Eure ergebene

Marchesa di Pescara.

4.

Im Kloster zu _Viterbo_, den 20. Juli [1541-1543].

Kunstreicher Meister Michelangelo! -- Euer Brief war gewissermassen eine

Antwort auf den meinigen; dies ist der Grund, weshalb ich Euch noch nicht

antwortete. Dann dachte ich auch, wenn wir beide wie bisher in unserem

Briefwechsel fortfahren wollten, wie es Euch Eure Liebenswürdigkeit und mir

die Pflicht der Dankbarkeit vorschreiben, so könnte ich mich nicht mehr zu

den vorgeschriebenen Stunden mit den Schwestern in der Kapelle der heiligen

Katharina einfinden, und Ihr könntet nicht in der des heiligen Paulus vom

frühen Morgen an den Tag in vertrauter Unterredung mit Euren Gemälden

verbringen, die doch zu Euch in der natürlichen Sprache ihrer Linien ebenso

verständlich reden, wie zu mir die lebendigen Menschen meiner Umgebung: und

so würde ich gegen die Bräute und Ihr würdet gegen den Statthalter Christi

fehlen. Ich kenne die Treue Eurer Freundschaft und die Kraft Eurer in

christlichem Geiste gefestigten Zuneigung und denke darum, ich brauche Euch

nicht durch eigene Briefe den Empfang der Euren zu bestätigen. Vielmehr

will ich mich bereit halten und die erste Gelegenheit erwarten, um Euch

gewichtigere Dienste zu leisten. Unterdessen bitte ich den Herrn, über den

Ihr mir bei meiner Abreise Worte so glühender und demütiger Liebe sagtet,

er möge mich bei meiner Rückkehr in Eurem Herzen sein Bild erneuert und so

glaubenslebendig finden lassen, wie Ihr es mir auf dem Bild der

Samaritanerin gemalt habt.

Euch und Eurem Urbino empfehle ich mich.

Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini · 第 168 / 231 题