Und Herr Miradoux, der Unverbesserliche des _ancien régime_, begann
von neuem auf der Geige die Schmeichelweise Mozarts zu streichen, ganz
piano ....., leise lachend ordneten sich etliche Paare, wie früher.
Aber die kleine Zénobe wagte nicht, mit anzutreten. Sie weinte vor
Schreck und meinem Großvater war es gar nicht um den Tanz mit der Zofe.
Er drehte ihnen allen, schwerblütig fortwandelnd, den Rücken.
Das war die denkwürdige Menuett gewesen, die der bürgerliche Kapitän
Primus Thaller in einer Reihe mit einem hochansehnlichen Adel getanzt
hatte.
Es war die letzte Menuett des Rokoko gewesen, mitten in ihrer graziösen
Süßigkeit zerrissen durch den Ruf des Jakobinertribunals. In eigenartig
gemischter Betrübtheit stieg Herr Kapitän Primus wieder in den Tag
hinauf und auch die kleine Blanchefleure verließ ihr Gefängnis, um vor
Gericht zu treten.
Dessen Barriere glich einem Branntweinschanktisch. Vier oder fünf
unordentliche Rohlinge lauerten dort, schmutzig und bösartig wie
gesträubte Bauernhunde.
„Bürgerin Blanchefleure Massimel? Witwe?“ knurrte sie einer an.
„Da Sie es so wünschen -- -- --“
„Vom ehemaligen Hofstaat der Bürgerin Antoinette Capet?“
„Wessen? Der Königin, wollen Sie sagen?“
„Ach, so? Notieren Sie das genau, Bürger Pouprac! Königin sagte sie.“
„Ich denke, das genügt schon,“ murrte Pouprac gleichmütig. Dann aber
sah er boshaft auf. „Warum lächeln Sie, Bürgerin? Sie beleidigen das
Gericht damit! Warum lächeln Sie?“
„Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!“ platzte die arme Blanchefleure
tiefrot im ganzen Antlitz hervor. „Wenn man solche Pantalons anhat wie
Sie!“ Und sie drückte die Hände vors Gesicht und lachte wie ein dummer
Backfisch.
Pouprac warf einen Blick auf seine Hosen aus blau-weiß-rotgestreiftem
Kattun, auf diese stolze Flagge und Schaustellung seiner
republikanischen Gesinnung. Dann sprang er wütend auf seine beiden
nationalgetigerten Beine: „Sie sind des Todes schuldig, Bürgerin
Massimel,“ brüllte er. „Des Todes wegen Beleidigung der französischen
Nationalfahne!“
Da zog die kleine Marquise die Hände von ihrem Antlitz und sah ihn an,
hohe, erstaunte, drollige Augenbrauen, gerümpfte Nase: „Sie, Sie wollen
mich richten! Waschen Sie sich und ziehen Sie Strümpfe an, bevor Sie
mich nur bedienen wollen!“
Und sie ging. Sie hatte sich auf das Schafott gelacht.
* * * * *
Mein Großvater hörte nur noch von ihr, wie sie nicht zulassen
wollte, daß man ihr die Haare abschneide. „Meinen Sie,“ hatte sie den
Gerichtsbeamten gefragt, „daß das unbedingt nötig ist? Der Mann auf dem
Gerüst kann sie gebrauchen, um das Haupt daran in die Höhe zu heben: --
nachher; wie das so eine Ihrer Gewohnheiten sein soll.“
Und als der Sansculotte mit grober Kürze darauf bestand, hatte sie die
lieblichen Schultern gezuckt: „Meinetwegen. Ich wußte schon, als Sie
kamen, mich zu köpfen, daß Sie keinen ästhetischen Sinn haben. Und ich
habe recht behalten.“
Nach diesen letzten, befreit geistigen Worten starb sie aber dennoch
als armes, zitterndes Weib.
Sie starben und alle, die um sie hätten weinen können, waren tot oder
hatten an das eigene Sterben zu denken. So verstand keine Seele, was
mit der schönen Blanchefleure zu Ende gegangen war, die ihr Lebelang
recht behalten hatte.
Auch mein armer Großvater hat sie nie verstanden.
Nur ich, nur ich! Ich verstehe sie, der ich ihr Bild erst vom Trödler
loskaufen mußte, wie zur Rache des Nachgebornen an der, die durchaus
nicht seine Urgroßmutter werden wollte.
Gut, daß sie es nicht wurde. Sie ist dabei jung geblieben, ewig jung
und begehrenswert.
Und ich darf sie lieben, wie der ehrliche Primus Thaller sie liebte,
nur besser noch: Verständiger, luxuriöser.
Sie hatte in allem recht und ich sehne mich nach ihr ...
Madame Dorette und die Natur.
Es bedurfte in der Geschichte der Kultur des Herrn Chevalier von
Landry, um zu beweisen, daß man, vom Königshofe Frankreichs an die
frische Vogesenluft versetzt, sterben müßte.
Nur das Vorbild seines Oheims, des Kardinals und Erzbischofs von
Straßburg, Rohan, hatte ihm vorläufig das Leben gerettet, jedoch nur
auf kurze Zeit.
Rohan und der Chevalier waren vom Hofe weg nach dem Elsaß, dem
ihrer Meinung nach brutalsten Lande der Welt, verbannt worden, in
dem man kaum erst das Französische zu erlernen begann, geschweige
denn die Sprache von Versailles. Die berüchtigte Halsbandgeschichte
war schuld gewesen. Der Kardinal und der Chevalier hatten beide die
entzückend leichtfertige Königin sehr geliebt, und der Chevalier
hatte gehofft, bald der Nachfolger des beschränkten Rohan in der
Gunst Marie Antoinettes zu werden. Die reizende Geschichte war mit dem
ärgerlichsten Skandalprozeß zu Ende gegangen, und weil der Kardinal
in Bergzabern das Schloß seiner Väter aus größter Langeweile von neuem
aufzubauen begann, folgte der Chevalier seinem Beispiel, den gewaltigen
Versuch zu wagen, aus einem Stück Elsaß ein Stück Versailles zu machen.
Es war entsetzlich, zu Beginn der Verbannung!
Die Landry hatten ihren Stammsitz seit drei Generationen nicht gesehen.
Großvater Landry, Vater Landry und Landry Sohn hatten, ähnlich den
Seligen des Himmelreichs, im Angesicht des Königs Zeit und Ewigkeit
vergessen. _Louis quatorze_, _Louis quinze_, _Louis seize_, vor jedem
lächelte ein Landry, hinter jedem flüsterte ein Landry. Die Landry
waren erbangesessen hinter dem _oeil de boeuf_. Alles, was ihnen
von ihrem Vogesenbesitz bewußt war, bildeten die hunderttausend Ecus
jährlich: Hunderttausend fröhliche, leichtfertige Taler, die dem Elsaß
gänzlich unnötig waren und die darauf brannten, an Karossen, Puder,
Pferde, Sängerinnen, Samt, Tressen, Jagdpartien, Festschmäuse und
Trinkgelder verwendet zu werden.
Und nun saß er, der erste Landry seit fast einem Jahrhundert, wieder
auf dem Schlosse. Von der Wasserscheide der Vogesen bis weit ins ebene
Land hinein gehörte ein Stück Erde ihm, schön, mild, reich und still
wie eine Insel der Seligen. Er aber starb beinahe daran.
Er taufte sein Schloß um; er nannte es Schloß Patmos, weil Jean
Evangeliste de Landry hier verbannt saß. Er, der niemals einen Berg
erstiegen, ächzte dreimal die Woche zum Kamm der Vogesen empor, schaute
nach Westen und wünschte im Graben der einzigen Straße Frankreichs sein
Leben zu beschließen, der Straße von Paris nach Versailles.
Er sah sie: ein beständiger, leuchtender Königszug. Karosse an Karosse.
Die hochfrisierten Damen mußten sich oft weit vorbeugen, lachend oder
vor Schreck aufschreiend, weil zwei Pferdehäupter hinter ihnen über dem
Fond des Wagens nickten. So voll, so rauschend war der Verkehr. -- Die
ganze Straße war ein Trab, ein Geplauder, ein Lächeln, Winken, Nicken,
sie war Frankreichs Salon, Stelldichein und einziger Ausflug ins Freie
zugleich.
Nach einiger Zeit lernte Herr von Landry infolge der vielen Seufzer die
Bergluft atmen und sie machte ihn etwas stärker. Er sagte mit einem
Teil jenes Trotzes, der die Landry vor über hundert Jahren geziert
hatte: Schön: Kann ich nicht nach Versailles kommen, so soll Versailles
zu mir kommen. Hunderttausend Taler Rente bedeuten hier mitten in
der Naivetät dieser Gegend das Dreifache. Ich will mir meine eigene
Hofhaltung schaffen.
Nach einem Jahr stand Schloß Patmos da, wie aus Zucker und Tragant
gebildet. Herr von Landry lud ein, was jemals im Leben einen Strahl von
Versailles erhascht hatte, und ein unendlicher Jubel entstand unter
dem französischen Pfründenadel zu Straßburg. Ach, wie atmeten diese
Franzosen auf! Mit den Elsässern war keine Anspielung und kein Lächeln
zu tauschen. Sie verstanden kein Parfüm, keinen Schnitt, keine Mode,
kein Kompliment und keine Bosheit. Eine reich bezahlte Stelle und ein
sorgenloses Amt hatte viel entzückende Leute nach diesem Straßburg
gelockt. Voll tanzender Hoffnung waren sie gekommen und sahen hier
Menschen mit Rosetten an den Hosen, mit ungepudertem Haar, ja sogar
Menschen in Stiefeln, Menschen, die den Hut dazu mißbrauchten, ihn auf
den Kopf zu stülpen, statt ihn unter dem Arme zu tragen. Es waren hier
Leute, die nicht einmal wußten, den Spazierstock graziös auf den Boden
zu setzen, geschweige denn ihre Beine. Alles war aus!
Da eröffnete ihnen dieser schwermütige Halbgott Landry sein neu
umgebautes, zuckernes, filigranes und brokatnes Patmos. Ein kleines
Versailles, neuester Mode. Ach, die Welt war wieder wohnlich!
Es kamen in Scharen, die es mit Grazie verstanden, unnütz zu sein.
Nicht ein Zimmer im Schlosse war unbesetzt, und was von den Bewohnern
nicht dem Adel angehörte, war mindestens Blumenstaub aus der feinsten
Blüte des geistigen Frankreich. -- Dichter, Musiker, Philosophen
und zwei Maler waren von Paris verschrieben worden. Das leichte
Geistesvolk weilte gern in Patmos. In Paris war große Rivalität und
allzuviel Angebot; hier schmückte es Schloß und Park wie Halbgötter auf
ehrfurchtsvollen Postamenten.
Nun hatte man schon das zweite Jahr im ältern Versailler Stil
Konversation gemacht, hatte musiziert, getanzt, Komödie gespielt,
gejagt und geliebt, da fuhr der Schreck in Herrn von Landry, ob man in
Paris und Versailles nicht inzwischen längst eine neue Mode hätte?
Es war ein großes Wagnis; er fuhr trotz des königlichen Verbots in
einer sehr vollkommenen Verkleidung nach Paris; als ein deutscher
Gelehrter, um dort von den Intimsten seines Briefwechsels zu erfahren,
wie man inzwischen seine Kleider, seinen Geist, seine Perücke und seine
Gefühle trug.
Da ward ihm eine große Überraschung. Schon seit Herr Benjamin Franklin
dagewesen war, versuchte man sich ein wenig in Aufrichtigkeit; nun
aber war Herr Jean Jacques Rousseau unwiderstehlich in Mode gekommen,
und man spielte geradezu Natur! Man versuchte die Natur genau so zu
sehen wie Herr Rousseau und entdeckte hiedurch mehr als ein Dutzend
ungeahnte, gänzlich neue Gefühle. Ganz Paris und Versailles waren
entzückt. Der König schob eigenhändig einen Bauernkarren aus dem Dreck,
die Königin buk eine Omelette, ja Madame de France spielte einmal den
guten, aufrichtigen Bauern unter der Dorflinde auf der Geige zum Tanz
auf. In allen Salons bewunderten sie das Gefühlsleben der Kohlenbrenner
und Wilddiebe, und der Herzog von Orléans brach in Freudentränen aus,
als er in dem Dorfe Saint Léger ein bäurisches Ehepaar streiten fand
und hierbei die erste Ohrfeige sah und hörte.
Mit einem köstlichen Gefühl eilte Chevalier Landry nach dem Elsaß
zurück und brachte der reizendsten aller Gastgesellschaften den
unerhörten Vorsatz mit, sie werde sich von nun an der Natur gemäß zu
verhalten und zu unterhalten haben.
Herren und Damen überboten sich von da ab in Erfindungen und
Entdeckungen, aber vollkommen wurde man erst, als der Chevalier zur
größten Ergötzung der erlauchten Gesellschaft ein Naturkind eingeladen
hatte, das die Feinheiten der übrigen vergangnen Moden noch gar nicht
erst kennen gelernt hatte.
Das war ein deutscher Jüngling.
Hans Georg von Hirschbach kam aus dem Thüringer Walde und hatte soeben
in Straßburg die Philosophie zu Ende studiert. Er war ein Prachtjunge,
aber nur für Deutschland. Aufmerksam und nachdenklich, von einer
zusammengehaltenen Resolutheit, etwas schweigsam, etwas einsam, etwas
holperig. Er hatte eine warme, tiefe, herzliche Stimme, lachte stets
nur aus Freude und nie über Bosheiten, schlug und balgte sich ein wenig
gern, scheute sehr die Damen, war hellbraun, krausköpfig, stämmig und
hatte einen festen Nacken, schiefgeneigten Kopf, starke Stirne und
starke Kinnbacken. Sein Teint war kräftig wie Roggenbrot, sein Gang
etwas werfend und schleuderhaft, wenn er allein die Landstraße maß, und
höchst befangen und stolperbedroht in Gesellschaft.
Er hatte zu Hause nichts getrieben als Vogelfang und Pirschjagd.
In Straßburg war er ein bißchen im Fechten, Schießen und Reiten
fortgefahren, hatte das Zechen, das Singen und Radaumachen erlernt,
war dann über die Bücher geraten und hatte sich mit seiner ganzen
Waldburschenseele dem Shakespeare verschrieben.
Und gerade Hans Georg geriet in die diskrete, lächelnde, wespenboshafte
und bis zum Überschwang liebenswürdige Gesellschaft im Schlosse des
Chevaliers Landry!
Er geriet mit Wissen und Willen seiner Mama hinein, die außerordentlich
viel auf die feingeschliffene Kultur von Versailles gab. Hans Georgs
Mama war zärtlich, geistvoll, belesen und sprach das delikateste
Französisch, alles mitten im Thüringer Wald. Sie wünschte sehr, daß ihr
Sohn diese Eigenschaften von ihr geerbt haben möchte, die er an einer
bessern Stelle verwerten sollte. Ihr Bittgesuch hatte der alte Freund
der Familie, ein Straßburger Gelehrter und Gast Landrys, dem Hausherrn
von Schloß Patmos gebracht und eine Einladung voll Honigseim erfloß
nach Straßburg „an den Chevalier Jean de Hirsbac“.
In der Fahrpost, in welcher der junge Thüringer nach dem Schlosse
fuhr, saß nur noch eine Reisende, nebst unermeßlich vielen Koffern und
Schachteln. Diese Dame war so jung, so graziös, so schön und in jeder
Bewegung so sicher, daß Hans Georg vor Scheu fast die Beine unter sich
auf den Sitz gezogen hätte. Denn es waren Beine, die in Stulpenstiefeln
steckten, was ihn zum erstenmal sehr genierte. Wenn man zierlich sein
wollte, dann trug man ohne Nachsicht Kniehosen und Seidenstrümpfe.
Er fürchtete sich vor ihrer Bekanntschaft. Er betrachtete sie lange
Zeit nur ganz versteckt, gelegentlich aus dem Profil hinüberhuschend.
Sie war königlich blaß, hatte eine kapitale Frisur, breiten Hut à la
Schäferin, eine wunderbar reine Stirn, und der Mund wie das Profil
waren fein und von gefaßtem Schwung. Die Augen hatte sie durch die
stolz und nachlässig geschlossenen Lider verdeckt, aber man sah durch
diese zarten Lider, daß sie tief und groß und braun waren.
Das wird eine respektvolle, traurige Reise werden, dachte der junge
Hirschbach, zog die Füße nach hinten, legte die Hände gleichmäßig auf
die Knie und schaute den wundervollen, bläulich violetten Lichtreflex
auf dem ungepuderten schwarzen Haar der jungen Dame an, der direkt
vom Himmel durch das Fenster auf sie kam, bei jeder Pappel am Weg
aufhüpfte, bei jeder Sonnenbiegung mit Goldbraun tauschte und langsam
unter dem puderfeinen Straßenstaub erstickte.
In Molsheim fragte er den Postmeister, ob er über Schloß Patmos etwas
wisse.
„Wir nennen es anders,“ sagte der Postmeister mürrisch. Der Herr von
Landry war bei Bürger und Bauer gleich unbeliebt. Alles Geld ging nach
Paris, die Handhabung der Gerichte war von den ärgsten Mißbräuchen
begleitet, und die Bauern wurden von den Pächtern auf das empörendste
ausgesogen, denn Landry brauchte entsetzlich viel Geld und kümmerte
sich trotz seines weichen Herzens ganz und gar nicht darum, woher es
kam. Er wußte gar nicht, daß Geld manchmal sehr schwer wog, Lebenskraft
und Blut bedeutete. Für ihn war der Louisdor eine Spielmarke.