„Aber doch, im Ganzen, diese gefaßte Zusammengenommenheit?“
„Er ist wie ein Gebäude von vier oder fünf Stilarten. Es scheint
inkonsequent, aber es ist nur alt. Es entstand, wie es mußte.“
„Aber warum kleidet er sich nicht mehr nach der Art der alten Magier?
Er trägt gold-brokatne Weste, himmelblauen Frack und gleiche Kniehosen
und Strümpfe.“
„Er leuchtet darum doch gleichsam von innen heraus durch diesen
blauen Frack, wie eine Ampel aus Saphir. Wenn es dunkel wäre, er würde
phosphoreszieren.“
So gehen die ängstlich-leisen Gespräche umher, indes sich die
nahegedrängten, gepuderten, hohen Damenfrisuren verneigen, als ob der
Wind hinter einem vollblühenden Perückenstrauch anflöge. Sämtliche
linke Beine scharren nach rückwärts; leise klirren die Degen der
Herren. Sie sind fast alle besiegt; die heißen Herzen von ihrer eigenen
Glaubenskraft und ihrer Liebe zum Wunder, die kühlen Hohnköpfe vom
Erfolg.
Nur der mächtige Barrées begrüßt seinen Gast zwar mit fast so tiefer
Kopfneigung, als er sie den Größen Frankreichs erweist, aber doch leise
lächelnd. Er empfängt zum Dank die nachlässigen Worte: „Ja, lieber
Barrées, ich bin recht gerne gekommen.“
Um die Lippen des Hausherrn zuckt heimlich eine feine Bosheit und
er beginnt: „Ich werde Ihnen einige neue Verehrer Ihres Genies
vorzustellen die Ehre haben. Nur sagen Sie mir: Wann befreien Sie mich
von meiner verdammten Gicht?“
„Bei der nächsten Mondesfinsternis.“
Bis Barrées zu den nächsten Gästen und zurück gehumpelt war, flüsterte
ihm sein Neffe zu: Du wirst dir mit solch nachlässiger Behandlung den
Ärger und sehr bald den Haß des großen Herrn verdienen.“
„Geachtet wird, wer nicht achtet,“ sagte Cagliostro regungslos, mit
geradeblickenden Augen und geschlossenen Zähnen. Kaum, daß sich seine
Lippen bewegten. Er erwartete neue Tröpfe, da hieß es aufpassen und
beobachten.
Barrées stellte sie lächelnd vor. Sie und ihre Krankheiten. Es war
eine große, ärztliche Visite: „Gräfin des Fouches. Noch ziemlich jung,
aber immer noch verliebt. Demoiselle Chanzy d'Armagnac de Bracy.
Zu jung, kann aber schon nicht mehr lieben. Madame Sinisterre de
Solerol. Haßt die Kirche und sehnt sich nach wahrer Religion. Fürst
Ehrenbreitenstein-Metsch, hat eine Flintenkugel ins Schultergelenk
eingewachsen, Marquis Caval leidet an einem Nebenbuhler und einer
Schauspielerin, und endlich“ -- der Graf nahm all seine feine Bosheit
zusammen -- „Ehrendoktor Jakob Mignard, Mitglied und Abgesandter der
Akademie: Wissensdurst und Zweifel an Ihrer Kunst.“
Bisher hatte der Graf von Cagliostro ruhig gelächelt und mit
diesem Lächeln gesagt: „Wir werden helfen.“ Bei der Vorstellung
des berüchtigten, neidischen Gelehrten Mignard zuckte er in leiser
Nervosität auf, sammelte sich ungemein leicht und schnell und sagte:
„Ah! Doktor Mignard? Das ist ein interessanter Fall. Beginnen wir
also mit Ihnen? Nun: Sie begehren natürlich meine Kunst zu prüfen.
Wählen Sie, verehrter Doktor, nur kühnlich jenes Gebiet, das Ihnen am
zweifelwürdigsten erscheint.“
Die ganze Gesellschaft drängte sich um den Akademiker und den
göttlichen Schwindler. Mignard, der überraschen hatte wollen und dem es
nun viel zu geschwind hergegangen war, wurde rot, und Cagliostro wurde
noch verbindlicher. Er fuhr fort: „Es ist mir lieb, daß die Akademie
den exaktesten ihrer Köpfe zu mir gesandt hat. Es ist mir lieb, Herr
Professor, daß Sie mich prüfen, so strenge Sie es vermögen. Stellen
Sie mir jede Frage, jede Aufgabe. Was, zum Beispiel, bezweifeln Sie an
mir?“
Der leidenschaftliche Lehrling der Hochstapelei, Cagliostros Neffe
Fortunat, hatte sich hinter den Professor gedrängt und flüsterte ihm
mit dem ganzen Ausdruck seiner eigenen Ungeduld zu: „Den Liebestrank!“
Ach, der Professor hatte zwanzig Jahre lang Schule gesessen! Er war
fast ein Musterschüler gewesen, aber dennoch: Wo ihm etwas fehlte,
das hatte er sich von den Mitschülern zuflüsternd einblasen lassen.
Nun saß es im Blute, nun wirkte es, im Bunde mit der unwiderstehlichen
Gewohnheit des Gelehrten, der seiner ganzen Weisheit Beweiskraft nicht
in sich, sondern in enggeschlossenem Harst hinter seinem Rücken weiß.