Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht davon kommen. Schon

hatten wir einen Lootsen an Bord, und derselbe hatte das Commando

übernommen, als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das Schiff

aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig tief, dass wir überall

Grund sehen konnten, wir waren auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage

des Lootsen noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das Schiff

ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen Umständen der

Fall sein, aber überladen, wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief.

Grosses Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge, jeder schrie

und commandirte, aber niemand gehorchte. Und schon glaubte ich, es würde

beim "Gott ist der Grösste, nur bei Gott ist Hülfe", sein Bewenden haben,

als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der noch der

Vernünftigste von allen war, liess nun gleich fast alle Passagiere

debarquiren, und dann rasch einen Theil der Ladung nachfolgen, so wurden

wir nach kurzer Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen

hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt.

Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den debarquirenden

Passagieren an's Land geschickt, um Quartier zu suchen, und die alsbald

auf den Consulaten als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man

meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es denn auch, so kamen

der englische und französische Consul an Bord, um mich abzuholen, und

gleich darauf waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude

untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher, Herrn

Denys, als Consul vertrat, nahm uns mit der liebenswürdigen

Gastfreundschaft auf, welche im Auslande Engländer und Franzosen so sehr

vor den andern Nationen auszeichnen.

Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der Ausrüstung begonnen; es waren

Kameele, Sättel, Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den

Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von allen Reisenden für

das berühmte Silphium gehalten) und vor allen der nothwendige Proviant zu

schaffen. Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen, Kameele

zu miethen; ich fand die Preise aber so in die Höhe getrieben, dass ich

mich entschloss, welche zu kaufen, und dies habe ich später auch

keineswegs zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch noch die Zahl der

Diener um einige erhöhen, aber andererseits war ich dafür Herr meiner

Karawane und meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei dem

reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica alles grünte und

blühte, die Kameele sich so halten würden, um sie nach beendeter Reise mit

nicht allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu können. Fünf

gute Kameele wurden mir also durchs französische Consulat eingekauft, alle

anderen Einkäufe besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst

wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche eines Landes mächtig ist,

ist es für einen Fremden immer am gerathensten, sich dergleichen durch

Ansässige besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien

ausgesetzt sein.

Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers aufs Tapet: in Bengasi

war man der Ansicht, ein Europäer könne sich unmöglich allein in die

Cyrenaica hineinwagen, das Ansehen der türkischen Regierung sei überall

gleich Null, die Gegend voller Räuber und Strolche, und ohne Begleitung

eines einflussreichen Chefs sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den

vereinigten Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben zu müssen,

und zwei Männer, einer von den Franzosen, der andere von den Engländern

protegirt, kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren,

Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie zu bieten schien. Obschon

Fremdling in der Gegend, war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und

hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten Chefs von Barca

geheirathet. Er war reich, hatte mehrere Häuser in Bengasi und war unter

andern Besitzer des englischen Consulates. Gegen die geringe Miethe von 90

Mahbab jährlich lautete der vor Jahren abgeschlossene Contract, mit dem

Beisatz, dass so lange das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat

habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände; an ein Kündigen von

Seiten des Aduli war gar nicht zu denken. Dergleichen Miethscontracte

wurden von den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen

Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast alle Europäer so gemiethet,

jetzt sind die Mohammedaner gescheidter.--Sein eigentliches Zeltdorf,

oder, wie man in Barca sagt, "Freg", war dicht bei Gaigab, also auch nicht

weit von der alten Cyrene selbst gelegen.

Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli derselbe war, der Hammilton

nach Cyrene begleitet hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen

ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er später auch

mehreremale Denys begleitet und war bei Porcher und Smith thätig gewesen,

so kann ich doch nur die Erfahrung Hammiltons: "Mohammed serving his own,

utterly neglected my interests" bestätigen. Der Aduli schien eine solche

Reise nur zu seinem eigenen Vortheile zu machen; der zu escortirende

Reisende war für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine

Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte er dadurch noch

seinen Einfluss bei Türken und Arabern. Hernach stellte sich auch heraus,

dass die Gegend gar nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar

diebisch, würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen

Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen das Leben eines Europäers zu

unternehmen.

Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte mich von Seiten der

Europäer der zuvorkommendsten Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen

Consulate, die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern und

Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und wetteiferten, mir den

Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Aber auch die türkische

Behörde, obschon der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht

eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend. Sie bot mir

Saptién und Empfehlungsbriefe an, da man indess auf dem englischen

Consulate der Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen

wegen eher schädlich als nützlich sein würde, so lehnte ich dankend das

Anerbieten ab. Auch dies war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht,

das türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall respectirt;

übrigens wäre die Mitnahme von Saptién, wenn auch nicht schädlich, doch

ganz überflüssig gewesen.

Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden hat sich Bengasi

bedeutend gehoben und gebessert. Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf

2000 an, während della Cella früher schon 5000 vorgefunden haben will.

Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton deren 10-12,000, vertheilt auf

1200 Häuser. Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben, von denen

2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener und Griechen. Die übrigen

Eingebornen theilen sich in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2

bis 3000 Juden.

Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem Heiligen Namens Ben Ghasi

oder Ben Rhasi hat, dessen Grabmal sich unfern der Stadt im Norden

befindet, liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden nach

Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im W. vom Mittelmeere selbst,

im O. von Lagunen bespült wird. Eine andere gegen die nördliche strebende

von Süden her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten das Thor

zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser mit den Lagunen der flachen

Salzsee communicirt. Bei Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den

Seen eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus. Der Hafen

ist so versandet, und überdies bei starken Stürmen so unsicher, dass im

Winter die Schiffe Bengasi nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren.

Im Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz. In diesem

Jahre sind Ingenieure von Constantinopel gekommen, um neue Hafenbauten

aufzuführen, und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung des

Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss ausüben wird. Mit

einigen kräftigen Baggermaschinen und mit zweckmässig angelegten

Landungsdämmen wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein guter Hafen

herstellen lassen.

Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel zur Verschönerung der

Stadt gethan; während früher die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines

Thurmes entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes, schlankes

Minaret bauen lassen, das schon von weitem den Schiffern vom Meer aus die

Stadt Bengasi verkündet. Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant

und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung. Und die Hauptsache

ist, dass alle Waaren vorhanden sind; in der That giebt es heute keinen

Artikel, der nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der Stadt

sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem gerade und für den

Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser sind solide aus Steinen gebaut, und

auch äusserlich die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr

viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die, welche in dem

letzten Decennium von den Europäern oder türkischen Beamten gebaut worden

sind, die innere Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein

viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit Thüren und Fenstern,

welche sich auf den Hof öffnen. Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser

aber, welches man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch. Die Häuser

der Europäer, auch alle mit einem freien Hofraum im Innern versehen, haben

geräumige hohe Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie man ihn

nur in Europa wünschen kann. Drei grössere Moscheen, zwei Synagogen und

eine katholische Kirche sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen

bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften im Innern viele

römische und griechische Alterthümer vermauert sein, leider wurde es mir

nicht erlaubt, eine zu besuchen.

Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen Gottesdienst dient ein

grosser Saal des Klosters) wird, wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen

gebaut werden, nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen

Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen Quadern von

Kalkstein und im romanischen Styl errichtet. Diese fleissigen

Franciscaner, erst vor wenigen Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis

als Filiale nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung der

Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht beim Kloster ist auch das von

ihnen erbaute Hospital der französischen Schwestern, welche zugleich eine

Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an Arme ohne Unterschied

der Religion von den Arabern die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt

werden. Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen in Tripolis.

Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im Anfange dieses Jahrhunderts

ein Castell erbaut, das zugleich die Mündung des Hafens schützen soll.

Aber obgleich äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig und

würde europäischer Artillerie, einerlei, ob neuester oder älterer

Construction, keinen Widerstand entgegensetzen können. In diesem Castell

hat die Regierung ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem, Casernen,

Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse Caserne, es sind in der Regel nur

500 Mann Infanterie in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das

türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die

Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch die Direction nicht

mehr von einem deutschen Arzte, wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so

ist dieselbe jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen

Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen Zustand

von Stadt und Hafen zu wünschen übrig.

Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger, jedoch von Constantinopel

ernannter Kaimmakam vor, welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet

Barca, dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite stehen für

die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti, für die richterlichen ein

Khadi, welche ihre Ernennung von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath

aus den vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in neuester

Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende Stimme. Die Stellung der

Europäer der türkischen Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen

Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und Ausgaben von Bengasi

und Barca auch nur annähernd anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken

überdies sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze steht, oder

je nachdem man Razzien, um den Tribut von den Nomaden einzuziehen,

unternimmt. Die verschiedenen zu erhebenden Abgaben werden, wie in

Tripolis, an Meistbietende verpachtet, und Christen und Juden sind davon

nicht ausgeschlossen.

Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in der Nähe des Hafens, die

Mohammedaner und Juden wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den

meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden ein eigenes

Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass es an zahlreichen Kaffeehäusern,

sowohl europäischen wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von

Schenken schlechte griechische und sicilianische Weine, starke Araki und

Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Bei den

öffentlichen Gebäuden haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das

aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich die verschiedenen

erwärmten Stuben fehlen, welche zu den heissen Bädern so nothwendig sind.

Da das Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen zu den Bädern

geholt wird, diese aber stark brakisch sind, und nur zum Viehtränken

benutzt werden können, so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt.

Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und Girben (Schläuchen)

von aussen weit hergeholt, und macht so den Einwohnern eine grosse

jährliche Ausgabe.

Die Einwohner, Araber ihrer Abkunft nach, haben sich sehr stark mit

Negerblut vermischt, sind daher sehr hässlich im Ganzen genommen.

Möglicherweise sind auch Berberüberreste mit untermengt, sie verstehen und

sprechen aber nur arabisch, und zwar haben sie den maghrebinischen

Dialekt; auch im Schreiben hat bei ihnen das [Arabic] q nur einen Punkt,

und das [Arabic] f den Punkt unten. Sie befolgen den malekitischen Ritus,

obschon in der Hauptmoschee, wo hauptsächlich das türkische

Beamtenpersonal vertreten ist, hanefitisch gebetet wird. Sie sind

fanatischer als die Tripoliner (man unterscheidet Tripoliner, den Städter,

vom Tripolitaner, dem Bewohner der ganzen Provinz), was hauptsächlich

seinen Grund darin hat, dass sie so häufig mit den freien, unabhängigen

Bewohnern der Hochsteppen verkehren, überdies sind sie unwissender, und

noch nicht in so innigen Beziehungen mit den Europäern, als die

Tripoliner. Ihre Tracht ist die der übrigen Tripolitaner, aber auch hier

verdrängt nach und nach das mehr zum Arbeiten geeignete europäische Costüm

das malerische, aber die freien Bewegungen hindernde, orientalische. Ein

reicher arabischer Kaufmann hält es heute für unumgänglich nothwendig,

französische Glanzstiefelchen zu tragen, und ein Paletot ist nichts

seltenes mehr, auch haben die meisten schon ihr weites Hemd gegen ein

europäisches vertauscht. Was nun gar die arbeitende Classe anbetrifft, ich

meine die Diener, Taglöhner der Stadt und die am Hafen beschäftigten

Maschapsträger, so ist da die enge Hose, ein europäisches, wo möglich

buntes Hemd, und, wenns erschwungen werden kann, europäisches Schuhzeug,

ganz eingebürgert; nur der leidige Fez will sich noch immer nicht

verlieren.

Man glaubt aber nicht, welche Revolution bei diesen Völkern ein

Kleiderwechsel macht, und gewiss hat die türkische Regierung bei den

Reformen Recht gehabt, ihren Beamten als ersten Schritt zur Civilisation

vorzuschreiben, europäische Kleidung anzulegen. Sie hat dadurch dem Volke

ein tägliches und sichtliches Zeichen gegeben, dass sie gewillt ist, mit

den alten Sitten und Gebräuchen zu brechen und europäische Einrichtung und

Gesetze anzunehmen. Bei diesen Völkern ist alles nur äusserlich, ihre

ganze Religion ist nur äusserliches Ceremonienwesen, und man kann sich

denken, wie hart es für die mohammedanischen Mucker war, mit ansehen zu

müssen, dass die vornehmen Leute, die Beamten, ja der Beherrscher der

Gläubigen selbst, christliche Kleidung anlegten. Welche Anzahl von

Vorschriften und Gesetzen hatten sie nicht früher, um die Juden und

Christenhunde zu verhindern, sich wie sie, die Rechtgläubigen, zu kleiden?

Ja in einigen mohammedanischen Staaten, Marokko z.B., existiren

dergleichen Gesetze noch heute. Die Franzosen aber, diese Araberbewunderer

en gros, haben sicher grosses Unrecht, dass sie ihren arabischen Beamten

in Algerien nicht von vornherein befahlen, französische Uniform anzulegen.

Sie hätten dadurch die Schafe von den Wölfen am besten unterscheiden

lernen können. Ein Beduinenchef in der Provinz Oran, diesem ewigen Krater

der Revolution und des Krieges, der mit Vergnügen monatlich als Agha oder

Kaid aus den Händen der französischen Regierung seinen Gehalt

entgegennimmt, bis er glaubt genug zu haben, um zu revolutioniren, ein

solcher Beduine würde sich eher erschiessen, als französische Uniform

anziehen, aber dann fort mit ihm! Und nur solche angestellt, die, wenn sie

besoldet sind, sich auch nicht schämen, die Jacke ihrer Herren zu tragen.

Mit diesem einfachen Mittel würden die Franzosen alle ihre Araberchefs

zwingen, Farbe zu bekennen. Aber nein, die französische Regierung thut

gerade das Gegentheil, um dieser Bevölkerung, welche eben ihrer Religion

wegen sich nie civilisiren kann, zu schmeicheln, steckt sie ihre eigenen

Soldaten unter dem pomphaften Namen Zouave in türkische Pumphosen.

Die Frauen haben mehr ihre nationale Tracht bewahrt. Ob sie auch so

hässlich sind, wie die Männer, konnte ich wegen meines kurzen Aufenthalts

nicht erfahren; die jungen Mädchen, welche bis 8 oder 9 Jahren

unverschleiert auf der Strasse sich zeigten, sahen nicht viel versprechend

aus.

Ganz anders verhält es sich mit den Juden, Männer und Frauen sind

durchgängig schön zu nennen. Ob dies noch die Abkömmlinge der hier im

Alterthum so zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden,

aber nicht unwahrscheinlich. Sie selbst haben keine Erinnerung oder

Ueberlieferung; es ist übrigens sehr gut möglich, dass sich in ihren alten

Chroniken Andeutungen davon finden, aber die eingeborenen Juden sind auch

viel zu fanatisch, um einem Fremden einen Blick in ihre synagogischen

Bücher zu gestatten. Wir wissen, dass unter der römischen Herrschaft die

Juden allein das Recht hatten, Geld ausser Land zu schicken, ihren Tribut

nach Jerusalem. Heute wiederholt sich noch ähnliches, zwar schicken die

Juden das Geld nicht mehr nach Jerusalem, aber dieses sendet von Zeit zu

Zeit Rabbiner durch die Welt, welche sammeln müssen. Auf unserer Fahrt von

Tripolis leistete uns ein solcher Jerusalemer Rabbiner Gesellschaft; er

hatte in Tripolitanien gesammelt und wollte dann sein Geschäft in Bengasi

und Derna fortsetzen, er war noch dazu mein Landsmann, denn obschon in der

Stadt Davids geboren, war er Unterthan des norddeutschen Bundes.

An Gärten besitzt Bengasi nur einen Palmhain, der sich nordwärts von der

Stadt hinzieht. Obst und Gemüse gedeihen sehr schlecht, und um sie nur

einigermaassen wachsen zu machen, sind die Gärten alle auf Matten

gebettet. Das heisst, man hat das jetzige Terrain weggegraben, Matten

gelegt und dann Dünger und guten Boden aufgetragen. Die Matten sollen

offenbar einestheils das Aufsteigen des Salzwassers, anderntheils das

Durchsickern der fruchtbaren Düngerjauche verhindern, und müssen daher

immer erneuert werden. Ob sie aber diesen Zweck damit erreichen, habe ich

nicht gut absehen können. Die Palme gedeiht an und für sich gut in

salzhaltigem Terrain, ebenso die Olive, wie einige prächtige Bäume im

englischen Consulate beweisen. Obst dagegen, namentlich Orangen, die gar

nicht fortkommen wollen, und Gemüse können fast gar nicht gezogen werden.

Alles Obst und Gemüse kommt daher von Derna, Candia, Malta und Tripolis.

Sehr gut gedeiht aber noch Klee und Luzerne; die fruchtbare Ebene, die

sich etwas weiter weg um die Stadt zieht, versorgt mehr als reichlich die

Stadt mit Vieh und Korn.

Was den Handel anbetrifft, so hebt sich derselbe zusehends. In den letzten

Jahren war der Hafen durchschnittlich von 300 Schiffen besucht. Natürlich

beschränkt sich die Schifffahrt fast nur auf das mittelländische Meer, und

grössere Schiffe als Zweimaster kommen nie nach Bengasi. Es lässt sich

nicht leugnen, dass der wieder angeknüpfte Verkehr mittelst Karawanen nach

Uadai dazu beigetragen hat, den Austausch mit dem Innern von Afrika zu

beleben. Die grosse Menge von Sklaven, welche von dort kommen, abgesehen

von dem Elfenbein und den Straussenfedern, werden hauptsächlich hier gegen

europäische Producte verwerthet. Es ist überhaupt erstaunlich, wie in den

letzten Jahren der Sklavenhandel schwunghaft betrieben worden ist, und

hauptsächlich trug der Umstand dazu bei, dass den englischen Consulaten,

die früher die einzigen von allen in dieser Angelegenheit den Türken und

Arabern den Fuss auf den Nacken hielten, die Weisung von Constantinopel

aus zugegangen war, so viel wie möglich sich der Einmischung zu enthalten.

In diesem Jahre nun hat die Botschaft Englands in Stambul neuen Befehl

gegeben, streng über die Verträge gegen den Sklavenhandel zu wachen. Die

Consulate der anderen Mächte bekümmern sich gar nicht um dergleichen.

Ueber die Aus- und Einfuhr liegen keine statistischen Nachweise vor, beide

steigen jedoch von Jahr zu Jahr, so dass man die Exportation jetzt auf

etwa 1,500,000 Fr., die Importation auf 1,000,000 Fr. veranschlagen kann.

Ausgeführt wird besonders Korn, Schafe, Rindvieh, Federvieh, Butter,

Wolle, Eier, Honig, Häute, Elfenbein und Straussenfedern. Nach Aegypten

werden auch alljährlich viele Kameele exportirt, deren Zucht in den

grossen Ebenen südlich von Bengasi ganz vortrefflich gedeiht. Der Import

umfasst alle europäischen Fabrikate, Tuche, Baumwollstoffe, schlechte

Seiden und Sammetstoffe, Nürnberger Waaren, Lichter, Seifen und Oele,

südliche Weine und Alcohol, Früchte und Gemüse. Theils bleibt dies für den

Consum in der Stadt, theils wird die Waare von hier weiter nach dem Innern

expedirt.

* * * * *

Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluß.

Wenig nur ist heute von diesem alten Sitze der Hellenen übrig, an dem

Meere sich hinziehende Quaderbauten, in den Häusern verbaute Steine,

Capitäler von Säulen, Schafte ohne Capitäler, Sarkophage, einige

verstümmelte, schlecht erhaltene Statuen (zu Barths Zeit wurden drei

ausgegraben), das ist es, was im heutigen Bengasi vom alten Euesperides

oder Berenice noch zu finden ist. Aber selbst Reste einer Necropolis sind

nur spärlich vorhanden, hie und da kleine Hypogeen, welche ursprünglich

Steinbrüche gewesen zu sein scheinen, und dann erst später zu

Todtenkammern weiter ausgearbeitet wurden, ist alles was in der nächsten

Umgebung von Bengasi an Bauüberresten vorliegt. Höchst wahrscheinlich

bestatteten hier die Bewohner ihre Todten in freien Sarkophagen, da das

Terrain für in Felsen gearbeitete Gruben, wie man sie bei Cyrene, bei

Ptolemais und Temheira findet, sich nicht als passend erwies. Auch

begruben vielleicht die Juden, und diese machten seit Beginn dieses

Jahrtausends die Hauptbevölkerung von Berenice aus, ihre Todten wohl nicht

wie die übrigen Bewohner Cyrenaicas, und was daher weniges an Sarkophagen

und anderen Grabmonumenten oberhalb des Bodens vorhanden gewesen sein

dürfte, wurde längst als Baumaterial verschleppt.

Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band · 第 7 / 11 段