* * * * *
Vierzehn Tage nachher war Graf Cagliostro mit seinem Neffen auf der
Flucht nach Italien, und in den Salons ging die Nachricht von der
Verlobung des Marquis von Chateauvert und der kleinen Clarisse de
Barrées umher und war so selbstverständlich und langweilig, daß man nur
mehr auf den nächsten Liebhaber der jungen Frau riet.
Mignard trat wieder in die Marine ein und besuchte Madame de
Chateauvert nur mehr in den Pausen zwischen zwei seiner Seereisen,
wodurch ein Verhältnis entstand, ein Verhältnis, welches auch nach
der Revolution durchaus nicht altmodisch gescholten wurde und welches
sowohl in jener flüchtigen und leichtfertigen Zeit, als auch in den
etwas kräftigeren Tagen, die ihr folgten, als das rührendste, schönste
und dauerhafteste in dem ganzen riesenhaften Dreieck zwischen Calais,
Toulon und Bordeaux galt. In dem Dreieck, dessen Schwerpunkt den Namen
Paris trägt. --
Die kleine Blanchefleure.
Mein Freund Fräneli Thaller aus Solothurn erzählte mir vor einem alten
Bilde:
„Vom Trödler Hirschl am Hafnersteg habe ich das Bild der kleinen
Marquise Blanchefleure gekauft, die mit dem größten Teile des
französischen Adels im Jahre 1792 taktlosen Angedenkens ihren reizenden
Kaprizenkopf verlor. Hier auf dem Bilde hat sie ihn noch; hat eine hohe
Frisur und hohe, drollige erstaunte Augenbrauen; -- wie mit Watteaus
Pinsel gezogen -- und ein belustigt schauendes Gesichtlein. Sie ist
reizend und ich sehne mich nach ihr.
Sie wissen noch nichts von der kleinen Marquise Blanchefleure, die in
allen Dingen recht hatte? Sie wissen noch nichts von der ridikülen
Leidenschaft meines Urgroßvaters, des Schweizers Thaller, dessen
Emailbild jetzt unter dem ihren hängt, und nichts von der Taktlosigkeit
der Jakobiner, dieser Menschen ohne Geschmack und Grazie! Nicht?
Nun, Marquise Blanchefleure hatte in allen Dingen recht. Sie hatte
recht, daß sie als Ducheßlein auf die Welt kam: entfernt savoyisches
Blut, also etwas weit hinten in der Rangliste von Versailles, aber doch
eine kleine Herzogin, welche dereinst des Königs lächelndsten Marquis
erhaschen würde. Sie hatte recht, daß sie ein besseres Wesen war, wie
alle übrigen Geschöpfe auf ihres Vaters Schloß, Dorf und Landschaft:
Musik- und Tanzlehrer, Verwalter, Bauer, Magd, Esel, Ochs, Knecht
und alles, was sein war. Sie hatte recht, von der tiefgedrückten Not
leibeigener Bauern zu leben. Denn sie lebte lächelnd und trällernd
und alle Welt verneigte sich tief vor ihr, ihrem Glanz und ihrer
Schönheit. Wie wenn der Wind über Kornfelder geht, so neigten sich
große Versammlungen voll Menschen vor ihr: _compliments en mille_.
Und sie hatte recht, den Marquis Massimel de la Réole de Courtroy zu
heiraten, über dessen Beschränktheit der Hof so sehr lachte, daß er
dem Könige unentbehrlich wurde und bei jedem Lever, zur Erzeugung guter
Morgenlaune, aufwarten mußte. Liebhaber wußte sie genug, aber Männer,
welche so reich waren, sich eine Blanchefleure mit allen ihren Wünschen
und Launen zu gönnen, davon gab es sehr wenige. So kam sie an den Hof
und auch da behielt sie, wie gewohnt, sogar vor dem Könige recht.
Ihre lächelnde Kommandogewalt zeigt am schönsten folgender Fall:
Man weiß, daß es in der französischen Armee verboten war, bei
Todesstrafe! -- in Schweizer Regimentern den Kuhreihen zu blasen oder
zu singen; weil dann die ungeschickten Kinder der deutschen Alpen
herdenweise davonliefen oder vor Heimweh starben.
Zu Straßburg auf der Schanz,
Da ging mein Trau'ren an ...
Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,
Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, --
Das ging nicht an.
Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in
Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden,
im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich
zum Ausgang in die Stadt rüsteten. Zugegangen war das auf solche
Weise: Er hatte von seinem, um sechs Jahre jüngeren Bruder Quintus,
Tambour beim Regiment „Prince d'Orléans“, einen Brief aus Amerika
erhalten, den Brief eines achtzehnjährigen Jungen, der von Lafayette,
Washington, Freiheit, Bürgertrotz und Bürgerstolz schrieb, so schön
und dumm und heilig, wie das überhaupt nur ein achtzehnjähriger Junge
zustande bringt. Der junge Quintus schrieb, daß die Regimenter der
Lilie heimkehren würden; über ihren Häuptern aber würden unsichtbar
feurige Zungen mitfahren, welche in Frankreich mit riesigem Loderbrande
emporflammen müßten; große Flammenzungen, große Worte:
Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!
Große Worte? Freiheit, Gleichheit? -- Da gedachte mein armer,
sehnsüchtiger Großvater, daß da und dort in seiner Heimat dergleichen
schon seit Jahrhunderten ohne große Worte zu Hause war ... in
Appenzell etwa, von wo er gekommen war, um Ehre und Geld zu verdienen.
Und er gedachte, daß man aus Amerika als gewaltig neue Sache die
Menschensatzung wie eine Welterstaunlichkeit über das Meer bringen
mußte, da sie doch zu Hause lange still und ganz vernünftlich ihr
verständiges Blütchen getrieben hatte. Es könnten sie doch nur jene
brauchen, denen sie eingewachsen war: stille Leute mit Schranken
ringsum. Das große Menschengesetz ist weder Rausch noch großer Jubilo:
es ist ein ehrlich kramendes Abwägen; es soll für die unendliche
Menge sein, die Fleisch, Brot, Zimmer, Kammer und Küche, ein bißchen
Sonne und ein bißchen Grünzeug, aber viel Arbeit braucht, damit die
Mordbestie gut und tüchtig schlafe.
Warum diese Genies ihre Gesetze nur immer wieder für Genies machen?
In Appenzell zu Hause hatten sie schon lange das, wovon in Paris erst
jetzt scheuheimlich geraunt wurde. Er dachte an seine bedächtigen
Onkel, an ihre Kühe und Kälber, an ihre Felder und Alpen. Es ist doch
der Menschheit naturangemessenes Paradies, meine liebe Schwyz, hatte
der Sergeant gedacht -- -- -- und, ganz in tiefen Gedanken verloren,
den Kuhreihen gesungen.
Da war es aus und geschehen.
Denn die amerikanische Kunde hatte viel ärger in den Herzen gehauset,
als mein braver Urgroßvater Primus -- vorn Ehrlichkeit und hinten Zopf
-- sich geträumt, und wenn's nicht schlimmere Leute getan hätten,
so hätte die Pariser weibliche Dienstbotenschaft allein schon ihre
Liebschaft aus der Schweizer Kaserne verdorben. Die Dienstbotenschaft
war ein gutes Teil der großen Hefe, durch welche die große Revolution
gärte.
Die Disziplin hatte längst schon gelitten. Es waren Landsknechtsnaturen
im Regiment und ein Dutzend davon fielen in das sehnsuchtsvolle Piano
meines Urgroßvaters mit trotzigen Kräften ein, so daß der Kuhreihen
weithin erscholl. Es hatte ihn schon seit Jahrzehnten keiner mehr
gesungen und war also auch keiner bestraft worden. Nun aber war
er ganz anders erklungen als ehedem. Nicht als der große Reißaus!
Nicht als das allmächtige Heimweh! Nein, bloß als Trutzlied auf ein
zopfiges Verbot. Sie jubelten und jauchzten den Kuhreihen, sie ahmten
das Almhorn durch Nase und Kehle nach und hatten großen Jux: zehn
oder zwölfe. Aber obgleich mein Großvater davongeschlichen war, als
er sah, daß man ihm die Stimmung verdarb, und obgleich nur ein paar
dumme Unterwaldner, Schwyzer und Appenzeller Kühbuben Heimweh davon
bekamen und desertierten, -- er war doch der erste gewesen und mußte
als dreizehnter gelten. Man sperrte ihn ein; nach dem Gesetz war er dem
Tode verfallen.
Nun war die Todesstrafe so ziemlich das einzige, was den entferntesten
Untertan sogleich und direktement mit dem Könige verband -- -- ich weiß
nicht recht, ob es heute nicht am Ende in euern Monarchien auch so ist?
Der König sollte das seltsame, veraltete, kriegsrechtliche Urteil
bestätigen. Er war dick, behäbig und ehrlich und dachte bei einer
der nachdenklichen Handlungen, welche zum _lever_ gehörten, ernsthaft
über das Schicksal meines Urgroßvaters Primus nach. Als ihm dabei der
Marquis Massimel de la Réole de Courtroy glückselig lächelnd nahe kam,
fragte er ihn ziemlich einsilbig: Was soll man nun mit diesem Primus
machen? Hat eine alte Vieherei (_bêtise_) neu zur Mode gebracht ...
Der Marquis wußte gar nicht, worum es sich handelte, sagte also
geistesschnell: Wollen Sire mir, da es sich um Modesachen handelt,
gestatten, meine Frau zu befragen?
Der ganze Hof lachte und Seine bequeme Majestät lächelte; sie hatte
Aufschub, daher war es ihr genehm und so wurde das Schicksal meines
Urgroßvaters in die reizenden Hände der Marquise Blanchefleure
gelegt, welche zur gleichen Zeit an der Morgenhaube Marie Antoinettes
nestelten. Das Lever der entzückend leichtfertigen Königin begann eine
ganze Stunde später, aber der Marquis wurde als Mann seiner Frau und
Bote des Königs sogleich vorgelassen. Er hatte sich inzwischen über den
Fall Primus Thaller orientiert und trug ihn den beiden Damen vor.
Madame Blanchefleure klatschte entzückt in die Hände. Ein Schweizer!
Wie reizend! Ich erbitte ihn mir von der schönen Majestät Frankreichs,
damit er mir auf meinem Gut in La Réole eine Alpe mit scheckigen Kühen
herrichtet.
Die Königin lachte und sagte zu.
„Er wird echte Kuhglocken besorgen müssen und einen grauen Tuchrock
mit roter Weste, blauen Strümpfen, Schäferhut und himmelblauen Bändern
tragen müssen. Im Juni besucht unsere königliche Majestät unser Gut
und da wird er uns auf einer reizenden Alpe, die wir inzwischen erbaut
haben werden, den fatalen Kuhreihen zu aller Vergnügen vorsingen
müssen. Nicht wahr, schöne Majestät?“
Wieder lachte die fröhliche, leichtsinnige Königin, stimmte zu und der
König begnadigte meinen Urgroßvater mit aller Gravität, welche zu einer
so erfreulichen Angelegenheit von Gerichts wegen gehört.
Dann hatte Herr Primus Audienz bei Madame Blanchefleure, um sich für
Leben und Freiheit zu bedanken.
Zum Soldaten hatte er sich unbrauchbar erwiesen, der Verführer aus
spießbürgerlicher Sehnsucht; er war ausgestoßen worden und kam schon in
appenzellerisch angehauchtem Bürgerkleide mit rundem Hut zu ihr. Madame
Blanchefleure hatte vor Neugierde und Aufregung über die Sensation
kalte Hände und heiße Wangen bekommen. Als das erbärmlich schlichte,
graue Ereignis in Gestalt des armen Jungen eingelassen wurde, stand
ihr der Atem still. Sie hatte sich, weiß Gott was für einen Gewaltigen
vorgestellt, einen Aufrührer und Verführer des Volkes, dem die Rede
in Flammenströmen aus dem Munde fuhr, und nun kam ein Gesetzbuch
bürgerlicher Rechte herein: brav, still und ehrlich, ein rechter: Gib
mir das, so hast du das.
Ahnt Ihr aber, was ihm Madame Blanchefleure gab?
Als er eintrat und ihr treuherzig sagte: Es war schön von Ihnen,
Gnädigste, daß Sie einem wildfremden armen Kerl Ihr gutes Herz
zuwandten, da betrachtete sie, indem an seiner Kleidung und Gestalt
wenig Erstaunliches war, sein Antlitz: er hatte unsere grauen, scharfen
Augen, ein schmales, ehrliches Gesicht, hohe Schläfen, Hagernase,
und nur die Jugend vermochte etwas Weichheit über diese unbequeme
Catohaftigkeit zu gießen. Vor allem aber hatte er jenes ruhige Zentrum
der Welt mitten in sich, welches den rechten Mann nicht einmal mit neun
Maß Wein schwanken läßt, -- nicht einmal im Verliebtsein, nicht einmal
im politischen Kampf gewaltiger Zeiten. Es ist wahr, er stand wie das
Symbol der Sicherheit vor ihr auf beiden gespreizten Beinen zugleich.
Alte Gewohnheit der Schweizer, vererbt durch vieles Raufen.
Sie aber sah sich dieses unendlich sichere Antlitz an und dachte bei
sich: Ich werde ihn dazu bringen, von mir zu sagen: _elle me fait
troubler_.
Das war der Standpunkt, von dem aus sie Männer behandelte.
„Aber hören Sie,“ begann sie verwundert. „Sie? Sie haben gesungen? Sie
sehen doch ganz anders aus.“
„Ich kann auch nicht singen. Ich wollte mich nur bei Ihnen bedanken.“
„Wie haben Sie dann Ihren _ranz de vache_ singen können?“
„Das war nur so -- von innen!“
„Aus Heimweh wohl?“
„Ich hatte nur daran gedacht, daß Appenzell besser sei als Paris.“
„Mein Gott, und Sie wollen fort von hier? Was haben wir Ihnen getan?
Es ist kränkend. Wir, wir lieben die Schweizer, sie sind uns wie ein
ehrlicher Spiegel, in dem wir uns sehen können, wie wir sind. O bitte,
sagen Sie mir eine Grobheit!“
„Ich kann nicht. Ich kenne Sie nicht näher.“
„O, so kennen Sie auch Paris nicht näher. Wie ist das nur möglich,
daß man Sie hier nicht geliebt hat? In Paris wird jedermann von irgend
jemand geliebt. Sogar die Soldaten haben ihre Mädchen. Wie konnte es
geschehen, daß unsere hübschen Kinder und nun gar unsere Frauen bei
Ihnen noch nicht für Paris gebeten haben? Sie mußten doch einen Schatz
haben? Oder mehrere? Zuviele wohl gar?“
Ach, mein guter Großvater hatte in Paris noch keinen Schatz, trotzdem,
daß er Sergeant war. Er hatte sich immer eine mit recht lichtem
Angesicht gewünscht und die gab es dort nicht; denn es mußte ein
einziger Sonnenschein sein. Die Augen der Pariserinnen sind zwinkernde
Sternlein bei Nacht über verstohlenen Gassenwinkeln; sie locken um die
Ecke. Mein Urahn Primus ging immer geradeaus.
Das sagte er ihr; freilich in der viel besseren Sprache, die mein
ehrlicher Urgroßvater sprach.
„Ja mein Gott,“ sagte Blanchefleure, „wie soll man's Ihnen recht
machen? Ich hätte es vielleicht versucht, aber ich bin verheiratet.“
Da hob der arme Primus seine verwunderten grauen Augen empor, um sich
einmal hinter all den erstaunlichen Dingen, Seide, Straußenfeder,
Reifrock und dem vergoldeten Schnörkelstuhl das Frauenzimmer anzusehen,
das dahinter steckte und also sprach. Und er schaute tief, ehrlich und
ahnungslos in ein zärtliches, leuchtendes Gesichtlein voll ungetrübter
Freude an der hübschen Opernszene, die es da hervorgeplaudert hatte.
Er wurde ganz traurig, daß sie schon verheiratet war. Denn sie war
wirklich ein einziger Sonnenschein.
„Sagen Sie denn gar nichts?“ bat Blanchefleure.
„Krüzigts Herrgöttli,“ staunte der arme Primus. „Die hättets just mit
mir versuchen wollen?“
„Wie?“ fragte sie belustigt.
Da sprach er wieder französisch. Sie möge keinen Spaß mit einem armen
Teufel machen.
„Aber nein,“ lachte sie. „Ich habe nur sagen wollen, daß es ein rechtes
Unglück mit uns beiden ist. Denken Sie sich, ich habe auch noch keinen
Geliebten und bin ganz so verlassen wie Sie.“
„Aber Sie haben doch den lustigen Marquis?“
„An den bin ich verheiratet worden,“ weinte sie beinahe, so sehr
glaubte sie selbst an ihr Unglück. „Ahnen Sie denn, Sie aus der
Schweiz, wo jeder nach dem Herzen wählen kann, was es heißt, als
savoyische Prinzessin mühsam, aber genau nach Taxwert losgeschlagen zu
werden?“
„Ei, ja;“ meinte Primus Thaller. „Bei uns in Appenzell gibt kein Bauer
von fünfzig Kühen seine Dirn einem schlechtern. Das ist Notwehr der
Familie.“
„Gegen wen denn?“
„Gegens Armwerden.“
„Sie sind wohl sehr arm?“
„Ich wäre sonst nicht zu den Soldaten gelaufen.“
Das war der Augenblick, wo das Marquiselein die Bitte vorbrachte, Herr
Primus möge ihr die Stallwirtschaft in La Réole nach Appenzeller Muster
einrichten.
Mein Großvater drehte den runden Hut in den Händen und kämpfte den
schwersten Kampf seines Lebens. Sein wackeres Schweizergemüt lag ganz
und gar in der Frage, wieviel Lohn er bekommen sollte. Zweimal setzte
er an, schaute in das Sonnengesichtlein und brachte die Geldfrage, die
einzig ehrliche in der Welt, nicht über die Lippen. Rundweg sagte er
zu.
Sogar die Schweizer Rechenkunst hatte er in dieser süßen Audienz
verlernt.
Er war in einer Viertelstunde verdorben worden, zu Paris, am 1. Mai des
Jahres 1789.
* * * * *
Es war ein Glück, daß er niemals nach La Réole kam. Dort wäre eine
stille Tragödie über ihn hinweggeschritten, an der niemand Freude
gehabt hätte, als Madame Blanchefleure.
Die abscheulich große Revolution verhinderte Madames reizenden kleinen
Plan.
Herr Marquis Massimel de la Réole de Courtroy genoß die chevalereske
Ehre, daß ihm unmittelbar nach Seiner bequemen Majestät der Kopf
abgeschlagen wurde, welcher Umstand ihn trotz aller Zweifel der Spötter
das Leben kostete, -- womit ein tiefer Beweis für die Gleichheit aller
Menschen erbracht war --: und das wollte die Revolution.
Madame Blanchefleure wurde trotz der süßesten Tränen mit hundert
Freunden und Freundinnen des goldenen Gnadenbrunnens von Versailles
zur Untersuchungshaft in die Keller des Temple eingeschlossen, wo
außer unglaublich zahlreicher Adelsgesellschaft das erfolgreichste
geistige Frankreich versammelt war: Professoren, Akademiker, Modemaler
und entzückende Dichter. Das erlesenste Frankreich. Ein Heer von guter
Geburt, von Karriere, gefährlicher Herrschaftskunde, aber auch (wenn
die Revolution Augen für so etwas gehabt hätte) eine Versammlung fast
sämtlichen in Frankreich zurzeit aufbringbaren Geistes, von Grazie,
Lebensart, feiner Liebenswürdigkeit und göttlicher Lebensüberlegenheit.
Es war ein leuchtender Sieg über den Nationalkonvent, wie man sich hier
unterhielt und wie man sterben ging. Da war Madame Blanchefleure nun
zu Hause wie ein Schmetterling, den man bloß aus kalter Wintersnot ins
Gewächshaus gebracht hätte. Sie war der Stolz, die Erhebung und das
Entzücken der gesamten Adelswelt, welche hier das Unglaubliche zuwege
brachte, mit graziöser Heiterkeit mutig zu sein, -- was sonst wenigen
gelingt. Der Todesmut verwandelt den gewöhnlichen Menschen immer gleich
in eine Tragödienfigur. Jene feinst konstruierten Leute aller Zeiten
aber blieben beim geliebten Lustspiel. Sie starben stilgerecht, _en
rococo_, wie sie gelebt.
Und nun mein Urahn Primus Thaller!
Der hatte seit jenem 1. Mai die kleine Blanchefleure mit ihrem
besonnten Blumenantlitz nicht vergessen können. Zuerst dachte
er, es sei Dankbarkeit und trug ihr Bild in sich herum, wie ein
selbstübertäuschter Mönch jenes der Himmelsjungfrau.
Die Revolution fegte mit dem impertinent heiteren Versailles und
dem Großadelsbesitz jede Hoffnung hinweg, in La Réole Milchmaier zu
werden; aber sie erinnerte sich des guten Bürgers Primus Thaller, der
beinahe den Tod durch die königlichen Kriegsartikel erlitten hätte.
So wurde er Offizier; Kapitän vom Fleck weg. Er kam in ein Regiment,
dessen gesamtes adeliges Korps zerstoben war und in dem an den
Offiziersstellen Branntweinschänker, Laufburschen oder sonst welche
Gamins, kurz die ganzen talentierten Nichtsnutzigkeiten festsaßen,
welche, durch die Revolution emporgewühlt, die großen Siege der
Republik erfochten.
Es behagte ihm nicht sehr, aber er verzehrte seine Gage und das gefiel
ihm. Immer aber gedachte er: wo mag die kleine Blanchefleure sein?
Da erfuhr er, daß man ihren Herrn Marquis-Gemahl geköpft habe und daß
die kleine Witwe im Temple vielleicht gar auf ein ähnliches Ende warte.
Ach, ging da ein Frühlingsausbruch von Freiheiten in seiner Brust
empor! Gleich wußte er jetzt, daß er verliebt war. Jetzt ist sie
Wittib, jetzt ist sie ärmer als eine Appenzeller Kuhdirn, jetzt kannst
du sie heiraten. Diese Logik stieß sich so überraschend in ihm empor,
wie ein Maulwurfshaufen in beruhigt summender Wiese.
Sein Bruder vom ehemaligen Regiment Prince d'Orléans hatte Wache im
Temple; zu dem lief er hin. „Du Quinteli! Ist bei euch nicht ein junges
Frauenzimmer eingesperrt, mit einem geblümten Seidenrock, so breit wie
ein Imblikorb, und drei Straußfedern in den Haaren?“
„Nein,“ sagte der Leutnant Quintus, früher Tambour. „So welche haben
wir nicht, sie müßte das Röckli am End ausgezogen haben. Wie heißt sie
denn?“
Da sagte Primus den Namen und Quintus ärgerte sich. „Dieselbe kenn
ich gar wohl“, schimpfte er. „Ein mudelsauberes Frauenzimmer, die mir
neulich gesagt hätt', die Amerikaner verstünden nichts von unseren
Feinheiten, und wie ich ihr unter das Kinn habe greifen wollen und
gemeint habe, wir verstünden doch ein bißchen davon, hat sie gesagt:
Der Mensch hat Augen, um sich zu freuen; selbst der Hund hat noch seine
Nase, ich sei noch viel weiter dahinter: ein grauslicher Schneck, wenn
ich überall nur gleich hintasten müsse, um was Hübsches zu begreifen.
Aus Amerika käme nichts Feines.“
Eben wurde ein Herr Vicque d'Azyr in den Temple gebracht. Ganz
nachdenklich hatte er sich von den Soldaten bis hierher führen lassen,
jetzt hörte er das Gespräch der beiden Brüder und sagte: „Das war
richtig und geht noch tiefer. Man kann herzlich diese französische
Revolution verachten, aber vor der amerikanischen, vernünftigen
Bürgerkälte darf man Angst haben. Ein feiner Instinkt könnte
prophezeien, meine Herren: Die Kultur Europas stirbt soeben an der
Vernunft der Vereinigten Staaten. Wir werden seit eurer mißglückten
Nachahmung eine geistige Kolonie Amerikas sein; nicht viel besser, als
Griechenland seit Mummius dem unfeinen Rom gehörte. Unsere Künstler
werden wie jene alten nur mehr zerbrochene, sehnsüchtige Flügel regen,
aber nichts wird ihnen mehr glücken. Die Amerikaner aber werden mit
heiliger Scheu die Ruinen unserer Kultur besuchen, die viel zu fein für
sie ist.