Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von denen das

nordwestlichere mehr von den Juden, das östliche also am Hafen gelegene,

von den Christen bewohnt wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha,

hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander mit

Christen und Mohammedanern wohnen. Die Strassen in Tripolis sind breit und

reinlich (natürlich immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen

Städten) und einige hat man in letzter Zeit sogar angefangen zu pflastern

und mit Laternen zu versehen. Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens

dieses Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich zu denen

in Tunis, Blaquière geht sogar so weit zu behaupten, die Stadt könne, was

Bauart der Häuser und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen

europäischen Städten, am mittelländischen Meere als Muster dienen. Die

Häuser der Mohammedaner haben meistens ein Stockwerk, sind von aussen

reinlich geweist und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte ist

in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener Gang mit doppelten

Thüren von der Strasse aus führt, so dass ein Fremder, wenn auch die

Thüren offen stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen kann. In

diesem Gange sind immer steinerne Bänke angebracht, wo der Hausherr

geschäftlichen Besuch empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses

sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte Fenster nach

der Strasse. Die Zimmer öffnen sich alle auf den Hof durch hohe maurisch

gewölbte Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen Zimmer öffnen

sich auf eine Gallerie, welche inwendig im Hofe herunterläuft und dem

unteren Hofe zugleich Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben

wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen Kaufleute und

Beamten sind vollkommen europäisch möblirt. Die Häuser der reichen Juden

unterscheiden sich in Nichts von denen der Europäer und die der ärmeren

Juden in Nichts von denen der Mohammadaner, nur dass sie noch schmutziger

sind. In jedem Hause, auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das

süsse Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für den Consum des

Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da für Waschungen, oft auch zum Kochen

benutzt, in jedem Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches

Wasser hat.

An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss des Paschas, ein

unregelmässiges Gebäude ohne jede Schönheit in der Architectur, eine

Kaserne und Harem, sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden.

Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine durch Schönheit aus, auch

nicht die neue von Hadj Ali Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle

aber sind im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt, von

denen namentlich die am Ssuk el turk befindliche herrliche Monolithen aus

Porphyr hat. Die christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine

katholische und eine griechische. Mit der katholischen ist ein Kloster

verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins der ältesten Klöster, die

koptischen in Aegypten ausgenommen, in Afrika und seine Entstehung datirt

von der Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche haben

eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung, ein Theil von

ihnen versieht den Gottesdienst und andere sind Handwerker. Der Vorsteher

des Klosters, der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und Gewalt.

Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf eine Subvention von 20,000

Francs pro Jahr und Sporteln, welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit

dem Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den Schwestern von St.

Joseph geleitet wird. Im Hospitale werden Kranke jeden Glaubens

aufgenommen. Die Türken haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb

der Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke aufnehmen

kann und unter Umständen auch Civilpersonen geöffnet ist. Für europäische

Fremde ist ein Gasthaus vorhanden, welches indess selbst für die, welche

mit bescheidenen Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen übrig lässt.

Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks sorgen für das zeitweilige

Unterkommen der Mohammedaner. Es giebt keine eigentliche Bazars in

Tripolis, doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf dem Stuk

el turk, hauptsächlich für Taback, Opium, Kaffee und feinere Sachen

gesorgt, in anderen Strassen, wie el Kessariah, werden hauptsächlich

einheimische Stoffe und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der

Schreiner, Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen

Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische Kaufläden, wo Alles zu

haben ist. Drei Pharmacien sorgen für die Bedürfnisse des kranken

Publikums, zwei öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche

Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt zu werden.

Ordnung und Sicherheit in der Stadt wird durch Polizisten aufrecht

erhalten, obschon man sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts,

wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist eine Hauptwache,

Douanenwache und Schlosswache vorhanden, und alle Thore immer mit

Doppelposten versehen. Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich el

bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht, ist sein Posten doch

einer der einträglichsten. Der jetzige Schich el bled ein gewisser Ali

Gergeni soll, da er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten

gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle europäischen

Nationen mit Ausnahme der deutschen sind durch Consulate vertreten, von

diesen haben die Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener

Generalconsulate. Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so mögen gegen

18,000 Seelen in Tripolis[11] sein, von denen 3000 Christen und 4000 Juden

sind. Die Christen sind der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und

Griechen, alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien

vertreten.

Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich vom

Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu Jahr aus, obschon die Türken

nichts thun ihn zu heben. Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen

einen Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von diesen sind

fast dreiviertel unter otomanischer Flagge fahrend, und die übrigen

gehören ihrer Wichtigkeit nach der italienischen, englischen,

Jerusalemer[12], französischen, griechischen und österreichischen Flagge

an. Da die Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als (z.B.

ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt von ca. 30,000

Tonnen. 400 Schiffe würden also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern

ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen gerechnet,

gleichkommen. 400 Schiffe importiren und exportiren durchschnittlich für

5,250,000 Fr. an Werth, die Importation übertrifft aber in der Regel die

Exportation.

Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind: Korn, Oel, Früchte

(Datteln, Orangen und Citronen), rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte

Felle, Butter, Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven,

etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron, Schwämme und

Manufacturwaaren: als Matten, Körbe, Teppiche. Wenn wir annehmen, dass

diese einen Gesammtwerth von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde das

Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen, dann Oel, Elfenbein,

Sklaven, Goldstaub, Wolle und Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein.

An importirten Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und Mahmudi von

England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe, Kram- und Esswaaren, Kaffee,

Zucker, Färbestoffe, Wein und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz,

Metalle, Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren,

Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber (in Form von

5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler), Uhren, Möbeln und andere

Manufacturgegenstände. Von diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und

Seidenstoffe die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und Esswaaren,

Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein.

Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen am Mittelmeere in

folgendem Verhältnisse: Malta 8/16, die Levante und Alexandrien 3/16,

Livorno und Italien 2/16, Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16.

Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt wird, sind zwei grosse

Märkte wöchentlich vor den Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore

und Freitags vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen dann hier

zusammen aus der ganzen Regentschaft, und diese Tage bieten gewiss eins

der bedeutendsten und interessantesten Bilder afrikanischen Lebens, das

man sich nur denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich

verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate, so dass jeder

Europäer Kenntniss davon hat. Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin

mit 120 Thaler, eine Fullo mit 150-160 Thaler und eine Tscherkessin mit

300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche sind zu dem Preise von 70-90

Thaler zu haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr von 2708

Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend, für das Jahr 1850,

während Testa für dasselbe Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem

Gesammtwerthe von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf 200 Fr., was

jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein junger Bursche in Mursuk oft

schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler bezahlt wird). Es scheint aber als ob

jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen Generalconsulate

sollen ergriffen werden.

Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali Riza Pascha ein Algeriner,

ist im Ganzen ein Mann von Bildung, aber obschon er recht gut französisch

spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist, so hat er doch

lange nicht das Humane, und ein so gutes Administrationstalent wie sein

Vorgänger Mahmud Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von Tripolis

Kaputan Pascha oder Marineminister geworden, welchen Platz er auch noch

heute im türkischen Reiche ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich

erzogen worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass

verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt war. Später als er

einsah, dass er nicht gegen den Strom schwimmen konnte, schickte er durch

Vermittlung der französischen Botschaft in Constantinopel seinen Sohn auf

die Artillerieschule nach Frankreich, wo Ali Riza Pascha sich das

Officierspatent erwarb und dann gleich darauf in türkische Dienste trat.

Da er seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm hier

Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte er schon den Rang eines

Mareschals. Sein Charakter ist seltsam gemischt, so theilte er z.B.

Morgens Almosen aus an fanatische Druische, welche Spottlieder auf die

Christen und christliche Religion sangen, und ging Abends auf einen Ball

oder in eine Gesellschaft, die irgend ein europäischer Consul gab. Er

versuchte einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber seine

Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen kleinen Thurm mit einer

Uhr bauen lassen, und eine Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die

Araber sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als Abzeichen

einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen Mohammedanern) errichten

lassen, verbot er jedem bei Gefängnissstrafe das Wort "Glocke" zu

gebrauchen, und in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren immer

einige Individuen im Gefängniss, welche sich des Wortes Glocke[13]

unvorsichtigerweise bedient hatten.

Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der Schich el bled Ali Gergeni,

aber beide hüteten sich wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu

lassen. Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels wohl

mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen Thür ein Gitter hatte,

von wo aus sie alles sehen konnten, ohne bemerkt zu werden. Sobald ein

europäischer Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu fehlen.

Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch von Cyrenaica.

Wenn schon die Alten unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca.

640 Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen Bomba, unter Battus

niederliessen, so war Ali Riza Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er

ging Anfangs 1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition

gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial, Lebensmitteln etc. beladen

waren, nach Bengasi und von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren

zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose Leute aus Tunesien,

welche die Hungersnoth nach Tripolitanien getrieben hatte, und dann Leute

aus Sauya, Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten. Für den

Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha dadurch zu sorgen, dass er

jedem Familienvater einige Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit,

eine pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich, also

einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler), Getreide um eine Aussaat zu

machen, dann von der Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische

Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln begleiteten ihn.

Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner, den Nomadenhang der

Araber, ihren unabhängigen Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die

Frage, ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird. Die Hauptsache

aber, woran das ganze Unternehmen scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl

der Oerter, wo Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die

Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk die einzigen guten,

natürlichen Häfen an der ganzen Küste zwischen Alexandrien und Goletta

sind, wo Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und immer im

Winter bei schlechtem Wetter war dies auch die einzige Zufluchtsstätte für

dort in der Gegend auf hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali

Riza Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später übersehen zu

haben, dass bei Bomba und Tabruk gar kein fruchtbares Hinterland ist,

sondern gleich Wüste, die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar

keine Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst nur Viehzucht zu

treiben. Und einen Ort an _dieser_ Küste, mit _solchen_ Menschen, unter

_solchen_ Verhältnissen emporblühen zu sehen, erscheint mehr als

zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier nicht möglich war,

zwang die Griechen diesen Ort zu verlassen, um dann in der Nähe am

Apolloquell die berühmte Cyrene zu gründen.

Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft die

Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so liegen uns aus

Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon Streitigkeiten mit den dort

nomadisirenden Arabern ausgebrochen seien, hauptsächlich des Süsswassers

wegen, das auch nur spärlich vorhanden ist.

Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter recht rege, obschon

es sehr durch die Rivalitäten der verschiedenen Consulate gestört wird, im

Winter 1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den Aufenthalt von

Alexandrine Tinne und später des Baron von Maltzan. Alexandrine Tinne, die

kühne holländische Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis

eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und bereitete sich vor, ins

Innere zu gehen. Wie immer auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie

sich endlich doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, hatte aber

auch schon damals die Absicht, nach Rhat zu gehen, um die dort hausenden

Tuareg zu besuchen. Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken

abzubringen, sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, einer der Chefs

der Tuareg, vor Jahren mit Colonel Mircher eine Art von Vertrag gemacht

hätte, sie vollkommen sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden

reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene grossen französischen aus

Eisen gemachten Wasserkisten nicht mitzunehmen, welche allerdings für die

französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein mögen, aber für

einen einzelnen Reisenden die grösste Gefahr herbeiziehen, weil sie eben

die Raubsucht der wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu

bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, statt jener Algeriner

und Tuniser, auf deren Treue sie gar nicht bauen konnte, und welchen sich

merkwürdigerweise eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt hatte.

Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, oder glaubte die Gefahren in

den Gegenden, die sie vor hatte zu bereisen, geringer als sie in der That

sind. Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, Juden und

Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes eine

Freundin geworden, sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und mit

kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie Tripolis nie

wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine mit denen ihrer einzigen beiden

treuen Diener im weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei

Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. Friede sei ihrer

aller Asche.

* * * * *

Leptis magna.

Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen Dampfer, welche

das ferne Alexandria und das noch weitere Constantinopel täglich mit

Triest und Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei

hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer zu nennen, der

Messagerie Imperiale, dem österreichischen Lloyd und der Peninsular and

Oriental Company, kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea--und

warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der ganzen Nordküste von Afrika

keine einzige Stadt, welche auch nur im allerentferntesten einen Vergleich

mit den blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa eingehen

könnte.

Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird durch das kleine

Dampfschiff Trabulos Garb, welches dann und wann nach Malta fährt,

unterhalten. Es ist aber so schwach, dass es das geringste Unwetter

scheuen muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder des

Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den Launen dieses Mannes

ab, das Boot gehen zu lassen, oder nicht.

Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt, da der Dampfer des

schlechten Wetters wegen nicht auslaufen konnte; um aber dennoch wieder

Abwechslung und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen,

beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort, welcher namhafte

Sehenswürdigkeiten bietet auf der langen Strecke von Tripolis nach

Bengasi.

Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir auf. Ich hatte alle Kameele

des Königs zur Verfügung, sowie die Leute, welche mit der Karawane nach

Bornu abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed Gatroni, der

auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen war und der einen weissen

Meheri ritt, welchen ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk

gemacht hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum Barths, der Timbuktu

gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale durchzogen hatte, war hieher

gekommen, um die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu

begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth war er eine Zeitlang

mit Hrn. v. Beurmann gereist, und hatte schliesslich mich durch die grosse

Wüste bis Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im Sommer 1867

meine sämmtlichen Kisten allein durch die Sahara zurückgebracht. Als der

König von Preussen beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern,

und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die gute Behandlung, die

der Sultan von Bornu den deutschen Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann

und mir, erwiesen hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die Geschenke

zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe über ihn von Mursuk

einliefen, wurden, wie schon angeführt, die Anerbietungen des Dr.

Nachtigal, eines am Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als

Ueberbringer der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen. Kaum war dieser

in Tripolis eingetroffen, als auch der alte Gatroner ankam, es war somit

die beste Sicherheit vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden.

Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht von Malta angekommen,

und darin bestand der Hauptgrund, um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser

Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu aus weiter nach dem

Innern vorzudringen, so wollte ich ihn natürlich nicht zu einer Abreise

ohne Instrumente drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat

verloren ging.

Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu erreichen, welches zwar nur

6 Kilometer von Tripolis entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung

von 5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen Consuls

uns hinlänglichen Comfort geboten hätte. Vielmehr mussten wir um 5 Uhr

Abends bei bedecktem Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir

hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich zwischen der Mschia

und Tadjura befindet.

Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern, denn bald brach ein

solcher Regen über uns aus, von den heftigsten Windstössen begleitet, dass

uns in einem Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden. Der

Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein Wiederaufschlagen nicht zu

denken war, und die Dunkelheit verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich

die Häuser nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter die

umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu erwarten.

Unter diesen Umständen war andern Tags an einen regelrechten Marsch nicht

zu denken, sondern mit Tagesanbruch gingen wir in die Wohnung des

italienischen Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um unsere

Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz des Consuls befindet

sich ganz am Südrande der Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl

als die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt, auf welchem oft

zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln. Tadjura selbst ist eigentlich

mit der Mschia und dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine

und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von Sahel und Mschia

unterschieden, als die Bewohner der beiden letztgenannten Orte gar keine

Abgaben von ihren Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura von

jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten müssen. Die Befreiung der

Mschia und des Sahel ergiebt sich daraus, dass die männliche Bevölkerung

kriegspflichtig ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie

vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in Tadjura vom

türkischen Gouvernement auf nur 80,000 angegeben wird, so liegt dabei der

Umstand zu Grunde, dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den

Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt eine eben so

grosse Zahl _nicht_ gezählter Bäume, von denen natürlich auch die Abgabe,

2½ Piaster, erhoben, aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man

wird nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen in Tadjura auf

200,000 angiebt.

Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um die Zelte trocknen zu

lassen und andere Dinge auszubessern; aber von da an hatten wir wenigstens

günstiges Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen Weges

aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten Tage nach unserm Abgange

von Tadjura dicht beim Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse

des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba Sidi Abd el Ati's

campirten.

Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed Bei's, des Gouverneurs von

Choms, welcher gerade von Tripolis gekommen war, wo er bei seinem

Schwiegervater, dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die

Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte nun gleich: ich

solle in Choms oder Lebda nicht Zelte schlagen, sondern in seinem Hause

wohnen, und ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig angenehm

und sicher in Lebda das Campiren ist, mit Freuden sein Anerbieten an. Er

brach dann vor mir auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in

Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen.

Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band · 第 5 / 11 段