So sagte er und dann stießen die Soldaten Herrn Vicque d'Azyr vorwärts.
„Ich gehe schon ohne Hausknechtwink, meine Freunde,“ sagte er mild und
verschwand in dem Keller des Temple.
„Was meint der Narr?“ fragte Quintus.
Primus grübelte, begriff aber auch nichts Rechtes. Dann bat er den
Bruder, ihm Zwiesprach mit der kleinen Bürgerin Witwe Massimel zu
verschaffen.
„Du kannst hinuntergehen und sie im Keller besuchen,“ lachte Quintus.
„Herauslassen darf ich niemand.“ Und Primus Thaller stieg zu den
Gewölben hinab; die Wachen ließen ihn in den großen, feuchten Saal, in
dem sich nur Kröten und Kellerasseln wohl zu fühlen vermocht hätten.
Er aber stand in Staunen gebannt, denn alle Phantasie ward aufs Haupt
geschlagen bei dem, was hier geschah.
Eine ganz geheime, leise Musik von Violine, Flöte, Kniegeige und Baß
schmeichelte sich an den schimmelfeuchten Wölbungen empor wie ein
Kätzlein an seidenen Kleidern. Man spielte auf eingeschmuggelten
Instrumenten! Die Violine hatte Herr Miradoux, erster Geiger des
königlichen Opernhauses, die Flöte der Vicomte Chantigny, dessen Atem
so viel Wunder zaubern konnte wie der Hauch des Westwindes. Mit der
Bratsche war der Straßburger Domherr Avenarius verwachsen und den
Kontrabaß spielte mit nachdenklicher Grundgriffigkeit der berühmte
Abbé Mervioli aus Florenz. Silberne Bestechung vermochte selbst in
den Zeiten der Republik goldenen Wohllaut in die Keller des Temple zu
bringen.
Mozarts kleine Nachtmusik!!
Sie wirkte Wunder, hier in dämmerndem Dunkel ..... Die alten
Schloßbrunnen quollen und schluchzten in der Fliedernacht, die
Paläste standen in alter, reicher Pracht und lauschten gnädig auf den
liebenswürdigen Einfall des Salzburger Herrn Musikus. Die alte, stolze
Zeit war hier versammelt, neu hervorgezaubert trotz Carmagnole und
Marseillaise.
Rundum saßen Herren in Seidenstrümpfen und Damen mit Spitzentüchern,
elegant in all der entsetzlichen Notdurft dessen, was man ihnen,
den gefangenen Opfern der Volksrache, gelassen hatte. Knie über Knie
geschlagen die Herren, graziöse Köpfchen in schlanke Hände gelegt die
Damen, eine einzige große Erlauchtheit.
Und darüber hin schmeichelte wie Weihrauchwolken Wolfgang Amadés
wundervolle Grazie.
Es kommt gegen das Ende des Allegro eine Stelle ganz unvermittelt,
lieblicher als aller bisheriger Fluß süßer Melodie, ganz wider Schule
und Hergang, als dächte plötzlich einer der Spieler an ein leises
Zofenhändchen, das ihm hinterrücks neckisch zärtelnd über die Wange
streichelte. Als diese Stelle kam, hörte Herr Primus hinter sich ein
wohlgefällig leises: Ah!
Er drehte sich um -- Blanchefleure. Sie hatte ihn erkannt, hob aber
sachte die Hand, nicht zu stören. Bald danach war der Satz zu Ende und
während die Herren und Damen vom Adel entzückt zu den Spielern traten,
reichte Herr Kapitän Thaller der armen, reizend blassen Blanchefleure
seine ehrlichen Hände, um ihr seinen Antrag zu machen.
Sie hörte ihn mit hochgezogenen erstaunten Augenbrauen an, als er
begann: „Sie sind jetzt Witwe und arm wie eine Appenzeller Kuhdirn,
Gott sei Dank.“
„Oh!“ zweifelte sie: „Ah?“
„In jetziger Zeit aber sind wir Soldaten alles. Die Revolution glaubt
den Offizier zu vernichten und macht ihn zum Herrgott. Unsereins
krabbelt es in den Händen, so stark sind wir jetzt! Ich werde Sie also
aus dem Höhlenloch herausholen: wie, das werden Quintus und ich schon
zuwege bringen.“
„Warten Sie,“ sagte Blanchefleure, „da kommt eine Menuett.“
Wirklich begannen die vier Musikanten einen jener reizenden Tänze der
eleganten Zeit zu spielen, bei dem man sich mit Augen und Fingerspitzen
Dinge sagte, für die sich der plebejisch umschlingende Walzer keinen
Rat weiß. Und die ganz leichtsinnigen von den Herren und Damen ordneten
sich zum Antritt.
„Es ist vielleicht die letzte Menuett,“ entschuldigte Blanchefleure mit
reizendem Lächeln; „und ich würde es sehr beklagen, sie nicht getanzt
zu haben: -- mit Ihnen, Herr Kapitän,“ fügte sie herzbezwingend hinzu,
als der arme Junge tiefbetrübt zurücktrat, und sie nahm ihn bei der
Hand. „Scheuen Sie sich doch nicht,“ fuhr sie fort. „Wir haben doch
Egalité, Fraternité. Was, Sie glauben auch nicht recht daran? Immerhin;
ich tanze gern mit Ihnen.“
Und der süße, schwermütig kokette Tanz des todesnahen Leichtsinns
begann. Kein Totentanz war so wie der. So voll leichtfertiger Absage
an das Ende. Es war die Melodie der Menuett aus dem Don Giovanni und
sie spielte wie diese kurz vor dem ersten Zuschlagen des Schicksals;
übermütig frivol und graziös wie diese.
Im Annähern fuhr Primus Thaller mit seiner ehrlich heißen Werbung fort.
„Ich habe Sie lieb wie keine andere und Sie sollen meine Frau sein.“
Das neckische Zurückweichen des Tanzes der Koketterie führte
Blanchefleure von ihm weg. Ihre Augen lachten, aber sie sagte: „Was
Ihnen nicht einfällt. Sie sind geschmacklos, mein Freund.“
Wieder schwemmten sie die weichen Wogen des Tanzrhythmus zu ihm; ihre
Hände umschlangen sich. „Mein Geliebter wären Sie vielleicht worden,
dort unten in La Réole, wo die Herdenglocken süße, befreite Natur
predigen. Ich hatte immer meine Saison der Naturrückkehr.“
Und sie neigte sich zurück und schritt im neckenden Taktschritt davon,
während das Herz des armen Primus in Flammen tobte, gebändigt vom
Tanzgesetz, von der allgemeinen Grazie, innerlich aber unbändig, als
ob die ganze Revolution in ihm gefesselt läge und gefoppt würde. Und
wieder kam sie zurück: „Aber Madame Thaller zu werden -- mein lieber,
ehrlicher Freund aus Appenzell! Was denken Sie? Man könnte Sie küssen
für so viel Naivetät! Ach, daß wir nicht mehr in La Réole unsere
Komödie haben durften. Welche Bêtise! Nun müssen wir sogar auf den Kuß
verzichten! Außer Sie wollten mit einem Handkuß vorlieb nehmen?“
Es kam nun die Stelle in der Menuett, da auf dem Theater der Wehschrei
Zerlinens den süßen Leichtsinn zerreißt. Und obwohl die galanten
Herren Miradoux, Vicomte Chantigny, Avenarius und Abbé Mervioli die
Noten für eine kleine ununterbrochene Rückkehr zu einem fröhlichen
Dacapo überarbeitet hatten, gebot doch das Schicksal den Originalsatz.
Die Tür wurde aufgerissen und eine arge Branntweinstimme zerriß das
Blumengewinde eines kurzen Traumes.
„Ihr da, Bürger und Bürgerinnen! Ruhe im Namen der Republik!“
Der Reigen erstarrte zu Eis, hinhorchten Herren und Damen, denn jene
Unterbrechung kannten sie. Es war die alltägliche Verlesung der
Namen jener, welche vor Gericht geladen waren, um -- recht oft --
verurteilt zu werden. Aus dem Temple ging der Weg besonders leicht in
die Sackgasse mit dem einzigen Fenster nach der Ewigkeit, dem Loch der
Guillotine.
Diesmal wurde auch der Name der kleinen Bürgerin Massimel verlesen.
„Hier,“ rief sie, aber sie war erbleicht.
„Denken Sie jetzt an meinen Antrag?“ fragte Primus Thaller, angstvoll
hinter sie tretend.
Die arme, blasse Blanchefleure sah ihn mit ihren erschrockenen Augen
an, über denen verwunderte Augenbrauen standen. „Ach Gott, mein
Freund,“ sagte sie kläglich. „Ihre Republikaner lassen einem nicht
einmal sein bißchen Tanzfreude. Dort in der Ecke steht meine kleine
Zofe, die sich mit mir einsperren hat lassen. Zénobe! Du darfst mit
diesem Herrn weitertanzen. Bitte, entschuldigen Sie mich wegen dieser
fatalen Verhinderung und nehmen Sie mit ihr vorlieb; sie ist ein
reizendes Kind.