„Ah,“ rief Beaumarchais und schnellte fröhlich empor. „Das ist eine
entzückende Dame! Haben Sie denn, teuerster Graf, schon Vorbereitungen
zu unserer Aufführung getroffen?“
„Ei freilich,“ lächelte der Herr von Vaudreuil. „Für die Rolle des
Figaro habe ich den größten Philosophen und Charakter Frankreichs,
den neuen Schauspieler Crambon gewonnen. Ein Puritaner! Sittenrein und
natürlich bis zum Exzeß! Sie werden gleich seine Bekanntschaft machen.
Die Regie führen Sie selbst, teurer Dichter. Die Leseproben und die
Finessen des Dialogs leitet, wenn es Ihnen lieb ist, unser gemeinsamer
Freund, der Dichter Lebrun.“
„Sehr gut,“ bemerkte Beaumarchais. „Lebrun ist ein Medisant von
erprobtester Bissigkeit. Er wird die Unverschämtheiten im Dialog auf
das feinste herausarbeiten.“
„Der Chevalier von Coigny gibt den Jesuiten.“
„Ha, ha! Der Coigny, der berüchtigte Freigeist und Spötter steckt
sich in die Soutane! Mein lieber Graf, der Einfall ist besser als mein
ganzes Stück!“
„Die Gräfin,“ fuhr Vaudreuil überglücklich fort, „wird von der
elsässischen Demoiselle Klincker sehr rührend und unschuldig gegeben
werden. Demoiselle ist auch in den Stunden, wo sie mir ihre Liebe
schenkt, rührend und unschuldig. Diese deutschen Mädchen sind wie das
Blümchen Vergißmeinnicht. Sie schauen stets fromm in den Himmel, selbst
während man sie pflückt. Demoiselle Klincker wird die Unschuld und das
Gefühl in Person sein.“
„Wer gibt denn den Pagen?“ erkundigte sich Beaumarchais.
„Die kleine Cidronne, aus meiner Komödiantengesellschaft.“
„Und die Suzanne?“
„Hm,“ sagte Vaudreuil mit einer winzig kleinen, aber sehr
liebenswürdigen Verlegenheit: „Das ist eine sonderbare Sache. Denken
Sie sich, die Zofe meiner Frau, die reizende Lenore Oiseau, liegt mir
beständig an, ich solle sie einmal spielen lassen. Sie hat Ihr Stück
gelesen und mir die hübschesten Sachen aus der Rolle der Suzanne, die
sie auswendig kennt, entzückend rezitiert ....“
„Ah, da werde ich sie prüfen,“ freute sich Beaumarchais.
„Wenn ich bitten dürfte, so lassen Sie mich dabei sein,“ warf der Herr
von Vandreuil rasch ein. Dann flüsterte er: „Im Vertrauen, mein Freund:
Die kleine Lenore hat mir für diese Vergünstigung, die Rolle kreieren
zu dürfen, eine reizende Zusage gemacht ....“
„Sie sind indiskret, lieber Graf,“ schmunzelte Beaumarchais. „Immerhin
wird sie ihre Talentprobe abzulegen haben und ich werde sie strenge
prüfen, denn an der Rolle liegt viel. „Ah!“ schaute er überrascht
empor und starrte in die vom Kammerdiener geöffnete Tür. „Da kommt
ein Amerikaner?“ Er erhob sich, über die Maßen höflich: „Herr Benjamin
Franklin selbst, wenn ich nicht irre?!“
Vaudreuil lachte herzlich über diesen Irrtum, und der neue Ankömmling,
der, in sackgrobes Tuch gekleidet, mit Stiefeln, rundem Hut und
Knotenstock in seltsamen Kontrast zu den beiden leuchtenden Messieurs
trat, begann sogleich mit kurzen Worten: „Nein. Benjamin Franklin hat
nur die dumme Manier, sich so freiheitlich zu kleiden wie ich. Mein
Name ist Crambon, bester Dichter.“
„Ah.“ Beaumarchais verneigte sich belustigt. „Sie sind es, der meinen
Figaro geben soll?“
„Mhm,“ bestätigte Crambon, indem er mit den zusammengebissenen
Kinnbacken gegen die Brust knackte.
„Dann geben Sie ihn doch, bitte, nicht so ehrlich und rauh, wie Sie
auftreten, sondern als gewandte Schlange; nicht?“
„Ich werde ein feines Luder aus ihm machen, so ungern ich
Seidenstrümpfe trage,“ sagte Crambon. „Aber Ihre Philosophie ist so
tüchtig, daß ich die meine für einen Abend gern beiseite stelle.“
„Ach bitte, das tun Sie möglichst vollständig!“
„Wir werden, wir werden,“ murrte Crambon.
„Nehmen Sie das nicht so leicht,“ warnte Beaumarchais. „Es gehört viel
Genie zu einem gewandten Darsteller des Figaro!“
„Da müssen erst viele Halbwüchsigkeiten Genies genannt werden, bis
endlich ein wirkliches Genie -- -- übersehen wird,“ brummte Crambon
prachtvoll.
„Aber Sie =sollen= nicht übersehen werden,“ klagte Beaumarchais. Ihm
war sehr bange um den Erfolg dieses Figaro.
„Ich werde mich benehmen wie ein Schuft,“ versprach Crambon. „Ich werde
elegant und geschmeidig sein. Ich werde brillant und liebenswürdig
sein; ich werde eine weiche Stimme haben und spielen, wie die süßeste
Geige des Meisters Amati. Geben Sie nur acht, ich werde mich so reizend
benehmen, als ob ich ein Schuft wäre.“ Er schloß unerwartet, indem er
schrie: „Jetzt aber muß ich endlich zu essen kriegen!“
Herr von Vaudreuil rannte nur so nach seinem Kammerdiener, um den
Hunger des Bürgers Crambon nicht bis zu noch gefährlicheren Grobheiten
wachsen zu lassen. Nach drei Minuten schon klappte Prospère an der Tür
die feinen Beine zusammen und meldete:
„_M'sieur Crambon est servi._“
Herr Crambon stürzte gierig ab.
„Da geht er hin, das aufrichtige Kind der Natur,“ sagte Vaudreuil in
andachtsvoller Ehrfurcht. „Er wird Filetstücke von der Größe einer
neugeborenen Katze in sich hineinschwingen, aber er wird Wasser dazu
trinken, in seiner rauhen Tugend. Es ist unglaublich, lieber Caron,
aber er hat sich jedes Bett verbeten -- und schläft auf einer Matratze
in der entlegensten Dachkammer. Er trinkt keinen Wein, er ist keusch,
er ist aufrichtig -- -- -- es ist unglaublich!“
„Und der soll meinen Figaro geben,“ jammerte Beaumarchais. „Ach, Herr
Graf, wo haben Sie Ihren sublimen Instinkt, Ihre Delikatesse, Ihre
klugen Augen gehabt!“
„Der Schein spricht gegen ihn, das gebe ich zu,“ gestand Herr von
Vaudreuil etwas bedrückt. „Und dennoch leistet er auf der Bühne
geradezu das Gegenteil dieses seines wahren Wesens! Es ist kaum
möglich, aber Sie selbst werden es erfahren.“
Beaumarchais blieb ungläubig.
* * * * *
Immerhin: die Theaterprobe verlief entzückend.
Herr Crambon hatte seine rauhe Tugend abgelegt, wie ein galanter
Konnetable von Frankreich am Abende nach der Schlacht das ruppige
Kettenhemd. Er war nicht übel und verhieß nichts zu verderben. Die
zahlreichen Sentenzen, Malicen und Frechheiten, die er abzufeuern
hatte, sprach er etwas allzu ehrlich, aber das schadete nicht viel. Es
war eine angenehme Enttäuschung.
Wer von den erlauchten Gästen des Schlosses scherte sich übrigens um
Figaro, da eine solche Gräfin spielte! Demoiselle Klincker war ganz
weiche, leise gekränkte Unschuld. Ihr Elsässer Französisch erhöhte noch
den Eindruck naiver Betrogenheit. Demoiselle Klincker war zartfärbig,
wie eine Seele nach der Beichte; ihr kornblondes Haar leuchtete selbst
unter dem Puder der majestätischen Frisur durch und ihre süßen, blauen
Augen öffneten und schlossen sich langfransig wie die Portieren eines
Brautbettes. Der leise Zug von Lethargie, mit dem sie ihre resignierte
Rolle sprach, versetzte alle Intimen des Parketts in die süßeste
Schwermut, diesem armen Geschöpf nicht schon zwischen dem zweiten
und dritten Akt mit etwas Liebe beispringen zu dürfen. Wenn nicht der
kleine Teufel, die Suzanne, ein unglaublich leises Vibrieren behender
Sinnlichkeit fortwährend in das Stück hineingesprüht hätte, so hätte
sich der Erfolg des Herrn von Beaumarchais, ganz gegen dessen Willen,
nach der sentimentalen Seite hin verschoben.
Herr von Vaudreuil war außer sich vor Wonne. Alle Freunde, die
zur Generalprobe geladen waren, hatten sich in Demoiselle Klincker
verliebt. Alle machten ihr den Hof, als das Stück zu Ende war, und wenn
nicht der geistreiche Schloßkaplan, Abbé Lucien, der sich um die schöne
Klincker wenig kümmerte, dem Dichter die schönsten Komplimente gemacht
hätte, so hätte Beaumarchais eine Zeitlang so vergessen im Winkel
gestanden, wie ein Kamin im Sommer.
Die bildschöne Klincker nahm alle Komplimente und all die fiebernde
Verliebtheit der glänzenden jungen Herren stangensteif entgegen, gleich
einem präraffaelitischen Madonnenbilde. Sie, die mit Recht im Verdachte
stand, um ein volles Jahrhundert zu religiös zu sein, dankte bloß ruhig
dem Himmel für diesen neuen Sieg, und nur als ihr Gebieter, der Herr
von Vaudreuil, ihre schönen Hände küßte, erinnerte sie sich: Ach ja, da
muß ich einen Händedruck von mir geben.
Sie war von einer entzückenden Zurückhaltung. Sie war in ihrer
Art so unerhört an Tugend, wie Herr Crambon, der jetzt wieder ganz
Benjamin Franklin in rauherer Auflage war; alles staunte, woher dieser
gesträubte Pinienzapfen seine Glätte auf der Bühne genommen hätte.
Demoiselle Klincker bekam mehrere liebenswürdige Einladungen für diese
oder einer der nächsten Nächte, aber sie lehnte alle ab, und verwundert
und neidisch beglückwünschten die Herren den alternden Vaudreuil zu
solcher Tugend seiner Geliebten.
Herrn von Vaudreuil tanzten alle Nerven vor innerlichem Jubel ob
solchem Triumph.
Es stach ihn aber doch ein sehr feines Dörnlein, als Demoiselle
Klincker sich für heute von ihm frei bat, weil sie von der Generalprobe
sehr abgespannt sei und eine Nacht lang fest ausschlafen wollte.
Ach Gott, sie schlief ja auch bei ihm fest genug, dachte er seufzend,
als die unerschütterliche Tugend fortwandelte.
Es ließ ihm, als er dann auf seinem Zimmer allein war, keine Ruhe und
er rächte sich an ihr als echter, französischer Kavalier. Stundenlang
spazierte er, schon im Schlafrock, aber noch in Seidenstrümpfen, in der
einsamen Nacht des Schlafgemaches auf und ab, bis seine witzige Seele
endlich, endlich Erlösung in folgendem Epigramm gefunden hatte:
Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein!
Ich selbst drang manche Nacht / mit Liebe in sie ein; --
Wo andre rasen, liegt / sie so voll Apathie
Daß ich ihr sagen muß: / „Madam', ich meine =Sie=!“
Vaudreuil war sehr glücklich über diese Alexandriner, die ihm gelungen
schienen. Nach seiner Gewohnheit lief er sogleich zu einem seiner
feinsten Ehrengäste, dem Dichter Lebrun, der Bosheiten am besten zu
würdigen verstand, pochte an dessen Tür und weckte ihn. Lebrun, der
wußte, daß jede also gestörte Nacht am nächsten Morgen mit der holden
Sendung einiger Louisdors begütigt wurde, öffnete ihm in bester Laune
und bezeigte sich entzückt von dem Witz und der hübschen Formgebung
seines Schülers. Er sagte ihm, daß in zwei Tagen ganz Paris sich
hinter dem _oeil de boeuf_, auf den Boulevards und in den Garküchen
das reizende Bonmot in die Ohren flüstern würde und beging, da die
Gelegenheit gut war, schnell eine kleine Gemeinheit:
„Wir müssen diese reizend frivolen Verse augenblicklich dem Abbé Lucien
vorlesen. Der ist in solchen Dingen ein Feinschmecker, und wie ich
weiß, schläft er durchaus noch nicht.“
Abbé Lucien hatte in seiner Sorglosigkeit vergessen, die Türe seines
Zimmers zu verriegeln, und als der gute Vaudreuil hinter dem eiligen
Lebrun eintrat, indem er sein ungalantes Blättchen voll freudiger
Lesebereitschaft in Händen hielt, da mußte er Demoiselle Klincker bei
dem freisinnigen Abbé eingenistet entdecken.
Es war ein großer Schmerz; Vaudreuil ließ sein Stammbuchblatt fallen,
Lucien schnellte trotz mangelhafter Bekleidung überrascht in die Höhe,
Demoiselle Klincker zog in schweigsam-träger Scham die Decke so hoch
über den Kopf, daß unten die hübschen Füßlein herausguckten -- -- und
Lebrun lächelte.
Aber Vaudreuil blieb Edelmann.
„Bester Pater,“ begann er zum Räuber seiner Freuden, „ich bedauere
Demoiselle Klincker und mich, daß sie sich keinen anderen Herrn für
diese kleinen Vergnügungen zu wählen wußte. Ich bedauere Demoiselle
Klincker, weil sie durch den Wechsel ihres Liebhabers Einkünfte
verliert, die ihr der neue Besitzer ihrer Schönheit nicht so reichlich
wird zuwenden können. -- -- (Demoiselle Klincker unter der Decke
weinte.) -- -- Und mich bedauere ich, weil es mir nicht vergönnt
ist, einen ritterlichen Gegner für die mir zugefügte Beleidigung zur
Rechenschaft ziehen zu können.
„Oh!“ rief Lucien mit Lebhaftigkeit: „Was den zweiten Punkt betrifft,
so ist das leicht zu korrigieren. Sie werden die Güte haben, Herr Graf,
mir eine hübsche, gepuderte Zopfperücke, einen Tressenrock und einen
Degen zu leihen, an welchen Dingen ich Mangel leide. Was die übrigen
Bestandteile zu einem ritterlichen Gegner betrifft, so habe ich sie
zufällig bei mir.“
„Ah!“ rief Vaudreuil schon halb erheitert. „Auf Wiedersehen also morgen
um sieben Uhr früh im Garten bei der Ariadne, mein Pater.“
„Auf Wiedersehen!“ Der Abbé verbeugte sich höflich, und Vaudreuil
bemerkte noch: „Herr Lebrun wird die Güte haben, Ihnen die gewünschten
Requisiten zu überbringen und uns als Zeuge zu dienen.“
Eine tiefe Verbeugung der drei Herren und die Türe schloß sich
geräuschlos.
Abbé Lucien hob den Zettel des Grafen auf und las ihn der schluchzenden
Demoiselle Klincker lächelnd und mit anmutiger Betonung des
alexandrinischen Metrums vor:
Ihr sagt's, und es ist wahr, / daß Phyllis engelrein .....
* * * * *
Das interessante Duell im Garten bei der Ariadne nahm einen reizenden
Verlauf. Abbé Lucien focht wie eine Wespe und entwaffnete nach dem
dritten Gange seinen gräflichen Gegner. Ehrerbietig nahm er selbst den
davonklirrenden Degen vom Boden auf und überreichte ihn mit tiefer
Verneigung der Exzellenz des Herrn Grafen von Vaudreuil, der ihm
belustigt und versöhnt die Hand hinstreckte.
Chevalier de Coigny und Herr Lebrun, Herr von Beaumarchais und
ein Marquis Grouchy, die Zeugen, und Maitre Braçon, der Arzt,
applaudierten.
„Und nun gestatten Sie mir, teuerster Herr Graf,“ begann der Abbé,
indem er einen Zettel aus der Tasche zog, „Ihnen das gestern bei
mir verlorene Epigramm zu überreichen, im Verein mit meinen größten
Komplimenten über den Charme, über die zarte Zweideutigkeit und die
glückliche Form, in welcher Herr Graf eine Beobachtung eingeschlossen
haben, von der es Sie freuen wird zu hören, daß ich selbst sie ihrem
vollen Inhalte nach bekräftigt gefunden habe.“
Die Herren lächelten alle wie eine Reihe von Sonnenaufgängen.
„Ah!“ rief Vaudreuil erfreut. „Da Sie sich nicht schmeicheln dürfen,
Demoiselles Temperament in größere Schwingungen versetzt zu haben, als
dies mir glückte, so würden Sie meiner Neugierde einen großen Gefallen
tun, mir zu sagen, wie doch es gerade Ihnen gelingen konnte, die
Gunst Demoiselles zu erobern, um die sich so viele glänzende Kavaliere
vergebens bemühten?“
„Die Antwort steht schon,“ lächelte Abbé Lucien, „unter Ihren reizenden
Versen.“
Herr von Vaudreuil entfaltete den Zettel und las seinen Freunden vor:
Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein.
Nie füllte Leidenschaft / dies Herz mit Feuerpein;
Zwei Schlüssel öffnen nur / des Himmels kleines Tor
Genau so wie in Rom: / Beichtzettel und Louisd'or.
Die Herren applaudierten abermals entzückt und Vaudreuil umarmte seinen
geistvollen Gegner. Das war ein köstliches Erlebnis, an dem sich der
ganze Hof amüsieren würde.
„Sie müssen Mitleid mit mir haben, meine Herren,“ fügte Abbé Lucien in
betrübtem Tone hinzu, „wenn ich Ihnen verrate, daß Demoiselle Klincker
mein einziges Beichtkind von zweihundertneunundzwanzig auf Schloß
Vaudreuil und Dependancen anwesenden Personen ist. Sie ist sehr fromm.
Eine große Merkwürdigkeit, das,“ schloß er seufzend.
Die Herren lächelten alle wie eine Reihe von Sonnenaufgängen.
* * * * *
Die Erstaufführung der „Hochzeit des Figaro“ hatte schon vor dem
Aufziehen des Vorhanges ungeheuern Erfolg. Die Blüte des Adels von
Frankreich füllte das Parterre des Schloßtheaters so reich, so bunt und
erregt, wie ein riesiges Blumenbeet, in dem der Wind plaudert.
Die Logen leuchteten von den herrlichsten Schultern und dem anderen
lebenden Elfenbein, das die Damen jener Zeit in so liebenswürdiger
Fülle ausstellten. Die hohen Frisuren nickten nervös und lebhaft, die
roten Mäulchen plapperten alle durcheinander, übereinander, und ein
erregtes Kichern rieselte durch das ganze Theater. Man freute sich der
reizenden Geschichte des glänzenden Vaudreuil mit der Klincker und dem
kleinen Abbé, der heute wie eine kostbare Berloque umhergereicht wurde
-- überall vorgestellt, überall angelächelt, überall eingeladen.
Beaumarchais hatte eine Stimmung für sein Werk, wie sie nicht
glücklicher sein konnte.
Und wie gespielt wurde! Herr Crambon schien durch die festliche
Lichterfreudigkeit des Abends wie verhext. Beaumarchais traute seinen
Ohren nicht, seinen Augen nicht, seiner Menschenkenntnis nicht.
Dieser Figaro war wie ein Federball: elastisch, luftig, graziös gab
und nahm er Stich und Intrige. Er war der vollendete Kammerdiener in
jeder Bewegung und hatte mehr Temperament und Beweglichkeit, als alle
Wasserkünste von Versailles.
Ach, und die zwei Frauenzimmer! Ach, die Gräfin und Suzanne!
Sie spielten um Herrschaft und Leben, die beiden kleinen Luder.
Demoiselle Klincker wußte: heut errang sie sich die Liebe des Herrn
von Vaudreuil und ihr hübsches Nadelgeld zurück, oder nie mehr wieder.
Die tiefe Wehmut und die passive Rolle der betrogenen Frau lag ihrem
trägen Temperamente, und sie war sentimental wie eine Herbstzeitlose im
Abendtau.
Das kleine Zöfchen, die Lenore Oiseau aber, die wußte: Heidi, heut
gibt's eine vakate Stelle zu erobern! Sie war schlank und graziös wie
eine Menuettfigur; sie schlang und schmeichelte sich um ihre Gräfin
wie ein Kätzlein. Sie sprühte vor entzückender Koketterie; sie duftete
leise und bestrickend nach verhohlener Sinnlichkeit, und die galanten
Herren nagten sich vor Appetit die Lippen wund, während sie spielte.
Über alles hin aber sprühte und flammte das Klingengezisch des
witzigen Meisterfechters, des Herrn von Beaumarchais. Der gesamte Adel
beglückwünschte mit hellrieselndem Gelächter den eleganten Angreifer
seiner eigenen Gesellschaft, und ein Applaus ohnegleichen wurde dem
unglaublichen Sieger von denen zuteil, die er hier hageldicht prickelnd
mit Witz und Hohn überraschte.
Jeder meinte, es gälte dem anderen und alle amüsierten sich köstlich.
Der Anstifter dieser Aufführung, welche ganz eigentlich der geistvolle
Prolog zur größten aller Revolutionen war, der ausgezeichnete Graf von
Vaudreuil, saß leuchtend vor Glück und blaß vor Wehmut in seiner Loge.
Er hatte dem Genie einen unerhörten Sieg erkämpft.
Er hatte eine schöne Geliebte verloren.
Er würde diese kleine, entzückend geschmeidige Katze, diese Lenore
Oiseau zur Geliebten nehmen, würde von ihr geherzt, gebissen und
verliebt umringelt werden, wie ihn das Glück und die Hofgunst herzte,
verliebt umringelte -- -- und biß. Und dennoch würde sie ihn betrügen,
wie die schöne, fromme, träge Klincker ihn betrogen hatte.
Die kleine Lenore hatte ihm für morgen im Garten ein Rendezvous
gegeben. Mit welcher Bedeutsamkeit füllte sich also für ihn ihre Rolle,
in der sie ihrem Grafen, ihrem gehänselten Grafen auf der Bühne, das
Billettchen annestelte, worin sie den Ort zu einem Stelldichein mit den
Versen eines scheinbar harmlosen Gedichtleins verdeckte:
Sonne, die im Westen steht
Läßt dich Süßes ahnen, -- -- --
Abends, wenn sie untergeht -- -- --
Hinter den Platanen.
Die Verse gingen ihm im Kopfe umher, er wußte nicht warum. Er wurde
alt. Sollte er dennoch nach der kleinen, heißen Lenore greifen? Sollte
er ein neues, ernsteres Leben beginnen? Die geistvolle Komödie seines
Protegés machte ihn sehr nachdenklich ....
Das Stück war zu Ende gespielt. Rollender Jubel, prasselnder Applaus,
donnernder Zuruf stürmte auf Beaumarchais, auf die Schauspieler, auf
den erlauchten Mäcen ein. Ja, Vaudreuil wurde aus seiner Loge geholt
und mußte mit Caron de Beaumarchais auf die Bühne treten. In seiner
Rechten hielt er die kühle Linke des witzigen Dichters, in seiner
Linken zuckte die kleine, heiße Hand Lenorens.
„Beaumarchais wurde gefeiert wie die Sonne, Vaudreuil wie Phöbus, der
sie am Himmel emporführt,“ schrieb Lebrun einer Freundin.
Es war betäubend und sogar für den Weltmann Vaudreuil zuviel des
Sieges. Der Jubelsturm solch erlauchter Gesellschaft, in der die
meisten Mitglieder der königlichen Familie vertreten waren, mußte den
Widerstand des Königs zerknicken, wie zügellose Rosse einen Hühnerzaun.
Jeder der Gäste fuhr mit dem stahlfesten Entschluß fort: das muß man in
Paris hören! Beaumarchais hatte gewonnen Spiel.
In der Nacht aber ging der erlauchte Dilettant Vaudreuil abermals
unruhig in seinem Schlafzimmer auf und ab. Er dachte an Crambon, der
trotz seiner glänzenden Beweglichkeit vorzöge, ein harter, reiner
Philosoph zu sein. Er dachte an Lenore, in die er sich verliebt hatte,
und an ihre Verse:
Sonne, die im Westen steht,
Läßt dich Süßes ahnen -- -- --
Abends, wenn sie untergeht -- -- --
Hinter den Platanen.
* * * * *
Sonne, die im Westen steht!
Er betrachtete sein Antlitz im Spiegel. Noch blitzten die Augen, aber
zahllose, feine Runzeln umspannen sie mit den Buchstaben des nahenden
Alters. Der Puder deckte das Grau seiner Haare, graziöse Lebhaftigkeit
deckte die leisen Seufzer seines Herzens. Bei Hofe, bei den Dichtern
und Denkern Frankreichs galt er als einer der Besten ....
Bei den Frauen nicht mehr.