Europa war zum letzten Male originell vor dem Mai 1789.“

So sagte er und dann stießen die Soldaten Herrn Vicque d'Azyr vorwärts.

„Ich gehe schon ohne Hausknechtwink, meine Freunde,“ sagte er mild und

verschwand in dem Keller des Temple.

„Was meint der Narr?“ fragte Quintus.

Primus grübelte, begriff aber auch nichts Rechtes. Dann bat er den

Bruder, ihm Zwiesprach mit der kleinen Bürgerin Witwe Massimel zu

verschaffen.

„Du kannst hinuntergehen und sie im Keller besuchen,“ lachte Quintus.

„Herauslassen darf ich niemand.“ Und Primus Thaller stieg zu den

Gewölben hinab; die Wachen ließen ihn in den großen, feuchten Saal, in

dem sich nur Kröten und Kellerasseln wohl zu fühlen vermocht hätten.

Er aber stand in Staunen gebannt, denn alle Phantasie ward aufs Haupt

geschlagen bei dem, was hier geschah.

Eine ganz geheime, leise Musik von Violine, Flöte, Kniegeige und Baß

schmeichelte sich an den schimmelfeuchten Wölbungen empor wie ein

Kätzlein an seidenen Kleidern. Man spielte auf eingeschmuggelten

Instrumenten! Die Violine hatte Herr Miradoux, erster Geiger des

königlichen Opernhauses, die Flöte der Vicomte Chantigny, dessen Atem

so viel Wunder zaubern konnte wie der Hauch des Westwindes. Mit der

Bratsche war der Straßburger Domherr Avenarius verwachsen und den

Kontrabaß spielte mit nachdenklicher Grundgriffigkeit der berühmte

Abbé Mervioli aus Florenz. Silberne Bestechung vermochte selbst in

den Zeiten der Republik goldenen Wohllaut in die Keller des Temple zu

bringen.

Mozarts kleine Nachtmusik!!

Sie wirkte Wunder, hier in dämmerndem Dunkel ..... Die alten

Schloßbrunnen quollen und schluchzten in der Fliedernacht, die

Paläste standen in alter, reicher Pracht und lauschten gnädig auf den

liebenswürdigen Einfall des Salzburger Herrn Musikus. Die alte, stolze

Zeit war hier versammelt, neu hervorgezaubert trotz Carmagnole und

Marseillaise.

Rundum saßen Herren in Seidenstrümpfen und Damen mit Spitzentüchern,

elegant in all der entsetzlichen Notdurft dessen, was man ihnen,

den gefangenen Opfern der Volksrache, gelassen hatte. Knie über Knie

geschlagen die Herren, graziöse Köpfchen in schlanke Hände gelegt die

Damen, eine einzige große Erlauchtheit.

Und darüber hin schmeichelte wie Weihrauchwolken Wolfgang Amadés

wundervolle Grazie.

Es kommt gegen das Ende des Allegro eine Stelle ganz unvermittelt,

lieblicher als aller bisheriger Fluß süßer Melodie, ganz wider Schule

und Hergang, als dächte plötzlich einer der Spieler an ein leises

Zofenhändchen, das ihm hinterrücks neckisch zärtelnd über die Wange

streichelte. Als diese Stelle kam, hörte Herr Primus hinter sich ein

wohlgefällig leises: Ah!

Er drehte sich um -- Blanchefleure. Sie hatte ihn erkannt, hob aber

sachte die Hand, nicht zu stören. Bald danach war der Satz zu Ende und

während die Herren und Damen vom Adel entzückt zu den Spielern traten,

reichte Herr Kapitän Thaller der armen, reizend blassen Blanchefleure

seine ehrlichen Hände, um ihr seinen Antrag zu machen.

Sie hörte ihn mit hochgezogenen erstaunten Augenbrauen an, als er

begann: „Sie sind jetzt Witwe und arm wie eine Appenzeller Kuhdirn,

Gott sei Dank.“

„Oh!“ zweifelte sie: „Ah?“

„In jetziger Zeit aber sind wir Soldaten alles. Die Revolution glaubt

den Offizier zu vernichten und macht ihn zum Herrgott. Unsereins

krabbelt es in den Händen, so stark sind wir jetzt! Ich werde Sie also

aus dem Höhlenloch herausholen: wie, das werden Quintus und ich schon

zuwege bringen.“

„Warten Sie,“ sagte Blanchefleure, „da kommt eine Menuett.“

Wirklich begannen die vier Musikanten einen jener reizenden Tänze der

eleganten Zeit zu spielen, bei dem man sich mit Augen und Fingerspitzen

Dinge sagte, für die sich der plebejisch umschlingende Walzer keinen

Rat weiß. Und die ganz leichtsinnigen von den Herren und Damen ordneten

sich zum Antritt.

„Es ist vielleicht die letzte Menuett,“ entschuldigte Blanchefleure mit

reizendem Lächeln; „und ich würde es sehr beklagen, sie nicht getanzt

zu haben: -- mit Ihnen, Herr Kapitän,“ fügte sie herzbezwingend hinzu,

als der arme Junge tiefbetrübt zurücktrat, und sie nahm ihn bei der

Hand. „Scheuen Sie sich doch nicht,“ fuhr sie fort. „Wir haben doch

Egalité, Fraternité. Was, Sie glauben auch nicht recht daran? Immerhin;

ich tanze gern mit Ihnen.“

Und der süße, schwermütig kokette Tanz des todesnahen Leichtsinns

begann. Kein Totentanz war so wie der. So voll leichtfertiger Absage

an das Ende. Es war die Melodie der Menuett aus dem Don Giovanni und

sie spielte wie diese kurz vor dem ersten Zuschlagen des Schicksals;

übermütig frivol und graziös wie diese.

Im Annähern fuhr Primus Thaller mit seiner ehrlich heißen Werbung fort.

„Ich habe Sie lieb wie keine andere und Sie sollen meine Frau sein.“

Das neckische Zurückweichen des Tanzes der Koketterie führte

Blanchefleure von ihm weg. Ihre Augen lachten, aber sie sagte: „Was

Ihnen nicht einfällt. Sie sind geschmacklos, mein Freund.“

Wieder schwemmten sie die weichen Wogen des Tanzrhythmus zu ihm; ihre

Hände umschlangen sich. „Mein Geliebter wären Sie vielleicht worden,

dort unten in La Réole, wo die Herdenglocken süße, befreite Natur

predigen. Ich hatte immer meine Saison der Naturrückkehr.“

Und sie neigte sich zurück und schritt im neckenden Taktschritt davon,

während das Herz des armen Primus in Flammen tobte, gebändigt vom

Tanzgesetz, von der allgemeinen Grazie, innerlich aber unbändig, als

ob die ganze Revolution in ihm gefesselt läge und gefoppt würde. Und

wieder kam sie zurück: „Aber Madame Thaller zu werden -- mein lieber,

ehrlicher Freund aus Appenzell! Was denken Sie? Man könnte Sie küssen

für so viel Naivetät! Ach, daß wir nicht mehr in La Réole unsere

Komödie haben durften. Welche Bêtise! Nun müssen wir sogar auf den Kuß

verzichten! Außer Sie wollten mit einem Handkuß vorlieb nehmen?“

Es kam nun die Stelle in der Menuett, da auf dem Theater der Wehschrei

Zerlinens den süßen Leichtsinn zerreißt. Und obwohl die galanten

Herren Miradoux, Vicomte Chantigny, Avenarius und Abbé Mervioli die

Noten für eine kleine ununterbrochene Rückkehr zu einem fröhlichen

Dacapo überarbeitet hatten, gebot doch das Schicksal den Originalsatz.

Die Tür wurde aufgerissen und eine arge Branntweinstimme zerriß das

Blumengewinde eines kurzen Traumes.

„Ihr da, Bürger und Bürgerinnen! Ruhe im Namen der Republik!“

Der Reigen erstarrte zu Eis, hinhorchten Herren und Damen, denn jene

Unterbrechung kannten sie. Es war die alltägliche Verlesung der

Namen jener, welche vor Gericht geladen waren, um -- recht oft --

verurteilt zu werden. Aus dem Temple ging der Weg besonders leicht in

die Sackgasse mit dem einzigen Fenster nach der Ewigkeit, dem Loch der

Guillotine.

Diesmal wurde auch der Name der kleinen Bürgerin Massimel verlesen.

„Hier,“ rief sie, aber sie war erbleicht.

„Denken Sie jetzt an meinen Antrag?“ fragte Primus Thaller, angstvoll

hinter sie tretend.

Die arme, blasse Blanchefleure sah ihn mit ihren erschrockenen Augen

an, über denen verwunderte Augenbrauen standen. „Ach Gott, mein

Freund,“ sagte sie kläglich. „Ihre Republikaner lassen einem nicht

einmal sein bißchen Tanzfreude. Dort in der Ecke steht meine kleine

Zofe, die sich mit mir einsperren hat lassen. Zénobe! Du darfst mit

diesem Herrn weitertanzen. Bitte, entschuldigen Sie mich wegen dieser

fatalen Verhinderung und nehmen Sie mit ihr vorlieb; sie ist ein

reizendes Kind.

Vom sterbenden Rokoko · 第 17 / 25 题