AN BUONARROTO ... IN FLORENZ.

_Rom_, den 30. Juli [1513].

Buonarroto! ---- Michele erzählte mir, Du habest ihm vorgerechnet, dass Du

in Settignano für uns ungefähr sechzig Dukaten von Deinem Gelde ausgegeben

habest. Ich erinnere mich, dass Du auch hier bei Tisch zu mir sagtest, Du

habest eine grosse Summe aufgewandt. Doch ich stellte mich, als verstünde

ich nicht, wunderte mich aber nicht, denn ich kenne Dich. Ich denke, Du

wirst Dir den Betrag aufgeschrieben haben, um ihn eines Tages von uns

zurückfordern zu können. Ich möchte aber von Dir undankbarem Menschen

wissen, mit welchem Geld Du ihn erworben hast; und ebenso möchte ich

wissen, ob Ihr nicht mehr an jene zweihundertundachtundzwanzig Dukaten

denkt, die Ihr mir von meinem Guthaben in Santa Maria Nuova genommen habt,

an die vielen Hunderte, die ich für Euer Haus und die Familie ausgegeben

habe, und an die Drangsale und Entbehrungen, die ich ertrug, um Euch zu

helfen. Ich möchte wissen, ob Du daran denkst! Wenn Du nur soviel Verstand

hättest, um die Wahrheit erkennen zu können, würdest Du nicht sagen: 'ich

habe mein Geld ausgegeben', wärest auch nicht gekommen, um mich an Eure

Forderungen zu mahnen; Du hättest vielmehr daran gedacht, wie ich mich Euch

gegenüber in der vergangenen Zeit betragen habe. Du hättest Dir gesagt:

'Michelangelo weiss, was er uns zugesichert hat, und wenn er es jetzt nicht

erfüllt, so muss ihn irgend etwas, was wir nicht wissen, gehindert haben',

und Ihr würdet Euch gedulden. Denn es tut nicht gut, dem Pferd noch die

Sporen zu geben, das schon so schnell läuft, als es vermag. Aber Ihr habt

mich nie gekannt und kennt mich auch jetzt nicht. Gott verzeihe es Euch! Er

hat mir die Kraft gegeben, auszuharren unter der Last, die ich trage, damit

Euch geholfen werde. Ihr werdet all dies schon einsehen, wenn Ihr mich

nicht mehr habt.

Ich glaube in diesem Sommer nicht nach Florenz kommen zu können, denn ich

bin in einer Weise in Anspruch genommen, dass ich nicht einmal zum Essen

Zeit habe. Gebe Gott, dass ich nicht erliege! Doch will ich -- und kann es

auch -- Lodovico die Anweisung ausstellen, wie ich versprach, denn ich habe

es nicht vergessen. Ich will Euch tausend doppelte Golddukaten geben, damit

Ihr Euch mit diesem Geld und dem, was Ihr schon habt, selbst forthelfen

könnt. Von Eurem Verdienst beanspruche ich nichts. Nur will ich die

Sicherheit haben, dass Ihr mir nach Ablauf von zehn Jahren, wenn anders ich

noch lebe, diese tausend Dukaten in Geld oder anderem Gut zurückgebt,

sobald ich sie fordere. Ich glaube nicht, dass dieser Fall eintritt, aber

wenn ich sie brauche, muss ich sie, wie gesagt, wiederbekommen. Das wird

auch ein Zügel für Euch sein, damit Ihr sie nicht verschleudert. Überlegt

Euch deshalb die Sache, beratet Euch und schreibt mir, was Ihr zu tun

gedenkt. Die vierhundert Dukaten, die Ihr noch von mir habt, schenke ich

Euch; sie sollen in vier Teile geteilt werden, so dass jeder von Euch

hundert erhält. Hundert für Lodovico, hundert für Dich, hundert für

Giovansimone und hundert für Gismondo, mit der Bedingung, dass Ihr das Geld

zusammen in Euer Gewerbe steckt. Das sei's. Zeig' den Brief Lodovico;

entschliesst Euch und gebt mir die Sicherheit, von der ich sprach. Am

dreissigsten Juli. Vergiss nicht, das Geld, das ich Dir für Michele

mitschicke, auch abzugeben.

Michelangelo, Bildhauer.

8.

Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini · 第 136 / 231 题