AN LODOVICO ... IN SETTIGNANO.

_Florenz_ [1516].

Liebster Vater! -- Ich war sehr erstaunt über Euer Tun, als ich Euch

neulich nicht zu Hause fand. Nun höre ich, dass Ihr Euch über mich beklagt,

dass Ihr erzählt, ich habe Euch vertrieben, und wundere mich immer mehr.

Bin ich doch sicher, dass ich vom Tage meiner Geburt bis heute nie die

Absicht hatte, Euch in irgend etwas, in Grossem oder Kleinem zu nahe zu

treten, dass ich vielmehr alle Mühen meines Lebens Euch zu Liebe getragen

habe. Und Ihr wisst, dass ich es seit meiner Rückkehr aus Rom nach Florenz

stets mit Euch gehalten und jederzeit mein Eigentum zu Eurer Verfügung

gestellt habe. Erst vor wenigen Tagen noch, als Ihr unwohl waret,

versicherte und versprach ich Euch, mit all meinen Kräften und mein Leben

lang Euch zu Diensten zu sein und bestätige es auch jetzt noch. Darum

wundere ich mich heute, dass Ihr alles das so bald vergessen habt. Ihr samt

Euren Kindern habt doch schon dreissig Jahre lang meine Treue erprobt und

wisst, dass ich Euch immer wohl gesinnt war und Euch Gutes tat, so viel ich

konnte. Wie könnt Ihr da sagen, ich habe Euch weggejagt? Seht Ihr denn

nicht, in welch' schlechten Ruf Ihr mich gebracht habt, wenn man sich

erzählt, ich habe Euch vertrieben? Nur dies Schlimmste fehlte mir noch in

all meinen Mühseligkeiten, die ich Euch zu Liebe ertragen habe! Ihr

vergeltet sie mir gut! Doch mag die Sache sein, wie sie wolle, ich will

glauben, ich habe Euch stets Schande und Schaden gebracht, und bitte Euch

so inständig um Vergebung, als ob ich es wirklich getan hätte. Denkt, Ihr

habet einem Sohn zu verzeihen, der stets ein schlimmes Leben geführt und

Euch alles Leid dieser Welt zugefügt hat, und ich bitte von neuem, Ihr

möget mir schlechtem Menschen vergeben und mich nicht in den Ruf bringen,

als habe ich Euch aus dem Hause gejagt, denn das geht mir näher als Ihr

denkt, bin ich doch immer Euer Sohn. Diesen Brief wird Euch Raffaello da

Gagliano bringen. Ich bitte Euch um Gottes-, nicht um meinetwillen, kommt

nach Florenz, denn ich muss abreisen und habe Euch sehr wichtige

Mitteilungen zu machen, kann aber nicht zu Euch kommen. Von meinem Diener

Pietro habe ich aus seinem eigenen Munde Dinge gehört, die mir nicht

gefallen. Ich habe ihn darum heute morgen nach Pistoja heimgeschickt, und

er wird nicht mehr zu mir zurückkehren, denn ich will nicht, dass er

unserem Hause Schaden bringt. Ihr hättet mich aber wirklich schon früher

von der Sache in Kenntnis setzen können, denn ihr wusstet alle um sein

Betragen und liesset mich darüber doch ganz im Dunkeln. Ich muss notwendig

abreisen, will aber nicht fort, ehe ich Euch gesprochen habe und Euch hier

im Haus zurücklassen kann. Ich bitte Euch, lasst allen Groll fahren und

kommt!

Euer Michelangelo.

9.

Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini · 第 137 / 231 题