Sie blieben vor der kleinen Heurigenschenke stehen. Das letzte Häuschen
von Währing. Eigentlich zwei aneinandergebaute; sie standen unter
einem Dache. Links eine Wirtshaustür mit dem Föhrenzweigbüschel,
des Herrgotts Zeigefinger, daß hier heuriger Wein zu haben sei. Zwei
laubüberfallene Tische im Freien, eine vormittagstille Wirtsstube.
Rechts eine Gärtnerei, und des Hauses ganze Hälfte überhangen
mit Kränzen für Allerheiligen. Tiefblutviolette Blattkränze oder
welschkorngelbe Reifchen, in denen mit schwarzen Samenkörnern eingefügt
stand: Ruhe sanft. Die Astern, die Enterbten des Sommers, hatten hier
ihren Beruf gefunden, und was sonst noch von der kinderfroh stehenden
Schar der Blumen den Herbst überdauert hatte, alles war hier als
Trödelkram des Totenfestes in Kränzen zusammengeschnürt.
Abermals standen vor ihnen die beiden gleichstarken Mächte und schauten
sie aus großen Augen an.
Wolfgang Amadé wehrte sich nicht mehr. Still und ergriffen trank er
seinen Wein und sah die Allerseelenkränze an. Und Gilovsky saß neben
ihm, -- Ossians Gesänge und die Leitartikel der Pariser Winkelzeitungen
wildbunt in einem Herzen zusammengepreßt.
„Wird dein blaßwangiges Elend voll Druck und Haß jemals bis in diese
Einsamkeit der Blumen und Reben heraufgreifen?“ fragte Mozart.
„Die neue Zeit wird ihre Hand auch um diese Vergessenheiten schließen.
Es wird eine Welt kommen, in welcher selbst die Armut Geist und Seele
haben wird.“
„Ich sehne mich,“ sagte Mozart, „mit zerspringendem Herzen nach jenen,
welche sich in dieser neuen Zeit nach mir sehnen werden!“
Dann trank er rasch und viel von dem neuen Weine, der ihnen vorgesetzt
worden war, und sprach den ganzen Tag kein vernünftiges Wort mehr.
Gilovsky trennte sich bald von ihm. 's ist ein Musikant, dachte er im
Fortschreiten; die Harmonie ist ihm wichtig und die endliche Auflösung
in Reinheit und Einheit notwendig. Niemals wird er den Sturm, die
Zerstörung und den Haß erkennen, welche viel notwendiger sind.
* * * * *
Mozart fuhr nach Prag, um seinen Don Giovanni zu vollenden, Gilovsky
aber suchte in Wien die Freunde, welche ihm helfen sollten, die neue
Zeit mit dem Sturm, der Zerstörung und dem Haß auch im wiesenhaften
Wien zu gestalten.
Er wurde, zur Zeit der Revolution, Jakobiner und begann mit einem
Dutzend Menschen, welche unter Millionen von Österreichern allein
dachten wie er, jene Verschwörung, welche mit Kräften, die kaum
hingereicht hätten, den Bürgermeister einer Kleinstadt zu stürzen, den
Thron der Habsburger untergraben wollte.
Der Verhaftung hat er sich dann durch einen Pistolenschuß ins eigene
Herz entzogen. Er starb im Wertherstil, den er so sehr geliebt hatte.
Alles, was von diesem wilden Herzen übrigblieb, sollten die
ahnungsvollen Schauer sein, die er an jenem Herbsttage in Mozarts Seele
zum Tönen gebracht.
* * * * *
Wolfgang Amadé aber schien sie bereits vergessen zu haben. Denn
vor Prag hatte Freund Duschek einen sonnenluftigen Weingarten. Dort
wohnte Wolfgang Amadé, schob Kegel und hatte dabei Herz und Kopf voll
Wohllaut.
Alles war zum Don Giovanni fertig. Die süßen Schmeicheleien Zerlinens
und die Weltfreude seines Helden, -- sogar der Bauernbursch; und
einzig noch fehlten der tote Komtur und die Ouvertüre. War es ihm denn
unbequem?
Sie tranken dort, tollten und neckten sich in der Villa vor dem
goldenen Prag; nur bänglich leise fragten manchmal die Freunde: „Was
ist mit der Ouvertüre? Die Oper soll in wenigen Tagen gegeben werden!“