Und er sagte aufatmend: „Der Liebestrank.“

„Ah,“ freute sich das ganze Menschenblumenbeet und vibrierte vor lauter

Ereignisschauern.

„Wünschen Sie ein Experiment?“ gab ihm Cagliostro freundlich vor.

„Ja, ja!“ rief die entfachte Begeisterung der jungen Damen. Denn die

standen schon alle auf den Sesseln.

Welcher französische Akademiker widerstände dem hüpfenden Zurufe junger

Mädchen? „Ja,“ sagte also Herr Mignard. Und als die ganze Gesellschaft

Beifall klatschte, lächelte sogar Mignards Sohn, Olivier, ein junger

Marineoffizier, und kam freundlich näher heran.

„Recht streng, nicht wahr,“ fragte Cagliostro weiter.

Professor Mignard aber blieb Akademiker. Er sagte: „Streng wollen Sie?

Da bitte ich doch diese erlauchte Versammlung, zwei Objekte für das

Experiment des Liebestrankes zu wählen. Das wird Ihnen Ihre Aufgabe

sauer genug machen. Nebstbei frage ich, ob Sie der Akademie Kaution

erlegen wollen für den Fall, daß einer der sich zum Experiment bereit

erklärenden Teile an seiner Gesundheit Schaden litte?“

„Aber ja,“ lächelte Cagliostro, überlegte einen Augenblick, griff dann

in die Tasche und zog eine dicke Handvoll blendend schöner Brillanten

hervor, bei deren Anblick alles ergriffen stilleschwieg. Es mochte eine

kleine Million sein, die der rätselhafte Graf da nur so aus der Tasche

zog.

„Bitte, prüfen Sie, ob sie echt sind,“ sagte Cagliostro gleichgültig

und legte die Steine vor Mignard hin. Der Gelehrte hatte einen Rubin am

Finger, und an dem führte er mißtrauisch einen der Steine Cagliostros

ritzend entlang.

„O weh,“ rief er. Der Rubin hatte einen tüchtigen Riß weg, und

Cagliostro sah ihn strafend an. „Graf Barrées,“ bat er dann ruhig:

„Nähmen Sie diese Diamanten für die Akademie der Wissenschaften in

Verwahrung, bis ich rehabilitiert bin?“

Barrées kam langsam herbei. Es waren Steine von solcher Schönheit, daß

sogar er sie mit Ehrfurcht in Empfang nahm.

Das Parterre, das Cagliostro sich damit gebildet hatte, war präpariert.

Alle Haare sträubten sich vor Erregung.

Cagliostro war zufrieden. Kardinal Rohan hatte einem wucherischen

Juwelier die Diamanten zu einem verliebten Geschenk für die Königin

abgepumpt. Dem Kardinal wieder hatte eine Schwindlerin das herrliche

Halsband herausgelockt; ihr aber hatte es der Meister allen Betruges,

Cagliostro, abgegaukelt. Nun begann aber die Geschichte zum Himmel zu

stinken und Cagliostro war sehr froh, die aus ihren Fassungen gelösten

Steine beim Grafen Barrées hinterlegen zu dürfen. Hier suchte und

forderte sie niemand.

„Ich bitte Sie, Mesdames und Messieurs, Ihre Opfer zu wählen,“ sagte

Cagliostro so kalt, daß den galanten Gesellschaften ein Grausen über

den Rücken lief, denn Liebe als chemisches Experiment behandeln, hieß

sogar mit der Frivolität frivol umgehen. Das war stark; wirklich. Aber

es war eine aufregende Neuigkeit. Man war zum erstenmal seit seiner

Jugend in bänglichster Spannung.

Nun erstiegen auch die ersten Herren in den hintersten Reihen die

Stühle.

„Wie wär's mit dir, Clarisse?“ fragte der verwitwete Barrées seine

Tochter, und begeisterter Applaus lohnte dem kühnen Hausherrn.

„Oho; nein, ich danke!“ rief das Mädchen und hob abwehrend die Hand.

„Meine Tochter ist nämlich Künstlerin und will nichts anderes bleiben,

als Künstlerin. Sie singt eine prächtige Koloratur und glaubt durch

eine Heirat daran Schaden zu leiden. Sie kann nicht lieben. Bester

Herr Graf, wenn Sie sie etwa in irgendeinen jungen Adeligen von

guter Familie verliebt machen könnten, -- ich wäre Ihnen höchlich

verpflichtet.“

All das wurde gesprochen in jenem Tone, der aus Spaß und Ernst

gemischt war und aus dem nur ein Weltmann die Ingredienzien zu scheiden

vermochte.

„Ist solch ein junger Edelmann hier?“ fragte Cagliostro ruhig dagegen;

und wirklich verhinderte er damit den angeerbt taktvollen Barrées,

einen Mann seiner Wünsche zu nennen.

„Aber Herr Graf und Sie, Komtesse! Glauben Sie denn, er brächte es

fertig, mit sehenden Augen anzustiften, was sogar der Gott der klugen

Griechen nur mit verbundenen Augen vermochte?“ flüsterte der gereizte

Akademiker Mignard dem Gastgeber und seiner Tochter zu. „Herr Graf,

sind Sie noch der alte Freigeist? Und Sie, Komtesse, fürchten sich vor

einem Glase Kognak und etwas Hokuspokus? Habe ich Ihnen umsonst die

chemische Analyse seines Liebestrankes mitgeteilt?“

„Gut,“ sagte das mutige Mädchen beruhigt, „ich gebe mich zu dem

Experiment her.“

Es trat ein Augenblick der Ruhe ein. Alles hatte vernommen, um welchen

Preis der Kampf gehen sollte; es war wirklich viel. Sehr viel: für

Cagliostro, für Mignard, für Barrées und die Komtesse.

„Sie gäben sich her, mit wem immer die Gesellschaft Sie

zusammenbestimmte?“ fragte Cagliostro noch einmal in mitleidvoller

Warnung.

Dem Mädchen kam ein wenig die Angst. Aber lieben ist immer schön. „Mit

wem immer,“ lächelte sie großartig.

„Aber das ist ja frivol,“ rief halblaut der erzürnte Schiffsleutnant

Olivier.

„Wer ist der junge Offizier,“ fragte Cagliostro leise seinen Gastherrn.

„Der Sohn Mignards,“ lächelte dieser.

„Der junge Mignard: ah, das ist gut!“ rief Cagliostro, als sagte er

dies zu sich selbst.

Und wirklich; die ganze Gesellschaft wiederholte begeistert sein

hypnotisches Wort wie ein Orakel: „Der junge Mignard! Der junge

Mignard!“

Vater Mignard erbleichte, Barrées lachte laut auf, die Prinzessin warf

in trotzigem Übermut den Kopf zurück und Olivier schrie: „Das verbiete

ich mir!“

Aber die Gäste waren berauscht, als hätten sie Blut getrunken und

jubelten immerzu: „Der junge Mignard und Clarisse! Wir wollen keine

andern!“

Es war unwiderstehlich.

„Ja aber,“ sagte Clarisse ängstlich, „ich habe mir Herrn Olivier noch

gar nicht so genau angesehen.“

„Um so besser,“ lachten die Damen und klatschten in die Hände.

„Sie werden den Liebestrank vor unseren Augen bereiten?“ fragte der

starke Herr von Ehrenbreitenstein mit der gelähmten Schulter.

„Ja,“ erwiderte Cagliostro gleichgültig. Er hatte schon aus seinen

Taschen einige kleine Phiolen gezogen und damit zu arbeiten begonnen.

„Ein Glas Madeira,“ winkte er einem Bedienten.

Es wurde sehr still. Die Scherze zweier Gamins kitzelten niemand; da

wurde selbst jenen bang, die sonst die Fahnenschwinger des Gelächters

waren.

Cagliostro war rasch fertig. Er hatte eine grüne, eine rote, eine

braune Mixtur in je ein Gläschen getan, dann goß er alle drei mit

dem Madeirawein zusammen und wartete einige Sekunden, indem er kühl

und hart vor sich hinblickte. Dann teilte er den Trank, scheinbar

zerstreut, ungenau und gleichgültig in zwei andere Gläschen.

„Ich bitte rasch zu trinken; wo sind meine jungen Herrschaften?“

Clarisse kam zuerst heran. Sie war hübsch, nur etwas mager, und ihre

Nase war lang, die Figur beweglich, das Gesichtlein hatte traurige

Augen, die jetzt sehr ängstlich aussahen. Sie kostete und hustete.

„Hinunter!“ rief Cagliostro grob. Da erbleichte sie und wollte nicht

mehr.

„Trinken Sie,“ grollte er sie an. „Mignard bewies Ihnen ja die

Ungefährlichkeit in der chemischen Analyse.“

Da trank sie das Ganze gehorsam und erschrocken hinunter.

„Woher wissen Sie das von der chemischen Analyse,“ fragte das arme

Mädchen dann nach einer ganzen Schreckenspause, während derer ihm das

starke Getränk wie Feuer im Magen wühlte.

„Aus meinem Brennspiegel. Wo ist Herr Leutnant zur See, Olivier

Mignard?“

Mignard trat in prachtvoller Haltung vor und erhielt Applaus. Er

schlug den Zopf nach der Schulter wie eine Peitsche, als er rechts zur

Gesellschaft hinüber sah und warf sich dann ganz wie ein Soldat ins

Feuer: nach außen Entschlossenheit, Kraft und Halbgötterei, und innen

windet sich angstvoll das Würmlein Menschenschwäche zurück. Für seinen

Vater tat er alles. Messieurs und Mesdames waren aber auch hingerissen

und entzückt über das hübsche Opfertier und sehr neugierig.

Als er jedoch Clarisse ansah, die ihm etwas verlegen, etwas kläglich

und etwas empört entgegenblickte, da ward der Franzose in ihm stärker

als der Sohn, oder vielmehr schwächer.

Sie war so rührend, so adelig, der Kopf saß so hingegeben unter der

großen Last der Haartracht auf dem schlanken Halse; und er, er war

gekommen, um öffentlich darzutun, daß er dieses entzückende Geschöpf

nie und nimmermehr lieben wolle. Taktlos und vermessen!

„Madame,“ sagte er und stolperte mit seiner Rede sehr: „Nicht, weil es

Ihrem Reiz nicht gelingen könnte, mein Herz nicht klein und schwach zu

machen“ --

Clarisse lächelte ein wenig, wandte sich aber in kokettem Trotze von

ihm fort und wandte sich zum Gehen.

„-- oh Madame,“ vollendete der geängstigte Schiffsleutnant seine Rede,

indem er ihr nachsah; „das ist außer allem Zweifel, daß ich nicht Ihnen

widerstehen möchte; nur diesem Herrn hier --“

„Also trinken Sie,“ sagte Cagliostro mit kühlem Lächeln.

Da hob Olivier das Glas und rettete das Gehaben eines Seemanns, der

sich Trost gegen einen scharfen Nordnordwest zuführt, in diese bange

Stunde. Cagliostro hatte ihm viermal soviel zugedacht, als dem Mädchen.

Er aber setzte an: ein Schluck, ein Druck und ihm war wohl und warm im

Leibe.

„Ausgezeichnet,“ sagte er unwillkürlich.

Die Herren riefen dieser natürlichen Trinkermanier Beifall zu, die

Damen aber waren etwas gereizt; -- wie stets, wenn einer nicht recht

lieben will. Ja, eine alte, sonst heitere Stiftsdame nahm das Wort und

wandte sich ungeduldig an Herrn von Cagliostro: „Wie lange, mein Graf,

wird es nun wohl dauern, bis dieser junge Atheist seine Strafe für die

Vermessenheit, ein so entzückendes Geschöpf verschmähen zu wollen, in

seinem Herzen aufsteigen fühlen wird!?“

Mignard erschrak über den Unwillen der alten Dame, Cagliostro aber

räumte die Phiolen zusammen und übergab sie seinem Neffen. „Das ist,“

sagte er, „je nach der Anlage eines Menschen. Ich bedaure, daß Herr

Mignard Offizier zur See ist. Man ist als solcher schon gegen ein

bloßes Frauenlächeln schwach und hat in den Häfen einen Heidenrespekt

gegen die dort gänzlich fehlende Frauenreinheit und Feinheit erworben.

Ich hoffe übrigens, daß Herr Leutnant nicht kürzlich von einer langen

Seereise zurückgekehrt sind.“ Er schmunzelte diabolisch. „Sechs oder

sieben Monate ungebrochener Einatmung von Salzwasserluft, sowie die

lange Gewöhnung des Auges an nichts als Himmel und Meer ergeben eine

ungemein starke chemische Affinität zu meiner Mixtur. -- Ja. -- Aber

Herr Mignard, als Sohn, wird sich heldenmütig wehren.“

„Ach, und die Komtesse ist schon geflüchtet?“ rief ein junger Herr.

„O nein,“ erklang Clarisses Stimme aus einem Winkel. Sie hatte sich von

dort, sehr gereizt, den jungen, trotzig-schönen Soldaten angesehen,

der sie durchaus nicht lieben wollte. Sie hoffte, Olivier würde

sich wenigstens zu ihr begeben und ihr den ganzen Abend Gesellschaft

leisten, um den andern zu beweisen, daß er das Fluidum Cagliostros

verachte. Dann würde sie ihn zu strafen wissen.

Aber, ach nein, Herr Mignard vermied sie und sah nur sehr selten mit

schnellen, verbotenen Blicken nach ihr, als ob er stehlen wollte.

„Na wart',“ dachte sie. Sie war schwer gekränkt.

Kein Mensch hatte eine Ahnung, wie wunderbar singen sie gelernt

hatte. Trotz aller Eitelkeit hatte sie es verborgen, daß sie bei dem

ausgezeichneten Maestro Primavesi Singstunden nahm. Sie gedachte am

Hofe des Königs zum ersten Male hervorzutreten, als die vom Himmel

gefallene Meisterin. Aber nun hielt sie es nicht mehr aus. Man

verachtete sie, man beleidigte sie, man vermaß sich, sie samt einem

Zaubertrank im Leibe nicht reizend zu finden. Weil sie noch schlank

war? Weil ihre Nase nicht stumpf und rund war? Oh!

Bei Tische krampfte sie Tränen hinunter. Der junge Mignard saß

neben einer Frau, deren Kehle, Schultern und Brust sich herrlich

ausbreiteten, wie blühender Speck. Diese schöne, umfangreiche Dame war

eine Freundin von Oliviers Mutter, und Clarisse ahnte, daß sie mit den

Herren der _Academie française_ verschworen sein könnte, und von ihrem

ironischen Papa nur eingeladen war, um diesen ahnungslosen Leutnant

zur See gegen den Liebestrank zu immunisieren, ja wohl gar, ihn zu

verführen. Sie sah gar nicht hinüber, aber sie verachtete die ganze

Akademie in dieser Frau.

Ein Glück, daß Meister Primavesi neben ihr saß, der ihr seit einem

halben Jahr an jedem großen Gesellschaftsabend zuraunte: „Ach, nur eine

Generalprobe, Contessa; nur ein Pröbchen Ihrer liebenswürdigen Kunst

und meiner Schule. Ich hätte einige hoffnungsvolle Damen hier, die

unfehlbar meine Elevinnen würden, wenn sie Sie hörten.“

Heute entschloß sich Clarisse. „Gut,“ sagte sie. „Wenn Sie es geschickt

machen, daß man mich bittet, liebster Meister, so gebe ich Ihnen nach.“

Der Maestro wäre kein Italiener gewesen, wenn er nicht Komödie zu

spielen verstanden hätte. Als er nach aufgehobener Tafel ans Klavier

gebeten ward, schlug er vor, daß Signorina Ravolini singen dürfe.

„Die Ravolini,“ riefen alle Herrschaften begeistert, denn das war eine

beliebte junge Sängerin der heurigen Stagione. Aber die Ravolini war

gar nicht da und Barrées gestand bedauernd, daß er sich nicht erinnere,

sie eingeladen zu haben.

„Ach, wenn doch endlich Ihre Tochter, als meine beste Schülerin, die

Güte haben wollte, zu beweisen, daß ich Lehrer zu sein vermag,“ flehte

der Maestro den Gastherrn an.

Da stand, von der Begeisterung der gesamten Gesellschaft geschoben,

gezerrt, gehoben und von den Damen förmlich Schritt für Schritt nach

vorne geküßt, sehr bald Clarisse auf der Estrade.

Und sie sang. Sie sang die kleinen, altmodischen Hirtenlieder der

trefflichen italienischen Singspielkomponisten, die alle gleich

liebenswürdig, gleich talentvoll und gleich leuchtend waren und das

liebe achtzehnte Jahrhundert mit den entzückendsten musikalischen

Schelmereien versorgten. Sie sang eine Arie, dann eine Arietta, dann

einen Chanson, dann ein Madrigal und dann wieder eine Arietta. Sie

sang, und atemlos verliebt starrte alles sie an.

Ihre Stimme war mühelos, leicht und elastisch, wie ein Federball von

den Notenlinien wegprallend und wiederkehrend. Die Atemtechnik merkte

man gar nicht; es schien, als ob dieses Vöglein kaum der Luft bedürfe.

So stand sie und neigte sich nach der ersten Arie tief und wurde vor

Freude rot, denn ihre Gesellschaft raste vor Überraschung.

Die Arietta dann bäumte sich auf wie ein Wellchen im Bach, lockte,

floh, entfernte sich, neckte und träumte durch eine Stimme hindurch,

die zum Verzaubertsein leicht und zart, nein, zärtlich war.

Da begann der junge Mignard leise und glücklich in seinem Herzen zu

leiden.

Aber weiter und weiter lachte das heitere Rokoko aus kapriziösen

Liedchen ihn aus, und die fröhlich gewordene Clarisse wählte jenen

Chanson, der soeben den Siegeszug über ein ganzes Geselligkeitsjahr

anzutreten im Begriffe stand: das entzückende Grillenlied der

kleinen Schäferin aus den „_Sentiments du pauvre Robin_“. Dieses

Lied hatte einen Refrain, der mit dem französischen Wortstamm „ris“,

der Wurzel des Wortes Lachen, auf reizende Weise Fangball spielte,

indem er, zuerst als Grillengesang, dann als ernsthaft scheinendes

Studienmonstrum einer Übenden, und zuletzt in ein stockend anfangendes,

aber bis ins Unaufhaltsame weiterrollendes leises Gelächter ging, das

immer leichter, zarter und höher anstieg. Dieses Liedchen, das die

junge Schäferin unbekümmert, wie auf und ab gehend, zu singen anfing,

hatte als erste Strophe diese:

Ich singe mein Liedchen, ein lächelndes Lied,

Ich singe mein Lied auf der Wiese.

Die kleinen Grillen zittern es mit,

Man singt von der Halde bis an das Ried

Als beliebteste Arie nur diese:

Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......

Und dieses ris, ris i i i i, zuerst schüchtern, dann schnell und

zuletzt ein einziges, leises Forttrillern, war ein hinreißendes

zitterndes Grillengezirpe, welches, von dem heitern, leichten, koketten

Stimmchen nachgeahmt, jedes Zwerchfell vor Lust vibrieren machte, vor

Lust nach der Wiese. Dann aber ging es weiter:

Und du mir zur Seite, du sehnst dich bis weit

Wo sich Erde und Himmel verlieren.

Ins Endlose willst du? da habe ich Zeit,

Einstweilen das Lied dieser Endlosigkeit

Den Heupferdchen abzustudieren:

Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......

Fast ernsthaft mühte sie sich, den Ton dieser Heupferdchen abzufangen.

Sie begann in _do_, stieg über _mi_ und _sol_ immer höher und höher

und lächelte dabei ihren tapferen Gegner Olivier ein Momentlein ganz

versteckt an. Jedoch kümmerte sie sich während der letzten Strophe gar

nicht mehr um ihn, denn diese Strophe ging:

O Freund, du mein Freund, so gelehrt und so dumm,

Gehst endlos und gehst doch im Kreise.

Zieh fort, o flieh nur und sieh dich nicht um ...

Hier wart' ich auf jemand im Wiesengesumm

Und das Lachen schüttelt mich leise:

Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......

Und dieses Lachen, dieses leise anzitternde Lachen, das wie eine Lerche

in immer größere Heiterkeiten hinaufstieg, dieses ansteckende Kichern

bezwang in seiner unendlichen Liebenswürdigkeit eine Gesellschaft,

die so gerne, so gerne lachte dermaßen, daß es in sämtlichen

Hälsen, musikalischen und dürren, innerlich mitzuperlen begann,

als stiegen tausend entzückende Leichtigkeitsbläschen eilig aus den

Schaumweinkelchen der französischen Seelen empor; und als Clarisse in

der feinsten, lustigsten Höhe ihr Lachen ausgetrillert hatte, da brach

dieses selbe zitternde Rollen aus allen Kehlen mit Kinderfröhlichkeit

los, und alle, alle lachten sie, als ginge es über den geprellten

Schiffsleutnant her, der es unternommen hatte, dieses Geschöpf nicht zu

lieben.

Der arme Junge kam sehr schwierig durch die Gratulanten hindurch,

welche die junge Sängerin umringten, und rief ihr in der Schwäche der

ersten Hingerissenheit zu: „Komtesse, ich hielt große Stücke auf Ihre

Gaben, aber daß Sie solch ein kleiner Goldvogel seien, das, das -- --

--“

„Das ist ein um so schätzbareres Kompliment,“ sagte die schlanke

Clarisse strahlend vor Übermut, „als es aus einer seltenen Herbheit

und Unbestochenheit der Gesinnung erfließt.“ Und sie wandte sich neuen

Beglückwünschen zu und hatte ihn sogleich vergessen. Also war nun

Olivier der Gekränkte. -- -- --

* * * * *

Die darauffolgende erste Hälfte der Nacht verbrachte er mit Versuchen,

jenes Grillenlied in Diskant, und als das mißlang, in Baß zu singen,

wobei er das Ris--ris--ris wunderbar gröhlte; die andere Hälfte der

Nacht verschwendete er auf Bemühungen, es =nicht= zu singen.

Am nächsten Tage haßte er es. Es sah aus, als ob man dieses Lied auf

ihn gedichtet hätte, und man begann es schon da und dort auf der Gasse

zu trällern.

Clarisses Vater hatte sich am vorigen Abend, nach einer energischen

Reklamation jener alten Stiftsdame, entschlossen, Mignard, Cagliostro,

und all die übrigen Gäste dieses Abends zu bitten, in vierzehn Tagen

wiederzukommen, um zu erfahren, ob der Liebestrank des Meisters der

Geheimnisse inzwischen gewirkt haben könnte. Vierzehn Tage, bis er sie

wiedersähe!

„Es ist ein hartes Ding,“ sagte er sich, „aber mein Vater darf nicht

der Besiegte dieses Charlatans werden. Bin ich denn so schwach?“

Und er war stark, wehrte sich und dachte infolge dieses Kampfes in

einemfort an die niedliche Clarisse.

Sie aber war empört, daß die Akademie solch einen ahnungslosen, rein

törichten jungen Menschen als Werkzeug ihres Hasses gegen Cagliostro

mißbrauchte. Ihr Vater war mit im Spiele. Sie hatte Angst vor seiner

Ironie, aber sie sagte sich, daß es ein Meisterstreich des kleinen

Gottes wäre, wenn eben diese kalte Ironie ein wenig bestraft würde.

Einem Edelmanne wollte er sie vermählen, einem Edelmanne! Nachdem

Herr Rousseau und Herr Voltaire längst so niedliche Dinge über die

Vorzüglichkeit und den Rang des Herzens und des Geistes geschrieben

hatten, welche die einzige Ungleichheit auf Erden ausmachten? O!

Ihr ganzes kleines Wesen hatte sich von jeher nur im Widerspruch

erfreut, denn sie war stets unmäßig verzogen worden. Übrigens aber

meinte sie, Olivier müsse gedemütigt werden. Sie glaubte zwar noch, daß

sie ihn nicht liebe, aber eine bedenkliche Angst vor der kalten Tücke

des Cagliostro saß in ihr. Der war so rätselhaft. Und die Akademie

hatte so viele Regeln, das Leben aber war so regellos. Wenn nun der

grauenhafte Mensch mit seinem Trank Recht behielte? Sie prüfte sich und

erschrak, wie viel sie sich schon an jenem ersten Abend in Gedanken mit

Mignard beschäftigt hatte, und wie viel nachsinnende Stunden inzwischen

dazugewachsen waren, -- alle voll von Olivier Mignard.

Es war schauderhaft; schauderhaft, aber süß. Denn wenn es bei ihr

wirkte, dann saß es wohl auch bei dem jungen Marineleutnant fest. Wo

der nur blieb?

Der? Der wehrte sich zehn Tage. Am Vorabend jenes Tages, der

Cagliostros Gewalt oder Beschämung offenkundig machen sollte, lief er

ihr in einem Gäßchen in den Weg.

„Komtesse, seit vier Tagen warte ich hier, wo Sie sonst täglich

durchkommen, auf Sie ....“

Sie erkannte den ehedem tiefbraunen Jungen gar nicht gleich. Er war

wirklich blaß.

„Was wollen Sie?“

„Komtesse, wir werden uns morgen sehen. Ich habe Angst, Sie zu

beleidigen, wenn ich abermals meinem Vater zuliebe als Verächter Ihrer

Holdseligkeit dort stünde.“

„Schweigen Sie, und lassen Sie mich, ich muß zu Primavesi,“ sagte sie

beleidigt.

„Aber haben Sie doch Erbarmen, Madame,“ rief er und hielt sie angstvoll

zurück. „Ich kam, Sie zu bitten, dieser Komödie ein Ende zu machen und

den Abend absagen zu lassen.“

„Wozu?“ lächelte sie frostig. „Ihr Herr Vater soll seinen Triumph

genießen; denn auch ich fühle keine Wirkungen von dem Tranke des Grafen

Cagliostro.“

„Ach, Komtesse,“ sagte der arme Junge traurig, „dann wäre ja alles

gut. Ich werde das meinem Vater berichten, er wird mit Ihrer gütigen

Zustimmung die Akademie von dem lächerlichen Schwindelversuch

benachrichtigen, dessen Mißlingen dem Ansehen des wunderlichen Grafen

übrigens kaum schaden kann, und ich, -- ich werde morgen nicht zu

erscheinen brauchen, um meinen guten Vater und mich keiner Demütigung

auszusetzen.“

„Ah, wie das?“

„Es ist nur, weil ich fürchte, Komtesse, daß nicht Graf Cagliostro,

wohl aber Ihr Reiz mich verzaubert hat.“

Clarisse stand über seine unerwartete Botschaft sehr erschrocken und

vermochte gar nichts zu sagen.

„Es ist so,“ bestätigte er betrübt: „Ich liebe Sie; aber,“ fügte

er verzweifelt hinzu, „wenn Sie morgen diesen abscheulichen

Schlächterabend eines Herzens zustande kommen lassen, so leugne ich

alles!“

Da lief sie ihm davon.

„Clarisse,“ rief er, „Clarisse!“

In den leeren Gassen klang der Ruf nach, aber auch in ihrem Herzen

vibrierte er weiter. Sie war fassungslos und kam sich ebenfalls

wie verzaubert vor; in ihr wühlten Seufzer, Mitleid, Neugierde

nach dem jungen Manne und stürmische Wünsche sehr; sie wehrte sich

in Heidenangst vor der Macht Cagliostros, fand es aber dennoch

schmerzvoll-schön, so sehr zu leiden.

* * * * *

Der Abend, auf den die fröhlichen Zuhörer des Grillenliedes mit der

heitersten Spannung gewartet hatten, wurde für diesmal abgesagt und

abermals auf vierzehn Tage verschoben, denn Clarisse hatte sich krank

erklärt. Da lief denn durch die Gesellschaft von Paris der leise,

lustige Verdacht von einer Schlappe, die der ungläubige Graf Barrées

und die Akademie erlitten haben könnten, und Herr Cagliostro vergabte

in diesen Tagen dreiundeinhalb Maß Liebestrank an Bedürftige.

„Da habe ich sie mir,“ sagte er zu Fortunato. „Der alte spöttische

Kavalier zittert schon heute vor mir. Und siehst du: nicht die

gescheite, kleine Clarisse hat mein Trank bezwungen. Nein; all ihre

Vorfahren, deren Geschäft es seit tausend Jahren war, gläubig zu sein,

die haben in ihr vor dem Liebestrank jene Angst, der ihn so wirksam

macht. Tausend Jahre glaubten diese Barrées blindlings an alles,

was der Pfaff ihnen aufband. Der letzte Barrées und sein Töchterlein

leugnen. Aber in ihnen sitzt bauernfest die Glaubsucht. Und es zuckt

immer noch demütig in ihren Knien, so oft sie an einem geweihten

Öllämpchen vorübergehen, so wie es in dem Akademiker Mignard zuckt,

sich vor den Barrées tief zu verbeugen. Denn all seine Vorväter waren

katzbuckelnde Erwerbsleute. Der Glaube ist da, die Religion ist fort,

nun müssen sie an alles glauben, was ihnen in den Weg gerät.“

„Ich wollte lieber, Onkel Giuseppe, du hättest Unrecht,“ sagte Fortunat

bedrückt.

„Warum?“

„Ich fürchte, daß mir Clarisse selber gefiele.“

„Würdest du sie heiraten wollen?“

„Warum nicht?“

„Unmöglich,“ sagte Cagliostro kalt. „Eine Barrées. Es ist zwar alter

reicher Adel und bei Hofe von höchster Geltung, aber wie wir heute

dastehen, kann sich doch der Name Cagliostro nicht an eine Barrées

ketten. Ja, wenn es eine Rohan, eine Condé, oder eine Savoyen-Carignan

wäre! Laß sehen, es klopft.“

Cagliostro erhielt recht unerwarteten Besuch. Es war die Wache, die ihn

in die Bastille führen sollte. Der Offizier zeigte ihm achselzuckend

den _lettre de cachet_. Nun wäre es ihm sehr erwünscht gewesen, wenn

sein Neffe die Barrées mit ihrem Einfluß bekommen hätte können. Denn

sein Weg ging jählings bergab. Die Halsbandgeschichte war ruchbar

geworden, und man suchte die Diamanten. Freilich, Cagliostro hatte

dafür gesorgt, daß mehrere seiner Adepten Eide schworen, sie seien

in einer Säurelösung verdorben, und Fortunat, der frei geblieben war

und die Gerichtsbeamten beim Versiegeln der Gemächer seines Oheims

führen mußte, brach im Laboratorium des Schwindlers beim Anblick

einer fluoreszierenden Essenz in ein krokodilfalsches Gewimmer aus.

„O, meine Herren,“ schrie er, „welche Werte zerstören Sie hier!

Diese Essenz ist Diamantlösung und soll kristallisieren; mein Oheim

verbrachte sieben Stunden in jeder Nacht damit, um sie magnetisch zu

beeinflussen, und nun kommen Sie, verhindern sein Werk und stören den

Kristallisationsakt! Die Tinktur wird in zwei Tagen wertlos sein und

die darin gelösten Brillanten werden verrauchen, ich schwöre es Ihnen

beim Tempel der Rosenkreuzer!“

Die erschrockenen Beamten nahmen ein Protokoll mit ihm auf. Gerade

jene Brillanten waren es ja, die man suchte! Bis nun aber das Stück den

umständlichen Instanzenweg zum Könige durchgemacht hatte und Cagliostro

freigelassen wurde, um den großen Sammeldiamanten aus der Lösung

herauszukristallisieren, war es zu spät geworden!

Die Tinktur erwies sich wirklich als wertlos; sogar die Akademie mußte

es zugestehen. Herr Buffon, Herr Lavoisier selber zuckten die Achseln

bei der Analyse; alles war verloren.

Warum Cagliostro so jählings verhaftet worden war?

Der junge Mignard hatte seinen Vater gebeten, für ihn um die Hand

der kleinen Barrées anzuhalten. Da brachte Mignard alle Kräfte dieser

Erde, als da waren zwei Hofdamen, einen Erzbischof und einen jüdischen

Generalpächter, gegen Cagliostro in die Schlacht. Seinem Sohne drohte

er mit Enterbung.

Und die junge Clarisse war bei ihrem Vater gewesen: „Der junge Mignard

liebt mich.“

„Und du, du liebst ihn?“ fuhr der Graf empor.

„Seine Demut rührt mich tief, lieber Vater, er ist sehr schmerzlich für

seinen Mangel an galanter Rücksicht bestraft worden, und er fürchtet,

daß eine Barrées niemals an einen Bürgerlichen weggegeben werden

könnte.“

„Nein,“ lachte der Graf nervös, „niemals!“

„Niemals?“ horchte sein verzogenes Töchterchen empor. Durch ihr Herz

fuhr ein Stich von Schreck und Trotz. „Und wenn ich ihn liebte!“

„Wenn du ihn liebst, mein Kind, dann werden wir in der Wahl deines

Gatten rücksichtsvoll sein,“ sagte der alte Herr zartfühlend.

„Ah, wieso? Und wer sollte mir, =mir= einen anderen Gatten diktieren.

Sie am Ende? Und welchen Gatten?“

„Vielleicht den Marquis von Chateauvert; hm? Er ist neunundsechzig

Jahre alt, reich, mächtig und dabei freidenkend, zart und

=rücksichtsvoll=.“

„Ach so,“ sagte das junge Mädchen, und wurde tief dunkelrot. Dann faßte

sie sich. „Das ist alte Mode, teuerster Herr Papa,“ sagte sie. „Das

galt zu einer Zeit, wo man die herrlichen Gefühle der Natürlichkeit und

der Herren Rousseau und Diderot noch nicht kannte. Ja, Herr Papa,“ rief

sie mit edelglühenden Wangen aus, „die Welt ist anderen Sinnes geworden

und ich sage Ihnen, sie verachtet jene Galanterien einer gänzlich

abgetanen Zeit. Man heiratet wieder, Herr Papa!“

„Aber Kind, die Logik! Handelt es sich um Liebe oder Matrimonium? Die

Logik!“

„Man kennt auch keine Logik mehr,“ sagte Clarisse kühn. „Sie ist eine

Spielerei alter Leute. Man folgt den Instinkten der redlichen Natur,

Herr Papa -- -- --“

„Clarisse,“ sagte der alte Edelmann. „In meinen Fingern zuckt es.

Preise dein Glück, daß dein alter Vater den Instinkten der redlichen

Natur diesmal nicht folgt, sondern begib dich auf dein Zimmer, das du

in drei Tagen nicht verlassen wirst.“

So hatte denn eine verbotene Liebe bei all den günstigen Vorbedingungen

noch drei Tage Gelegenheit zu tiefer Wühlerei im Herzen eines

eigensinnigen Mädchens.

In seinem Ärger schloß sich der Graf den Bemühungen Mignards an,

und es gelang beiden, den Widerstand des Herzogs von Orléans und

anderer einflußreicher Gönner zu brechen. Diese Herren, die bisher die

Verhaftung Cagliostros in Sachen der Halsbandgeschichte hintertrieben

hatten, ließen nun dem Groll des Königs freien Lauf, und der

fortschrittliche und sehr freigeistige Graf Barrées wünschte jetzt

die Zeit der Hexenprozesse zurück, um Cagliostro verbrennen lassen zu

können. Denn nun glaubte auch er an den verfluchten Trank.

Wie stark dieser Trank gewesen sein mußte, leuchtete ihm nach den drei

Tagen, in denen er seine Tochter nicht gesehen hatte, ein. Das Mädchen

war fort und dem Vater blieb von ihr nichts als ein Billettchen in der

Hand: sie habe sich ihren Mann selber gesucht.

Die Komtesse war durchgegangen, der junge Mignard desertiert.

Nun wohnten sie zusammen in einer kleinen Dachkammer am Rande von

Batignolles. Graf Barrées und Mignard mußten mit zusammengebissenen

Zähnen schweigen, weil der eine die Ehre seines Standes und der andere

die seines Chemikerberufes zu wahren hatte.

Cagliostro aber schrieb aus dem Gefängnis einen Brief an den Grafen,

in dem er drohte, die Wirkung seines Trankes an den Tag zu bringen,

wenn er nicht seine Freiheit und jene Diamanten wieder erhielte, die

er an Barrées um des Liebestrankes willen verpfändet hatte. Diese

Diamanten! Barrées hatte sie schon triumphierend zur Lösung der ganzen

Halsbandgeschichte ausliefern wollen. Nun mußte er allen seinen

Bekannten erzählen, daß Mignard sie bei der chemischen Analyse als

wertlose Komposition erklärt hätte, und Mignard, der froh war, dem Rufe

Cagliostros wenigstens hier schaden zu können, schimpfte mit ihm auf

den Schwindel.

Cagliostro erhielt also vom Grafen seine schwer ergaunerten Brillanten

zurück und das Versprechen der Freiheit, wenn er die beiden Verrückten,

die weiß Gott wohin durchgegangen wären, ausfindig machte und durch ein

Gegengift von ihrer entsetzlichen, taktlosen und gänzlich unmodernen

Leidenschaft kurierte.

Ohne die brennende Eifersucht des jungen Fortunat wären die Verliebten

nicht zu finden gewesen. Der aber erspähte ihr enges Nest in zwei

Tagen und überbrachte ihnen einen Brief Cagliostros, gerade in dem

Augenblick, als sie vier Artischocken, die ihr ganzes Mittagsmahl

ausmachten, verspeist hatten und den letzten Fond unter sich

aufteilten, wobei jedes wollte, daß das andere den ganzen Leckerbissen

bekäme. Sie waren bettelarm, alle beide, und hatten fast gar nichts

mehr zu leben.

Fortunat überbrachte den beiden jungen Leuten das Gegengift

Cagliostros, das in folgendem Briefe bestand:

„Madame! Der Liebestrank, den Sie und Herr Leutnant zur See Olivier

Mignard mitsammen geleert haben, bestand aus altem Kognak, der sehr

zu brennen vermag, etwas Rosenöl, das poetische Gefühle erweckt, und

einer ganz nichtigen Spur von Kantharidenspiritus, aber nur genau

so viel, um die Herren von der Akademie bei der Analyse ein wenig

bedenklich zu machen. Ich hoffe nicht, daß er bei Madame gewirkt haben

könnte. Die übrigen Ingredienzien sind etwas Saft von der verbotenen

Frucht, geheimer Aberglaube, und schließlich die alte Lust Adams und

Evas an der ganzen Sache überhaupt, der jede Gelegenheit recht ist,

um lieben zu dürfen. Ich weiß, daß nach dieser Ernüchterung Ihre sehr

verehrten Herren Eltern mit ihrer Vernunft wieder zu Rechte gelangen

werden und Sie ob des kleinen und gar nicht unangenehmen Spaßes nicht

zürnen werden Ihrem in Entzücken über Ihre Schönheit, Jugend und

Unerfahrenheit versunkenen Grafen Cagliostro.“

Da wurde die kleine, gänzlich illegitime Gattin des jungen Mignard

abermals dunkelrot vor Scham und Zorn. Sie stand auf, machte dem jungen

Fortunat einen Knicks, kurz und ungeduldig wie eine aufschnellende

Fauteuilfeder: „Wohlan,“ rief sie mit dem ganzen Stolz ihres alten

Geschlechtes und ihrer jungen Großtat: „Verkündigen Sie den Grafen

Cagliostro und Barrées, daß ich mich glücklich schätze und ihnen

dankbar bin, erfahren zu haben, daß diese Liebe, um deretwillen wir

hier darben, uns nicht aus den Händen eines Charlatans, sondern aus den

Händen der göttlichen Natur gegeben wurde. Sagen Sie diesen Herren und

Herrn Doktor Mignard, daß wir uns fortab nicht mehr als vergängliche

chemische Verbindung, sondern als das Urelement alles Entstehens fühlen

und daß wir nun erst recht beisammen zu bleiben gesonnen sind. Nicht

wahr, Olivier?“

„Ja,“ sagte Mignard erfreut und kleinlaut zugleich. Er war sehr hungrig.

„Oh,“ rief Fortunat, der den Unterton bemerkte, „und wovon wollen Sie

leben?“

„Glauben Sie nicht,“ lächelte Clarisse, „daß jene Sängerin, die mit dem

kleinen Grillenliedchen eine ganze Versammlung wirbeln machte, wenig

Sorge um ihren Unterhalt haben dürfte? Glauben Sie nicht, daß der Name

Barrées meiner Stimme in den Theatern von London oder Wien nur noch

mehr Wohlklang geben dürfte? Und glauben Sie, Maestro Primavesi hätte

die große Gelegenheit, Furore für seine Schule zu erregen, nicht längst

schon benützt und mir kein Engagement verschafft? Ah, wir haben unsere

Zukunft in der Tasche! Nicht wahr, Olivier?“

„Ja,“ sagte Mignard gerührt und betreten. Denn dem ritterlichen Jungen

war es entsetzlich, seine Zukunft der Arbeit seiner Frau verdanken zu

sollen.

Da stürzte Fortunat voll Verzweiflung zu seinem Onkel, zu dessen Kerker

ihm die Bemühungen Barrées und Mignards Zutritt verschafft hatten.

„Onkel Balsamo,“ sagte er, „ich gehe hin, um mich aufzuhängen. Diese

Menschen sind unerträglich! Wir verhöhnen sie, wir betrügen sie,

wir geben ihnen Kognak und Kantharidensaft statt des heiligen Atems

Gottes zu trinken, und aus all diesem Betrug und Schwindel erwächst

eine Liebe, so mutig, so opfervoll und so leidend, so süß und göttlich

schön, als sei ein Rosenstrauch aus dem Dreck des Teufels erblüht!“

Da schrieb Cagliostro einen zweiten Brief an den Grafen von Barrées:

„Teurer Graf! Daß Ihre Tochter nicht Sängerin werden und den

Skandal nicht auch noch mit Trillern vor der Welt verkünden

darf, darüber sind wir beide einig. Ein solcher Beruf wäre zwar

das allersicherste Mittel, sie recht bald aus dem Besitze Herrn

Mignards in einen anderen gelangen zu lassen, aber nicht leicht

in den Besitz einer Grafenkrone. Versorgen Sie das junge Paar

mit derart reichen Zuschüssen, daß es sich gedemütigt fühlt,

keine Sorgen mehr hat und in seiner Verstecktheit Langeweile

bekommt. Richten Sie Ihre Briefe mit dem Innentitel nur mehr an

die Maitresse des Herrn Mignard und geben Sie Ihre Einwilligung

zu ihrem Treiben unter der Bedingung, daß es geheim und versteckt

bleibe, was bei dem augenblicklich so starken politischen Lärm

leicht geschehen kann. Sie glauben nicht, Herr Graf, wie demütig

Langeweile einen Menschen machen kann, Langeweile von der Art, wie

ich sie hier in der Bastille kennen lerne. Es ist eine Qual, von

der zu befreien Clarisse Sie bald ebenso bitten wird, wie Sie um

diese Vergünstigung gebeten sind, von Ihrem ergebensten Diener

Vom sterbenden Rokoko · 第 15 / 25 题