Als die alten Griechen den Apolloquell von Cyrene entdeckt hatten,

breiteten sie sich rasch über das ganze Land aus, und höchst

wahrscheinlich wurde Euesperides, eine der fünf Städte, welche die

Pentapolis bildeten, schon sehr frühzeitig gegründet. Wann dies nun

geschehen, ist nicht genau zu ermitteln. Frühzeitig mit den umwohnenden

Libyern im Kriege, theilt uns Thucydides mit, dass sie 413 v. Chr. von

einer libyschen Belagerung durch eine Flotte von Peloponesiern, welche,

nach Sicilien bestimmt, ans libysche Ufer waren verschlagen worden,

befreit wurde. Dergleichen geschichtliche Anhaltspunkte liegen mehrere

vor.

Ob nun die Stadt den Namen von den hochberühmten Gärten bekommen habe,

indem die ganze Gegend wegen ihrer Fruchtbarkeit den Namen "die Gärten der

Hesperiden" vorher hatte, und dann erst später die gegründete Stadt

Euesperidae, Euesperitae ([griechisch: euesperidai] und [griechisch:

euesperitai]) genannt wurde, ist auch nicht festzustellen. Das Eu wurde

später weggelassen, schon Scylax hat es nicht mehr, noch später wird die

Singularform Esperis gefunden, und die Römer setzten ein H vor. Zur Zeit

des Ptolemäus Euergetes, welcher die Tochter des Magas, Namens Berenice,

geheirathet hatte, verwandelte man zu Ehren dieser Frau den Namen der

Stadt in Berenice; es scheint aber, dass noch lange die Bewohner den alten

Namen beibehielten. Pomponius Mela, in der Mitte des ersten Jahrhunderts,

kennt nur den Namen Hesperis, ebenso Plinius, der ungefähr um dieselbe

Zeit schrieb; aber hundert Jahre später hält der Alexandrinische Geograph

es schon für nothwendig, wenn er von Berenice spricht, hinzuzufügen, dass

dies derselbe Ort sei, der früher Hesperides geheissen habe.

Im Mittelalter will Edrisi den Namen Berenice noch vorgefunden haben,

ebenso Leo Afrikanus. Im Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir bei

Olivier den corrumpirten Namen Berrich, und Marmol nennt, um dieselbe Zeit

Berbick. Heutzutage ist der alte Name gänzlich aus dem Gedächtnisse der

Bewohner entschwunden, Bengasi verdankt, wie schon angeführt, einem

mohammedanischen Heiligen seinen Namen.

Dass aber das alte Hesperis auf dem Platze des heutigen Bengasi steht,

leuchtet auf den ersten Blick hervor. Von der ganzen Gegend hat sich

nichts verändert, nur dass die Seen im Osten der Stadt mehr versandet

sind. Wir wissen, dass Berenice auf der in das Vorgebirge Pseudoponias

auslaufenden Landzunge lag, östlich davon der Tritonis-See mit einer

kleinen Insel, welche nach Strabo oft mit dem Lande zusammenhängt, und den

der Aphrodite geheiligten Tempel barg. Diese ganze Beschreibung, wie

Strabo sie uns giebt, passt heute noch so genau, wie man aus der

vorhingegebenen Topographie von Bengasi ersehen kann, dass es um so mehr

zu verwundern ist, wenn Bourville im See Haua-Bu-Chosch im S.O. vom

heutigen Bengasi den Triton-See, und in einer Oertlichkeit Siana die

Gärten der Hesperiden erkennen will. Wenn nun aber auch, mit Ausnahme von

Bourville, ältere und neuere Gelehrte im heutigen Bengasi das alte

Berenice, im östlichen Salzsee den Tritonis, und in dem kleinen, jetzt von

einem Marabut und einigen Araberhäusern gekrönten Hügel, die ehemalige

Venus-Insel wieder erkennen, so sind grössere Meinungsverschiedenheiten

wegen der hesperidischen Gärten und des Lethe-Flusses vorhanden.

Wir können wohl die Ansicht Thriges und Malte-Bruns u.a. übergehen, nach

denen der Name der Gärten der Hesperiden eine blosse symbolische Idee

gewesen wäre, eben so verwerflich ist die Gosselinsche Meinung, die Oasen

der Wüste als die hesperidischen Gärten anzusehen. So viel steht fest,

dass die Alten mit dem Namen der Gärten der Hesperiden bestimmt

beschriebene Oertlichkeiten verbanden; so finden wir, abgesehen von den

uns zunächst angehenden, eine hesperische Insel an der Mündung des

heutigen Ued Elkus von Marokko, und noch später sehen wir, wie die

Hesperiden-Gärten auf Inseln im atlantischen Ocean verlegt werden. Was

unsere Hesperiden-Gärten in Cyrenaica anbetrifft, so erfahren wir zunächst

aus einer Beschreibung des Scylax, dass dieselbe auf die Umgegend von

Bengasi, mithin Berenice, gar nicht passt. Ausserdem giebt er mit präcisen

Worten dieselben als beim Vorgebirge Phycus, mehr beim heutigen

Marsa-Sussa gelegen, an. Die Küste wird als unnahbar, wie sie es dort in

der That ist, beschrieben, die Ausdehnung des Garten genau angegeben, und

die Obstsorten und Bäume, welche dort wachsen sollen, aufgezählt. Nach

Pacho entspricht die Gegend beim Cap Razat (so ist auf den Karten der

Neuzeit Phycus genannt, obschon die Eingebornen jenen Namen nicht kennen,

sondern die Spitze Ras-el-Fig, was offenbar von Phycus hergeleitet ist,

nennen), vollkommen dieser Beschreibung, er kehrt daher auch ohne weiteres

der Gegend bei Bengasi den Rücken, und verlegt, sich auf Scylax stützend,

die Gärten dorthin.

In der That ist es heute schwer, irgend eine Stelle in unmittelbarer Nähe

von Bengasi zu finden, die wir mit dem Namen der Hesperiden-Gärten

bezeichnen könnten. Es sind allerdings eigenthümliche Einsenkungen in dem

felsigen Boden in der Nahe der Stadt, einige sind mit Wasser gefüllt,

andere enthalten Gärten, und die, wenn sie auch nicht alle die Bäume

hervorbringen, welche wir bei Scylax aufgezählt finden: Erdbeer, Maulbeer,

Myrten, Lorbeer, Epheu, Oliven-, Mandel- und Nuss-Baum, doch eine

auffallende üppige Vegetation zeigen. Beechey will nun, trotz der genauen

Orteangabe bei Scylax, diese Einsenkungen der Beschreibung desselben von

den Gärten passend finden, und stützt sich dabei besonders auf die von

Scylax angegebene Entfernung von den Hesperiden-Gärten nach Ptolemais.

Diese Entfernung von sechshundert und zwanzig Stadien zwischen den beiden

Oertlichkeiten, passt aber auch auf die zwischen Ptolemais und Phycus.

Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt, die Gärten nach

Phycus legen, noch ist es nöthig mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax

stützend, dieselben in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi

erblicken zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da jetzt ein bestimmter

Ort bei Bengasi, der wegen besonderer Schönheit und Ueppigkeit der

Pflanzen den Namen der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden

ist, dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in pflanzlicher

Beziehung eine Umwandlung erlitten hat. Dies sehen wir nicht nur hier,

sondern überall in Nordafrika lässt sich durch das massenhafte Entholzen,

durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden nachweisen. Dass aber

die Hesperiden-Gärten in nächster Umgebung von Berenice gewesen sein

müssen, dafür ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend[18]:

"Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon und der heilige

Hain, wo die Garten der Hesperiden liegen sollen." Ferner sagt Ptolemäus:

die Barciten hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt. Kurz

alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache behandeln, verlegen die

Gärten in die Nähe der Stadt. Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur,

dass bei Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich die

Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch, dass die Ansicht

Beecheys, der aus der Beschreibung von Scylax, jene Felseinsenkungen bei

Bengasi, als die Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei.

Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt aber unstreitig das

Verdienst, zuerst die Spuren des Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die

Gärten der Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt wurden, so

beanspruchten auch noch andere Gegenden den Ruhm, diesen Strom der

Vergessenheit bei sich zu haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die

Lydier nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten Autoren

der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica. Und noch heute können wir im Laufe

eines Uadi (zuerst von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den

Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben. Dies Uadi, aus

einer weiten Höhlung hervortretend, in der am Anfange das Wasser nur flach

ist, im Innern jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten nach

Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung vom Salzsee, dem alten

Tritonis, durch eine Felsbarrière abgeschlossen. In derselben Richtung

weiter gehend nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle von

Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden Faden von Wasser in den

See giebt. Nach der Regenzeit soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser

weiter aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings darauf

schliessen lässt, dass die Quelle mit dem aus der Höhlung kommenden

Wasser, trotz der Barrière, unterirdisch communicirt, und darauf hin bei

den Alten die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von dem

Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon.

Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie ihn die alten Geographen

beschrieben haben, nur vielleicht, weil die ganze Gegend trockener

geworden zu sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den Lethon in

den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius verlegt ihn in die

Nachbarschaft von Berenice, Scylax erwähnt eines Flusses unter dem Namen

Eoceus[19] bei Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der

Hesperiden-Gärten und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen Platz

an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich giebt den Lethefluss als

zwischen Berenice und Arsinoe fliessend an.

In der Topographie von Bengasi haben wir also weit mehr Anhaltspunkte für

die alte Stätte von Berenice und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als

in noch etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies in der That

auf den ersten Blick überraschend genug, dass von einer so blühenden Stadt

wie Berenice, so wenig Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es

erklärt sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von Juden, welche

unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt, wohl keine so festen und

dauerhaften Bauten aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden

unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien entrissen wurden,

entwickelten sie sich derart, dass sie in dieser Stadt den eigentlichen

Kern der Bevölkerung bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie

sehr, erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus, und ihre

Genossenschaft wurde von einem eigenen Archonten regiert. Bald wurden sie

so stark, dass sie unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die

Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war, neue Colonien nach

Cyrenaica abzusenden, um das Land wieder zu bevölkern. Bei der grossen

Zerstörung, die dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch die

Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner der heutigen blühenden

Judencolonie directe Abkömmlinge der hier im Alterthume so zahlreich

vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber _nicht

wahrscheinlich_.

* * * * *

Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene.

Alles war geordnet und marschfertig am 4. März, nur Mohammed Aduli, der

als Führer und Sicherheitsmann uns begleiten sollte, machte Einwendungen

so rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend, dann, indem

er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen hatte, namentlich aber

darauf bestand, es müssten Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen

der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft waren,

überdies alle meinten, dass wir in dieser Jahreszeit von der Drias für

unsere Kameele nichts würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum

Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun heraus, dass er

hauptsächlich deshalb noch gerne einige Tage in Bengasi geblieben wäre,

weil er selbst seine Einkäufe noch nicht beendigt hatte.

Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und meine Leute trieben die

Kameele vor sich her, zu denen noch mehrere schwerbeladene des Aduli

gestossen waren, welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt

verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen und französischen

Consul, welche mich bis Tokra begleiten wollten, hinterdrein, und uns die

ersten 3 Stunden nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten,

waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen Hochland und dem

Meere liegt, und die hier äusserst fruchtbar und breit ist. Sobald wir die

Seen vorbei hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig auf

jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch als hesperidische Gärten

beschrieben und gehalten worden sind. Es war in der That ein

eigenthümlicher Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen

Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen Rändern eingefassten

Kessel zu stehen, dessen Grund die üppigsten Bäume und Küchengewächse

enthielt, und die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume nicht

über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere Richtung wieder N.-O., die

Gegend wurde, je weiter wir zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren

wir schon so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine

weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor. Um 7 Uhr Abends

hielten wir vor einem Fereg der Braghta, welches Schützlinge und Freunde

vom französischen Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz

ausgezeichnet aufgenommen.

Der Regen war immer in Strömen vom Himmel gekommen, und es kam uns daher

recht gut zu Statten, dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt

führte, wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch unsere Diener

alle, wir mochten in allem dreissig Personen sein, ein gutes Unterkommen

fanden. Dass Schaffleisch, Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln

nicht fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber ebenso waren die

Teppiche und das Zelt voll jener hüpfenden und kriechenden Thierchen, so

dass an Schlaf nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten, hiess

Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe so genannt. Beechey und

Barth erkennen in diesem Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes

wieder.

Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes Wetter, und die Gegend

behielt so ziemlich denselben Charakter, nur dass die Vegetation üppiger,

der Boden, je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde. Die

Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen ihnen und der See

immer schmäler wurde. Wir behielten die See fast immer in Sicht. Der Boden

selbst besteht überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch Barca el

hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll liegt manchmal auf diesem

fruchtbaren Boden, obgleich die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen.

Das Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat überall eine

gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus Bergen, sondern bildet ein Ufer.

Die Araber nennen den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen von

Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden immer häufiger. So

passirten wir gleich nach der ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die

etwas östlich vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen Stunden

passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von den Eingeborenen Um es

Schip genannt. Die Ausdehnung der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen

schon gleich den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen sein

müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend (die Peutingersche Tafel hat

bis Adrianopel von Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.),

müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und nach ihm benannte Stadt

Adrianopolis legen. In Folge der Judenkriege gegründet, um die

heruntergekommene Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu

Edrisi's Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth in Tanseruch

oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich konnte diese Namen nicht erfragen,

und Beechey, welcher auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass die

in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana heissen, und will damit

den Namen der Stadt in Verbindung bringen. Hammilton nennt ebenfalls den

See Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho verlegt die

Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete Gebäude sind keine mehr

vorhanden, wenn man nicht eines Castells, aus schönen Quadern erbaut,

erwähnen will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt worden

war.

Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft Bir Shus, wo unter

alten Ruinen bedeutende Araberansiedelungen und Gärten, die ersten

Nicht-Nomaden seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich von hier sind

Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli nennen hörte und glaubt dieselben auf

Neapolis zurückführen zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen.

Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt freilich trockenen

Flussbett, uadi Bu Djarar, welches von der östlichen Bergwand

herunterkömmt, und hatten nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr

erreicht. Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr Abends, waren wir

zwischen den Ruinen von Teucheira. Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu

finden, rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen, dazu

stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an einer steilen Wand etwas

Schutz zu finden, wo wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer

vom Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr mangelhaft, und

mehrere Male mussten wir alle Nachts wieder auf, um die umgesunkenen Zelte

frisch aufzuschlagen. Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet war,

so liess ich darin den Photograph und meinen deutschen Diener campiren und

Mr. Chapman, Mr. Robert und ich legten uns in das etwas grössere der

Diener. Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche auf eine

Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum Glück hatten wir kalte

Küche, Wein und Schnaps, mit denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich

beim Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber ganz unmöglich.

Aber mit der Nacht hatte das Wetter ausgetobt; als am anderen Morgen uns

die Sonne Licht brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche

seien, dessen steile Wände überall Gräber und Höhlen enthielten; zu

demselben führte nur Ein Eingang, die Stadt selbst aber hatten wir im

Dunkeln schon passirt.

Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was offenbar von Tauchira

herkommt, ist heute fast ganz unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den

Schriftstellern, die später als Ptolemaeus und Scylax darüber berichteten

in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus Philadelphus erhielt die Stadt

den Namen Arsinoë, und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris

genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos von Cyrene, und im

Anfange abhängig von dieser Stadt, wurde Teucheira bald darauf Barke

unterthan. Wir wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt;

Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt Cyrene gehabt; man

rechnete sie zu den fünf Hauptstädten des Landes Pentapolitanien, und von

den Römern wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit, dass sie

von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern umgeben wurde, und Edrisi

beschreibt sie uns als eine mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die

Stadt gänzlich verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben jedoch ihre

Ackergründe in der Stadt und Umgegend, und halten sich bis zur Ernte hier

auf, später ziehen sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch eine

Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester Zeit angelegt.

Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist, ist unbedeutend. Am besten

erhalten ist die Mauer, aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben

aber aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese spätere

Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian her, da man alles Mögliche

dazu benutzte, was an Baumaterial zur Hand war, und so auch viele, mit

jedoch unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert hat. Fast

wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut, sind die Mauern der drei Seiten

fast gleich lang, aber keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26

viereckigen Thürmen versehen. Oft 15-18' hoch und 6' breit, ist die Mauer

oft nur 3' hoch, ja an manchen Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und

umherliegende Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge[20]

genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an. Zwei Hauptthore, an der

westlichen und östlichen Seite, von Thürmen flankirt, und durch eine

schnurgerade Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite hin

scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist nichts von einem Hafen zu

bemerken, wenn nicht vielleicht ein grosser Steinbruch in der

nordwestlichen Ecke der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben

war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass dieser Steinbruch heute

versandet, also höher als das Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem

auch hier das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der Hafen von

Leptis magna ist heute auch ganz versandet, communicirte aber sonst gewiss

mit dem Meere, und bei Leptis sinkt das Ufer auch.

Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden, jedoch nicht breiten

Strassen deutlich erkennen, an Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen,

von denen das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern hat,

welche mit einem Lorbeerkranze umgebene Inschriften haben. Alles ist

indess so durcheinander geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen

wage, wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes, ebenfalls

viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu gelegen, scheint eine Kirche

gewesen zu sein; viele Friese, mit Weinreben und Trauben geschmückt,

liessen Pacho es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren

von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen, es ist aber mehr

als wahrscheinlich, dass eine Stadt wie Teucheira nichts der Art

entbehrte, sondern, dass Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte

verborgen ist.

Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus schon schliessen, wie

bevölkert einst Teucheira gewesen sein muss. Indess finden wir hier nichts

Besonderes; man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern benutzt,

derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet erachtet wurde, man

in die steilen Wände Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern

herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum Bauen benutzt. Alle

Wände sind mit Inschriften wie bedeckt, welche aber gar kein

geschichtliches Interesse haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle

in griechischer, aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache abgefasst sind.

Im Osten der Stadt sind zwischen den Steinbrüchen auch andere Gräber, und

in diesem Gebiete hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen gemacht.

Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet sind, um Leichname

aufzunehmen, theils Aschenurnen enthielten, sind natürlich alle leer.

Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen; trotzdem gingen am

folgenden Mittag der französische und englische Consul mit ihren Leuten

zurück und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens recht gefällig

und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich zum Verkauf, Schafe, Ziegen,

Butter und Milch in so grosser Menge, dass letztere selbst von unseren

einheimischen Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die Braghta bewohnen,

wenn sie unten sind, die Gräber, sind aber so voll Ungeziefer, dass es

unmöglich ist, in ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner

Photograph, der diesen Umstand nicht kannte, und in eins der Gräber

gegangen war, kam schwarz bedeckt und schreiend herausgestürzt, und lief

wie wüthend zwischen hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen

Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten Theil los

wurde.--Immer hoffend, dass das Wetter besser werden würde, um einige

Photographien zu machen, blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen

Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen sie sich aber als

nicht gelungen.

Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band · 第 8 / 11 段