Cagliostro.“

* * * * *

Vierzehn Tage nachher war Graf Cagliostro mit seinem Neffen auf der

Flucht nach Italien, und in den Salons ging die Nachricht von der

Verlobung des Marquis von Chateauvert und der kleinen Clarisse de

Barrées umher und war so selbstverständlich und langweilig, daß man nur

mehr auf den nächsten Liebhaber der jungen Frau riet.

Mignard trat wieder in die Marine ein und besuchte Madame de

Chateauvert nur mehr in den Pausen zwischen zwei seiner Seereisen,

wodurch ein Verhältnis entstand, ein Verhältnis, welches auch nach

der Revolution durchaus nicht altmodisch gescholten wurde und welches

sowohl in jener flüchtigen und leichtfertigen Zeit, als auch in den

etwas kräftigeren Tagen, die ihr folgten, als das rührendste, schönste

und dauerhafteste in dem ganzen riesenhaften Dreieck zwischen Calais,

Toulon und Bordeaux galt. In dem Dreieck, dessen Schwerpunkt den Namen

Paris trägt. --

Die kleine Blanchefleure.

Mein Freund Fräneli Thaller aus Solothurn erzählte mir vor einem alten

Bilde:

„Vom Trödler Hirschl am Hafnersteg habe ich das Bild der kleinen

Marquise Blanchefleure gekauft, die mit dem größten Teile des

französischen Adels im Jahre 1792 taktlosen Angedenkens ihren reizenden

Kaprizenkopf verlor. Hier auf dem Bilde hat sie ihn noch; hat eine hohe

Frisur und hohe, drollige erstaunte Augenbrauen; -- wie mit Watteaus

Pinsel gezogen -- und ein belustigt schauendes Gesichtlein. Sie ist

reizend und ich sehne mich nach ihr.

Sie wissen noch nichts von der kleinen Marquise Blanchefleure, die in

allen Dingen recht hatte? Sie wissen noch nichts von der ridikülen

Leidenschaft meines Urgroßvaters, des Schweizers Thaller, dessen

Emailbild jetzt unter dem ihren hängt, und nichts von der Taktlosigkeit

der Jakobiner, dieser Menschen ohne Geschmack und Grazie! Nicht?

Nun, Marquise Blanchefleure hatte in allen Dingen recht. Sie hatte

recht, daß sie als Ducheßlein auf die Welt kam: entfernt savoyisches

Blut, also etwas weit hinten in der Rangliste von Versailles, aber doch

eine kleine Herzogin, welche dereinst des Königs lächelndsten Marquis

erhaschen würde. Sie hatte recht, daß sie ein besseres Wesen war, wie

alle übrigen Geschöpfe auf ihres Vaters Schloß, Dorf und Landschaft:

Musik- und Tanzlehrer, Verwalter, Bauer, Magd, Esel, Ochs, Knecht

und alles, was sein war. Sie hatte recht, von der tiefgedrückten Not

leibeigener Bauern zu leben. Denn sie lebte lächelnd und trällernd

und alle Welt verneigte sich tief vor ihr, ihrem Glanz und ihrer

Schönheit. Wie wenn der Wind über Kornfelder geht, so neigten sich

große Versammlungen voll Menschen vor ihr: _compliments en mille_.

Und sie hatte recht, den Marquis Massimel de la Réole de Courtroy zu

heiraten, über dessen Beschränktheit der Hof so sehr lachte, daß er

dem Könige unentbehrlich wurde und bei jedem Lever, zur Erzeugung guter

Morgenlaune, aufwarten mußte. Liebhaber wußte sie genug, aber Männer,

welche so reich waren, sich eine Blanchefleure mit allen ihren Wünschen

und Launen zu gönnen, davon gab es sehr wenige. So kam sie an den Hof

und auch da behielt sie, wie gewohnt, sogar vor dem Könige recht.

Ihre lächelnde Kommandogewalt zeigt am schönsten folgender Fall:

Man weiß, daß es in der französischen Armee verboten war, bei

Todesstrafe! -- in Schweizer Regimentern den Kuhreihen zu blasen oder

zu singen; weil dann die ungeschickten Kinder der deutschen Alpen

herdenweise davonliefen oder vor Heimweh starben.

Zu Straßburg auf der Schanz,

Da ging mein Trau'ren an ...

Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,

Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, --

Das ging nicht an.

Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in

Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden,

im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich

zum Ausgang in die Stadt rüsteten. Zugegangen war das auf solche

Weise: Er hatte von seinem, um sechs Jahre jüngeren Bruder Quintus,

Tambour beim Regiment „Prince d'Orléans“, einen Brief aus Amerika

erhalten, den Brief eines achtzehnjährigen Jungen, der von Lafayette,

Washington, Freiheit, Bürgertrotz und Bürgerstolz schrieb, so schön

und dumm und heilig, wie das überhaupt nur ein achtzehnjähriger Junge

zustande bringt. Der junge Quintus schrieb, daß die Regimenter der

Lilie heimkehren würden; über ihren Häuptern aber würden unsichtbar

feurige Zungen mitfahren, welche in Frankreich mit riesigem Loderbrande

emporflammen müßten; große Flammenzungen, große Worte:

Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!

Große Worte? Freiheit, Gleichheit? -- Da gedachte mein armer,

sehnsüchtiger Großvater, daß da und dort in seiner Heimat dergleichen

schon seit Jahrhunderten ohne große Worte zu Hause war ... in

Appenzell etwa, von wo er gekommen war, um Ehre und Geld zu verdienen.

Und er gedachte, daß man aus Amerika als gewaltig neue Sache die

Menschensatzung wie eine Welterstaunlichkeit über das Meer bringen

mußte, da sie doch zu Hause lange still und ganz vernünftlich ihr

verständiges Blütchen getrieben hatte. Es könnten sie doch nur jene

brauchen, denen sie eingewachsen war: stille Leute mit Schranken

ringsum. Das große Menschengesetz ist weder Rausch noch großer Jubilo:

es ist ein ehrlich kramendes Abwägen; es soll für die unendliche

Menge sein, die Fleisch, Brot, Zimmer, Kammer und Küche, ein bißchen

Sonne und ein bißchen Grünzeug, aber viel Arbeit braucht, damit die

Mordbestie gut und tüchtig schlafe.

Warum diese Genies ihre Gesetze nur immer wieder für Genies machen?

In Appenzell zu Hause hatten sie schon lange das, wovon in Paris erst

jetzt scheuheimlich geraunt wurde. Er dachte an seine bedächtigen

Onkel, an ihre Kühe und Kälber, an ihre Felder und Alpen. Es ist doch

der Menschheit naturangemessenes Paradies, meine liebe Schwyz, hatte

der Sergeant gedacht -- -- -- und, ganz in tiefen Gedanken verloren,

den Kuhreihen gesungen.

Da war es aus und geschehen.

Denn die amerikanische Kunde hatte viel ärger in den Herzen gehauset,

als mein braver Urgroßvater Primus -- vorn Ehrlichkeit und hinten Zopf

-- sich geträumt, und wenn's nicht schlimmere Leute getan hätten,

so hätte die Pariser weibliche Dienstbotenschaft allein schon ihre

Liebschaft aus der Schweizer Kaserne verdorben. Die Dienstbotenschaft

war ein gutes Teil der großen Hefe, durch welche die große Revolution

gärte.

Die Disziplin hatte längst schon gelitten. Es waren Landsknechtsnaturen

im Regiment und ein Dutzend davon fielen in das sehnsuchtsvolle Piano

meines Urgroßvaters mit trotzigen Kräften ein, so daß der Kuhreihen

weithin erscholl. Es hatte ihn schon seit Jahrzehnten keiner mehr

gesungen und war also auch keiner bestraft worden. Nun aber war

er ganz anders erklungen als ehedem. Nicht als der große Reißaus!

Nicht als das allmächtige Heimweh! Nein, bloß als Trutzlied auf ein

zopfiges Verbot. Sie jubelten und jauchzten den Kuhreihen, sie ahmten

das Almhorn durch Nase und Kehle nach und hatten großen Jux: zehn

oder zwölfe. Aber obgleich mein Großvater davongeschlichen war, als

er sah, daß man ihm die Stimmung verdarb, und obgleich nur ein paar

dumme Unterwaldner, Schwyzer und Appenzeller Kühbuben Heimweh davon

bekamen und desertierten, -- er war doch der erste gewesen und mußte

als dreizehnter gelten. Man sperrte ihn ein; nach dem Gesetz war er dem

Tode verfallen.

Nun war die Todesstrafe so ziemlich das einzige, was den entferntesten

Untertan sogleich und direktement mit dem Könige verband -- -- ich weiß

nicht recht, ob es heute nicht am Ende in euern Monarchien auch so ist?

Der König sollte das seltsame, veraltete, kriegsrechtliche Urteil

bestätigen. Er war dick, behäbig und ehrlich und dachte bei einer

der nachdenklichen Handlungen, welche zum _lever_ gehörten, ernsthaft

über das Schicksal meines Urgroßvaters Primus nach. Als ihm dabei der

Marquis Massimel de la Réole de Courtroy glückselig lächelnd nahe kam,

fragte er ihn ziemlich einsilbig: Was soll man nun mit diesem Primus

machen? Hat eine alte Vieherei (_bêtise_) neu zur Mode gebracht ...

Der Marquis wußte gar nicht, worum es sich handelte, sagte also

geistesschnell: Wollen Sire mir, da es sich um Modesachen handelt,

gestatten, meine Frau zu befragen?

Der ganze Hof lachte und Seine bequeme Majestät lächelte; sie hatte

Aufschub, daher war es ihr genehm und so wurde das Schicksal meines

Urgroßvaters in die reizenden Hände der Marquise Blanchefleure

gelegt, welche zur gleichen Zeit an der Morgenhaube Marie Antoinettes

nestelten. Das Lever der entzückend leichtfertigen Königin begann eine

ganze Stunde später, aber der Marquis wurde als Mann seiner Frau und

Bote des Königs sogleich vorgelassen. Er hatte sich inzwischen über den

Fall Primus Thaller orientiert und trug ihn den beiden Damen vor.

Madame Blanchefleure klatschte entzückt in die Hände. Ein Schweizer!

Wie reizend! Ich erbitte ihn mir von der schönen Majestät Frankreichs,

damit er mir auf meinem Gut in La Réole eine Alpe mit scheckigen Kühen

herrichtet.

Die Königin lachte und sagte zu.

„Er wird echte Kuhglocken besorgen müssen und einen grauen Tuchrock

mit roter Weste, blauen Strümpfen, Schäferhut und himmelblauen Bändern

tragen müssen. Im Juni besucht unsere königliche Majestät unser Gut

und da wird er uns auf einer reizenden Alpe, die wir inzwischen erbaut

haben werden, den fatalen Kuhreihen zu aller Vergnügen vorsingen

müssen. Nicht wahr, schöne Majestät?“

Wieder lachte die fröhliche, leichtsinnige Königin, stimmte zu und der

König begnadigte meinen Urgroßvater mit aller Gravität, welche zu einer

so erfreulichen Angelegenheit von Gerichts wegen gehört.

Dann hatte Herr Primus Audienz bei Madame Blanchefleure, um sich für

Leben und Freiheit zu bedanken.

Zum Soldaten hatte er sich unbrauchbar erwiesen, der Verführer aus

spießbürgerlicher Sehnsucht; er war ausgestoßen worden und kam schon in

appenzellerisch angehauchtem Bürgerkleide mit rundem Hut zu ihr. Madame

Blanchefleure hatte vor Neugierde und Aufregung über die Sensation

kalte Hände und heiße Wangen bekommen. Als das erbärmlich schlichte,

graue Ereignis in Gestalt des armen Jungen eingelassen wurde, stand

ihr der Atem still. Sie hatte sich, weiß Gott was für einen Gewaltigen

vorgestellt, einen Aufrührer und Verführer des Volkes, dem die Rede

in Flammenströmen aus dem Munde fuhr, und nun kam ein Gesetzbuch

bürgerlicher Rechte herein: brav, still und ehrlich, ein rechter: Gib

mir das, so hast du das.

Ahnt Ihr aber, was ihm Madame Blanchefleure gab?

Als er eintrat und ihr treuherzig sagte: Es war schön von Ihnen,

Gnädigste, daß Sie einem wildfremden armen Kerl Ihr gutes Herz

zuwandten, da betrachtete sie, indem an seiner Kleidung und Gestalt

wenig Erstaunliches war, sein Antlitz: er hatte unsere grauen, scharfen

Augen, ein schmales, ehrliches Gesicht, hohe Schläfen, Hagernase,

und nur die Jugend vermochte etwas Weichheit über diese unbequeme

Catohaftigkeit zu gießen. Vor allem aber hatte er jenes ruhige Zentrum

der Welt mitten in sich, welches den rechten Mann nicht einmal mit neun

Maß Wein schwanken läßt, -- nicht einmal im Verliebtsein, nicht einmal

im politischen Kampf gewaltiger Zeiten. Es ist wahr, er stand wie das

Symbol der Sicherheit vor ihr auf beiden gespreizten Beinen zugleich.

Alte Gewohnheit der Schweizer, vererbt durch vieles Raufen.

Sie aber sah sich dieses unendlich sichere Antlitz an und dachte bei

sich: Ich werde ihn dazu bringen, von mir zu sagen: _elle me fait

troubler_.

Das war der Standpunkt, von dem aus sie Männer behandelte.

„Aber hören Sie,“ begann sie verwundert. „Sie? Sie haben gesungen? Sie

sehen doch ganz anders aus.“

„Ich kann auch nicht singen. Ich wollte mich nur bei Ihnen bedanken.“

„Wie haben Sie dann Ihren _ranz de vache_ singen können?“

„Das war nur so -- von innen!“

„Aus Heimweh wohl?“

„Ich hatte nur daran gedacht, daß Appenzell besser sei als Paris.“

„Mein Gott, und Sie wollen fort von hier? Was haben wir Ihnen getan?

Es ist kränkend. Wir, wir lieben die Schweizer, sie sind uns wie ein

ehrlicher Spiegel, in dem wir uns sehen können, wie wir sind. O bitte,

sagen Sie mir eine Grobheit!“

„Ich kann nicht. Ich kenne Sie nicht näher.“

„O, so kennen Sie auch Paris nicht näher. Wie ist das nur möglich,

daß man Sie hier nicht geliebt hat? In Paris wird jedermann von irgend

jemand geliebt. Sogar die Soldaten haben ihre Mädchen. Wie konnte es

geschehen, daß unsere hübschen Kinder und nun gar unsere Frauen bei

Ihnen noch nicht für Paris gebeten haben? Sie mußten doch einen Schatz

haben? Oder mehrere? Zuviele wohl gar?“

Ach, mein guter Großvater hatte in Paris noch keinen Schatz, trotzdem,

daß er Sergeant war. Er hatte sich immer eine mit recht lichtem

Angesicht gewünscht und die gab es dort nicht; denn es mußte ein

einziger Sonnenschein sein. Die Augen der Pariserinnen sind zwinkernde

Sternlein bei Nacht über verstohlenen Gassenwinkeln; sie locken um die

Ecke. Mein Urahn Primus ging immer geradeaus.

Das sagte er ihr; freilich in der viel besseren Sprache, die mein

ehrlicher Urgroßvater sprach.

„Ja mein Gott,“ sagte Blanchefleure, „wie soll man's Ihnen recht

machen? Ich hätte es vielleicht versucht, aber ich bin verheiratet.“

Da hob der arme Primus seine verwunderten grauen Augen empor, um sich

einmal hinter all den erstaunlichen Dingen, Seide, Straußenfeder,

Reifrock und dem vergoldeten Schnörkelstuhl das Frauenzimmer anzusehen,

das dahinter steckte und also sprach. Und er schaute tief, ehrlich und

ahnungslos in ein zärtliches, leuchtendes Gesichtlein voll ungetrübter

Freude an der hübschen Opernszene, die es da hervorgeplaudert hatte.

Er wurde ganz traurig, daß sie schon verheiratet war. Denn sie war

wirklich ein einziger Sonnenschein.

„Sagen Sie denn gar nichts?“ bat Blanchefleure.

„Krüzigts Herrgöttli,“ staunte der arme Primus. „Die hättets just mit

mir versuchen wollen?“

„Wie?“ fragte sie belustigt.

Da sprach er wieder französisch. Sie möge keinen Spaß mit einem armen

Teufel machen.

„Aber nein,“ lachte sie. „Ich habe nur sagen wollen, daß es ein rechtes

Unglück mit uns beiden ist. Denken Sie sich, ich habe auch noch keinen

Geliebten und bin ganz so verlassen wie Sie.“

„Aber Sie haben doch den lustigen Marquis?“

„An den bin ich verheiratet worden,“ weinte sie beinahe, so sehr

glaubte sie selbst an ihr Unglück. „Ahnen Sie denn, Sie aus der

Schweiz, wo jeder nach dem Herzen wählen kann, was es heißt, als

savoyische Prinzessin mühsam, aber genau nach Taxwert losgeschlagen zu

werden?“

„Ei, ja;“ meinte Primus Thaller. „Bei uns in Appenzell gibt kein Bauer

von fünfzig Kühen seine Dirn einem schlechtern. Das ist Notwehr der

Familie.“

„Gegen wen denn?“

„Gegens Armwerden.“

„Sie sind wohl sehr arm?“

„Ich wäre sonst nicht zu den Soldaten gelaufen.“

Das war der Augenblick, wo das Marquiselein die Bitte vorbrachte, Herr

Primus möge ihr die Stallwirtschaft in La Réole nach Appenzeller Muster

einrichten.

Mein Großvater drehte den runden Hut in den Händen und kämpfte den

schwersten Kampf seines Lebens. Sein wackeres Schweizergemüt lag ganz

und gar in der Frage, wieviel Lohn er bekommen sollte. Zweimal setzte

er an, schaute in das Sonnengesichtlein und brachte die Geldfrage, die

einzig ehrliche in der Welt, nicht über die Lippen. Rundweg sagte er

zu.

Sogar die Schweizer Rechenkunst hatte er in dieser süßen Audienz

verlernt.

Er war in einer Viertelstunde verdorben worden, zu Paris, am 1. Mai des

Jahres 1789.

* * * * *

Es war ein Glück, daß er niemals nach La Réole kam. Dort wäre eine

stille Tragödie über ihn hinweggeschritten, an der niemand Freude

gehabt hätte, als Madame Blanchefleure.

Die abscheulich große Revolution verhinderte Madames reizenden kleinen

Plan.

Herr Marquis Massimel de la Réole de Courtroy genoß die chevalereske

Ehre, daß ihm unmittelbar nach Seiner bequemen Majestät der Kopf

abgeschlagen wurde, welcher Umstand ihn trotz aller Zweifel der Spötter

das Leben kostete, -- womit ein tiefer Beweis für die Gleichheit aller

Menschen erbracht war --: und das wollte die Revolution.

Madame Blanchefleure wurde trotz der süßesten Tränen mit hundert

Freunden und Freundinnen des goldenen Gnadenbrunnens von Versailles

zur Untersuchungshaft in die Keller des Temple eingeschlossen, wo

außer unglaublich zahlreicher Adelsgesellschaft das erfolgreichste

geistige Frankreich versammelt war: Professoren, Akademiker, Modemaler

und entzückende Dichter. Das erlesenste Frankreich. Ein Heer von guter

Geburt, von Karriere, gefährlicher Herrschaftskunde, aber auch (wenn

die Revolution Augen für so etwas gehabt hätte) eine Versammlung fast

sämtlichen in Frankreich zurzeit aufbringbaren Geistes, von Grazie,

Lebensart, feiner Liebenswürdigkeit und göttlicher Lebensüberlegenheit.

Es war ein leuchtender Sieg über den Nationalkonvent, wie man sich hier

unterhielt und wie man sterben ging. Da war Madame Blanchefleure nun

zu Hause wie ein Schmetterling, den man bloß aus kalter Wintersnot ins

Gewächshaus gebracht hätte. Sie war der Stolz, die Erhebung und das

Entzücken der gesamten Adelswelt, welche hier das Unglaubliche zuwege

brachte, mit graziöser Heiterkeit mutig zu sein, -- was sonst wenigen

gelingt. Der Todesmut verwandelt den gewöhnlichen Menschen immer gleich

in eine Tragödienfigur. Jene feinst konstruierten Leute aller Zeiten

aber blieben beim geliebten Lustspiel. Sie starben stilgerecht, _en

rococo_, wie sie gelebt.

Und nun mein Urahn Primus Thaller!

Der hatte seit jenem 1. Mai die kleine Blanchefleure mit ihrem

besonnten Blumenantlitz nicht vergessen können. Zuerst dachte

er, es sei Dankbarkeit und trug ihr Bild in sich herum, wie ein

selbstübertäuschter Mönch jenes der Himmelsjungfrau.

Die Revolution fegte mit dem impertinent heiteren Versailles und

dem Großadelsbesitz jede Hoffnung hinweg, in La Réole Milchmaier zu

werden; aber sie erinnerte sich des guten Bürgers Primus Thaller, der

beinahe den Tod durch die königlichen Kriegsartikel erlitten hätte.

So wurde er Offizier; Kapitän vom Fleck weg. Er kam in ein Regiment,

dessen gesamtes adeliges Korps zerstoben war und in dem an den

Offiziersstellen Branntweinschänker, Laufburschen oder sonst welche

Gamins, kurz die ganzen talentierten Nichtsnutzigkeiten festsaßen,

welche, durch die Revolution emporgewühlt, die großen Siege der

Republik erfochten.

Es behagte ihm nicht sehr, aber er verzehrte seine Gage und das gefiel

ihm. Immer aber gedachte er: wo mag die kleine Blanchefleure sein?

Da erfuhr er, daß man ihren Herrn Marquis-Gemahl geköpft habe und daß

die kleine Witwe im Temple vielleicht gar auf ein ähnliches Ende warte.

Ach, ging da ein Frühlingsausbruch von Freiheiten in seiner Brust

empor! Gleich wußte er jetzt, daß er verliebt war. Jetzt ist sie

Wittib, jetzt ist sie ärmer als eine Appenzeller Kuhdirn, jetzt kannst

du sie heiraten. Diese Logik stieß sich so überraschend in ihm empor,

wie ein Maulwurfshaufen in beruhigt summender Wiese.

Sein Bruder vom ehemaligen Regiment Prince d'Orléans hatte Wache im

Temple; zu dem lief er hin. „Du Quinteli! Ist bei euch nicht ein junges

Frauenzimmer eingesperrt, mit einem geblümten Seidenrock, so breit wie

ein Imblikorb, und drei Straußfedern in den Haaren?“

„Nein,“ sagte der Leutnant Quintus, früher Tambour. „So welche haben

wir nicht, sie müßte das Röckli am End ausgezogen haben. Wie heißt sie

denn?“

Da sagte Primus den Namen und Quintus ärgerte sich. „Dieselbe kenn

ich gar wohl“, schimpfte er. „Ein mudelsauberes Frauenzimmer, die mir

neulich gesagt hätt', die Amerikaner verstünden nichts von unseren

Feinheiten, und wie ich ihr unter das Kinn habe greifen wollen und

gemeint habe, wir verstünden doch ein bißchen davon, hat sie gesagt:

Der Mensch hat Augen, um sich zu freuen; selbst der Hund hat noch seine

Nase, ich sei noch viel weiter dahinter: ein grauslicher Schneck, wenn

ich überall nur gleich hintasten müsse, um was Hübsches zu begreifen.

Aus Amerika käme nichts Feines.“

Eben wurde ein Herr Vicque d'Azyr in den Temple gebracht. Ganz

nachdenklich hatte er sich von den Soldaten bis hierher führen lassen,

jetzt hörte er das Gespräch der beiden Brüder und sagte: „Das war

richtig und geht noch tiefer. Man kann herzlich diese französische

Revolution verachten, aber vor der amerikanischen, vernünftigen

Bürgerkälte darf man Angst haben. Ein feiner Instinkt könnte

prophezeien, meine Herren: Die Kultur Europas stirbt soeben an der

Vernunft der Vereinigten Staaten. Wir werden seit eurer mißglückten

Nachahmung eine geistige Kolonie Amerikas sein; nicht viel besser, als

Griechenland seit Mummius dem unfeinen Rom gehörte. Unsere Künstler

werden wie jene alten nur mehr zerbrochene, sehnsüchtige Flügel regen,

aber nichts wird ihnen mehr glücken. Die Amerikaner aber werden mit

heiliger Scheu die Ruinen unserer Kultur besuchen, die viel zu fein für

sie ist.

Vom sterbenden Rokoko · 第 16 / 25 题