Die äusseren Ereignisse in Michelangelos Leben hatten für sein Dichten
keine grosse Bedeutung. Gelegenheitsgedichte finden sich nur in sehr
geringer Zahl in seinem Canzoniere. Einige an Rom und Florenz, an den
Papst, einige an Freunde, Dank oder Entgegnungen -- und selbst von diesen
scheinen mehrere langgetragene Gedanken zu enthalten, die nur bei einem
bestimmten Anlass ihre Form fanden.
Ein tieferer Zusammenhang wird wohl zwischen seinen bildnerischen Werken
und seinen Dichtungen bestehen, und es würde Gegenstand einer besonderen
Untersuchung sein müssen, Parallelen in der Entwicklung von Gedanken und
Form auf den verschiedenen Gebieten seines künstlerischen Schaffens
aufzuzeigen.
Von grossem Einfluss für sein Dichten waren die Menschen, die er liebte:
Die Unbekannten, an die er die Liebesgedichte vor und nach der Colonnazeit
mit ihren wechselnden Stimmungen richtete, Febo di Poggio (vor 1534, als er
Florenz für immer verliess), Cecchin Bracci, und vor allem jene beiden, die
die schönsten seiner Gedichte werden liessen, Tommaso Cavalieri und
Vittoria Colonna.
Zwischen und in den so entstehenden grossen Gruppen liegen einzelne
Dichtungen von, man möchte sagen, objektiverem Charakter, soweit hiervon
bei einem Michelangelo überhaupt die Rede sein kann. So der Gesang der
Toten, die Epitaphien, die Stanzen auf Stadt und Land, die Sonette auf die
Nacht und jene zwei auf Dante, in denen er wie mit Autorität über seinen
grossen Landsmann spricht.
Für sich steht die lang vorbereitete Gruppe der letzten Jahre. Diese
Gedichte sind zum grossen Teil an Christus gerichtet, und die Ideen der
Schuld, der Reue, des Ringens nach Erlösung finden in ihnen oft
wundervollen Ausdruck.
Die meisten seiner Dichtungen entstanden, indem lange in ihm arbeitende
Gedanken sich endlich zur Formung durchrangen, oder es ihm unter dem
Eindruck von Persönlichkeiten oder Ereignissen gelang, sich, sein Streben
und Sehnen auszusprechen. Dann lösten sie sich aus diesem Zusammenhang los
und wurden immer mehr Gegenstand rein künstlerischer, unermüdeter Arbeit.
Mit Freunden wurden sie durchgesprochen, beurteilt, Version auf Version
entstand, Zeile auf Zeile wurde variiert, bis der Dichter, befriedigt,
vielleicht das Gedicht mit seiner schönen, malenden Schrift noch einmal
abschrieb. Oder aber es wurde noch nach Jahren wieder hervorgeholt und
umgearbeitet. Andere blieben Fragment; entweder war die Stimmung erschöpft,
oder der Dichter vermochte ihr keine volle Form zu schaffen, liess das
Begonnene liegen und versuchte es vielleicht in einem neuen Anlauf. --
Wenn nun hier die Gedichte unter bestimmte Adressen gesetzt sind, so will
damit nicht gesagt sein, dass Michelangelo sie alle ausdrücklich an die
betreffende Persönlichkeit gerichtet habe, sondern dass sie unter ihrem
Einfluss entstanden und tatsächlich auch oft an sie gelangt seien. --
Wortschatz und Bilder nahm er aus der literarischen Sprache seiner Zeit.
Besonders Petrarca und Dante, den er wohl wie kein zweiter mit kongenialem
Geiste verstand, haben stark auf ihn gewirkt. Eben aus ihnen und durch den
Verkehr mit den Gelehrten am Hofe Lorenzos wurden ihm auch die Gedanken der
platonischen Philosophie vertraut. In ihnen fand er die Formeln für sein
eigenes Suchen nach dem Ewiggültigen, und sie sind so tief durch sein Wesen
gegangen, dass sie ganz als sein Eigentum gelten müssen. Vollends in jenen
Dichtungen, in denen er die Bilder aus "seiner" Kunst, der Plastik, nahm,
schuf er völlig Neues. Und diese Bilder sind gerade da am häufigsten, wo er
in vollendetster Form sein Sehnen nach der Vollkommenheit ausspricht, in
den Gedichten an Vittoria. --
Der Gedankengang dieser Auswahl ist etwa dieser: einige Gedichte an
Florenz, den Papst; Gelegenheitsgedichte; leichtere Liebesgedichte; Dank
und Freundschaft; einige Dichtungen "objektiveren" Inhalts; tiefere,
persönlichere Liebesgedichte; Vittorias Tod; für Michelangelos
Kunstauffassung bedeutsame Gedanken; Suchen nach ewiger Schönheit
(Cavalieri); die Nacht, der Gesang der Toten; der Vollkommenheitsgedanke
(Vittoria); endlich die geistlichen Dichtungen, Schuld, Reue, Tod,
Erlösung.
Den Übersetzungen liegt der Text von Guasti zugrunde; es wird deshalb in
den Anmerkungen auf ihn verwiesen (G. p. = Cesare Guasti, Le rime de
Michelangelo Buonarroti ... Firenze MDCCCLXIII, Seite ... ). Sonst hätte
die neuere Ausgabe von G. Frey, Die Dichtungen des Michelagniolo
Buonarroti, Berlin 1897, angezogen werden müssen. Auf ihren sehr
umfangreichen kritischen Apparat stützen sich hauptsächlich die Anmerkungen
zu den Gedichten, ebenso die Zuweisung der Dichtungen an die betreffenden
Adressaten. --
In den Übersetzungen von Sophie Hasenclever wurden einige kleine Änderungen
da vorgenommen, wo das Original nicht sinngerecht wiedergegeben schien.
1. G. p. 303. -- Capitolo, Fragment, wahrscheinlich 1524-26, in Florenz.
Die Auffassung des Gedichtes schliesst sich an die H. Grimms an. In
jener Zeit arbeitete Michelangelo in Florenz an den Grabdenkmälern der
Medici. Die Unbeständigkeit seines Auftraggebers, Clemens VII., der
seine Arbeiten durch andere Pläne unterbrach und auch über die
Ausführung der Gräber öfter seine Ansichten wechselte, Zwistigkeiten
mit seiner Familie, Schwätzereien der Florentiner, Verdächtigungen und
Intriguen seiner Feinde brachten ihn in diese Stimmung, in der ihm die
Stadt wie eine grausame, spottlustige, launische Geliebte erschien.
(Vgl. Grimm, "Fiorenza", Pr. Jahrb. Bd. 47, p. 319ff.). -- Frey hält
das Capitolo für ein Liebesgedicht, eine von vier Versionen, die 1546
von Michelangelo zu einem Madrigal (G. p. 100) verarbeitet wurden.
2. G. p. 3. -- Epigramme, 1545. -- 1492 war Lorenzo il Magnifico
gestorben. Auf ihn folgte sein Sohn Piero II. 1494 zog Karl VIII. von
Frankreich über die Alpen, um seine Ansprüche auf Neapel geltend zu
machen. Nun hatte Piero mit Alfons II. von Neapel Beziehungen
angeknüpft und war so dem Angriff des Franzosen ausgesetzt, zumal auch
Lodovico il Moro Karl gegen Florenz hetzte. In der Gefahr verlor er
alle Fassung und lieferte schon in den ersten Verhandlungen die
Festungen des Landes aus. Die entrüsteten Florentiner vertrieben ihn
bei seiner Rückkehr aus der Stadt, die nun in die Hände der Franzosen
fiel. Es folgte die Zeit Savonarolas, der 1498 gestürzt wurde. Die 1495
eingerichtete republikanische Regierungsform musste wieder fallen, als
1512 Julius II. Giovanni und Giuliano de Medici, die Brüder Pieros II.,
in die Stadt zurückführte. Giovanni wurde 1513 als Leo X. Papst; auf
ihn folgte Giuliano und dieser gab bald seine Herrschaft an Pieros Sohn
Lorenzo II. Nach ihm Giulio, der 1523 als Clemens VII. den päpstlichen
Thron bestieg, die Herrschaft über Florenz aber mitbehielt. Als 1527
Rom durch die kaiserlichen Truppen erobert und geplündert wurde,
machten in Florenz die Republikaner den Versuch, die frühere
Regierungsform wieder herzustellen, aber das vereinigte Heer der
Kaiserlichen und des Papstes zwangen die Stadt nach zehnmonatlicher
Belagerung (Michelangelo war bei der Befestigung tätig) zur Übergabe
(1530). Zur Herrschaft kam Lorenzos II. natürlicher Sohn Alexander, der
1537 durch seinen Vetter Lorenzino ermordet wurde. Nun gelangte Cosimo,
des ersten Cosimo Urenkel, zur Herzogswürde und wusste in geschickter
Weise seine Herrschaft endgültig zu befestigen. -- 1545, als für die
aus Florenz geflüchteten Republikaner jede begründete Hoffnung auf
Wiederherstellung der Republik geschwunden war, entstanden die
Epigramme. Michelangelo antwortet in Rom auf einen Vierzeiler des
Giovanni di Carlo Strozzi (1517-1570). Dieser lebte in Florenz
humanistischen Studien und war Mitglied der Akademie.
3. G. p. 25. -- Madrigal, 1545-46. -- Ein Zwiegespräch der verbannten
Florentiner mit ihrer Heimatstadt.
4. G. p. 156. -- Sonett, wohl 1511, gegen Ende der Arbeiten an der
Sixtinadecke (1508-12).
5. G. p. 158. -- Sonetto caudato oder ritornellato; das eigentliche Sonett
schliessen 1-2 Ritornelle, Kehrreime. Etwa 1508-11. -- Giovanni da
Pistoja, vielleicht, was Frey bezweifelt, Kanzler der Florentiner
Akademie. -- Das Gedicht spricht von den Mühen der Arbeit an der
Sixtinadecke.
6. G. p. 338. -- Stanzen, Fragment, etwa 1518-24. Ein Spottgedicht auf
eine Unbekannte in Florenz.