Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt gewesen war, ein starkes

Gewitter mit Regen, und zogen am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in

N.-N.-O. Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen

abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren nun über 550 Meter hoch

auf dem Beida-Berge, alle anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu

haben, und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter. Als neue

Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt gerade in voller Blüthe,

und in prächtigen Exemplaren bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne

Exemplare von der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet und dann

den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir Gasr Bengedem vor uns. Auf dem

Mcheilil-Berg fanden wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses.

Dieser ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde, aber auch hier

begegnete uns kein Mensch, und das einzige Zeichen von Bevölkerung war die

Sauya der Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer

Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen.

Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht hatten, blieben wir doch bei

Gasr Bengedem liegen, um zu photographiren, und diese ganze Gegend näher

in Augenschein zu nehmen.

Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar aus der Römerzeit, und

hörte mit zu jener Vertheidigungslinie, welche dieselben gezogen hatten,

um die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern. Bengedem war

gewiss eines der bedeutendsten Forts, wenn nicht das grösste von denen,

welche die Vertheidigungslinie bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte

breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende Thürme. An

manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen Wände noch die Höhe von 40'.

Aus grossen behauenen Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die

Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört worden sind,

nicht im Mindesten von der Witterung gelitten. Im Innern führt eine Treppe

auf die Mauer, welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte.

Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das Castell, und erhöhten so

die ursprüngliche Festigkeit desselben. Die bedeutenden Ruinen in der

Umgegend von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine

Hauptniederlassung war, und Pacho könnte Barth gegenüber doch wohl Recht

haben, indem er hier Balakrai vermuthet. Die Entfernung von Cyrene, die

Pentinger auf 12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf 15 M.

angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse Menge von Höhlen, theils

natürliche, theils künstliche, ausser vielen aus späterer Zeit

herrührenden Grabkammern, beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit

hier libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen, denn viele

der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung von Wohnungen.

Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit denen der Aduli gleich wieder

Handelsverbindungen angeknüpft hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg

hatten sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen Tag thaten sie

nichts, als um uns herumhocken und um Essen betteln. Wir hatten deshalb

auch Nachts eine verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu hüten,

wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde.

Den folgenden Morgen stiegen wir in nördlicher Richtung vom Berge des Gasr

Bengedem hinab, und kamen nach einer Stunde ins Thal Saharis. Von O.-N.-O.

erhält dies Thal nun das bedeutende Kuf-Thal, und in dies münden von O.

das uadi Djras und das uadi Bu Heisa, welches letztere von Safsaf und Ain

Schehad (Cyrene) kommen soll. Das Kuf-Thal ist eines der wildesten und

romantischsten, die man sich denken kann: steile, oft senkrechte,

fünfhundert Fuss hohe Kalksteinwände, überall mit ungeheuren Höhlen, die

oft am Fusse der Wände, oft in der Mitte, oft fast oben am Rande sich

zeigen, machen einem glauben, man sei in der Teufelsschlucht. Jedenfalls

waren diese Höhlungen meist alle bewohnt, und einige sind es noch jetzt

zur Zeit der Honigernte; denn an diesen steilen Wänden haben die Bienen

ihre Bauten. Viele Höhlen, oft hundert Fuss hoch über der Thalsohle, sind

durch Aussengänge mit einander verbunden, und scheinen so ganzen Stämmen

als Wohnplatz gedient zu haben. Ausserdem findet man die herrlichsten

Tropfsteinhöhlen, von denen die von den Eingebornen Rhorhardieh genannte,

die grösste und schönste ist. Die üppigste, immer grüne Vegetation von

Lentisken, Myrthen, Caruben und Wachholder, ferner die jetzt massenweise

auftretende Steineiche machen dies Thal mit seinem wilden Charakter zu

einem der schönsten, wie man es nur vielleicht in den Pyrenäen, in

Calabrien, im grossen Atlas ähnlich findet. Aber wie immer fehlt alles

menschliche Leben; in der That haben wir, die grosse Sahara ausgenommen,

kein Land gesehen, das so dünnbevölkert ist, und doch ist der Boden so

reich und ergiebig wie eine jungfräuliche Erde eben sein kann. Am Boden

des Thales finden wir dann noch einen fast undurchdringlichen Wald von

mastbaumhohen Thuya-Bäumen, aber Niemand ist jetzt da, um sie zu fällen

und zu verwerthen.

Dass dieser Weg unserer Gofla grosse Schwierigkeit machte, braucht wohl

kaum gesagt zu werden. Das Kameel, obschon es wegen seiner breiten

Fusssohlen auch in den Bergen sicher geht, liebt freie Gegenden, und hier

waren wir in einem wirklichen Urwalde; da waren Baumstämme, die das Alter

oder der Wind umgeworfen hatte, zu umgehen, vom Wasser glatt gewaschene

Felsplatten zu übersteigen, und oft war das Gebüsch so niedrig und dick,

dass die beladenen Kameele mit Gewalt durchgeschoben werden mussten.

Froh waren wir, als wir um 10 Uhr die Passhöhe erreichten, und von nun an

auf einem Bergrücken blieben. Bald darauf hatten wir die Kubba des

Marabuts Abd el Uahed vor uns, auch von alten Ruinen, jedoch ohne

Bedeutung, umgeben. Von hier an waren nun Ruinen unsere steten Begleiter,

und eine tief in Fels eingeschnittene alte Fahrstrasse, rechts und links

von Hunderten von Sarkophagen bordirt, führte uns auf die Hauptstadt vom

alten Pentapolitanien zu. Aber eigenthümlich, ohne Menschen zu sehen, ohne

Wohnungen anzutreffen; sollte man nicht glauben, im Lande der Todten zu

sein? Auf Schritt und Tritt Todtengrüfte, Grabnischen, hier die Tausende

von Sarkophagen, die ungeheuren Necropolen, gegen die die eigentlichen

Städteruinen verschwindend klein sind, lassen wirklich den Gedanken, im

Reiche der Todten zu sein, aufkommen.

Gegen Mittag erreichten wir die Ruinen, welche die Eingebornen unter dem

Namen uadi Amer bezeichnen, und die mehrere Stunden weit sich nach N.-O.

hin ausdehnen, und bei einem Orte Beludj enden. Barth verlegt hieher

Balakrai, und meint auch, dass eine der zwanzig von Ptolemaeus erwähnten

Städte, vielleicht Eraga, hier zu suchen sei. Beludj erreichten wir um 2

Uhr 40 Minuten, und immer auf einem Bergrücken weiter ziehend, liessen wir

dann die Sauya beida (Jaura Sidi Schenut nach Barth, was wohl Sauya Sidi

Snussi heissen soll) links liegen, und kamen um 4 Uhr bei dem weissen Dome

des Marabut Sidi Raffa, an, welcher ebenfalls von vielen Ruinen umgeben

ist. Eine halbe Stunde später hatten wir den höchsten Punkt des

Bergrückens mit 620 Meter erreicht. Etwas später hatten wir von hier eine

weite Aussicht aufs Meer durch eine breite nach Norden zu sich öffnende

Thalschlucht, Shissu genannt, und dann campirten wir um 5 Uhr auf gleicher

Höhe mit der Schlucht bei Djenin, wo wir eine fliessende Quelle fanden.

Auch hier fanden wir Spuren früherer Ansiedelungen; grosse künstliche

Höhlen umgeben die Quelle nach Osten, und in und bei derselben waren

Mauerarbeiten, welche wohl einst den Abfluss des Wassers zur Befruchtung

der Felder regulirt hatten.

Nachts war auf dieser Höhe die Kälte so gross, dass wir am anderen Morgen

die Zelte weiss bereift fanden, und die Mündungen der Wasserschläuche hart

gefroren waren. Das Thermometer zeigte vor Sonnenaufgang -1°.

Von hier bis Cyrene sind nur noch 2 Stunden. Wir lassen rechts den Hügel

Ras el Trabe liegen, welcher bekannt ist als Grenze zwischen den Brassa

und Hassa, welche letztere von hier nach N.-O. hin nomadisiren. Die Ebene

Ambsa, mit dem Grabe des Marabut Bel Kassem, brachte uns dann vor die

Ruinen der Stadt, welche wir um 10 Uhr beim Hügel Mgatter betraten.

* * * * *

Cyrene.

Durchs Ostthor zogen wir in die Stadt ein, verfolgten die Battus-Strasse

bis an den Punkt, wo sich die Aussicht aufs Meer öffnet, und nahmen dann

unser Quartier in einer der Kammern, welche im Felsen ausgearbeitet sind,

und auch früher wohl als Wohnungen dienten. Die Apolloquelle war auch in

unserer Nähe, und diese ist es, welche heute der ganzen Oertlichkeit den

Namen giebt; die Araber nennen sie ain Schehad. Keineswegs ist damit

gesagt, dass die heutigen Bewohner und die der Umgegend gänzlich den Namen

"Cyrene" verloren hätten, derselbe findet sich wieder in der Quelle im

uadi bel Ghadir, welche viele Aehnlichkeit mit der Apolloquelle hat, und

fast ebenso mächtig ist; dieselbe heisst ain Krennah.

Cyrene wurde sowohl unter den Ptolemäern als die Hauptstadt der fünf

Städte: Cyrene, Barca, Teucheira, Hesperis und Apollonia angesehen, als

auch unter den Römern, welche das ganze Land unter dem Namen Cyrenaica

zusammenfassten.

Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter Battus im Jahre 631[21]

v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene bald zur wichtigsten Colonie der Griechen

an der Nordküste von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des

delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea (dem heutigen

Bomba); musste aber aus Mangel an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei

Jahren, und nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden,

verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande Libyens, nach dem

wohlbewaldeten Asiris über. Aber auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da

nach Ablauf dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der

Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet wurde.

Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im Anfange mit den Libyern,

und hier waren es vorzugsweise die Asbysten, gut vertrugen; sogar

Heirathen mit Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer

jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. Mit Battus I.

bekam Cyrene den ersten König, und blieb unter dieser Regierungsform circa

200 Jahre, in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete sich

aus nach dem ersten, welcher später als Heros verehrt wurde, der dritte

König, Battus II. Unter ihm kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland:

hiedurch wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König Adikran

rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe. Bei Thestis in der Gegend von

Irasa kann es 570 zur Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden

vollkommen besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit dem Beinamen der

Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen Brüdern in Streit, gingen diese Barca

gründen, und verbanden sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos II.

Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon oder Leucoë in Marmarica;

wurde dann aber in einen Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute.

Sein Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst wieder von Eryxo,

der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht. Unter seinem Sohne, der als Battus

III. folgte, schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue Gesetze.

Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und beschränkte besonders die

königliche Gewalt. Dessen Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die

königliche Gewalt zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter

Pheretime unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und kam dann mit

einem bedeutenden Heere nach Cyrene zurück. Wieder geschlagen, floh er

nach Barca, und wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine

Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in Aegypten, welcher ihr

zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher Belagerung Barca einnahm. Der Sohn

von Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und nach ihm kam

der letzte König Arkesilaos IV., dessen Siege in den pythischen Spielen

Pindar besingt, auf den Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm

Hesperis gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er etwa um 440

gestürzt, und der königlichen Herrschaft damit ein Ende gemacht. Sein Sohn

Battus, der nach Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins

Meer geworfen.

Unter der republikanischen Regierungsform erlebte Cyrene die höchste

Blüthe und den grössten Wohlstand, obwohl es an inneren Zerwürfnissen

nicht fehlte. So treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston

und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen. Um alle

inneren Streitigkeiten durch eine gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten

sich die Bewohner Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato lehnte

jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es ihnen zu gut gehe: "Kein

Mensch sei schwieriger zu beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es

ginge ihm gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu lassen, als

der vom Schicksal gebeugte." Alexander dem Grossen, als er Zeus Ammon

besuchte, unterwarfen sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare

Geschenke. Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit,

wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des Lagos, Aegypten unterworfen, im

Jahre 321 v. Chr., und das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten

Pentapolitanien genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon, überliess dann

mittelst Testament das Land an die Römer im Jahre 96, und im Jahre 67

wurde es mit Kreta zusammen zu einer Provinz formirt. Unter Constantin

wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz unter dem Namen Libya

superior eingerichtet.

Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen Aufstand machten, und

200,000 Römer und Cyrenaeer ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das

römische Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren keinen

Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen Heuschrecken, Pest und Erdbeben,

welche Leiden im fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden.

616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache griechische Colonie

der Art, dass die Araber, als sie 647 in Cyrenaica einfielen, kaum noch

Widerstand fanden. Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam

kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen vollkommenen

Barbarismus zurück, und das Land wurde, vollkommen vernachlässigt, bald zu

einer Wildniss. Seine neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis

verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik wurde, fiel auch

Cyrenaica unter die Herrschaft der Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik

unter dem Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet.

Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene blühten, geht aus der Zahl

bedeutender Männer, welche diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen

nur Aristippus, den Gründer einer eigenen philosophischen Schule, sowie

Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen Eratosthenes, der sich

besonders durch geographische Werke auszeichnete, und als Director der

Bibliothek von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos, welcher

von den Battiaden abstammte, und dann der berühmte Bischof von Ptolemais,

der Redner und Schriftsteller Synesius.

Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt selbst und die Necropolis

kennen zu lernen, und die Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die

Photographien.

Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin abfallen, wird Cyrene

mittelst eines Radius, welcher den Namen der Battus-Strasse hat, in zwei

Theile getheilt. Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben,

ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche Stadt umgab, noch gut

erhalten, und namentlich an der ganzen Südseite und im Osten bei einer

durchschnittlichen Höhe von 4-5' und Breite von 6' ganz deutlich zu

verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst der Hauptstrasse,

welche von Barca herführt, so hat man gleich rechts vom Thore die

unordentlich durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es

eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen Grundmauern

hervor, obschon merkwürdigerweise der Altar nach Westen gestanden zu haben

scheint, oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer im Westen,

vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene Spitzbögen, welche noch

stehen, lassen erkennen, wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur

die obersten Spitzen der Bogen herausgucken.

Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte der Stadt, so stossen wir

zuerst aufs Hippodrom, welches, die Rundung nach Süden habend, in gerader

nördlicher Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten,

aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn selbst ist die Spina kaum

zu erkennen, da der ganze innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge

des Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite circa 60

Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden wir auf dem höchsten Punkte

dieses Stadttheiles die Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten

Zeit angehört. Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen Reste

eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt Breite. Von Westen nach

Osten gelegen, hat der Tempel, wie durch die Nachgrabungen von Porcher und

Smith jetzt zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen auf

der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden. Durch zwei Säulen

und zwei Mauervorsprünge kommt man von Osten in den Pronaos, der von der

Cella durch zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden wird.

An den Längsseiten in der Cella findet man je zehn Piedestale, welche

korinthische Säulen tragen, ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser

cubischer Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der

Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine Mauer geschieden, und

ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge, aber durch drei Säulen

begrenzt. Die Säulen des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser

gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des eigentlichen

Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine von 20 Schritt Länge und 8

Schritt Breite. Smith und Porcher, die hier die sorgfältigsten

Ausgrabungen machten, fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des

Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet sich, wie in allen

Tempeln in Cyrene, auf der östlichen Hälfte. Wenn Barth hier auf der

östlichen Hälfte Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies wohl

nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber später sehen werden, befand

sich diese auf der westlichen Stadthälfte.

Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel finden wir die Ruinen

eines anderen, etwas kleineren Tempels, welcher auf der höchsten Spitze

dieses Stadttheiles erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut und aus

Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so vernichtet und zerstört, dass

eine genauere Beschreibung unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen

Peristyl, die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht möglich; die

Säulen, von denen Bruchstücke überall umher lagen, waren dorischer

Ordnung, sind aber so verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen

kann.

Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende Linie für die zwei

Stadthälften annehmen, so haben wir damit alles, was auf der östlichen

Hälfte bemerkenswerthes zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun zum

westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit öffentlichen Gebäuden

geziert war, überhaupt der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens gewesen

ist, weil er die Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten

Griechen, enthält.

Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen und uns links wenden,

sobald wir die von Norden nach Süden ziehende Strasse passirt, so kommen

wir zuerst an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage

anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen; aber von den dort

aufgefundenen Statuen, Bacchus und Venus, können wir schliessen, dass der

östliche der Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren. Diese und

andere Statuen sind alle ins British-Museum gekommen. Wie denn überhaupt,

seit Bourville, Smith, Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue

ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden ist, und die meisten

Ruinen, die schon so sehr durch die Barbaren gelitten hatten, nun vollends

dem Untergange geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus gefunden

wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig breiten Sitzreihen und

kleiner Cavea. Barth, der die Orchestra gemessen, giebt die Breite

derselben auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies Theater

nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu musikalischen Aufführungen

gedient habe. Dicht an der Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen

wir auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser Cavea, wie

das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer Ordnung, die

umherliegen, deuten darauf hin, dass die Sitzreihen mit einer Colonnade

dieser Säulen umschlossen gewesen sind.

Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer grosser Ruinenhaufen, wo

vor mehr als 50 Jahren Beechey den Torso eines römischen Kaisers

vermuthete. Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten,

liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe der Palast des römischen

Gouverneurs gestanden. della Cella erwähnt hier einer Inschrift "Porticus

cesarei" und hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass hier in

der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der ptolemaeischen, ein

Marktplatz gewesen sei. Porcher und Smith fanden hier, ausser einer

weiblichen Statue, diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen

Kaisern.

Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich, wenn man das grössere

Theater hat liegen lassen, ist noch ein grosser Bau mit einer grossen

Säulenhalle nach Nord gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die

Säulenhalle, welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe dreissig

Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude dahinter zeigt eine Menge

kleiner Zimmer von 6' Tiefe auf 4' Breite, und es ist wohl nicht

unwahrscheinlich, dass hier die Verkaufshalle war.

Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf circa 100 Schritt

Entfernung von diesen Ruinen durch eine von Thürmen flankirte, von Norden

nach Süden streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir, welches

südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt, mit einem starken Thurme

anfangend, ist diese innere Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis,

welche auf dem westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen

haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche Dicke von 12' und ist an

einigen Stellen über 20' hoch; Beecheys Ansicht, dass sie eine

Wasserleitung gewesen sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten

vorhanden sind, die das Wasser hätten herführen können. Auf der Spitze des

westlichen Berges sind ausser einer grossen Masse von bequemen Steinen,

welche bezeugen, dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren

hervorragenden Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern ist nach Westen

und Süden, wo dieselben auch kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen;

nach Norden zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt, scheint die

Acropolis aber auch noch durch eine Mauer geschützt worden zu sein,

wenigstens finden sich Spuren darin vor.

Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band · 第 10 / 11 段