gefasst gemacht, eine neue Scene mit ihm zu haben, da ich dachte, dies
würde ein guter Vorwand für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben,
als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen aufs Kameel band; und
als 9½ Uhr das Wetter etwas lichter wurde, verliessen wir unseren
Steinbruch. Die Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in ihren
Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung, d.h. circa 1 Stunde vom
Meere, allmählich sich so demselben nähernd, dass sie dicht hinter
Tolmetta direct ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich an
Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch der Mensch fehlt
nicht, wie die oft aus dem dicken Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber
beweisen.
Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten Stunde den kleinen
Ndjila-See mit Süsswasser rechts liegen, hier hausen die uled Duerdja, und
bald darauf passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel oder
Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir den antiken Brunnen Erdana,
und waren bald darauf im Landstrich, Schübka genannt, von dem
Vorhergehenden in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von
Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr passirten wir den
kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde später ein anderes Uadi, das mir
meine Begleiter jedoch nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen
Arabergräber Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem Steinbruche, wo
auch einige Grabnischen waren, unsere Zelte aufschlugen. Auch hier waren
die Araber vom Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten für
Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die Engländer die Preise
überall so verdorben, dass man Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei
uns haben konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner Leute,
welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen geglaubt, und gefeuert; es
stellte sich aber heraus, dass es das Füllen von Adulis Stute gewesen war;
glücklicherweise hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur Folge,
dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen, indem sie
glaubten, wir seien von Räubern angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr
zahlreich, stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den uled Agail,
welche bei Tolmetta herum hausen. Diese Art Abhängigkeit, die man bei
allen Arabern, ob sie in Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist
mehr ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft und
Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail sind Marabutin, die Auergehr
einfache Araber. Auch bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse.
Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter rother Thon erlaubte die
herrlichsten Culturen, aber je mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger
wurde die Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche Rinnsale,
welche aus den Schluchten des Gebirges kommen, erhöhen den Reiz der
Landschaft, so dass man kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art
sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern und kleineren
Oertern. Dabei sieht man längs den Bergen die Fereg der Auergehr, die
Derssa und der Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail. Die
Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken, doch kommen hie und da
auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume vor.
Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen Namens, dann die Ebene
Bu Traba, durch ein Rinnsal von der Ebene Chat getrennt passirt hatten,
waren wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued Bu Mscheif
übergangen hatten, welcher sogar etwas Wasser hielt. Ptolemais lag endlich
vor uns, eingeschlossen, wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im N.-O.
vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im S.-O. vom Maigel-Gebirge.
Schon lange vorher hatte die bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die
grossen Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der mit Quadern
schwerbeladenen Wagen nach der Stadt führen, und deren Wände wie in den
Steinbrüchen von Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften
bedeckt sind.
Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor von Ptolemais ein, und
wollten bei den Ruinen einer christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen,
als mehrere Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr Terrain,
und sie würden nicht leiden, dass wir dort campirten. Da ihr Grund ein
triftiger war, nämlich zwischen den Ruinen und in der Nähe überall
halbreife Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See zu, und
nahmen für den ersten Tag Quartier in einem Steinbruche, in dem sich
früher das Amphitheater befunden hatte. Die Spuren davon liessen sich noch
sehr deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen sein kann.
Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen, waren nur an wenigen Stellen
Mauerwerke angebracht, und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier
wurden wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde, weil überall
Kornfelder in der Nähe waren, von denen die Eigenthümer fürchteten, sie
möchten von unserem Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli ganz
die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern, wo allerdings
ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen wäre; ich wollte aber auf alle
Fälle in der Stadt selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab,
wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten Forts unser Lager
eingerichtet wurde.
Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen wahrscheinlich vom
Philadelphus, nach Anderen von Euergetes. Bis zu der Zeit aber hatte es
nur den Titel: Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur erwähnt
als "Hafen bei Barce". Als diese Stadt in Verfall, und in die Hände der
Libyer kam, zogen sich die Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann
dieser Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit einem für die
damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten Hafen versehen, welcher durch die
Insel Ilos, dieselbe, welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen
Schutz erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall des
römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges war Wassermangel, da
die Gelder zur Unterhaltung der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie
überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen, indem er die
Wasserleitungen wieder herstellen liess; Ptolemais erlag dem Andrange der
Barbaren so gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach der
Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz ihre Bedeutung verloren zu
haben; nach Edrisi war Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern
umgebener Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht. Edrisi
berichtet über die Export- und Import-Artikel, und sagt, der Hauptverkehr
fände mit Alexandria statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta noch
stark bevölkert und besonders von Juden.
Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie die heutigen Herren des
Bodens, die uled Agail sagen, ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben
diese Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils in den
Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge. Obgleich ganz frei, und
gewiss sehr kriegerisch, scheinen sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie
halfen uns beim Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon sie
zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten, betrugen sie sich
doch anständig. Unwissend schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein;
ausser Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer, und
letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig. Die christlichen Consuln
in den Städten seien auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu
überwachen, dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld unterschlügen. Im
Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus zu sein, selbst eine Sauya der
Snussi hatte sich in Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können,
hauptsächlich wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für besser
hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter gewesen war. Keiner
erschien indess, der nicht immer mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen
wäre, ihre Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert und
hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln.
Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt; gerade der Insel
Ilos gegenüber, auf der noch jetzt Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind,
hatten wir hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus
allmählich an die Bergabhänge hinaufzog.
Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit sie offen zu Tage
liegen, sind, ausser dem schon erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem
zweiten oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend nach links zu
gelegen. Verfolgt man dann die Strasse, die noch heute quer durch die
Stadt führt, so stösst man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine
grosse Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat 9 Gewölbe,
welche von oben Licht und Luft bekommen. Umgeben war diese Cisterne von
einer Reihe ionischer Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur
drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei südlich, sieht man
die Umrisse eines kleinen Theaters. Etwas weiter nach Osten zu, sieht man
viele Säulen mit korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und Barth
vermuthet, dass hier die Königshalle, [griechisch: stoa basileios], gewesen
sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt. Ein aus der Cisterne nach
Norden führender Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei
Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes kleineres Theater
liegt auf dem Wege zwischen Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen
wie die übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen die
einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am bemerkenswerthesten ist weiter
nach Osten zu ein grosses massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit
der Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften, welche sich
früher an der Nordwand dieses Gebäudes befanden, und die nach Frankreich
gebracht, von Latonne ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von
Anastasius I., die Verwaltung und militairische Einrichtung betreffend.
Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen war, beweisen die anderen
Cisternen, welche noch in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr
bedeutend und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet sich im
nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt bestätigen die zahlreichen Säulen,
die man überall herumliegen sieht, sowie die vielen Grundmauern aus
Quadersteinen, dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt als gross und
ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben ist. Der Hafen wird durch
eine Felsspitze gebildet, die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht,
die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war auch an der
Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn circa 3000' westlich von dieser
läuft noch eine andere Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint
ein Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt.
Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt, von dem die Stadt ausserdem
durch eine Mauer getrennt war, finden wir hier noch die Reste einer
Quaderbrücke. Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber doch
so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen können. Aber das
Suana-Thal ist eines der lieblichsten, weshalb ich denn auch eine
Photographie davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend um die
Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten, dass irgend eine
Explosion daraus hervorgehen müsse, aber auch diese, obschon sie sehr
misstrauisch schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint,
dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des uadi Chambs
hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen zu speisen, ausserdem finden
sich Reservoirs am Abhange des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke
die Wasser auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der Stadt
zuzuführen.
Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und hat, obschon von
Schluchten durchbrochen, fast überall gleiche Höhe; um dieselbe zu messen,
bestieg ich den südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg, welcher
mir der höchste von allen schien. Dicht mit Juniperen und Lentisken
bewachsen, fast undurchdringlich wegen des vielen dornigen Untergestrüpps,
war der Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht
durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während am Meeresstrande die
Hügel, welche zum Theil auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt
sind, grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet man in
Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten aus Sandstein. Die Höhe des
Berges fand ich zu 320 Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger.
Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich und östlich von der
Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich die steilen Wände der
Steinbrüche benutzt, um in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen.
Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man findet aber auch
hier zahlreiche jedoch nichtssagende Inschriften. In einem Steinbruche,
gleich westlich von der Stadt, findet man indess drei durch Kunst
ausgezeichnet gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der Mitte drei
Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem grossen Grabe mit
verschiedenen Kammern verarbeitet. In Teucheira findet man auch solch
einen Grab-Felsblock, und lebhaft erinnerten mich diese isolirten
verarbeiteten Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen von Lalibala in
Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit ihren Ursprung verdanken. Der
mittelste dieser Felsblöcke nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau
in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von Gestalt, hat derselbe
im Innern drei Abtheilungen, von denen die seitlichen bis obenhin zu
Grabkammern dienten, während die mittlere zugleich als Eingang benutzt
wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen konnte. Eine kleine
Inschrift, die Barth an der Nordseite gesehen haben will, konnte ich nicht
mehr entdecken. Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem Zustande,
und rundherum mit mächtigen herabgestürzten und herabgefallenen Quadern
umgeben. Einige Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal
einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess Gründe für diese
Behauptung bringen zu können.
Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns wieder vom Hafen
vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen Widerstand zu leisten vermochte,
und wir hatten uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei
Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir, da er
wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt worden, ohne
Ungeziefer, und flüchteten uns hinein. Die Eingebornen hatten ebenfalls
mit ihren flachen Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier
nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens ein reges Leben und
Treiben herrschte. Nachts indess tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass
selbst unser Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer
Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt zum Aufbruch, aber ehe Aduli,
der überall mit den Eingebornen handelte, fertig wurde, verging geraume
Zeit. In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen, hier
verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier Gewürze, dort Zucker, welches
er alles zollfrei aus der Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte
er Honig, Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche Weise
ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu hatte er immer eine ganze
Schaar von Leuten, welche, wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit
Ausnahme meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten
Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen Diener unnütze Subjecte waren,
konnte ich nichts machen.
Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen, und um 9 Uhr Morgens
verliessen wir unsere Grabwohnung, und schlugen denselben Weg ein, den
früher Barth genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im Anfange
südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen, mittelst welches wir den
Aufsteig machen wollten, waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal
ist sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde lang;
jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit zu jeder Jahreszeit benutzt
werden, was nach Regengüssen, wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird,
für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die Bergwände, obschon
steil, sind ausgezeichnet bewachsen, verwilderte Olivenbäume, Karuben und
Lentisken bilden hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist jedoch
so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst Hirten scheinen sich nicht
darin aufzuhalten. Oben angekommen, hat man die erste Stufe erreicht, circa
300 Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden breit, hat auch
herrlichen rothen Thonboden, ist aber ebenso vernachlässigt, wie das ganze
andere Land. Wir hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch
die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und durchschnittlich vier
Stunden breit ist. Diese Terrassen streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die
zweite wird im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls von
N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste Punkte im Norden im Dj.
Dendach, und südwestlich von ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns
präsentiren. Am Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde
lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt. Kleinere Tümpel
und Seen findet man auf dieser ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu
haben scheinen. Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und
die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und Arbuten. Blumen in
prächtigen Farben und unvergleichlicher Fülle bedecken in dieser
Jahreszeit den Boden, und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die
mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung. Aber schlecht
bevölkert, wie das ganze Land, findet man nur hie und da einen Fereg der
Auama, Genossen der uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr.
Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in östl. Richt. durchzogen,
hatten wir um 2½ Uhr eine kleine Kubba, die des Sidi Said von den Agail
zur Seite, aber trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg
nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem Fareg einen
Wegweiser zu holen. Er kam denn auch bald zurück, aber statt eines Mannes
brachte er drei Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen Leuten
reiche Karawane noch drei andere dazu bekam; er versteht sich von selbst,
dass ich auch diese zahlen und beköstigen musste, aber gerade dadurch
machte sich der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf Kosten
seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen liess. Wie mag er den
armen Denys, welcher der Sprache gar nicht mächtig war, geplündert haben!
Durch einen dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend,
einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte Ruine eines
früheren römischen Wartthurms, und wie alle Bauten dieser Art ein aus
Quadern aufgeführtes Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen
hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in der Nähe hervor,
welche überall in die Felsen gearbeitet waren. Auch vorher hatten wir
schon ein Ruinenfeld passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen
desselben nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein von N.-O.
kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts gehend, campirten wir dann in
demselben. Trotzdem wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine
recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war, und noch lange sass ich
Abends an einem grossen Feuer jenes duftenden Wachholderholzes, welches
die Alten schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen Atlas und
in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt.
Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das Mrsihd-Thal vollends hinauf,
und erreichten nach 40 Minuten den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns
die Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun auf dem Plateau
angekommen, aber noch keineswegs auf dem höchsten Punkte. Uebrigens muss
man sich das Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen; sondern
als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche aber alle über 1200' hoch
ihren niedrigsten Punkt haben. Die Vegetation, obschon dieselbe hier
später ist, bleibt im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben
und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche den Bienen den so
sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack zum Honig liefern; aber alle
diese Pflanzen finden sich auch an den Abhängen der Berge.
Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an Sümpfen und Tümpeln war, so
fehlten diese hier nun gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der
Vegetation darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten
Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte waren sie zu
nennen, denn sie hingen gerade jetzt voll der besten Oliven, die Niemand
zu sammeln kam. Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter, welches
der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen noch von den Alten
herrührten. Manchmal sollen indess doch von den Küstenbewohnern einige
herauf kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien noch Niemand
gekommen zu sein.
Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung bis 5¼ Uhr Abends
marschirt waren, sahen wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das
heisst Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden will ich
ausnehmen, die unweit von uns am Wege weideten, und bei unserer Annäherung
eilig ins Dickicht getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so
spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder hätte zählen können.
Trotzdem überall der fetteste und beste Boden war, der nur auf die Hand
des Menschen zu warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was man
ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als neu wurde mir nun zum
ersten Male die Drias-Pflanze (von allen Reisenden für Sylphium gehalten)
gezeigt, von der wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann fiel
mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst in Tripolitanien nicht
vorkommen. Die Araber nennen den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen
Buamian, Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden, es scheint
als ob selbst die Thiere dies nur von Todten bewohnte Land meiden.
Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt hatten, zogen wir, oben
angekommen, nördlich in einer Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt,
und wo wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba) passirten. Etwas
weiter läuft dann die von S.-O. von Merdj kommende Heerstrasse ein,
dieselbe, welche vor 1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem um
9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten war, kamen wir in das
Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen Wagenspuren der Alten
verfolgten. Um 11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur
Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih. Um 12 Uhr 20 Minuten
kreuzten wir den von Teknis kommenden, nach der Küste führenden
Karawanenweg, und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts
durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder N.-N.-O. haltend,
überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass, der uns ins Scharaya-Thal führte,
welches eine Stunde lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal
übergeht. Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum an der Küste
nach Merauan ins Innere führenden Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim,
von dem aus wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen. Das uadi
Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir um 5 Uhr Abends, in der Nähe
von Wassertümpeln lagerten, nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser
gewesen waren.