als Erwachsene,
sehr fürstlich, hat sich vor den luxemburgischen und böhmischen Herren
keine Blöße gegeben. Mit dem Johann freilich war nicht viel Staat zu
machen.
»Mit euerm Prinzen ist aber auch nicht viel Staat zu machen,« bemerkte
draußen mit grober, kichernder, mühsam gedämpfter Stimme die
zusammenräumende Magd.
»Gegen eure Prinzessin,« höhnte der böhmische Knecht zurück, der ihr
half und mit ihr sponsierte, »ist er immer noch ein lichter Engel. So
was! Das Maul! Die Zähne! Bei uns würde man so was gleich nach der
Geburt ersäufen wie eine Katze.«
Der König Heinrich unterdes bezahlte die Zeche der Hochzeit. Es war eine
sehr schöne Hochzeit. Es war begreiflich, daß sie viel kostete; er war
kein Knauser. Bereitwillig streckten seine Herren ihm die großen Summen
vor, bereitwillig, in fröhlichster Gebelaune, entlohnte er diese
Gefälligkeit mit der Verpfändung von reichen Dörfern, Pflegen,
Herrschaften, Zöllen und Gefällen. Warum sollte er seinem lieben
Burggrafen Volkmar nicht Visiaun und Möltern überlassen? Er gab ihm noch
Rattenberg dazu. Und es war nicht mehr als billig, daß der Abt von
Wilten, der so lange für die schöne, leinene Hochzeitsstadt hatte sorgen
müssen, den See zwischen Igls und Vill erhielt. Dann aber mußte man auch
dem Kloster Viktring etwas geben. Denn wenn nur Wilten was erhielt, war
sein guter Sekretär Johannes mit Recht gekränkt. Also bekam auch
Viktring etliche Höfe und Gülten. »Keine schönere Freude als guten
Freunden zu spenden,« zitierte dankend der beredte Abt einen antiken
Klassiker.
Der Luxemburger war dabei, als König Heinrich sorglos, formlos, gnädig,
fröhlich und stark unter Wein, diese riesigen Schenkungen und
Verpfändungen unterzeichnete. Auch er war freigebig; aber so bieder
unverschämt hätten ihm seine Barone nicht kommen dürfen. Es wird gut
sein, wenn man da dem alten, fröhlichen Herrn ein bißchen den Riegel
vorschiebt. Sonst verschenkt er das ganze Land, sagt noch merci, wenn
man es annimmt, und zum Schluß hat sein kleiner Sohn nur die
Prinzessinbraut und kann Sonntag davon machen! Auch die blasse, sanfte
Beatrix, König Heinrichs junge Frau, sah erschreckt und verängstigt zu,
wie ihr Gatte mit den reichen Besitzungen um sich warf. Sie war von Haus
aus an enges, ängstliches Wirtschaften gewöhnt; auf die Art Heinrichs,
fürchtete sie, würden bald selbst die Hemden ihrer Mägde verpfändet
sein. Sie beschloß, die Finanzen selber in die Hand zu nehmen; ihr
blasses, scheues Gesicht bekam auf einmal etwas Verbissenes.
Für die nächsten Tage war Turnier angesagt. Bei diesem Anlaß sollten
mehrere junge Herren zu Rittern geschlagen werden. Margarete ersuchte
unvermittelt ihren kleinen Gemahl, er solle dabei auch seinen Kämmerling
Chretien de Laferte zum Ritter machen lassen. Die Augen Johanns wurden
noch kleiner, trotziger; er knurrte irgend was. Margarete wiederholte
ihren Wunsch herrischer, dringlicher. Prinz Johann sagte verdrückt,
bissig, er wolle nicht. Er knuffte den Kämmerling in die Seite mit aller
Kraft seiner kleinen, knochigen Faust. »Da hat er seinen Ritterschlag!«
höhnte er, verzog hämisch sein langes Gesicht.
»Ich danke Euer Hoheit tausendmal für die Gnade,« sagte Chretien blutrot
zu der Prinzessin; »aber wenn er doch nicht will.«
»_Ich_ will, _ich_ will!« sagte Margarete heftig mit ihrer vollen,
dunklen Stimme. Sie lief zu ihrem Vater, zu dem König Johann. Lachend
sagte man ihr zu. Chretien dankte der Prinzessin, hin und her gerissen.
Schon hatten ihn die Kameraden derb gehänselt wegen seines ziervollen
Liebchens.
Am vorgesehenen Tag fand dann das glänzende Turnier statt, auf das ganz
Tirol sich schon seit Jahren freute. Es war eine große Lustbarkeit. Vier
Ritter wurden erstochen, sieben tödlich verletzt. Alle Welt fand, es sei
das bestgeglückte Vergnügen seit langer Zeit.
Auch König Johann nahm an dem Stechen teil. Da er aber hatte erfahren
müssen, daß man häufig aus Furcht, ihn, den König, zu besiegen, nur zum
Schein mit ihm focht, ritt er unter dem Wappen eines gewissen Schilthart
von Rechberg. Es hatte nun zwischen den Alpenländlern und den Fremden
schon mancherlei Eifersüchteleien gegeben; auch fürchteten die
tirolischen und kärntnischen Herren, der Einfluß der Luxemburger könnte
ihre finanzielle Stellung bei dem guten König Heinrich gefährden. Unter
dem fröhlichen Spiel stak also eine sehr ernsthafte, grimmige
Eifersucht, und man sah es durchaus nicht ungern, brach von den Gegnern
der eine oder andere die Rippen. Sei es nun Zufall, sei es, daß man sein
Deckwappen verraten hatte -- jedenfalls sah sich Johann bald im Kampf
mit dem wuchtigsten und gefährlichsten aller tirolischen Ritter, dem
ungeschlachten Burggrafen Volkmar. Sie rannten sich wild und
rücksichtslos an, schließlich fiel der König, der eine bewegte Nacht
hinter sich hatte, vom Pferd, wurde im Kot herumgewälzt, übel getreten
und arg zerschunden aus dem Haufen herausgezogen. Er mußte sein Pferd um
sechzig Mark Veroneser Silbers von dem Burggrafen lösen. Er verbiß den
Ärger, daß gerade dieser plumpe, habgierige, widerwärtige Mann ihn
abgestochen hatte, trug lachend, lässig, mit Haltung Lahmheit und
Verdruß, rühmte mit vielen liebenswürdigen, sachkundigen Worten, wie gut
vorbereitet und in jeder Hinsicht geglückt diese Tiroler sportlichen
Spiele seien.
König Heinrich saß des Abends müde in seinem Zelt. Die Freude über das
schöne Fest wurde geschwärzt; Rechnungen kamen, Rechnungen über
Rechnungen. Die Fleischhauer von Bozen wollten Geld, die Bürger von
Innsbruck präsentierten große Forderungen, der gute, gelehrte Abt von
Marienberg wußte sich nicht mehr zu helfen vor seinen Gläubigern, die er
mühelos hätte befriedigen können, zahlte ihm der König nur einen Teil
dessen zurück, was er ihm geliehen. Heinrich hätte, wie gern, gezahlt
und gezahlt; aber seine Kassen waren leer. Der König Johann schuldete
ihm freilich die vierzigtausend Mark Veroneser Silbers Heiratsgut; mit
der ungeheueren Summe hätte er alle seine Verpflichtungen decken können.
Aber es ging doch nicht an, den König zu mahnen. Heute schon gar nicht.
Spürte er doch am eigenen Leib, wie peinlich ein Fest durch so etwas
gestört wurde.
So saß er denn in dicker Verlegenheit. Da stellten seine Herren vor ihn
drei schmächtige, schattenhafte Männer. Sie waren sehr still, sehr
demütig, sehr unscheinbar. Hatten rasche Augen, die aber sehr ergeben
blicken konnten. Schauten einander sehr ähnlich. Der König erinnerte
sich, sie gesehen zu haben, wußte aber nicht mehr, wo er sie hintun
sollte. Das war natürlich. Sie waren ja so klein, so gering. Sie
verneigten sich viele Male, sprachen mit leiser Stimme.
Es waren Messer Artese aus Florenz, der Pächter der Münze von Meran, und
seine beiden Brüder. Die Herren waren auch diesmal gern bereit, einem so
gütigen christlichen König mit ihrem bißchen Kapital beispringen zu
dürfen. Sie hatten eine einzige kleine Bedingnis: die Majestät solle
ihnen die Einkünfte des Salzwerks von Hall überlassen. Das nette, kleine
Salzbergwerk.
König Heinrich schrak zurück. Das Salzamt von Hall! Die erste
Einnahmequelle des Landes! Das war ein teures Hochzeitsfest, das er da
seiner Tochter gerüstet hatte. Selbst seine leichtherzigen Räte machten,
als sie von dieser Bedingung hörten, bedenkliche Gesichter. Schickten
schließlich seine junge Frau vor, die erwirkte, daß das Bergwerk
wenigstens nur für zwei Jahre verpachtet wurde. Die Florentiner
verneigten sich viele Male. Zahlten das Geld, nahmen die Dokumente an
sich. Glitten fort, schattenhaft, grau, unscheinbar, einer dem andern
sehr ähnlich.
Zu Herrn von Schenna sagte Margarete: »Glauben Sie, daß Chretien de
Laferte Schlechtes von mir spricht? Sagen Sie ehrlich, Herr von Schenna,
glauben Sie, daß er mit den andern lacht, weil ich häßlich bin?«
Jakob von Schenna hatte mit eigenen Ohren gehört, wie der junge
Chretien, von den andern gehänselt als Ritter der häßlichsten Dame der
Christenheit, erst an sich hielt, dann die Kameraden überbot an übeln
Schmähungen Margaretes. Jakob von Schenna sah die großen, erfüllten
Augen des Kindes in dringlichem, angstvollem Fragen auf sich. »Ich weiß
es nicht, Prinzessin Margarete,« erwiderte er. »Ich kenne den jungen
Chretien zu wenig. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, daß er übel
von Ihnen redet.« Und er legte ihr seine große, dünne, kraftlose Hand
auf den Kopf wie einem Kind, und sie litt es gern, daß er diesmal zu ihr
war wie zu einem Kind.
Auf Schloß Zenoberg verhandelte König Johann mit den tirolischen
Baronen. Er verlangte jetzt schon, als Vormund seines kleinen Sohnes,
Huldigung für den Fall von Heinrichs Tod. Die Herren waren grundsätzlich
bereit, forderten aber Sicherstellung ihrer Privilegien, Bürgschaften,
daß ihnen der Luxemburger keine Landfremden in die maßgebenden Ämter
setze. Außerdem verlangte jeder für sich, verblümt oder geradezu, Geld,
Verschreibungen, Landbesitz, Handelsmonopole, Zölle.
Mit den Versprechungen und Bürgschaften war Johann sehr freigebig. Er
unterzeichnete und ließ siegeln, was man wollte. Er hatte in Böhmen
Erfahrungen gemacht; er wußte, das war letzten Endes eine Machtfrage.
Konnte er Geld und Soldaten auftreiben, dann setzte er diesen frechen
Gebirglern Franzosen, Burgunder, Rheinländer als Statthalter in den Pelz
nach seinem Belieben. Brachte er kein Kapital und keine Armee auf, dann
wird er in Gottes Namen seine Versprechungen halten. Vorläufig schrieben
seine Notare sich die Finger wund: »Wir, Johannes, von Gottes Gnaden
König von Böhmen und Polen, Markgraf von Mähren, Graf von Luxemburg,
erklären hiemit und tun kund und zu wissen und verpflichten Uns mit
Brief und Siegel.« Mit Geld war Johann etwas vorsichtiger. Er ließ
zumindest die habgierigen, unersättlich feilschenden Herren merken, daß
er sie durchschaue. Schließlich schmiß er ihnen dann das Verlangte
ritterlich und verächtlich hin. Bargeld freilich nicht, das hatte er
nicht, sondern langfristige Wechsel.
Auch der gute König Heinrich mußte betrübt erkennen, daß er seine
vierzigtausend Veroneser Silbermark nicht so bald bekommen werde. Flott,
gemütlich, vertraulich faßte ihn der Luxemburger um die Schulter,
verpfändete ihm beiläufig die Gerichte Kufstein und Kitzbühel -- die
hatte er von seinem Schwiegersohn, dem Herzog von Niederbayern, dem er
anderes dafür verpfändet --, vertröstete ihn auf das Frühjahr, rühmte
seine langen, modischen Schuhe, die hübsche, dralle Frau, mit der er
getanzt hatte. Heinrich brachte es nicht mehr über sich, wieder von den
Finanzen anzufangen.
Des Abends spielte König Johann Würfel mit den Kärntner und den Tiroler
Herren. Er setzte ungeheure Summen. Schließlich hielt ihm niemand mehr
Widerpart als der brutale, stiernackige Burggraf Volkmar. Der
Luxemburger haßte den wuchtigen, rohen Mann, der ihn schon im Turnier
besiegt hatte. Er steigerte seine Einsätze so, daß selbst König Heinrich
den Atem anhielt. Verlor. Erklärte zum Schluß leichthin, über die
Achsel, er bleibe die verlorenen Summen schuldig. Der Burggraf knurrte,
wurde gefährlich; mit geschmeidiger Schärfe funkelte Johann ihn nieder.
* * * * *
Merkwürdigerweise kehrte Johann, trotzdem Unruhen ausgebrochen waren,
nicht nach Böhmen zurück. Sein Land atmete auf. Es erschrak, wenn er
kam. Sein Aufenthalt dauerte immer nur kurz, diente ihm nur, Geld
auszuquetschen. Gut, daß er wegblieb.
Ja, er blieb in Tirol. Ging in das Gebiet des Bischofs von Trient. Saß,
der strahlende Herr, der erste Ritter der Christenheit, untätig lauernd,
zwielichtig schillernd; kein Mensch wußte, was er plante.
Der Bischof Heinrich von Trient fand sich durch diesen Gast sehr
beschwert. Wie weit durfte er ihm entgegenkommen, ohne bei dem Papst
oder dem Kaiser anzustoßen? Immer war ein so verwirrendes Zwielicht um
diesen Böhmenkönig. Wo er hinkam, war wildes Gehetze, Getriebe. Kuriere
jagten nach ihm von allen Höfen Europas, fanden ihn nicht. Denn der
König verweilte selten lang an einem Ort; es trieb ihn über die Erde
rastlos wie fließendes Wasser. Man wußte nicht, wohin, wie, warum. Ach,
ginge er doch zurück in sein Land, der Verfluchte! Aber natürlich, das
ließ er verkommen. Das liebte er nicht, das trübe, dumpfe Land. Spaß,
daß er den helleren Westen vorzog, den Rhein, seine Grafschaft
Luxemburg, Paris.
Der Bischof saß, ein großer, beleibter Herr, starkes, gebräuntes,
italienisches Gesicht, sorgenvoll auf seinem Schloß Bonconsil, schüttete
sich aus vor seinem Freund, dem Abt von Viktring, dem betulichen,
klugen. Die beiden geistlichen Herren schimpften weidlich. Der Heide,
der! Der Jerobeam! Grausam brandschatzte er seine Kirchen und Klöster.
Hatte selbst vor dem Grab des heiligen Albert nicht haltgemacht, es nach
Schätzen durchwühlen lassen. Kirchenschänder! Herodes! »Aber einst wird
erstehen aus unsern Gebeinen ein Rächer!« zitierte der gelehrte Abt
einen antiken Klassiker.
Ja, dies war entschieden der gefährlichste, beschwerlichste Gast, den
der Bischof seit Jahren gehabt hatte. Ein gesalbter König, aber -- der
Bischof sagte es geradezu -- ein Lump und Verbrecher. Ohne seine Krone
wäre er schon hundertmal gehenkt worden. Er spielte falsch; der Abt
bestätigte es; jetzt erst hatte er es wieder in Innsbruck getan. Er war
der wüsteste Verschwender und Schuldenmacher des Säkulums. Dazu seine
anstößigen Beziehungen zu den beiden böhmischen Königinnen. Recht hatte
man gehabt vor zwei Jahren in Prag. Da hatte er das große Turnier
gerüstet, die umständlichsten Vorbereitungen getroffen, die Häuser auf
dem Markt niederlegen lassen, um Zelte und Tribünen zu errichten. Dann
kamen von zweitausend Geladenen, von Kaiser und König und Fürsten und
Herren, sieben schäbige, zweifelhafte Ritter und ein Genueser Bankier.
Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht möglich, ihn so zu behandeln.
Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond.
War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Aussätzigen, so
feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und
selbst sein kahles, ausgeplündertes Böhmen ließ sich blenden, wenn er
von strahlenden Siegen zurückkam.
Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im
geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten
Endes sinnloses Spiel. »Kühlende Wellen locken mit Schillern und
Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn
tückisch hinab,« zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der
Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein
verfeinertes Rittertum begnüge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen
und geharnischte Männer aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren
Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefährliche
Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa
ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, König und Gegenkönig,
Frankreich und England, lombardische Städte, Maure und Kastilier,
überall müsse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin
haben. Verträge, Bündnisse stiften, Ehen kuppeln, Fäden anknüpfen,
zerreißen, Krieg führen, Frieden schließen, Schlachten schlagen,
verhindern, immer im dicksten Getümmel stehen, Freunde, Feinde machen,
Soldaten, Länder nehmen, geben.
»Nur kein Geld,« seufzte der Bischof.
Der Abt schloß, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit.
Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Möglichkeiten,
strecke seine Hand über das ganze Abendland, raffe an sich, lasse
fallen. Und während Böhmen innerlich immer kränker werde, schlucke er
immer neue Besitzanrechte, Länder, Städte, verstreut durch alle Grenzen,
blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich,
sprach rednerisch wie auf der Kanzel: »Aber wenn auch dieser Herr Johann
noch so hastig über die Erde hinfährt, lachend, stattlich, strahlend,
elegant, modisch, immer eidbrüchig, immer ohne Geld, immer von
stürmischer, sieghafter Liebenswürdigkeit -- es ist ihm ein Ziel
gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist
ohne Gott. Manchmal kommt mir der Böhme vor wie eine Puppe, wie ein
Gespenst. -- Maß ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,«
zitierte er einen alten Schriftsteller.
Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile
haben. Vorläufig jedenfalls hatte Gott dem Böhmen kein Ziel gesetzt, und
er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wußte auch
nichts weiter zu sagen, und die beiden Prälaten schauten schweigend,
nachdenklich hinaus auf das rötliche, üppige Land, die geschwungenen,
bräunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein.
* * * * *
Nein, vorläufig war dem Böhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr saß dieser
Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich,
rekelte sich. Überließ sein langes Haar, den schönen, vollen Bart den
wohligen Winden des südlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die
welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen,
mächtigen Städte, durch die Schlösser der überstolzen Barone: Johann von
Böhmen ist da, König Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Römischen
Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der
Ghibellinen. Burgundische, böhmische, rheinische Ritter und Hauptleute
zogen mit ihren Fähnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst über
den Brenner. Aus München der Kaiser Ludwig äugte mißtrauisch her. In
Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder
schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann.
Die Parteiführer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn für sich zu
gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prächtige Araberpferde
kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber
Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur
Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslängliche Herrschaft.
Aldrigeto von Lizzana ließ dem Vermögensverwalter Johanns viertausend
Veroneser Silbermark auszahlen, bat den König -- als Schutzherrn
Toscanas und der Lombardei --, ihn mit dem brescianischen Ufer des
Gardasees zu belehnen. Und plötzlich war auch Messer Artese aus Florenz
da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brüdern, die
ihm sehr ähnlich sahen, und sehr viel Geld.
Und dann, ohne lange Ankündigung, sachte, setzte sich Johann in
Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glänzend gerüstet
alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das
satte, reife Bergland. Süßer, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben,
strotzende Früchte. Aus den violetten, rötlichen, bräunlichen Bergen goß
sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine
Braut glitt sie den Kömmlingen unter die Füße. Bergamo, Pavia, Cremona
in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behörden auf
Knien, die Schlüssel ihrer Städte darbietend. Die großen Barone demütig
um Bestätigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von
seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der
herrlichen, bunten Häuser geschmückte Frauen, mit großen, gebannten
Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mühselig, schwitzend und
bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der
Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von
Nürnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Böhme in
Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig,
nehme, was er erwerbe, für das Reich in Besitz; er wolle nur die Gräber
seiner Eltern besuchen, des Römischen Kaisers, des siebenten Heinrich,
Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn möglich, in
die Heimat schaffen. Während zu Weihnachten in München alle Glocken
unter dem päpstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner
Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als
Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hält
Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er für den Kaiser? Für den
Papst? Nur für sich? Niemand weiß es. Weiß er es selber? Er schreibt
sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die
Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Königreich Lombardei rundet
sich ihm, fällt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt.
An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Römischer König stolzer
Hof gehalten. Er läßt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische.
Lächelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab?
Heute ist er der mächtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf,
hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Böhmen,
Mähren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern
durch seine Tochter, Kärnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hält den
Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das
reiche, süße, oberitalienische Königreich. Reckt sich. Atmet. Hält
Feste. Zieht die schönsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch,
schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brüdern Messer Artese aus
Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male.
Das Kind Margarete wuchs heran auf den Schlössern Zenoberg, Gries,
Tirol. Lernte gern und viel. Fragte den klugen, redseligen, betulichen
Abt Johannes von Viktring bei allem, was sie sah und hörte, warum,
wieso. Trieb mit den Äbtissinnen der Klöster Stams und Sonnenberg
Theologie. Der Prunk, die feierliche Ordnung der Liturgie zwangen ihr
Bewunderung ab. Sie sprach und schrieb fließend Latein und Welsch.
Interessierte sich brennend für politische und nationalökonomische
Dinge. Hörte aufmerksam den historischen Vorträgen des gelehrten Abtes
zu, und während die anderen seine begrifflichen politischen Theorien
gelangweilt belächelten, konnte sie nicht genug davon kriegen. Gründlich
unterrichtete sie sich bei den vielen fremden Gästen ihres Vaters über
die Verhältnisse der andern Höfe und Länder. Verächtlich schnupperte
sie, als sie hörte, Ludwig von Wittelsbach, der Bayer, erwählter
Römischer Kaiser, der Vierte seines Namens, spreche nicht Latein.
Sie streifte durch das Land. Zu Wagen, in der Pferdesänfte. Die Passer
hinauf, hinab, durch die Rebenterrassen, Obstgärten. Ging mit wachen,
klugen Augen durch die farbigen Städte Meran, Bozen. Beschaute die
Bürger, ihre steinernen Häuser, Rathaus, Markt, Mauern, Pranger, Stock,
Herbergen, Badehäuser, die Leichen der Gerichteten vor den Toren. Hielt
rasche, herrische Einkehr in den Höfen der Bauern, den Wachhütten der
Winzer.
Der gutmütige König Heinrich kümmerte sich wenig um sie. Er ließ sie
treiben, was sie wollte. Erkundigte sich zuweilen zärtlich, ob sie denn
mit ihren Kleidern hinausreiche, ob sie nicht mehr Schmuck, Pferde,
Dienerschaft brauche. Fragte allenfalls, was sie von dem neuen
flandrischen Koch halte, oder wie der genuesische Mantel stehe, den er
sich eben habe machen lassen. Er ging ganz auf in Kleidersorgen,
Stiftungen für Klöster, Festlichkeiten, Gastereien, Turnieren, Frauen.
Wenn sie sich mit seinem klugen Sekretär unterhielt, dem Abt von
Viktring, dann schaute er wohl gerührt auf sie, sagte zu Beatrix, seiner
Frau, zu seinen Gästen: »Mein gutes Kind! Wie gescheit sie ist!«
Von den Klosterfrauen lernte sie singen. Es war erstaunlich, wenn unter
der platten, breiten Nase aus dem äffisch sich verwulstenden Mund die
Stimme herausdrang, schön, warm, erfüllt. Während sie sonst mit ihren
Kenntnissen nicht zurückhielt und ohne Scheu redete, sang sie fast nie
vor Fremden. Des Abends, unter Obstbäumen, allein, sang sie ihre Lieder,
kunstvolle aus Italien, aus der Provence oder auch einfache deutsche,
wie sie sie rings vom Volk hörte. Manchmal, selbst wenn sie allein war,
brach sie mitteninne ab. Die Zwerge konnten sie hören. Die Zwerge
wohnten in allen Berghöhlen. Sie aßen und tranken, spielten und tanzten
mit den Menschen. Aber unsichtbar. Nur der regierende Fürst kann sie
sehen, der zu Recht das Land beherrscht, in dem sie gerade verweilen.
Ihr Vater hat die Zwerge gesehen, auch der Bischof von Brixen, in dessen
Gebiet sie zuweilen kamen. Jakob von Schenna hat ihr Genaues von den
Zwergen erzählt. Sie schrieben Briefe, bildeten unter sich einen Staat,
hatten Gesetze und einen Fürsten, bekannten den katholischen Glauben,
kamen heimlich in die Wohnungen der Menschen, waren ihnen hold. Sie
führten Edelsteine mit sich, mit denen sie sich unsichtbar machen
konnten. Sie fragte Herrn von Schenna, warum sie sich unsichtbar
machten. Herr von Schenna wich aus. Durch Zufall, von einer Magd, erfuhr
sie den Grund. Weil sie sich ihrer Häßlichkeit schämten. Sie ward noch
fahler als sonst. Schluckte.
Mit peinlichster Sorge pflegte sie ihren Körper. Sie nahm täglich ein
Dampfbad, wusch sich mit Kleienwasser, französischer Seife. Sie wickelte
das Zahnpulver in frisch geschorene Wolle, ehe sie ihre großen, schräg
vorstehenden Zähne reinigte. Sie pflegte ihre Haut mit Weinsteinöl,
gebrauchte rote Schminke aus Brasilholz, weiße aus gepulverten
Zyklamenknollen. Des Nachts legte sie eine Wachsmaske auf, ihren
unreinen Teint zu bessern. Sorglich, mit Opfern, gehorchte sie jeder
neuen Modevorschrift.
Mußte sie dann sehen, wie gleichwohl jeder drallen, ungewaschenen
Bäuerin mehr wohlgefällige Männerblicke folgten als ihr, dann wandte sie
mit einem Ruck ihre Gedanken von diesen Dingen, stürzte sich mit
hitziger Energie in Studium und Politik. Wog zum hundertstenmal Macht,
Möglichkeiten, Einflußkreise der Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger
gegeneinander ab. Habsburg, Luxemburg, Wittelsbach, das waren keine
kahlen, politischen Begriffe für sie. Die Menschen, die diese Namen
trugen, ihre Farben, ihre Länder, die Tiere ihrer Wappen, ihre Berge,
Flüsse, Kirchen mischten sich ihr zu geheimnisvollen Einheiten. Albrecht
von Habsburg etwa war verteufelt klug, energisch, bitter, aber er
lahmte. Mit ihm lahmten seine Länder, die Donau, die Stadt Wien, die
Pranke seines Wappenlöwen. König Johann, der Luxemburger, das war nicht
nur ein weltläufiger, galanter Herr. Seine Füße waren Toskana und die
Lombardei, Rhein und Elbe seine Adern, das helle Luxemburg sein Herz.
Und Bayern konnte sie sich nicht vorstellen ohne die lange, bedächtige
Nase Kaiser Ludwigs und ohne seine riesigen, sonderbar toten blauen
Augen. Wenn die drei Fürsten sich belauerten, sich umschlichen, sich
vertrugen, sich bekriegten, bekriegte und verhöhnte sich die Welt in
ihnen, und in den Wolken führten die Tiere ihrer Banner einen mystisch
gewaltigen Kampf.
Ihren Gemahl, den Prinzen Johann, sah sie nicht sehr oft. Trotz seiner
Länge und Aufgeschossenheit wirkte er hinter seinen Jahren
zurückgeblieben. Sein mageres Gesicht, an sich nicht unschön, schien
immer roher, stumpfer und, durch die kleinen, versteckten Augen,
bösartiger. Er haßte die Bücher, lernte nur notdürftig schreiben. Gern
trieb er körperliche Übungen. Schlug sich mit den Jungen herum, mit
denen der Bedienten lieber als mit seinen adeligen Kameraden, jagte,
ritt. Betätigte sich als Vogelsteller, trieb, nicht ohne Geschick,
Falkenbeize, fing Wild in Schlingen. Quälte Tiere. Spielte den Bauern
üble Streiche. Ein Bauernbursch, der ihn nicht kannte, verprügelte ihn.
Wurde gefangen, in den Stock gesetzt, gepeitscht. Der Prinz schaute
gierig zu, hetzte die Büttel.
Margarete lachte er aus wegen ihrer blöden, pfäffischen Gelehrsamkeit,
riß ihr gelegentlich ihre Schriften weg, zerraufte ihre Frisur. Sie trug
es. Es war notwendig, daß ihr Mann ein Luxemburger war. Seine Roheit
mußte hingenommen werden. Aber schweigend stapelte sie Wut und
Verachtung. Auch Chretien de Laferte, des Prinzen Adjutant und
Kämmerling, verwünschte seinen jungen Herrn in die tiefste Hölle.
Margarete sah den schlanken jungen Menschen sehr selten. Beachtete ihn
wenig. Der betuliche, skeptische, redselige Abt von Viktring, der alle
Dinge bereden mußte, neckte sie gelegentlich wegen des Jungen. Sie
schlug, gegen ihre Gewohnheit heftig, zurück.
Am liebsten war sie mit Jakob von Schenna zusammen. Der junge, hagere,
schlecht sich haltende Herr mit dem feinen, alten Gesicht freute sich
immer, wenn er sie sah. Sie war nun vierzehn, er an die dreißig. Aber es
ging eine willkommene Bindung von ihm zu ihr. Was er sprach und tat,
klang, als wäre es in ihr gewachsen. Sie fühlte sich wohl in seiner
Welt. Zwischen ihr und den andern Menschen war Kälte. Sie lachten sie
aus, sahen sie mit Widerwillen an, bestenfalls mit Mitleid, weil sie
häßlich war. Weil sie Prinzessin war, zeigten sie das nicht im Licht.
Aber sie sah weit ins Dunkle hinein, oh, sie hatte scharfe Augen, sie
wußte, wie man mit ihr stand. Doch von Schenna zu ihr ging es warm und
freundlich herüber. Seine großen, weichen Hände, seine grauen,
gescheiten, wohlwollenden Augen waren voll Achtung für sie, voll
Herzlichkeit und Kameradschaft.
Jakob von Schenna war reicher und mächtiger als seine Brüder Estlein und
Petermann. Er hatte sieben feste Schlösser, neun Gerichte und Pflegen,
weiten Besitz an Weingütern, Gerechtsamen, Zöllen, Geld. Er pflegte von
diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber
er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den
besonnten Stein seiner Schlösser. Dies waren _seine_ Reben, _seine_
Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verächtlich; aber leider
machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden
nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie übel der tirolische und
kärntnische Adel den guten König Heinrich ausbeute. Leider mußte er
mittun, sonst hätte eben seinen Teil ein anderer, weniger Würdiger an
sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem
Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestät.
Seine Schlösser waren die schönsten und gepflegtesten des Landes in den
Bergen. Die Schlösser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit
gebaut; innen waren sie ungemütlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel,
ohne Luft, kellerig, überall stand der Stank der Ställe. Seine Burgen,
vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und
voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren
angefüllt mit schönen Dingen, Teppichen und Zierat. Während die Mauern
der andern notdürftig geweißt waren und höchstens die Wände der Kapelle
Heiligenbilder trugen, hatte er seine Säle von deutschen und
italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die äußere
Südwand seiner Lieblingsschlösser trug solche Malerei. Bunt und hell
schritt der Ritter mit dem Löwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel
vom blühenden Tal erlebte seine Abenteuer.
Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzählten.
Margarete wußte nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen
Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand
Horaz, die Äneis. Das war Sinn, Gesetz, Würde, strenge Bindung. Aber
diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wüsten
Einfälle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften
Menschen würdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in
verrenkten Worten zu erzählen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich
zu machen, daß diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild,
lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und spürte. Aber dies
wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben für sie bunte,
widerwärtige Lügen; sie begriff nicht, daß der gescheite, ernsthafte
Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte.
Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief
beunruhigt. Auch der führende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte
Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende
Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch
eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die
Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drängen, sich über sie
hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfällige, langsame
Bayer, der zähe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehaßt. Aber
sowie der Dritte sie überflügeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie
schlichen zusammen, Ludwig, der große, langnäsige Wittelsbacher mit dem
massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit
den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen
Übereinkunft.
Legten fest, das südliche Reich müsse den Luxemburgern entrissen werden.
Sterbe König Heinrich, so solle Kärnten an die Habsburger, Tirol an die
Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein
Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in
Kärnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen,
gemeinsam herzufallen über den Luxemburger. Der Kaiser berief seine
pfälzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von
Meißen, seine Söhne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von
Österreich mit den Königen von Ungarn und Polen sollte in Mähren
einfallen.
Der Luxemburger unterdes regierte königlich im toskanischen Frühling. Er
ließ seine Söhne kommen, den älteren, Karl, den jüngeren, Johann. Der
hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten.
Sie fuhr mit kleinem Gefolge -- Chretien de Laferte führte es -- in den
lombardischen März hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern
die Hänge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen.
Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblüten. Bunte, lärmende Städte,
Paläste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von
Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden,
kühnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich.
Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel
doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blühenden, überstolzen
Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den
jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser.
Doch auch von diesen fühlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet.
Sie waren nun welk und dürr; aber sie hatten doch einmal geblüht. Sie
war in ihrer Blüte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch
weniger, daß sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter
diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: daß sie häßlich war.
Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit
solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim
Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr
schritt, die Lippen der Frauen sich öffneten, ihre Blicke voller wurden,
verlangender, gewährender; wie sie dann abschätzig, höhnisch über sie
selber glitten, den äffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle,
widerwärtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; kühl
und so wissend begegneten ihre Augen den Höhnischen, daß die, fast
beschämt manchmal, abließen.
In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns
ältesten Sohn. Der Sechzehnjährige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in
Böhmen schon Regierungsgeschäfte selbständig erledigt, war beherrscht
und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des
Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen kühlen braunen Augen sah er
Margarete, sah, daß sie häßlich war und gescheit. Man konnte mit ihr
reden. Und während Johann im Palast der Signoria mit der wunderschönen
Giuditta von Castelbarco den Tanz anführte, während festliche Kerzen
brannten, so schwer, daß drei Männer nur mit Mühe sie hatten heben
können, sprachen die beiden Kinder, des Königs Sohn und des Königs
Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden
Unterworfenen, nüchtern, sachlich von der Rückwirkung der lombardischen
Ereignisse auf die Souveränität des Bischofs von Trient, von der
schwierigen Finanzlage.
Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien.
Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung
dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus
Deutschland und Böhmen so bedrohlich, daß Johann jäh aufbrach, seinen
Sohn Karl zurückließ, sich nach Böhmen warf. Hinter ihm, sofort und
unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen.
Mit großen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen
Herren, kaum war der König fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich
zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und
geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen
Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend
flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, über der glühender Sommer
braute. Johann verpfändete in aller Eile noch während des
Zusammenbruchs, übel feilschend, an einzelne leichtgläubige deutsche
Herren italienische Städte, die er längst verloren hatte. Aber er konnte
mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen
Beträgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach
langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade
residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend,
Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brüdern und zeigte
Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen
Königreichs.
* * * * *
Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch
seinen Zusammenbruch für Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war
es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da.
Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien
wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was König Johann in der Lombardei
getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch
wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.
Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge
nüchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld
war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, daß ihr Vater
das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit
Johann von Viktring darüber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der
saß, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in
Avignon und häufte Geld. Schichtete es in Münzen, in Barren, in Silber
und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen
Auges, daß auch jeder pünktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein
Bischof im Rückstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme
Bischof Heinrich von Trient! Was nützte ihm sein eifriger Kampf für das
rechtmäßige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht
aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl
gegen ihn. Und wie geschickt wußte der Papst die hohen Kirchenstellen zu
besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinkünfte eines ganzen
Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht
etwa ein neuer Prälat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief
den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so daß mit dem Tod
jedes Bischofs eine ganze Reihe päpstlicher Lehen frei ward. So war ein
ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in
einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten.
»Umsatz! Umsatz!« sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann
verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der
Bankiers und Börsenleute. Der größte Teil des abendländischen Goldes
floß in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht
über sich, es weiterzuverwerten. Er hätte Rom und Italien damit
wiedererobern können. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich
nicht davon trennen. Er saß in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein,
über seinen Schätzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, ließ
das Gold rieseln durch seine dürren Zwergenfinger.
Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch
seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des
Luxemburgers und des Kärntners an ihrer Leichtherzigkeit in
Finanzdingen. Aufmerksam hörte Margarete zu, wenn ihr der Abt
auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Großvater Meinhard seine
Geldwirtschaft fundiert hatte. Trüb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie
ihrem gutmütigen Vater alle Einkünfte in der Hand zerrannen. Wie er, um
ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer größere und wichtigere
hingab.
Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr
unter der wilden Finanzwirtschaft König Heinrichs. Sie war von ihren
tüchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewöhnt, und so scheu und
bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schließlich ihrem
Gatten ständig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war
kränklich; König Heinrich sah ergeben und voll wässerigen Kummers, daß
er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung
nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, ließ sich von ihrem Mann Zölle und
Gefälle verschreiben, erreichte es sogar, zäh kämpfend, daß nach
Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einkünfte des Haller
Salzbergwerks ihr übertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig,
knauserig, alles für ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie.
Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den übeln Finanzen
aufhelfen könne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war,
sah sie säuerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie dürftig
sie war, wie unfürstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend!
Margarete gestand sich nicht ein, daß dies nicht der Hauptgrund war, aus
dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und
freundlich zu ihr, fühlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte
keinen Sohn, jene, die Ärmste, war so häßlich. Beide hatte sie Gott in
ihrem Weiblichsten gekränkt und verkümmert. Aber Margarete wollte nicht
hinüber zu ihr, drückte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn
Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der
Häßlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz
allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin.
König Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lächelnd und
mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine
Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit
gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder
blieb ohne Grenzen.
Wie er seine natürlichen Brüder, Albrecht von Camian und Heinrich von
Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Würden, Herrschaften
reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlössern und Gütern
Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmütig, Beatrix einen Vorwurf zu
machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm,
wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der
alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine
Gewimmel seiner Kinder. Er tätschelte sie gerührt: »Das da hat meine
Augen! Und der da meine Nase.« Von einem Großen: »Er geht gerade wie
ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier!« Einen ganz kleinen
Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: »Er hat ganz
genau mein Gesicht.« Und er verhätschelte die Kinder, schenkte ihnen
Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wälder, Berge, Schlösser.
Margarete sah mit Sympathie auf ihre Halbgeschwister. Vor allem mochte
sie den schon fast erwachsenen Albert gerne leiden, den König Heinrich
zum Ritter geschlagen und mit dem Gericht Andrion belehnt hatte. Der
blonde junge Herr hatte die ganze Gutmütigkeit seines Vaters, dazu eine
starke, fröhliche Sicherheit in allem Gehabe, eine federnde, immer
gleiche Heiterkeit. Er hatte nie den leisesten Spott für Margarete. Er
selber war durchaus ohne Sinn für Bücher und Theorie und bewunderte
ungeheuchelt ihre Gescheitheit und Wissenschaftlichkeit. Sie dankte es
ihm, daß seine Achtung nicht durch ihre Häßlichkeit gemindert wurde.
Auf die Frauen, denen sie begegnete, stets neuen, wo immer ihr Vater
war, schaute sie mit langen Blicken, nicht übelwollend, fremd und voll
neidischer Sehnsucht. Es waren Frauen jedes Standes, jedes Temperaments,
deutsche und welsche; einige raschelten durch die Gänge, andere gingen
schwer und lässig, wie hohe Glocken lachten die einen, die andern
sprachen tief und langsam: alle aber, wenn sie der Prinzessin
begegneten, wurden scheu, befangen, verkrusteten sich in einer Art
feindseligen Mitleids. Ach, wer leben dürfte wie diese, so leicht und
lässig! Ihr war es nicht erlaubt, sie war häßlich und war Prinzessin.
Sie mußte streng sein mit sich. Sie durfte nicht rascheln wie die
Eidechsen, sie mußte ihre harte, steile Straße gehen, geradeaus und
immerzu, wie ein geschmücktes Saumtier, das, mit Prunk und Schätzen
schwer bepackt, einem großen Herrn Geschenke bringt.
Sie grübelte. Sie sprach mit dem Abt von Viktring darüber. War es eine
Strafe Gottes, daß sie so häßlich war? Was wollte Gott mit ihr? Der Abt
zitierte Anselmus: »Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der
Anblick der Dinge. Diesseits und für nichts ist irdische Zierde zu
achten.« Da er sah, daß solcher Trost nicht verfing, fragte er, ob sie
es vorzöge, niedrig zu sein, eine Bauerstochter und den Männern
wohlgefällig. »Nein,« erwiderte sie hastig, »das nicht! Das nicht!« Aber
allein brach sie aus: »Ja, ja, ja! Mistfahren lieber den langen Tag,
aber wohlgeschaffen, als so im Schloß, als mit diesem Mund, mit diesen
Zähnen, diesen Backen!«
Sie sprach mit der Äbtissin von Frauenchiemsee. Sie hatte ihre jüngere
Schwester besucht, die kränkelnde, verkrüppelte Adelheid. Nun saß sie
mit der feinen, welken, milden Äbtissin am Ufer der winzigen Insel.
»Meine Mutter war nicht schön,« sagte das Kind, »doch sie war auch nicht
häßlich.«
Die alte Dame legte ihr die kleine, leichte Hand auf das kupferfarbene,
harte Haar. »Ich will nicht von Gott reden und vom Jenseits,« lächelte
sie, »wo nicht die Gestalt gilt. Aber wie rasch verfaltet auch diesseits
das glatteste Gesicht! Noch fünfzehn Jahre, noch zwanzig hättest du es.
Ich bin heute sehr zufrieden,« schloß sie, »daß ich niemals schön war.«
Die beiden Frauen schauten auf den blassen, weiten See hinaus, matte
Sonne schien, eine Möwe schrie.
Das Jahr darauf, unvermittelt, legte sich ihre Stiefmutter Beatrix hin
und stand nicht mehr auf. Sie war immer eine schwache Frau gewesen, nun
war die Enttäuschung dazugekommen, daß sie ohne Kinder blieb. Als sie
schon die Sterbesakramente empfangen hatte, sagte sie noch ihrem Mann,
er solle ja seinen Leibschneider stäupen lassen und mit Schimpf
davonjagen. Er unterschlage gemein viel von den kostbaren Stoffen, die
er für des Königs Garderobe benötige. Auch solle sich Heinrich einen
neuen Lederbehälter anschaffen für seine schöne Rüstung. Dann empfahl
sie ihre Seele Gott und starb.
Nun waren Johann und Margarete die unbestrittenen Erben des Landes in
den Bergen; denn niemand ahnte von dem Geheimvertrag zwischen den
Habsburgern und den Wittelsbachern. Selbst der Knabe Johann wurde
beschwingter durch sein Erbprinzentum. Er sagte sich die Titel vor, die
er haben wird: Herzog von Kärnten, Görz, Krain, Graf von Tirol,
Schirmvogt der Bistümer Chur, Brixen, Trient, Gurk, Aquileja. Er malte
sich die merkwürdigen alten Zeremonien der Thronübernahme in Kärnten
aus, die ihm sehr gefielen. Wie da der Fürst in Bauerntracht kommt und
einen freien Bauern von dem Stein vertreibt, auf dem dieser sitzt. Wie
er, auf dem Stein stehend, das blanke Schwert nach allen Richtungen
schwingt. Wie er aus einem Bauernhut einen Trunk frischen Wassers
trinkt. Und der Knabe Johann kam sich sehr wichtig vor.
Margarete, bewegt von dem Tod ihrer Stiefmutter, gelöst durch das
Gefühl, nun sichere Erbin des Landes zu sein, fand Chretien de Laferte
an ihrem Weg. Sie sprach zu ihm wärmer als sonst, ein erregtes Mädchen.
Sie hätte, wie gern! ein sanftes, menschliches Wort von ihm gehört. Er
aber neigte sich zeremoniös, sprach zu ihr gehalten und voll Ehrfurcht
als zu seiner Fürstin.
Der gute König Heinrich wurde durch den Tod seiner Gattin noch frömmer.
Er aß und trank zwar noch reichlicher, hielt sich auch noch mehr Frauen.
Aber er betete auch noch mehr als früher, beichtete viel, war immerfort
zerknirscht und machte noch größere Stiftungen als bisher für Klöster
und Kirchen.
Im Bistum Chur war ein gewisser Peter von Flavon begütert, Lehensmann
des Bischofs von Chur. Herr von Flavon fiel in einem der italienischen
Feldzüge König Heinrichs in jungen Jahren. Er hinterließ eine Witwe, die
anfangs der Dreißig war, und drei Töchter. Es war strittig, ob die
hinterlassenen Besitzungen nur in männlicher Linie vererbten, oder ob
sie Weiberlehen waren. Bischof Johannes von Chur und sein Kapitel gingen
daran, die Güter einzuziehen. Frau von Flavon kam hilfesuchend mit ihren
drei unmündigen Kindern zu König Heinrich. Kniete vor ihm, weinte. Ihr
guter, junger, tapferer Mann! Und in Diensten König Heinrichs war er
gefallen. Und nun wollte sie der gewalttätige Bischof von Chur ihres
Wittums berauben und sie und die armen Waisen in Not und Elend stoßen.
Die drei hübschen, rundlichen, kleinen Töchter, rosig und appetitlich in
ihren schwarzen Kleidern, knieten neben ihr, flennten. Der gute König
Heinrich war sehr gerührt.
Schrieb dem Bischof von Chur. Trat heftig für Frau von Flavon ein. Der
Bischof schrieb kurz und gekränkt zurück. Gab kein Zipfelchen seines
Anspruchs auf. Die Witwe, die inzwischen mit ihren Töchtern gastlich auf
Schloß Zenoberg aufgenommen war, gefiel dem König Heinrich von Tag zu
Tag besser. Es kam zu bösen Streitigkeiten mit dem Bischof, ja zu Fehden
und Gewalttaten. Schließlich erreichte der König für Frau von Flavon
einen mageren Vergleich.
Inzwischen war die Dame seine erklärte Freundin geworden. Es ging nicht
an, sie mit kärglichen Bissen abzuspeisen. Sollten die armen Würmer,
deren Vater für ihn gestorben war, als kleine Landedelfräulein
heranwachsen? Nein, so knauserig war König Heinrich nicht. Er verlieh
ihnen die Herrschaften Taufers und Velturns. Darüber geriet er zwar in
Händel mit dem Bischof von Brixen, der diese erledigten Lehen für sich
in Anspruch nahm. Aber König Heinrich hielt zäh fest. Zahlte schließlich
dem Bischof Geld heraus; aber die Dame blieb im Besitz der beiden
Gerichte.
Sie machte mit ihren drei Töchtern viel Gewese von sich. Sie fühlte sich
sicher im Schutz des Königs. Sie war eine hübsche Frau, sehr weiß von
Haut, sehr blond von Haar, fest und rundlich. Sie lachte gern und viel,
fehlte bei keinem Tanz und Turnier. Auf ihren Schlössern hörte das
festliche Gelärm nicht auf. Sie mußte immer zu tun haben, mengte sich in
alles, erzählte wichtig belanglose Nebenumstände, warf alles
durcheinander. Plötzlich kam sie auf den Einfall, ihren Gatten in der
Kapelle ihrer Burg Taufers beizusetzen. Durch Jahre betrieb sie diese
Angelegenheit, reiste schließlich in die Lombardei. Der dort formlos
bestattete Tote wurde ausgegraben, die Leiche, wie üblich in siedendes
Wasser geworfen, daß das Fleisch sich von den Knochen löse, die Gebeine
nach Taufers gebracht, feierlich unter großem Lamento der Damen von
Flavon beigesetzt. Es war aber keineswegs gewiß, ob es auch die Reste
des Herrn von Flavon waren.
Die drei Mädchen wuchsen ohne viel Erziehung heran, wild und sehr
verwöhnt. Stets balgten sie sich untereinander, wegen jeder Kleinigkeit
gab es, häufig bösartigen, Zank. So oft der gute König kam, mußte er
schlichten, besänftigen. Auch lehnten sie sich gegen die Mutter auf,
standen oft zusammen gegen sie. Die Mutter klagte dem König über die
Töchter vor, die über die Mutter. Ebenso sinnlos waren sie dann alle
wieder versöhnt, betonten lärmend ihr trauliches Familienleben. Die
Kinder tollten in ihren weiten Besitzungen herum, störten die Amtleute,
quälten die Bauern, plackten Mensch und Tier.
Sie waren alle drei sehr hübsch, weiß, glatt, rosig, fleischig, blond.
Die schönste war die mittlere, Agnes von Flavon. Größer als die
Schwestern, die Haare dunkler, leuchtender, das Gesicht länger, nicht so
rund, auch die Nase nicht so puppig klein und die Lippen kühner. Alle
drei waren die Schwestern sehr eitel. Agnes, so jung sie war, gute zwei
Jahre älter als die Prinzessin Margarete, galt unbestritten als die
schönste Dame zwischen Etsch und Inn. Bei allen Turnieren ritt man für
sie; sie erteilte die Preise. Rühmte man die welschen Damen, so riefen
die deutschen Herren wie aus einem Mund: Agnes von Flavon, und die
Italiener verstummten. In Trient, als ihre Mutter sie in einer
Lehensangelegenheit mit an den Hof des Bischofs nahm, stand das Volk vor
dem Palast, wartete, rief begeistert: »Ein Engel ist herabgestiegen!
Segne uns, schöner Engel!«
Agnes war sich ihrer Schönheit sehr bewußt. Es war ihr
selbstverständlich, daß der König, die Ritter, das Volk ihr jeden Wunsch
erfüllten. Sie betrachtete sich als die Herrin von Tirol.
König Heinrich, in einer Art gutmütigen Taktes, vermied es, die schönen
Schwestern mit seiner Tochter Margarete zusammenzubringen. Manchmal
freilich ließ es sich nicht umgehen. Agnes behandelte Margarete bei
aller äußeren Wahrung der Form mit einer gewissen spöttischen
Herablassung, die die Prinzessin bis aufs Blut reizte. Einmal, als die
beiden Mädchen allein waren und nur Chretien de Laferte bei ihnen, und
als fast eine halbe Stunde lang Stichelreden zwischen den beiden Mädchen
hin und her gegangen waren, bat Agnes, sich verabschiedend: »Begleiten
Sie mich, Herr Chretien!«
»Herr Chretien bleibt!« sagte Margarete, die Stimme ungewohnt trocken
und hart. Dann aber, als Agnes achselzuckend mit einem bösartigen,
spöttischen Lächeln gegangen war: »Gehen Sie, Chretien! Gehen Sie!«
Ratlos, bestürzt, folgte der junge Mensch dem Fräulein von Flavon. Die
Prinzessin, allein, verzerrt, atmete, fauchte.
Mit Herrn von Schenna saß sie über einer bebilderten Vershandschrift.
Blanscheflur sah aus wie Agnes. Herr von Schenna und die Prinzessin
schauten auf das bunte Bild. »Ja,« sagte Herr von Schenna nach einer
Weile, »sie sieht aus wie Agnes.«
»Sie ist wunderschön,« sagte Margarete mit einer gepreßten, seltsam
erloschenen Stimme.
»Aber Fräulein von Flavon hat viel dümmere Augen,« sagte Herr von
Schenna.
»Lesen wir weiter!« sagte Margarete, und ihre Stimme klang dunkel, voll
und warm wie vorher.
* * * * *
König Heinrich alterte sehr früh, verfiel zusehends. Seine Hände
zitterten, oft verlor er die Sprache, lallte. Wilde, atemlose Furcht vor
Strafe im Jenseits befiel ihn. Er hatte so oft an Kirchenportalen, auf
Gemälden das Jüngste Gericht dargestellt gesehen, den Höllenrachen,
scheußliche Teufel aus dem Schwefelpfuhl grinsend. Dies alles rückte ihm
jetzt in schreckhafte Nähe. Er verdoppelte seine frommen Schenkungen,
bedachte Marienberg, Stams, Rotenbuch, Benediktbeuern mit reichen
Stiftungen. Aber dies vermochte ihn so wenig zu beruhigen wie die
tröstlichen Versicherungen des Abtes von Viktring. Um sich zu kasteien,
ließ er in der Kapelle von Zenoberg eine Bahre aufstellen und legte sich
eine ganze lange Winternacht hinein. Da kamen die Menschen, die er hatte
berauben lassen, foltern, umbringen; er war ein gutmütiger Herr, aber es
waren doch sehr viele. Da kamen Frauen, mit denen er Unzucht getrieben
hatte; sie wiesen ihm lächelnde Gesichter, aber drehten sie sich um, so
war ihr Rücken tief in die Eingeweide hinein zerfressen von ekelm,
eitrigem Gewürm. Die ganze Kapelle war voll von scheußlichen Teufeln,
die nach ihm krallten, ihn hetzten. Er schrie. Aber er hatte die Kapelle
versperren lassen und befohlen, daß niemand in ihrer Nähe sei, auf daß
er müsse bis zur Frühmesse allein bleiben mit seinen Sünden und seiner
Reue. Schließlich ertrug er es nicht mehr. Er kletterte -- die Angst
machte ihn geschickt -- die Wand hinauf, sprang durch das Fenster.
Verkroch sich zähneklappernd, kalt schwitzend in sein Bett.
Von da an siechte er hin. Er sprach oft für sich allein, hustete hohl
und hilflos. Margarete war viel um ihn, doch ohne große Teilnahme. Nun
wird er also sterben. Er kann nicht klagen, er hat sein Leben weidlich
genützt.
Sehr gerne hatte er seine Kinder um sich, besonders die ganz kleinen. Er
schlurfte herum zwischen dem winzigen, lallenden, auf krummen Beinchen
trippelnden, purzelnden Volk, schneuzte dort eine kleine Rotznase,
sänftigte hier einen sinn- und atemlos schreienden, rutschenden, dicken,
rosigen Balg. Er hob die Kinder hoch, setzte sich ganz nahe zu ihnen,
erzählte den ernsthaft und verständnislos Lauschenden mit vielem Seufzen
von Geld, von Kirchenbuße, von hoher Politik.
April kam. Das Land stäubte unter einem azurnen Himmel von Mandel- und
Pfirsichblüten. Da spürte er, daß es aus war. Er ließ sich in die
Kapelle des heiligen Pankratius bringen. Eine milde, blaue Maria
lächelte ihm zu. Das bunte, bemalte Kirchenfenster leuchtete freundlich
in der starken Sonne. Kleine Kinder standen großäugig um ihn herum und
der sanfte, betuliche Abt von Viktring. So ereilte ihn ein letzter
Blutsturz, erstickte ihn.
Der Leichnam wurde ausgeweidet, einbalsamiert, Herz und Eingeweide
sollten auf Schloß Tirol, die übrigen Reste sollten später unter größten
Feierlichkeiten in der Fürstengruft des Klosters Sankt Johannis zu Stams
bestattet werden.
Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben König
Heinrichs sich sofort nach Schloß Tirol aufmachte, noch bei Nacht
reitend, hörte auf der Straße das Getrappel von vielen kleinen
Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts sähen. Die hörten wohl
auch das Geräusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof
schärfer durch die Nacht blickte, sah er, daß es die Zwerge waren, die
eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre
Edelsteine an den Fingern, so daß nur er sie sehen konnte. Er hielt
einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute König Heinrich tot sei,
fühlten sie sich nicht mehr sicher und müßten das Land verlassen.
* * * * *
Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land
trugen. Einer über die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da
freuten sich die Brüder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den
Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken können nach Norden,
sich ein Stück Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da saß der lahme
Herzog Albrecht, immer fröstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager,
kränkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief
Sekretäre, diktierte, vergaß zu essen über Plänen und Arbeit. Einer ritt
nach München zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen großen,
treuherzigen, blauen Augen über der langen Nase, und während er in
umständlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete über den Hingang
des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfällig die Vorwände, unter
denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Länder bringen
könnte.
Margarete beschaute sich im Spiegel. In die Elfenbeinkapsel, in die das
Glas eingelassen war, schnitt sich ein Relief, auf dem die Burg der Frau
Minne erobert wurde. Nun ja, so wie die Frau Minne war sie, Margarete,
eben nicht von Antlitz und Figur. Dafür war sie Herzogin von Kärnten und
Gräfin von Tirol. So also schaute eine Herzogin aus. Sie prüfte sich mit
bitterem Scherz. Laß sehen! Augen und Stirn gingen an. Das Schlimmste
war der Mund, dies überworfene Affenmaul. Nun, dafür hatte sie Kärnten.
Dann waren die schlaffen Hängebacken ein arges Übel. Aber wurde es nicht
aufgewogen durch die Grafschaft Tirol? Und der graue, fleckige Teint?
Legt Trient darauf, Brixen, Chur, Friaul. Ist er dann nicht glatt und
rein?
Johann, ihr Gemahl, war geschwellt. Nun war er Fürst und Herr. Er wurde
geradezu liebenswürdig in seiner gehobenen Laune. Margarete betrachtete
ihn. Eigentlich war er ein hübscher Junge: das lange, herrische Gesicht,
das schöne Haar. Auch seine Augen schienen ihr heute freier, kühner. Er
dachte: Schön ist sie nicht. Aber die Länder sind schön, die sie mir
zubringt. Er sagte zu ihr: »Na? Gretl?« und küßte sie herzhaft auf ihren
häßlichen Mund. Er tat ein übriges und sagte, jetzt müsse sie auch
einmal auf die Falkenbeize mit ihm gehen.
Dann saßen die beiden Kinder zusammen, sehr ernsthaft, und berieten ihre
ersten Regierungsmaßnahmen. Die Lage war nicht einfach. Die Feudalbarone
waren schwierig, würden gewiß die Lage ausbeuten wollen. Der Knabe
Johann setzte sein hochmütiges Gesicht auf. Er wird sie schon
kleinkriegen. Er ist auch wilder Pferde schon Herr geworden. Vor allem
muß man seinen Vater beschicken, den König Johann; der ist wohl noch in
Paris, beim Turnier, bei seinem Schwager, dem König von Frankreich. Dann
müssen Boten an den Kaiser, an die Herzoge von Österreich. Die Kinder
befahlen den Abt von Viktring zu sich, betrauten ihn mit der Botschaft,
gravitätisch und doch mit gespielter Leichtigkeit. Sie setzten ihre
Namen unter die Vollmacht: Johann von Gottes Gnaden Graf von Tirol,
Margareta, _Dei gratia Carinthiae dux, Tyrolis et Goritiae comes et
ecclesiarum Aquilensis Tridentinae et Brixensis advocata_.
Doch als der Abt von Viktring diesen Brief übergab, hatten seine
Auftraggeber die meisten dieser Länder schon verloren. In Linz saß der
Kaiser mit dem lahmen Habsburger, beriet die Ausführung jenes Vertrags,
der das Land in den Bergen zwischen Habsburg und Wittelsbach teilte.
Ungeschlacht, wuchtig saß der Bayer, wollte alles für sich haben, von
keinem kleinsten Dorf die Finger lösen. Zäh und hartnäckig zerrte der
lahme Herzog, wählte scharfe, bittere Worte, gab nichts preis. Sie
saßen, schauten, die Gedanken nur bei ihren Karten und Registern, auf
die hochgehende Donau, Regen rann, die beiden Männer lagen über dem
fetten Besitz, rissen hin und her. Hart feilschend kamen sie endlich
überein: Kärnten, Krain, Südtirol an den Österreicher, Nordtirol an den
Bayern. Als sie so weit waren, kam der Abt von Viktring mit den Briefen
und Empfehlungen der Kinder. Sehr höflich empfingen ihn die beiden
Fürsten. Lasen aufmerksam die Briefe. Mit undurchdringlichem Spott
erwiderte zunächst der Österreicher, wie sehr der Tod seines Oheims, des
edeln und hocherlauchten Fürsten, Seniors ihres ganzen Geschlechts und
Vaters ihrer aller, ihm ans Herz gehe. Wie tief er seine kleine Base und
ihren jugendlichen Mann bedaure. Krain gehöre nun ihm. Kärnten habe ihm
die Freigebigkeit des Kaisers verliehen, Truppen seien schon unterwegs,
das Land für ihn zu besetzen. Wenn er sich aber sonstwie seiner kleinen
Base gefällig und behilflich erweisen könne, wolle er es gerne tun.
Ähnlich sprach der Kaiser selbst, den Abt mit seinen großen blauen Augen
treuherzig und unverwandt anstarrend. Nur sprach er feierlicher,
tönender, weil er eben der Kaiser war. Leider seien die Kinder mit ihren
Bitten zu spät gekommen; er habe mit seinen lieben Oheimen von
Österreich schon alles abgemacht. Im übrigen wolle er sich die Sache in
Gnaden angelegen sein lassen.
Die beiden Kinder auf Schloß Tirol, sowie sie sahen, wie schlecht ihre
Angelegenheit stand, schickten Eilboten auf Eilboten nach Paris zu ihrem
Vater und Vormund, dem König Johann. Aber der war im Turnier übel
verwundet worden. Er lag zerschlagen und zerschunden, des Augenlichtes
fast beraubt, in Verbänden und Umschlägen und konnte nach Tirol nur den
matten Trost schicken, die Kinder sollten guten Mutes sein; sowie seine
Kräfte es erlaubten, werde er selbst kommen und sie und ihre Länder
schützen. Es war ein besonderer Unstern, daß er hilflos im Bett liegen
mußte, während der Kaiser und Habsburg die reichen Länder, die er sich
durch so langwierige und geschickte Diplomatie gesichert hatte, unter
sich verteilten. Allein Spieler und Fatalist, der er war, ging ihm auch
dies Unglück nicht sehr tief. Er war an jähen Wechsel gewohnt, riß in
aller Ohnmacht und Erbärmlichkeit leichtfertige Witze über die Frauen
und die Länder, die ihm auf diese Art entgingen, rechnete mit dem
Gleichmut des Spielers auf eine glückliche Wendung.
* * * * *
Unterdes wurde Kärnten und Krain ohne Widerstand von den Habsburgern
besetzt. Die Städte huldigten ihnen, die Lehensurkunde des Kaisers wurde
überall feierlich verlesen, die Feudalbarone und Beamten stellten sich
auf den Boden der Tatsachen, ließen sich auf die neuen Herren
vereidigen. Die führenden Herren, an ihrer Spitze der gravitätische
Konrad von Auffenstein, der Statthalter des verstorbenen Königs, von ihm
mit reichstem Gut und allem Vertrauen bedacht, spielten dabei eine sehr
zwielichtige Rolle. Die Bevölkerung wurde mit dem Verrat an den beiden
Kindern dadurch ausgesöhnt, daß sich in Vertretung seines lahmen Bruders
der Herzog Otto von Österreich den alten, umständlichen,
patriarchalischen Bräuchen unterzog, die in Kärnten bei der
Inthronisation üblich waren und auf die sich der kleine Prinz Johann so
gefreut hatte. Er zog also Bauerntracht an, hieß den dazu bestellten
Bauern von dem Stein aufstehen, trank Wasser aus einem Bauernhut und
übte mehr dergleichen überkommene Zeremonien. Der Bevölkerung gefiel
dieses Festhalten an den väterlichen Bräuchen außerordentlich, die Leute
waren gerührt, bekannten sich überzeugt zu dem neuen Fürsten. Herzog
Otto war übrigens ein feiner, modischer junger Herr; er kam sich in der
Bauerntracht sehr komisch vor, er und seine Herren machten noch lange
Witze darüber. Das umständliche Zeremoniell war trotz allem da und dort
nicht eingehalten worden, es gab Leute, die darüber murrten; auf Schloß
Tirol bemerkte der Herzog Johann mit grimmiger Befriedigung, daß ihm das
nicht passiert wäre. Allein wie immer, Kärnten und Krain, die Hälfte
ihrer Länder, waren vorläufig für Margarete und ihren Gemahl verloren.
Margarete war nie eine pathetische Natur gewesen. Sie hatte nicht
erwartet, daß Kärnten aus Treue zu dem angestammten Herrscherhaus sich
nun flammend vor sie hinstellen und schützen werde. Aber die schnöde
Art, wie man mit der größten Selbstverständlichkeit das Recht preisgab
und sich auf die Seite der Macht schlug, in aller Hast noch kleine
Vorteile für sich erschachernd, füllte sie dennoch an mit Ekel und
Empörung. Sie hatte keinen Einwand, als Herzog Johann, schäumend, mit
überschlagender Stimme, fußstampfend, Order gab, Burg Auffenstein bei
Matrei, das Stammschloß des treulosen Kärntner Gouverneurs, zu
zerstören. Der kluge Herr von Schenna meinte freilich, es wäre
gescheiter gewesen, es einfach zu beschlagnahmen.
Blieb Kärnten verloren, so entwickelten sich in Tirol die Dinge für die
Kinder sehr günstig. Die tirolischen Barone hatten von dem Luxemburger
weitgehende Versicherungen, daß er ihnen in die maßgebenden Ämter keine
fremden Vögte hineinsetzte; jedenfalls war mit den beiden Kindern
leichter auszukommen als mit dem in Gelddingen durchaus nicht
gemütlichen Wittelsbacher. Die Tiroler Herren blinzelten also einander
zu, verständigten sich, beschlossen, in bewährter tirolischer Treue zu
ihrer angestammten Herrin zu stehen, rüsteten bewaffneten Widerstand,
schürten die gute Gesinnung im Land.
So fand Herzog Johanns älterer Bruder, Markgraf Karl, den König Johann
vorläufig in seiner Vertretung nach Tirol schickte, die Grafschaft in
gutem Stand zur Verteidigung, und die drei Kinder konnten in einem
kurzen Krieg, der äußerst sachlich, gründlich und grausam geführt wurde,
Tirol halten. Der kleine Herzog Johann zeigte sich übrigens in diesem
Krieg von einer persönlichen, verbissenen, krampfhaften Tapferkeit, die
nicht ohne Eindruck auf Margarete blieb.
Mittlerweile konnte auch König Johann wieder vom Krankenlager aufstehen.
Seine Augen freilich waren nicht mehr zu retten. Er sah von der Welt nur
mehr einen schwachen Schimmer und wußte, daß er bald gar nichts mehr
werde sehen können. Dies machte ihn etwas müde, geneigt zu Philosophie
und Pazifismus. Auch der Habsburger, der lahme Albrecht, war des Kampfes
müde; er sah, daß außer Kärnten vorläufig für ihn nichts zu holen sei
und daß er, führe er den Krieg weiter, sich lediglich für den Kaiser
schlage, der sich, ging es ans Zahlen, diesmal wie stets einsilbig,
hochmütig und schofel hinter seine Kaiserwürde zurückzog. Albrecht kam
unter diesen Umständen mit Johann bald überein, erkannte die Luxemburger
als rechtmäßige Herren von Tirol an, wogegen Johann sich mit der
Habsburger Herrschaft in Kärnten einverstanden erklärte; natürlich
verlangte er noch einen finanziellen Ersatz: zehntausend Veroneser
Silbermark.
Da er gerade im Verträgeschließen war, schlug er auch dem Kaiser einen
Handel vor: Brandenburg gegen Tirol. Ludwig, der mit Leidenschaft solche
Geschäfte betrieb, war sogleich dabei, und die beiden Fürsten erwogen
stark angeregt die Einzelheiten des Projekts. Da aber schlug die Treue
der Tiroler zu ihrer Fürstin in lohen Flammen empor -- die Feudalbarone
wären ja durch die Herrschaft der Wittelsbacher finanziell schwer
beeinträchtigt gewesen; es kam zu den heftigsten Resolutionen, und die
Volksbewegung war so stark, daß König Johann feierlich bezeugen mußte,
er habe nie an eine derartige Vertauschung gedacht. Ja, sein Sohn und
Statthalter, der Markgraf Karl, hielt die Stimmung für so bedenklich,
daß er in den Vater drang, sich mit den höchsten Eiden zu verpflichten,
Tirol niemals zu veräußern. Was dieser achselzuckend und liebenswürdig
lächelnd tat.
Das junge Ehepaar dachte übrigens nicht daran, die Abmachungen Johanns
über Kärnten zu vollziehen. Margarete erging sich in den heftigsten
Worten, wie ihr Vormund ihre Interessen schnöde verschachere; sie und
ihr junger Gemahl hielten ihre Ansprüche auf Kärnten und Krain voll
aufrecht. Der junge Herzog Johann fand hierbei willkommenen Anlaß zur
Entfaltung einer großen, pathetischen Zeremonie. Er sammelte den Adel
Tirols um sich und ließ die Herren, malerisch angeordnet, die Schwerter
gezogen, auf das Kreuz schwören, nicht zu ruhen und zu rasten, bis
Kärnten wieder in seinem und Margaretens Besitz sei.
Der blinde König Johann fand, sein Sohn sei ein kleiner Esel. Denn die
einzige Folge dieses großen Auftritts war, daß Österreich die
zehntausend Mark Veroneser Silbers nicht zahlte. Tatsächlich blieben die
Österreicher im Besitz Kärntens, die feierlichen Tiroler Herren steckten
trotz des Schwurs ihre Schwerter wieder in die Scheide, und durch die
Räume König Johanns glitt schattenhaft, unscheinbar und mit vielen
Verneigungen Messer Artese aus Florenz.
Der Herzog Johann wurde reifer, männlicher. Sein Gesicht blieb trotzig,
hinterhältig, verbissen; aber sein Körper verlor das Stakige,
Überlang-Magere, ward fest, stattlich, nicht sehr gelenk, doch sicher.
Er war ein guter Jäger, verstand sich ausgezeichnet auf die Falkenbeize,
bewährte auch im Krieg persönliche Tapferkeit. Margarete gefiel er. Es
gab schönere Männer, klügere, glänzendere. Aber er hatte sich bei den
schwierigen Kämpfen um den Besitz des Landes nicht schlecht gehalten,
war kein Knabe mehr, war sehr jung zum Mann geworden, war ihr Mann. Er
vermied sie. Je nun, er war wohl überhaupt scheu; gesprächig,
vertraulich war er nur mit seinen Jägern; man mußte um ihn werben. Sie
stellte sich in seinen Weg. Es nutzte nichts; er ging ihr, abweisend,
vorbei.
Sie füllte ihren Tag mit tausend Beschäftigungen, Putz, Repräsentation,
Politik, Studien. Aber ihre Gedanken hakten sich immer wieder an ihn.
Warum konnte sie nicht zu ihm gelangen? Ihre Nächte waren voll von ihm.
Aufdringlich fast suchte sie seine Gesellschaft. Fand alle möglichen
Vorwände, sowie sie ihn nur in der Nähe wußte, bei ihm einzudringen.
Aber er war immer eilig, bog mürrisch jedem vertraulichen Wort aus. Sie
suchte nie den Grund in seinem schlechten Willen, war ihm für
keinen Augenblick böse. Suchte alle Schuld in sich, in ihrer
Ungeschicklichkeit.
Sie mußte sich anvertrauen, sich Rats holen. Aber bei wem? Ihre Frauen
waren dürr und albern, der gutmütige Abt von Viktring würde mit
erbaulichen Sprüchen und Zitaten kommen. Nach einer schlaflosen Nacht
sprach sie mit Herrn von Schenna.
Der lange Herr saß in schlechter Haltung vor ihr, ein Bein über das
andere geschlagen, das etwas welke Gesicht in die große Hand gestützt.
Durch die feinen Pfeiler der Loggia sah man weit in die Berge hinein
über das starkfarbene, üppige, besonnte Land. An den Wänden der Loggia
schritt sehr bunt und überschlank Tristan. Isolde stand, die eine Hand
gehoben, hoch und abweisend. Zu Füßen der Herzogin Margarete spreizte
sich der Hauspfau. Margarete, in einem malvenfarbenen Kleid, das
kupferne Haar schillernd in dem hellen Tag, aber alle Häßlichkeit auch
des Gesichts in dem klaren Licht grob und mitleidlos enthüllt, sprach
stockend, in halben Worten. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen
wollte; dennoch kam jetzt ihre sonst so gewandte Rede nicht recht
vorwärts, und sie sprach in Andeutungen. Schließlich war Johann doch ihr
Mann. Irgend jemand müsse ihm das doch sagen. Sie selber, das gehe doch
nicht gut.
Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der saß ganz still, blinzelte in der
Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war früher manchmal
dagewesen, daß Fürsten, die als Kinder waren verheiratet worden, später
feierlich Beilager hielten. Johann hänge so an Zeremonien. Ob Herr von
Schenna es für angängig halte, daß sie Johann ein solches Fest
vorschlage.
Herr von Schenna ließ eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die
besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen
Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna
wußte, daß der junge Herzog anderen Frauen gegenüber durchaus nicht so
scheu und blöde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwürdig sacht
hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschsüchtigen
Fürsten kenne, glaube er nicht, daß er einen Gedanken ausführen werde,
den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht daß sich einmal Gelegenheit
biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, daß er ihn für einen
eigenen halte. Aber man müsse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten.
Dann, froh, abbiegen zu können, wies er auf einen Herrn, der langsam in
der prallen Sonne den Weg heraufritt: »Da kommt Berchtold.«
Die Herzogin sehr ehrerbietig grüßend, kam Berchtold von Gufidaun heran.
Der stattliche Herr, bräunlich kühnes Gesicht, blaue Augen merkwürdig zu
dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna
pflegte zu sagen: »Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so
anständig.« Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann
gern leiden.
Herr von Schenna ließ Wein und Früchte bringen. Es ging gegen Abend, man
hielt ein geruhsames Gespräch. In eine Stille hinein fragte plötzlich
Margarete: »Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen
Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbürgern, Bauern: wie denkt
eigentlich das Volk über mich?« Der ehrliche Mann, überrumpelt, drückte
unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte
unter dem klaren, ernsten Blick des Mädchens. Schenna kam dem Verlegenen
zu Hilfe. Überall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und daß sie
das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe.
Margarete fühlte sehr wohl, daß die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr
riet, sehr am Platz war, mehr als seine Höflichkeit ihr sagte. Aber sie
wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht länger untätig
bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war
häßlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie
hatte Blut, sie war bereit, tüchtig und berechtigt, Fürstenkinder zu
empfangen, zu gebären. Die Männer waren blöde, sie wollten gestoßen
sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stieß man ihn nicht
an.
Sie fragte ihn, ihre Erregung mühsam bändigend, so beiläufig wie
möglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten
für ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf.
Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wütend, spöttisch,
gehässig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie
doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr
Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie möge gefälligst warten, ihn
in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte
knurrend, höhnisch, bösartig. Seine Augen glitten von ihrem harten,
kupfernen Haar über den kurzen, plumpen Leib bis zu den Füßen. Er sah
aus wie ein tückischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich,
ging.
Allein, raste sie, schäumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger,
häßlicher Köter sah er aus. Wer hätte ihn angeschaut, wäre er nicht
Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und muß sich nun -- wer hilft ihr?
-- diese frechste Verhöhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin?
Wann je war eine Frau so verschmäht und gekränkt wie sie? Sie zerkratzte
sich die Brust, ihr armes, häßliches Gesicht. Schäumte, knirschte,
knurrte, stöhnte, daß ihre Frauen bestürzt hereinkamen.
Andern Tages war sie eisig umkrustet. Warf sich auf die Politik. Beriet
mit Volkmar von Burgstall, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun.
Markgraf Karl, Johanns älterer Bruder, war auf Reisen am Rhein.
Eigentlicher Regent des Landes war, den Herzog Johann klug lenkend, der
Bischof Nikolaus von Trient, ehedem Kanzler des Markgrafen in Brünn,
Domherr von Olmütz, ein energischer, rasch denkender Herr, den
Luxemburgern unbedingt ergeben. Jetzt mischte sich Margarete in jede
kleinste Angelegenheit, zwang den Bischof, verbindlich in der Form, aber
unnachgiebig, sie an allen Regierungsgeschäften teilnehmen zu lassen. Da
sie die eingesessenen Feudalbarone, die dem Luxemburger Prälaten nicht
zu großen Einfluß einräumen wollten, auf ihrer Seite hatte, fügte sich
der geschmeidige Bischof, Schritt für Schritt weichend.
Den Herzog Johann behandelte sie mit eisiger Höflichkeit, nannte ihn
Herr Herzog und mit allen Titeln. Niemals mehr war von Persönlichem
zwischen ihnen die Rede. In allen politischen Dingen wurde er
beigezogen, aber sie wußte ihn bei aller umständlichen Höflichkeit immer
wieder vor den tirolischen Herren als dummen, launischen, kleinen Jungen
hinzustellen. Er verzerrte sich vor Zorn; aber wenn er losbrechen
wollte, fand er, denn sie hatte sehr klug jede Form gewahrt, erstaunte,
mißbilligende Gesichter. Häufig auch traf sie wichtige Maßnahmen
selbständig und holte im letzten Augenblick erst seine Zustimmung ein.
Sehr geschickt verstand sie seine Einwilligung zu einer leeren Formsache
herabzudrücken, ohne daß er, bis aufs Blut gereizt und verärgert, der
erstaunt und unschuldig sich Habenden solche Nichtachtung nachweisen
konnte.
Die Finanzen des Landes waren besser als unter König Heinrich, aber noch
keineswegs gesund. Sie verlangten ein ewiges, vorsichtiges Lavieren und
viel Hin und Her. Herzog Johann, der anstrengenden Kleinarbeit müde,
berief den Alleshelfer, den er von seinem Vater her kannte, Messer
Artese aus Florenz. Unscheinbar, schattenhaft, ungeheuer dienstwillig
war der mächtige Bankier mit einemmal auf Schloß Tirol.
Selbstverständlich und mit tausend Freuden wird er aushelfen. Er
verlangte dafür nur einen ganz, ganz winzigen Gegendienst: die
Verpfändung der eben erschlossenen Silberbergwerke.
Herzog Johann war sofort dabei. Margarete, in kluger Berechnung,
widersprach nur flüchtig und ohne Nachdruck, ließ ihn ganz sich in den
Plan verstricken. Erst als der Plan in allen Einzelheiten ausgearbeitet
war, protestierte sie unvermittelt mit größter Entschiedenheit,
verweigerte ihre Unterschrift. Johann schwoll an, seine Adern wurden
dicke Schlangen. »Der Welsche kriegt die Silberrechte!« gellte er.