Was die Bewohner von Tripolitanien anbetrifft, deren Gesammtzahl

einigermassen genau zu bestimmen, äusserst schwierig ist, so müssen wir

vor allen drei Hauptvölker unterscheiden: Araber, Berber und in Fesan

Mischlinge. Die Araber bewohnen die Städte, grossen Ebenen und die

Cyrenaica, die Berber finden wir im Djebel, Rhadames, Sokna und Audjila

und die Mischlinge, hervorgegangen aus einer Kreuzung von Türken, Arabern,

Berbern, Tebu und anderen Negerstämmen, bewohnen das Kaimmakamlik Fesan.

Die wenigen Türken, welche in Tripolitanien sind, kommen kaum in Betracht,

zudem sind die Truppen oft keine Türken, sondern häufig Araber aus Syrien;

oft Albanesen, Tscherkessen, je nachdem sie aus der einen oder anderen

Provinz kommen. Ganz unstatthaft ist es aber, wie die meisten

Schriftsteller thun wollen, die Städtebewohner unter dem Namen Mauren als

ein besonderes Volk hinstellen zu wollen. Der Name "Mauren oder Mohren",

kam für die Städtebewohner des nördlichen Afrika's zuerst auf, nach der

spanischen Vertreibung, weil die Spanier gewohnt gewesen waren, die

Eindringlinge als aus Mauritanien kommend, den Namen los Moros zu geben.

Aber diese nach Spanien übergewanderten Mauritanier waren Berber und

Araber, Städte- und Landbewohner, vor und nach der Einwanderung und

Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien, gab es in Nordafrika wie in

Arabien Stadt- und Landbewohner, aber diese Stadtbewohner immer als eine

besondere Abart mit dem Namen Moros, Maures, Mohren, den sie _selbst gar

nicht kennen_, bezeichnen zu wollen, ist ebenso lächerlich, als wolle man

bei uns z.B. sagen, die Einwohner von Berlin sind keine Deutsche oder

Preussen, sondern Brandenburger. Wir müssen daher nochmal darauf

aufmerksam machen, dass nicht nur die Bewohner von Tripolis, sondern die

aller Küstenstädte bis Tanger an der Strasse von Gibraltar sich selbst

Araber nennen und zum grössten Theile sind; wenn man aber darauf besteht

sie Mohren nennen zu wollen, man diesen Ausdruck mit demselben Rechte auf

alle Bewohner, welche das ehemalige Mauritanien bewohnen, ausdehnen kann,

einerlei, ob es Stadt- oder Landbewohner, Berber oder Araber sind, denn

Mohren oder Mauren als besonderes Volk hat es nie gegeben. Als eigenes

Volk müssen wir noch die Juden, wenn auch nahe verwandt mit den Arabern,

hervorheben, man trifft sie mit Ausnahme der Oasen, überall in den Städten

und selbst im Djebel giebt es Judenniederlassungen. Ebenso falsch ist es

unter "Beduinen" ein _besonderes_ Volk annehmen zu wollen. Der Name

Beduine von Bedui hergeleitet, hat nur das Wandernde in sich, will aber

keineswegs bedeuten, ob dies nur ein wanderndes Berber- oder Araber-Volk

sei. Im Rharb oder im Westen von Afrika kennt man überdies diesen Ausdruck

gar nicht. Ausserdem giebt es Schwarze aus dem ganzen Innern von Afrika,

nirgends aber haben sie sich zu einer besonderen Gemeinde zusammen gethan,

wenn man nicht die kleinen Hüttendörfer nennen will, welche man unter den

Mauern von Tripolis und Bengasi findet und die meistens von Negern bewohnt

sind; es ist dies aber meistens der Auswurf von weggelaufenen Sklaven und

Sklavinnen und auch weisse Vagabonden finden sich unter ihnen.

Wir werden nicht zu tief greifen, wenn wir die Gesammtbevölkerung von

Tripolitanien auf 1 Million Menschen anschlagen.[7] Della Cella schätzte

sie auf 650,000 Seelen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zunahme der

Bevölkerung in den mohammedanischen Staaten überhaupt nicht in dem

wachsenden Maasse vor sich geht wie in den christlichen Staaten,

andererseits Pest und Krieg in Anbetracht zieht, welche zehn Jahre das

Land verwüstet haben, so wird man finden, dass die Zahl nicht zu niedrig

ist.

Die Bewohner Tripolitaniens sind sesshaft und umherziehend. Diese, welche

entweder in grösseren Städten, die sämmtlich an den Küsten gelegen sind,

wohnen, oder in kleineren Orten, in von Stein und Thon erbauten Häusern,

oder aber wie im Djebel, in unterirdischen Höhlen, oder wie in manchen

Oasen in aus Palmenzweigen gebauten Hütten, leben von Handel, Industrie,

Manufactur, Gartenbau und dem Acker. Die Nomaden, sämmtlich aus Arabern

bestehend, wohnen in Zelten entweder einzeln oder zu einem Fareg oder

Duar, d.h. Zeltdorfe vereinigt. Die Zelte bestehen meistens aus einem

Gewebe von Ziegenhaar oft mit Kameelhaar untermischt und je nach dem

Stamme sind sie verschieden geformt und haben sie verschiedene Abzeichen

und Farben im Gewebe. Die Nomaden leben hauptsächlich von Viehzucht,

treiben aber auch Ackerbau. Der Kreis ihrer Züge ist überhaupt ein

beschränkter, nicht jeder Stamm kann mit seinen Heerden hingehen, wohin er

will, von Alters her haben sie nach Uebereinkommen ihre bestimmten Grenzen

unter sich, welche nicht übertreten werden. Aber eben da dies Alles nur

auf Uebereinkommen und Herkommen beruht, brechen darüber oft

Streitigkeiten aus, welche zu Krieg zwischen den Triben anwachsen. Obschon

die Polygamie erlaubt ist, so sind doch fast alle Tripolitaner, selbst die

Städtebewohner Monogamen. Das was man über die Stellung der Frauen bei den

Arabern und Berbern im Allgemeinen gesagt hat, ist auch hier in

Tripolitanien ebenso falsch und beruht auf oberflächlicher Beobachtung der

Sitten. Die Frau hat allerdings nicht die hohe und berechtigte Stellung,

welche sie in der christlichen Welt einnimmt, welche Stellung zum Theil

durch den Mariencultus der katholischen und griechischen Kirche

hergekommen, zum Theil in den Anschauungen unserer eigenen heidnischen

Vorführen begründet ist, indess ist sie doch keineswegs so unterdrückt,

wie man nach den Beschreibungen der meisten Reisenden vermuthen sollte.

Dass die Frau das Mehl reibt oder mahlt, dass sie Brod bäckt, dass sie die

Basina und den Kuskussu zubereitet, endlich das nöthige Wasser für die

Familie herbeiholt, wenn oft auf grosse Entfernungen, finde ich ganz

natürlich; was aber die schwere Arbeit anbetrifft, der Ackerbau, die

Ernte, die Viehzucht, so sehen wir damit ausschliesslich die Männer

beschäftigt. Ebenso ist es in den Städten, die Maurerarbeiten, Tischler,

Schlosser, Schmiede und überhaupt alle Handwerke werden von den Männern

wie bei uns betrieben, während der Frau die häuslichen Arbeiten zufallen.

Nur als besonders muss ich hervorheben, dass die Töpferarbeit in Fesan

eine Frauenbeschäftigung ist. Dass aber im Allgemeinen die Frau bei den

ansässigen, wie nomadisirenden Tripolitanern ebenso das Regiment führt wie

bei uns, wird Jedem, der Gelegenheit gehabt hat, in mohammedanischen

Familien eingeführt gewesen zu sein, bekannt sein.

Von Natur sind die Tripolitaner, sowohl Berber als Araber, kriegerisch und

stehen in dieser Beziehung keineswegs hinter den Algerinern, den

tapfersten von allen an der Nordküste von Afrika zurück. Die eiserne Hand

der Türken hat sie aber zahm gemacht, so dass jetzt vollkommene Ruhe und

Sicherheit im Lande ist, nur in der sogenannten grossen Syrtewüste und in

dem Hochlande von Cyrenaica, wo die Herrschaft der Türken noch nicht so

sicher etablirt ist, würde es für einen einzelnen Wanderer gefahrlich

sein. In früheren Zeiten bedeutend fanatischer, wie man aus dem

Reiseberichte von Lyons und später dem von Beechey, ersehen kann, hat auch

in dieser Beziehung die Herrschaft der Türken, welche ja die duldsamsten

von allen Mohammedanern sind, eine grosse Veränderung hervorgerufen. Die

Tripolitaner sind heutzutage, die Rhadamser und Barkenser vielleicht

ausgenommen, die duldsamsten Leute geworden. Namentlich in den Städten und

dies gilt besonders von Tripolis, sind die alten Vorurtheile gegen

Christen und Juden geschwunden. Die Mohammedaner huldigen in ganz

Tripolitanien dem malekitischen Ritus, welcher auch offenbar für

Nomadenvölker der bequemste ist. Malek gewährt den Leuten, welche nach

seiner Weise beten, manche kleine Begünstigungen, so z.B. brauchen die

Reisenden beim Gebet die Sandalen nicht abzubinden (Schuhe müssen jedoch

ausgezogen werden) und da dies immer ein umständliches Zeit raubendes

Geschäft ist, so sind ihm die Wüstensöhne dafür sehr dankbar. Dass

übrigens von malekitischen oder hanbalitischen etc. Moscheen in

Tripolitanien so wenig die Rede ist, wie anderwärts, brauche ich wohl kaum

zu sagen. Hanbalitische--, Moscheen als Solche giebt es nicht. Alle vier

rechten Religionssecten können in einer und derselben Moschee beten, ohne

Unterscheidung und Unterbrechung hervorzurufen. So beruht beim Beten der

einzige Unterschied zwischen dem Hanefi und Maleki beispielsweise darin,

dass erstere die Arme kreuzen, letztere, nachdem Allahou akbar gerufen,

herabhängen lassen. So kommt es denn oft genug vor, dass der Vorbeter

Hanefisch betet und alle Nachbeter Malekitisch das Gebet vollziehen und

umgekehrt. Nur die Chomis oder nicht den vier rechtgläubigen Secten

angehörenden Mohammedaner werden in keiner Moschee geduldet. An religiösen

Gemeinschaften giebt es in Tripolitanien hauptsächlich drei, die Anhänger

Mulei Thaib's, die Mádani oder Anhänger Mohammed el Mádani und die

Anhänger Snussi's.

Mulei Thaib, welcher sein Grab in Uezan in Marokko hat, wo er auch lebte

und wirkte, hat die über ganz Afrika weitverbreitetste Brüderschaft

gegründet. Aus dem Hause der Schürfa und directer Abkömmling von Mulei

Edris, dem Gründer von Fes, stiftete ein anderer seiner Ahnen Mulei Abd

Allah Scherif die berühmte Sauya von Uezan und zugleich auch einen Orden,

der heute noch sehr zahlreich und berühmt in Marokko ist. Mulei Thaib,

Abkömmling des Mulei Abd Allah Scherif, nicht zufrieden mit der localen

Ausdehnung, erneuerte den Orden und gab ihm die grosse Ausdehnung, die er

jetzt noch hat. In Marokko und Algerien sind die Klöster und Mkaddem[8]

Mulei Thaib's unzählig, in Tripolitanien gehören nur die Rhadamser der

Confraterschaft Thaib's an, weiter nach Osten hat er nur noch einzelne

Mitglieder[9].

Die Anhänger von Mohammed el Mádani sind wenig zahlreich; in diesem Orden

sind fast nur gebildete Leute. Die Mitglieder dieser Innung sind

ausschliesslich in Tripolitanien und einigen Ortschaften in Aegypten und

Tunis. Ihr Gründer war ein Wahabite aus Arabien Namens Sidi el Arbi,

flüchtig von seinem Vaterlande, zog er nach Fes und wollte eben seine neue

Lehre dort begründen als er starb; einer seiner Jünger Mohammed el Mádani

(d.h. der aus Medina gebürtige) setzte sein Werk fort und stiftete den

Orden der Mádani. Aber auch in Fes wurde dieser freisinnige Orden nicht

geduldet, ebenso wenig in Algerien, wo er sich im Jahre 1829 befand;

gleichfalls von Tunis vertrieben, liess er sich in Mesurata in

Tripolitanien nieder und konnte hier ungestört lehren und für die

Ausbreitung seiner religiösen Innung sorgen. Von der eigentlichen Lehre

der Wahabiten gänzlich abweichend, glauben sie an ein göttliches Wesen und

an einen Rapport des Menschen mit Gott mittelst des Gebetes und einer

sinnigen Betrachtung, die Einheit Gottes, die Unsterblichkeit der Seele,

Strafe und Belohnung im zukünftigen Leben, ist die Basis ihrer Lehre und

da dies zugleich die Grundlagen der drei semitischen Religionen sind, so

schliessen sie die Christen und Juden als befähigt in's Paradies zu

kommen, nicht aus. Ohne Fanatismus predigen sie die Brüderlichkeit und

Toleranz und obgleich auch sie auf Formen und Cultus halten, ist dies bei

ihnen Nebensache und nicht unbedingt nothwendig, um eine Vereinigung mit

Gott im jenseitigen Leben zu erzielen.

Ganz das Gegentheil dieser vielleicht tolerantesten[10] von allen

Mohammedanern wurde im Anfange der vierziger Jahre die Brüderschaft der

Snussi gegründet. Si Mohammed Snussi in Tlemçen geboren, verliess vom

glühendsten Hasse gegen die Franzosen und Christen sein Geburtsland und

begab sich nach Fes, um dort auf der Hochschule von Karuin die Kenntnisse

zu erwerben, welche er für nothwendig hielt einen Orden zu gründen,

welcher hauptsächlich die immer mehr um sich greifenden Ideen und

Gebräuche der Christen unter den Mohammedanern bekämpfen sollte. Nach

einigen Jahren Aufenthaltes in Fesan und da er sah, dass dort die Gründung

eines neuen Ordens, den anderen dort schon existirenden gegenüber keine

Aussicht auf Erfolg haben würde, besonders da Si Mohammed kein Scherif,

sondern bloss ein Thaleb war, ging er nach Mekka, um seinen Ruf der

Heiligkeit zu vermehren. Er schlug den Landweg ein durch die Wüste und

berührte hiebei Barca und die Uah-Oasen. Frappirt von der

Religionslosigkeit der dortigen Eingebornen, die blos dem Namen nach

Mohammedaner waren, ersah er sogleich, dass hier die Gegend sei, wo er die

Stiftung seines Ordens vornehmen müsse. Seinen Vorsatz nach Mekka führte

er aus und ging dann nach Constantinopel, um sich einen Firman zu

erwirken, damit die Localbehörden seinem Unternehmen keine Schwierigkeiten

in den Weg legten. Nachdem er diesen erlangt hatte, kehrte er zurück und

legte in Sarabub, dem westlichsten Theile der Jupiter-Ammonsoase eine

Sauya an. Obgleich er nie den Zweck aus dem Auge verlor, die christlichen

Ideen zu bekämpfen, war sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet Filialsauya

zu errichten, der Kreis seiner Anhänger vermehrte sich, Barca ist ganz dem

Snussi unterworfen, ebenso Audjila und Djalo, in Kufra wurde ein neuer Ort

gegründet und in Uadai, wohin sein Sohn selbst eine Reise machte, der

Orden der Snussi als allein berechtigt, eingeführt, Kauar und Fesan halten

ebenfalls zu den Gebräuchen der Snussi, aber im eigentlichen Tripolitanien

wurde sein Orden nicht ausgebreitet, eine in Rhadames gestiftete Sauya

musste 1864 wieder eingehen. Sein Sohn Sidi el Mabdi, welcher ihm 1860

nachfolgte, scheint nicht den Hass gegen die Christen zu haben, wie sein

Vater, seine Hauptsorge scheint im Sammeln von Reichthümern zu bestehen,

was natürlich bei allen Orden immer die Hauptsache ist.

Das Klima in Tripolitanien ist natürlich sehr verschieden: An der Küste

hat dasselbe grosse Aehnlichkeit mit dem von Unterägypten und dürfte es an

der grossen Syrtenküste noch heisser sein, auf den bewaldeten Bergen ist

das Klima Süditaliens, jedoch ist bei Gebliwinde die Hitze viel

intensiver. Im Winter ist es übrigens häufig, dass Frost und Reif

auftreten. Die grössten Gegensätze finden sich wie überall in der Wüste in

den tripolitanischen Oasen, im Sommer steigt das Thermometer bis über 45°,

im Winter fällt es häufig unter Null. Ja an einzelnen Tagen beträgt der

Unterschied oft 30°, so hat man in Fesan -4° Nachts beobachtet mit einer

nachmittägigen Hitze von +24°. Im Winter ist an der Küste die Feuchtigkeit

ebenso gross wie in Norddeutschland und auf den Bergen oft noch grösser,

namentlich in Cyrenaica. In den Oasen ist selbstverständlich die

Trockenheit der Sahara und selbst grosse Strecken feuchten Bodens wie in

Fesan haben dem grossen Ganzen gegenüber keinen Einfluss. Während im

Winter die Barometerschwankungen an der Küste stark und unregelmässig

sind, bleiben sie im Innern, sowohl Winter wie Sommer unbedeutend und

regelmässig. Ebenso ist es mit den Winden: im Winter, obschon dann

Nordwestwind vorherrschend ist, durchlaufen die Winde oft in einem Tage

die Rose, im Sommer sind sie aber ganz gleichmässig, fast immer von 10 Uhr

Morgens an, von Norden kommend und manchmal nur durch die meistens aus

Südsüdost kommenden glühend heissen Gebli- oder Samumwinde unterbrochen.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass in Tripolitanien ein sehr gesundes

Klima ist, am zuträglichsten ist jedenfalls die köstliche Luft Cyrenaica's

und des Djebel, aber auch an den Küsten in Bengasi, Tripolis und den

anderen Orten weiss man von Epidemien und Endemien nichts. So ist z.B. bis

jetzt _nie_ die Cholera in Tripolitanien gewesen und wenn in früheren

Jahren die Pest aufgetreten ist, so rührt das jedenfalls durch

Einschleppung und mangelhafte sanitätliche Polizeieinrichtung her.

Neuangekommene Europäer haben in den Städten oft Leberleiden, meist aber

aklimatisiren sie sich rasch. Entschieden ungesund ist das Klima in

einigen Theilen von Fesan, wo die Sebcha oder Salzsümpfe in Verbindung mit

faulenden organischen Substanzen im Sommer die bösesten intermittirenden

Fieber hervorrufen.

Tripolitanien, welches unter der türkischen Regierung ein Eyalet oder eine

Provinz ist, hat 7 verschiedene Liva oder Nayet, welche unseren Kreisen

oder Districten entsprechen. Die Zahl und Grösse derselben wechselt aber

häufig nach der Laune des Muschir oder Grossgouverneurs. In den ersten

Jahren wurden die Liva sogar vom Muschir besetzt, heute werden die

Districtsgouverneure jedoch von Constantinopel aus angestellt, in der

Verwaltung jedoch sind sie dem Muschir Tripolitanten verantwortlich.

Die verschiedenen Liva sind: 1. Tripolis selbst mit Umgebung (Mschiah.

Tadjura etc.), 2. Choms, welches die westliche Syrtenküste begreift und

die Gebirgslandschaft von Tarhona, 3. Sauya, die Landschaft westlich von

Tripolis bis nach Tunisien, 4. Djebel, welches das ganze Gebirge südlich

von Tripolis und Misda begreift, 5. Rhadames mit einigen kleinen Oasen in

der Nähe, 6. Fesan und 7. Barca, welches das ganze alte Cyrenaica und die

Audjila-Oasen begreift. Dem Liva steht ein Kaiumakam vor, der meist auch

den Titel Pascha hat, und die Liva sind wieder in verschiedene Mudiriate

abgetheilt, denen ein Mudir vorsteht.

* * * * *

Tripolis.

Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel längerer werden, als

ich Anfangs vermuthete; bei meiner Ankunft theilte mir Herr Rossi mit,

dass Mohammed Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's bestimmt war von

der Küste nach dem Innern die Geschenke zu übermitteln, in Fesan nicht

aufzufinden gewesen wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich

erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu Meheri in Tripolis eingeritten

kam, so hatte ich doch gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane

zu sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan, der sich dort zu

der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich später geschrieben, dass Dr.

Nachtigal aus Cöln, welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre,

die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu nun auch die Erlaubniss

von Berlin aus nöthig war, fragte ich telegraphisch an und erhielt zur

Sendung Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser nun auch

rasch genug eintraf von Tunis, so war seine Ausrüstung doch nicht sobald

gemacht, er musste wieder nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall

Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane wirklich abgegangen,

musste ich mich in Geduld fügen; jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal

die Stadt recht gründlich kennen zu lernen.

Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli (Beehey schreibt Tripoly),

wir Deutschen aber richtiger nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis

schreiben, weil gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen, überdies

die heutigen Bewohner es auch mit einem s schreiben ([arabisch: Trablis]

Trablis) ist nach dem Urtheile der besten alten Geographen, und der

meisten neueren Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies

unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten die Araber eine neue

Stadt auf den Trümmern, der sie den Namen des ganzen Districtes gaben. Es

ist kein Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren Namen vor

der barbarischen Invasion geändert hatten. Wir haben aber viele Beispiele,

wo die Araber ganze Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft

Stambul die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch dass Oea von den

Alten nie als Hafen angeführt worden ist, ist kein stichhaltiger Grund, es

kann vielleicht zu der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei

Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort nach Osten

hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen, dass meist dies das Ufer war.

Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt, als der allerdings

schöne vom Scipio Defritus (nach Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den

Tagen von Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius Aurelius Verus

errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen allein zeugt schon, dass hier

eine Stadt gestanden haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien

gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist von sehr sorgfältiger

Arbeit aus riesigen Marmorquadern aufgeführt, aber über ein Drittel ist

unter Anhäufung von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man grosse

männliche und weibliche Figuren, welche allegorische Scenen darstellen

oder geschichtliche Ereignisse repräsentiren. Die nach Norden zu

angebrachte Inschrift ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze

umbaut und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar eine von einem

Malteser gehaltene Schnapskneipe darin. Diese ist nun zwar entfernt, aber

nicht etwa aus Pietät für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil

ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken nur in einer

gewissen Entfernung von einer Moschee angelegt werden dürfen und da hat

man denn ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre lang

nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma des Hadj Ali Gordji näher

der Kneipe stände, als erlaubt sei und einfach wurde der Befehl zum

Schliessen gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die Tholba der

Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten und da der Inhaber der

Schenke ohne sich selbst Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen

wollte, so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen Grund,

die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu schaffen. Tout comme chez

nous, dachte ich, als der frühere Besitzer mir dies erzählte.

Andere Alterthümer darf man höchstens noch in den Djemmen suchen, auch

sieht man an vielen Strassenecken eingemauerte Säulen oft mit

corinthischen Capitälern, um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren.

Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine Art von Altarstein mit

einem Sperberbilde im nördlichen Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis

dem blossen Auge bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der

frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines Hauses in der Mschia

dort einige kostbare Glasurnen fand, die jetzt auf dem britischen Museum

in London sind.

Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült, im Norden und Osten. Fast

fünfeckig werden die anderen drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben,

nach der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch und steil,

obschon heute so baufällig, dass man sie mit Flintenkugeln

zusammenschiessen könnte. Früher hatte die Stadt zwei starke Forts, am

nordöstlichen Eck das sogenannte spanische, welches im Jahre 1863

explodirte und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon seit

Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut worden ist. Zwei detachirte

Forts, von denen das eine im Norden der Stadt auf einem Felseilande

gelegen unter dem Namen des französischen, das andere östlich am Strande

der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens beherrschend und das

englische genannt wird, sind vollkommene Ruinen. Aus dieser Beschreibung

wird man ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch recht

stattlich und stark aussieht, nichts weniger als stark ist. Früher nur mit

zwei Thoren versehen, von denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai

öffnete, das andere im Süden nach der Mschia hinausführte, hat man jetzt

neben dem Südthor noch ein anderes und auch durch den Westwall ein viertes

Thor durchgebrochen. Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom

spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der Küste parallel

lautenden Riffe, der Stadt und der Küste gebildet, so dass nur die Seite

nach Osten offen bleibt. Mit geringer Mühe könnte er zu einem der

geräumigsten und sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint

auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich etwas dafür gethan

werden soll. Man kann nicht läugnen, dass nach der jetzt erfolgten

Durchstechung des Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis

und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen. Augenblicklich

ist der Hafen nur für kleinere Schiffe zugänglich, Schiffe von mehr als 10

Fuss Tiefgang müssen auf der Rhede ankern.

Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band · 第 4 / 11 段