der Ruinenstätte, um im Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus
Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends nach Sonnenuntergang in
die Wohnung Hamed Bei's zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen,
und besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren doch nur zu zweit
bei Tisch, d.h. er und ich, eine so glänzende Erleuchtung spendete. Da
waren auf den Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch
selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste war, dass mein
Wirth einen ausgezeichneten Tischwein führte, und selbst mit Maass und
Anstand zu essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer und
Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der Zahl, so abgerichtet, dass
sie selbst nach jedem Gange die Bestecke und Teller wechselten. Einer von
ihnen war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass er in Uniform
aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr eifersüchtig darüber wachte, dass
alles europäisch zuging, gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder
Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht alles nach seiner
Meinung fränkisch zuging. Dass nun in der Reihenfolge der Gerichte, in
ihrer Zubereitung selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen
vorkamen, kann man sich leicht vorstellen: leben doch in Tripolis die
Europäer selbst eher türkisch als europäisch in ihren Gesellschaften.
In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken kennen,
gerade aber ihn hatten die Tripolitaner aus der nächsten Umgebung des
Pascha's zu entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er als
Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher als die meisten Beamten,
war er, sagt man, namentlich dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von
Tripolis, ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst seiner
Freunde, des Personals des französischen Consulates, seine Entfernung von
Tripolis verlangt. Man muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach
unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann gewesen sei; die Leute
in Choms erzählten mir sogar, dass er allein bei den Abgaben von den
Oelbäumen das Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen), und
als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der untern Beamten, einem
Abgabensammler, zusammentraf, fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den
letzten Tagen etwa 18,000 Mahbub--ein Mahbub ist etwas mehr als ein
preuss. Thaler--bei den Abgabensammlungen profitirt habe. Dabei lobte
merkwürdigerweise der Abgabensammler Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken,
dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst nicht auch sein
Profitchen gemacht habe, was er zwar in Abrede stellen wollte, indess
sicher der Fall war. Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen
und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar keine Administration
denken können; Civilisation, rechtliche Verwaltung sind auch überdies
schon bei Völkern unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen;
wer heutzutage noch glauben kann, die Völker civilisiren zu wollen, welche
dem Islam huldigen, der komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und
Tunis, und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen Staaten sind
heute noch dasselbe, was sie vor hundert Jahren gewesen, d.h. zu einer
Zeit, wo die sogenannten Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren.
Man kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht zu civilisiren
sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung keine Civilisation erlaubt.
Würden wir Europäer vielleicht nicht in demselben Fall sein, wenn wir
zufällig uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für ganz
andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu anderen Bedürfnissen
passte? Denn sicher wird man nicht behaupten wollen, dass die Sitten und
Bedürfnisse, die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der
Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie sie es jetzt sind im
Jahrhundert des Telegraphen und des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns
ist unser Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum der
ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe nach Abessinien oder besuche
die Copten oder andere Völker, die streng an den Satzungen der Kirche
festgehalten haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist.
Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden Tage vier Ansichten
von Lebda auf: das südliche Stadtthor, die südliche Front der grossen
Basilika, die Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen Wohnung
des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht vom Hafen, der freilich
jetzt ganz versandet ist.
Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen hatten, höchstens um
einige Säulenstümpfe ärmer, die der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali
Riza Pascha, von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit seine
Anlagen zu verunzieren.
Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung Lebda's auf
einmal oder nach und nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl
beides annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis magna fand
Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so mit Sand überschüttet, dass er die
Wiederherstellung aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder
Oststadt verwendete[14]; es muss also ein aussergewöhnlicher Orkan
geherrscht haben, der nach der Zerstörung durch die Vandalen diesen
Stadttheil mit aufgewühltem Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme
fügen noch immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen, wo
ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil, die eigentliche
Hauptstadt, verschwunden sein wird.
Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher Zeit aus dem Meere
geworfen worden sind, so ist vor Zeiten die ganze grosse Aregformation in
der Sahara ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer
Forscher[15] gänzlich unhaltbar, dass die Dünen der Wüste ein
Zersetzungsproduct von Felsen seien. Lebda nun, wie es sich uns heute
zeigt, bildet drei Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf
beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die Haupthälfte sich auf
dem linken Ufer befand, während auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu
sein scheinen; nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort,
scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte zugleich die des Hafens
gewesen zu sein. Wenigstens fällt die Südseite des Forts auf der rechten
Flusszunge direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais,
woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der Schiffe vorhanden sind,
und Treppen, welche zum Hafen hinabführten; jetzt natürlich steigt man
mittelst der Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden. Diese
Altstadt enthält fast allein die öffentlichen Gebäude: als Paläste,
Kirchen, das Forum etc., aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand
überschüttet.
Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was Barth als [griechisch: polis]
oder Altstadt bezeichnet, dies wirklich gewesen sei. Ich glaube vielmehr,
dass die westliche Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden
Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet auf dieser
Landspitze--die auch viel zu eng ist, um nur zwei Reihen von Häusern
aufzunehmen, mögen wir uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch
so beschränkt denken--gar keine andere Spur von Gebäuden, als solche, die
auf Vertheidigung und Schutz hindeuten, und gerade eben die drei
Ueberreste von Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt trennen,
deuten darauf hin, dass hier das eigentliche Reduit lag. Die kolossalen
Quaderbauten nach dem Meere zu sind vollkommen gut erhalten, leider
erlaubte der Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom Meer aus
in die untere Partie des Forts münden, zu besuchen; das Meer peitschte mit
solcher Gewalt seine schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es
unmöglich war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist übrigens nach dem
Meere zu durch eine starke Quadermauer geschützt.
Westlich von der Altstadt findet sich nun ein Ruinenfeld, welches fast bis
nach Choms hinreicht. Von diesem Ort ausgehend, stösst man auf einen fast
50' hohen Obelisken, aus Sandstein erbaut, gut erhalten, der
wahrscheinlich ein Grab ziert. Die zahlreichen Grundmauern von
Privatwohnungen und einige öffentliche Gebäude deuten an, dass hier eine
"Neustadt" war; eine Mauer scheint dieselbe nicht umgeben zu haben.
Aus den Beschreibungen der Alten geht übrigens hervor, dass Leptis
wenigstens vor der Römerherrschaft schlechtweg den Namen Neapolis führte.
Nach Sallust von den Sidoniern gegründet, welche Unruhen halber
ausgewandert waren, entstand die Stadt unter dem Namen Leptis an dem Orte,
wo wir die jetzigen Ruinen vor uns haben, ungefähr zur Zeit als Cyrene
schon aufgehört hatte, von Königen regiert zu werden, sich aber zu einer
Republik constituirt hatte.
Scylax kennt die Stadt dann nur unter dem Namen Neapolis und Strabo und
Ptolemäus schreiben, "Neapolis auch Leptis genannt". Unter den Römern
erhielt sie den einheimischen Namen zurück, und wurde magna genannt, im
Gegensatz zu Leptis bei Carthago.
Leptis magna musste eine sehr reiche Stadt sein, da sie, wie Livius
anführt, täglich ein Talent Silber als Abgabe an Carthago zahlte. Im
Kriege der Römer mit Jugurtha hielt sie zu ersteren, wurde daher sehr
begünstigt und erhielt die Rechte und Begünstigungen einer Colonie, als
solche kennen sie Plinius und Ptolemäus noch nicht, auf den
Peutinger'schen Tafeln ist sie aber als Colonie gezeichnet.
Kaiser Severus that ausserordentlich viel für die Stadt, aber bei dem
Einbruche der Ausurianer ging sie fast ganz zu Grunde, und der spätere
theilweise Wiederaufbau unter Justinian vermochte ihr ihre alte Blüthe
nicht wieder zu geben. Im siebenten Jahrhundert fiel sie dann ein Opfer
der hereinbrechenden Araber, um nicht wieder von ihren Ruinen und den sie
deckenden Sanddünen zu erstehen.
Die eigentliche spätere Neustadt befand sich indess auf dem rechten Ufer
des Lebda durchschneidenden Flusses, und hat einen sehr ausgedehnten
Umfang, auch ist noch überall die Grundmauer ihrer Umgebung deutlich
wahrzunehmen. In späteren Zeiten war sie indess wohl der Hauptsitz der
Bevölkerung, da Septimus Severus seinen Palast sich dort erbaute. Gleich
östlich von diesem Stadttheile zieht sich dann die Nekropole nach SO. hin,
von der Wasserleitung durchschnitten, welche im Hafenquai selbst mündete.
Das besterhaltene Denkmal ist der Hippodrom von Leptis magna, und für eine
Provinzialstadt war er sicher einer der grössten und prächtigsten[16].
Ganz am Ostende aller Baulichkeiten von Lebda gelegen, zieht er sich dicht
am Meere hin, derart, dass die eine Wand durch das Ufer, also
natürlicherweise, gebildet wird, während die andere der ganzen Länge nach
durch einen grossartigen Steinbau, welcher zugleich das Meer abhält,
begrenzt wird.
Das ganze Stadium ist derart angelegt, dass auf eine innere Länge von 550
Schritten das Westende mit einem Tempel anfängt, dessen mächtige
Grundmauern noch erhalten sind. Von diesem Tempel bis zur Spina sind 200
Schritte: es war dies der Raum zum Ablaufen, Aphesis genannt. Die Spina
selbst, überall 5 Schritte breit, beginnt mit einem Rundtempel, halben
Durchmessers, aber nur die Basis dieses Tempels, durch einen Zwischenraum
von der Spina getrennt, ist noch vorhanden. In der Mitte der Spina befand
sich ein anderer Tempel, 120 Schritte vom ersten entfernt. Ueberhaupt
haben beide Häfen einen wahrscheinlich überdachten Säulengang gehabt,
wenigstens finden sich überall die Spuren eines Säulenganges, sowie
zahlreiche Säulenüberreste. Beide Hälften der Spina sind mit Durchgängen
versehen. Dem Rundtempel gegenüber befindet sich am andern Ende der
Taraxippos, oder das Umkehrzeichen, in Form eines Halbkreises von der
Spina getrennt. Der Hippodrom scheint mit keiner Rundung abgeschlossen zu
haben, aber auf der äussersten östlichen Wendung, wo die künstliche Mauer
mit dem natürlichen Erdwall, der auch steinerne Sitze hatte,
zusammenstösst, befindet sich ein solides pyramidenartiges Gebäude, das
vielleicht eine Statue trug.
Gleich südlich vom Stadium erhob sich das Amphitheater, es ist aber nichts
weiter davon übrig, als die kreisrunde Einsendung in den Boden, welche
theils natürlich, theils künstlich ist.
Ich habe mich darauf beschränkt nur eine allgemeine Uebersicht der
Topographie der Stadt zu geben, da mit Ausnahme des Hippodroms eine
Beschreibung der einzelnen Gebäude, ohne sie vorher vom Sande befreit zu
haben, unmöglich wäre. Beim Photographiren der Basilika hatte ich indess
noch das Glück, eine Inschrift zu entdecken, die, wenn auch nicht von
besonderem Interesse, doch neu ist; auch konnte ich mehrere Gemmen kaufen,
sowie einige Münzen. Hamed Bei hatte sogar die Freundlichkeit, mich auf
einen nahe liegenden Berg führen zu lassen, wo er eine Inschrift entdeckt
hatte.
Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne Frühstück fortlassen
wollte, verlor ich meine Karawane. Ich hatte sie nämlich schon am Morgen
früh fortgeschickt, und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch
am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die Inschrift sich befand,
erst Nachmittags herunterkam, überfiel mich beim Weiterreiten schnell die
Nacht, und unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich ich
mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich so oft ich Wachtfeuer
erblickte, wollte es mir nicht gelingen, den Lagerplatz meiner Leute
ausfindig zu machen, und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den
ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter konnte, musste ich mich
endlich entschliessen, ein anderes Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt
meine Karawane längst hinter mir gelassen haben.
Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und schickte meinen Neger
dorthin, ein Nachtlager zu erbitten. Es fand sich, dass nicht weit vom Weg
ein einzelnes Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's
gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit keine Rede, die
Leute waren so arm, dass sie nicht einmal eine Matte besassen, und wenn
nicht ein beständig unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich
ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen Zelte verbreitet
hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten haben. Man kann sich leicht
denken, dass das Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel:
etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit meinem Wirth aus einer
Schüssel mit den Fingern ass, war alles, was zu haben war. Mein armer Esel
fuhr noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben.
Die armen Leute, von der türkischen Regierung ganz ausgesogen, hatten
übrigens ihr Möglichstes gethan, und so nahm ich am folgenden Morgen mit
Dank von ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte reichlich
an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt hatte. Denn dem Araber selbst
Geld für seine Gastfreundschaft anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte
gewesen. Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte gar nicht mehr von
der Stelle, und nachdem ich einige Stunden zu Fuss marschirt war--den Esel
liess ich durch meinen Neger treiben--war ich froh, als ich in einem
Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen aufgeschlagen worden, ein Pferd
zur Weiterreise miethen konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein
besseres Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den Stand, noch
an demselben Abend Tadjura, freilich etwas spät, zu erreichen, und hier
kehrte ich im Landhause des italienischen Consuls ein, denn auch mein
Pferd wollte nicht mehr weiter.
In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda bedeutend weiter, als man
nach den Karten glauben sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die
Strecke sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken Dünen, auf
denen Thiere und Menschen bald ermüden. Am andern Morgen früh war es nur
noch ein Spazierritt bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane,
der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am folgenden Morgen
einzutreffen; die Kameele hatten sich auf dem Wege ebenso gut gehalten,
wie die Leute.
* * * * *
Bengasi.
Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen, weil ich vermuthete,
dass bei dem schönen Wetter der Dampfer rasch von Malta zurückkommen
würde, und ich keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der
Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war das Dampfschiff noch
nicht angekommen, ja ein von Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass
das Schiff erst nach Ende des Carnevals abgehen würde.
Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener Soldat) nach Lebda
geschickt, mit einem Briefe des Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise
nach Tripolis nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt. Es
that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit aus der Hand
gegeben hatte, noch mehrere interessante Ansichten von Lebda
photographiren zu lassen.
Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte Dampfer an, und nun
konnte, da seit langem alles vorbereitet war, die Karawane abgehen.
Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act unter preussischer
Aegide seitens Deutschlands in Tripolis vorgenommen wurde. Wenn auch in
früheren Zeiten fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden
Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie Barth, Overweg und Vogel,
durch Englands Gelder ausgerüstet, und von der englischen Regierung
abgeschickt, als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann
und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen privaten Charakter
gehabt; wenn auch bei meiner Reise nach Bornu der König von Preussen sich
mit einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so war nie von
einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.[17] Ganz anders war es
jetzt: Dr. Nachtigal ging mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem
Auftrage, der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn von
Norddeutschland war übermittelt worden. Sein Abgang musste daher mit einer
gewissen Feierlichkeit stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue
norddeutsche Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem
Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo bis jetzt nur die
englische und die Bremer Flagge war gesehen worden. Die
schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so hoffen und wünschen wir, von hier
noch weiter getragen werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder
atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der Zeit unseres
Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten mit Aufmerksamkeiten aller
Art überhäuft worden. Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern
temporären Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.
Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher sämmtliche Consuln und die
angesehensten Familien der Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein.
Die Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande der Mschia
aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck lagen daneben. Fast alle kamen
unserer Einladung nach, auch das türkische Gouvernement hatte sich durch
Hammed Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch einen in Wien
erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im Generalstab, vertreten lassen.
Dort am Ende des Palmwaldes, am Anfange der Sanddünen, wurde nun den
Tripolitanern ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff des Essens
nach arabischer Manier hergerichtet war, d.h. in gerösteten Hammeln und
enorm grossen Kuskussu-Schüsseln bestand; aber auch Wein, freilich nicht
von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit auf den König
Wilhelm vom holländischen Generalconsul, sodann die auf die glückliche
Ueberkunft der deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter
allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich kamen dann auch
noch die Tripolitaner Stadtmusikanten, eine Flöte, eine Harfe, eine Geige
und eine Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen,
ein Platz war bald gefunden, an Walzern und Polka's nicht fehlte.
Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber der Stadt und Umgegend
diesem, für sie nie gesehenen Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie
uns alle für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie früher
Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und nie weiter nach Norden in
Afrika gekommen war als Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle
nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, "in scha Allah."
Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren ersten Marsch an, nachdem
sie Nachts am Rande der Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen
sie bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach der Stadt
zurück, und hatten somit die Aufgabe, die Geschenke des Königs für den
Sultan von Bornu von Tripolis aus abzusenden, gelöst.
Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden, um nach Bengasi zu
kommen, denn der Weg um die grosse Syrte war durch die lang anhaltenden
Regen ganz unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen ihn
mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer der Syrte befanden sich in dem
Zustande, wie sie von Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind.
Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die Landschaft südlich
von der grossen Syrte habe den Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und
Ableitung von Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck
"surtis" von "surein" ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie auf den
Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen um die Zeit der hohen, durch
den Nord- und Nordwestwind hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese Zeit
eine Reise um die grosse Syrte machen wollte, würde rettungslos in die
Tiefe gezogen werden, falls er nicht einige nur den Eingebornen bekannte
Pfade, die hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das, was wir
auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste bezeichnen, keineswegs
Desertum, sondern das fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren
Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss zu seiner Länge wenig
interessantes, wenn man nicht von einzelnen Punkten Excursionen in's
Innere machen wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die Küste
anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann hoffen auf diesem Wege neues
zu bringen, falls man über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen
hatte.
Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt machen, so konnte ich blos
an Segler denken, aber selbst bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14
Tage unterwegs sind, war es einer Landreise gegenüber, welche nicht unter
35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende Zeitersparniss; bei
günstigem Winde segelt man blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich
sehr gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis, eine Brigg
im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte, aber er wollte sie nur gleich
absegeln lassen, wenn ich die ganze Cajüte miethen würde. Gross und
comfortabel war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer. Indess ohne
Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem hatte ich für fünf meiner
Leute zu zahlen und für meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig
Tage Proviant einnehmen.
Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März, einige Tage nach dem
Abgange der Karawane des Königs, mit allen meinen Leuten an Bord gehen,
und am andern Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem Hafen. Die
Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf dem Decke lungerten 40 bis 50
zerlumpte Araber, Juden, Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber,
Frauen, Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren werthlosen
Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen und Kisten und Kasten.
Von der Cajüte aus sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu
bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck.
Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie war auch so niedrig,
dass man nur ganz gebückt sich darin halten konnte, hatte ausserdem drei
Cojen, Tische und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe
selbstverständlich, sie hätten auch schwerlich Platz gefunden, dennoch
gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen. Und besser, als ich
gedacht hatte, ging die Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas
Sturm, etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser Reis
(Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich an der Küste zu halten,
fuhren wir geraden Wegs nach Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer
ausser Sicht verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land, und
bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt, welche sich von
weitem recht stattlich ausnahm. Viel trugen freilich das Fort an der einen
Seite, die Palmengärten, die schmucken europäischen Häuser, und im
Hintergrunde die bläuliche Bergkette dazu bei.