Er aber lachte und sagte: „Laßt mir mein bißchen Freude.“

Und am Abend machte er nichts als Kindereien; es war ein prächtiges

Festmahl gerichtet worden, an dem sechs oder sieben Bewunderer Mozarts,

fast alles Herren vom Adel, teilnahmen. Leckereien, Champagner, der den

ganzen Tisch überströmte, Blumen -- -- --.

Und Wolfgang Amadé tollte und scherzte, während sich die Freunde in

leiser Unruhe ansahen.

Als das laute Mahl zu Ende gegangen war, fragte Duschek: „Was ist mit

der Ouvertüre?“

„Ich mache sie jetzt,“ lachte Mozart.

„Du wärst am Ende auch das imstande,“ sagte der Freund halb ungläubig

und bot ihm gute Nacht.

Im Saale stand ein Spinett, und der einsam Zurückgebliebene warf sich

in den Sessel davor und legte die wunderschönen, blassen Hände auf die

Tasten. Leise klirrten die Saiten, wie die einer alten Harfe.

Duschek hatte den Dienern gesagt: Laßt den Saal in Ruhe. So strahlten

noch sechzig Kerzen, und die großen, nachdenklichen, venezianischen

Spiegel reflektierten sie und wucherten mit dem Lichte.

Da sah sich Wolfgang Amadé im Saale um.

Hell schrien Lichter und Farben mitten in verlassener Mitternacht. Die

Blumen prahlten, aber schon lag die Welkheit überstandener Blüte in

ihrem Duft.

Es roch nach Blumen, nach Wachs, -- -- -- und die große, lange Tafel

stand da wie ein Katafalk.

Es ist ein überirdisches Sein, wenn man allein stehen muß in einem

Festsaal, und das Fest ist aus. --

Noch sind die Farben des Lebens alle da, und die Lichter rufen

Hosianna. Aber es riecht nach verschüttetem Schaumwein, und die hier

jubelten, sind alle fortgegangen.

Die Wachskerzen leben allein noch. Aber sie sind doch schon tief

heruntergebrannt. Und die Blumen neigen die müden, schönen Köpfe wie

unglückliche, gekrönte Frauen. Entwurzelt und mit dem Glanze betrogen.

Die große, schwere Tür aber war weit nach außen geöffnet. Draußen im

Korridor stand blindaugig die Nacht, und das weitaufgerissene schwarze

Viereck starrte schaurig in den grellen Saal des ausgelärmten Lebens.

Da schauten ihn abermals die beiden großen Gewalten an, aber dieses Mal

war die zweite stärker als die erste.

In leisem Grauen setzte er sich an das Spinett. Zuckend breiteten sich

die milden, schönheitspendenden Hände, und ein wohllautvoller Klageton

flog im Saale empor.

Wolfgang Amadé sah nach dem schwarzen, starrenden Viereck der Türe,

welche zur Nacht hinaus offen stand; leise rieselte ihm dieser Blick

aus dem Jenseits über den Rücken, und gehorsam bebten die Hände nach

dem Geheiß der großen Macht über die Tasten. Er war ein Kind, das auf

Befehl folgte.

So entstand das „Weit -- -- -- weit“ des steinernen Gastes mit seinen

Schauern.

* * * * *

In ihren Betten aber hörten die adeligen Gäste eine Musik aus dem

Festsaal herüberbeben, welche damals unerhört war; -- -- so schön und

ergreifend wie die Liebe zum Leben, so mahnend und so schauerlich wie

das Gericht.

Diese Töne sangen den Druck der engen Gassen von Paris. Sie sangen

die Not und Angst des Kindes Wolfgang Amadé. Sie sangen den Wein von

Währing und die Allerseelenkränze. Den begütigt blauen Himmel und die

herbstloh brennenden Wälder.

Sie bebten wie die zitternden Kerzen in Brand und Helle, dufteten wie

welkende Blumen und rochen wie verschütteter Schaumwein.

Sie lockten und zogen sehnsüchtige Reihen mit festlichen Geigen und

waren Jubellieder übermütiger, graziöser Adelszeit, -- -- -- aber

hinein schaute nachtäugig die viereckige, große, schwarze Tür des

Jenseits, die zu einem Morgen führte, den sie noch nicht kannten.

Und sie schauerten und fröstelten in ihren Betten vor Entzücken und

Angst.

Drunten aber stand Wolfgang Amadé vom Spinett auf, die sonst so trüben

Augen fackellohend, aber das Antlitz leichenblaß und kalt.

Der verrieselnde Rausch fröstelte leise in ihm. Seine Ouvertüre war

fertig.

Er merkte sie sich gut. In der nächsten Nacht schrieb er sie wohl

nieder? Aber seine gute Frau müßte ihn wach erhalten. -- -- -- Denn

so einsamkeitgeschüttelt wie heute? -- -- -- Das war mehr Tod als

Leben....

Er ging fort, um zu ruhen. Hinter ihm flammte und strahlte ein leerer

Prunksaal.

Es war der Schwanengesang des Rokoko entstanden.

Der frivole Vaudreuil.

„Nun, Prospère? Verbündeter! Wie geht's? Was hat dein Herr mit unserem

Theaterstück ausgerichtet?“

„Herr von Beaumarchais, wir sind sehr betrübt, Ihnen nicht besser

gedient haben zu können,“ bedauerte der Kammerdiener. „Ich für meinen

Teil habe alles angestrengt, die ‚Hochzeit des Figaro’ zur Aufführung

zu bringen, die meinem Stande so viel Gerechtigkeit widerfahren läßt.

Seit mein Herr dieses schöne Stück gelesen hat, behandelt er mich

sozusagen mit Achtung.“

„Ah,“ lachte Beaumarchais; „er bildet sich ein, auch du müßtest ein

Mensch sein? Ein Mensch mit eigenen Gedanken und selbstbedachten

Überzeugungen? Was für ein Schwärmer dein Graf; -- was für ein Poet!“

Den letzten seiner elliptischen Sätze sprach Herr Caron de

Beaumarchais in den Spiegel, durch den er des glänzenden Grafen von

Vaudreuil Exzellenz eintreten sah. Er sah auch noch das Lächeln des

geschmeichelten Herrn über solches Lob. Dann begrüßte er seinen Gönner.

Der Graf von Vaudreuil war noch von der Audienz im Trianon her in

großer Gala und leuchtete von Tressen, Seide und Edelsteinknöpfen

heller als ein Bischof im Prunkornat, nur daß diese flimmernden Sachen

hübsch, knapp und zierlich an ihm saßen. Er war ein Herr voll feinster

Eleganz, der nicht erst als Fünfziger in die Meisterjahre des guten

Tons eingetreten war, der bei der Königin alles galt und beim König so

viel als Marie Antoinette vermochte: also fast alles.

„Ach Caron,“ rief er müde. „Was soll man mit diesem König machen?

Wenn man ihm einen alleruntertänigsten Vortrag hält, so muß alles

gut und schön sein wie Gottes Schöpfung am siebenten Tage, da Er sich

selber Ruhe genehmigte. Was soll man mit diesem Herrn anfangen, der

einem den Rücken dreht, wenn man ihn etwa versichert: Sire, der Adel

Frankreichs ist so, wie ‚Figaros Hochzeit’ ihn schildert. Sie haben

einen lächerlich unnützen Adel, Sire. -- Eine öffentliche Aufführung

von ‚Figaros Hochzeit’ würde nur die elektrische Entladung sein, die,

nach Herrn Franklins neuester Theorie, die Lüfte im Kampfe ausgleicht,

beruhigt und reinigt.

Und der König dreht mir den Rücken und die Audienz ist aus! Er dreht

mir den Rücken, sage ich Ihnen, so: -- -- und die Audienz ist aus

...... Ist aus! Was doch soll man mit einem Herrn machen, der nur

angenehme Beruhigungen hören mag?“

„Ei so,“ seufzte Beaumarchais. „Er ist von jener Königsrasse, die

nur angenehme oberste Untergebene dulden mag. Noch Ludwig XIII. hielt

große Stücke auf unangenehme Kanzler. -- Richelieu! Und Frankreich war

groß und blieb es so lange, als sein Nachfolger sich von ähnlichen,

eigensinnigen Willenskräften beraten ließ. Als der Sonnenkönig damit

aufhörte, erging es Frankreich gar nicht mehr gut.

Die Herrscher mit den angenehmen Untergebenen zerstören ihre eigenen

Reiche. Unsere ruheliebende Majestät ist solch ein Mann. Sie geruht,

auf alle unbehaglichen Zumutungen so lange Nein zu sagen, bis sie Ja

sagen =muß=. Dadurch beraubt sie sich nur des Verdienstes, selber

zur rechten Zeit Ja gesagt zu haben. Diese Majestät wird auch zur

Aufführung der ‚Hochzeit des Figaro’ in Paris ihre Einwilligung erst

dann geben, wenn alle Welt das Stück schon heimlich kennt und wird

damit nur meinen Erfolg steigern.“

Der Herr Graf von Vaudreuil bejahte eifrig und fuhr dann in seinem

Berichte fort: „Übrigens, mein lieber Caron, war ich, gleich

nach meiner kurzen Audienz, -- bei Ihrer Majestät, der eigentlich

regierenden Königin. Sie hat unsere Sache mit ihren schönen Händen, die

sich in alle Dinge mischen, gleich ins Rollen gebracht: „Aber führen

Sie doch die hübsche Satire als Liebhabervorstellung auf Ihrem eigenen

Schloßtheater in Morfontaine auf,“ lachte sie mich an. „Die Erlaubnis

dazu gebe ich Ihnen, und, laden Sie _tout Paris_ ein! --

Vom sterbenden Rokoko · 第 10 / 25 题