Madame Dorette und die Natur 149

Der Salon der Frau von Vermillon, oder: Das 213

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Die Schauer im Don Giovanni.

Es war einmal ein rasiges, wiesenhaftes Wien.

Um die Stadt hielten sich die grünen Basteien an den Händen: gar

kein eherner Reifen. Nein, wie ein Ringelreihen lachender Mädchen.

Bocksbart, violetter Salbei und sonnenfarbiger Löwenzahn wuchsen

sorglos, das Gras wehte jedem Wind zuliebe, ganz so wie das große

Kindervolk in jener Stadt, und ein hellgraublauer Invalidenfeldwebel

hütete die kleine Halmbrut vor den zahllosen Kindern, welche mit eben

dieser Zahllosigkeit schuld wurden, daß später graue Steine über die

liebliche Rasensanftheit wuchsen.

Die Vorstädte lagen ringsum auf Wiesenhügeln oder in Bachsenkungen.

Und die Wiese war Königin der Gegend. Unverwüstlich brach sie selbst

mitten in den heutigen inneren Bezirken aus der Erde, und alle Gassen

waren rasig, weil das jubelnde Grün sogar zwischen den Pflastersteinen

übermütig herauslachte. Die Natur neckte sich noch mit der Stadt; es

war eine Kinderei ohnegleichen, und rechte Kinder des weinsonnigen

Landes hatten auch diese Stadt gebaut.

Nicht hoch hinaus. Auf Zins und Miete wohnten damals so wenig Leute,

daß in der Vorstadt ein zweites Stockwerk schon als protzig galt. Dazu

vermochten diese hell lebendigen Menschen die Infamie der Baulinie

noch nicht zu erfinden. Die Häuschen lagen wie aus dem Ärmel des lieben

Gottes geschüttelt: Die einen über Eck, andere scheu in die Gartenferne

zurückweichend; da und dort griff ein weingetreues Wirtshaus hedarufend

mitten in den Fahrweg und zog die Langfront der Giebelstellung vor,

weil Fuhrleute Raum haben wollen. Und in den Straßen lag die Sonne, und

in den Straßen lag die Ruhe und die Bedächtigkeit. Der breite, volle

Spruch: „Heute bin ich, und das Morgen hat Zeit“. In unseren Tagen ist

es eine Kostbarkeit, wenn der Sonnenstrahl bis auf den Straßengrund

gelangt, eine Erstaunlichkeit, wenn sich dort ein Hund im warmen

Scheine blinzelnd streckt, und ein Märchen, wenn ein Kätzlein die

beneidenswerte Himmelsgnade auf seinen faulen Pelz brennen läßt. So ein

Kater, der sich sonnt, ist wie ein Symbol der guten alten Zeit.

Damals war die Stadt eine Versammlung heimtrauter Anwesen, und über die

Häuser hinweg grüßten sich winkend die Bäume der Nachbargärten. An der

Mauer hing reichlich die Rebe, die wunderkräftige Rebe, welche eines

ganzen Volkes Charakter bestimmen kann.

Damals war die Vorstadt Sommerfrische. Die beweglichen, reisegewohnten

Künstler sogar, die leichtlebigsten Naturkinder, welche sich für eine

Reise in den grünrauschenden Sommer Schulden aufzuladen vermochten,

zogen hier nicht weiter als bis in die Vorstadt. Meister Wolfgang Amadé

sogar, der nur zwei Werte kannte, den Tag und die Ewigkeit, der das

Morgen mitsamt seinen Reimen Borgen und Sorgen auslachte, dem war es

genug, wenn er für den Sommer in Vorstadt oder Vorort ein vom Rauschen

der Bäume ummusiziertes Gartenhäuschen hatte.

Dort schrieb er dann Sachen, über welche das Herz der ganzen Welt

hüpfte und lachte. Das wiesenreiche Wien schaute ihm dabei über die

Schulter. Jetzt im Herbst nahm er Abschied von der Wiese. Wenn er

wiederkam, lag Allerheiligenreif darüber. Es war schon hoher Oktober,

und er mußte nach Prag zu dem Volke, das fast besser zu singen und

zu klingen verstand als die Wiener, um ihnen dort seinen Don Giovanni

vorzustellen.

Wolfgang Amadé ging mit seinem Freunde, dem Geheimschreiber Gilovsky,

der von Paris gekommen war, über die Rasenhügel der Türkenschanze;

Wolfgang Amadé im schönsten Staatsfrack, der auf Kredit zu haben war,

in Strümpfen und Schnallenschuhen, Gilovsky in der Werthertracht.

Blauer Frack, gelbe Weste, Stiefel mit Stulpen. Ein wilder Junge, dem

die Haare wie Flammen auseinander standen; und seine Augen flackerten

wie Lichter im Winde.

In der Ferne brannten die roten Buchenwälder des Kahlenberges.

„Der eine kommt, der andere geht,“ lachte Mozart, dem es wohltat,

Plattheiten zu reden, wenn in seiner Seele der Aufruhr der Klänge

wühlte. „Was gibt's Neues in Paris, Bruderherz?“

„Schwerwuchtig Neues,“ sagte Gilovsky. „Es rührt sich eine andere Welt,

um zu entstehen. Die Franzosen werden ein anderes, eisernes Zeitalter

schaffen.“

„Die Franzosen? Ach Gott nein. Das sind bloß Österreicher mit einer

hübscher gefältelten Sprache. Ich glaube, die verklärten Seelen der

Wiener kommen in Paris wieder auf die Welt.“

„Nimm das nicht so leicht, Wolfgang. Was hast du von Paris gesehen? Die

Pompadour, Straußenschweif und Reiherbusch, Brokat und Parkett.“

„Und du?“

„Ich war anderswo. Bei den Winkelzeitungen, wo junge Bürgerliche,

glühend wie unterirdisches Feuer, für hundert Franken im Monat um

zehntausend Franken Genie verbrennen. Wo über den Freiheitskrieg in

Nordamerika gewispert wird, daß sich ihn Frankreich auf den eigenen

Schiffen, in den eigenen Regimentern importieren wird. Gib acht,

Wolfgang Amadé, -- ein Volk, in dem die ersten Siedebläschen steigen.“

Mozart blieb stehen und schaute zu Boden. Die Musik in ihm schwieg.

Nachhallend nur fielen ringsum von den goldenen Bäumen flüsternde

Blätter. Wie verrieselnde Noten eines Scherzo, welches zu Ende ging.

Der junge, wilde Gilovsky in seiner Werthertracht aber zog ihn mit

sich: „Hörst du, sie hassen dort das helle, frohe Genießen, und ich,

Wolfgang Amadé, ich hasse es auch. Denn ich bin einer von der neuen

Welt, das habe ich dort erfahren. Dort sind die Gassen eng, die Häuser

hoch. Dort brütet in Staub und Brodem der Stank der Sonnenlosigkeit.

Dort hockt die hohlwangige, skrofelfeuchte Wohnungsnot, das Elend

der Masse, der maschinenstarke Druck der Industrie über jeder Brust.

Hier in Wien gibt es das noch nicht, was sie in London Mob, in Paris

Pöbel nennen. Hier hat der unterste Stand seinen Stolz und der Stolz

seinen Grundbesitz. Dort aber hat ein böser Übermut den Menschen zur

Schachtelware gemacht. Gedrängt sitzt dort das blaßwangige Elend,

-- aber Wolfgang: es jammert nicht. Es brütet. Und das ist schön,

-- schön! Hier singt und leuchtet die Welt noch. Wien ist eine

große Wiese, voll Grillen und Heupferdchen, die alle im schläfrigen

Sonnenschein musizieren. Dort aber ist der Groll, das Stöhnen, der

Seufzer, die Sehnsucht. Dort erlebst du das Wunder, daß Flammen aus dem

Sumpfe steigen; die Flammen des Irrlichtes. Es ist schön, wunderschön,

geheimnisvoll schön!“

Wolfgang Amadé fieberte leise. In ihm hatte stets wie hinter einem

Vorhang ein kleiner, dunkler Raum gelegen, in dem Ähnliches träumte.

Nun fingen dort seltsame Stimmen zu rufen an, die ihn mit Angst

schüttelten. Stimmen, welche für seine Sonnenwelt das Jenseits

bedeuteten. Sie hatten schon vor Jahren aufgeschrien, als Graf Arco

ihn wie einen Halunken aus den Diensten des Erzbischofs gestoßen

hatte, und hatten von da ab stets einen leisen Unterton gesungen, wenn

übermütige Adelige ihn begönnerten. Aber er liebte so sehr das Lachen,

die bunten, schönen Kleider, die reichen, königlich frisierten Frauen,

den Champagner und den Luxus, daß diese Stimmen selten sangen. Nur dann

und wann schwang sich unendliche Wehmut wohllautvoll wie ein sterbender

Schwan über die Welt seiner Melodien empor. Es war das österreichische

Juchzen, von dem niemand sagen kann, ob es Lust bedeutet oder Weh, denn

trunkene Arbeiter und Rekruten können es am besten.

Auch der kleinen Zofe Despinetta, so übermütig sie ist, hat er solche

sehnsüchtige Töne gegeben, die wie geängstigte Lerchen über die

abendlich verdunkelte Welt in das Sonnenreich hinaus wollen.

„Bruder Wolfgang,“ mahnte Gilovsky, „hast du nicht einen Geheimverein

gründen wollen, mit dem Namen ‚Die Grotte’? Einen Verein, in dem der

Ernst des Lebens wie ein unterirdisches Wasser unter den Wiesenflächen

der Sonne raunt und murmelt? Ich wüßte dir Mitglieder -- -- -- --“

„Da muß ich dir gestehen,“ sagte Mozart, „daß wohl im Grunde meines

Wesens der Widersacher stets eine Unterstimme hat. Aber der Gedanke mit

der Grotte entstand nur aus der Angst, die unsereins, vom Menschenvolk,

hat, sich nicht bestätigt und bekräftigt zu fühlen. Siehst du, lieber

Gilovsky, man wünscht sich Mitschuldige. Aber freilich, wenn man dann

einen sieht und hört, dann erschrickt man vor ihm und vor sich selber.“

-- Und er lächelte: „Ich werde allein bleiben in meiner Grotte.“

„Das ist,“ rief Gilovsky unwillig, „weil du für nichts anderes ein Herz

hast, als für deine Noten!“

Und er sprach weiter von London und Paris und wiederholte, daß ihm

die düsteren Gassen, die Unzufriedenheit als Seele aller Menschengröße

tausendmal geliebter sei als alles _Te Deum laudamus_.

Mozart aber, das Kind, in welchem das Ja sonst lebendiger war als das

Nein, schwieg mit bangem Herzen. Denn zwei gleich starke Mächte standen

vor ihm und schauten ihn aus großen Augen an.

Er versuchte unter diesem Blicke abzulenken und spähte in die Ferne,

wo, in den Buchenwäldern des Kahlenberges, des Todes festlich rot und

gelbe Fahnen wehten; darüber lächelte der begütigt blaue Himmel. --

Wieder die beiden Mächte. Sie standen vor ihm und schauten ihn an.

Da schüttelte der geplagte Wolfgang Amadé die gepuderten Locken,

daß der Zopf die Schultern schlug und ein leises Reismehlwölkchen im

Herbsthauch davonflog. Er schüttelte sich wie ein Rößlein, das Bremsen

verjagen möchte.

„Ein Glas Wein, Bruder,“ rief er dann. „Lassen wir jedem das Seine und

vereinigen wir uns. Ich will vergessen, du =mußt= es. Ein Glas Wein,

hier, vor diesem Häuschen? Wie schön winkt es uns zu!“

Vom sterbenden Rokoko · 第 8 / 25 题